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Frau Rietschel das Kind

Chapter 25: VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

VIERUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Im Lokalanzeiger stand es: ›St. Petersburg. 5. Juli. Ein Streich von Revolutionären, die kürzlich aus dem Newagefängnis entwichen sind, bildet das allgemeine Gesprächsthema. Unter der Führung eines Deutschen setzten die Männer nicht etwa ihre Flucht fort, sondern blieben in der Stadt und zeigten sich bald offenkundig auf den Straßen. Mit einer roten Fahne zogen sie umher, sogar am Winterpalais vorbei, wo gegenwärtig der Zar wohnt, und sangen nihilistische Lieder. Schließlich erfolgte die Verhaftung. Nach kurzem Prozeß wurden alle Beteiligten, darunter auch der Deutsche namens Alfons Grunow, auf dem Hof des Newagefängnisses erschossen.‹

Onkel Tübbeke saß in seinem Lehnstuhl und las diese Notiz immer wieder. Er nickte mit dem weißen Kopf: »Ja, ja — so mußte der Junge enden. Gut, daß die Mutter es nicht mehr erlebt hat.«

Aber einen großen Zug hatte die Geschichte doch — es ging da ein bißchen anders zu als am Elisabethufer. Im Tode imponierte Alfons seinem Onkel. Nun, Adolf Tübbeke hatte nicht so leben können. Jetzt genoß er seine Pension, in der Belle-Alliance-Straße wohnte er, die den großen Vorzug hatte, daß man mehr vom Berliner Leben zu sehen bekam. Man hatte sogar zweimal jährlich die schönste Aussicht auf die Parade, denn im Frühling und im Herbst führte der Kaiser die Fahnenkompagnie dicht an Tübbeke vorbei.

Im übrigen war er ein einsamer Greis. Seufzend legte er die Zeitung mit Alfons' Todesnachricht fort und humpelte zur Tür, denn es hatte geklingelt. Er erwartete Berta Rietschel, die ihm nach Jahresfrist wieder einmal geschrieben hatte. Jetzt regte ihn ihr Besuch nicht mehr auf. Viktor Schwarz war erledigt, die Erbschaft auch und, es konnte sich nur um einen freundschaftlichen Besuch handeln. Im stillen hoffte er auch auf Bertas Freigebigkeit — sie wußte ja, was ihm schmeckte.

Hierin täuschte er sich nicht. Frau Rietschel brachte ihm eine Flasche Gilka und eine Braunschweiger Cervelatwurst mit. Sie war doch eine noble Person — dabei hatte sie es auch nicht mehr so reichlich. Die Zeiten waren durch den amerikanischen Börsenkrach schlecht, und die kleinen Geschäftsleute kämpften erbittert gegen die Warenhäuser. Außerdem zwei Schulkinder — die kosteten schon etwas.

Berta selbst gefiel dem immer noch scharf blickenden Alten nicht. Sie war bleich und aufgeschwemmt und sichtlich vernachlässigt. In ihren ruhelosen Augen glomm ein Feuer, das Verderben kündete. ›Ob sie sich noch immer nicht beruhigt hat?‹ dachte Onkel Tübbeke.

»Du wohnst hier hübsch, Onkel«, sagte Berta, die Hand auf das schlagende Herz gedrückt. »Wenn ich ans Elisabethufer denke —«

»Na, dagegen brauchst du doch eigentlich nichts zu haben? Wenn du auch 'ne schwere Jugend hattest —«

»Alles, was verfahren an mir ist, das hängt mit meiner Jugend zusammen! Ich habe solchen Haß auf meine Jugend, Onkel —«

»Aber wie kann man denn das?«

»Ich wünschte, ich hätte nie gesehen, was man vom Leben haben könnte, und was einem von all den Bestien gestohlen wird!«

›Herrgott,‹ dachte Tübbeke, ›nun fängt sie wieder an.‹ Er versuchte abzulenken. Aber die schreckliche Neuigkeit von Alfons Grunow hielt er nicht für geeignet. Berta wäre womöglich selbst mit einer roten Fahne durch Berlin gelaufen. Er brachte sie auf etwas Sicheres: »Warum hast du denn die Kinder nicht mal mitgebracht? Ich hätte mich wirklich darüber gefreut.«

Bertas Blick irrte umher: »Ach, mein Onkel. Das ist sehr nett von dir, aber die Kinder konnte ich heute nicht brauchen. Oft kommt es mir vor, als ob ich sie überhaupt nicht brauchen könnte —«

»Berta, Berta!«

»Na, ja! Was sind sie denn? Was tun sie denn? Wenn man sich darüber klar wird — sie wollen hundert Sachen von mir, Tag für Tag, aber von meiner eigensten Angelegenheit wissen sie nichts, da stören sie mich nur!«

»Was ist denn das — deine eigenste Angelegenheit?«

»Das fragst du noch, Onkel? Selbstverständlich, daß ich als Tochter von Justizrat Schwarz anerkannt werde!«

Tübbeke fuhr zurück. Er faltete die Hände: »Noch immer?«

Jetzt lachte Berta. Es war ein hartes, unheimliches Lachen: »Bis an mein Lebensende, Onkel! Und ich sage dir: Ich sterbe nicht eher, als bis die volle Wahrheit an den Tag kommt!«

Der Alte sah erst auf die Gilkaflasche und die Cervelatwurst — er mußte einen Halt haben: »Aber Berta — der Mann ist nun lange tot — das Testament ist ausbezahlt — das hättest du doch sofort anfechten müssen. Aber weil du ganz genau wußtest, daß du nichts machen kannst —«

»Wer sagt dir denn, daß es mir um das Testament geht? Ich danke für alles, was der Mensch besessen hat — das soll nur seine Kokotte im Grunewald behalten. Ich würde jetzt nichts mehr annehmen. Aber ich habe das feste Gefühl in mir, daß das Recht irgendwo liegt und auf mich wartet. Ich seh' es nur noch nicht. Aber du, Onkel, du hast jetzt deine sichere Pension, du brauchst ja keine Rücksicht mehr zu nehmen — willst du dich nicht aufschwingen und noch ein gutes Werk tun? Willst du mir nicht raten und helfen?«

Tübbeke saß zurückgelehnt und schüttelte den schwachen weißen Kopf: »Aber Berta — wie stellst du dir das vor?«

»Gib mir Ruhe, Onkel!«

»Ich tät's ja so gern — aber ich glaube bestimmt: Ruhe kriegst du nur, wenn du verzichtest.«

»Ich?! Verzichten?! In Unehre sterben, blamiert vor meinem Mann und meinen Kindern? Nie! Nie, Onkel!«

»Hm ... ja, da wüßte ich wirklich nicht ...« Tübbeke schwieg ziemlich lange, den Kopf in die Hand gestützt. Berta wartete in eigentümlicher Spannung. Dann sah der Alte sie plötzlich wieder an: »Hast du eigentlich mal im Kirchenbuch nachgesehen?«

»Im Kirchenbuch? Wo denn, Onkel? Was denn?«

»Na, du weißt doch wohl, das jede Geburt und jedes getaufte Kind in einem Kirchenbuch stehen muß? Hier handelt es sich selbstverständlich um den Ort, wo du geboren bist. Wie heißt doch das Nest?«

»Strelenwalde — an der Anhalter Bahn — — Du meinst, da steht es drin? Das kann noch zu finden sein?«

»Aber sicher. Merkwürdig, das du darauf noch nicht gekommen bist? Ihr Frauenzimmer guckt doch immer übers Nächste weg. Deine Mutter hat dich doch damals eintragen lassen, und dein Vater steht natürlich auch drin —«

»Mein Vater?!«

»Und das ist doch der sicherste Beweis, den du kriegen kannst? Wenn's dir bloß darauf ankommt — so'n Kirchenbuch, das ist doch sozusagen dem lieben Gott sein Buch — wenn du darin stehst, kann kein Mensch daran tippen.«

»Adieu, Onkel! Auf Wiedersehen!«

Berta war schon hinaus. Der Alte blieb kopfschüttelnd zurück. Nun fuhr sie also nach Strelenwalde. Vernünftiger wäre es wohl gewesen, wenn sie dort ins Amtsgericht ginge. Aber mochte sie nur in die Kirche gehen. Übrigens Strelenwalde — der Name erinnerte ihn an irgend etwas, was er kürzlich in der Zeitung gelesen hatte. Es war nichts Alltägliches gewesen. Aber, soviel er sich jetzt auch besann — es wollte seinem alten Kopf nicht mehr einfallen. Mochte sie nur hinfahren. Vielleicht gelang es ihr, und sie bekam es schwarz auf weiß. Dann hatte sie Ruhe. Er riskierte ja nichts. Seine Pension hatte er weg, der Justizrat war tot, und wer kümmerte sich jetzt noch um seine unehelichen Kinder? — —

Das stille Strelenwalde war tatsächlich in den letzten Wochen oft in den Zeitungen genannt worden. Ein Ereignis hatte sich dort abgespielt, sehr grauenvoll und grotesk. Doch bevor es erzählt werden kann, muß ein Blick auf die Menschen geworfen werden, die es miterlebten. Es griff recht tief in ihre Stimmung ein, wenn sie auch noch so friedlich im Gleise des Kleinstadt fuhren.

Liese von Rotkraut war seit einigen Jahren Witwe. Sie hatte ihren alten Invaliden treulich in den letzten Schlummer hinübergeflegt. »Du reines Weib!« waren die letzten Worte des Majors gewesen. Er hatte sie mit dem einen Auge, das ihm in Afrika geblieben, lange angesehen — nie vergaß Liese diesen Abschiedsblick. Seltsam war ihr Herz von schwankenden Gefühlen zerrissen worden — einesteils glaubte sie, die Krönung durch den ahnungslosen Mann nicht zu verdienen, andernteils wußte sie, wie sehr sie sich Anerkennung bei ihm erworben hatte. Sie führte ihre Rolle bis zur letzten Stunde durch. Hermann von Rotkraut war in der Überzeugung gestorben, eine Heilige zurückzulassen. Keine Ahnung von den wilden Strecken ihres Lebens war ihm gekommen. Aber Liese hatte auch noch mit einem anderen Vermächtnis zu kämpfen. Das lag weiter zurück. Noch zu Lebzeiten des Majors hatte Tante Sanftleben die Augen geschlossen. Ihre letzten Worte an Liese lauteten: »Vergiß deine Tochter nicht.«

Dem einen Spruch zu folgen und den anderen bestehen zu lassen — dazu fehlte es Liese an Kraft. Sie führte ihre Konditorei weiter, sie betäubte sich durch Arbeit, sie blieb hart und still. Auch als die Nachricht kam, daß Viktor Schwarz gestorben, ließ sie sich nicht aufschrecken. Gierige Freude flammte noch einmal in ihr auf, als die große Erbschaft sie überraschte. Solchen Segen hatte sie freilich nicht erwartet. Aber es tat ihr wohl, unter diesem Eindruck noch Frieden mit dem untreuen Mann schließen zu können — sie dachte sogar mit Inbrunst im Garten der Zubermühle an ihn und sorgte im übrigen dafür, daß die Erbschaft den Strelenwaldern nicht verdächtig wurde. Das Kind des Toten blieb ihr fern.

Die letzte Belebung ihres Daseins brachte Käthe Bomsdorf, das neue Ladenfräulein. Diese hübsche Person war namentlich bei der Herrenkundschaft beliebt, aber ihr keckes Wesen stieß immer wieder mit Liese zusammen, die ihre eigene Vergangenheit leugnete und die wandelnde Sittenstrenge war. Von Adele Schörg hörte Liese nur wenig. Sie wußte, wie Strelenwalde an seinem alten Prügelkinde handelte, und es war ihr peinlich, zu diesen Roheiten Stellung zu nehmen.

Adele hatte Simba geheiratet. Sie war leidenschaftlich in ein spätes und seltsames Glück gestolpert. Bald aber hatten sich Konflikte ergeben, von denen sie nichts geahnt. Zunächst mußte der Neger als christlicher Ehemann einen deutschen Familiennamen annehmen. Er war bisher nur der Königssohn Simba gewesen, und sein afrikanisches Selbstgefühl sträubte sich gegen einen Namen, der für ihn keinen Sinn hatte. Er ließ sich nichts vorschreiben, auch von Adele nicht, und beschloß plötzlich, sich einfach nach seinem fernen Vaterlande zu nennen, nämlich Großpopo.

Adele war außer sich. Sie sah sofort, was kommen würde — das Gelächter war unendlich. Doch vergebens suchte sie Simba von den Namen, dessen deutsche Bedeutung sie ihm klar machte, abzubringen. Er war tief beleidigt. Großpopo, seine Heimat, klang ihm besonders schön, und er spuckte aus, wenn man ihm mit Meyer oder Schulze kam. Gegen Simbas Überzeugung war nichts zu machen — Adele mußte sich fügen, wollte sie ihr ganzes Glück nicht aufs Spiel setzen.

Die Strelenwalder lachten sich satt. Berühmt wurde der Ausspruch, den die Frau Bürgermeister bei einer Kaffeegesellschaft tat: »Den neuen Namen von Adele Schörg können anständige Leute unmöglich aussprechen. Wir haben beschlossen, sie von jetzt an Frau Großpapa zu nennen.«

Dabei blieb es, aber es schwankte auch hin und her, bald a, bald o; besonders die Schuljugend konnte sich an tückischen Verwechselungen nicht genugtun. Adele erkannte nun erst, als sie eine geachtete Frau geworden, was das Verhängnis ihres Lebens war. Sie konnte nicht wie die andern sein — immer wieder heftete sich das Lächerliche an ihre Gefühle.

Sie hatte Liese Prutz die Tatkraft abgesehen — nun übernahm sie nach ihrer Heirat des Geschäft ihres verstorbenen Vaters. Aber sie verkaufte das väterliche Haus und zog in ein schöneres, das sie sich schon lange gewünscht hatte. Dicht neben der Kirche lag es — das erhöhte noch den Respekt. Aber Adele konnte tun, was sie wollte, sie wurde wirklich eine tüchtige Geschäftsfrau, und Simba half ihr mit der zähen Arbeitskraft des Negers — ihre Existenz wurde nicht ernst genommen. Über dem Laden hing ein Schild mit der schön gemalten Firma S. Großpopo vormals Schörg — das genügte, um das Haus zur Zielscheibe täglichen Witzes zu machen. Die Schuljugend ärgerte das fleißige Ehepaar mit ihren kleinen Streichen; jeder Erwachsene, der den Laden betrat, schnitt ein Gesicht zwischen Ernst und Spott und feinfühlige Leute — das war das allerschlimmste — vermieden es bald, bei Großpopo zu kaufen. Adele verlor ihre beste Kundschaft.

Es war von jeher die Eigenschaft der Strelenwalder gewesen, vom Märchen des Lebens nichts zu spüren. Jetzt blühte es mitten in ihrer Gemeinschaft, aber sie starrten nur auf den Namen, der ihnen komisch klang, auf den Begriff, der einer fremden Seele gehörte.

Ob Simba verstand, wie es um ihn herum zischte und kicherte, war nicht zu erkennen. Adele fürchtete nichts so, wie sein Begreifen; denn sie wußte, wie furchtbar er werden konnte, wenn man ihn beleidigt hatte. Wie ein Löwe nahm er dann Rache und war zu allem fähig.

So gelang es ihr, ihm die böse Stimmung fernzuhalten, zum mindesten in einem Licht zu zeigen, daß er selbst darüber lachen konnte. Leider wirkte das verächtliche Wesen des Schwarzen noch aufreizender auf die Strelenwalder. Man wurde immer unverschämter. Adele versuchte es bei den beiden Instanzen, die sie anrufen konnte: bei der benachbarten Kirche und bei der Polizei. Der Herr Pastor, der stolz auf seine Missionstat war, einen Neger bekehrt zu haben, sagte: »Liebe Frau — Großpopo, Ihr innerer Besitz entscheidet. Sie sind doch eine glückliche Frau, Sie sagten mir soeben, daß Sie sich Mutter fühlten — nun, was hat denn das Leben Größeres zu geben? Bei Schwarz und Weiß, in Europa und in Afrika? Das muß Ihnen über jeden kleinen Ärger forthelfen.«

»Gewiß, Herr Pastor. Aber die Leute hier benehmen sich, als ob wir in Amerika wären, die lynchen uns ja nächstens, weil ich einen schwarzen Mann habe.«

»Nein, Frau Adele. Das ist übertrieben. Davor schützt Sie doch zunächst die Nachbarschaft der Kirche. Unsere Mitbürger sind auch nicht ganz so schlimm, wie Sie meinen. Ich werde übrigens in meiner nächsten Predigt energisch auf die Toleranz gegen eine fremde Rasse hinweisen. Und Sie rufen am besten den Schutz der Polizei an, wenn die Schuljugend sich noch einmal untersteht, Unrat vor Ihre Tür zu legen.«

»Mein Mann macht es mir so schwer, Herr Pastor. Wenn der so was findet, ärgert er sich nicht mal drüber — für den ist das nämlich garnichts Schmutziges. Ich mußte es ihm erst auseinandersetzen. Ja, man hat's nicht leicht, Herr Pastor.« —

Bei der Polizei erreichte Adele noch weniger. Als die Beamten Frau Großpopo tückisch lächelnd empfingen, hinkte sie schnell wieder fort.

Nach Monaten unermüdlicher Arbeit kam das Ereignis, das Wandel schaffen konnte. Adele gebar ein Kind. Die wilde Vaterfreude Simbas tröstete sie wirklich. Nie hatte sie bei einem Menschen einen so urwüchsigen Stolz gesehen. Er trug seinen Sohn wie ein Heiligtum umher — die feindliche Welt versank.

Otto hieß der kleine Junge, nach Bismarck. Aber es stellte sich bald heraus, daß er es nicht leichter in Strelenwalde haben würde als seine Eltern. Er erbte nicht nur den Namen seines Vaters, sondern auch die Häßlichkeit seiner Mutter, und außerdem war er kein weißes Christenkind, sondern ein bräunlicher Mulatte.

Das genügte. Alles spitzte sich auf Simbas Sohn, der natürlich zum Unterschied Kleinpopo genannt wurde. Jahre vergingen. Erst in der Schule erkannte Otto sein Schicksal. Da machte man ihn zum Hanswurst, und ohne Erbarmen wurde er gehänselt. Menschliche Lehrer schritten dagegen ein, aber vergebens — die Bestie wollte ihr Opfer haben. Scheinbar harmlos gingen die Jungen vor dem Sattlerhause auf und ab, mit geschwärzten Gesichtern, Wulstlippen und humpelnd. Einer stand Schmiere — der gab Signale, wenn Gefahr drohte.

Eines Tages erwachte der kleine Otto. Er begriff den Zusammenhang. Das deutsche Erbe in ihm ließ ihn den ganzen Gram empfinden — dann aber packte ihn auch das Blut des Afrikaners, und er dürstete nach Rache. So ließ er sich dazu verleiten, seine Beleidiger herauszufordern. Eine große Prügelei entstand. Otto mußte, von Todesangst gejagt, die Flucht ergreifen. Die ganze Rotte rannte hinter ihm her. Sie erwischte ihn nicht — er gelangte noch eben ins Vaterhaus. Hier aber sank er vor Simba nieder. Ein furchtbarer Ausbruch der gepeinigten Kinderseele enthüllte dem Vater, was geschehen.

Jetzt begriff es Simba. Durch sein Kind mußte er es begreifen. Er bezwang sein kochendes Blut und versprach seinem Sohn Genugtuung. Adele verschwieg er sein Vorhaben und legte sich auf die Lauer. Sobald die kleinen Teufel wieder herankamen, brach er hervor und prügelte fürchterlich, was er erreichen konnte.

Adele kam zu spät. Jetzt konnte sie keine Duldsamkeit mehr predigen. Entsetzt erkannte sie, daß unter den Bestraften die Kinder der einflußreichsten Bürger waren. Sie bluteten und liefen heulend nach Hause. Der Skandal setzte ein.

Jetzt sorgte der Pastor dafür, daß die Polizei von dem wütenden Vater abließ. Aber was er nicht verhindern konnte, war die stille Verschwörung gegen Simbas Geschäft. Ganz amerikanisch versammelten sich die deutschen Kleinstädter und erklärten: ›Einen Neger, der unsere Kinder mißhandelt, dulden wir nicht.‹ Niemand, der das öffentliche Urteil scheute, kaufte von nun an bei S. Großpopo. Wie viele gab es in Strelenwalde, die das öffentliche Urteil nicht scheuten? —

Adele erkannte die Verdammung. Sie war ja ein Kind dieser Stadt. Nun wurde es in dem kleinen Laden ganz still. Schon wollte sie ohne Simbas Wissen Bittgänge tun, die zürnenden Bürger zum Mitleid bewegen — aber ihr letzter Stolz hemmte sie, und die Zeit war zu schlecht, um vom Mitleid zu leben. Bald regte sich die Konkurrenz.

Adele schonte Simba nicht mehr. Jetzt sagte sie ihm, was er angerichtet. Er aber warf ihr einen unvergeßlichen Blick zu: »Sie wollen uns auch verhungern lassen, meinst du? Weil ich schwarz bin, und weil unser Kind der Mutter gleicht? Wären sie zufrieden, wenn ich ein weißer Dieb wäre, und wenn ich Otto von einer Dirne hätte? Wozu haben diese Menschen Zeit? Sie arbeiten nicht, sie beten nicht, sie stehen vor einem Apfelbaum und verspotten ihn, weil er krumme Äste hat — dann fressen sie seine Äpfel. Nein, Adele — mit diesen Menschen können wir nicht leben.«

»Dann wollen wir in eine andere Stadt ziehen, Simba.«

»Wird es dort anders sein? Wird man uns dort nicht mit Gelächter begrüßen?«

»Du darfst nicht vergessen, daß wir ihnen wirklich viel zugemutet haben. Ich war schon immer ihr Prügeljunge, aber damit wurde ich schließlich fertig, und dann habe ich noch einen Schwarzen geheiratet und mein Kind ...«

Adele konnte den Satz nicht zu Ende sprechen. Tränen würgten ihre Stimme. Simba aber erwiderte mit einer großen und düsteren Gebärde: »Du sagst es. Ich bin Christ geworden um ihretwillen, und man hat mich betrogen. Hier sind keine Christen. Ich glaube, Christen gibt es nicht. Wohin wir auch ziehen werden. Laß mich jetzt, Adele — ich will nachdenken für uns alle. Ich will tun, was meine alten Götter mir befehlen.« —

Es graute ihr bei seinen Worten, aber sie nahm es hin, denn sie hatte immer Ehrfurcht vor seinem reinen Willen. Was in ihm vorging, konnte sie nicht ermessen. Unheimlich, wie ein dunkler Dämon, ging Simba umher. Wenn er allein im Laden war und ein Käufer erschien, so verschränkte er die Arme und funkelte den Weißen an, bis dieser sich ängstlich wieder zurückzog. Bald kam niemand mehr. Ein Jahr verging, und das verrufene Sattlerhaus steckte in Schulden. Der kleine Otto hatte die Schule verlassen — kein Lehrer konnte den Haß seiner Mitschüler bändigen. Ins große Unglück starrend, hockten Simba, Adele und ihr kleiner Mulatte beisammen.

Eines Tages erschien der Herr Pastor. Er kam als geheimer Abgesandter der Bürgerschaft. Mild und wohltönend war seine Rede: »Sie sind uns allen ein geschätzter Mitbürger, lieber Herr Simba, aber Sie sollten sich doch besser in einem anderen Orte niederlassen.«

»Wo? Ich bleibe.«

»Denken Sie doch an Ihre Familie. Sind Sie nicht Christ geworden?«

»Es gibt keine Christen.«

»Das wagen Sie mir zu sagen, der Ihnen die heilige Taufe gab?«

»Sie haben mir nichts gegeben. Sie haben mir schöne Geschichten erzählt. Draußen ist alles anders. Der Mann, der gekreuzigt wurde, weiß nichts mehr von denen, die kreuzigen. Ich sterbe in Flammen, ich will mich nicht kreuzigen lassen. Ich singe und sterbe in Flammen.«

Der Pastor entfernte sich. — ›Die arme Frau und das arme Kind‹, dachte er. ›Darf man sie in den Händen eines Wahnsinnigen lassen?‹ Aber er tat nichts weiter und glaubte seine Pflicht erfüllt zu haben. —

Es wurde ein glühend heißer Sommer. In ihrer Stube, die kaum noch gelüftet wurde, saß die Familie des Negers und stöhnte und starrte verzweifelt ins Nichts. ›Was werden wir morgen essen?‹ dachte Adele. ›Wie soll ich zum ersten die Zinsen bezahlen? Das Haus wird versteigert und dann?‹ — Otto aber schmiegte sich an sie und fühlte sich als einen Teil seiner Mutter. Das linderte sein geängstigtes Herz.

Plötzlich stand Simba auf. Mit bangem Staunen folgten ihm die Augen der anderen. Er trat ans Fenster und öffnete es.

»Endlich«, flüsterte Adele.

»Fühlst du einen Unterschied? Es brennt.«

»Wo brennt es?«

»In der Luft. Das erinnert mich an Afrika. So soll es werden, so soll es bleiben.«

Mit diesen dunklen Worten ging er hinaus. Bei Nacht erst kehrte er zurück. Jetzt lächelte er zum erstenmal wieder. Er brachte köstliche Dinge mit. Wurst und Schinken, Früchte, weißes Brot und eine Flasche Schnaps. —

»Wovon hast du das alles gekauft?« stammelte Adele. — »Von dem Ring, den der Herr Major mir hinterlassen hat.«

Otto weinte — so sehnte er sich nach den guten Sachen. Da wurde er von Vater und Mutter leidenschaftlich gefüttert, dann erst aßen sie selbst. Der Schnaps aber hüllte alle drei in bewußtlosen Schlummer. — —

Die Nacht blieb heiß wie der Tag. Langsam schritt Kilian, der Wächter, zwischen den alten Giebelhäusern von Strelenwalde. Vor der Kirche blieb er stehen und schnüffelte. Dann schüttelte er den Kopf und ging weiter. Als er zum andern Male zurückkehrte, sah er an verschiedenen Stellen des Sattlerhauses jähen Rauch aufsteigen. Aus Dach und Fenstern quoll der Rauch. Was war denn das? Aber Kilian sah erst nach der benachbarten Kirche. Die war ja die Hauptsache. Entsetzlich, da rauchte es auch! Es züngelte, schwebte und breitete sich aus.

Jetzt schlug der Nachtwächter Lärm. Tutend lief er durch die Gassen. Feuerlärm! Es wurde licht und lebhaft in den Häusern. Aus heißen Betten hüpften die Strelenwalder, Nachtmützenköpfe streckten sich aus den Fenstern.

»Wo denn? Was ist denn? Wo brennt's?« — »In der Kirche!« — »Gott im Himmel! In der Kirche?« — »Nebenan beim Sattler auch!«

Nun zog das schreckliche Gerücht schon viele Menschen auf die Gassen. Pfeifen, Rufen, Fragen — die freiwillige Feuerwehr mit ihren komischen Blechhelmen formierte sich. Spritzen wurden rasselnd aus der Remise gezogen. Ganz Strelenwalde war in einer halben Stunde auf den Beinen. Aber das Unheil war schon viel zu groß. Man hatte die beste Hilfe verschlafen. Jetzt galt es, von der Kirche zu retten, was noch zu retten war.

Die größte Feuersbrunst seit Menschengedenken entfaltete sich. Das tat der böse Gewitterwind, der durch die schwüle Nacht sauste. Der war stärker als alle Menschenhände. Die Kirche brannte lichterloh. Dämonen schienen hinter ihren leuchtenden Fenstern Gottesdienst zu halten. Ein furchtbares Unglück — man scharte sich um den Pastor, der halb wahnsinnig vor der brennenden Kirche stand. Plötzlich rief er: »Es muß Brandstiftung sein!« — Ein wütender Schrei antwortete ihm: »Jawohl! Wer hat es getan?« — »Das weiß ich nicht!« — »Doch, ich weiß es«, rief ein Schüler, dem Simbas Prügel noch in den Gliedern lagen. »Der Schwarze! Der Sattler!«

Ein Schrei aus hundert Kehlen gab ihm Recht. Nun stürmten alle zu Simba, um Rache zu nehmen. Aber man hatte sich überhaupt noch nicht um sein Haus gekümmert — nun war hier noch weniger zu retten als an der Kirche. Das Sattlerhaus war in Flammen gehüllt. Von Grauen gepackt, wich man zurück — man wußte drei Menschen schliefen hinter diesen Mauern.

Sie hatten sich nicht mehr gezeigt. Später wurden fürchterliche Dinge erzählt. Der eine wollte durch das Fenster des brennenden Hauses den Neger gesehen haben, wie er Weib und Kind umschlungen hielt und mit glühenden Augen sang. Der andere behauptete sogar, die Worte seines Gesanges verstanden zu haben, und gab sie wieder: »Wir sterben in Flammen, wir sterben zusammen, wir aus dem Lande der Sonne! Tod ist uns Wonne! Ich liebe dich, wie du bist! Hörst du es, Mörder Christ?«

Der das erzählte, war ein verkommenes Subjekt, ein armer Literat, der sich endlich interessant machen wollte. Die Verse stammten sicherlich von ihm; denn bei näherer Überlegung mußte man sich ja sagen, daß Simba, wenn er überhaupt gesungen hatte, es sicherlich in seiner Muttersprache getan, von der man ja doch kein Wort verstand. —

Das Ereignis der schauerlichen Nacht war, daß die Kirche von Strelenwalde halb und das Sattlerhaus, in dem auch der Küster gewohnt hatte, ganz verbrannt war. Der Küster selbst hatte das nackte Leben retten können, aber es wurde bald bekannt, daß bei ihm unersetzliche Dinge, zum Beispiel die ganze Bücherei der Kirche, vernichtet worden.

Simbas Verbrechen stand fest. Aber man hatte nichts von dieser Feststellung, denn in dem Sattlerhause fand man nur verkohlte Leichen. Es dämmerte den Strelenwaldern auch allmählich, daß sie ihrer Niedertracht eine furchtbare Strafe verdankten. Zerknirscht umgaben sie ihren gebeugten Seelsorger.

Zwei Wochen vergingen. Der Brandschutt war längst beseitigt, nur ein paar hohle Mauerreste kündeten noch das Schreckliche, was geschehen. Im Rathause wurde schon eifrig beraten, wie schnell und wie herrlich das verlorene Gotteshaus wieder errichtet werden könnte. Reue diktierte den Strelenwaldern eine nie dagewesene Freigebigkeit. —

An einem schönen Augusttage kam eine Frau auf dem Bahnhof an, klein, blaß und voll unruhiger Erwartung. Sie eilte, ihr Handtäschchen schwingend, direkt auf die verbrannte Kirche zu. An der Prutzschen Konditorei kam sie vorbei, aber sie mied ihren Anblick. Berta ahnte nicht, daß eine alte Frau am Fenster stand und ihr nachstarrte. ›Ist das nicht —?‹, dachte Liese von Rotkraut eben, da war die kleine Person schon um die Ecke.

Starr stand Berta vor der Brandruine. Eine redselige Obsthändlerin gesellte sich zu ihr, die glücklich war, einer Fremden noch einmal die ganze Schauergeschichte erzählen zu können. Berta hörte zu und schwieg. Dann sagte sie mühsam: »Das ist ja schrecklich ... Davon hatte ich garnichts gelesen ... Aber sagen Sie mal — wenn auch die Kirche gelitten hat — die Bücher müssen doch noch da sein?«

»Was für Bücher meinen Sie?«

»Nun die, wo alles darin steht — alle Geburten und alle Verstorbenen, mein' ich — alle Kinder, die in Strelenwalde zur Welt gekommen sind?«

Die Frau lächelte giftig: »Ach, Sie wollten da am Ende was nachsehen?«

»Jawohl, das wollt' ich, darum bin ich hier.«

»Da hätten Sie aber vierzehn Tage früher kommen sollen. Nebenan bei dem Sattler hat unser Küster gewohnt, und bei dem sind sämtliche Kirchenbücher verbrannt.«

»Sämtliche — Kirchenbücher sind —?«

»Da ist auch nicht ein einziges von übriggeblieben. Aber was ist Ihnen denn? Sie schwanken ja so? Sie stehen wohl viel zu lange in der Sonne? Kommen Sie doch in den Schatten 'rüber.«