ZWANZIGSTES KAPITEL
Frau Bernhardi wartete in einem Taxameter auf Berta. — »Steigen Sie nur bitte ein, Liebste,« sagte sie, ihr die Hand in braunem Wildleder entgegenstreckend — »hier in der grausligen Geschäftsgegend kann man ja doch nicht spazierengehen. Wir fahren rasch hinaus. Wohin möchten Sie denn? In den Tiergarten?«
Berta saß neben ihr und sog den Duft ein, der ihrem kostbaren Pelzmantel entströmte. — »Ach wissen Sie,« antwortete sie mit geschlossenen Augen, »am liebsten möcht' ich zum Kurfürstendamm. Wundern Sie sich bitte nicht darüber. Ich weiß, da ist es sehr lebhaft, da wird man immer angeguckt; aber ich komme am besten zum Reden, wenn ich die vielen Leute sehe. Das reizt mich, wissen Sie, das macht mich klar, wenn ich vor mir habe, was ich doch nicht erreichen kann.«
Die Freundin nickte mit unbestimmtem Lächeln: »Hm ... ich versteh' schon. Aber Sie meinen gewiß: was Sie nicht zu erreichen glauben? Wir werden ja sehen.« — Sie öffnete die Wagentür und rief hinaus: »Also zu Schilling, Kutscher! Kurfürstendamm!«
Behaglich lehnte sich Gusti Bernhardi wieder zurück: »Da haben wir's nett. Herumlaufen kann man jetzt doch nicht mehr bei der Kälte. Sie kennen doch Schilling?«
»Nur von außen.«
»Na, Ihr Mann scheint aber wenig Sinn für das wahre Berlin zu haben.«
Das ›wahre Berlin‹, das Gusti Bernhardi meinte, hatte sich in den letzten Jahren sehr verschoben. Der Westen der Potsdamer Straße war immer mehr Geschäftsgegend geworden, und das Tiergartenviertel wurde zur stillen Insel konservativer Solidität. Die amerikanisierten Berliner strebten über den Zoologischen hinaus nach Schöneberg und Wilmersdorf. Um die Kirche des alten Wilhelm, die der archaisierende Protestantismus des jungen erbaut hatte, schwirrten alle Konfessionen, Sitten und Werte. Von hier gingen die Strahlen ins Neuland der Weltstadt aus. Die Tauentzienstraße löste allmählich die Friedrichstraße ab. Der Kurfürstendamm zielte auf die Verbindung Berlins mit dem Grunewald, und das Bayerische Viertel hörte dort auf, wo es eben wieder anfing. Es war ein sichtbares Wachsen und Werden.
Berta liebte diese Gegend wie keine andere in Berlin. Gerade weil sie von jeher nach C und O verbannt gewesen, glaubte sie im Westen den Sinn der Zukunft. Die Frau aber, mit der sie diese Straßen jetzt wiedersah, nahm sie wirklich auf; denn sie gehörte dazu, sie war der ›Typ‹ der neuen Dame.
Bei Schilling genossen sie gute Dinge und kamen noch nicht zum Ernst des Lebens. Es gab zuviel zu sehen und zu hören. Gusti Bernhardi entwickelte ihre ganze Kennerschaft von Toilettegeheimnissen und Skandalen. Berta wurde so vergnügt, daß sie den tiefen Seelengrund der neuen Freundschaft vergaß. Andächtig lauschte sie der überlegenen Frau. Als Gusti zum zweitenmal Benediktiner kommen ließ, schwand ihre letzte Hemmung.
»Kind, wie ist das nett, daß Sie sich noch so an allem freuen können«, sagte Gusti Bernhardi, Bertas Hand tätschelnd. »Das genieß' ich förmlich. Aber geben Sie Obacht — das hier ist noch garnichts. Nächstens nehm' ich Sie in den Kaiserhof mit, zum five o'clock.«
»Was ist das eigentlich?« fragte Berta, an ihrem Likör saugend. »Das hab' ich schon so oft gehört. Feif o clock. Hängt das mit Pfeifen zusammen?«
Gusti lachte: »Nein! Aber Sie haben ganz recht — wozu englisch reden, wenn man Fünfuhrtee sagen kann?«
»Ach so! Ach das ist es! Aber das soll ja so schrecklich vornehm sein! Da pass' ich doch nicht hin! Mit meiner Fahne!«
»Unsinn! Das Kleid ist sehr nett, und Sie sind ja jung und hübsch! Das ist die Hauptsache! Außerdem wird das bürgerlich Solide jetzt eben wieder modern!«
»Das wird modern? Wie kommt denn das? Das versteh' ich nicht!«
»Nur einen neuen Hut müssen Sie haben!«
»Ach ja, mein größter Wunsch! Ein schicker Hut! Ein wirklich schicker Hut! Nicht immer die olle Rietsche! Daran merkt man ja gleich, daß ich Rietschel heiße! Herrgott, jetzt hab' ich wirklich einen Schwips!«
Gusti klopfte lachend ihren Arm: »Das macht nichts, macht nichts! Das steht Ihnen ausgezeichnet! Aber Sie sollen den Herrn Gemahl nicht um den neuen Hut bitten — der ist nicht auf der Höhe, der verdirbt Ihnen nur die Stimmung! Jetzt heißt es für Sie, auf meiner Linie bleiben!«
»Ach ja!«
»Versprechen Sie mir, daß Sie es richtig auffassen, wenn ich Ihnen einen wundernetten, neuen Hut anbiete, den ich doch nicht tragen kann! Pariser Modell — Madame Kühne hat ihn für mich kommen lassen! Aber mir steht er nicht! Ich bin nicht jung genug dafür! Sie werden entzückend damit aussehen!«
Berta wischte sich die Augen: »Sie sind zu gut zu mir — viel zu gut, Frau Bernhardi.«
»Sagen Sie doch Gusti zu mir — und ich sage Berta — topp, das gilt! Also übermorgen holen Sie mich um vier in meiner Wohnung ab, und dann mach' ich Sie ein bißl zurecht, und dann ziehn wir los, wie der Berliner sagt! Herzig, wie die kleine Frau sich freuen kann! Wissen Sie, liebste Berta — Ihren Mann begreif' ich nicht!«
Ein Schatten kam auf Bertas Gesicht. Sie ließ den Benediktiner los und lehnte sich zurück: »Ach Gusti — den kann man schon begreifen. Wie der, so sind wohl viele. Bloß daß ich an ihn geraten bin — das ist das Malheur. Er ist ja gewiß sehr tüchtig und anständig und fleißig und ein guter Vater — aber ich hätte mir doch einen andern Mann nehmen sollen!«
Gusti legte die Hand aufs Gesicht, weil sie ein Lächeln verbergen wollte: »Hm ... Das sagt man sich oft ... So büßen viele Frauen ihre Illusionen.«
»Nein, sehen Sie mal — Rietschel ist so: er ist — wie soll ich das gleich sagen? — er ist nicht sensitiv. Er weiß nicht, was in mir vorgeht. Er kümmert sich viel mehr um unsern Pudel, wenn dem etwas fehlt — das sieht er, das versteht er.«
»Ja — dann bleibt eben nichts anderes übrig — dann muß man halt selbst zu seinem Recht kommen.«
Berta fuhr jetzt so heftig zusammen, daß Gusti sie erschrocken ansah: »Mein Gott, was haben Sie?«
Die kleine Frau schüttelte sich: »Ach, das — das Wort — das trifft mich — Recht — entschuldigen Sie — das ist ja mein Verhängnis, solange ich lebe! Immer wollte ich zu meinem Recht kommen, und nie, nie hat mir einer geholfen!«
Jetzt stürzten Tränen aus ihren Augen. Sie lehnte sich erschüttert zurück. Von den Nebentischen sah man neugierig zu den beiden Frauen hinüber. Gusti Bernhardi bereute ihre Unvorsichtigkeit — sie hatte zu schnell den Kern berührt. — »Fassen Sie sich doch«, flüsterte sie bittend. »Nehmen Sie sich zusammen. Glauben Sie mir, ich bin eine, die Ihnen wirklich helfen will. Ich weiß schon viel von Ihnen, ohne daß Sie mir viel gesagt haben. Ich ahne die Zusammenhänge. Wenn Sie mir beichten wollen — lieber Gott, das geht jetzt leicht. Nur wollen wir den Leuten hier nichts zeigen. Kommen Sie, ich zahle, und dann begleit' ich Sie heim.«
Unterwegs kam die erlösende Beredsamkeit über Berta. Sie konnte in der dunklen Droschke hervorstammeln, was in ihr wogte. Bald wußte Gusti Bernhardi alles. Sie hörte zu, als ob jede Einzelheit neu für sie wäre. Klug prägte sie sich die ganze Beichte ein, um das Material zu beherrschen. Leicht wurde es ihr nicht ums Herz dabei. Sie hatte die primitive Leidenschaft dieses Menschenkindes unterschätzt. Was sie für oberflächlich gehalten hatte, erwies sich doch als tiefe Sehnsucht. Nie hatte sie diesen moralischen Fanatismus in einer kleinen Bürgersfrau vermutet.
Dennoch — weich machen ließ sie sich nicht. Sie hatte es Viktor Schwarz versprochen — ihr Wort mußte sie halten. Berta tat ihr leid, sie hatte sie wirklich gern — aber sie ärgerte sich auch immer wieder. Das ganze Gefühlsleben dieser Frau war verstiegen, sie glaubte ihre kleine Person im Mittelpunkt der Welt. Das ging denn doch nicht. Wer die Tatsachen nicht mehr anerkannte, mußte unter ihnen leiden.
Das war Gusti Bernhardis Gedankengang, während sie Bertas Geständnissen lauschte. Was sie aber aussprach, war anders. Sie konnte so falsch sein wie die ganze Wiener Unergründlichkeit. So brachte sie es fertig, Berta mit Herzenstönen recht zu geben, sie aufzurichten, wie nie ein Mensch sie aufgerichtet hatte, und insgeheim zu planen, wie sie sie unschädlich machte. —
An dem Tage, an dem Berta sie zum Fünfuhrtee abholen sollte, war Gusti Bernhardi vormittags bei Viktor Schwarz. Sie berichtete ihm, und er war sehr befriedigt. Ein Schatten kam erst auf seine Miene, als die Freundin sagte: »Nun kostet die Geschichte aber auch Geld, Vicki. Fest machen kann ich sie nur, wenn sie wirklich etwas von mir hat. Ich will ihr verschaffen, was sie haben möchte — nur dich soll sie aufgeben — das ist mein Plan. Heut nachmittag zum Beispiel bin ich mit ihr im Kaiserhof. In ihrem wollenen Kleidchen lass' ich sie noch, aber ich hab' ihr bei der Kühne einen scharmanten Hut gekauft, und da mußt du schon so gut sein, das Geld nachher hinzuschicken, 350 Mark. Du weißt ja, Schulden hab' ich nicht gern.«
Viktor Schwarz schielte grimmig durch seinen Kneifer: »Das ist gut — als ob es deine Schulden wären!«
»Also, ordne die Sache, bitt' schön, und mach' dich drauf gefaßt, daß noch manches dazu kommt.«
»Aber nur bis zu einer gewissen Grenze, die ich bestimmen werde!«
»Na weißt du, wenn du dir deine Tochter garnichts kosten lassen willst!«
»Nicht so laut! Tübbeke horcht auch durch die Doppeltür! Ich meine nur, wenn ich jetzt am Ende Tausende hinlegen soll, dann hätt' ich die Person auch anerkennen können!«
Gusti Bernhardi stand auf: »So? Ach so! Ja, dann liegt die Sache ja viel einfacher! Dann brauch' ich mir ja garnicht so viel Müh' zu geben!«
Sie ging zur Tür. Er wackelte ihr nach: »Gusti, ich bitte dich, sei vernünftig! Es handelt sich hier um keinen schlechten Witz! Also tu nur, was nötig ist! Zu weit gehn wirst du ja doch nicht! Du handelst ja in meinem Interesse!«
Sie verließ ihn. — ›Alter Knicker‹, dachte sie mit bitterem Lächeln. ›Es schadet dir garnichts, wenn du mal Haare lassen mußt. Du trittst ja doch immer nur auf Menschen herum und besonders auf uns Weibern. Was hab' ich mir schon alles von dir gefallen lassen müssen! Und deine arme Frau! ... Pfui Deibel, es sind eigentlich eklige Götzen, was die Leut' so anbeten!‹
In eigentümlichen Zorn auf den Mann, für den sie alles tat, kam sie heim. Diese Stimmung machte sie nur noch eifriger, Bertas Leben zu verschönen.
Pünktlich um vier Uhr erschien die kleine Frau. Nun spielte Gustis liebenswürdiger Eifer fast eine Stunde mit ihr. Staunend lernte Berta das Toilettezimmer einer großen Dame kennen. Der neue Hut hob ihre Erscheinung dermaßen, daß sie mit naiver Andacht vor ihrem Spiegelbilde stand. Schließlich drängte die Freundin ihr auch noch kostbare Handschuhe auf und parfümierte sie so, daß Berta plötzlich ausrief: »Wenn Rietschel das riecht — der denkt Gott weiß was!«
Sie fuhren mit der neuen Untergrundbahn zum Leipziger Platz. Von dort gingen sie Arm in Arm zum Kaiserhof hinüber. Hier gelang es Gusti, Bertas Verlegenheit zu bemänteln. Man merkte kaum, wie fremd und ungeschickt die kleine Papierhändlersfrau war. Sie gefiel sogar, weniger ihres Hutes wegen, als weil sie so hübsche, glückshungrige Augen hatte.
»Den Hut kann ich aber nicht mit nach Hause nehmen«, sagte Berta schließlich. »Rietschel wird zu grob, wenn er ihn sieht. Der denkt womöglich, ich hab' ihn von einem Liebhaber!«
»Das wär' ihm ganz gesund!«
»Nein, nein, Gusti. Die ist unmöglich — das liegt mir auch garnicht. Erlaube mir, bitte, daß ich erst noch zu dir komme und wieder werde, was ich war.«
»Selbstverständlich — du kannst die Sachen bei mir deponieren. Aber sie gehören dir.«
»Gusti, ich bitte dich —«
»Willst du mich beleidigen?«
So fuhren sie denn noch einmal nach dem Wittenbergplatz. Hier hatte Gusti Bernhardi eine elegante Wohnung, wo sie nur ihrem Behagen lebte. Der Modesalon war längst verkauft. Berta wurde von dem Glanz des Nachmittags in all ihren Wünschen angeregt — sie wollte jetzt gern wissen, was die Freundin über ihre Geständnisse dachte, insbesondere über Herrn Justizrat Viktor Schwarz.
Gusti Bernhardi setzte ihr bewährtes Sphinxlächeln auf. — »Ja, liebstes Bertl,« erwiderte sie langsam, »da muß ich dir zunächst mal sagen: Ich kenn' deinen angeblichen Papa sehr gut.«
Berta sprang auf — sie zitterte an allen Gliedern: »Du kennst ihn? Das sagst du mir jetzt erst?! ...«
»Ich hab' mir die Geschicht' erst überlegen wollen. Aber jetzt bin ich mir ganz klar. Jetzt kann ich dir sagen, was ich dir zu sagen hab'.«
Berta langte mit demütigem Vorwurf nach ihrer Hand: »Warum hast du ihn denn eben bloß meinen — angeblichen Papa genannt?«
»Das mußt du mir nicht übelnehmen. Du hast es mir erzählt, und an deinen Worten zweifle ich natürlich nicht. Aber daß der Beweis nicht erbracht ist — das wirst du ja selber zugeben.«
Berta senkte den Kopf. — »Mein Gott,« flüsterte sie in tiefer Traurigkeit — »du glaubst es also auch nicht? Hältst du es denn nicht für möglich?«
»Die Möglichkeit ist natürlich niemals ausgeschlossen.«
»Wie du auf einmal sprichst? Ich weiß nicht — so juristisch?«
»Ich kenn' halt viele Juristen.«
»Ihn zum Beispiel?«
»Ja, Berta, und weil ich den wirklich sehr gut kenne — übrigens wär's ja ein Wunder, wenn's anders wär' in Berlin —, darum rat' ich dir dringend: laß ihn los, lauf ihm nimmer nach.«
»Gusti! ...«
»Fass' dich doch. Ich will doch nur dein Bestes. Das glaubst du mir hoffentlich? Ich seh' dich direkt in einen Abgrund laufen, wenn du's so weiter treibst mit dem Schwarz.«
»Warum denn? ...«
»Ja, ich muß dir ein bißl Furcht machen. Du bist gar zu leichtsinnig. Von vielen Fällen weiß ich, daß der Schwarz über Leichen geht. Außerdem ist er allmächtig. Beikommen kannst du ihm nicht.«
»Was soll er mir denn tun?«
»Nicht nur dir, sondern auch deinem Mann und deinen Kindern. Juristisch erreichst du nichts, das weiß er am besten — wenn's ihm zu bunt wird, bietet er jedem Skandal Trotz und schickt dir die Polizei ins Haus. Auf Erpressung läßt sich alles deichseln.«
Berta lehnte sich bleich zurück: »Mein Gott ... mein Gott ..., wenn ich das auch noch aufgeben soll ...!« Sie fuhr plötzlich hoch: »Dann will ich nicht länger leben!«
Gusti hielt sie mit beiden Händen fest: »Aber Kind! Was fällt dir denn ein? Du wirst doch jetzt keine Dummheiten machen? Denk' doch, daß du mich gefunden hast! Kann ich dir denn nicht ersetzen, was der alte, gräßliche Mensch ... Sei froh, daß du dem nicht in die Hände gerätst ... Man muß über so was hinaus ... Dann findet man sich ... Dann weiß man erst, daß man auf der Welt ist ... Was schert mich denn Vater und Mutter? Ich bin selber da, und mir kann nix geschehn!«
Sie hatte stark und überzeugend gesprochen, aber in ihren Augen sprühte das höllische Feuer. Berta wollte tief hineinsehen und bebte doch davor zurück. Gebannt und befremdet flüsterte sie: »Du hast ja recht ... Du wirst ja sicher recht haben ... Wenn ich nur nicht so anders wär' als du ... Ich werde dir immer dankbar sein; aber, lieber Gott, was du meinst — das ist doch vergänglich ...«
Dabei blieb es. Gusti hütete sich auch, weiter in sie zu dringen — eine Verständigung war nicht möglich, und schließlich mußte sie ihr verdächtig werden. Daß sie Bertas Fanatismus gegen Schwarz gebrochen hatte, hielt Gusti für sicher. Das Gespenst der Polizei und die Furcht vor Rietschel waren zu groß.
So erschlaffte die Freundschaft nicht, aber sie äußerte sich anders. Berta hatte mehr aufgegeben, als Gusti wußte — nun klammerte sie sich an den äußeren Gewinn. Betäubung konnte ihr die Freundin geben, den kurzen, schönen Wahn, das Haschen nach Dingen, die ihr doch nicht treu blieben.
Sie unternahmen täglich etwas Neues. Berta scheute bald nicht mehr, sich mit Gustis Geschenken zu zeigen, als gebührten sie ihr, ihr und der Welt, in der sie eigentlich lebte. Überall herumnaschend, wurde sie zu einer Kennerin und benahm sich, als ob sie die anerkannte Tochter ihres Vaters wäre.
Ein Sachse weiß sich zu helfen — auch in Groß-Berlin. Rietschel sah seine Frau in den Sumpf geraten, aber er wollte klar sehen. Sein Freund, der Kriminalschutzmann Polko, half ihm. Rasch brachte er heraus, daß es sich um keinen Liebhaber handelte, sondern daß eine Frau Bernhardi, geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, Berta beeinflußte. So wurde Rietschel schnell mit der Sachlage fertig. Er war nicht nur im Ehrenpunkt beruhigt, sondern auch hinsichtlich der Verschwendung. In eigentümlicher Selbsttäuschung hatte er immer noch geglaubt, daß Berta die Mittel für ihren Aufwand stahl. Er wußte ja am besten, wie knapp er sie hielt.
Doch eine neue Tatsache brachte ihm Polko: Frau Bernhardi, geschiedene Zuckerkandl, geborene Vinegger, entpuppte sich als das langjährige Verhältnis von Justizrat Schwarz. Jetzt ahnte Rietschel schreckliche Zusammenhänge. Berta wurde also grenzenlos betrogen. In welcher Weise und zu welchem Zweck, das konnte er noch nicht ergründen. Doch sollte er untätig zusehen, wie sie sich verfing? Mußte er sie nicht aufklären und warnen? Er war nicht so grob geartet, um nicht zu ahnen, was er ihr damit nahm. Berta lebte ja nur von schönen Illusionen.
Aber die Entwicklung der Dinge kam seiner sorgenvollen Überlegung zuvor. Berta hatte bald Grund, über ihre Freundin zu klagen. Ihr norddeutscher Glaube an die Gefühle der Wienerin war zu weit gegangen. Als Gusti wußte, daß sie die kleine Frau von Schwarz abgeschreckt hatte, wurde ihre Freundschaft lässig. Sie kümmerte sich immer weniger um Berta — wenn diese zu ihr kam, ließ sie sie warten, und bei Verabredungen war sie unpünktlich. Berta nahm das anfangs als menschliche Schwäche einer sonst liebenswürdigen Frau. Auch wußte Gusti jede Verstimmung durch Geschenke, die Schwarz bezahlte, wieder zu vertreiben. Schließlich aber machte sie doch einen groben Fehler. Zu einem Fünfuhrtee im Kaiserhof kam Berta allein, ohne Verabredung — sie hoffte, Gusti dort zu treffen. Das war auch der Fall, doch heute störte sie die vielseitig verpflichtete Frau. Gusti beherrschte sich nicht — als Berta plötzlich vor ihr auftauchte, wurde sie unfreundlich und zeigte, daß sie peinlich berührt war.
Eine Weile blieb Berta bei Gusti und ihren Bekannten stehen — an Launen der Glücklichen war sie ja gewöhnt. Als man aber gar nicht das Wort an sie richtete und ihre unscheinbare Person wie ein Dienstmädchen behandelte, machte Berta plötzlich kehrt und verließ den Kaiserhof. Gusti ließ sie heute gehen — sie war sehr ärgerlich auf sie.
Am nächsten Tage hielt sie es in Rücksicht auf Schwarz für klüger, Berta anzurufen: »Warum bist du denn eigentlich gestern so davongelaufen?«
»Wenn du dich meiner schämst, hat es ja doch keinen Zweck!«
»Sei nicht so albern, Berta! Wie ich's meine, müßtest du jetzt schon wissen! Ich war nur ein bißl nervös, weil wir uns gar nicht verabredet hatten!«
»Ach, du meinst wohl, daß du mich immer an die Leine nehmen mußt; wie so'n Hundchen? Nein, liebe Gusti — da täuschst du dich ganz gewaltig! Dankbar bin ich dir, gewiß, aber ein selbständiger Mensch muß ich auch bleiben! Das ist es ja eben, was ich brauche! Bloß so'n Anhängsel, was man duldet, bin ich wirklich nicht!«
»Dafür hab' ich dich auch nie gehalten! Aber ich seh' jetzt ein, was du wirklich bist!«
»Na, was denn? Was denn?«
»Furchtbar eingebildet bist du! Nur weiß ich nicht recht, worauf!«
Jetzt hängte Berta den Hörer an. Sie zitterte vor Zorn. Mit der Versöhnung war es also diesmal nichts. Bald tat es ihr leid, daß sie Gusti nicht mehr die Wahrheit gesagt hatte. Ja, eingebildet war sie, weil das Blut ihres Vaters in ihr lebte, des stolzen, berühmten Herrn Justizrates. Daß einem die Schlagfertigkeit doch immer zu spät kam! Jetzt ging es wieder mit ihr durch. Heftige Erbitterung gegen Gusti ergriff sie, denn die war es ja, die sie von ihrer Aufgabe abgelenkt hatte. Was nützte das Naschen und Horchen? Man blieb doch minderwertig. Das Leben packen und besitzen konnte nur der, der seine Ebenbürtigkeit durchgesetzt hatte.
Zunächst hieß es, mit den vorhandenen Mitteln einen echten Luxus vortäuschen. Berta revidierte alles, was sie Gusti zu danken hatte. Das Wirksamste blieb der Hut. Aber den hatte sie nun jedesmal im Theater und beim Tee getragen. Man kannte ihn schon auswendig. Ihr Versprechen, den Hut bei Madame Kühne umgarnieren zu lassen, hatte die liebe Gusti natürlich nicht gehalten.
So beschloß Berta denn eines Nachmittags, das kostbare Stück selbst in das Atelier zu tragen. Das Schicksal wollte es, daß Madame Kühne, die unfehlbar jede schädliche Dummheit mied, heute nicht anwesend war. Berta wurde von einem Fräulein bedient, dessen Puppenkopf kein Überlegen kannte. Sie sah den Hut und rief: »Ach, der! Ja, ja, den kenn' ich! Den hat ja damals Herr Justizrat Schwarz bestellt!«
Berta glaubte sich verhört zu haben: »Wer, Fräulein?«
»Na, Herr Justizrat Schwarz im Grunewald, Königsallee 27!«
»Sie meinen doch wohl — Frau Gusti Bernhardi?«
Der Puppenkopf schüttelte sich: »Mein Gott, mein Gott — das ist ja auch richtig! Stimmt ja ganz genau, gnädige Frau! Frau Bernhardi hat ihn bestellt, aber Herr Justizrat Schwarz hat ihn bezahlt! Das ist immer so! Aber nun haben gnädige Frau den schönen Hut fallen lassen! Na, gnädige Frau — —!«
Berta hatte die Tür aufgerissen und stolperte die Treppe hinunter. Den Hut ließ sie dort, wo er bezahlt worden war. Auf der Bendlerbrücke blieb sie stehen. Plötzlich warf sie ihre schönen Wildlederhandschuhe ins Wasser. Ein kleiner Junge sah das mit an und machte Augen, als wollte er bis an sein Lebensende so staunen.
Erst am Potsdamer Platz, mitten im Gewühl, kam Berta zu sich. Es hämmerte in ihren Schläfen. Was war geschehen? Nur das eine wurde ihr klar: Gusti Bernhardi und Viktor Schwarz waren Verschworene. Die Frau, der sie das bißchen Traum dankte, hatte sich mit dem Mann, der sie verleugnete, verbündet. Das war ein Abgrund. Leise weinend stand sie vor dem ungeheuren Betrug.
Da wurde sie plötzlich angerührt. Entsetzt fuhr sie empor und glaubte aus einer finsteren Grube ins grelle Licht zu starren. Alfons Grunow stand vor ihr. Er war seltsam verändert — sein üppiges Lockenhaar war fort, und das einst so rosige Gesicht war hart und gelb geworden.
»Alfons,« lallte Berta — »hast du mich erschreckt! Ich hab' dich so lange nicht gesehen!«
Eine tiefe Falte zuckte zwischen den Augen des Mannes. Er lächelte und zeigte schadhafte Zähne: »Das glaub' ich. So geht es mir jetzt mit vielen. Ich war ja zwei Jährchen verschwunden. Aufruhr und Landesverrat — so haben sie's genannt. In Rummelsburg war ich.«
»Doch nicht im Zuchthaus?!«
»Schrei's man dem Schutzmann zu — dann nimmt er mich gleich wieder mit. Wird ohnehin nicht mehr lange dauern.«
»Deine arme Mutter!«
»Ach Gott, die ist froh, daß ich wieder da bin. Mutter ist stolz auf ihren Sohn — verstehst du? Stolz!«
Der ärmliche Mensch, der da vor Berta stand, hatte etwas düster Großes. Sie schauderte zusammen, und plötzlich fühlte sie sich ihm wieder sehr verwandt. Wo blieben Recht und Gerechtigkeit? Wurde man nicht mißbraucht und sollte den Mißbrauch noch anerkennen?
»Alfons!« flüsterte sie — »ich will das gar nicht weiter beurteilen — ich versteh' ja doch nichts von Politik. Aber sage mir bloß eins: Was tut man mit 'nem Menschen, der einen immer bloß beleidigt und schikaniert, und der noch triumphiert, wenn man um sein Recht gebracht wird?!«
»Von wem redest du?«
»Das kann ich dir nicht sagen. Ich möchte nur wissen, Alfons — schon als Kind hab' ich dir doch immer geglaubt — Du warst der Erste — — vielleicht bist du der Letzte auch — —«
»Mach' keine Dummheiten! Du stehst doch am Trog, du hast es doch wahrhaftig nicht nötig! Wenn unsereiner radikal sein will, dann knallt er einfach seinen Feind nieder! Aber das ist nichts für dich! Solche Feinde hast du nicht!«
Alfons Grunow ging weiter. Berta wandte sich ihrer Wohnung zu. — ›Wer weiß?‹ flüsterte sie mit hängendem Kopf. ›Wer weiß?‹ Vielleicht sollte ich auch so radikal sein, wie du!‹
Daheim ging sie ganz verwandelt umher. Die Kinder standen blaß in den Ecken und sahen ihr mit stiller Trauer zu. Rietschel aber dachte: ›Jetzt weiß sie es. Sie muß hinter den ganzen Schwindel gekommen sein! Wenn ich bloß Näheres wüßte! Na, ich muß sie so zur Ruhe kommen lassen.‹
Er war freundlich und nachsichtig gegen sie. Aber das half ihr nicht. Am nächsten Tag trat sie halb unbewußt in einen Waffenladen und kaufte sich einen kleinen Revolver. »Fürs Geschäft«, sagte sie zu dem Verkäufer. »Ich bin so viel im Laden allein, und die Kasse, wissen Sie — heutzutage muß man vorbeugen.«
Schießen konnte sie nicht, aber es mußte auch so gehen. Die Handgriffe hatte ihr der Verkäufer gezeigt. Ihr Dämmerzustand verließ sie nicht. Nachmittags schon fuhr sie nach dem Grunewald und wartete in der Königsallee, bis es Abend wurde. Das Haus des Justizrates wurde hinter allen Fenstern erleuchtet — offenbar erwartete er Gesellschaft. Berta stand, von einem Baum gedeckt, auf der anderen Seite der Straße. Sie konnte in die prachtvollen Räume blicken: Ein stürmisches Weh wallte in ihr auf. Was wies sie dort zurück? Was hatte sie verschuldet? So mochte denn alles zugrunde gehen ...
Es schlug sieben — bald mußte der Justizrat aus der Stadt zurückkehren. Berta hatte den Revolver entsichert und wählte den Standort, den sie für richtig hielt. Plötzlich mußte sie die Waffe verbergen und rasch zur Seite treten. Ein merkwürdiges Paar kam langsam an ihr vorbei. Der erblindete alte Herr ging am Arm eines jungen Mädchens, dessen schlichte Schönheit Berta bewußt wurde. Sie konnte ein Bruchstück des Gespräches auffangen. Der Alte sagte: »Ich will keine Last für dich werden, Erika. Du sollst deine Jugend genießen.« Das Mädchen antwortete: »Aber, Vater — ich bin doch dein Kind.«
Weiter hörte Berta nichts. Sie sah die beiden in heiliger Einigkeit weitergehen. Schwarz und drohend ragten die Grunewaldkiefern in den Abendhimmel. Da kam eine vernichtende Scham in Berta auf — sie fühlte ein Erwachen, warf den Revolver über das nächste Gartengitter und eilte der Stadt zu.