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Frau Rietschel das Kind

Chapter 23: ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Es war Rietschel gelungen, die Kinder über ihren Schmerz fortzubringen. Besonders bei Gretchen war es schwer gewesen. Aber Berta mutete ihnen auch wirklich zuviel zu. Jetzt hatte sie vollkommen an Gretchens Geburtstag vergessen! Was Rietschel nicht für möglich gehalten, trat ein: Kein Geschenk war besorgt, kein Kuchen gebacken — am Morgen des Geburtstages wurde die Mutter gesucht, statt daß sie zu ihrem Kinde kam. Es stellte sich heraus, daß sie schon in aller Frühe ausgegangen war. Das Dienstmädchen machte ein vielsagendes Gesicht.

Dieses Gesicht! ... Rietschel fürchtete nichts tiefer, als daß es ihm plötzlich überall begegnen könnte. Es war ein Schmerz, der an Schande grenzte. An seinem Stammtisch fiel zuweilen das Wort Dalldorf. Durch den Namen der großen Irrenanstalt bezeichnet der Berliner alles Unnormale. Sobald Rietschel dieses Wort hörte, verfärbte er sich. Die Vorstellung beschlich ihn, wie es wohl sein würde, wenn seine Frau einmal in Dalldorf wäre.

Aber so schlimm konnte es ja nicht werden. Er mußte vorbauen. Der vergessene Geburtstag war freilich arg. Dennoch gelang es ihm, seine Kinder über die große Enttäuschung fortzubringen. Er ging mit ihnen zu Kranzler und dann in Castans Panoptikum. Die Schreckenskammer mußte er ihnen freilich versagen, aber, um nachgiebig zu sein, ließ er sie einen Blick auf die erwachte Scheintote tun.

Als man angeregt in die Wohnung zurückkehrte, fand man dort die Mutter vor. Sie saß an ihrem Nähtisch und schrieb einen Brief. Mit wildem Blick sah sie sich um, als Mann und Kinder eintraten. Schnell riß sie eine Schublade auf und warf den unfertigen Brief hinein. Es knallte nur so. Die Kinder blieben erschrocken stehen.

»Na, man immer kalt Blut und warm angezogen«, sagte Rietschel. »Guten Abend, Berta. Ich hab' ja fast zwei Tage nicht das Vergnügen gehabt.«

»Wo warst du mit den Kindern?« fragte sie scharf.

»Ach, bloß ein bißchen Geburtstag haben wir gefeiert, erst bei Kranzler und dann im Panoptikum.«

»Geburtstag habt ihr gefeiert?«

»Jawohl. Du hast nämlich eine Tochter namens Gretchen, wenn du dich erinnerst. Das Kind hat heute Geburtstag.«

Jetzt geschah etwas Unerwartetes. Berta sprang auf, lief zu der Kleinen hin, hob sie hoch empor und küßte sie stürmisch. Ihr ganzes Wesen war plötzlich reuige Mutterliebe. Solche Gefühlskraft war Rietschel fremd, sie ergriff ihn, und er vergaß seinen schmerzlichen Groll. Nein, nein, sie mußte doch noch ihren ganzen Verstand haben. Die arme Frau — wer wußte denn, womit sie sich quälte?

Auch Paul bekam einen Kuß. Mit der Tüchtigkeit, die sie von ihrer Mutter geerbt, brachte Berta noch rasch ein festliches Abendessen zustande. Die Kinder waren selig. Nur mit der Wirkung des Ungarweines rechnete man nicht. Als Berta das zweite Glas getrunken hatte, starrte sie plötzlich vor sich hin, sah nicht mehr, was sie umgab, und brach in heftiges Weinen aus. Bald darauf lief sie aus dem Zimmer.

Wie gelähmt blieben die anderen sitzen. Schließlich sagte Rietschel mit zitternder Stimme: »Kinder, was ist das nun? Mit eurer Mutter? Ob wir nicht doch mal den Doktor kommen lassen?«

»Ach, Vater, das nutzt ja nichts«, erwiderte Paul. Sein klarer Kinderblick suchte dem inneren Auge des Vaters zu begegnen. »Ich glaube, es hängt mit dem Brief zusammen, den Mutter vorgestern gekriegt hat.«

Gretchen fuhr auf: »Aber Paul! Davon sollen wir doch nichts sagen!«

Der Bruder schüttelte den Kopf: »Jetzt ist es mir egal.«

»Was war das für ein Brief?«

Die Kinder erzählten. Wer an die Mutter geschrieben, war nicht festzustellen, aber Rietschel kam bald auf die rechte Fährte. Alles führte ja bei Berta schließlich zu diesem Punkt. —

Sie schrieb in der Nacht noch ihren Brief zu Ende. Nun war sie entschlossen, nun sandte sie ihn ab. Als sie ihn zum letztenmal durchlas, kam ein befriedigtes Lächeln auf ihr Gesicht.

Lieber Vater!

So muß ich dich jetzt nennen, weil ich Respekt vor dem Gefühl eines Kindes habe. Wenn ich von einem Menschen weiß, daß er mein Vater ist, muß ich ihn liebhaben, mag mir auch noch so sehr nach dem Gegenteil zu Mut sein. Dagegen können Sie nichts machen, hochgeehrter Herr Justizrat. Auch daß ich Ihnen den schönen Roman, den Sie mir von meiner Mutter erzählt haben, glaube — wollen Sie mich dazu zwingen? Vergebliche Mühe, Herr Rechtsbeistand. Ich kenne die Wahrheit, und jeder Schwindel prallt an mir ab. Es handelt sich um die Stimme der Natur. Daß meine Mutter nicht drauf hören will, ist unglaublich; aber dazu hast Du sie natürlich gebracht. Ich jedenfalls, das schwöre ich Dir — ich lasse mich nicht so ducken wie Mutter. Jetzt komme ich zu Dir nicht mehr, aber ich weiß, wohin ich zu gehen habe. Ich werde mir schon Gehör verschaffen, Herr Justizrat. Zunächst mal hetze ich einen Kollegen, einen Rechtsanwalt auf Sie, und dann werden wir weiter sehen. Es wäre ja schließlich nicht das erstemal, daß die Leute einer richtigen Überzeugung geglaubt haben. Wer das Recht auf seiner Seite weiß, geht durch dick und dünn. Dafür ist ja schließlich auch unser Heiland gestorben.

Oder weißt Du nichts von dem? Was geht denn eigentlich in Dir vor, Vater, warum willst Du mich denn nicht? Ich hätte doch noch eine richtige Liebe für Dich, jetzt, wo Du alt und krank bist. Ein Mensch, der nur Gerechtigkeit will, kann doch kein schlechter Mensch sein. Du könntest es noch so gut haben, wenn Du mich endlich dahin ließest, wo mein Platz ist.

Aber das ist wohl alles vergebens. Jetzt mache ich mir keine Hoffnung mehr. Lebe wohl, und Du wirst von mir hören.

Deine Tochter Berta.‹ — —


Viktor Schwarz war mühsam zusammengeflickt — mehr galt sie nicht, seine Genesung. Er wußte es, aber es genügte ihm, daß die Welt ihn wieder sah und verehrte. Wieviel geheime Ruinen herrschten in Groß-Berlin! Er steigerte sogar sein früheres Leben. Die Gesellschaften in der Grunewaldvilla wurden immer glanzvoller, und man konnte an eine späte Blüte glauben, denn Justizrat Schwarz war nicht mehr allein. Nach seiner letzten Krankheit hatte er es gewagt, was ihm bisher zu kühn erschienen — er hatte seine langjährige Freundin ins Haus genommen. Gusti Bernhardi stellte er offiziell als Wirtschafterin vor.

Sie war am Ziel. Nun konnte sie den Eigensinnigen ganz beherrschen, die kolossale Erbschaft war ihr gewiß. Ihre wienerische Grazie machte auch alle bösen Zungen stumm. Das Dekorum wurde gewahrt, und man gönnte dem leidenden alten Mann das bißchen Freiheit, wenn er auch Präsident des Bundes für ethischen Fortschritt war. Die strengsten Herren amüsierten sich jetzt dank Gusti Bernhardi ausgezeichnet im Hause Schwarz.

Sie ahnte, was ihren Freund zu seinem Entschluß gebracht hatte. Von Bertas Besuch hatte er ihr nicht erzählt, denn er fürchtete, vor ihr blamiert zu sein; aber er biß so sichtlich noch einmal die Zähne zusammen, sammelte so ingrimmig alle Machtmittel seines erfolgreichen Lebens, daß dieser letzte Kraftaufwand nur einen Grund haben konnte: Das kleine, hungerige Tier nagte an seiner Wurzel, die Verfolgerin, die nicht leben wollte ohne ihren Erzeuger. Täglich fühlte er sich bedroht und wartete auf einen Überfall. Der Tag, der keinen brachte, war ihm geschenkt, und er lächelte oft seltsam erleichtert, wenn man sich an seine Tafel setzte.

Bertas Brief hatte er ohne Antwort gelassen. Weitere Briefe die er bestimmt erwartet, folgten nicht. Es vergingen Wochen, Monate — Berta blieb stumm. Hatte sie es aufgegeben? War ihr endlich die Erkenntnis gekommen, daß die Eroberung dieser Festung unmöglich war?

Viktor Schwarz dachte vergeblich darüber nach — schließlich nahm er an, daß der Rechtsbeistand, den Berta befragen wollte, nicht ihr, sondern dem vermeintlichen Vater geholfen hatte. Welcher orientierte Anwalt in Berlin wagte es, mit Viktor Schwarz anzubinden? Viele gab es sicher nicht. Das hatte er in dreißig Jahren doch erreicht. Man ›wimmelte‹ die kleine Querulantin ab — vom Standpunkt des Gesetzes war ja doch nichts mehr zu machen.

Aber während Viktor Schwarz sich immer mehr beruhigte, verkannte er die wahre Ursache von Bertas Beschwichtigung. Sie war von ihm abgelenkt, sie hatte trotz ihres Vorsatzes keinen Kollegen auf ihn gehetzt, weil die stärkeren Mächte des Lebens sie gepackt hatten.

Ihre Kinder erkrankten. Es war Scharlach und die Gefahr wurde groß. Als die Krisis überwunden war, folgte eine Augenentzündung, die den Arzt sehr besorgt machte. Er fürchtete, daß das Ehepaar Rietschel blinde Kinder behalten würde. Nun tat man alles, um das Unheil abzuwenden. Ein berühmter Spezialist, den Rietschel kommen ließ, verordnete eine langwierige Kur in einem thüringischen Sanatorium. Dorthin mußte Vater oder Mutter mit den Kindern übersiedeln. Nur so konnte ihnen das Augenlicht erhalten bleiben.

Rietschel überlegte nach langer Zeit wieder einmal eine große Entscheidung mit Berta. In seine Angst um die Kinder mischte sich auch die, daß Berta ihn jetzt nicht verstehen könne. Mißtrauisch sah er sie an, während er ihr die Verordnung des Arztes auseinandersetzte:

»Es ist natürlich schrecklich, es schmeißt uns alles wieder um. Wir müssen die Kinder aus der Schule nehmen, wir müssen selber auseinander gehen, denn entweder mußt du oder ich mit ihnen nach Jena. Aber was bleibt einem übrig? Das ist eben das Leben, das heißt verheiratet sein. Gespielt und gespaßt wird nicht immer. Plötzlich kommt der große Ernst und —«

»Warum redest du denn so viel?«

Berta stellte diese Frage mit seltsamer Überlegenheit. Er ärgerte sich und bekam einen roten Kopf: »Weil man doch bei dir nie weiß, woran man ist! Sollen unsere Kinder blind werden?!«

Er schluchzte fast. Sie aber antwortete mit einer Milde, die sie lange nicht besessen: »Du bist ein Esel, Peter.«

»Na jedenfalls — ich kann hier nicht weg!! Sonst geht das Geschäft zugrunde! Von dem Geschäft leben wir! Das ist die Hauptsache! Auch für die Kinder!«

»Du bleibst selbstverständlich hier und ich fahre mit den Kindern.«

Rietschel starrte sie an — sein Gesicht begann sich aufzuhellen: »Weißt du aber auch, was du übernimmst, Berta?«

»Es ist unglaublich! Du redest wirklich nicht mehr mit mir, als ob ich die Mutter wäre!« —

Berta reiste mit den Kindern. Staunend sah Rietschel, welche Entschlossenheit sie beherrschte. Fanatisch griff sie alles an, aber hier wurde ihr Fanatismus zum Segen. Rietschel glaubte daran, daß sie ihre Aufgabe durchführen würde. Zum erstenmal fühlte er wieder Stolz auf seine Frau. Eigentümlich äußerte sich seine Empfindung. Er stand mit geballten Fäusten da und flüsterte: »Der alte Lump im Grunewald — muß er das arme Weib nun so quälen?« — —

Länger als ein Jahr blieb Berta mit Paul und Grete in dem Sanatorium. Es war eine teure und opfervolle Zeit, aber sie brachte dreifach Segen. Die Kinder genasen; Rietschel, der trotz aller Sorgen doch wieder einmal Ruhe hatte, verdiente viel, und Berta war von ihrer Vatersuche abgelenkt. Ein Viertes aber ergab sich, das die tiefste Bedeutung hatte. Die Kinder fanden sich endlich ganz zur Mutter. Sie sahen in das wahre Feuer ihrer Seele, und nun konnte sie nichts mehr von ihr trennen. Wer keinen Schlaf und kein Essen gebraucht, um ihnen zu dienen, der blieb ihr bester Halt, auch wenn die Rätsel des Lebens noch so viel verwirren wollten. Bertas Kinder erfaßten den Urzusammenhang und ließen von ihrer Mutter nicht mehr ab.

Als sie endlich wieder in Berlin waren, von dem vereinsamten Vater freudig begrüßt, schien die glückliche Zeit fortzudauern. Berta wurde von Rietschel mit Anerkennung überschüttet, sie wachte auch über den gesunden Kindern, und die alten Gespenster schienen weitab zu fliehen.

Es war Rietschels Tragik, daß er nichts von seiner Frau wußte, als er sie stolz und glücklich zu durchschauen glaubte. Berta lebte unter einer Pflicht, für sie gab es keine Wahl vor solcher Aufgabe, denn sie war wirklich eine Mutter, aber für ihr eigenstes Wesen, das nun einmal bei Rietschel darben mußte, war die Wandlung des letzten Jahres nur Betäubung gewesen. Sie hatte abgebüßt, was sie dämonisch ins Verderben trieb. Sie hatte Vergessenheit gefunden in der Welt, die sie nur als Frau und Mutter gelten ließ. Der Durst ihres Innersten blieb ungestillt.

Aber zu einem wirklichen Schritt konnte sie sich nicht mehr aufraffen. In schwermütige Bitterkeit verbissen, lebte sie weiter — auch in Berlin, wo sie nun alles an alte Leiden erinnerte. Die Wanderungen mit den Kindern über Thüringer Waldhöhen hatten sie abgelenkt — jetzt wußte sie wieder, wo der Weg in den Grunewald führte. Es hieß, den Kopf in den Sand stecken, arbeiten und im Pfluge gehen.

So vergingen einige Jahre. Das große Einerlei schliff manchen ruhelosen Wunsch ab. Rietschel wußte um Bertas enges Dasein ein Behagen zu breiten, das billig betäubte — er hielt es für den Frieden, den sie gebraucht. Oft reizte es sie, aufzuspringen, die Hülle abzuschütteln, dem selbstzufriedenen Manne zuzurufen: ›Nein, du irrst dich! Ich bin noch ebenso, wie ich war! Du kannst mir nicht geben, was ich brauche!‹ Dann aber sah sie auf ihre Kinder und verstummte. Paul und Grete wurden schöne, aufrechte Menschen. Man wunderte sich oft, daß den Rietschels solche Kinder beschieden waren. Rührend, durch frühes, gemeinsames Leid verknüpft, festigte sich ihr Geschwisterbund.

Rietschels galten als wahrhaft glückliche Familie — Justizrat Schwarz hörte davon zuweilen durch Tübbeke, seinen Bureauvorsteher. Frau Grunow war inzwischen an Altersschwäche gestorben, ihr Sohn Alfons lebte bei politischen Freunden in Rußland — Tübbeke war ganz allein. Justizrat Schwarz behielt den Greis, der seine Arbeit immer noch verrichtete, er war ihm auch wertvoll, weil er ihm von Berta Rietschel erzählte. Was der alte Lebenskünstler im Grunewald gern glaubte, das glaubte er intensiv. Berta war für ihn erledigt. — »Als Gattin und Mutter hat sie doch noch ihre Bestimmung gefunden«, sagte er zu Gusti Bernhardi. Seine Freundin zuckte die Achseln — sie hatte einen tieferen Blick in Bertas Leben getan, aber sie ließ ihn bei seinem Glauben.

Viktor Schwarz hatte immer den Frühling geliebt. Schon aus ferner Jugendzeit waren ihm bestimmte Bilder in Erinnerung geblieben. Aber der Frühling war auch die Zeit der Schmerzen und Gefahren für ihn. Er wurde nun doch ein alter Mann — daran war nicht zu rütteln. Ein Maiabend, allzulange im Garten bei köstlicher Bowle verträumt, hatte ihn verführt, seine letzte Leidenschaft zu entfachen. Gusti Bernhardi gewährte es ihm, denn sie sah, was er nicht sah: die Nähe des dunklen Hafens. Von Mitleid und Berechnung erfüllt, diente sie einem Absterbenden. Der Morgen dann wurde kritisch. Zusammenbruch drohte, aber der eigensinnige Mann hörte auf keine Warnung. Er hatte ein großes Geschäft vor, es trieb ihn, stolz auf seine Kraft zu bleiben — nach dem Frühstück brach er auf und humpelte an seinem Krückstock in den Frühling hinaus. Was Gicht — was Krampfadern — er konnte noch leben und lieben!

Das Automobil erwartete ihn erst in Halensee — bis dorthin wollte er unter der lieben Sonne gehen. Sonderbare Bilder tauchten heute vor ihm auf. Er sah sich plötzlich wieder als jungen Assessor in Strelenwalde. Am offenen Fenster seiner Wohnung stand er und blickte auf das Haus des Konditors hinüber. Dann ging er zu Liese, der blonden, schlanken, in den schattigen Garten der Zubermühle. Er hatte doch nur sie geliebt. Niemals vergaß er die Stunde jener Nacht, als sie sich gebückt und Blumen aufgehoben hatte. Huschten die verflogenen Küsse über seine welken Lippen? »O Jugend«, flüsterte Viktor Schwarz — es war ein blutender Laut der Reue. Dann blieb er plötzlich stehen, griff an sein Herz, starrte hilflos mit großen Augen vor sich hin und sank zu Boden.

Man fand den Toten und erkannte ihn bald. Das Automobil wurde geholt, und es trug ihn zu Gusti Bernhardi zurück. — —

Rietschel las jetzt die Vossische Zeitung. Im Interesse seiner Kundschaft war er dazu übergegangen. Eines Abends stutzte er plötzlich, warf einen schnellen Blick auf Berta und versuchte noch die Bewegung, die ihm eine Nachricht brachte, zu bemänteln. Aber es war zu spät. Berta pflegte ihn immer beim Zeitunglesen zu beobachten.

»Na, was ist denn?« fragte sie unruhig.

Er überlegte schnell — aber Verheimlichen hatte keinen Zweck — sie erfuhr es ja doch — dann wurde es nur noch schlimmer.

»Na, Berta«, sagte er sanft — »nun ist es eben eingetreten. Er soll ja schon lange ein verlorener Mann gewesen sein.«

»Wer? ...«

Bevor er antworten konnte, war sie schon aufgestanden, hinter ihn getreten und sah über seine Schulter in das Blatt. Er fühlte, wie sie bebte. Sie konnte nichts sagen. Es dauerte lange, bis sie es verstand. Keine Familiennachricht war dem verstorbenen Justizrat gewidmet, sondern ein langer Artikel im lokalen Teil. Die Wichtigkeit des Toten spiegelte sich darin. Berlin war um einen großen Namen ärmer.

»Laß dich nicht so davon aufregen, Bertchen«, sagte Rietschel nach langem Schweigen. »Ich kann ja verstehen, daß es dich packt. Die Art, wie der Mann gestorben ist, hat was Trauriges. Aber der Tod macht nun mal keinen Unterschied. Auch Kaiser Friedrich ist gestorben — das fällt mir jetzt bloß so ein. Und du darfst nie vergessen — um dich hat er keine Träne verdient.«

Er blickte schließlich zu ihr auf, da sie noch immer nicht antwortete. Da sah er, wie sie erst mechanisch die Lippen bewegte — dann hörte er sie: »Meinst du, daß ich um ihn weine? Nein. Innerlich bin ich seit Jahren mit ihm fertig. Den Tod hat er verdient —«

»Berta ...«

»Ja, ja, es klingt abscheulich, aber ich muß es jetzt sagen. Er mußte auf der Straße sterben. Nicht mal die Bernhardi ist bei ihm gewesen — —«

»Laß ihn ruhen, Berta.«

»Von mir aus ...! Wenn er kann ...! Wenn er sterben konnte, ohne mir mein Recht zu geben —!«

»Herrgott, was meinst du denn damit?«

»Peter, wir standen schon wieder so gut miteinander — mach' mich nicht irre, Peter! Er war mein Vater, wenn er's auch nicht zugegeben hat! Jetzt, nach seinem Tode, ist er's ebenso und mehr noch, denn er kann es mir nicht mehr abstreiten! Jetzt sag' ich es laut vor der ganzen Welt!«

Rietschel drückte den Kopf in beide Hände. —

»Nun geht deine Geschichte wieder von vorne los«, flüsterte er gequält.

Berta ging mit heftigen Schritten im Zimmer umher: »Die hat bei mir noch niemals aufgehört! Du sollst jetzt sehen, Peter, das ich recht behalte! Ganz beschämt sollst du sein, weil du kein Vertrauen zu deiner Frau gehabt hast, die doch nur deine Zukunft im Auge hat!«

Mit geröteten Augen sah Rietschel sie an: »Ich kann dich nicht verstehen, Berta. Was meinst du? Der Mann ist tot, erreicht hast du nichts bei ihm, nun laß ihn schlafen, nun komm du im Leben zur Ruhe!«

Sie blieb vor ihm stehen, in ihre Augen kam ein seltsam lächelnder Triumph: »Ich will aber zu mehr kommen, mein Lieber — weil er tot ist, weil ich im Leben zur Ruhe kommen möchte!«

»Was heißt das? Meinst du, daß er dich im Testament noch anerkannt hat?«

»Das will ich nicht sagen! Aber er hat mich unbedingt in seinem Testament bedacht!«

»Berta, um Gottes willen, wie kommst du denn darauf? Du machst dir wieder Illusionen — so was hab' ich noch nicht gesehn! Dem alten Gauner lag doch nach seinem Tode ebensoviel an seinem Ruf wie vorher! Ums Geld ging es ihm nicht — aber was die Leute ihm nachreden, daß da alles klappt, und daß er wie so'n richtiger Engel in den Himmel fliegt. Dich konnte er nicht brauchen, da verlaß dich drauf — du kommst in seinem Testament nicht vor! Dafür haben die Erbschleicher gesorgt!«

Berta ging zum Fenster und starrte hinaus. —

»Nein, Peter,« sagte sie nach einer Weile — »Du siehst die Sache nicht richtig. Ich weiß es ganz genau. Was er im Leben nicht konnte, das war ihm im Tode möglich — oder vielmehr in seinem letzten Willen, wovon ja bis jetzt kein Mensch was weiß. Da kommt die große Überraschung. Denn ich will dir sagen, was die Hauptsache ist: Er hat es gebraucht. So weit kannte ich ihn auch. Der Mann war nie glücklich, weil er mir gegenüber ein schlechtes Gewissen hatte. Das wußte ich, und darum blieb ich hinter ihm her. Ich sage dir, es war nicht vergebens, daß ich ihm nicht von der Pelle ging. Ein Erbschleicher war ich darum nicht — darf man die eigene Tochter so nennen?! Ich wollte nur erreichen, daß er mich nicht vergißt, und das habe ich erreicht. Du wirst sehen — ganz zuletzt hat er noch Frieden mit mir gemacht. Der Mann war ja so klotzig reich — was lag ihm denn daran, mich mit hunderttausend Mark 'reinzusetzen?«

»Man sachte, sachte«, sagte Rietschel, den Kopf schüttelnd. »Hunderttausend Mark — das ist leicht gesagt. Mich soll's wundern, wenn es tausend sind ...«

»Willst du mir schon wieder den Mut nehmen?«

»Nein, Kind, ich weiß ja, du meinst es gut. Du denkst an die Kinder. Aber Geld allein macht nicht glücklich —«

»Man muß es auch haben!« — Scharf auflachend verließ Berta das Zimmer. Er kam nicht weiter mit ihr. —

In den nächsten Tagen studierte sie mit fieberhafter Spannung alle Zeitungen. Doch was sie suchte, fand sie nicht. Immer wieder standen Nachrufe darin — ein Dutzend Aktiengesellschaften ehrten ihren verstorbenen Aufsichtsrat, viele Vereine und Stiftungen priesen den verblichenen Wohltäter — nur die einfache Anzeige der Familie fehlte. Die mußte ja Ort und Stunde des Begräbnisses mitteilen.

Abends sagte Berta zu Rietschel: »Eine Bitte mußt du mir erfüllen, Peter!« — Er zuckte zusammen: »Erst sage, was es ist.«

»Du wirst es mir nicht abschlagen. Ich rate dir, tu's nicht. Ich möchte mit dir zu der Beerdigung gehen —«

»Berta!«

»Doch, Peter! Das ist die einzige Gelegenheit, wo ich mal alle beisammen sehen kann! Die Leute, zu denen ich ja auch gehöre! Ich bin doch eigentlich die Hauptperson!«

»Das ist ja peinlich, Berta. Was soll ich denn da? Ich kenn' doch keinen Menschen, und wo bloß die Neugierigen stehen, da willst du doch nicht bleiben —«

»Sicher nicht! Ich stell' mich in die vorderste Reihe! Dicht an den Sarg!«

»Da haben wir's! Womöglich noch in Schwarz und mit 'n langen Schleier?«

»Was denn sonst? Ich weiß, was sich gehört!«

»Also — Berta — wann wirst du endlich Vernunft annehmen?«

»Du hast es mir versprochen!«

»Ich — —«

»Du hast es mir versprochen!« —

Berta blieb bis zum nächsten Morgen in einer geradezu glücklichen Spannung. Sie versprach sich alles mögliche von dem Begräbnis. Als sie aber in die Zeitung blickte, wich die Farbe wieder aus ihrem Gesicht — zusammenknickend stand sie vor Rietschel.

»Na, was ist denn? Steht was drin?«

Sie antwortete nicht. Nun las er die Anzeige der Familie:

›Am 5. Mai verschied nach langem Leiden unser lieber Vetter, Onkel und Schwager, Herr Justizrat Viktor Schwarz, Ritter hoher Orden. Im Sinne des teuren Entschlafenen hat das Begräbnis bereits in aller Stille stattgefunden.

Die trauernden Hinterbliebenen.


Rietschel konnte ein Lächeln kaum unterdrücken — er fühlte sich sehr erleichtert. Berta aber flüsterte mit zuckenden Lippen: »Der ist unglaublich! Der entwischt einem im Tode noch! Aber laß man gut sein, Peter — das Testament! Ich warte auf das Testament!«