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Frau Rietschel das Kind

Chapter 20: NEUNZEHNTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

NEUNZEHNTES KAPITEL

Rietschel sah auf den Regulatur. Drei Viertel sieben. In zehn Minuten machte er Schluß, und Berta war noch nicht zurück. Den ganzen Nachmittag hatte sie sich herumgetrieben. Diese Frau stellte seine Geduld auf eine harte Probe.

Er wartete noch fünf Minuten. Wie unangenehm war es auch dem Personal gegenüber. Das bestand zwar nur aus einer Buchhalterin und einem Laufjungen — alles andere tat das Ehepaar selbst — aber Gedanken machten sie sich auch.

»Ich schließe heute selber, Fräulein Brotbäcker«, sagte Rietschel. »Ich habe noch 'ne Stunde zu tun.«

Er wollte wirklich arbeiten; aber als er allein war, verlor er bald die Geduld, drehte wütend alle Schlüssel herum und lief fort.

In der Großbeerenstraße empfing ihn Berta. Sie sah ihn mit so fiebrig glänzenden Augen an, daß er seinen Zorn vergaß und sich wieder Sorge machte.

»Na, was ist denn?« brummte er. »Du bist also direkt nach Hause gegangen? Dann telephoniere mir doch wenigstens. Das ist doch rücksichtslos. Ich habe mich natürlich geängstigt. Na, nun laß mich mal vorbei.«

»Peter, ich muß mit dir reden«, sagte sie mit eigentümlich getragener Stimme.

»Aber erst essen wir. Ich habe Hunger. So was Besonderes wird es ja nicht sein.«

»Es ist das Besonderste, was ich dir überhaupt jemals zu sagen hatte.«

Rietschel sah sie mißtrauisch an. Nach einer Pause fragte er: »Wie geht's denn den Kindern?«

»Heute konnte ich mich nicht um sie kümmern.«

»Nanu!«

»Weil ich selbst endlich als Kind empfinde.«

Rietschel stampfte: »Du, mir reißt bald die Geduld! Also laß es bleiben! Geh in die Eßstube und warte! Ich sehe selber noch mal nach dem jungen Gemüse!«

Das war Rietschels tiefster Zärtlichkeitsausdruck für seine Kinder. Er ging mit einem Ausdruck fort, als gälte es, sein Bestes zu verteidigen.

In der Kinderstube fand er die Kleinen schon in ihren Bettchen. Grete hielt Schneemanns weißen Pudelkopf, Paul aber fragte: »Wo ist denn Mutti?«

»Mutti hat zu tun. Mutti kommt später. Nun schlaft man, Kinder! Gute Nacht! Schneemann, du kommst mit!«

Er nahm den Pudel am Halsband und ging in das Eßzimmer. Hier hatte Berta ihm schon Kartoffeln geschält — das rührte ihn wieder.

»Was kosten jetzt die Heringe?« fragte er sanft.

Sie antwortete nicht und sah ihn an, als ob sie taub wäre.

Er wiederholte seine Frage nicht und ließ erst das Essen vorüber. Nur als Berta immer wieder nach der Gilkaflasche griff, fuhr er auf: »Du hast ja schon drei getrunken! Das ist ja eklig!«

»Ich muß mich ein bißchen betäuben, Peter. Das ist so, wie wenn man Zahnweh hat.«

»Hast du denn Zahnweh?«

Sie lachte leise: »Nein ... Ich mein es nur so ... Trink du doch auch! Prost, mein Junge!«

Er stieß widerwillig mit ihr an. Dann war auch der Käse verzehrt, und Rietschel fragte, sich hastig den Schnurrbart wischend: »Wo warst du heute nachmittag?«

»Bei Herrn Justizrat Schwarz.«

Sie genoß seinen verblüfften Blick. — »Was soll das heißen? Du wolltest doch bei Schlesinger & Co. den Fischleim bezahlen?«

»Das hab' ich auch getan. Aber die Hauptsache war mir Justizrat Schwarz.«

»Der in der Taubenstraße? Wo dein Onkel Bureauvorsteher ist?«

»Jawohl. Der ›Rechtsbeistand‹ meiner zärtlichen Mutter.«

Ihre Stimme bebte vor schmerzlichem Hohn. Sie war furchtbar erregt. Das verstand er jetzt. Er mußte vorsichtig sein: »Was wolltest du denn bei dem?«

»Ach, eigentlich« — sie schlug mit der Hand durch die Luft — »eigentlich wollt' ich nur wieder herauskriegen, wer mein Vater ist! Und das ist mir heute gelungen!«

»Wahrhaftig? ... Berta, du machst ja Spaß. Mit solchen Sachen spaßt man nicht.«

»Das ist nicht meine Absicht. Wirklich, Peter. Mir ist schauderhaft ernst zu Mut. Ich möchte mich am liebsten selbst zerreißen. Ich möchte die ganze Welt zerreißen.«

Sie begann schon mit der Serviette. Da hielt er ihren Arm fest: »Berta — sei doch vernünftig! Um Gottes willen, wenn dich jemand hört! Du zitterst ja am ganzen Leib!«

Er stand auf und führte sie zum Sofa. Es war die erste Zärtlichkeit nach Monaten. Das tat ihr wohl. Sie saß wie ein Kind bei ihm und weinte. Dann wurde sie ruhiger — er spürte es.

»Also, nun erzähle mir mal — ich bin doch dein Mann — mir kannst du alles sagen. Ich hab' ja schon lange gemerkt, daß sich was vorbereitet. Du konntest nicht mehr schlafen — du hast auch gar nicht mehr richtig gegessen — und dann der viele Schnaps ... Wenn dir nur das Bücherlesen nicht geschadet hat —«

»Im Gegenteil, Peter. Ohne meine Bücher wäre ich ganz verkommen.«

»Bei mir?«

»Du hast keine Schuld.«

»Und die Kinder?«

»Die auch nicht. Es ist alles in mir selbst. Meine beiden Naturen, Peter. Die vom Vater und die von der Mutter. Bei dir ist alles viel einfacher.«

Rietschel dachte: ›Wenn es bei dir man nicht auch sehr einfach ist.‹ Aber er unterdrückte diesen Gedanken. — »Was wolltest du also bei dem Justizrat?«

»Du weißt doch, daß ich als Mädel schon bei ihm war?«

»Das hast du mir erzählt. Aber er hat damals nichts 'rausgerückt.«

»Und du bist doch auch überzeugt, daß er ganz genau Bescheid weiß, wie es mit meinem Vater steht?«

»Berta, wer kann das behaupten? Vermutungen haben da gar keinen Zweck. Und als Rechtsanwalt braucht er dir kein Wort zu sagen.«

»Nein, damit ließ ich mich so lange hinhalten. Aber plötzlich ist es wieder über mich gekommen. Ich kann dir das nicht erklären, Peter. Ich mußte jetzt unter allen Umständen wissen, wer mein Vater ist. Ich konnte so nicht länger leben, Peter.«

»Und du hast vorhin gesagt — — du weißt es jetzt?«

»Ja, es fiel mir wie Schuppen von den Augen. Es war der unglaublichste Moment, den ich jemals erlebt habe. Ich saß bei ihm — bei dem Justizrat, Peter — und er war wieder so glatt und schleimig — genau wie ein Aal glitt er mir durch die Finger — aber plötzlich wurde er furchtbar böse — da ließ er die Maske fallen, verstehst du — und da — —«

»Da hat er es dir gesagt?«

»Kein Wort hat er mir gesagt! Das tut er nicht! Aber ich wußt' es! Aus mir selber! Jetzt bringt mich kein Mensch mehr davon ab! Justizrat Schwarz ist mein Vater! Kein anderer!«

Rietschel starrte seine Frau an. Dann stand er langsam auf.

»Du glaubst es wohl nicht?«

»Berta — wenn er es nicht zugegeben hat — schriftlich oder vor Zeugen — bloß weil du den Eindruck hattest —«

»Der genügt vollständig! Jetzt weiß ich genau, was ich zu tun habe! Aber ich glaube, du übersiehst die Sache noch nicht —«

»Was soll ich denn übersehen?«

»Na, du als gewiegter Geschäftsmann — lassen wir mal meine Person aus dem Spiel — aber wenn ich jetzt meinen Vater kenne — wenn ich jetzt meine Ansprüche stelle — Justizrat Schwarz ist vielfacher Millionär — Kinder hat er nicht — ich bin, soviel ich weiß, das einzige — —!«

»Ja, ja ... Na ja ... Das ist ja alles möglich. Aber ich sehe nicht, wie du überhaupt was erreichen willst — du hast doch nun mal keinen Beweis in Händen.«

»Glaubst du, daß es mir jetzt noch schwerfallen wird, ihn zu bekommen?«

»Das glaub' ich allerdings! Was du mir gesagt hast, das sind lauter Illusionen! So einer ist mit allen Wassern gewaschen! Wenn der gemerkt hat, was du vorhast —«

»Das soll er nur merken! Das will ich!«

»Glaubst du, mit dem wirst du fertig? Der will dich doch los sein! Dem bist du doch unbequem! Der bedankt sich für ne uneheliche Tochter! Das schadet ihm bei den Leuten! Der verleugnet dich, und wenn er vor dem lieben Gott steht!«

»Kann er das?!«

»Können kann er alles! Nach meiner Überzeugung hat er mit den Alimenten schon getan, wozu er verpflichtet war! Seine Person kannst du nicht antasten! Er wird dir einfach den Rücken drehen und die Majorsche in Strelenwalde, die erst recht! Bei Tübbeke haben sie auch die Mäuler gestoppt!«

Während Rietschel mit großen Schritten umherging, lehnte Berta sich in das Sofa zurück. Ihr Gesicht wurde ganz klein und bleich. — »Es ist schrecklich,« flüsterte sie — »daß du einem immer gleich den Mut nehmen mußt ...«

»Zum Donnerwetter!« schrie Rietschel. »Damit ich dir ein bißchen Sinn für die Wirklichkeit gebe! Ich bin doch dein Mann! Das muß ich!«

»Und daß die Zukunft deiner Kinder davon abhängt? Daß unser ganzes Leben plötzlich einen Umschwung kriegen kann — das siehst du nicht?«

»Ach, du meinst am Ende, wenn wir die Millionen von Herrn Justizrat Schwarz erben! Von deinem ›Papa‹?! Nee, liebe Berta — darum leg' ich mich noch nicht 'ne Minute aufs Kanapee! Mein solides Geschäft und mein gesunder Menschenverstand — die sind mir sicherer!«

Sie erhob sich und ging mit schleppenden Schritten zur Tür. — »Also gut«, sagte sie dort müde. »Dann muß ich eben allein kämpfen. Das bin ich ja gewohnt. Ich schwöre dir — ich setze es durch, ich zwinge den Mann, ich gebe mein gutes Recht nicht auf!« —

Als Rietschel allein war, überlegte er sich die Sache noch einmal. Seine Lebenserfahrung kam nun doch zu einem anderen Ergebnis. Hätte Berta nicht so hilflos vor der Wirklichkeit gestanden, wäre sie nicht in der Tat ein ›Kind‹ geblieben — sie hätte schon Mittel gehabt, um die Vaterschaft des Herrn Justizrates festzustellen. Aber sie tappte an jeder praktischen Möglichkeit vorbei. Sie ließ sich von Gefühlen mitreißen. Die Vereinsamung ihrer Jugend rächte sich. Rietschel aber durfte sie nicht aufklären. Er lieferte sie sonst nur noch mehr den Wahnideen aus. Sie war dieser Welt nicht gewachsen. Er mußte für die Beruhigung sorgen. Was sie umgab, das war ihr Glück — sonst nichts.

Nach der Unterredung mit ihrem Mann wurde Berta still und undurchsichtig. Rietschel bekam seine Ruhe, aber es war eine Ruhe, die ihm nicht wohltat. ›Vor dem Sturm‹, dachte er oft. Berta war wieder pünktlich und fleißig, doch ihre Tätigkeit blieb mechanisch, sie hatte die Tür zu ihrem Innern verschlossen. Daß sie von ganz anderen Dingen erfüllt war, wurde immer deutlicher.

Aber sie hatte von Rietschel gelernt. Der Zusammenstoß mit dem hellen Sachsen wirkte auf ihre dumpfe Leidenschaft. Sie kam zu der Erkenntnis, daß sie sich nichts verderben durfte. Gerade weil sie nun ganz auf sich gestellt war, mußte sie jeden Schritt auf das Ziel richten. Sie glaubte endlich die Aufgabe ihres Ehrgeizes gefunden zu haben. Rietschel sollte staunen, ganz Berlin sollte staunen. Sie genoß schon in stillen Traumstunden ihren Triumph.

Aber die Stärke des Gegners verkannte sie nicht. Emsig arbeitete sie an ihrem Kriegsplan. Wie ein kluger Jäger wollte sie die Schlingen legen, in denen der große Herr Justizrat sich verfing.

So gab sie jeden Gewaltstreich auf und verlegte sich darauf, den Gegner zunächst zu beunruhigen. Er sollte es immer im Bewußtsein haben, daß sie vorhanden war, er sollte keinen Tag mehr vor ihr sicher sein. Daß diese stille, zähe Verfolgung nur einen Grund und einen Zweck haben konnte, wurde einem Mann von seiner Intelligenz natürlich klar. Er hatte ja kein gutes Gewissen. Er wehrte sich, solange es ging. Vielleicht war er schließlich froh, wenn sie es gut mit ihm meinte, ihm ihre traurige Jugend verzieh und eine Stütze seines Alters wurde ...

Da ließ sie sich schon wieder zu schönen Träumen hinreißen! Nein, so weit war sie noch nicht, noch lange nicht! Noch saß er auf seinem Thron und wehrte alles ab, was ihm gefährlich werden konnte ...

Keine Gelegenheit, über Justizrat Schwarz etwas zu erfahren, ließ Berta unbeachtet. Sie abonnierte das ›Berliner Tageblatt‹, wenn Rietschel auch darauf schimpfte. Hier glaubte sie den Bannkreis des Justizrates am besten zu überblicken. Jede Versammlung, jedes Fest, das er besuchte, konnte sie durch ihre Wahrscheinlichkeitsrechnung herausbekommen. Selbst zu diesen Veranstaltungen zu gehen, war ihr nur selten möglich; denn erstens war es zu teuer, und zweitens fehlte ihr die Persönlichkeit, um dort Figur zu machen. Vorläufig konnte sie sich noch nicht dort bewegen, wo ihr Vater sich bewegte ...

Aber sie lauerte ihm auf. Sie spionierte, wo er zu finden war. Wenn er, nichts ahnend, in heiterer Geselligkeit einen Saal verließ, stand Berta plötzlich in der Garderobe und zwang sich in seinen Blick. Er kam nicht an ihr vorbei, er mußte sie grüßen. Dann grüßte sie stets mit der höchsten Liebenswürdigkeit wieder, auch mit einer Vertraulichkeit, die ihn ärgern mußte. Sie zeigte dabei ein vornehm geheimnisvolles Lächeln, von dessen Wirksamkeit sie überzeugt war. Das hatte sie sich zu Hause vor dem Spiegel einstudiert.

Zu einer Ansprache kam es freilich nie. Der Vielgewandte schlängelte sich immer wieder an ihr vorbei. Als die Begegnungen sich häuften, kam eine hochmütige Verwunderung in seine Züge, aber er wahrte die Form, er grüßte, und Berta dankte, als wollte sie sagen: ›Ich kriege dich doch.‹

Was mußte er sich denken? Nur eines war möglich: ›Sie weiß jetzt, wer ich bin. Nun will sie mich quälen, nun will sie mich lächerlich machen am Ende. Entweder wird sie mein bester Freund oder mein bitterster Feind.‹

Ja, das waren unbedingt seine Gedanken. Dennoch wurde dieses Spiel von Katz' und Maus schließlich qualvoll. Berta war kein freier Mensch mehr. Es war unendlich schwierig, Geschäft und Haushalt mit der Vaterjagd zu vereinigen. Zwischen Rietschel und ihr wurde nichts mehr ausgesprochen. Der Zündstoff sammelte sich. Wenn Bertas Zerstreutheit ihr einen Streich spielte, gab es kostspielige Dummheiten. Sie schädigte ihren Mann um Hunderte. Aus der einst so tüchtigen Gehilfin war sein Niedergang geworden. Auch brauchte Berta jetzt erheblich mehr für ihre Privatausgaben. Wohin es kam, das viele Geld, konnte Rietschel nur ahnen. Er verschluckte seinen Ärger so lange, bis ihm schließlich der süßeste Bliemchenkaffee nicht mehr schmeckte.

Schlimmer aber noch stand es um die heranwachsenden Kinder. Bertas Sorge war ihnen treu, doch was sie tat, konnte ebensogut eine fremde und bezahlte Person tun. Das spürten die erwachenden Seelen. Wo Innigkeit sein sollte, fanden sie Zwang; wo das beste Ausruhen war, eilte ein gehetzter Mensch vorüber. Die Kinder fühlten sich ohne Schuld und trauerten unbewußt um ihr Bestes. Ja, wenn es eine böse Stiefmutter gewesen wäre, wie die in den Märchenbüchern — aber es war ja ihre gute, leibliche Mutter.

Berta sah nur in lichten Augenblicken, was vorging. Ihre Kinder waren sauber und gepflegt, wie sonst — dennoch glichen sie Verwaisten. Sie wurden ernst und still, sie hatten etwas Fragendes im Blick, was jeden Empfänglichen ergreifen mußte.

Ob es ebenso auf Rietschel wirkte, war nicht zu ersehen. Er wandte seine Gefühle ingrimmig dem Pudel Schneemann zu. Damit waren Paul und Grete ganz einverstanden. Schneemann blieb das neutrale Gebiet — an seiner klugen Drolligkeit konnten sie sich alle aufrichten.

Nur etwas wurde Rietschel unerträglich: Was sollten die Leute von seiner Frau denken? Bertas sonderbares Leben geheimzuhalten, war nicht möglich. Das Dienstmädchen genügte schon, den Klatsch in Gang zu bringen. Das wußte, daß Frau Rietschel mindestens drei Abende in der Woche nicht zu Hause war. In seiner Ehre war Rietschel am empfindlichsten — kein großer Zorn, sondern ein wühlender Ärger kam über ihn. Berta war ja anständig. Er fürchtete nur Mißdeutung. Wo er konnte, kämpfte er mit Ausreden für ihren guten Ruf. Er schilderte ihre Begeisterung für Theater und Musik, ihr Interesse für Versammlungen. Eines Abends aber, als Berta erst um Mitternacht nach Hause kam, fuhr er sie plötzlich an: »Wo warst du heute?«

»Ich? Im Opernhaus.«

»Das glaub' ich nicht! Du bist wahrscheinlich wieder bloß draußen 'rumgebummelt! Ich habe dich schon dreimal so gesehen!«

»Belauerst du mich?«

»Ich will bloß verhüten, daß du ins Gerede kommst! Ich interessiere mich noch für den Ruf meiner Frau! Das ist ja in Berlin sonst nicht mehr Mode!«

»Was soll das alles? Ich war im Opernhaus, ich habe ›Zar und Zimmermann‹ gehört. Buls hat das Lied ›Ach selig, ach selig, ein Kind noch zu sein‹ viermal gesungen. Hier ist der Abschnitt vom Billett. Genügt dir das?«

Er starrte sie verblüfft an. Mit der wurde er nicht fertig. Aber warum ging sie ins Opernhaus? Er ahnte mancherlei. — »Na jedenfalls — die Geschichte wird mir zu teuer«, sagte er abschließend.

»Ich wüßte nicht, daß du mir schon ein Billett bezahlt hast. Ich bestreite solche Nebenausgaben von meinem Sparkassengeld. Damit basta!«

Er knurrte nur noch vor sich hin und beschloß, sich morgen einmal um die Portokasse zu bekümmern. —

Im Sommer verreiste Justizrat Schwarz. Da mußte Berta pausieren. Ihren Plan, ihm nach Karlsbad zu folgen, gab sie auf. Das ging denn doch nicht. Als er aber wieder in Berlin war, wußte sie es sofort, denn sie verstand sich darauf, am Telephon mit verstellter Stimme zu sprechen. Herr Hollunder sagte ihr alles. Nun nahm sie mit ausgeruhten Kräften die Verfolgung wieder auf. Der Herbst verging, und bis Neujahr ließ der Justizrat es sich gefallen. Als er aber an einem Januarabend zum Presseball ging, und Berta vor der Philharmonie auf ihn wartete, wurde es ihm zuviel. Er war heute ohnehin schlecht aufgelegt, denn es war ein richtiges ›Sauwetter‹, und er hatte keinen Wagen bekommen. So senkte er wütend seinen Regenschirm in die Richtung, wo die kleine Frau stand. Gleichsam hinter einem Schilde stampfte er an ihr vorbei. Mochte sie ihm nur betroffen nachstarren — Jetzt wußte sie wenigstens, woran sie war.

Im Saal aber interessierte er ich nur für eine Begegnung. Minister, Geheimräte und berühmte Dichter waren ihm heute gleichgültig — er suchte Gusti Bernhardi. Die hatte nun schon ihre Jugend hinter ich, aber sie war noch immer eine stattliche Frau, und ihre Wiener Lebenslust war nicht zu knicken. Als Schwarz sie endlich entdeckt hatte, zog er sie in einen Nebensaal und gestand ihr dort bei einer stillen Flasche, was ihn bedrückte.

»Gusti,« schloß er, »ich weiß, du hast dir von heute Abend was anderes versprochen; aber ich weiß auch, daß du die klügste Frau bist, der ich in meinem Leben begegnet bin. Du hast mich noch nie im Stich gelassen — nun rate mir, bitte, in dieser Sache.«

Gusti Bernhardi sah ernst auf ihren Busen nieder, den ein großer Brillantschmuck zierte — sie antwortete noch nicht.

Er sah sie zweifelnd an: »Stört dich die Sache etwa? Bist du enttäuscht, daß ich ein uneheliches Kind habe? Das hätt' ich bei dir allerdings —?«

»Wart's doch ab, mein Lieber«, sagte sie jetzt. »Ich muß mir's erst überlegen. Es wundert mich allerdings, daß ein so gescheiter Mann, wie du, so dumm und unüberlegt handeln kann.«

Er brauste auf: »Pardon! Das geht denn doch ein bißchen zu weit!«

»Aha! Wenn man bei dir aufrichtig wird, stößt man sofort auf die liebe Eitelkeit! Wenn Sie ein großer Mann werden wollen, müssen Sie sich die Eitelkeit abgewöhnen, hat, glaub' ich, Talleyrand gesagt.«

»Unsinn — ich bin nicht eitel — ich habe nur mein Selbstbewußtsein. Außerdem bin ich zu gutmütig — viel zu gutmütig. Wie hätt' ich denn anders handeln sollen? Ich kann doch die Person nicht niederschießen! Außerdem ist sie, wie ich dir schon gesagt habe —« hier dämpfte er seine Stimme und blickte scheu umher — »sie ist tatsächlich meine Tochter.«

»Aber wie du sie mir schilderst, ist sie auch ein bißl verrückt. Das ist immer gefährlich. Der kleinste Spleen kann das größte Unglück anrichten. Ich bin überzeugt, daß sie jetzt gemerkt hat, daß du gemerkt hast —«

»Was soll ich gemerkt haben?!«

»Schrei nicht so — der Kellner macht schon Augen. Ihr spielt doch Verstecken miteinander. An der Art, wie du sie behandelst, merkt sie, daß du weißt — was sie gemerkt hat. Herrgott, ist das eine verzwickte Geschicht'!«

»Ich habe nie etwas zugegeben — mit keinem Wort, mit keiner Miene —«

»Na, deiner Miene bist du nicht sicher, lieber Vicki! Aufs Wort verstehst du dich ja — das muß dir der Neid lassen. Selbstverständlich wirst du dich nie verschnappen, aber sie weiß jetzt, wie lästig sie dir ist, und das kann nur einen Grund haben.«

Schwarz schenkte mit finsterer Miene die beiden Gläser voll. — »Und was wird sie tun?« fragte er nach einer Weile.

»Mit dem Verstand nichts, was du zu fürchten hättest. Aber ohne Verstand —«

»Was willst du damit sagen?«

»Daß du sie allmählich närrisch machst, wenn die Geschicht' so weiter geht. Dann schnappt sie über, und plötzlich kommt ein Krach, an den du ewig denken wirst. Außerdem, wenn sie auch unrecht kriegt — ein Skandal ist immer dabei, und an dir bleibt er hängen. Du kennst doch die Menschen.«

Schwarz stützte den Kopf in die Hand: »Freilich, freilich. Und ich sage dir, Gusti, einen Skandal darf es nicht geben! Jetzt gerade — das große englische Geschäft — ich habe mich persönlich dafür eingesetzt — und die Engländer sind ja so schrecklich moralisch. Eher kann ich ihnen eine Million verlieren, als — —«

»Als daß du eine uneheliche Tochter hast? Das kann ich mir doch nicht vorstellen. So sind die Engländer auch nicht —«

»Das verstehst du nicht! Es kommt bei jedem Unternehmen auf die Basis an! Die Basis dieses Unternehmens ist die Sittlichkeit!«

»Ja, ja. Aber wenn du so penibel sein mußt — Herrgott, dann wär's doch das beste, du verständigst dich mit ihr? Du läßt sie, soweit es möglich ist, zu ihrem Recht kommen?«

Schwarz schlug mit der Faust auf den Tisch. Der Kellner sprang herbei: »Noch eine Flasche, Herr Justizrat?«

»Nein! Danke! — Jetzt redest du sehr dumm, liebe Gusti. Eine Verständigung ist vollkommen ausgeschlossen. Wenn ich ihr irgendein Recht einräume — wenn ich überhaupt nur zugebe, daß eine Vaterschaft besteht — — es ist nicht auszudenken! Erstens bin ich nicht mehr jung und in einer weithin sichtbaren Position — und sie — du kennst sie ja nicht — sie ist ein kleiner, dicker Purzel mit so lebhaften Augen, daß sie an sich schon etwas Komisches hat! Wenn ich die in Berlin plötzlich als meine Tochter vorstelle — fürchterlich! Außerdem der Ballast, der an ihr hängt, die Familie! Mir schwindelt bei dem Gedanken, daß ich mit Herrn Rietschel verkehren müßte, daß seine beiden Gören am Ende Großpapa zu mir sagen — — warum lachst du denn, Gusti?!«

Seine Freundin hatte sich plötzlich zurückgelehnt und verfiel einer herzlichen Heiterkeit. Dann faßte sie sich: »Ach, Vicki — nimm mir's nicht übel — aber die Konsequenzen des Lebens sind gar zu komisch! Ja, man sollt' es sich wirklich überlegen mit der Liebe, wenn man jung ist! Aber das geht halt nicht! Weise wird man erst mit der Glatzen! Pardon, Herr Justizrat, ich krieg' ja auch schon graue Haare! Aber nun ernsthaft: Ich seh's ein — du darfst ihr nicht den kleinen Finger reichen, sonst nimmt sie die ganze Hand. Du selbst kannst nur passiv Widerstand leisten — handeln muß ein anderer!«

Schwarz fuhr auf: »Du, Gusti! Du!«

Gusti streichelte ihn: »Du tust mir wirklich leid, und darum will ich's versuchen. Laß mir freie Hand. Ich hab' schon eine Idee. Die werd' ich kurieren, die muß ich kurieren. Außerdem interessiert mich die Geschicht'. Da schaut man doch mal ein bißl ins Leben hinein, und das war mir immer lieber als alle Romane.«

»Was hast du vor? Du willst wahrscheinlich, ganz unabhängig von mir, ihre Bekanntschaft machen? Hab' ich's getroffen?«

»Sehr richtig, Vicki. Aber weiter sag' ich dir nichts. Das andere wart' nur ab, bis ich Bericht erstatte.«

Als Berta an einem der nächsten Nachmittage allein im Laden war, überhörte sie, daß eine Dame eintrat. Die saß in schweren Gedanken hinter der Kasse. Die plötzliche Wandlung des Justizrates an dem Abend, da sie ihn vor der Philharmonie erwartete, vergaß sie nicht. Seine ganze Haltung zeigte äußerste Erbitterung. Das war an sich ganz gut, Ärger gönnte sie ihm; aber das hübsche Zufallsspiel war nun aus, und sie konnte sich von ihrem eigenen Vater nicht behandeln lassen.

»Verzeihung — aber ich möchte gern ein hübsches Briefpapier.«

Berta fuhr empor. Eine Kundin — sie hatte sie garnicht bemerkt. Rasch stand sie auf und entschuldigte sich. Nachdem sie einige Kartons vorgelegt, war die Dame mit der Wahl beschäftigt. Nun konnte Berta sie betrachten. Es war ihr immer besonders lieb, eine Frau der großen Welt in Augenschein zu nehmen. Hier hatte sie ein Exemplar vor sich, das sie direkt begeistern konnte. Gerade weil die Dame nicht mehr jung war — Berta verachtete die unerfahrene — wirkte sie vorbildlich. Sie hatte die etwas anrüchige Eleganz, die Männern großen Stils gefiel. Sie sah gescheit aus und gutherzig — jedenfalls mußte sie sehr frei in ihren Anschauungen sein.

›So wie die möcht' ich werden — genau so‹ dachte Berta seufzend — da richtete die Dame sich auf und sagte liebenswürdig: »Also das da — bitt' schön — was bin ich schuldig?«

»Acht Mark fünfzig, gnädige Frau.« Berta wickelte den Karton ein — dann wagte sie plötzlich eine Frage: »Sind gnädige Frau vielleicht aus Wien?«

Die Dame lächelte sie mit ihren klugen Augen an: »Denken Sie, und ich wollt' Sie grad' fragen, ob Sie nicht von außerhalb sind.«

»Sprech' ich denn nicht berlinisch?«

»Nein viel feiner. Das hör ich gleich. So wie Sie sprechen, das erinnert mich lebhaft an vornehme Schlesier. Ich kenn' dort den Adel recht gut.«

Berta wurde ganz blaß vor Genugtuung: »Ach, Gott, mit dem schlesischen Adel hab' ich nichts zu tun; aber es freut mich riesig, daß Sie bei mir eine vornehme Sprache finden. Ich glaube, Sie können so was ganz besonders gut beurteilen.«

Gusti Bernhardi beugte sich über den Ladentisch: »Sie sind ja eine ganz scharmante kleine Frau. Ja, so was entdeckt man plötzlich in Berlin — das blüht im Verborgenen, bei ganz bürgerlichen Leuten. Sie verzeihen schon ...«

»Ach gnädige Frau, was glauben Sie, wie bürgerlich mir es hier vorkommt! Hier erstickt man! Hier hat man schon jede Hoffnung begraben!«

»Das müssen Sie nicht, das dürfen Sie nicht. Sie haben sicher ein kolossales Talent fürs Leben.«

»Ach — meinen Sie wirklich —?«

»Darf ich Ihnen sagen, was ich für eine Empfindung hatte, als ich hier eintrat, und Sie so ganz verträumt hinter der Kasse saßen?«

»Sagen Sie mir bitte alles!«

»Ich dacht' mir, das ist ja ein Dornröschen. Wer die aufwecken kann, gewinnt sich einen Schatz. Ich red' jetzt nicht von Männern, denn Sie sind ja verheiratet, Sie haben wahrscheinlich Kinder —«

»Zwei — und einen Mann. Aber das — das ist es nicht, was mich rettet. Ich stecke in Kämpfen — davon versteht hier kein Mensch was ...«

»Das kann gewiß nur eine Frau verstehen. Eine richtige Freundin!«

»O, wenn ich die hätte!«

»Da trifft sich Ihre Sehnsucht mit mir. Ich lebe schon zwanzig Jahre in Berlin und habe noch immer keine Freundin gefunden. Was meinen Sie, liebe Frau Rietschel — wollen wir zwei es mal miteinander versuchen?«

Berta starrte ganz betäubt vor Glück die wunderbare Frau an. — »Ich weiß ja garnicht, was ich sagen soll«, stammelte sie.

»Das wird schon kommen. Aber nicht hier. Dazu müssen wir ganz allein sein. Wissen sie was? Sie schließen doch um sieben, und ihr Mann scheint heut nicht dazusein. Da komm' ich um sieben wieder und warte draußen auf Sie. Dann gehn wir zusammen spazieren, und Sie erzählen mir von Ihrem Leben.«