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Frau Rietschel das Kind

Chapter 4: DRITTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

DRITTES KAPITEL

Der alte Justizrat war eine einschüchternde Persönlichkeit. Diese Wirkung wußte er auszunutzen. Überall, wo er erschien, gründete er seine Atmosphäre. Seine Redegewalt war dröhnend und von sarkastischer Logik erfüllt. Man ahnte ein warmes Gemüt und wurde doch, wenn man widerspenstig war, in eisige Kälte hinausgestoßen.

»Na, mein Junge? Du starrst mich ja an wie ein Gespenst am hellen Tage? Noch bin ich ganz lebendig — darauf kannst du dich verlassen.«

»Verzeihung, lieber Onkel — ich bin ja vollkommen überrascht — ich freue mich außerordentlich! Das ist ja reizend, daß du mal nach Strelenwalde kommst. Ich bilde mir durchaus nicht ein, daß du meinetwegen —«

»Doch, doch, Viktor. Hauptsächlich deinetwegen.«

»Wie sieht es in Berlin aus?« fragte der Neffe nach einer Weile harmlos.

»Wie immer. Es wird gestrebt, aber dein Plätzchen bleibt frei.«

Sie gingen zum Mittagessen. Heute wurde es nicht der »Goldene Engel«, sondern Benschers Weinstube im Rathaus. Lange blieb dieses Mahl in Viktor Schwarz' Erinnerung.

Man ließ es sich schmecken. Onkel Joachim führte langsam sein volles Glas an den Mund. Das Lächeln in seinen kleinen Augen war so liebenswürdig und zugleich so tückisch, daß Viktor wieder die Fassung verlor.

»Na, Prösterchen, mein Junge! Auf die Strelenwalder Gegenwart und die Berliner Zukunft!«

Viktor stieß zu heftig an: »Ja, ganz in meinem Sinn, lieber Onkel!«

»Und in meinem! Ich darf doch annehmen, daß unsere Sinne konform gehen?«

»Wir haben uns lange nicht gesehen, Onkel.«

»Du hast recht, Viktor. Wir haben uns allzulange nicht gesehen. Deshalb bin ich jetzt zu dir gekommen.«

»Wirklich, meinetwegen, Onkel?«

»Wirklich deinetwegen! Ich bin ein alter Mann. Und du bist meine Zukunft, Viktor. Ich kann es gar nicht erwarten, daß du Anwalt wirst. Die Geschäfte wachsen mir über den Kopf. Damit kann nur eine neue, junge Kraft fertig werden. Und es bleibt dabei — sobald du da bist, ziehe ich mich zurück und übergebe dir alles. Mein Gott, freue ich mich auf die paar Ruhejahre!«

Es war bewegend, diesen starken Mann zum erstenmal so sprechen zu hören. Viktor entzog sich dem Eindruck nicht, wenn er auch wußte, was der Wein tat.

»Onkel, was an mir liegt,« erwiderte er feierlich — »du wirst mich mit allem, was ich bin, bereit finden. Aber ich möchte dir bei dieser Gelegenheit auch aussprechen — —«

Er stockte. —

»Was, mein Junge?« Jetzt machte Viktor den entscheidenden Anlauf: »Es handelt sich — — es ist wirklich ein ganz eigener Fall, daß wir uns heute gerade wiedersehen. Ich wollte dir nämlich eben einen langen Brief schreiben ...«

»So, so. Na, das ist mir ganz lieb, daß der mündlich abgemacht wird. Lange Briefe kann ich nämlich nicht leiden. Was sollte denn ungefähr drinstehen, Viktor?«

»Gestatte mir, Onkel — ich möchte dir, wie immer, den Vortritt lassen. Um meine Zukunft handelt es sich ja doch. Ich darf doch sicher annehmen, daß das Motiv deines heutigen Besuches ein ganz spezielles ist?«

»Also ja, lieber Viktor. Du hast recht. Ich habe nämlich in Berlin inzwischen keine halbe Arbeit für dich getan. Du sollst ein fertiges Bett vorfinden.« Hier kicherte Onkel Joachim. »Nun guckst du mich ganz verdutzt an. Also, ich habe nicht nur eine Praxis, sondern auch schon eine Frau für dich!«

Viktor konnte sich kaum beherrschen. Er fühlte, wie der stechende Blick des Onkels ihn nicht losließ. Aber so ließ er sich nicht fangen. Er war ja auch ein Berliner. — »Was heißt das, Onkel? Du hast eine Frau für mich? Verzeih — da komme ich doch wohl auch noch ein bißchen in Frage?«

»Ruhig Blut, lieber Junge. Selbstverständlich tust du das. Ich habe eben als dein zweiter Vater — das bin ich doch, nicht wahr? — ganz in deinem Sinne gewählt.«

»Aber Onkel, Onkel! Kann denn irgend etwas entschieden werden, ohne daß ich selbst —«

»Entschieden wird gar nichts. Nur in die Wege geleitet. Also, mit einem Wort: ich denke an Helene Kroner, die einzige Tochter meines Studienfreundes, des Bankdirektors Kroner in Berlin! Ein durch und durch gebildetes, wohlerzogenes Mädchen mit sage und schreibe 350000 Mark Vermögen! Es gibt auf der ganzen Welt keine bessere Partie für dich, und der Vater ist meiner Ansicht! So, mein Junge! Das unterbreite ich dir ergebenst! Und was hast du mir zu sagen?!«

Viktor Schwarz wischte sich die Stirn ab. — »Onkel — es ist namenlos peinlich für mich — je mehr ich empfinde, wen ich vor mir habe — — ich muß jetzt doch ganz aufrichtig sein.«

»Darum bitte ich!«

»Helene Kroner kenne ich aus vielen Gesellschaften. Sie ist sicherlich gebildet und aus guter Familie — die pekuniären Verhältnisse unterschätze ich auch nicht — aber man sagt, daß sie schwer belastet sei.«

»Man sagt! Was sagt man nicht alles! Neidhämmel! Abgewiesene Freier! Das Mädel ist ein bißchen schwächlich — ja — verwöhntes, einziges Kind — aber laß sie mal erst mit einem Kerl, wie du, verheiratet sein —«

»Onkel, ich habe ein starkes Verantwortungsgefühl — gerade mir selbst gegenüber. Ich weiß genau, daß ich meinen Weg machen werde, aber darum bin ich auch fest entschlossen, nur nach meiner Neigung zu wählen.«

»So? Bist du entschlossen? Das ist mir ja neu. Na, nun sind wir ja schon mitten drin in der Romantik. Aber ich denke, wir können uns kurz fassen. Eine Szene aus ›Kabale und Liebe‹ wollen wir doch nicht spielen. Ich bin weder Präsident, noch bist du Major, noch hat Lene Kroner Ähnlichkeit mit Lady Milford. Aber wo steckt die Luise? Hm?! Heraus damit, mein Junge!«

»Wa — was?« Viktor starrte den unheimlichen Onkel an. Der Name! Aber das mußte ja Zufall sein. Er reckte sich und erwiderte mit bleichem Trotz: »Ich bin auch gegen jede Komödie, Onkel. Ich verheimliche dir nichts. Ich habe hier in Strelenwalde ein Mädchen lieben gelernt —«

Onkel Joachim trommelte auf den Tisch: »Lieben gelernt! Ausgezeichnet! Kainz ist gar nischt dagegen!«

»Onkel, mir ist es bitter ernst. Ich müßte dich sonst bitten, dieses Gespräch abbrechen zu dürfen.«

»Eine Frechheit, bei meiner Ehre, die ich um ihrer Seltenheit willen verzeihe. Na, und dein Stichwort? Schillerkenner? Aber mir ist es auch ernst, Viktor. Sehr ernst sogar. Also, wer ist es? Doch nicht etwa gar der Wirtin Töchterlein? Da ist vorhin ein Wesen an mir vorbeigehumpelt —«

Viktor zuckte zusammen: »Ich bitte dich — das war die Tochter meines Wirtes. Ich meine die Tochter des Konditors Prutz, der mir gegenüber wohnt. Herr Prutz ist einer der angesehensten Bürger von Strelenwalde —«

»Kenn' ich, kenn' ich! Was glaubst du denn? Ich bin hier doch auch mal Assessor gewesen! Wie ich bei Prutz verkehrte, wollte er sich eben verheiraten. Also das ist daraus geworden. Hübsches Mädel?«

Viktor schöpfte Hoffnung: »Entzückend, Onkel! Liese Prutz ist für alles Höhere begabt. Wenn man sie aus ihrem Milieu erlöst, ihren natürlichen Geschmack entwickelt — ich sage dir, Onkel — du wirst begeistert sein.«

»Na, na — es kommt darauf an, in welcher Hinsicht. Ich will dir mal was sagen, lieber Junge. Damit wir uns von vornherein nicht mißverstehen: An sich genommen, kann ich dich vollkommen begreifen, daß du dir hier in dem langweiligen Nest solch appetitliches Konditormädel als Zerstreuung ohne ernste Konsequenzen zulegst — dagegen hätte ich nicht das mindeste einzuwenden —«

»Onkel!«

»Nun, was denn? Onkel!? Ich habe dir schon in Berlin gesagt: Genieße dein Leben, aber verplempere dich nicht! Dabei bleibt es! Deine Verhältnisse sind mir natürlich Wurscht! Wofür ich Interesse habe, das ist einzig und allein deine Zukunft — und dafür kommt Fräulein Prutz nicht in Betracht!«

»Du sollst dich über die ganze Sache nicht täuschen, Onkel. Bis jetzt ist alles noch in mir verschlossen. Auch das Mädchen fühlt nur ...«

»So? Ihr seid also noch nicht einig?«

»Ihres Herzens bin ich sicher. Aber ich habe zuviel kindliche Pietät dir gegenüber — — ich mußte es dir erst sagen ...«

Viktor glaubte nun dem Onkel einen Stoß versetzt zu haben. Als er ihm aber ins lauernde Gesicht sah, wußte er sofort, daß er eine große Dummheit begangen hatte. Justizrat Joachim bekam jetzt das Übergewicht: »So, so ... Hm ... Nun, das ist mir ja recht lieb zu hören. Die Sache steht also noch zwischen uns beiden zur Diskussion? Von einem Heiratsversprechen ist nicht die Rede? Na, dann ist es ja noch nicht so schlimm.«

»Heiratsversprechen! Ich liebe Liese Prutz —!«

»Das bildest du dir ein! Wenn du sie wirklich liebtest — was ich unter Liebe verstehe, Junge — dann hättest du deinem Onkel gar nichts gesagt!«

Das war ein Hieb — der saß. Viktor fühlte sich auf den Mund geschlagen. Ratlos starrte er den unheimlichen alten Mann an. Jetzt aber ließ Onkel Joachim die Führung nicht mehr los: »Du brauchst mich also, und ich bin zu deiner Verfügung. Ich ahnte deinen Konflikt — deshalb bin ich gekommen. Daß du dich hier in Strelenwalde festrennst, daß du dich zeitlebens mit einer Liaison behängst, das ist für mich ganz ausgeschlossen!«

Viktor schloß die Augen. Seine Hände umklammerten den Griff des Weinglases. — »Und was, wenn ich fragen darf — was wären die Konsequenzen, Onkel, wenn es für mich doch nicht so ganz ausgeschlossen wäre?«

Die imposante Gestalt Onkel Joachims reckte sich plötzlich. Sein graues Haar sträubte sich: »Oho! Kommst du mir mit der Kabinettsfrage?! Na, dann will ich dir so reinen Wein einschenken wie der von Benscher! Entweder gehen unsere Wege zusammen, oder sie trennen sich!«

»Onkel!«

»Ich meinerseits kann von meinem Lebensplan nicht mehr zurück. Du bleibst mein Erbe unter der Bedingung, daß du einen Weg beschreitest, den ich gutheiße. Du mußt eine große Partie machen. Glaube mir, ich kenne das Leben besser als du. Das Glück des Mannes heutzutage ist die Karriere. Hier magst du noch treiben, was du Lust hast — aber in Berlin — — entweder fügst du dich und blamierst mich nicht — oder ...«

Onkel Joachim brach ab. Den Rest konnte sein Neffe sich denken.

»Ist das dein letztes Wort, Onkel?«

»Mein allerletztes.«

Das Gespräch war zu Ende. Man erhob sich tief erregt und nahm Abschied ... Zum Bahnhof ließ Onkel Joachim sich nicht begleiten. —

Viktor Schwarz verbrachte die schwersten Tage seines Lebens. Der Beruf konnte ihn nur wenige Stunden betäuben — sonst war er seinen schmerzlichen Gedanken preisgegeben. Zum erstenmal mied er die Prutzsche Konditorei. Was mußte Liese von ihm denken? Jeden Nachmittag wartete sie gewiß auf ihn. Auch am Fenster konnte sie ihn nicht mehr entdecken. Immer hielt er sich im Hintergrunde und lief davon, als ob er sich in einen fremden Raum verirrt hätte. Dabei wußte sie gewiß von Adele Schörg, daß er nicht krank war.

Nein, er konnte sie nicht wiedersehen, bevor er sich entschieden hatte. Mit sonderbarem Schrecken merkte er, daß er die Entscheidung doch erst treffen mußte. Onkel Joachim hatte wirklich eine dämonische Macht. Sie bestand nicht nur in seinem persönlichen Willen, sondern auch in der Kraft, mit der er die Gesellschaft vertrat. Vor der Notwendigkeit, daß der Einzelne sich der Allgemeinheit fügen mußte, hatten sich schon Stärkere gebeugt als Viktor Schwarz. Wenn er sein ganzes bisheriges Leben übersah — in der Tat, er war ein abhängiger Mensch. Er hatte frühzeitig lernen müssen, Wege zu beschreiten, die man ihm bahnte. Nun war es wohl begreiflich, daß der Wegbaumeister unzufrieden war. Wenn er kurz vor dem Ziel noch absprang? Wenn er für einen Traum die Karriere opfern wollte? ...

Opfern? Onkel Joachim sah es so. Der alte Mann sprach aus seiner Welt. Aber es war keine leere Drohung, die er seinem Neffen hinterlassen. Verweigerte man ihm den Gehorsam, so war er rücksichtslos wie jeder erfolgreiche Berliner. Hunderte warteten schon auf das fette Erbe, das dem jungen Assessor zufallen sollte.

Nein, es war unmöglich — er durfte es nicht mit seinem Wohltäter verderben. Viktor Schwarz weinte fast bei dem Gedanken. Aber er wollte hart werden gegen sich und gegen die Welt, auch gegen Liese, wenn es nötig war. Noch hatte er ja in der Tat nicht alle Brücken abgebrochen. Wenn er bedachte, wie andere Männer sich in seinem Fall benehmen würden ...

Bald lag Strelenwalde hinter ihm. Und dann? Was wußte er in Berlin noch von Jugendtorheiten? Da hieß es, dem Ernst des Lebens ins Auge sehen.

»Gott sei Dank,« flüsterte Viktor Schwarz, indem er nach langer Zeit wieder einmal ans offene Fenster trat — »man wird langsam vernünftig. Man übersieht die Situation.«

Hier stockte er. Sein Blick glitt auf die Gasse hinunter. Soeben trat Liese aus dem Laden und geleitete Tante Sanftleben hinaus. Wie lieblich ihr Blondkopf in der Sonne leuchtete — wie anmutig ihre schlanke Gestalt das alte Fräulein stützte! Sie war doch ein Prachtgeschöpf. Und er sollte an diese Lene Kroner, diese bleichsüchtige Modepuppe, um die eine Atmosphäre von Medizin war, verkauft werden? Noch einmal brandeten Reue und Wut in ihm. Aber bald nickte er, und in das Lächeln seiner gespannten Züge kam zum erstenmal etwas Zynisches. Die Welt verschwor sich gegen seinen schönen Traum — nun gut, so blieb nur die Herrenmoral übrig.

Aber vorsichtig, doppelt vorsichtig mußte er sein. Jetzt hieß es besonders den alten Konditor im Auge behalten. Assessor Schwarz kam von heute an anders in seinen Laden als früher.

Nachmittags trat er wieder ein. Liese war eben nicht anwesend — sie kam erst, als sie die Türglocke hörte, aus der Backstube. Nun stand sie, in beiden Armen ein großes Kuchentablett, erblassend da. Plötzlich sah sie ihn wieder. Ein Jauchzen rang in ihrer Kehle. Als ihr forschender Blick erkannte, daß Viktor Schwarz sie heute noch freundlicher anlächelte als sonst, mißverstand sie seine Rückkehr völlig. Wilde Kombinationen erfüllten ihren Kopf. Sie wußte ja — wer wußte es in Strelenwalde nicht? —, daß des Assessors Onkel da gewesen. Was mochten die beiden miteinander besprochen haben? Und wie er sie heute ansah — keinen Blick warf er dem frisch gebackenen Kuchen zu. Das war etwas Neues. Er war zu einem Entschluß gekommen.

Viktor Schwarz lächelte nur und schwieg. Zu einer Unterhaltung kam es nicht. Das steigerte die Bedeutung des Wiedersehens. Erst als er bezahlte, fragte er, fiebrige Röte in den Wangen: »Was unternehmen Sie denn zu Pfingsten, Fräulein Liese?«

»Ach, ich und unternehmen! Ich bin ja wie eingesperrt! Am ersten Feiertag sicher. Und am zweiten — na, vielleicht kommt Tante Sanftleben und vertritt mich. Dann mache ich vielleicht das Fest vom Gesangverein mit.«

»Wo findet denn das statt?«

»Draußen in der Zubermühle. Ach, da ist es jetzt so schön.«

»Und Ihr Herr Vater? Ist der auch beim Gesangverein?«

Liese lachte: »Vater! Nein — der geht nicht aus dem Hause — der spielt höchstens einen Skat, hier im Laden, mit dem Herrn Pastor und dem Apotheker.«

»Da brauchen Sie doch nicht dabeizusein? Man müßte Ihre Tante direkt bitten, Sie mal zu erlösen —«

»Aber Herr Assessor —«

»Sobald ich sie sehe, rede ich mit ihr!«

»Aber Herr Assessor —«

»Haben Nichtmitglieder Zutritt zu dem Fest des Gesangvereins?«

»Es kommt drauf an.«

Lieses letzte Worte sagten genug. Sie wünschte also, daß der Herr Assessor »Zutritt hatte«. So nahm er die Sache energisch in die Hand. Ein Zusammentreffen mit Fräulein Sanftleben wußte er geschickt herbeizuführen. Noch geschickter brachte er es dazu, die gute Tante für den zweiten Feiertag zu verpflichten. Fräulein Sanftleben fühlte sich geschmeichelt, als der Herr Assessor so lange mit ihr sprach, und gerührt erkannte sie sein warmes Interesse für ihre Nichte. Liese war also für den zweiten Pfingsttag frei. —

Es wunderte sie nicht, als in dem schattigen Garten der Zubermühle auch Viktor Schwarz erschien. Jetzt beherrschte ihn die Taktik des Großstädters. Niemand konnte den Grund seines überraschenden Interesses für den Strelenwalder Gesangverein erkennen. Der Stolz der Bürger, auch den Herrn Assessor zu begrüßen, wurde jedenfalls gefuttert. Erst nach einer Stunde näherte Viktor sich Liese. Als er dann neben ihr saß, war die Stimmung schon alkoholisch gehoben — man wunderte sich nicht darüber. Unter den blühenden Kastanien saß man, am rauschenden Mühlbach, und sang und sang — und trank. Patriotische Gesänge, Frühlingslieder, Liebeslieder, Schlummerlieder, alles durcheinander. Um die künstlerische Wiedergabe mühte sich der lockige Dirigent des Vereins, der die Kolonialwarenhandlung von Strelenwalde besaß und den sonderbaren Namen Zankapfel trug. Er war aber das versöhnliche Element. Seine Not hatte er nur mit Kanzleirat Moritz, dessen blökender Baß immer zu tief kam.

Es dunkelte. Die sanges- und bierseligen Menschen blieben unter den Kastanien. Viktor Schwarz wurde in der schwülen Atmosphäre unruhig. Er spürte, daß auch Liese sich fortwünschte. Der entscheidende Augenblick war da — man konnte unauffällig verschwinden.

»Gehen wir ein bißchen spazieren«, flüsterte Viktor. »Hier weiß man ja gar nicht, wie schön der Abend ist. Hier riecht man kaum den Flieder.«

»Die Herren rauchen zuviel.«

Sie erhoben sich leise. Niemand sah ihnen nach. Am Mühlbach führte der Weg unter niederen, überhängenden Weiden zur Wiese hinaus. Als der Lärm der Sangesbrüder hinter ihnen verklang und sie sich unter dem feierlichen Abendhimmel allein sahen, kam doch ein keuscher Werbegeist über Viktor Schwarz. Er ging mit gesenktem Kopf, die Hände über dem Leibe gefaltet. Dann sah er, daß Liese sich an der Wiese niederhockte. Weiße Kamillensterne pflückte sie und begann einen Kranz zu flechten.

Andächtig sah er ihr zu: »Das wird Ihnen großartig stehen, Fräulein Liese.«

»Meinen Sie? Die Leute singen und trinken immer nur. Es wäre doch viel netter, wenn alle Damen Kränze trügen und hier draußen getanzt würde. Es gibt so schöne, alte Tänze im Freien.«

»Ja. Aber noch schöner ist es doch, daß wir hier allein sind?«

Sie wurde rot und drückte den Kranz ins blonde Haar. Sie sah entzückend aus, aber er trat näher und meinte: »Ein bißchen tiefer müßte er sitzen.« Sie ließ es geschehen, daß er den Kranz zurecht rückte. Mit ihren blauen Augen sah sie ihn erwartungsvoll an. Da überwältigte es ihn. Er hielt den lieben Kopf, nicht mehr den Kranz, und drückte Kuß um Kuß auf ihre Lippen. —

Gegen Mitternacht erst besannen sie sich und kehrten zu den Sangesbrüdern zurück. Die brachen nun auf, aber Verdacht oder gehässiger Spott regte sich nirgends. Man ließ das Paar auch auf dem Heimwege unbehelligt. Liese schritt neben Viktor. Jetzt fragte sie nicht mehr, was er vorhatte, und was aus ihr werden sollte — jetzt genoß sie nur den Augenblick. Er aber ließ die Zukunft wohlverwahrt im Hintergrunde und wußte ihr täuschend zu versichern, daß nur die Gegenwart Wert besäße.

Vater Prutz war munter geblieben. Er hatte auf seine Tochter gewartet. Noch nie war Liese so lange ausgeblieben. Nun ersparte er ihr Zank und Mißbilligung nicht. Der Sturz aus dem Himmel kam noch vor dem Schlafengehen. Eines aber verkannte Liese: der Vater hatte Licht bei Assessor Schwarz gesehen. Auch der war also eben erst heimgekommen. Nun kombinierte der alte Eiferer. Sein Mißtrauen sah er gerechtfertigt.

So gab es nach dem glücklichen Pfingsten schwere Tage für Liese. Vater Prutz war noch nie so unverträglich gewesen. Er quälte seine Tochter, wo er sie fand. So trieb er sie nur noch tiefer in die Versuchung. Je drückender es zu Hause wurde, desto leidenschaftlicher brauchte sie das andere, die große Möglichkeit der Freiheit. Wie es geschehen sollte, wußte sie nicht. Eine bange Scheu, die eingewurzelte Bescheidenheit der Kleinstädterin hinderte sie, den geliebten Mann zu befragen. Daß er sich ihr immer tiefer verpflichtete, daran kam ihr kein Zweifel. Ein Zurück gab es nicht mehr. Die Spatzen pfiffen es schon von den Dächern. Nur der eigene Vater hörte es nicht. Das glaubte Liese. Schließlich wagte sie mehr, denn der Zwang wurde ihr zu häßlich. Bald mußte es ja doch zum Klappen kommen. Nur Hingabe band für immer, schrankenloses Gehören. Sie verschwendete nichts, sie gab ja nur, was recht und heilig war. In einer warmen Juninacht schlich sie sich zum offenen Fenster und winkte. Auch seine dunkle Gestalt wurde sichtbar. Bald trafen sie sich im Gärtchen hinter dem Hause. Hier war kein Lauscher, hier spähte kein Auge. Nur Peter, der alte Schimmel, stampfte im Stall.