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Frau Rietschel das Kind

Chapter 24: DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

DREIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Onkel Tübbeke war schon auf Bertas Besuch gefaßt. Nun kam sie ausgerechnet, als er eben ein Abendbrot verzehren wollte, auf das er sich schon lange gefreut hatte: Bockwurst mit Kartoffelsalat. Es war ohnehin keine Kleinigkeit für einen alten Mann, allein zu wirtschaften — den Verlust seiner Schwester empfand er bitter. Nun erschien noch diese aufgeregte, kleine Frau und wollte womöglich, daß er ihr zu einer Erbschaft verhülfe.

Tübbeke verschanzte sich: »Was ist los, Berta?«

»Ich will dich nicht weiter stören, Onkel — sage mir nur, wer die Testamentsvollstrecker sind.«

»Von ihm?« — Er machte eine vielsagende Bewegung.

»Ja, natürlich! Du mußt es doch wissen!«

»Und warum willst du das wissen?«

»Lieber Onkel, wir wollen uns darüber nicht unterhalten, Du kannst dir ja vorstellen, daß ich ein berechtigtes Interesse an dem Testament habe.«

»Ich kann mir garnichts vorstellen.«

»Sage mir bitte jetzt, wer die Vollstrecker sind.«

»Ich bin nicht berechtigt, dir das zu sagen.«

»Reize mich nicht, Onkel!«

Sie schlug mit ihrer zitternden Faust auf den Tisch. Dem alten Mann wurde es ängstlich zu Mut. Er war mit dieser exaltierten Person allein — ihrem Verstande traute er schon lange nicht. Bis er die Leute im Hause herbeirief, stach sie schon mit der Gabel auf ihn ein oder tat sonst etwas Unglaubliches. Auch wurde die Bockwurst kalt, wenn er auch einen Teller darüber gestülpt hatte. Schließlich konnte er ihr ja die Namen nennen — sie loszuwerden, war dann Sache der mächtigen Herren.

»Also, damit du mich endlich in Ruhe läßt — der Notar ist Justizrat Alexander II in der Nürnberger Straße 15. Testamentsvollstrecker haben wir außerdem noch drei, denn das Testament ist danach.«

»Wohl unglaubliche Reichtümer?«

Onkel Tübbeke sah zur Decke: »Das kannst du dir ja denken.«

»Und die andern Herren? Ich schreib' sie mir gleich auf.«

Er nannte ihr noch drei Adressen. Berta glaubte Kostbarkeiten zu sammeln, während sie sie notierte. Die Namen imponierten ihr gewaltig — ein Universitätsprofessor, ein Kommerzienrat und der Direktor einer großen Bank.

»Na, das sind doch Leute — die werden schon ein gerechtes Urteil haben«, sagte sie vor sich hin.

Onkel Tübbeke brummte etwas Unverständliches. Er lüftete den Teller und befühlte die Bockwurst. — »Sonst noch was?« fragte er verdrießlich.

Berta stand auf: »Nein, Onkel. Danke sehr. Jetzt lass' ich dich essen. Entschuldige bitte die Störung. Aber sage mir nur noch das eine: Was glaubst du, wie ich bedacht bin?«

»Wo?«

»In dem Testament!«

»Davon weiß ich nichts.«

»Hältst du es aber für möglich?«

»Möglich ist vieles im Leben.«

Bertas Gesicht erglühte. Nach einer Pause fragte sie noch: »Wann ist denn die Testamentseröffnung und wo?«

»Übermorgen bei Alexander II.«

»Da kann ich doch hingehen?«

»Hingehen kannst du natürlich; aber ob sie dich 'reinlassen, ist die Frage. Man muß 'ne Karte haben.«

»Die krieg' ich schon noch.«

»Ist aber die höchste Zeit.«

Als Onkel Tübbeke wieder allein war, dachte er kopfschüttelnd: ›Sie ist doch 'n richtiges Kalb geblieben. Wenn sie keine Karte kriegt, dann gilt sie doch auch nicht als Erbin, dann braucht sie sich doch gar keine Hoffnung zu machen. Daß sie sich das nicht sagt ...‹ —

Berta war schon nach der Nürnberger Straße unterwegs. An ihre Pflicht zu Hause dachte sie nicht — das Mädchen würde schon fürs Essen sorgen. Sie selbst kaufte sich eine Apfelsine und zwei Bananen. Während sie diese Früchte verzehrte, dachte sie: ›Nun komm' ich bald nach Italien und nach Indien. Ich will überhaupt große Reisen machen. Da vergißt man hier den Plunder und kommt auf andere Gedanken.‹

Bei Justizrat Alexander II empfing sie ein strammer, gescheitelter Bureauvorsteher, an dem jedes überflüssige Wort abprallte. Er sah sie von oben bis unten an: »Sie wünschen eine Karte für die Testamentseröffnung Viktor Schwarz? Wenn für Sie eine bestimmt war, hätten Sie sie längst durch die Post erhalten. Wie ist denn Ihr werter Name?«

»Prutz« stieß Berta hervor. »Nein — Rietschel!«

Das Personal kicherte. Der gescheitelte Herr schnitt eine Grimasse, um ernst zu bleiben: »Also gilt wohl die Berichtigung? Rietschel?«

Er sah in einer Kiste nach — dann schüttelte er den Kopf: »Bedaure, der Name Rietschel ist nicht aufgeführt. Und Prutz, der Ordnung halber — auch nicht.« — Er wandte sich Berta zu. »Sie sind keine Erbin«, sagte er mit strenger Polizeimiene.

Jetzt blickten alle auf sie — es war, als ob man eine Diebin ertappte.

»Das ist ja ganz unmöglich«, stammelte Berta.

»Ich habe das Meinige getan — ich bitte, meine kostbare Zeit nicht länger in Anspruch zu nehmen.«

»Ich werde es anfechten!«

Jetzt hörte sie ein deutliches Lachen um sich her.

»Da sollten sie doch mindestens die Eröffnung des Testaments abwarten«, sagte ein Fräulein in halb mitleidigem, halb spöttischem Ton.

»Das werde ich! Auch ohne Karte!«

Sie lief fort. Die Heiterkeit legte sich nach ihrem Verschwinden noch lange nicht. — »Ja, ja, was man nicht alles erlebt«, sagte der gescheitelte Herr, sich die Augen wischend. »Es ist unglaublich. Wenn es heißt ein Millionentestament, dann melden sich Leute, die mit dem Erblasser mal in der Elektrischen gefahren sind.«

»Und die kleine Frau tat so, als ob sie die eigene Tochter wäre«, meinte das Fräulein. —

Die Testamentseröffnung war jedenfalls ein Ersatz für das versäumte Begräbnis. Berta konnte nun doch noch alle beisammen sehen. Eine Stunde vor Beginn erschien sie in der Nürnberger Straße und sah in einem wunderlichen Gemisch von Neid, Groll und Neugier die Geladenen kommen. Gusti Bernhardi fuhr in Justizrat Schwarz Automobil vor — ihre Trauerkleidung war von vorbildlicher Eleganz.

Berta stand abseits und zappelte vor Aufregung. Sie hielt sich noch immer für die Hauptperson, die auf dem Höhepunkt des Dramas in die Handlung eingreifen konnte. Ob und wie sie es tat, darüber konnte sie zu keinem Entschluß kommen. Schließlich packte sie der Wunsch, in den Versammlungsraum zu gelangen, so stark, daß sie mit Nachzüglern hineinzuschlüpfen versuchte. Aber der gescheitelte Bureauvorsteher stand als Zerberus vor der Tür. Er erkannte sie sofort und fragte schroff: »Ihre Karte?« — Berta verstummte. — »Ohne Karte hat niemand Zutritt!«

Weinend wich sie auf die Treppe zurück. — »Na, was ist denn, Frauchen?« fragte ein Schornsteinfeger, der eben vorüberkam.

Berta erschrak vor seiner höllischen Erscheinung, aber sie antwortete: »Ich bin die leibliche Tochter und soll nichts erben!«

Der schwarze Mann sah sie betroffen an: »Ist nicht möglich ... ja, so sind die Reichen. Na, machen Sie doch Krach!«

Er ging mit seinem Besen weiter. Berta stand wieder auf der Straße. Der Mann hatte recht. Krach wollte sie machen. Krach mußte sie machen! Sogleich, wenn die Erben das Haus verließen, sollte es geschehen!

Endlich kamen sie. Die meisten sichtlich beflügelt — heuchlerische Trauer deckte kaum ihre heimliche Wonne. Man wahrte die Form — man stelzte würdig von dannen. Aber auch Mißvergnügte kamen. Das Testament mußte doch unangenehme Überraschungen enthalten. Als Gusti Bernhardi wie eine königliche Witwe davonrauschte, konnte Berta sich nicht mehr halten. Sie stürmte über den Damm. Das Automobil rollte schon an ihr vorbei, und es war ihr, als ob Gusti betroffen aus dem Fenster sehe. Vor dem Hause aber stand jetzt ein heftig debattierender Schwarm. Lachende Erben waren es nicht — man scheute nicht den Spott der Beobachter und stritt um das Testament.

Hier glaubte Berta einsetzen zu können. Sie trat an die Gruppe heran und fügte immer wieder, wenn ein Gekränkter seine Meinung gesagt, mit ihrer klagenden Stimme ein: »Und ich bin das Kind!«

Man achtete anfangs nicht auf sie, man war zu sehr mit den eigenen Interessen beschäftigt — dann aber fuhr plötzlich ein dicker Herr zu der kleinen Frau herum: »Was wünschen Sie denn eigentlich? Sie flöten mir da immer was ins Ohr, und ich kenne Sie garnicht! Das macht einen ganz nervös!«

Auch die anderen blickten Berta verwundert lächelnd an.

»Entschuldigen Sie — ich bin sein Kind«, flüsterte sie.

»Was sind Sie?« fragte der Dicke.

»Sein Kind, seine eigene Tochter!«

Man sah sich an — das war doch noch das Originellste an diesem Testament — nun kam noch das erheiternde Nachspiel der Tragödie.

Ein schmaler, hochschulteriger Herr, der sich wie ein gravitätischer Storch bewegte, fragte Berta, an seiner Brille rückend: »Haben Sie geerbt, meine Gnädige?«

»Nein, garnichts. Ich bin leer ausgegangen. Ich durfte nicht mal 'rein.«

Einige Damen bekamen das Lachen und wandten sich ab. Eigentlich mußte man ja ernst sein.

»Leiten Sie einen Anspruch davon ab, daß Sie das Kind des Erblassers sind?« fragte der Storch.

»Ja, natürlich! Was glauben Sie denn?«

»Sie sind illegitim?«

»Ich bin seine Tochter!«

Ein junger Herr tanzte schon auf einem Bein. — »Das ist großartig!« zwitscherte er.

»Nun,« meinte der Storch bedauernd — »dann machen Sie sich keine Hoffnung. Wir sind mit dem Seligen legitim verschwägert und müssen uns mit bescheidenen Andenken begnügen.«

Man ließ jetzt von ihr ab und warf ihr noch Blicke zu, die nicht mißzuverstehen waren — ja, das Leben war schon zum Verrücktwerden. Dann trennten sich die Erben und gingen, von dem Zwischenfall aufgeheitert, friedlich auseinander. —

Berta lief wie eine Löwin vor dem verhaßten Hause auf und ab. — »Ich fechte es an! Ich fechte es an!« rief sie immer wieder. Einige Kinder, die einen großen Spaß witterten — ihnen war es gleich, ob es sich um eine Verrückte oder eine Betrunkene handelte — folgten ihr. Schließlich aber tauchte ein großer dunkler Mann mit blitzenden Knöpfen vor ihr auf. Berta starrte ihn in sein rotes Gesicht.

»Gehen Sie jetzt nach Hause!« rief der Schutzmann. »Sie erregen hier Ärgernis!«

Er wollte nichts gegen sie unternehmen, aber seine Erscheinung wirkte überwältigend. Von Kindesbeinen hatte Berta eine fürchterliche Angst vor Schutzmännern gehabt. Nun erhielt sie zum erstenmal einen wirklichen Verweis von dem Manne des Gesetzes. Blutrot machte sie kehrt und lief davon.

Auf dem Untergrundbahnhof Wittenbergplatz aber sah sie eine Frau wieder, die auch das Haus des Testamentsvollstreckers verlassen hatte. Es war eine dürftige, vergrämte Person. Sie trug ein amtliches Schriftstück in der Hand, das sie zuweilen las, um dann immer wieder erbittert den Kopf zu schütteln. Als sie Bertas ansichtig wurde, steuerte sie plötzlich auf sie zu:

»Entschuldigen Sie, Sie sagten doch eben, daß Sie die Tochter von Justizrat Schwarz wären?«

Berta zitterte: »Jawohl! aber man hat mich ausgelacht!«

»Die Ochsen! Was wissen denn die! Raten Sie mal, wer ich bin! Ich bin Minna!«

»Minna? ... Ach seien Sie mir nicht böse — aber dadurch weiß ich noch nichts!«

»Daran sieht man aber, daß Sie den alten Schwarz nicht gut gekannt haben — sonst müßten Sie wissen, wer Minna ist! Ich war achtzehn Jahre Köchin bei ihm! Achtzehn Jahre! Und wissen Sie, was er mir vermacht hat? Ein Sparkassenbuch mit 3000 Mark!«

»Das ist doch wenigstens was.«

»Haben Sie 'ne Ahnung, was sonst noch in dem Testament steht?! Hier halt' ich's in der Hand! Das ist die Abschrift!«

Berta flog am ganzen Körper: »Ach bitte! Bitte! Lassen Sie mich's lesen!«

»Warum auch nicht? Ein Geheimnis ist es nicht! Ganz Berlin wird davon sprechen! Aber mögen die Leute noch so begeistert sein von dem Mann — ich, Minna Schramm, ich sage: er war ein Schubjack!«

»Darf ich mir vielleicht erlauben, Sie in ein Café einzuladen? Da haben wir's ruhig — da kann ich auch besser lesen ...!«

»Meinetwegen. Ich habe für seinen kranken Magen gesorgt wie 'ne Mutter, sag' ich Ihnen! Wenn der Mann aus Karlsbad kam, dann hing sein Leben von mir ab! Und nun steht die eigene Tochter auf der Straße und bettelt —«

»Ich bettle nicht!«

»Na ja — ich meine das bloß so! Aber Sie kriegen nichts, und ich kriege 3000 Mark, und was die Bernhardische ist, die kriegt 300000!«

»Ist es möglich?«

»Jawoll, und die ganze Grunewaldvilla dazu!«

»Das muß doch angefochten werden!«

Sie saßen im Café. Berta konnte jetzt lesen. Aber es schwirrte ihr vor den Augen. So viel nur verstand sie: der Mann hatte Millionen hinterlassen. Fünfzehn Aktenseiten umfaßte das Testament. Man konnte sich kaum in den Papieren und Grundstücken zurechtfinden. Die Erben lebten in allen Weltteilen. Am größten waren gemeinnützige Institute und wohltätige Stiftungen bedacht. Rastlos hatte dieser ehrgeizige Mann an seinem Denkmal gebaut. An zweiter Stelle aber kam Gusti Bernhardi, seine Freundin. War die nicht illegitim?

Berta saß erschüttert, mit gebeugtem Kopfe da. Sie dachte an ihre Kinder, an ihren Mann. Wie würde es sein, wenn sie denen jetzt eine halbe Million nach Hause brächte?

Minna Schramm, die beleidigte Köchin, aß inzwischen auf Bertas Kosten den Kuchenaufsatz leer. Sie schlürfte Schokolade dazu und sagte: »Ja, ja — so ist es auf der Welt. Unsereiner guckt durch die Röhre. Aber ich nehme mir jetzt einen Rechtsanwalt.«

Da leuchtete es noch einmal in Bertas Augen: »Das tu' ich auch!« —

Sie kannte in der Zimmerstraße einen Kunden ihres Mannes, den Rechtsanwalt Albin Fuchs-Trota, den sie für sehr gescheit hielt. Keinesfalls wollte sie heute nach Hause, ohne bei diesem Mann gewesen zu sein. Rietschel wartete auf sie — sie mußte ihm unbedingt ein positives Ergebnis mitbringen.

So besuchte sie noch Albin Fuchs-Trota. Der kleine, kurzatmige Mann war kühl und skeptisch, bevor er den Namen des Erblassers wußte. Sobald er aber hörte, daß es sich um Viktor Schwarz handelte, leuchtete es in seinen Äuglein auf und er rief: »Mein alter politischer Gegner? Tot ist er jetzt, Gott sei Dank, aber nun wird man ihm noch eins aufs Protzengrab versetzen! Da kommt mir Ihre Sache sehr gelegen, liebe Frau Rietschel! Lassen Sie mir bitte freie Hand!«

Berta griff tastend nach jeder Hoffnung: »Glauben Sie denn, daß noch was zu machen ist, Herr Rechtsanwalt?«

»In moralischer Beziehung unbedingt! Praktisch, da muß ich mich erst mal über die Rechtslage informieren! Jedenfalls gibt es einen famosen publizistischen Kampf! Mit seiner ganzen Clique!«

»Mir liegt natürlich bloß daran, endlich als seine Tochter anerkannt zu sein.«

»Eins mit dem andern, liebe Frau! Wir werden ja sehen!« —

Was Berta dann sah, war wenig und wurde immer weniger. In einem Skandalblatt begannen Artikel zu erscheinen, deren anonymer Verfasser Fuchs-Trota war. Sie wühlten das ganze Leben des verstorbenen Justizrates auf. Unsaubere Hände waren am Werk, eine Säule der Gesellschaft noch nachträglich ins Wackeln zu bringen. Als Haupttrumpf mußte schließlich das Kind eines sehr unmoralischen Verhältnisses herhalten. Wer gemeint war, wurde immer durchsichtiger. Es kam dazu, daß man Rietschel daraufhin ansprach und ihm zu verstehen gab, daß er einschreiten müsse, sonst würde sich die ganze Kundschaft von ihm zurückziehen. Rietschel war außer sich, aber er durfte Bertas Nerven gegenüber nicht zu weit gehen. Seinen wirklichen Vorwurf hielt er zurück. Er ahnte, wie die Enttäuschung sie erschütterte.

Als er eben damit umging, Fuchs-Trota persönlich um das Ende des schmählichen Feldzuges zu bitten, hörte er schon von selbst auf. Eine neue »Affäre« erschien, und man brauchte andere Artikel. Es wurde wieder still um Berta. Sie wandte sich an keinen Rechtsanwalt mehr — sie haßte jetzt Rechtsanwälte. Aber die Testamentsvollstrecker nahm sie noch aufs Korn. An Justizrat Alexander II schrieb sie einen langen Brief, der dem fremden Manne ihr ganzes Leben schilderte. Antwort kam, aber es fror Berta bei diesen abgewogenen Worten. Ein Vielgewandter dankte ihr verbindlich für ihre ausführlichen Mitteilungen, die ihn sehr interessiert hätten, allerdings nur in rein menschlicher Hinsicht; denn rechtlich sähe er keinen Weg, ihr irgendwie nützlich zu sein. Selbst wenn Bertas Behauptung, eine uneheliche Tochter des Entschlafenen zu sein, zuträfe, selbst dann wäre ja jedem gesetzlichen Anspruch vollauf Genüge geschehen. ›Wenn Ihnen auch an meiner persönlichen Ansicht gelegen sein sollte,‹ schloß der Justizrat sein Skriptum, ›so gebe ich gern zu, daß wir in puncto Legitimität noch immer in recht besserungsbedürftigen Zuständen leben. Noch fehlt uns das Gesetz, das im höchsten Sinne Gerechtigkeit schafft. Sicherlich ist die Frau hier gegen den Mann benachteiligt. Unsere Kindeskinder werden vielleicht ein solches Gesetz genießen, wir aber, wie gesagt, wir haben es noch nicht, und es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns den bestehenden Verfügungen zu unterwerfen. Dies möchte ich auch Ihnen, sehr geehrte Frau Rietschel, dringend empfehlen, in Ihrem eigenen Interesse und in dem Ihrer Angehörigen, denn von jeher ist der Schwache, der gegen die Mauer des Starken anrennen wollte, zerschellt.

Mit ausgezeichneter Hochachtung bin ich

Ihr sehr ergebener

Alexander II,
Justizrat und Notar.‹


Berta blickte wie ein verwirrtes Hündchen umher. Hilflos suchte sie Erkenntnis und Gerechtigkeit. Halb unbewußt ging sie zu den anderen Testamentsvollstreckern. Universitätsprofessor Stieglitz, ein altes Männchen, empfing sie, aber er stand auf einer hohen Leiter in seiner Bibliothek. Einmal drehte er sich nach Berta um, ganz schnell, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren — dann kramte er in seinen Büchern weiter. Bertas Mitteilungen interessierten ihn nicht. Das einzige, was er schließlich erwiderte, war »Plautus!« Mit diesem Ruf zog er vergnügt einen versteckten Band heraus. Berta wartete noch eine Weile — dann warf sie in heftiger Eingebung einen Stuhl um und verließ den Herrn Professor. Sie hörte noch deutlich zwei Worte hinter sich: »Gans!« und »Kapitol!«

Von Professor Stieglitz lief sie zu Bankdirektor Markbreiter. »Leider in New York«, war der Bescheid. Dahin konnte sie nun freilich nicht. Aber sie schöpfte Hoffnung, dafür den Kommerzienrat Rosenthal zu erwischen. Hier nannte ihr ein unvorsichtiger Diener die Sprechstunde seines Herrn. Jede reale Angabe war für Berta jetzt ein Schatz. Viermal kam sie wieder, viermal ließ sie sich fortschicken. Beim fünftenmal nahm sie Rietschels Rassiermesser mit, aber sie zückte es nicht, als der Diener wieder »Nicht zu sprechen« antwortete. Draußen, vor der Villa, stand ein Schutzmann — das schreckte sie ab.

Sie stürzte davon und schrieb auf der Post einen Brief voll Beleidigungen. Zum Glück verwechselte sie bei der Adresse Rosenthal mit Lilienthal und vergaß die Hausnummer. So ging der Brief verloren. Rietschel hatte einen Kummer weniger. Als Berta aber eines Tages einem Kunden Füllfederhalter vorlegte, trat sie plötzlich zurück, schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn und lief aus dem Laden. Dem verblüfften Käufer grauste es — bei Johann Peter Rietschel hatte er eine andere Bedienung erwartet.

Berta aber stürmte, wie sie war, auf ein Automobil zu und ließ sich nach der Königsallee fahren. Heute hatte sie Glück. Als sie eben das Schwarzsche Grundstück betrat, kam ihr Gusti Bernhardi entgegen. Entschlüpfen war nicht möglich. Die erfahrene Wienerin sah auch sofort, daß sie eine Besessene vor sich hatte. Sie wollte Berta vor allem beruhigen und empfing sie deshalb mit bezwingender Liebenswürdigkeit. Rasch nahm sie ihren Arm und führte sie in das Haus.

»Das ist aber reizend, daß du dich endlich meiner erinnerst«, sagte sie mit ihrem hübschen Lächeln, das links und rechts einen Goldzahn zeigte.

»Ich habe oft an dich gedacht«, stieß Berta tonlos hervor.

Sie saßen nun in dem Zimmer, wo Berta einst dem kranken Justizrat gegenüber gesessen. — »War das nicht sein Schlafzimmer?« fragte sie.

»Ach, du warst schon einmal hier? Ja, ja — das war sein Schlafzimmer, aber da es so schön zum Garten hinaus liegt, hab' ich es zu meinem Zimmer gemacht.«

Berta starrte sie an: »Dir gehört also das Haus?«

»Ja, Berta. Das wußte ich übrigens schon lange.«

»Du gehst ja in Schwarz?«

»Das schickt sich wohl nicht anders — wie?«

»Na, eher müßte ich doch in Schwarz gehen.«

»Äußerlichkeiten, Berta.«

Sie schwiegen eine Weile. Dann sagte Berta mit würgendem Ton: »Mir ist furchtbar zu Mute ...«

Gusti Bernhardi griff nach ihrer rechten Hand — das war keine rechte Bewegung — neulich erst hatte Berta so etwas im Theater gesehen. »Warum?« fragte die vorsichtige Frau. »Ich habe doch nichts geerbt — und du? ...«

»Ach Berta — du solltest mich nicht beneiden.«

»Ich beneide dich nicht!!«

»Sei ruhig — bitte — wir wollen beide ganz ruhig sein. Hast du dir denn überhaupt mal klargemacht, was für ein Leben ich bei dem Mann hatte?«

»Das ist mir ganz egal! Ich war seine Tochter, und das glaubt mir kein Mensch!«

»Das will und kann dir natürlich kein Mensch glauben.«

»Warum denn?«

»Weil niemand ein Interesse daran hat. Du hast dich von Illusionen verblenden lassen, Berta. Du tust mir furchtbar leid. Aber helfen kann dir kein Mensch.«

»Gott wird mir helfen!«

»Also, das wünsch' ich dir von ganzem Herzen.«

»Gott sieht, was die Lumpen alle nicht sehen. Ich habe ein ehrliches Leben hinter mir! Ein schweres Leben! Nun soll ich nicht mal das Recht meiner Geburt haben? Nun soll ich nichts sein, garnichts, bloß weil's die Bande will?«

Gusti Bernhardi zuckte die Achseln: »Glaube mir nur, ich habe auch meinen Ärger und meine Enttäuschungen. Wenn du mich jetzt auch im Glanz siehst. Eins zum Beispiel — das muß ich dir doch zum Trost erzählen: ich war nämlich garnicht so auf sein Geld aus, wie manche Leute glauben — ich hab' immer eine ideale Richtung in mir gehabt. Und darum lag mir am meisten an seinen alten Bildern — besonders die beiden Niederländer im Arbeitszimmer, darauf hab' ich mich gefreut. Und nun ...«

Berta horchte auf: »Hast du die Bilder nicht gekriegt?«

»Nein, sie sind verkauft worden, und den Erlös bekam eine Frau Major von Rotkraut in Strelenwalde —«

Berta erhob sich: »Wer —?«

»Ach so — mein Gott, das ist ja deine Mutter? Daß ich das vergessen konnte! Aber nun siehst du's — an deine Mutter hat er gedacht —«

»Und ich? ... Aber hat denn das im Testament gestanden? Ich habe das Testament gelesen!«

»Dann hast du die Bilder übersehen. Es handelt sich um 250000 Mark.«

»Für meine Mutter? ... Und ich ...?«

Berta taumelte, nach Stützen greifend, hinaus. Gusti Bernhardi folgte ihr nicht. Mit bösem Lächeln flüsterte sie: »Du Tropf ... Was warst du ihm, und was war ihm deine Mutter?«