FÜNFTES KAPITEL
Es war noch das Berlin der achtziger Jahre, in das Viktor Schwarz zurückkehrte, aber zum Unter- und Wiederauftauchen fand er schon das rechte Wasser. Als er sich besonnen, kam eine ärgerliche Scham in ihm auf. Wie hatte er nur so schmählich die Flucht ergreifen können, vor den Spießbürgern von Strelenwalde!
Das Unwürdige seines Verhaltens kam ihm freilich dort, wo es am nötigsten gewesen wäre, nicht zum Bewußtsein. An Lieses Not dachte er kaum. Jetzt galt es ihm vor allem, wieder in den Sattel zu kommen. Er mußte sich den Rücken decken. Konditor Prutz fürchtete er weniger als die Herren vom Strelenwalder Amtsgericht. Die durften keinesfalls glauben, daß er aus Schuldgefühl entwichen war. Feigheit würde man ihm immer vorwerfen. Nein, er mußte eine einleuchtende Erklärung finden und sich zugleich interessant machen.
In seiner lieben alten Wohnung am Tempelhofer Ufer kam ihm die Erleuchtung. Er blickte auf die langen »Appelkähne« im schmalen Kanal hinaus, und die Frische eines Mannes, der am Wasser wohnte, erfüllte ihn. Natürlich — so war es zu machen: nervöse Depression infolge von Überarbeitung. Nicht etwa im Amtsgericht hatte diese Überarbeitung stattgefunden — das wäre den Herren dort nicht angenehm gewesen — sondern daheim, bei Sattlermeister Schörg, wo, wie man jetzt erst erfuhr, dieser Musterassessor ein großes Werk über die fiskalischen Ansprüche auf Rieselfelder entworfen hatte. Nächtliche Pflichterfüllung hatte seine Gesundheit untergraben.
Nun faßte er sich. Nun setzte er den Kollegen alles auseinander — erbat ihr Verständnis und ihre Entschuldigung. Das Zeugnis eines bekannten Nervenarztes wurde beigefügt. Was noch fehlte, lieferte Onkel Joachim. Der alte Justizrat zeigte sich anfangs peinlich überrascht. Dann aber spürte er, daß sein eigener Machtspruch die Ursache der Flucht gewesen, und daß nur ein radikales Mittel Viktor vernünftig gemacht hatte. So hieß er es schließlich gut. Er setzte seine Autorität dafür ein, daß man den entwischten Assessor wohlwollend verabschiedete. Joachims Fürsprache war auch die baldige Berufung an das Moabiter Landgericht zu danken.
»Alles geht gut«, konnte Viktor Schwarz nach einigen Wochen händereibend sagen. Jetzt hatte er das alte Strelenwalde schon wieder ganz lieb. Rührende Erinnerungen beschlichen ihn. Rechnungen waren bezahlt, Abschiedsbriefe an Personen, die es wohl nicht erwartet hatten, wurden mit bestrickender Liebenswürdigkeit geschrieben. Nun kam sogar der tiefe, schmerzliche Druck zurück, daß in der Hauptsache die Versöhnung fehlte. Von Liese hatte er nichts mehr gehört. Es war ebenso unheimlich wie auffallend, daß ihr Vater keinen Schritt gegen ihn unternahm. Was mochte da vorgefallen sein? Viktor Schwarz zählte immer wieder an den Fingern, wieviel Monate Liese noch bis zu ihrer schweren Stunde blieben. Es war ja ausgeschlossen, daß sie ihren Zustand verborgen hielt. Besonders wenn er ihre Stimmung in Betracht zog. Vielleicht hatten sich so schlimme Dinge ereignet, daß sie gar nicht zu ihm gelangten? Jedenfalls konnte es aber nichts sein, was die Öffentlichkeit beschäftigte, denn sonst ... Er las ja täglich das Strelenwalder Kreisblatt.
Ganz losmachen konnte er sich doch nicht. Und was das Fatalste war — je wohler er sich in Berlin fühlte, desto hartnäckiger beschlichen ihn die trauten Bilder der Kleinstadt. Er vergaß wohl im Genuß, aber er wollte sein bestes Erlebnis nicht missen.
Das steigerte sich allmählich zu Halluzinationen. Er hörte sich selber »Engel« flüstern und bekam die rauhe Antwort »Schuft!« Es war ein peinlicher Zustand. Nur Arbeit half darüber fort. Die leistete er, unverdrossen und erfolgreich — Onkel Joachim wurde immer zufriedener. Es fehlte nicht viel, und er hätte vergnügt gesagt: »Siehst du, mein Junge — es war doch richtig, was dein alter Onkel gewollt hat!«
Richtig, ja — aber ... Eines Abends faßte Viktor Schwarz einen kühnen Entschluß. Er griff nach Schreibpapier und Feder. Aber er schrieb nicht etwa an die Verlassene, sondern an ihren letzten Gegensatz, an die kleine Adele Schörg. Auf eine andere Auskunftsstelle kam er nicht. Die Tochter seines ehemaligen Wirtes war ihm verpflichtet — er hatte ihr in der Aufregung der Abreise zwanzig Mark geschenkt. Das war natürlich lächerlich viel. Aber nun konnte sie ihm auch noch einen zweiten Gefallen tun.
Wenige Tage später erhielt er ihre Antwort:
»Hochgeehrter Herr Assessor!
Selbstverständlich sage ich niemand was von Ihrem Brief. Man weiß doch auch, was diskret ist. Aber es ist mir eine Ehre, daß Sie sich an mich gewendet haben, denn ich kann Ihnen ja die beste Auskunft erteilen. Denken Sie sich: Herr Prutz war doch immer spinnefeind mit meinem Papa, und nun auf einmal hat er mich als Ladenfräulein engagiert. Ganz von selber hat er mich gefragt, aber mit einem Gesicht, als ob er mich auffressen wollte. Ich habe aber keine Angst vor ihm. Der arme, alte Mann ist ja jetzt so verlassen, denn Sie wissen wohl, daß er seine Tochter verstoßen hat. Liese wohnt bei ihrer Tante, und Herr Prutz sieht sie nicht mehr an. Er ist ein harter, alter Mann. Liese kann einem doch leid tun, denn das Schwerste steht ihr noch bevor. Dabei können Sie sich denken, wie alle Leute sie behandeln. Sie wagt sich nur noch, wenn es dunkel wird, auf die Straße. Und sie sieht aus — so was von Veränderung habe ich in meinem Leben nicht gesehen. Alles wundert sich hier aber über Fräulein Sanftleben. Daß die es noch mit so einer hält. Für mich ist es natürlich viel besser gekommen, als ich jemals gehofft hatte. Jetzt bediene ich in einem feinen, schwarzen Kleid, mit einer blendend weißen Schürze die Gäste. Morgen kaufe ich mir Lackschuhe. Der Alte ist mir ja unheimlich, denn ich weiß eigentlich gar nicht, warum er mich gerade genommen hat. Man glaubt hier, daß er nicht mehr recht bei Troste ist. Er spricht, wenn ich im Laden bin, plötzlich ganz laut mit seiner verstorbenen Frau. Ich sage Ihnen, da schmeckt einem manchmal kein Kuchen mehr. Aber meine Selbständigkeit habe ich wenigstens. Denn Herr Prutz rafft sich zu nichts mehr auf. Mit bestem Gruß, und wenn Sie mal wieder was hören wollen, immer zu Ihrer Verfügung.
Adele Schörg.«
Viktor Schwarz blickte scheu umher, als er diesen Brief gelesen hatte. Nun wußte er genug — mehr als genug. Das Weitere mußte er abwarten. Zum erstenmal beschäftigte er sich eingehend mit Tante Sanftleben. Von der war jetzt das Aktive in der Angelegenheit zu befürchten. Aber mochte sie nur. Bis das Kind auf der Welt war, saß er als angesehener Rechtsanwalt in der Taubenstraße. Die Kollegen in Strelenwalde waren daran gewöhnt, unter sich ein Auge zuzudrücken. Außerdem verdarb es niemand mit Justizrat Joachim. Alimente wollte er natürlich prompt, wie das Gesetz es gebot, bezahlen. Ihm kam es nur auf die Diskretion an.
So war er schon wieder ganz zufrieden mit sich. Als er auf die Straße hinaustrat und die frische Herbstluft einatmete, verhärtete sich seine Empfindung. Er schritt elegant und in der Haltung eines geschäftigen Ehrenmannes auf die Potsdamer Brücke zu.
In dieser Stimmung war es Schicksal, daß er seiner Tante Klara begegnen mußte. Die korpulente Frau Justizrat Joachim bewegte sich aus der Straße Am Karlsbad, wo sie seit vielen Jahren wohnte, auf ihren Neffen zu. Sie hatte mit ihrer Hakennase, ihren hervorstehenden Augen und der hohen, grauen Frisur etwas altmodisch Majestätisches, freilich eine Majestät, wie das Theater sie vorspiegelt. An eine alte Hofschauspielerin erinnerte sie. Komödiantenhaft war sie auch durch ihr aufdringlich kostbares Schmuckzeug.
Das Lebenselement von Tante Klara hieß: arrangieren. Jede ihrer Gesellschaften diente einem mehr oder minder verhüllten Zweck. Sie unterstützte Kunst und Wissenschaft, um Liebespaare hervorzuzaubern; sie lud Verliebte ein, um die Kunst zu fördern. Selbstverständlich fehlte nie die materielle Grundlage — leere Romantik gab es nicht.
Viktor Schwarz stand jetzt im Mittelpunkt des Interesses, Tante Klara war deshalb beglückt, als sie ihm an der Potsdamer Brücke begegnete. Viktor war es weniger, aber er kannte die Bedeutung der Tante und zeigte eine hocherfreute Ritterlichkeit. Sie wanderten dem Potsdamer Tor zu. Es duftete und klapperte neben Viktor. Andächtige und neidische Blicke hafteten an der offenkundig reichen Frau.
Ihre meisten Sätze begann Tante Klara mit: »Also«. »Also, man darf dich wohl nicht stören, lieber Vicki — du stehst vor dem Examen, das du natürlich unberufen glänzend bestehen wirst — und dann bist du Rechtsanwalt, und dann wirst du also auch Augen für eine gewisse junge Dame haben, die sich ganz schrecklich nach dir sehnt.«
»Wen meinst du denn, Tante?« fragte Viktor harmlos.
Tante Klara konnte nicht mehr ungezwungen lachen. Sie war zu dick und steckte in einem panzerähnlichen Korsett. Außerdem fürchtete sie für ihre falschen Zähne. Deshalb brachte sie nur ein »Hihi!« heraus: »Also tu nicht so unschuldig! Du weißt schon! Das kann ich dir sagen: Lene Kroner ist ein hübsches Mädchen geworden, ein wirklich hübsches Mädchen!«
Über Viktors Gesicht flog ein Schatten: »Ist sie denn noch immer magenleidend?«
»Also, das kann man wirklich nicht sagen. Sie lebt nach strenger Diät, sie tanzt und turnt und marschiert, alles bloß deinetwegen. Ihr Magen ist etwas schwach, das hat sie von ihrer Mutter geerbt — aber alles Nerven, alles nur Nerven — wenn sie verheiratet ist, gleicht sich das alles aus.«
»Ich kann aber nicht garantieren, Tante, daß ich Lene Kroner kuriere.«
»Hihi! Du bist ein Spaßvogel! Also wirklich ein Spaßvogel, Vicki! Du brauchst dir gar keine Sorgen zu machen! Außerdem werdet ihr in Verhältnissen leben, daß du deine Frau jederzeit in das schönste Sanatorium schicken kannst.«
Viktor horchte auf: »Na, ja ... Aber damit soll ich schon vor der Ehe rechnen?«
»Man muß doch die Dinge nehmen, wie sie sind! 'n bißchen kränklich — das macht doch nichts! Da richtet man sich sein Leben ein! Wenn sie einen Geburtsfehler hätte — aber ich sage dir, sie wird eine reizende Figur neben dir machen! Schneiderrechnungen spielen bei ihrem Vater keine Rolle! Also, das ist doch die Hauptsache! Sie repräsentiert!«
Viktor schwieg. Aber die Tante schwatzte fort: »Also, ich kann dir nur sagen, die ganze gute Gesellschaft wünscht eure Verbindung! Jeder sagt, es sei eine fertige Sache! Übrigens kann ich dich jetzt schon auf das neue Sanatorium in Oberhof aufmerksam machen — das soll ausgezeichnet sein — ein vorzüglicher Arzt und blendende Verpflegung —«
»Warum machst du mich denn darauf aufmerksam, Tante?« fragte Viktor mit etwas wirrem Blick.
»Na — man kann doch nie wissen! Du sollst jedenfalls einen freien Kopf behalten! Du sollst dein Leben genießen, mein Junge! Sollte Lene Kroner wider Erwarten doch wieder bettlägerig werden, packst du sie einfach auf, bringst sie nach Oberhof und besuchst sie alle acht Tage! In Oberhof ist es zauberhaft schön, lauter Hochwald — direkt Ozon! Da hast du auch 'ne Erholung!«
Viktor blickte ziemlich dumm auf diese einleuchtende Erklärung. Sie blieben am Potsdamer Platz stehen. So streiften sie fast einen alten Herrn, der eben vorüberging und Frau Justizrat Joachim grüßte. Zu seinem schwarzen Beamtenrock bildete der frische, feine Kopf mit dem weißen Haar und den leuchtenden, blauen Augen einen merkwürdigen Gegensatz. In dem Blick, mit dem er die alte Dame gestreift hatte, lag ein schalkhaftes Kennertum.
Tante Klara aber grüßte mit voller Begeisterung wieder: »Guten Abend, Herr Doktor! Guten Abend!«
»War das nicht Theodor Fontane?« fragte Viktor, ebenfalls von der Berühmtheit der Begegnung ergriffen.
»Also, freilich, freilich! Jetzt les' ich eben ›Irrungen, Wirrungen‹! Hat doch in der Voß gestanden! Na, mein Geschmack ist es eigentlich nicht! Solche Sachen sind mir zu realistisch! Da ist mir unser Pietsch schon lieber!«
»Aber Pietsch, Tante — der ist doch nur ein Journalist.«
»Egal! Sein Stil ist großartig! Der und Wildenbruch! Übrigens kennt Ludwig Pietsch sämtliche gekrönte Häupter! Wenn man den Mann liest, atmet man auf! Da vergißt man mal diese unverschämten Sozialdemokraten! Mein Mann sagt immer: ›Bebel wird direkt 'ne Gefahr‹!«
Tante Klara war auf ein Gebiet gekommen, wo Viktor die Gefolgschaft mied. Er stand zwar auf demselben Boden wie sie, aber ohne Logik mied er jede Debatte. Er führte Tante Klara noch zu Josty hinein — dann verabschiedete er sich und wurde nicht losgelassen, ohne daß ein neues Zusammentreffen mit Lene Kroner verabredet worden war.
»Also, weißt du, erbarm' dich,« sagte die Tante, als sie sein Zögern bemerkte. »Sie ist solch nettes, wohlerzogenes Mädchen. Und so bescheiden. Ich sage dir, du wirst an ihr eine wirklich bescheidene Frau haben.« —
Als Viktor dann am nächsten Sonntag mit seiner Zukünftigen bei Onkel Joachim zusammen gewesen, ging er in wachsender Beruhigung fort. Jetzt klärte sich die Sache. Man machte es ihm bequem, und er wollte es sich bequem machen. Mit jedem Wort begnadete er das blasse, unscheinbare Geschöpf. Hier konnte er wirklich tun, was er wollte — vorausgesetzt, daß die Form gewahrt blieb. Man belastete ihn weder mit Liebe noch mit Verantwortung. An Respekt für seine Frau brauchte er es ja nicht fehlen zu lassen, denn sie gab seiner Existenz die Grundlage. Lene Kroner konnte es vorzüglich bei ihm haben, wenn er ein weiser Lebenskünstler blieb. Es kam nicht darauf an, was sie wissen wollte, sondern was sie wissen durfte.
Ein Frohsinn, den er nur in den ersten Strelenwalder Tagen empfunden, kam über ihn. Was eben jeder musikalische Mensch summte, das Intermezzo aus »Cavalleria rusticana«, summte auch Viktor Schwarz. Zufällig glitt sein Blick auf das Schaufenster einer Vogelhandlung. Da verfärbte er sich. Papageien sah er in vergoldeten Käfigen. Er gedachte der Bezeichnung, die sein Freund Lubasch einmal für Lene Kroner gebraucht hatte: »Der kranke Papagei!« Er stampfte mit dem Fuß, verwünschte Lubasch und ging weiter. —
Das Examen bestand er vorzüglich. Nun setzte die Reihe der Joachimschen Feste ein. Beim zweiten wurde die Verlobung von Rechtsanwalt Viktor Schwarz mit Fräulein Helene Kroner verkündet. Es war ein sonderbares Glück, das über den Bräutigam kam. Nicht aus dem Erlebnis seiner Seele kam es, sondern aus der Meinung fremder Menschen. Was sonst dem Glück Verlobter nachgesagt wurde, daß sie nur in ihrer stillen Zweiheit die Welt fanden — bei Viktor Schwarz und Lene Kroner stellte sich nichts davon ein. Sie konnten nur unter neugierigen Blicken aufblühen, ihr Bündnis war eine allgemeine Angelegenheit. So wurde auch die religiöse Zeremonie als Dekoration erledigt. Die Hauptsache war das große Hochzeitsessen, das Justizrat Joachim, wie man versicherte, dreihundert Mark das Gedeck kostete. Fünfundsechzig Personen waren geladen. Also kostete die ganze Hochzeit über zwanzigtausend Mark. Freund Lubasch hatte es ausgerechnet. Im Laufe des Abends teilte er es jedem Gast mit.
Auch Schattenseiten hatte die schöne Feier. Erstens wagte das Hotel, in dem die Hochzeit stattfand, einen kecken Betrug bei der Verabreichung der Weine — die Debatte darüber, die nicht stimmungfördernd war, wurde bei Tisch nicht unterdrückt. Frau Justizrat Joachim lieferte sogar ein heftiges Wortgefecht mit dem Oberkellner. Ferner mutete die glückliche Braut ihrem schwachen Magen Dinge zu, die streng verboten waren. Die traurige Folge war, daß Viktor seine Liebe frühzeitig heimbringen mußte. Es wurde eine schlimme Hochzeitsnacht. Die Reise mußte verschoben werden, und nun sah die arme Lene wirklich wie ein kranker Papagei aus.
Viktor zwang sich zu frischer Ritterlichkeit, aber im Innersten war er verstimmt. Es geschah doch allzufrüh, was er vorausgeahnt hatte. Da half das Sanatorium in Oberhof nichts. Vorläufig lag Lene in der Bendlerstraße fest. Ihre Magenkrämpfe trieben jedes Glück davon. Ein böser Zwiespalt regte sich in Viktor Schwarz. Jetzt erst wußte er, wie gleichgültig ihm der Mensch war, mit dem er verbunden worden.
Aber man bedauerte ihn allseitig, ihn viel mehr als seine Frau, und das nutzte er aus. Er überließ die Kranke einer Pflegerin und wandte sich seinem eigenen Interesse zu. Daß Onkel und Tante Joachim bezüglich seiner Heirat ein schlechtes Gewissen hatten, war ihm gerade recht. Jetzt konnte er ihre Verantwortung nach Belieben vergrößern. Daß er den Weg in die Zukunft frei bekam, war ihm die Hauptsache. Er kannte schon das Achselzucken, das man seiner Ehe widmen würde. »Ich bitte Sie, eine kranke Frau. Kann man's dem Mann verdenken?«
So begann er denn als kluger Architekt den Scheinbau seines Lebens. Er war ein Faktor der Gesellschaft — darauf kam es ihm an. Soweit sie sichtbar blieben, galten seine Schritte. Im Dunkeln fehlte jede Kontrolle. Natürlich gab ihm eine Eigenschaft als juristische Person doppelte Sicherheit. Man wollte ihn als kühnen Geschäftsmann und ernsten Hüter der Moral — diese Vereinigung war ein Kunststück — aber er leistete sie. Er wurde ein ausgezeichneter Schauspieler. Wenn er abends bei Landvogt saß, Josty gegenüber, wenn er in einer Premiere des Deutschen Theaters oder in der neu eröffneten Philharmonie erschien — immer umgaben ihn andächtige Blicke. Teilnahme für den bedauernswerten Ehemann, Hingabe für den Überwinder des Daseins — überall erntete er beides.
Immerhin wollte er sich allmählich auch mehr Bewegungsfreiheit im eigenen Heim schaffen. Zum Arbeitssklaven war er sich zu schade. Doch Lene blieb bettlägerig — an die Reise nach Oberhof war nicht zu denken. Da half ihm der Klub. Man spielte und machte Bekanntschaften. Besonders auf einen interessanten Modesalon in der Neustädtischen Kirchstraße wurde Rechtsanwalt Schwarz hingelenkt. Hier gab es jene Berliner Welt, die noch nicht Halbwelt genannt werden durfte. Gusti Bernhardi, die elegante jugendliche Besitzerin, betonte sogar die bürgerliche Moral. Sie behauptete, nur anständige Damen zu beschäftigen, aber eine Aufpasserin war sie nicht. Sie machte Viktor Schwarz zu ihrem Rechtsvertreter.
Wieviel Freiheit und Bequemlichkeit konnte ihm doch von dieser gesunden, vorurteilslosen Frau kommen! Wehmut erfüllte Viktor Schwarz bei solchem Gedanken. Er fühlte sich gefesselt und verkauft. Zuweilen stieg ein böser Haß in ihm auf, wenn er heimkam und durch mehrere Türen den fatalen Medizingeruch spürte.
Vergebens überlegte er, wie er sich befreien konnte. Da erreichte ihn plötzlich ein Brief aus Strelenwalde. Nicht von Adele Schörg kam er, auch nicht von Konditor Prutz — die Handschrift war ihm unbekannt. Dann las er den Absender: O. Sanftleben. Aha — nun wollte man doch noch etwas von ihm.
Sehr geehrter Herr!
Hierdurch teile ich Ihnen mit, daß ich die Sachwalterin meiner Nichte Luise Prutz geworden bin. Ihr Vater, mein Schwager, hat sich von ihr abgewendet, aus Gründen, die ich nicht zu erörtern brauche. Ich teile seinen Standpunkt Luise gegenüber nicht, wohl aber Ihnen gegenüber. Deshalb benachrichtige ich Sie in Kürze, daß Luise in meiner Wohnung vor einigen Tagen einem gesunden Mädchen das Leben geschenkt hat. Ihre Vaterschaft steht fest. Ich habe Ihre Verpflichtung dem hiesigen Amtsgericht übergeben, von dem Ihnen das Weitere zugehen wird. Persönlich bemerke ich noch, daß Sie sich am besten vorstellen können, in welche furchtbare Lage meine Nichte geraten ist. Ich hoffe und erwarte, daß Sie sich jetzt als Mann von Ehre erweisen und etwas mehr an Mutter und Kind tun werden, als das Gesetz befiehlt. Unendlich viel ist wieder gutzumachen. Eine Lebenshoffnung ist zu gründen nach unverdienten Qualen.
Hochachtungsvoll
Ottilie Sanftleben.
Viktor Schwarz zerknüllte den Brief und ging mit starken Schritten umher. Dann flüsterte er: »Bande! Niederträchtige Bande! Das auch noch! Sie haben keine Ahnung, mit wem sie's zu tun haben! Aber sie sollen mich kennenlernen! Ich werde der alten Vogelscheuche Bescheid sagen! Nur gesetzlich, liebes Fräulein Sanftleben! Nur gesetzlich! Etwas anderes existiert für mich nicht!«