FÜNFUNDZWANZIGSTES KAPITEL
Rietschel hoffte noch immer, daß seine Kinder nichts merkten. Er hatte sie besucht, als sie in ihren Betten lagen, und sie schienen die Geschichte von Mutters Ausflug zu glauben. In Wahrheit hatte Rietschel keine Ahnung, wo Berta sich heute befand. In Wahrheit stand er den ganzen Sonntag schon am Fenster und wartete auf ihre Rückkehr. Am Morgen hatte sie ihn richtig überrumpelt. Während er sich rasierte, war sie eingetreten, die Reisetasche in der Hand, und hatte ihm zugerufen: »Adieu, ich komme vielleicht erst morgen wieder!« Bevor der eingeseifte Mann sie befragen konnte, war sie schon die Treppe hinunter.
Von Groll und Angst erfüllt, verbrachte Rietschel den Tag. Berta hatte schon mancherlei angestellt, aber einfach fortreisen, ohne ein Ziel zu nennen, das war denn doch noch nicht passiert. Das ging ihm über die Hutschnur.
Es hieß zunächst, die Kinder vor Angst zu bewahren. In ihnen hatte sich mit den reifenden Jahren eine eigentümliche, leidenschaftliche Zärtlichkeit für die Mutter herausgebildet, die wie Partei gegen Vater aussah, aber nur dem gütig überlegenen Trieb, zu helfen, entsprang. Paul und Grete hatten früh erkannt, daß das eigentliche Kind im Hause die Mutter war. So täuschte sich Rietschel heute über ihre wahre Empfindung. Er hatte ihnen von einem Ausfluge des Kegelvereins erzählt, den die Mutter mitmache, da er selbst Rheumatismus fürchte. Aber die Kinder kannten schon den ratlosen Ausdruck seiner Augen — diese Miene des Vaters hatte immer nur einen Grund. Die Mutter entzog sich ihm, er hatte keine Macht mehr über sie, täglich konnte das Unheil hereinbrechen.
Was die drohende Gefahr eigentlich bedeutete, machten sie sich nicht klar. Den Geist, dem sie so viel verdankten, glaubten sie in einem Licht, das nicht zu trüben war. Nur in tiefer Not sahen sie die Mutter, im Fluch einer rätselhaften Umhergetriebenheit. So hockten sie auch heute wieder in ihren Betten und schliefen nicht ein und berieten sich leise. Während der Vater nebenan am Fenster stand, flüsterten sie sich ihre Sorgen zu. Nein, sie waren nicht die ahnungslosen Kinder mehr. Schmale, bleiche Geschöpfe mit großen, dunklen Augen, von angstvoller Sehnsucht gequält — so sprachen sie miteinander.
»Mutter ist, glaub' ich, garnicht mit dem Kegelverein«, flüsterte Paul.
»Das hab' ich mir auch schon gedacht«, antwortete Grete. »Aber wo kann sie bloß sein?«
Sie richtete sich plötzlich auf und kroch zu ihrem Bruder hinüber. So konnte sie ihm ins Ohr flüstern. Ihre langen, weißen Mädchenbeine kamen dabei zum Vorschein, aber das tat nichts — Bruder und Schwester kannten sich innen und außen.
»Vater tut mir so leid. Der weiß noch immer nicht, was mit Mutter los ist«, sagte Paul, vor sich hinstarrend.
»Weißt du es denn?«
»Ich denke mir so manches. Mutter ist manchmal ganz einsam, wenn sie auch bei uns ist. Immer ist sie ganz einsam gewesen.«
Jetzt nickte Grete mit ihrem blonden Köpfchen: »Da hast du recht. Das ist es. Und ich weiß auch, glaub' ich, den Grund.«
»Was weißt du denn?«
»Es heißt doch, daß sie ihren Vater — daß sie den garnicht gekannt hat — oder daß sie ihn gekannt hat, aber er wollte sie nicht kennen. Und ihre Mutter will auch nichts von ihr wissen. Das ist doch schrecklich, Paul. Stell' dir vor — wo Mutter so furchtbar gut ist. Wir beide, wenn es uns so gehen würde —«
Paul schüttelte den Kopf: »Mit uns kannst du das nicht vergleichen. Wir haben immer gewußt, wo wir hingehören. Wir kennen es doch nicht anders, als daß wir Vater und Mutter haben.«
»Aber Mutter ist doch — wie soll ich gleich sagen? — Mutter ist kein Kind mehr?«
Ein Lächeln wollte auf Gretes fragendes Gesicht kommen, aber es verschwand vor dem Blick des Bruders. — »Wahrscheinlich wissen wir das noch nicht so«, entschied er. »Wahrscheinlich bleibt man sein Leben lang ein Kind, indem daß man braucht, was wir eben haben, und das hat Mutter nicht, und darum kann sie einem so leid tun.«
Grete sah ihn scheu von der Seite an. Langsam zog sie sich in ihr Bett zurück. Es gab Augenblicke, da der Bruder ihr viel älter vorkam. Dann hatte er plötzlich die gewölbte Stirn, die nur alte, weise Männer hatten. Das Dunkel seiner Augen schien zu sagen, daß man ihn nicht mehr belehren könne. Fremdes, überlegenes Blut rollte in seinen Adern — Grete spürte nichts davon. —
»Sie kommt nicht«, flüsterte Rietschel um Mitternacht und trat mit schmerzender Stirn vom Fenster fort. —
»Das ist nun mein Sonntag, Schneemann«, sagte er dann zu seinem Pudel, der ihn aufmerksam ansah. Rietschel weinte fast vor Sorge und Ingrimm. Er setzte sich auf das Sofa und zog Schneemann neben sich. — »Dazu hat man nun die ganze Woche geschuftet. Dazu hat man Frau und Kinder. Aber ich tu's nicht länger. Ich halt's nicht mehr aus. Jetzt heißt es biegen oder brechen. Biegen oder brechen!«
Er wiederholte diese Worte noch einige Male in seinem singenden sächsischen Ton, aber er war sich nicht darüber klar, was er eigentlich vorhatte. Mit dem dumpfen Ausspruch: »Das hat man eigentlich garnicht nötig« legte er sich um ein Uhr schlafen. —
In aller Frühe klingelte es. Berta erschien. Rietschel starrte sie an: »Wo kommst du jetzt her?«
»Das kann dir ja egal sein.«
»Meinst du? ... Und wie siehst du denn aus? Hast du am Ende im Freien kampiert?«
»Irgendwo auf dem Bahnhof.«
Die Miene, mit der sie an ihm vorüberging, konnte ihn ängstlich machen. Er wagte es weder sie zur Rede zu stellen, noch zu befragen. Ins Geschäft mußte er nun — es blieb ihm nichts anderes übrig. Aber diese Frau allein bei den Kindern lassen? Paul und Grete hatten Ferien, das kleine Dienstmädchen kam als Schutz nicht in Betracht. Rietschel wurde von der Erinnerung an einen gräßlichen Fall beschlichen, der sich erst kürzlich ereignet hatte. Da war eine Frau in Abwesenheit ihres Mannes mit ihren Kindern ... Aber nein, das war bei Berta ganz unmöglich. Jetzt noch glaubte er fest an ihren guten Kern.
Beschwörend wandte er sich zu ihr, bevor er ging: »Berta, sei ein bißchen nett zu den Kindern —«
»Was heißt das?«
»Na, ich meine bloß, gestern war Sonntag, und du hast dich garnicht um sie gekümmert.«
»Wer kümmert sich denn um mich?«
»Das darf eine Mutter nicht sagen.«
»Daran glaubte ich auch mal. Jetzt weiß ich besser, was man darf.«
»Was quält dich, Berta? Warum sagst du mir nicht, wo du gestern gewesen bist?«
»Weil du's doch nicht verstehst. Du bist ein guter Mann, Peter, aber verstehen tust du nicht alles. Na, bald kommt die Zeit — da wird es dir klar.«
Nach diesen Worten ging sie zu den Kindern hinein. Rietschel stand noch eine Weile unschlüssig — dann stampfte er mit dem Fuß und entfernte sich.
Paul und Grete saßen in einem Winkel und sahen mit bangen Blicken der Mutter zu. Sie ging schweigend im Zimmer umher. Unter dem schiefen Hut hing ihr ein Zopf herunter, und am linken Stiefel schleifte das Schnürband. Eigentümlich gedunsen war ihre fahle Miene. Die Augen schienen den Blick verloren zu haben.
»Wenn sich alles gegen einen verschwört, Gott und die Menschen — dann weiß man wenigstens: Es hat sich nicht gelohnt! Aber die Rache bleibt trotzdem auf der Welt!«
Diese Worte sagte die Mutter ganz deutlich — Paul und Grete verhörten sich nicht. Unwillkürlich machten beide eine Bewegung, als wollten sie nun vorspringen und einer grenzenlos Verlassenen helfen. Vor dieser großen Liebesregung stutzte Berta. Ihr Blick gewann wieder Leben. Sie näherte sich den Kindern und sagte: »Seid mir nicht böse, daß ich jetzt oft so komisch bin. Ich kann nicht anders. Bald werdet ihr alles verstehen.«
Sprechen konnten die Kinder nicht — aber ihr Blick brachte die Mutter noch mehr zum Erwachen. — »Habt ihr euch gestern geängstigt?« fragte sie nach einer Weile. »Vater scheint sich auch wieder geängstigt zu haben. Das müßt ihr nicht tun. Man kann nicht immer sagen, was man vorhat. Jeder hat im Leben seine eigenen Sachen. Aber damit ihr nicht um den Sonntag kommt — da habt ihr zwei Mark. Geht zu Wilczek und holt euch, was ihr gern habt.«
Sie ging in ihr Zimmer. Paul und Grete sahen sich an. Nun hatte die Mutter doch endlich wieder mit ihnen gesprochen. Und zwei Mark — für Pralinés — ein richtiger Schatz. Sie wären keine Kinder gewesen, wenn sie sich jetzt nicht gefreut hätten, aber sie waren beide noch Kinder. — —
Berta stand überlegend am Fenster. — ›Er ist mir durchgegangen‹, sagte sie vor sich hin. ›Jetzt kriege ich ihn nicht mehr. Jetzt ist er wirklich weg. Er muß im Bunde mit dem Deibel sein — anders ist es nicht möglich. Da kann unsereiner nichts machen. Im Leben war er Rechtsanwalt — da brauchte er keinen Deibel. Da konnte er mir allein entwischen. Aber dann — wie er tot war — das Kirchenbuch, das beim lieben Gott verwahrt war — daß ich da auch nicht mehr 'ran kann — dazu brauchte er den Schwarzen. Der hat sein Haus angesteckt, damit das Kirchenbuch verbrennt. Nun bin ich ausgelöscht. Nun komme ich überall zu spät. Da kann unsereiner nichts machen.‹
Diese Worte klangen wie ein unerschütterliches Fatum. Sie schluchzte noch einmal auf: ›Mutter! Aber nein — die gibt es auf dem Totenbett nicht zu. Ich bin ja ihr Schandfleck ...‹
Sie warf sich auf das Bett. Nach einer Weile flüsterte sie: ›Was bleibt denn eigentlich vom Menschen? Staub. Sie haben ihn, glaub' ich, verbrannt. Aber die Urne mit der Asche — die ist noch da. Die liegt im Kirchhof. Eigentlich ist es ja nichts. Wenn ich da frage und schreie, antwortet er nicht. Wenn ich da mit beiden Fäusten gegenschlage, tut es ihm nicht mal weh. Aber etwas kann ich ihm doch noch tun!‹
Eine plötzliche Eingebung packte sie — letzter Haß riß sie empor. ›Was er noch hat, woran ihm gelegen hat bis zuletzt, und was die Leute immer noch für ihn tun — — das ist die Ehre! Das Denkmal! Ja! Auf dem Kirchhof ist sein Grab! Recht protzig natürlich mit Marmor und goldener Inschrift und vertrockneten Kränzen! Das dulde ich nicht! Er hat keine Ehre verdient! Die Welt soll wissen, was er verdient hat. Ich kenne ihn, ich gehe hin und schmeiße sein Denkmal um! Ich zerschlage sein Grab!‹
Von wilder Tatkraft erfüllt, erhob sie sich. Jetzt war sie ganz verwandelt — nach vielen Jahren kam wieder ein großer Zweck über sie. Ihr Wahn gewann eine Logik, die ihrer Vernunft gefehlt hatte. Mann und Kinder hörten sie singen, als sie am Mittagstisch saßen und auf sie warteten. Endlich kam Berta mit federnden Schritten. »Mahlzeit!« rief sie und nickte ihren Kindern heiter zu. Freilich wirkte das nicht so, wie sie meinte. Die Kinder duckten sich, als ob der neue Ton sie wie eine Rute träfe, und Rietschel starrte mit gerunzelter Stirn auf seine Frau.
Nachmittags faßte er einen Entschluß. Er wollte zu einem berühmten Nervenarzt gehen und die Kinder eventuell zu seiner Schwester nach Chemnitz schicken. Daß für Berta jetzt etwas geschehen mußte, war ihm klar.
Doch während er so tatkräftig wurde, überflügelte ihn seine Frau. Berta fuhr nach Zehlendorf, um auf dem Friedhof nachzusehen, wo Viktor Schwarz begraben war. Dies mußte bei Tageslicht geschehen, damit sie nachts orientiert war, wenn sie ihr eigentliches Vorhaben ausführte. Viel Zeit zum Suchen hatte sie dann nicht — das machte sie sich klar. Sie wußte überhaupt noch nicht, wie sie in den verschlossenen Friedhof gelangen sollte. Daß sie aber hineinkam, war ihr ebensowenig zweifelhaft, wie daß sie mit ihren kleinen Händen ein Marmordenkmal umstürzen und eine Urne aus der Erde zerren könnte. —
Endlich war sie in Zehlendorf. Die Sonne stand schon tief. Man empfing sie in der Friedhofsinspektion mit Mißbilligung. — »Um sechs Uhr wird geschlossen, und es ist schon drei Viertel«, sagte der alte Beamte. »Sie kommen ja kaum noch 'raus, wenn sie jetzt noch zu dem Grab wollen.«
Er dachte an sein Abendbrot, aber Berta sagte energisch: »Ich muß hin. Schlagen Sie mir's nicht ab.«
Ihr Ton machte Eindruck. Sie wurde durch viele Gräberreihen zu der Stelle geführt, wo Viktor Schwarz bestattet lag. Das Denkmal auf seinem Hügel war größer und prächtiger als in der ganzen Nachbarschaft. Berta sah es und nickte lächelnd. Dann stellte sie fest, daß der Hügel unter den Kränzen schließlich nur aus Erde bestand, und daß das Denkmal von Händen, die es ernstlich wollten, umzuwerfen war. Jetzt machte sie sich langsam auf den Rückweg zum Friedhofstor. Sie sah sich immer wieder um, damit ihr für die Dunkelheit Kennzeichen blieben. Verirren in diesem Wald von Kreuzen — das war das schlimmste.
Der Inspektor hatte sich in der Nähe gehalten — sie wußte nicht, daß er ihr beobachtend folgte. Er war ein kluger, alter Mann, der sich auf Menschengesichter verstand. Diese sonderbare Person, die so spät und ohne Blumen gekommen und so hart gespannt nach einem Grabe gefragt hatte, war ihm nicht geheuer. Er atmete auf, als er sie den Friedhof verlassen sah. —
Doch Berta kehrte nicht nach Berlin zurück. Dazu war es zu spät. Sie mußte im Umkreise des Friedhofes bleiben. Plötzlich fiel ihr ein, daß es doch das beste gewesen wäre, sich einschließen zu lassen. Aber der Friedhof war so neu und kahl — es gab keinen Baum, hinter dem man sich verstecken konnte. Sie ging durch die stillen Vorortstraßen. Daß sie stundenlang auf den Beinen blieb, wurde ihr kaum bewußt. Dann zog es sich immer dunkler um sie zusammen — es war wirklich Nacht geworden. Wie ein Dieb näherte sie sich im Schatten der Häuser wieder dem Friedhof.
Eine seiner Mauern war dem freien Felde zugewandt — hier glaubte sie sich unbeobachtet. Aber hinaufzuklettern war für sie unmöglich. Jetzt stand sie erst vor dem eigentlichen Hindernis. ›Elende Zwergin, die ich bin,‹ dachte sie — ›so hat er mich gemacht!‹ Von Angst gepackt, lief sie weiter, immer die endlose rote Mauer entlang. Plötzlich fand sie eine Bank und daneben einen ziemlich kräftigen Baum. Hier mußte es geschehen. Hier war es auch für sie möglich.
Sie wurde zum Schulmädel. Das Turnen war für ihren kleinen, behenden Körper immer eine Lust gewesen. Rasch stieg sie auf die Bank und erklomm von dort einen ziemlich hohen Ast. Er trug sie, und als sie darauf ritt, sah sie, daß sie das Gesims der Mauer mit den Händen erreichen konnte.
Mit letzter, wütender Anstrengung riß sie sich empor. Sie verlor ihren Hut, der Rock ging in Fetzen — was lag daran? Sie saß auf der Mauer, und ohne Besinnen glitt sie nach der anderen Seite hinunter. Nun war sie im Friedhof. Aber die gespenstische Wildnis der Kreuze verwirrte sie — sie wußte nicht, wo sie sich befand, jedes Kennzeichen fehlte. Wimmernd lief sie durch die fremden Gräberreihen. Die unglaubliche Stille um sie her dröhnte allmählich. Schon reckten sich aufgestörte Geister und hoben drohende Arme gegen die Frevlerin.
Doch Berta wurde von ihrer letzten Vernunft gehalten. Gespensterfurcht sollte sie nicht umwerfen. Sie blieb stehen und prüfte und erinnerte sich — endlich fand sie ein Kennzeichen wieder. An dieser Ecke war eine weiße Säule gewesen — Berta liebte abgebrochene Säulen und hatte sich den Vornamen gemerkt: Adele! Jetzt sah sie ihn wieder. Wenige Schritte davon nach links lag das Grab von Viktor Schwarz ...
Sie war am Ziel. Ein leises Kreischen stieg aus ihrer tobenden Brust. Zum erstenmal glaubte sie, ihr Schicksal in Händen zu haben. Wilde Wonne ließ sie jede Vorsicht verlieren. Sie warf sich über den feuchten Hügel. »Du, du!« flüsterte sie in die erdige Tiefe. »Du bist es doch! Du bist mein Vater, und ich bin dein Kind! Hörst du? Hörst du?!«
Sie wühlte mit ihren rasenden Händen im Efeu und zerstörte die saubere Ordnung der Pflanzen. Wie weit es noch bis zu der Aschenurne war, wußte sie nicht. Dann irrte ihr Blick zu dem Denkmal empor. »Das falsche Kreuz!« rief sie, und es hallte über die stummen Gräber hin. Dann erhob sie sich und schlug gegen das Kreuz und zerkratzte die goldene Inschrift.
Jetzt näherten sich rasche Schritte. Der Inspektor hatte den Ruf gehört. Er glaubte schon andere verdächtige Geräusche vernommen zu haben — nun eilte er furchtlos mit seinem Hunde hinaus. Grabschändung brachte ihn in furchtbaren Zorn. Er entsicherte seinen Revolver. Dann sah er es — seine Ahnung hatte ihn nicht betrogen. Das sonderbare Weib, dem er nachmittags das Grab gezeigt, hatte einen dunklen Zweck gehabt. Nächtlich war es eingedrungen und tat seine nichtswürdige Arbeit.
»Hände hoch oder ich schieße!« rief der Beamte und zielte auf Berta. Sie drehte sich jäh nach ihm um. Im nächsten Augenblick stürzte sie bewußtlos zusammen.
Die Polizei erschien, aber die Grabschänderin war noch immer nicht bei Bewußtsein. Endlich holte man auch einen Arzt. Der untersuchte die Ohnmächtige und meinte: »Es hat doch keinen Zweck, sie zur Wache zu bringen, sie muß doch gleich ins Krankenhaus. Es handelt sich natürlich um einen Fall von Geistesstörung. Der Mann muß benachrichtigt werden. Sie fahren am besten mit, Herr Schutzmann. Ich werde an die Psychiatrische Klinik telephonieren.« —
Rietschel kam bei Morgengrauen und fand Berta schon bei Bewußtsein. Sie saß ganz friedlich in der Wohnung des Inspektors; doch als sie ihren Mann erblickte, schien ein furchtbares Erwachen über sie zu kommen, und sie begann zu toben. Nun mußte noch ein Krankenwärter geholt werden — dem gelang die Überführung.
Von gerichtlichen Schritten sah man ab. Man hatte eine Irre vor sich, die lange vorbereitete Psychose kam zum Ausbruch. Berta mußte in der Anstalt bleiben. In der ersten Zeit wurde ihr Zustand für aussichtslos gehalten. Sie verfiel nach dem Toben in völlige Apathie, erkannte ihren Mann nicht mehr und schien ihre Kinder zu vergessen. Ihre letzte Geistesregung bestand aus wirren Worten, die von Viktor Schwarz und dem Teufel sprachen, von der Fähigkeit ihres Vaters, als Luftgebilde zu zergehen.
Rietschel kam in jeder Woche zweimal. Die Anstalt lag wie der Friedhof in Zehlendorf, und man konnte von ihren Fenstern die Mauer sehen, die Berta überstiegen hatte. Eines Tages wurde Rietschel von dem Oberarzt beiseite genommen — man teilte ihm mit, was notwendig geworden: der Zustand seiner Frau gebe wenig Hoffnung. Man müsse den bedauernswerten Gatten in seinem und seiner Kinder Interesse vorbereiten.
Der tapfere Sachse hielt dem Ansturm stand. Tränen rollten über seine Backen, aber er reckte sich und erwiderte: »Es ist schrecklich, aber es ist eben Schicksal, Herr Professor. Die Frau tut mir furchtbar leid — aber es ist eben Schicksal. Was soll ich nun aber tun? Kann ich mein ganzes Leben an solche Frau binden? Ich bin gesund, ich habe mein gutes Geschäft, und die Kinder —«
»Lieber Herr Rietschel,« sagte der Oberarzt, auf die Wanduhr blickend, »Sie haben nach meiner Ansicht absolut das Recht, die Scheidung einzuleiten. Sie müssen endlich an sich selbst denken. Eine verlorene Frau ist keine Frau.«
Mit schwerem Kopfschütteln stand Rietschel da. Da meinte er: »Nee, ich weiß nicht — ich kann es mir noch immer nicht vorstellen, trotz allem, Herr Professor. Ich muß es mir erst noch überlegen.«
»Selbstverständlich. Das tun Sie nur.«
Rietschel fuhr nach Hause. Seine grübelnden Gedanken hielten ihn im Dämmerzustand. Ja, die Freiheit lockte — er war wirklich noch ein junger, kräftiger Mann. Wenn er an die Jahre mit Berta zurückdachte — nach seinem Wohlbefinden war es selten gegangen. Dennoch — er hatte mit ihr vor Gott gestanden. Es tat ihm bitter leid um diese Frau. Immer wieder sah er sie vor sich, wie sie gewesen, nicht wie sie geworden war. Und was ihn hemmte, nun das Letzte noch umzustoßen, das lag weniger in seinem Gewissen als in den Seelen seiner Kinder. Er konnte es sich nicht vorstellen, was die Kinder sagen würden, wenn er ihnen die Mutter nahm. Gab es denn eine neue Mutter? —
Er trat in seine Wohnung. Plötzlich sah er, daß die Kinder ihn mit starker Spannung erwarteten. Es war heute weniger das Befinden der Kranken, von dem sie wissen wollten, als die Mitteilung eines eigenen Entschlusses. Betroffen sah Rietschel sie an: »Na, was ist denn mit euch? Was habt ihr denn?«
Paul blickte auf Grete — dann ergriff er, als ob dies seine männliche Pflicht wäre, das Wort: »Vater, wir haben uns eben was überlegt. Es hat lange gedauert, aber nun wissen wir's wenigstens.«
»Seid ihr denn garnicht neugierig, wie's Mutter geht?«
»Nein, Mutter geht es gewiß noch schlecht. Aber es wird ihr bald besser gehen, Vater.«
»Lieber Junge — gerade heute kann ich dir keine Hoffnung machen. Der Herr Professor meint —«
»Das weiß der Herr Professor nicht. Schicke uns nur immer wieder zu ihr, Vater.«
»Euch? Was versteht ihr denn —?«
»Das haben wir uns eben überlegt. Wir verstehen Mutter, weil wir ihre Kinder sind. Sie ist auch nur so krank geworden, weil sie — weil sie immer noch ein Kind ist. Wenn wir keine Eltern hätten, wäre es uns ebenso gegangen. Aber, weil wir noch Eltern haben, müssen wir Mutter jetzt helfen. Das hat sie um uns verdient.«
Rietschel sah staunend auf seinen Sohn. Heute erst spürte er, daß er einen Sohn hatte. Aus diesen klugen Augen, aus dieser gewölbten Leidensstirn sprach sein Richter — das fühlte er erschüttert. Bertas Kinder ertappten ihn bei seinen dunklen Zerstörungsgedanken. Bertas Kinder hielten fest, was er preisgeben wollte. Weil sie als Mutter treu gewesen, blieben ihr nun die Kinder treu.
Er wischte sich die Augen und erwiderte: »Also gut denn, wie ihr wollt, Kinder. Versucht es mal — ich habe das Meinige getan. Mich kennt sie nicht mehr — vielleicht kennt sie euch noch.«
»Aber natürlich, Vater. Es ist doch unsere Mutter«, sagte Grete. Da küßte Rietschel ihren blonden Scheitel und wandte sich ab.
Jetzt war noch nichts besser — dennoch wurde eine große Last von ihm genommen. Ganz im Stillen konnte er seine Beschämung überwinden, und die Arbeit ging ihm wieder von der Hand, weil er den Hort seiner Ehe bei Gläubigen wußte. —
Nun fuhren Paul und Grete täglich nach Zehlendorf hinaus. Arzt und Pflegerinnen wollten diese beharrlichen Besuche erst verbieten, sahen dann aber, daß sie zum mindesten nicht schadeten, und ließen es dabei. Die Kranke kam in keinen Erregungszustand, wenn sie ihre Kinder sah. Sie schien allmählich die neue Zeit mit der alten zu verwechseln. Bald glaubte sie wieder daheim zu sein und für die Kinder zu sorgen, und wenn sie mit ihnen im Garten der Anstalt spazierenging, erlebte sie die schöne Zeit von Thüringen wieder.
Paul und Grete sahen nichts Krankhaftes darin und bestärkten sie in solchen Stimmungen. Sie gaben der Mutter wegen auch gern ihren Ehrgeiz auf, als Gymnasiast und Gymnasiastin zu gelten. Da es der Kranken wohltat, schraubten sie sich scheinbar auf ihre kindliche Unselbständigkeit zurück. Paul brachte seine elektrische Eisenbahn mit, und Grete spielte wieder mit Puppen.
Das war Friede und mehr noch: es war wirklich ein Weg zur Genesung. Die Ärzte sahen es ein und lernten gern von naiver Güte. Nach einem halben Jahr konnte der Oberarzt Rietschel bessere Aussichten eröffnen. Er lobte seine Kinder mit einer Begeisterung, die dem geprüften Vater wohltat.
Es wurde allmählich wieder Frühling. Eines Abends kamen Paul und Grete später als sonst aus Zehlendorf zurück. Rietschel empfing sie schon besorgt. Aber er sah ihre glücklichen Mienen und wurde ruhig. Paul erzählte, denn Grete hatte eine schwere Zunge und versagte immer in ihrer tiefen Empfindung. Paul aber stellte es dem Vater lebendig dar, wie heute plötzlich eine entschiedene Besserung bei der Mutter eingetreten sei. Im Garten habe sie ganz ruhig und überlegen all die schlimmen Sachen mit ihnen besprochen. Die ganze Vergangenheit habe sie aufgerollt, und nun wüßten Paul und Grete endlich, wie alles zusammenhinge. Das Schönste aber, was die Mutter heute gesagt, sei das gewesen: »Kinder, man sollte doch eigentlich tot sein lassen, was tot ist. Man sollte sich viel zu gut dafür sein, denen nachzulaufen, die sich doch nie um einen gekümmert haben. Euch beide hab' ich ja wirklich, und ihr habt mich. Das ist das Leben.«
»Hat sie das gesagt?« fragte Rietschel zitternd. »Wie kam denn das?«
»Ich weiß nicht, Vater — der Tag war heute so schön —«
»Nein, Paul« — unterbrach ihn da Grete eifrig — »es war doch, erinnerst du dich denn nicht — der Zeppelin kam doch plötzlich über den Himmel — Mutter hat zum erstenmal ein Luftschiff gesehen — und da — —«
»Ja, ja,« meinte Rietschel, »da kann man schon an 'ne neue Zeit glauben. Na, ich gratulier' euch, Kinder — ihr könnt wirklich mehr als der Arzt. Jetzt glaub' ich auch an Besserung. Wenn die fixe Idee erst tot ist —«
»Die ist tot, Vater. Mutter will nur noch alles, was lebt.«
»Na, ihre Mutter aber — die lebt doch auch noch?«
»Ja, und da dachten wir schon,« — stotterte Grete — »da wollten wir dich schon bitten, Vater — willst du nicht mal zu Großmutter hinfahren — und von ihr ein gutes Wort für Mutter holen?«
»Meint ihr, daß man das riskieren darf, Kinder?«
»Doch«, erwiderten beide mit strahlendem Glauben. »Doch!« —
So fuhr denn Rietschel ohne Scheu nach Strelenwalde. Er wollte jetzt auch etwas leisten. Bei der alten Frau von Rotkraut, die er als Witwe fand, wurde ihm seine Bitte nicht schwer. Sie saß noch immer in ihrem Mädchenzimmer, wo sie dem alten Helden die Augen zugedrückt. Sie hörte mit einer schmerzlich wissenden Miene die ganze Leidensgeschichte ihrer Tochter an. Dann richtete sich ihr Blick mit schwerem, aber dankbarem Ausdruck auf Rietschel.
»Es ist gut, daß Sie den Weg zu mir gefunden haben. Ich will Ihnen gestehen, Herr Rietschel — im Innersten hab ich mir so was schon lange gewünscht. Ich bin nun ganz allein nicht wahr — was früher mal unabänderlich war, das sieht doch jetzt ganz anders aus. Ich konnte Berta früher nicht aufklären — es lag wahrhaftig nicht an mir.«
»Und Sie werden zugeben, Frau Major — Berta hat ihr Versprechen gehalten. Ihnen kann ich es jetzt sagen: sie hat so schauderhaft leiden müssen, weil sie immer Rücksicht auf ihre Mutter nahm. Auf solche Weise konnte sie aber ihren Vater nicht finden.«
Liese nickte: »Das mag wohl sein. Sie muß schrecklich gelitten haben. Aber ich habe auch gebüßt, Herr Rietschel. Glauben Sie mir, hinter all meiner Unruhe und Angst steckte das Gefühl: Du brauchtest gar nicht so allein zu sein, du hast eine Tochter — wer hindert dich, dich doch zu ihr zu bekennen? Ja, wer hindert uns eigentlich, das Nötigste zu tun? Wir selbst oder das Schicksal?«
Rietschel, der Unphilosophische, rückte unruhig auf seinem Stuhl umher: »Das kann man gar nicht sagen, Frau Major. Aber noch ist es ja, wie gesagt, nicht zu spät. Sie wird wieder ganz gesund werden. Wie gesagt, es wär' doch schön, wenn am Tor vom neuen Leben — wie soll ich mich gleich ausdrücken? — wenn da ein Gruß von ihrer Mutter stände, und wenn die Mutter auch den Vater nicht mehr verheimlichen täte.«
Liese erhob sich mit wankenden Knien: »Da haben Sie ganz recht. Sie sind ein vornehmer Mann, Herr Rietschel. Doch, doch — ich freue mich, daß Berta solchen Mann gefunden hat.«
»Nun sollten Sie erst mal unsere Kinder sehen! Ihre Enkelkinder!«
»Ach Gott, wahrhaftig. Man ist so reich und weiß es gar nicht. Na, vielleicht kommt es dazu auch noch. Ich habe ein Leben hinter mir — da hat es neben aller Not auch nicht an Gnade gefehlt.«
Sie ging langsam zu dem alten Sekretär ihres Vaters hinüber: »Gedulden Sie sich bitte ein paar Minuten, Herr Rietschel. Ich will jetzt die Zeilen an Berta schreiben.«
Rietschel saß in der stillen Stube und sah zu, wie Liese von Rotkraut schrieb. Nun erfuhr also Berta, wer ihr Vater gewesen. Er fühlte, daß es gute Worte waren, Labsal für eine gemarterte Seele. Daß aber ein unsichtbarer Geist sie diktierte, Tante Sanftlebens selige Gestalt — das wußte Rietschel nicht.
Mit frohem Mut kehrte er nach Berlin zurück. Jetzt wagte auch er sich wieder nach Zehlendorf.
Heute begleitete er die Kinder. Berta empfing ihn mit einer Fassung, die er nicht erwartet hatte. Nichts Krankes mehr sprach aus ihren Zügen, sondern eine reife Festigung, die sie nie besessen hatte. Jetzt war sie wirklich kein Kind mehr. Sie schien sogar etwas größer geworden zu sein. Oder täuschte ihn die Hoheit ihrer überwundenen Leiden?
Er gab ihr den Brief der Mutter. Ängstlich beobachtete er sie, während sie las. Dann aber sah er, daß das Lesen ihr wohltat, ohne sie zu erschüttern. Über den Brief fort schweifte ihr Blick. Sie griff nach den Kindern, die zu ihr eilten, und auch Rietschel mußte näher kommen. So traten alle Hand in Hand zum Fenster und sahen in den Frühlingsregen hinaus.
»Seht,« sagte Berta, »da drüben ist die Mauer von dem Friedhof, wo mein Vater liegt. Jetzt tut er mir bloß noch leid. Alle Menschen tun mir leid, die sterben müssen und nie ans wahre Glück gedacht haben. Ich weiß jetzt, was es ist, und nun lass' ich es nicht mehr los. Es ist doch schön, daß man auf der Welt ist!«