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Frau Rietschel das Kind

Chapter 8: SIEBENTES KAPITEL
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About This Book

The narrative follows a young assessor who relocates to a provincial town and becomes enamored of a confectioner’s daughter, prompting him to take a room opposite her shop. As his courtship unfolds, the story examines daily routines, social rituals, and the protagonist’s calculations about career advancement, reputation, and desire. Close observation of neighbors, family protectiveness, and rival suitors reveals the constraints of bourgeois provincial life and the limits of social mobility. Through intimate scenes and civic encounters, the work sketches how longing, prudence, and communal expectations shape personal choices and small-town relationships.

SIEBENTES KAPITEL

Am Elisabethufer wurde eine Leiche aus dem Kanal gezogen, als die Droschke, die Liese zu Frau Grunow trug, vor Nummer 24 hielt. Das Ereignis hatte viele Menschen angelockt, die in einer eigentümlichen Mischung von Grauen und Spott das Geländer säumten. Liese begriff, was vorging, hütete sich aber davor, etwas erkennen zu wollen. Sie bezahlte schnell und lief mit ihrem Kinde in das Haus.

Vier Treppen mußte sie steigen — dann las sie endlich das kleine Porzellanschild: M. Grunow, Näherin in und außer dem Hause. Darüber befand sich eine größere Holztafel, die nach Lieses Eindruck ganz geschmackvoll mit allerlei Nixen und Wasserpflanzen bemalt war. Sie trug in Schnörkelschrift den Namen Alfons Grunow, Maler und Innendekorateur. Auf einer vergilbten Visitenkarte stand noch: Tübbeke, Bureauvorsteher.

Sie klingelte. Ein kläffender Hund wurde hörbar. Dann schlurfte es heran, und eine bejahrte Frau öffnete mißtrauisch die Tür.

»Ach, Sie sind es, Fräulein«, sagte sie dann langsam. »Kommen Sie man 'rein.«

Die Stimme klang mürrisch. Das fahle Runzelgesicht heimelte Liese nicht an. Sie war in Strelenwalde an glücklichere Erscheinungen gewöhnt. In der Wohnung sah es sehr ärmlich aus. Zum erstenmal regte sich ein dunkles Mitleid in Liese für das kleine Wesen, das hier abgesetzt wurde.

Aber dieses Gefühl erstickte sie. Aufrecht saß sie der alten Näherin gegenüber: »Ich bringe Ihnen das Kind, Frau Grunow. Ich bin mit Ihren Bedingungen einverstanden. Herr Müffel hat Ihnen ja geschrieben.«

Frau Grunows verglommene Augen musterten Lieses Erscheinung. Sie gähnte dann und strich das graue Haar aus der Stirn: »Ja, ja, — ich weiß schon. Müffel ist ein anständiger Mann. Sein Bruder, der war anders. Gesoffen hat er, und gekommen ist er zu nichts, und dann hab' ich ihn zwei Jahre hier krank gehabt. Aber Guido ist tüchtig. Kriegen Sie nun wirklich die Stelle, Fräulein?«

Die Frage klang so skeptisch, daß Liese rot wurde. »Ich werde mir alle Mühe geben, sie auszufüllen.«

»Ach, geben Sie sich man nicht zuviel Mühe. Die Hauptsache ist, daß eine nett aussieht. Guido versteht den Zimmt. Ja, der eine hat Dusel, und der andere muß sich sein ganzes Leben schinden und kommt zu nichts.«

»Ach, wissen Sie, Frau Grunow, ich habe auch bis jetzt nicht viel Dusel gehabt.«

»Na, was wollen Sie denn? So'n Kind das macht Ihnen doch nichts mehr? Und mit die Männer — lieber Gott, denen gefallen Sie wahrscheinlich jetzt noch besser.«

Liese schnitt das peinliche Thema ab: »Nun kann ich wohl noch sehen, wo das Kindchen schlafen wird?«

Frau Grunow machte eine ärgerliche Bewegung: »Schlafen tut se hier — da steht ja das Bettchen. Was soll ich Ihnen sonst noch erzählen? Ich arbeite bloß noch zu Hause, seit ich die verfluchte Gicht habe. Also da ist immer einer, und die Milch von Bolle kennen Sie doch? Die Hauptsache ist, daß Sie genug Geld dalassen, damit ich was kaufen kann fürs Kind. Was Sie da mitgebracht haben — die zwei Windeln und das fusselige Wolltuch — damit kommen wir nicht weit.«

Es kochte in Liese. Sie hatte mit Tante Sanftleben alles so nett gerichtet — da ließ sie sich nicht angreifen. Aber sie bezwang sich. Vorläufig sah man sie ja nicht wieder. — »Gut, also gut. Hier sind noch dreißig Mark. Das wird ja wohl vorläufig genügen?«

»Und monatlich pünktlich schicken, nicht wahr? Auslegen kann ich nämlich nichts. Uns geht's hier miserabel. Mein Bruder, was der Bureauvorsteher ist, der ist ein oller Geizkragen, der sitzt auf seine Kröten. Und mein Sohn, der Alfons, der könnte als Stubenmaler so viel verdienen, aber der quatscht bei seine Partei, macht Versammlungen und glaubt, daß übermorgen alles anders wird. Nee, Fräulein — hier kommt es bloß auf mir an. Das eine kann ich Ihnen man sagen: Dem Kind fehlt nichts, und das kommt daher, weil ich noch fromm bin. Ich gehe nämlich jeden Sonntag in die Kirche. Ja, so was gibt es noch in Berlin. Nu können Sie sich ja vorstellen, daß es hier gut für so'n Kind ist.«

Liese widersprach nicht. Sie verabschiedete sich bald. Als sie in der Pferdebahn saß und nach der Französischen Straße zurückfuhr, war sie ganz beruhigt. Das Kind war untergebracht — sie mußte jetzt selbst durchkommen. —

Ihren Koffer hatte sie noch in einem Fremdenheim in der Mittelstraße. Sie sagte Guido Müffel, ihrem neuen Chef, daß das Kind nun fort sei, und daß sie zu ihm übersiedeln könne. Er sah sie strahlend an und war mit allem einverstanden.

Liese hatte Talent für den neuen Beruf. Ihr Erfolg entsprach den Erwartungen. Überrascht blickten Guido Müffels Gäste auf die neue Büfettdame. Diese schlanke, blonde Person war keine zur Schau gestellte Puppe, sondern ein tüchtiger Mensch. Sie versäumte keine Freundlichkeit, aber sie bewährte sich auch hinter den Kulissen. Das Geschäftliche ging am Schnürchen, und in der Küche merkte man bald, daß Fräulein Prutz kochen konnte. Den Kellnern gegenüber hatte sie ein glückliches Gemisch von Dame und Wirtschafterin. Aber es erfüllte sich auch, was Frau Grunow prophezeit hatte: Der Instinkt der lebenserfahrenen Herren spürte, daß Liese Prutz schon einiges »hinter sich« hatte. Das aber gab ihr den höchsten Reiz. Man glaubte es nicht mehr so weit zu haben bis zur Verständigung. Doch auch der keckste Werber machte die Erfahrung, daß man eine mißhandelte Seele vorläufig in Ruhe lassen mußte.

Freude hatte Liese an ihrem Beruf. Das Zerstreuende der täglichen Pflichten und der Wechsel der Erscheinungen war das, was sie gebraucht hatte. Auch gab es wirklich interessante Männer, die bei Guido Müffel verkehrten. Nicht nur müde Geschäftsleute, die in der Erholungsstunde materiell gestimmt waren — es kamen auch viele Künstler, und ihre selbstbewußte Art herrschte natürlich vor. Besonders ein bekannter Sänger vom Königlichen Opernhause und ein anderer von der Operette in der Friedrich-Wilhelm-Stadt beschäftigen sich mit Liese. Mit beiden scherzte sie bald, als ob ihr überhaupt nichts Böses geschehen wäre. Das Lokal war jeden Tag von Heiterkeit erfüllt. Guido wurde immer stolzer auf seine Entdeckung.

Bald machten die Stammgäste sich einen Spaß, der aus guten Herzen kam. Sie durchschauten, daß es sich bei Liese um einen Menschen handelte, dessen Empfindlichkeit geschont werden mußte. Sie war immer nett und sauber, aber dürftig gekleidet. Dies war der einzige Punkt, der Guido Müffel Sorge machte. Zu der Seelengröße, seine Büfettdame entsprechend einzukleiden, konnte er sich doch nicht aufschwingen. Da verschworen sich nun die zahlungsfähigsten Verehrer, einen Fond zu gründen, einen »Liese-Prutz-Fond«, dessen Mittel zur Beschaffung eleganter Garderobe dienen sollte. Man hatte eine kindliche Freude daran, alles zusammenzutragen, was dem hübschen Fräulein stand. Dabei wurde für die Empfängerin jede Peinlichkeit vermieden — bei keinem Gegenstande kam es zutage, wer ihn gestiftet hatte. Man sprach immer nur von »unserer« Liese, man wollte gleicherweise an etwas beteiligt sein, was so viel Freude machte. Guido Müffel übernahm es, Liese in die Sache einzuweihen. Es war eine heikle Aufgabe, aber sein Schützling erleichterte sie ihm. Liese spürte, daß sie nichts hergab, was sie sich wahren wollte. So erschien sie denn schelmisch lächelnd von Zeit zu Zeit mit einer neuen Errungenschaft im Lokal, mochte es eine seidene Bluse oder ein Schildpattkamm oder feine Schuhe sein. Immer hörte sie das leise »Ah!«, das den Beifall der Verschwörer bedeutete. Auf solche Weise konnte sie allen gehören —

Eines Morgens kam eine Postkarte von Frau Grunow, das Kind sei krank gewesen, aber nun schon über den Damm. Sie wollte es der Mutter erst schreiben, wenn alles überstanden war. Liese erschrak trotzdem, denn sie schämte sich vor ihrem Kinde. Eines Sonntagnachmittags beschloß sie wieder nach dem Elisabethufer zu fahren. Im Lokal war sie erst abends nötig. Sie bat Herrn Müffel, eine Tüte mit allerlei Süßigkeiten mitnehmen zu dürfen, und er füllte sie ihr selbst mit Datteln, Traubenrosinen und kleinen Kuchen.

Liese kam überraschend. Es war Sonntag, und in Frau Grunows Wohnstube befand sich eine lebhafte Kaffeegesellschaft. Liese staunte, wie nett die arme, alte Frau alles herrichten konnte. Einen Napfkuchen hatte sie gebacken, den Onkel Tübbeke alle fünf Minuten aufs neue beurteilte. Außer dem Bruder der Frau Grunow traf Liese diesmal auch Alfons, ihren Sohn, ferner Fräulein Milchner, eine benachbarte Lehrerin, und Herrn Frosch, einen Friseur, der sein taubstummes Töchterchen mitgebracht hatte, selbst aber außerordentlich beredt war.

Nicht weit vom Kaffeetisch lag Berta in ihrem Bettchen. Das erschien Liese in Anbetracht der rauchenden Männer nicht ganz richtig, aber sie wurde von Frau Grunow sogleich beruhigt. Die Hauptsache sei, man müsse solch Kind an alles gewöhnen.

Liese bekam einen Ehrenplatz auf dem Sofa. Sie wurde überhaupt mit großer Höflichkeit behandelt. Ihre elegante Erscheinung wirkte in dieser Ärmlichkeit. Frau Grunow freute sich an der Tüte mit den Süßigkeiten, bot aber, als sie den Inhalt übersehen hatte, nichts davon an. Nur eine elegische Betrachtung knüpfte sie an das Geschenk, die das unterbrochene Gespräch wieder in Gang brachte.

»Ja, ja — da kriegt man mal wieder so'n Schimmer von dem, was andere Leute jeden Tag haben. Unsereiner muß für Kartoffeln und Bohnen sorgen — weiter reicht es nicht.«

»An den süßen Sachen verdirbt man sich bloß die Zähne«, meinte Onkel Tübbeke, obwohl er beständig Kuchen aß.

»Als zielbewußter Proletarier ziehe ich meine einfache Kost entschieden vor!« platzte Herr Frosch heraus, indem er seine flackernden Augen über Liese gleiten ließ. Dann tat er, was er nach jeder Äußerung tat: er beugte den Kopf zu seinem taubstummen Töchterchen, als wollte er sehen, ob es etwas wünschte. Es war auch diesmal nur eine mechanische Bewegung.

Alfons Grunow, der einen überraschenden Haarwuchs hatte, richtete seinen düsteren Künstlerblick auf Liese. Er ließ Herrn Frosch seinen Parteigenossen, immer zuerst sprechen — dann äußerte er gleichsam die abschließende Wahrheit; »Der Tag wird kommen, wo es auch bei uns Rosinen gibt. Aber die Knackmandeln, die wir vorher spendieren, werden ein bißchen anders aussehen, was Bruno?!«

Frosch nickte eifrig und beugte sich wieder zu seinem Kinde.

Onkel Tübbeke, der mit seinem bartlosen Runzelgesicht und seiner fuchsigen Perücke an eine Figur aus der alten Berliner Posse erinnerte, sagte mit komischer Grimasse: »Na, Alfons — sie werden euch schon auch noch manches zu knacken geben — warte man ab.«

»Onkel, du hast keine Ahnung von Morgenluft«, erwiderte der Neffe, indem er mit beiden Händen in seine Lockenfülle griff.

»Als wie icke? Ich stehe doch jeden Morgen um halb sieben Uhr auf, und um achte bin ich im Bureau.«

»Na ja, — das mein' ich aber nicht. Du kommst von den Burschoa und gehst zu den Burschoa. Du hast dir den Sturmwind der Zeit noch nie um die Nase wehen lassen.«

»Dafür dank' ich auch, mein Junge. Davon kriegt man bloß'n Schnuppen.« — Jetzt kicherte Onkel Tübbeke. Vom Kichern kam er ins Husten. Trotzdem wiederholte, er allmählich brüllend, indem er sich zu Liese wandte: »Davon kriegt man bloß 'n Schnuppen.«

Alfons machte eine verächtliche Bewegung, die der Onkel übelnehmen konnte. Fräulein Milchner glaubte wieder einmal vermitteln zu müssen: »Ich glaube, wir werden für unser Leben mit den bestehenden Verhältnissen vorliebnehmen müssen. Für uns heißt es: seine Pflicht tun. Gerechtigkeit wird es wohl niemals geben.«

Jetzt schlug Herr Frosch mit der Faust auf den Tisch: »Das wollen wir doch mal sehen, Fräulein! Da bin ich ganz anderer Ansicht! Gerechtigkeit muß kommen! Da hätten Sie Bebel hören müssen in der letzten Parteiversammlung! Und Paul Singer! Es wird anders! Alles wird anders! Eher, als Sie glauben! Der Zukunftsstaat ist nahe!« — Er beugte sich zu seinem stillen Kinde.

»Vergeßt den Napfkuchen nicht«, sagte Frau Grunow, die wieder neue Stücke schnitt.

Alfons saß düster zurückgelehnt: »Rege dir man nicht auf, Bruno. Du vergißt immer wieder, daß wir von Burschoa umgeben sind. Es ist nicht unser Horizont, lieber Freund. Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich singe.«

Jetzt wurde Fräulein Milchner energischer: »Entschuldigen Sie, lieber Herr Grunow, da muß ich doch aber bemerken, daß eine Gemeindeschullehrerin die Not des Lebens wahrhaftig besser kennt als mancher geräuschvolle Arbeiter. Wir gehören zum geistigen Proletariat, wir haben nicht mal Ihre Waffen. Wenn wir zu Ruhe und Frieden mahnen, geschieht es einzig deshalb, weil wir ganz genau wissen, daß eine Auflehnung gegen die Machthaber nur noch größeres Elend brächte. Wir Lehrerinnen müssen den bestehenden Staat, der noch nicht der schlechteste ist, stützen.«

Die Stimme des ältlichen Fräuleins bewahrte kaum ihre Festigkeit, aber sie hatte etwas Respekt Gebietendes, vor dem auch der wilde, junge Maler schwieg.

Jetzt wagte sich auch Liese vor: »Ach, ich glaube, wir Frauen lassen überhaupt am besten die Finger davon. Politik ist nun mal nicht unsere Sache.«

Man konnte das ihrer hübschen rosigen Erscheinung aufs Wort glauben. Alfons aber flüsterte mit finsterer Ironie: »Besonders nicht in gewissen Lokalen, wo die blauen Lappen fliegen.«

Onkel Tübbeke warf seinem Neffen einen strafenden Blick zu. Fräulein Prutz gefiel ihm sehr, und er duldete keine Kränkung. — »Sie haben ganz recht, Fräulein. Hol' der Deibel die ganze Politik! Wir sind ja doch bloß das affige Publikum, das die Puppen tanzen sieht — von den Drahtziehern sehen wir nichts. Wenn man siebenundzwanzig Jahre bei Rechtsanwälten gearbeitet hat, wie ich, dann weiß man Bescheid.«

»Ja, ja, die Rechtsanwälte«, sagte Liese nachdenklich. Dann fragte sie, indem sie mit der Hand über die Stirn strich: »Sie sind Bureauvorsteher, Herr Tübbeke?«

»Ich war's schon fünfzehn Jahre bei einem der ersten Anwälte von Berlin, Justizrat Joachim in der Taubenstraße. Von dem haben Sie doch gewiß schon gehört?«

Es entging der Gesellschaft nicht, daß Liese Prutz nach dieser Auskunft ihren Löffel in die Tasse fallen ließ. — »Ach ja, von dem hab' ich schon gehört ...« Man merkte ihr an, wie gierig sie auf weitere Mitteilungen wartete.

Onkel Tübbeke ließ sich nicht lange bitten: »Nun ist der alte Justizrat ja zurückgetreten. Sein Neffe hat die Praxis übernommen. Das ist noch 'n janz junger Dachs, aber ich sage Ihnen: schneidig, der hat was los.«

»Sind Sie auch bei dem — Bureauvorsteher?«

»Selbstverständlich. Er hat mich geerbt. Ohne mich kann ja der kleine Schwarz nicht auskommen. In sechstausend Akten finde ich mich zurecht. Das Wichtigste weiß ich auswendig.«

»Dein Gehalt aufbessern sollt' er«, murrte Frau Grunow.

»Das ist ja erst geschehen. Aber ich werde schon an den reichen Knauser wieder herantreten, wenn es so weit ist. Er ist nämlich klotzig reich, Fräulein.«

Liese sah in ihre Tasse: »Nun ja — solche Praxis.«

»Und was meinen Sie wohl, wie der geheiratet hat? Sie soll 'ne Million haben — die einzige Tochter vom Bankdirektor Kroner. Herr Schwarz hat schon gewußt, wo daß er sich 'reinsetzt.«

»Und was hat er nun davon?« fragte Frau Grunow. »Die Frau soll häßlich sein wie 'ne Nachteule, und außerdem ist sie immer krank. Du hast doch selber erzählt, daß sie nie zum Vorschein kommt. Immer liegt sie im Bette und schluckt Medizin, und wenn sie auch alles hat, was sie braucht — für so'n Mann ist sie 'ne Kugel am Bein.«

Liese war blaß und rot geworden — aber sie beherrschte sich, sie mußte mehr hören: »Was fehlt denn der Dame?«

»Am Magen hat sie's«, erwiderte Onkel Tübbeke, noch einmal nach dem Napfkuchen greifend. »So was ist immer eklig. Aber er wird schon wissen, wo daß er bleibt.«

»Ein Idyll aus der Burschoasie«, sagte Alfons Grunow und erhob sich. Herr Frosch, dessen Töchterchen eingeschlummert war, stand ebenfalls auf.

Liese Prutz aber schien das Thema nicht verlassen zu wollen: »Ist Ihr Rechtsanwalt ein Lebemann, Herr Tübbeke?« fragte sie mit roten Wangen.

Der alte Bureauvorsteher kicherte: »Das will ich meinen! Allerdings — gesagt hab' ich nichts! Er läßt sich natürlich nichts merken! Wenn man draußen alles sauber ist — drinnen mach' der Deibel seine Häufchen! Sie entschuldigen schon!«

»Unerhört«, flüsterte Fräulein Milchner. »Kaum ein Jahr verheiratet! Diese Herren ziehen wirklich alle sittlichen Gesetze in den Schmutz ihrer Gewissenlosigkeit!«

»Ach ja«, sagte Liese Prutz, indem sie die Augen schloß. »Aber es straft sich von selber.«

Sie blickte auf ihr Kind — dann nahm sie Abschied. Nun fühlte sie sich mit Frau Grunow und den Ihrigen eng verknüpft. Sie versprach, bald wiederzukommen. Rasch ging sie durch den kühlen Regenabend nach Hause. Erschrocken spürte sie, daß sie ihre eben gewonnene Ruhe wieder verloren hatte. Das Schicksal wollte es — sie sollte mit dem Verderber in Berührung bleiben. Gleichgültig war er ihr noch immer nicht.

Mit heißen Wangen trat Liese bei Guido Müffel ein. Ihr Chef machte ein sehr unglückliches Gesicht, denn es waren schon mehrere Gäste anwesend, und er mußte persönlich am Büfett bedienen. Aber er zürnte der Unpünktlichen nicht — er war nur froh, daß sie endlich da war. Doch Liese blieb blaß und zerstreut — als man wieder gutmütige Anspielungen auf ihren neuen Hut machte, der auch aus dem »Fond« stammte, verstand sie es nicht und ärgerte sich.