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Chapter 4: Särö
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About This Book

A sequence of lyrical narratives and sketches centers on women's inner lives and relationships, tracing episodes of longing, erotic encounter, travel, and spiritual awakening. Scenes shift between domestic and exotic settings and depict shifting attachments, betrayals, and reconciliations, often through rich sensory description. The prose alternates close psychological observation with moments of ritual and spectacle, examining autonomy, desire, memory, and the tension between social expectation and personal freedom. Overall the work favors impressionistic mood and vivid detail over linear plot, presenting a mosaic of emotional states and decisions.

Sie trat rasch hinein.

Sie schlug eine breite Seide um den Bauch und färbte die Augenlider mit einem schmalen Strich einer seidigen Salbe. Sie goß Sandelholzpuder in den Ausschnitt ihrer Brust und, ihn zerreibend, die Handflächen rosig davon, trat sie hinaus.

Die Sonne kam gerade mit frühem schönem Licht. Der See lag in ruhigen quecksilbernen Schatten.

Da aber lag unter den Rudern eine Flotte, vergoldet bis in die Knäufe der Masten. Hunderte Boote schäumten den See auf zu einem leichten Glanz, und die Ruderer sangen, während sie die Schaufeln hoben, ein klares wiegendes Lied.

Sie hörte wie im Traum noch Elefanten von dem See herauf den Boden stampfen, ihre Gläser in den Räumen tanzten. An den Rahmen des Balkons gelehnt, schwach in den Knien, hörte sie ganz von ferne:

„To.“

Sie machte eine kleine Bewegung, aber schon stand er vor ihr. Auch sein Gesicht war von Liebe so gut, daß es still vor ihr hing. Sie sprachen nicht. Die Sehnsucht glänzte nur von ihrem Mund, während sie still sich zu der Landschaft wandten, die sich morgendlich auftat. Sie saßen lange noch zusammen, überwältigt voneinander zu solcher Stille des Erlebens, und schauten hinaus, ohne sich zu sehen, bis ihre Augen lächelnd einander trafen und ihre Körper sich berührten.

Sie waren sanft in ihren Liebkosungen, ihre Körper vertauschten sich miteinander, ein jedes wollte das andere beglücken und für es leiden.

„Hattest du große Sehnsucht?“

„Ich habe hier alle Tage gesessen und gewartet.“ — —

„Und du . . . . hast du dich gesehnt?“

„Ich habe einen Feind nicht töten lassen, weil ich dich so sehr liebte, To . . . . .“

Als sie allein dann blieb, brach der Abend mählich an und eine angstvolle Ruhe überkam ihr Herz. Aber wie ein Trost kam die Landschaft über sie, die mit Hügeln sich nach dem Norden hin wellte.

Jede Erhebung trug eine Pagode, die sich rund erhob und dastand.

Immer unirdischer stieg das Licht, das Geringste verklärend. Überall schritten groß und still die Büffel über die aufgelegten Felder, die in schwarzer Seide glänzten, gegriffen von hellen Pflügen. Indigofelder wogten schwach aus der Ferne heran, als kämen sie zu ihr wie eine schöne Herde. Der Fluß bog sich schlicht, in eine Falte der Gegend eingeknittert, vorbei. In einem nahen Garten mit rotschäumenden Hecken saßen auf Palmen grüne Papageien und regten sich nicht. Über allem lag das Glänzen wie ein Atem.

Sie bog die Brust nach vorne und lauschte mit dem Ohr an ihrem Leib.

Der Segen der Gegend reifte auf sie herein mit einer Güte, daß sie still das Wunder in sich glaubte. Sie war von Liebe so sanft und klar, daß dies Gefühl, das ihr wie ein Traum in das Bewußtsein schwebte, sie ruhig machte und sicher vor Glauben. Noch nie war ihr der Gedanke, daß sie Kinder trüge, nah gewesen ihrem Herzen. Sie empfing es, das ihr früher Schmerz und unlieber Einfall nur gewesen und ängstend ihr weibliches Gefühl und ihre Freiheit, nun mit der Aufnahme der selbstverständlichen Güte, mit der die Welt um sie voll stand. Ihr Körper verfeinerte sich unter dem Glauben ihrer Segnung.

Denn aus der unerklärlichen Stille der auf dem See schon dunkelnden Fischerboote hörte sie das kleinste Geräusch. Sie unterschied jeden einzelnen Fischzug. Ja, sie war bei jedem einzelnen Tier, das die Angel dem See entriß. Bald konnte sie unterscheiden, welche Welle, von welchem Ufer kommend, den Strand unter ihr traf, und die Schatten einer fernen Abendwolke fielen wie ein Stoff auf ihr Gemüt.

Um sie wuchs die Welt aber unerklärlich in Schönheit.

Sie wurde größer, an der Stadt der gelben Boote wurde der Strom wie durchsichtige Haut. Viele Städte wuchsen aus der Ebene und glänzten.

Durch die Steinölquellen erhielt die Dämmerung vom See her einen Schein von Regenbogen, die sie ohne Pause überzitterten. Unter ihnen überall lagen die Klöster ganz in mattem Golde badend und in stillen Kreisen umschritten die Priester sie sacht.

Sie faltete die Hände: ihr Mund dankte hingegeben an die Klarheit, ihre Seele aber sog wie einen Atem die Güte ein, die ihre Liebe über dem Land empfand.

Wie eine Verkündigung nahm sie den Tag mit in die folgenden.

In Stille lebend war sie voll Erwartung. Nachts lauschte sie oft auf ihren Leib. Auch, als das Blut ihren Körper verließ, ließ sie nicht nach im Glauben, denn die Verheißung nahm sie nicht auf einen einzigen Tag.

Sie lebte wartend, sanft und schmelzend in der Erwartung. Ihr Gesicht glättete sich zu mondhafter Weiche. Ihre Glieder formten sich zu harmonischer Milde der Bewegung. Die Augenbrauen lagen fremd in ihrer wilden Biegung auf solch den Dingen ergeben hingewandtem Gesicht.

Sie neigte sich in allen Dingen vor Thengo. Sie sah keine Fehler an ihm jetzt mehr, lächelnd verzieh sie und war nie voll Widerstand.

Aber unter dem aufnehmenden Erfüllen ihrer Liebe einte sich nicht mehr das Bündel widerstrebender Gefühle, das sein Wesen ausmachte und das sie sonst im Gleichgewicht hielt.

Einmal, endlich, gereizt, hob sie drohend das Gesicht gegen ihn.

Er lächelte. Aber ihr Glaube, den sie unverbrüchlich gehalten, löste sich langsam und schmerzlich seit diesem Augenblick. Wie ihre Hoffnung langsam nachließ, wichen die sanften mütterlichen Gefühle einer schmerzlichen Ruhe.

Sie entsagte. Aber sie war jeden Augenblick auf das Wunder bereit. Sie sah Monat um Monat ihr Erwarten eitel, aber die Sicherheit des Glaubens verließ sie auch in dem sichtbaren Versagen nicht.

Thengos Leben hielt sie in ihrer Hand, ihn reizend und gütig beruhigend. Sein wildes zersprühendes Leben bedurfte ihres Gleichgewichts. Aber ein Teil ihrer Seele war leer geworden im Warten und mit Hingeben an das Äußere trat sie, es zu füllen, aus ihrer Stille heraus zu Reiten und Fahrten. Sie spielte mit Hunden und befragte ihn um die Führung seiner Geschäfte.

Am Tage des zweiten Geburtstages Thengos fuhren sie in die Dämmerung auf den See mit wenigen Ruderern. Das Wasser war gefallen, Tausende Inseln streckten sich mit langen Armen aus der Flut, die, mit Steinöl überzogen, gleich schillernden großen Tieren sich über sie bäumten.

Der Mond hob sich langsam und groß.

Sie lagen still in der einhüllenden Kühle und rauchten wortlos in die Dämmerung.

Plötzlich ganz langsam begann Rinys Gesicht sich in Tränen zu lösen. Kleine Tropfen hingen wie eine Schnur an ihren langen Adern, das Gesicht badete in einer Feuchtigkeit, die es erfüllte wie ein Mondschein.

Er sah sie nicht an, klopfenden Herzens. Seine Hand schlich nur herauf und preßte ihr Knie: ich bin da.

„Thengo . . . .“

Er hörte. Die blaue Dunkelheit um sie machte sie freier, die ihren Atem aufnahm ganz weit und ihre Worte schlürfte. Moskitos senkten sich auf sie nieder. Sie sogen heftig an den Zigaretten und scheuchten sie mit Rauch. Aber es war, als lägen sie in einer Säule, so dicht umwanden sie die Tiere. Die Ruderer hatten die Netze vergessen, Thengo sagte kein Wort zu ihnen, er schien ihr aufgelöst und gut.

Aber die süße Schwüle der Luft, die sein Druck zärtlich verstärkte, ließ ihr Gefühl ganz hinrinnen. Zum erstenmal sprach sie Thengo von ihrer Sehnsucht. Sie sah ihn erbleichen. Nun begriff sie, daß sie ihn tief damit kränke, denn seine männliche Eitelkeit trug daran im Glauben, sie mäße ihm vielleicht die Schuld.

„Ich bin elend,“ sagte sie leise. „Ich kann nicht gebären.“

Sein Gesicht arbeitete.

„Nein, To,“ sagte er: „Ich trage die Schuld.“

Sie erschrak. Dann lächelte sie:

„Thengo . . . . du Tor . . . . mein Narr.“

Er schüttelte den Kopf.

„Tiger,“ sagte sie. Sein Blick strömte über durch die Luft auf sie mit einem wilden Jauchzen, das sich aus Liebe dämpfte zu einem berückenden schwärmerischen Band.

Sie blies den Rauch heftiger aus. Der Mond war noch groß und lag genau auf dem Spiegel des Wassers.

In den Schwärmen der Moskitos tauchten große grüne Fliegen auf, deren saugende Stiche kleine Hügel an ihren Armen aufschwellen ließen, daß sie den Arm zum Munde führte, um es zu lindern. Thengo rief, daß man rasch rudere.

Sie steckten Zweige an, indem sie zurückfuhren.

Er aber kam herüber und legte sich auf sie, daß er sie deckte mit seinem ganzen Körper, mit seinem die Stiche empfangend, sein Nacken war ganz gerötet.

Er küßte sie nicht. Sie lagen in einer stillen Vereinigung, wie geboren in dieser Lage, sie tauschten die Sehnsucht und den Schmerz ihrer Leben aus in einem Gefühl der großen Harmonie, die sie trug.

„To . . . . es ist meine Schuld,“ flüsterte er.

Sie lächelte ihm in das Gesicht hinauf: „Thengo . . . . . du Tor.“

Sie landeten und gingen hinauf auf die Balkone. Ein Feuerwerk entzündete sich feierlich und getragen über dem See. In langen goldenen Schnüren hingen die Strähnen zersprühter Kugeln hinab in das Wasser, über dem der Mond noch rot sich brach.

Sie speisten auf Rinys Balkon.

Die Gardinen der Front bewegten sich alle in dem lauen Wind, der den Abend köstlich trug. Es lag eine Ruhe des Gleichgewichtes in der Luft, daß es weiter nichts bedurfte wie da zu sein und sich zu sehen, den Atem zu spüren, nichts zu reden — — um glücklich zu sein.

Während sie speisten, hob Thengo mit einem raschen Schwung eine Kette schönster orientalischer Perlen um ihren gerade geneigten Hals. Müde und erregt küßte sie ihn zärtlich über den Tisch.

Dann stand sie auf, ihm Blumen im Garten zu schneiden. Er hob, als sie aufstand, sein Gesicht fragend, gestört, daß sie die wortlose Ruhe breche. Aber sie empfand so tiefe Zärtlichkeit, daß sie den Gegenstand suchte, sie ihm darin darzugeben.

Sie hob geheimnisvoll die Hand.

Ihr Finger fuhr zum Mund, die Lippen zogen sich zusammen rätselvoll und lächelnd. Sie sah sein Gesicht heiß werden, er nahm ihr die Hand herab und drückte seinen Mund auf den Ballen.

Sie lachte winkend schon und entlief.

Sie wollte allein sein. Wie vieles und welche Höhe sie mit ihm durchlebt, kam ihr, als sie in den Garten trat und beruhigter stand. Die weiche Luft umhüllte sie, sie gab sich dankbar hin. Sie schnitt einen Strauß barbarisch wilder Blumen. Ihr ganzer Arm lag voll davon und währenddem ging ihr Blut in einer Klarheit, die allen Dingen sich verband, mit jeder Zelle faßte sie jedes Ding der Welt.

Sie spürte die Güte, die von Thengos Wildheit ausging und in wunderbarer Wage die Leidenschaft seines Atems mit ihrer Seele verband.

Das gab ihr Glück.

Aber in tiefster Liebe stehend, empfand sie die innere Sicherheit weit über den Zustand des Glückes hinaus. Die tiefe innere Ruhe war aus der Kraft der Entsagung in sie eingedrungen. Der Schmerz in der Liebe und die Trauer hatten sich eingesogen in ihr Blut. Sie trug einen Besitz, der sie abschloß und vereinte. Sie war gewappnet gegen jedes Schicksal.

Und damit brach sie zum ersten Male den Ring von Saint-Loux und die mystische Kraft, mit der er ihr Leben umlagerte, mit dem sie zum ersten Male schlief, und die seither ihren Weg bestimmte, dessen Lauf sie zurückriß in das Abenteuer seiner Umarmung jedesmal. Sie lächelte. Sein Bild schwand und verblaßte.

Aber in diesen Gefühlen der inneren Ruhe strömte Thengos Liebe auf sie zu. Sie war ihr ein Sinnbild. Ihr Herz war weit und klar wie nie. Ihr mildes Herz dachte nur an ihn, da es beruhigt war in sich selbst. Sie ging, fast eine Erscheinung, körperlos und doch glühend, hingegeben und verzichtend, großen Schwingungen der Erde im Pulsschlag hemmungslos vereinigt, durch die Dämmerung der Beete, hob die Arme nach den Büschen, seinen Namen sagend, bei jeder Blume, die sie für ihn schnitt.

Särö

Es ist der dreiundzwanzigste April, St. Georgstag. Gunnaris sagt, heut stellten in Nyland und in Karelen bis gegen die Grenze nach Petersburg hin die Frommen Milch unter die heiligen Bäume und speisten Kuhzungen mit geschenktem Mehl in den Ställen.

Es schlägt Acht von der Höhe Lidingös.

Gegenüber der ersten Stockholmer Schäre gehen wir an Bord. Sirola und Vehkamäki rudern von der anderen Fjordseite herüber.

Wir gingen hundemüde gleich in die Kabinen, es ward sehr dunkel.

Ich kann nicht schlafen, horche auf das Flauschen der großen Segel und bin voll Unruhe, aber ich begreife nicht, was mich durchzieht. Nach rückwärts ist alles klar, nach dem Zukünftigen der Weg gerichtet. Ich habe vier Wochen Zeit, bis ich mit abgelaufenem Paß nach dem Balkan muß. Was kann es mir nützen, daß ich es überlege?

Ich habe auf der Brust einen Brief meines Bruders, der mir eine Dankesschuld für ihn abzutragen aufträgt und der durch viele Zensurstationen mich nach zwei Jahren in Schweden erreicht hat; ich habe eine Mission in meinem Beruf außerdem noch und liebe sodann noch Siv. Ich habe vier Wochen Zeit, bin in Eile und mache doch unbedenklich trotzdem diese riskante Exkursion. Ich weiß also genau, was ich will, wie ich immer es wußte.

In der Pupille, dem Spiegel gegenüber, ist kein Nachlassen der Energie, nur hin und wieder scheint heut zum erstenmal hinter dem hellen und herausfordernden Ton der Netzhaut ein noch tiefer im Silber des Glases liegendes Gesicht heraufzutauchen.

Doch sehe ich hart danach, bleicht es erschrocken zurück.

Es gibt nichts, was mich verwirren könnte im Umkreis, Gefahr erschreckt mich nicht. Ich höre auf zu denken und spüre, wie es irgendwo in mir bebt. Ich laufe auf und ab. Es ist heiß, ich gehe im Schlafanzug hinauf, höre die Matrosen, die an ihre Weiber denken, summen. Der Seewind macht müde, ich schlief am Geländer, bis die Möven kamen. Sirola stand schon vorne und fütterte sie und lachte, wenn sie, sausend herabgeschossen, vor ihm mit nach oben gestreckten Beinen erschreckt und gierig am selben Fleck flatterten.

Abends sahen wir Leuchtfeuer über der Ostsee und kreuzten, hörten ein Motorboot einmal, glitten durch ein Gitter von Scheinwerfern, die uns nicht ganz erreichten und kamen südlich von Abo auf das finnländische Ufer.

Das Schiff fuhr nach Helsingfors weiter.

An der St. Heinrichsquelle trafen wir Svinhufvund. Er nahm die drei anderen Finnen gleich beiseite, Gunnaris winkte mir entschuldigend mit den Augen, ich blieb eine Weile allein. Mittags erst erfuhr ich, daß deutsche Battaillone in Hangö und Lovisa gelandet seien, Helsingfors genommen und die Arbeitertruppen in Haufen erschossen hätten.

Sirola zog einen Kreis mit dem Finger.

Die Roten waren zwischen der Linie des General Mannerheim mit der weißen Garde zwischen dem bottnischen Meerbusen über Tammerfors bis zum Ladogasee und den Deutschen im Süden eingeklemmt und gegen Rußland zu im Sack.

Svinhufvund erklärte, die Luft sei rein und unschwedisch, wir bummelten in Abo, saßen im Café. Plötzlich wandte sich Gunnaris um, zog uns mit ins Innere und durch den Garten heraus. Durch die Mauer an der Ecke sahen wir schwedische bürgerliche Freischärler mit den Schafpelzuniformen in das Lokal stürzen. Wir verbargen uns.

Abends ritten wir, da die Finnen auf jeden Fall in Verbindung mit Tokoi und Haapalainen kommen wollten und ich diesen ein Papier mitgeben wollte, strammen Schritt südlich gegen die russische Grenze zu. Die Finnen hatten viel Ernst in ihren unbekümmerten Gesichtern. Die Gäule waren bös, aber wir kamen bis zu dem Gut Mommila, wo wir am Vorwerk abschnallten, im Heuhaufen etwas ruhten und in der Dunkelheit noch weiterritten.

Gegen Morgen sahen wir die Pörtten eines Dorfes. Sirola rührte an den Donnerkeil über dem Eingang und stieß mit dem Absatz die Tür auf. Dreckige Leute lagen über den Boden hin. Die Wände schwarz vor Rauch. Ein schwitzender Finne rieb sich die Augen, und als er sah, daß wir den Keil berührten, stand er, einladend, auf. Sie plauschten mit ihm, hielten die Finger auf den Mund und nickten ihm zu. Er bejahte und bürgte mit einer Bewegung für die anderen. Wir hielten uns, da die schwedischen Freischärler Gunnaris erkannt hatten, versteckt, denn wir waren ohne Zweifel signalisiert. Unser Aufenthaltsraum in der Hütte war abgesperrt, es stank entsetzlich.

Mittags kamen mit Gebrüll Wagen und Reiter, schrieen: „langen Hanf, langen Flachs“. Wir sahen durch einen Schlitz der Hütte.

Sie packten aus, hatten Schellen und tanzten und machten Ringelspiele aus Freude, daß die Roten zurückgeschlagen und in den Mausfallen abgeschossen wurden. Sie trugen, da es fast Mai, Pluderhosen, keine Röcke mehr und Strümpfe über den Schuhen.

Mit der Dämmerung rückten wir ab, trotteten in der Dunkelheit wieder hinter Svinhufvund, um Mitternacht nahm uns ein Wagen auf, der aus einem Waldpark herausgepfiffen wurde. Wir kamen bis zu einem großen Gehöft. Der Besitzer streichelte den Menschenknochen an unserem Bock. Wir kamen in die Badestube, die aus Ziegelsteinen erhitzt wurde, man sperrte uns wieder ab, ich konnte nur kurz in der Hitze bleiben, im Nebenraum waren die Weiber nackt, die zwei Männer in Hemden.

Wir fuhren im Auto weiter.

Am Kymmenefluß, nun auf den Spuren der beiden Armeen, sahen wir Hinrichtung und Brand überall. Hinter Wiborg hatten wir den Bogen um die beiden irregulären Fronten durchfahren, kamen zweimal in versprengte Rotten der Roten. Die Finnen orientierten sich, sprachen mit den Führern, wir fuhren auch bei Tag. Das Kreideland dehnte sich in Fichtenschonungen. In der Nähe einer der letzten Biegungen hielten wir und gingen, geführt von dem Lehrer Hannes Uksila, über eine Sumpfwiese, auf der einige Weiber heuten.

Andere hingen Vogelsprenkel auf. Aus dem Gebüsch trat ein Lachshändler, der auch Felle führte. Uksila rief ihn an, er schielte und knurrte.

„Beim Wort den Mann, am Horn den Ochsen“, schrie Gunnaris, der als Nordländer die feigen und erbärmlichen Tavastaländer des Südens verachtete und schlug ihm den Hut vom Kopf.

Die Perücke fiel mit, es stand ein Nordländer mit gelblichen Haaren vor uns, und die Heuerinnen und Vogelfänger hatten Gewehre auf uns gerichtet.

Vehkamäki und Sirola hatten seine Hände gefaßt und schüttelten sie mit einem Singsang des Vergnügens hin und her. Es war Oskari Tokoi, der, früher Arbeiter in Amerika, den Frontabschnitt der roten Truppen befehligt hatte. Sie traten beiseite, Gunnaris gab ihm alle Papiere, die er bei sich trug, auch die meinen.

Nachts ging Tokoi auf russische Erde über die Grenze. Wir aßen Speck, Erbsen und Aal in Essig, fuhren bis Lill Ablorfors, wurden an einer Wegscheide umringt und verhaftet.

Die Finnen Sirola, Gunnaris, Vehkamäki hatten keine Papiere, ich setzte durch meine sehr guten deutschen durch, daß der Bürgeroffizier uns in das Hauptquartier des General Mannerheim fuhr. Er schlief, als wir ankamen. Posten mit Gewehren waren in unserem Zimmer. Die Finnen schwiegen, es war mathematisch ausgemacht, was sie protokollieren lassen würden, falsche Namen, falsche Route, den Zweck.

In der Nacht wurde ich siebenundzwanzig Jahre, und jene Unruhe, die ich auf dem Schiff zuerst gespürt, stieg unbegreiflich. Ich war gewohnt, mir über jeden Zustand Klarheit zu verschaffen, ich versuchte auf und ab zu gehn, überlegte, schied aus, überging die Situation haarscharf. Aber meine Lage wiederum störte mich gar nicht und es war nichts aus dem Augenblick heraus Gewordenes, was mich an die Ränder eines unbekannten Bezirkes anstieß. Es kam wie von einer fernen, uneinziehbaren, schicksalhaften Beziehung, die stärker wurde und reifte, ohne daß ich auch nur einen Hauch zu fassen vermochte.

Was machte mir der Augenblick . . . Dieser General, der in Oesterbötten die Gegenrevolution gesammelt, die Bourgeoisie eingekleidet, der nach Wasa geflohenen Senatorenregierung den krummen Rücken gestählt und das Proletariat mit Hilfe deutscher Truppen aufgerieben hatte, war er nicht machtlos, ein Sklave des Kaiserreichs, mußte sich beugen vor meinem Passepartout der Stockholmer Gesandtschaft . . . Dies alles reizte mich nur, ich war gespannt, ihn zu sehen, das Lauern seiner Augenbrauen, das wölfische Nagen der Zähne, die übermenschlich lange, dürre, vorgebeugte Figur.

Ich ging darüber weg. Ich dachte an Siv und spürte ein glückliches Ziehen meines Blutes. Auch das konnte es nicht sein.

Aber es stieg in der Nacht in mir mit einer verzweifelten dunklen Flut und wogte in mir, als ob hinter dem Bewußtsein sich Kämpfe abspielten und Entscheidungen, die mein Leben angingen. Ich lauschte und horchte stundenlang, ganz still, aber ich faßte es nicht.

Gegen Morgen wurde ich ruhiger. Ein Offizier rief meinen Namen, ich folgte, schlenkernd, aber doch gespannt. Ich wartete zwei Stunden. Eine hohe Gestalt trat ein, ich spürte, eh ich mich umdrehte am Schatten, der über mich fiel, schon, daß es Mannerheim nicht war.

„Warum haben Sie kein Visum?“ Ich hob die Handflächen ein wenig, ließ sie auf den Schenkel langsam zurückfallen. Es war nicht nötig, die Frage idiotisch, ich sah mich im Kreis um. „Die Namen der Finnen.“ Ich gab die ausgemachten Schlagworte.

Er zögerte.

Dann wies er rasch auf die Zeitung Työmies: „Waren Sie nicht mit Eero Haapalainen und Kullervo Manner als Studenten befreundet?“

Ich zuckte die Achseln.

„Zweck?“, rief er barsch, verzweifelt.

Ich war kühl und ruhig wie selten und freute mich eine Sekunde an der Klarheit und Harmonie, die mich zum erstenmal wieder erfüllte.

Ich ging bis an den Tisch und wies langsam mit dem Finger auf die Stelle, wo auf dem Passepartout in Berlin von einer gewissen Stelle gefertigt eine Passage stand. Drei Sekunden blieb es still.

Dann hoben sich seine Lider, er warf mir den Raubtierblick entgegen voll Haß, durchschaute wohl unser Spiel, war machtlos, murmelte: „Der Herr General ersucht.“ Ich trat durch eine Tür. Aber er empfing mich nicht, fuhr draußen im Auto ab.

Uns brachte man mit zwei Studentensoldaten im Auto nach Helsingfors.

Wir durften unser Schiff nicht nehmen, wurden eingeschifft, kamen bei schlechter See an den sieben Inseln Sweaborgs vorbei nach den Aalandschen Schären, hatten zwei Tage Gegenwind, kreuzten mit dem Lotsen von Ekerö zwei Tage an den Markzeigen entlang und waren am neunten Tag der Ausfahrt vor dem großen Stockholmer Hafen. Die Finnen ließen sich an den Schären aussetzen. Gunnaris schenkte mir einen Ring.

Ich schrie ihnen nach ins Boot noch einmal „Te—le—fon“ und deutete. Sie winkten, standen nickend am Ufer, sangen eine Weile, bis man sie nicht mehr sah. Gegen zehn Uhr ward die Ostsee golden. Der Hafen ein einziger Mövenschrei. Ich badete. An einem Kriegsschiff vorbei in den inneren Hafen, das leuchtende Eingeweide Stockholms.

Siv stand eine Stunde schon am Geländer, stahlschlank, nickte immerzu leise herüber. „War die Überfahrt gut?“

Ich spüre fast wie an der Haut ihres Gesichts, die sich langsam rosa färbt plötzlich, wie Finnland sich entfernt über dem Rudel der Schiffe. Selbst wie ich mich umdrehe und die Kielfahrt des Schiffes noch ölig und glänzend im Silberschaum sehe, hört alles auf, wo der Blick endet.

Wir drehen uns um, gehen Strandvägen hinauf.

Ich bin merkwürdigerweise mit einem Mal ausgelassen, wir lachen. Ich nehme Sivs Arm. Vor der Brücke stehen wir und lassen die Wachtparade passieren, hechtgraue Soldaten sehen wir mit gelben Troddeln um die Taille und Musik und den Führer, der in erhobenen Armen zwischen den Fingern einen silbernen Stab hält. Wir schauen und kommen höher auf den Skansen, wir riechen die wilden Tiere und Siv sieht mit angezogenen Nüstern die See. Ich schenke ihr die weißen Korallen, die ich mitgebracht. Siv hat den Rhythmus der Musik noch in den Knien. Wir besuchen die Renntiere, die unter Weidentroddeln ihr flaumiges Geweih blutig reiben, die Polarwölfe, die Silberfüchse, plötzlich schweift unser Blick über die vielen Fjorde bis dahin, wo die schwärmerische Luft des süßesten Frühlings mit der Herbe und dem nackten Granit der Felsen zusammenprallt.

Ich verweile eine Sekunde.

Als ich mich abwende, bin ich voll Trauer und Verzweiflung. In Djurgården schimmert dunkelgrün der Tau. Üppig schwillt über mir die blaue Fahne mit dem gelben Kreuz. In Kungsträdgården ist Musik, aus den Fischnetzen des Mälar fallen langsam die kristallenen Tropfen.

„Willst du zu Blanche?“

Ein Orchester sitzt hinter den Crèmegardinen.

„Nein.“

Wir gehen auf und ab zwischen den Bäumen und den Matrosen in der Dunkelheit und hören lang auf die Geigen, dann enden wir auf einer Bank.

Nachts wache ich auf im Hotel. Siv ist schön, bezaubernd die federnde Größe ihrer Beine, die Linien, die im Bogen weiß von den Hüftansätzen über die Brüste laufen. Ich liebe sie und sie ist mir fern.

Ich fühle nur: Auf der Ostsee fährt irgendwo ein Dampfer. Der Expreß saust durch Småland. Die Nordsee steht dunkel gegen Christiania gespannt. Der Bär im Skansen träumt durch die Gitter und die Sterne flirren darüber kalt. Ich fühle mich in der Gewalt einer Bestimmung, die mein gewohntes Erleben ablöst, unempfindlich macht mit Auge und Seele gegen die sonst geliebten Reize. Nun kommt der Morgen. Sivs Feiertag ist zu Ende.

Als sie sich erhebt, fallen die hellen Haare ihr übers Gesicht, die Frühe lehnt sich kaum vom Mälar herauf und ist fast nur Duft. Der schmale biegsame Körper bebt auf den Gardinen.

„Zwei Tage . . .“

„Siv, schöne Tage, weil ich an dich denke.“

Kopfschüttelnd: „Es wird nichts sein, denn du bist nicht da.“

Ich bleibe zurück.

Ich fühle, daß mein Leben sich ändert. Aber ich weiß nicht, warum und wie. Wie zerborsten bin ich und doch wie klar.

 

Am Morgen später kamen Reporter, ein Photograph. Ich empfing nicht, leugnete ab. Beim Frühstück las ich, daß die konservativen Blätter aus Liebe zu Deutschland mich deckten, „Sozialdemokraten“ griff mich und zugleich auch Mannerheim an. Um zehn Uhr rief die Gesandtschaft an. Ich dementierte. Um halb elf kam der Pressechef. Mannerheim hatte sich beschwert, ich beruhigte den Beamten, konnte es in der unbestimmten Lage, die meine Mission umzirkelte. Ich gab ihm eine gute Darstellung des Lachsfangs in einer nördlichen Schäre. Mannerheim und die Stockholmer Presse erhielten das Dementi. „Dagens Nyheter“ erlaubte sich den Scherz meiner Vielseitigkeit später. Als ich ausging, hielt vor dem Hotel ein Bursche ein tänzelndes Pferd. In der Glashalle erhob sich der Reiter, Erzbischof Sahlström, schlug mir athletenhaft auf die Schulter, ritt neben mir den Quai entlang, kreiste von Literatur zu den Gäulen in die Politik.

Ich führte den blauäugigen Fuchs noch verschlungener in die Irre.

Am Gesicht des Gesandten beim Frühstück empfand ich seinen Ärger: „Wenn wir auch keineswegs die militärischen Narren im Amt in Berlin stützen . . . müssen Sie, Herr, sich gerade fangen lassen?“ Ich hatte eine kleine grüne Bronze in der Hand, die Rodin dem Minister geschenkt hatte, ich setzte sie hin und verbeugte mich: „Die Karambolage mit dem mongolischen Ludendorffimitator, ach Gott, Exzellenz . . .“ ich erzählte ihm leis einiges, aber nicht alles, denn unser Weg ging nur ein Stück zusammen, und meiner weit über seinen hinaus. „Ich habe dem Minister des Innern zwei Lachse senden lassen, die ich offiziell vor drei Tagen im Binnenwasser fing mit einem Kompliment auf den Reichtum der schwedischen Gewässer.“ „Nach dem Dementi?“ Nicken. Die runden Augen sahen fragend aus. Ich sagte: „angenommen.“ Exzellenz trommelte mit den Fingern auf die Kniescheibe, wir gingen zu anderem über.

Es gab französische Küche, der Gesandte fing seinen übervollen Geist in den entzückendsten Anekdoten und führte die Probleme mit anziehendem Geist in die Form. Es schoß dauernd aus ihm von Aperçus, denen das Frühstück an Eleganz und Zusammenstellung entsprach. Ich hatte manchmal an dem Mittag das Gefühl, von einem Parterre meines Inneren aufs andere zu stürzen und sah andere Ebenen gleichfalls bereit. Bei Schnaps und Zigarren entwickelte ich den Plan der nächsten Woche, die Beziehungen, die ich anschneiden wollte und wie ich es zusammenzuführen gedachte.

Der Marineattaché kam dazu. Exzellenz gab ihm ein in rotes Leder elegant gebundenes Buch, das er in französischer Sprache früher über deutsche innere Politik in Paris veröffentlicht hatte, schleuderte die Augen anklagend gegen den Plafond und begleitete mich durch den Vorraum.

Ich fuhr in einer Fähre nach dem Saltsjöbadenbahnhof, wechselte die Oere in ein Kupferblech, warf die Marke in die Messingbüchse, nahm den Motor und fuhr durch die Schären nach Gunnaris. Wir verhandelten den Mittag, ich konnte ihm nur die Umrisse erklären, er dachte lange nach, grübelte und hatte plötzlich einen kühnen Plan.

Er telefonierte.

Am Abend kam Almqvist. Mit wundervollen Beinen, elegant, der beste Mann Schwedens. Er war sehr zurückhaltend. Gunnaris sprach lange auf ihn ein, Almqvist schien sehr ungehalten, daß Gunnaris ihn kompromittiert habe und Gunnaris ward verlegen, denn er glaubte nun auch, wenn auch aus Dankbarkeit und großer Freundschaft zu mir, zu weit gegangen zu sein.

Ich nahm an, daß Almqvist, der sehr viel zu verlieren hatte (ich wußte nicht, wie es damals schon in ihm aussah), mißtrauisch auf mich sei als auf einen Deutschen, wie jedermann damals in der Welt. Doch war es dies nicht. Er war zornig, daß Gunnaris einer Sache wegen, die nur entfernt ihre eigenen Ziele berührte, ihn in eine Situation warf, die den Unterschied zwischen seinem Leben und seiner Tätigkeit leicht verwischen konnte.

Ich sagte ihm daher frei und offen drei Dinge, die ihn an mich binden mußten, die ich von ihm wußte. Auch ich hatte einmal in dem Hospiz gewohnt, in dem er seine vielseitige Rolle spielte.

Wir fuhren, eifrig redend, in der Dämmerung zurück. Ich kannte sein nach der Gesellschaft hin gekehrtes Dasein, leicht begeistert, Freund der Frauen, anständig, mit starkem Aufwand lebend. Ich suchte dies zu durchbrechen, ihn anzusaugen nach seinem Kern hin, beroch, bespielte jede Pore, es war ein stilles, langes Sichmessen. In einem kleinen französischen Restaurant neben dem Hotel Exzelsior sprachen wir, etwas zog uns unbedingt gegen alle Widerstände zueinander. Wir redeten mit einer halsbrecherischen Offenheit, in einer Stadt und einer Zeit, wo Geliebte gegeneinander stumm blieben, aus Furcht vor der verräterischen Atmosphäre. Unsere Ziele berührten sich, wir wurden, indem wir sie besprachen, ernst und niedergeschlagen. Wir speisten in der Wohnung seiner Freundin. Almqvist war bestrickend, sang, spielte zur Laute und umgab die schöne Frau mit einer hinreißenden Liebenswürdigkeit.

Den folgenden Morgen berieten wir ganz durch, mittags arbeitete ich angestrengt, zog mich in der Dämmerung um und ging zu dem Portefeuilleträger des Inneren speisen, mit dessen Schwager ich freund war. Seit der Ausbootung der Konservativen waren sie erst seit vier Wochen aus Lund heraufgekommen, waren noch ungenügend installiert, aber bereit, mir den Abend so zu beweisen, daß ich kein Stück eines gewählten schwedischen Mahles auch nur vermissen könnte. Man hielt bei den Staatsmännern Elsaß-Lothringen für die Achse der Probleme, mein Plan war anders, ich sprach nicht davon, ich zog mich um elf zurück und gab vor, sehr müd zu sein.

Ich ging über zwei Plätze. Der Mond ist tief über Stockholm geflogen, er geht über meinen Tisch am Fenster der Glasveranda im Grandhotel. Ich schaue in die Nacht und jeder Klang, jedes Instrument und jeder Gedanke kommt aus ihr verschwärmt und feuriger zurück. Aber ich denke nicht daran, spüre es kaum.

Um halb zwölf tritt an den Tisch der Türken ein bulgarisches Sujet, das irgendwie Beziehungen zur Gesandtschaft hat, aber als Türke gilt, kurz darauf der Franzose Boissont. Ich sehe nicht hin. Sie sitzen auffällig gerade, fast entfernt voneinander auf den Stühlen, reden aber mit gesenkten Kinnen, sicher fast lautlos.

Um dreiviertel zwölf kommt Siv.

Sie legt die großen, schlanken und harten Beine (wie die der Stadionsläufer) übereinander und schließt die Augen zum Gruß. Das Haar ist weißblond, mit Öl über den Kopf gescheitelt und tief in einer Schlinge in die Stirn hineingezogen, an den Ohren quillt es in kleinen Trauben herunter.

Ich bin begeistert, ich fühle über den Tisch die Frische der Haut, das Belebende dieser Gegenwart. Ich rede viel, denn ich beobachte gut. Ich schweige keine Sekunde, der Hummer ist von klarem Rot, das Fleisch gut an der Schale angesetzt, viel Saft in den Scheren. Siv neigt den Kopf zurück, saugt sie aus. Der Aufschlag ihrer Lider macht das Blau frei wie einen Strahl. Sie steckt den Kopf auf beide Hände, zieht den Mund kraus: „Was tatest du?“ Ich kann erzählen. Ich finde Siv reizend wie nie mit dem gescheitelten Haar.

Ich sehe Almqvist in der Portiere, ich fühle jeden Muskel sich spannen in meinem Körper, ich rede seit Monaten zum erstenmal laut in der Spionagezentrale des brennenden Europa. Wie leicht fällt mir zu reden: „Ich will dich an Hedin erinnern, Siv, an Sven Hedin, von dem du viele Bilder gesehen, und gelesen hast, daß er ein Land in China gefunden hat, Tibet, Siv. Mit diesem Mann war ich in Upsala, er ist ein Trottel. Die Studenten tranken die Nacht Punsch, tanzten mit eleganten Damen auf den Schultern. Um zwölf steckten sie Feuer an vor allen Küsten.“

Es interessiert Siv nicht, was ich da erzähle, sie hat die Speisekarte und liest, ich winke mit den Augen den Kellner neben sie. Siv bestellt, schöne, viele Sachen, die sie nascht und beißt: Sekt, Lachs und Mayonnaise . . . . Roti . . . . Backelse . . . . Punsch.

Nun geht Almqvist hochmütig um alle Tische herum, nähert sich dem der Bulgaren, er beginnt eine Verbeugung, ich muß wegsehn, das dunkle Auge Boissonts leuchtete gegen meines.

Ich kann mich totlachen, ich bin von einer Heiterkeit, die mich durchzittert, wenn ich mit Siv rede. Man hat die geschlossenen Fenster heruntergelassen, wir sind umhaucht von den letzten Wellen der Geierschreie der Bahnen, die aus den Fjords längs der Salzküste noch in der Mainacht schwimmen. Mir fallen Lächerlichkeiten ein, so, daß, als ich Siv zum erstenmal sah, nicht in der Nordischen Schuhkompagnie, sondern im Humlegården, wo sie aus dem Break mir hinterm Rücken des Staatsrats winkte, daß ich das Laub des Busches, an dem ich stand, mitnahm und behütete und abends beim Umsteigen verlor. Ich neige mich über den Teller, ich küsse ihr die Hand, ja ich weiß mich vor Narrheit nicht zu fassen, ich küsse Siv die Hand mitten im Lokal.

Da fällt mein Blick auf die Ministerin, und im Spiegel sehe ich gleichzeitig Almqvist bei dem türkisch-bulgarischen Tisch, sie sitzen weit auseinander und reden mit dem Kinn auf der Brust, also lautlos.

Die Minister sind also, statt in die Büros, zur Nacht dem Mond und blauen Kanälen nachgegangen. Der Burgunder hat ihnen die Politik aus dem Hirn gejagt, sie halten nicht mehr in der Bewegung der Hände das bißchen Schweden, um es trocken durch die europäischen Wasserspiele zu tragen. Nun sieht mich der Blick der Frau, zieht sich abgekühlt zurück, weil ich müd zu sein log, bleibt an Sivs Gesicht hängen und lächelt.

Ich stehe auf, ich verbeuge mich, ich bin glücklich, ich setze mich wieder, ich habe im Spiegel gesehen, daß das bulgarische Sujet aufsteht. Ich mache aus der Serviette Figuren, ich scheine betrunken, denn ich bohre einen Papierpfeil in Sivs Eis; daß sie mit der Gabel versucht mich zu stechen, das macht mich fast bersten vor Vergnügen. „Gott möge den Deutschen tausend Gefangene am Tage geben“, sagt es am Nebentisch. Ich zeige Siv den Mann, es ist ein Dichter, der Knut Hamsun den Bären schalt. Er wohnt in einem Landhaus in Sturängen, wo die Mädchen abends am Kamin singen: kom hjärtans frojd. Er haßt den Strindberg, der die Theaterstücke schrieb und die schöne Tochter hat.

Doch gähnt Siv, sie kennt die Männer nicht, der Gehrock nebenan ist ihr zu dürr. Wie kann ich Siv erheitern, wo auch die Türken durch das Vestibül vorüberwandern?

Da fällt mir eine gute Sache ein, ich habe einen Ton mit der Zunge gemacht, Siv starrt mich an, ich blinzle nach der Seite, sage ihr was ins Ohr. Da sitzt Rolf, der große Kabarettist, der Sänger des „mit swärmeri . . . i . . .“ Siv ist voll Neugier, wir starren den großen Mann an und vertiefen uns in ihn.

Dann lächle ich sanft und sage kokett, ich habe mich geirrt. Siv ist wütend, stößt den Teller über den Tisch, sie ist sehr schön in dem Augenblick, und ich kann mich nicht halten vor Vergnügen.

Plötzlich verläßt mich die Laune, ich werde kühl, gemessen. Ich hebe den Hörer ab, der Tischapparat hat gesurrt. Der Portier meldet, Tisch siebenundachtzig will mich sprechen. Almqvist sitzt allein, den Rücken zu mir, ich sehe es in dem Nickel des Hörers, es ist seine Stimme.

Schon unterbrochen.

Ich sehe auf. An seinem Tisch steht ein Fremder. Ich hänge ein. Wir sind bei Aqvavit wieder, Punsch, Kaffee und Zigaretten, Siv hat sich zurückgesetzt und betrachtet mich durch halbgeschlossene Augen, zeigt die Zahnschnur. Almqvist ist plötzlich an seinem Tisch nicht mehr da.

Der Boy bringt Telegramme, ein Billett. Ich falte es auseinander. Ich setze mich hoch, ich lasse mich einen Augenblick gehen, hineinfallen in jene Form der Bewegung, die mir frei und klar aus dem Gefühl kommt. Ich weiß, wir werden haben, was wir suchen, wir sind auf dem Weg. Da ist es. Endlich. Wir werden die Generale drücken, Zusammenhänge beweisen. Ich denke es klar und kühl und fühle mich vorn stehen, wo die Dinge sich entscheiden.

Ich bringe Siv nach Hause.

Die Lichter sind im Ausgehn und scheinen rosa aus dem blauen Wasser, das lautlos Stockholm durchströmt. Weiße Wolken ballen sich höher über Schlössern und Inseln. Sivs Arm in meinem, ihre Hand. Ich fühle den Tau der Morgendämmerung, das abenteuerliche Schwinden des Nachtwindes.

Ich liebe Siv und habe sie zehnmal belogen den Abend. Ich kenne die Menschen und habe recht gehabt.

Aber ich spüre irgendwo, welche Klüfte mich trennen, wie ich ausgesperrt bin von einer Verbindung, die, anders und tiefer als ich es fasse, die Menschen zusammenbindet. Ich denke lange darüber nach, doch es verschwimmt, während Sivs Gang und ihre leidenschaftlich kühlen Bewegungen und die herrlichen Ausfahrten unseres Rausches goldener vor mich treten.

In der Frühe fahre ich durch Schweden. Zwischen Teichen und Felsen und dunkelroten Holzhäusern zur Nordsee. Ich fahre zwölf Stunden mit vielen Menschen. Ich esse Smörgåsbord, wenn der Zug hält, an den Stationen, gehe auf der Holzdiele langsam, den Reisehut in der Stirn, zurück. Ich lese die Verlobungen Stockholms, ich kaufe das Blatt „Saisonen“ und beschaue die eleganten Frauen, döse in die Landschaft, schlafe einmal ein. Ich sehe den Kondukteur eine Fahne an der Lokomotive heraushängen: fünfundzwanzig Minuten Pause. Ich schlendre auf und ab, die Arme teils in den Taschen, teils auf dem Rücken, ich bin ein Passagier wie alle anderen, ich langweile mich mit Maß und Ruhe, ich kaufe keine Lakritzer, die man mir anbietet, ich sehe einmal, als wir wieder fahren, verwühlte Kissen, Sivs hohes reines Bein ganz ohne Flaum. Ich beginne in einem schlechten Roman zu lesen, es ist kein guter Geschmack, daß ich ihn ziehe, aber er amüsiert mich köstlich, ich versinke ganz darin. Mir gegenüber sitzt der Außenminister.

Der Zug ist gefüllt mit internationalen Raben, Hyänen, Wölfen. Ich bin sehr in der Lektüre, wende langsam Blatt um Blatt, ich sehe jeden, der am Kupeefenster durch den Korridor schleicht, ich sehe jeden Gedanken.

Ich bade mich in Göteborg, ich ziehe mich um, ich gehe ins Varieté. Ich gehe an einer holländischen Gracht hinauf, das Wasser riecht faulig, Jasmin ist dazwischen aufgegangen. Ich nehme in der Holzbaracke die Loge, die Almqvist mir bezeichnet hat.

Neben mir sitzt ein Kommis mit goldenem Armband, den steifen Hut im Genick starrt er offenen Mundes zur Bühne. Neben mir links ist frei. Ein Riesenorchester hat um die Beine einer Tänzerin geknallt, nun schwenkt ein gepudertes Schweinsgesicht ententistische Fahnen mit Zauberei dazwischen. Ein Feuerwerk geht hinterher los und Amerikaner kakewalken auf langen Bretterstelzen, die Musik hat ein Delirium und schmeißt das Publikum in einen Rausch. Der Kommis fühlt sich als Achse des Erdballs und gröhlt, bekommt rote Schläfen und kann kaum mehr sitzen.

Da zieht links neben mir jemand den Hut, setzt sich an die Brüstung, sieht gerade aus, nun liegt das Bild Almqvists vor ihm. „Gut“, sage ich.

Der Agent Krassin mit gelbem Gesicht und runden Augen! Er hat von Gunnaris und Almqvist Telephongespräche. Almqvist kommt in vier Tagen. Ich bin ein wenig ungeduldig. Wild riecht die Mainacht draußen. Mit einer Kapelle kommen tausend Hafenarbeiter vorbei, die rote Nelke der Jungsozialisten im Knopfloch, mit Schildern: „Friede, Klassenkampf, Brot“. Krassin zittert. Auf dem Meer Segel wie Glas. Der Marschtritt der Proletarier donnert fern schon aber deutlich. Im knallweißen Licht der Laternen stehen kleine Huren mit Zigaretten im Mund, pfeifen mit blutroten Lippen durch die Zähne.

Das Tor des Varietés klafft mit einem Tusch und Trommeln und speit den Kommis heraus, er geht steif und schwankend mit einer dicken Sau und schaut hochmütig um sich. Krassin hat den Hals eingezogen, denkt nach und geht neben mir, bescheiden, vieles wissend, ein wenig hinkend, bis zu meinem Hotel.

Am Morgen kommen drei Schweden, Ek rauh, Lilljeqvist mit faunischem Adlerkopf und Glatze, Davidson schön. Krassin kommt nicht.

Wir fahren zwei Stunden, es kommen Wiesen. Am Wald liegen sechs Villen. In der ersten Wiesenhürde üben Hindus, rösten Kaffee und rauchen. Am dritten Tor an der dritten Umzäunung legen Ek und Davidson die Oberkleidung ab, verschwinden in der Villa, kommen in einem knappen Nationalkostüm zurück und üben mit Geren und Steinen, während Lilljeqvist auf dem Buckel liegt und raucht.

Ich gehe beiseite, ziehe einen Brief und lese. Ich erröte, es wird mir warm plötzlich, ich atme rascher, schaue mich aufnehmend um. Ich schlendre weiter, Chinesen und Amerikaner rufen sich einen Slang zu, weichen mir aus, wie ich mit Händen in der Tasche herankomme. Ich gehe durch die Mädchen, die einen Reigen hin und zurück sich werfen, melodisch, mit einem Schwedisch, das ich nicht verstand, auf einen Mann zu, der vor der sechsten Villa stand.

Er war athletisch, ein Vierziger, und, wie er sich bewegte, zog er die Hüfte mit herunter. Ich ging auf ihn zu, gab ihm die Hand. „Grüße meines Bruders“, sage ich. Er hob den Kopf, der ein wenig zitterte beim Hören, nahm den Namen auf und nickte, drückte mir noch einmal die Hand.

Nach zwei Stunden, wo wir zusammen waren, wo er mir alles gezeigt, was die Sportschule seit dreihundert Jahren geleistet, erwähnte er ihn einmal, wies einen Stab, mit dem er den bekanntesten Chikagoer besiegt. Dann gingen wir hinüber, wo schwarzweißes Rindvieh mit praller, glänzender Haut uns dicht umdrängte; wir fahren mit den Händen darüber, es scheint die Sonne immerzu.

Am Abend lagen wir bei Feuern am Waldrand, tranken Kallskol aus Zitronen, Wein und Saft.

Ich muß vielerlei denken, während die Tanzenden zwischen den Lichtflammen zucken. Ich sehe die dünne Linie des frischen Monds an einer Pappel und ich muß denken, daß an diesen Bäumen die Tragödie des Bruders begann, hier sich sein Hirn wund rieb an den Büschen. Ich muß denken, daß Floda nahe liegt, daß vom Herrenhaus ihm die Rettung kommt, als er mit dem Pferd in den Wald reitet, daß der Wechsel bezahlt wird, daß alles gut scheint, aber sehr schlecht ist.

Ich liege weit zurück und sehe erschüttert und traurig, und doch davon wieder gehoben, die Nachtscheibe des Himmels sich immer weiter und tiefer über das Meer hinausschwingen.

Ich habe seit Jahren wenig gedacht an meinen Bruder, ich habe vieles zu tun, ich bin beschäftigt gewesen mit mir und tausend Dingen, ich habe nie begriffen oder versucht es zu fassen, warum er sich selbst, nachdem die Bagatelle beigelegt, hinausstieß.

Ich denke darüber nach und fasse es nicht ganz, aber es arbeitet in mir weiter, auch wenn ich nicht nachdenke, ich fühle es genau. Der Boden, den er betrat, das Laub früherer Sommer, das er berührte, verbindet mich eng mit seinem Schicksal.

Ob er barfuß durch Kalifornien läuft, auf Akkord in Steinbrüchen der Kordilleren arbeitet, wieder ohne landen zu können als Boy vorm genuesischen Hafen immerzu liegt, ich spüre sein Leben hier, ich kann ihm nicht helfen, ich bin unglücklich darüber. Ich habe manches Unrecht an ihm getan, fällt mir ein.

Am Morgen holt mich Davidson. Ich fahre froh nach Floda, ich will, kann ich nichts anderes, wenigstens diese Kleinigkeit des Dankes dem Bruder schön vollenden. Ich habe die Unruhe zurückgelassen, die die erzwungene Pause mir auferlegt. Ich fühle mich nur wohl, wenn ich in die Bogen, die ich selbst gerichtet, von Handlung zu Handlung mich spanne. Aber ich habe diesen Tag keine Unruhe, ich bin vergnügt fast, ich sitze in der Equipage und schaue auf den Buchenwald, als sei er mein.

An einer Bachecke umringen uns Damen, ich springe raus, ich weiß sofort, wohin ich mich zu wenden habe. Ich grüße die Herrin. Sie geht anmutig über den Wiesenpfad, steht vor den weißen Säulen des Herrenhauses, hebt die Hand: „Välkommen“.

Ich verneige mich.

Das Land liegt unten mit pastellener Idylle, weichem Teich und Birken. Sie sagt ein Wort: „Ebba“.

Es ist die Schwägerin. Der Gang einer Reiterin. Ich sehe ein blaues Kleid. Ich sage: „Ich freue mich. Ich bin zufrieden, Sie zu sehen.“ Die Herrin winkt, sich entschuldigend, zieht sich zurück, das Souper wird gerüstet.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer im Kreis. Welch ein schöner Tag. Sie trägt ein blaues Kleid, geht wie eine Reiterin. Ein Kiesweg. Ein Hund. Da steht die Herrin wieder, als sei sie eine Sekunde nur weg. Sie ist in großer Toilette. Neben ihr der Gatte: „Välkommen“.

„God dag, Sir Johnson.“ Seine Hand, bescheiden bewegt, sagt Gastfreundschaft an der Pforte des Schlosses bis zum letzten. Ich danke.

Ich gehe mit Ebba weiter, immer den Kiesweg, jetzt erst bricht etwas von dem Duft um mein Hirn, jetzt höre ich ihre Stimme deutlich. Dann ist sie wieder im Nebel. Warum lähmt mich ein Schicksal, nimmt mir den Mut, mühelos kühne Sachen zu sagen. Es ist nichts von Angriff in mir. Ich senke den Kopf. Ich sage: „Als Kind hatten wir denselben Hund.“ Ich deute auf das Gras und mache mich lächerlich mit dieser Bewegung. Mein Blut kocht aus Zorn über meine Schlappheit in meinem Kopf, ich siede, es wühlt grausam in mir. Was kann ich machen, was kann ich machen? Ich weiß nichts mehr von mir. Sie schaut mich an, die Augen sind hart, die Stimme süß und weich.

Drei Minuten gehen wir wortlos. Immer den Kiesweg. Einmal gelang es mir, ich sagte leis ihren Namen vor mich hin, es ist ausgeschlossen, daß sie es hören konnte. Welche Macht das Wort Ebba, es scheint stärker als ich! Eine Wolke brach vor ihr Auge. Das Gong tönte. Ich fühle, als risse sich die Seite wund bei mir, an der sie ging, als wir umdrehten.

Ein Gesicht, ein Männergesicht steht vor mir auf: „Der Lunch.“

Sie ist ganz weiß, ihre Augen glänzen weiß, glasig, sie hebt die Hand, deutet, ich verneige mich tief: „Mein Verlobter.“

Ich verneige mich noch einmal vor Sir Johnsons Sohn. Ich denke, dies Haus ist heilig. So hatte ich vom Morgen an gedacht. Aber ich fühle, es schlägt mir die Knochen entzwei, es macht mich kaput, ganz klein.

Vor mir, an meinem Arm die Herrin, defiliert die Gesellschaft. Ich benutze die Minute für meinen Bruder, ich flüstere: „Ich bringe den Dank eines, dessen Leben Sie gut getan.“ Sie winkt gütig mit den Augen ab, ich werde ihr das nächste Mal allein erzählen, sie lächelt.

Dann geht das Essen wie ein Rad vorüber. Ich sehe das blaue Kleid nicht. Er sitzt auf derselben Reihe wie ich. Was ist aus mir geworden? Ich kenne mich nicht.

Der Kaffee wird auf der Terrasse genommen, da sitzt sie mir gegenüber, das macht mich frisch, ich rede viel und nicht zerstreut. Es ist eine halbe Stunde nur noch, man muß sie nehmen und ausfüllen so gut man kann. Vogelschreie der Bahnen ächzen aus der Dämmerung. Das Auge Ebbas geht nicht von meinem, ich fühle es, wo ich kaum mehr etwas sehe.

Ihre Pupille und meine Pupille sind aufeinander gestellt.

Havannas werden gereicht. Das Glas färbt sich dunkel. Ich bin berauscht, als ob ich Wein in mir hätte, ich habe einen guten Tag plötzlich, ich wende mich nach allen Seiten, und wie ein Karussell windet sich alles um mich. Ich habe so leicht zu reden, „Dozent Lilljeqvist“ sage ich, „Sie tun unrecht, Baron Prittwitz, der die Ehre hat, uns zu vertreten, ist Pazifist, wenn auch aus bon sens, und hat gegen den Willen Wilhelm II. gearbeitet, der Ihr Land in den Krieg kommandierte. Als er zu Ihrem früheren konservativen Premier kam, Wallenberg, dem schlausten Krämer . . . nein“, ich wende mich ganz herum, „nein, Sir Johnson, ein erschossener Steuermann ist ein Zufall, aber Sie haben recht: die Tötung jedes Menschen ist ein ungeheuerliches Verbrechen. Aber kalkulieren Sie damit nicht in Politik. Tod ist nicht Zähler, nicht Nenner. Was tat Ihre Regierung denn, die keine andere schöne Wendung sah, als daß sie zwei Tage die ganze schwedische Presse mit Geheul gegen Deutschland vorließ und dann zurückpfiff. Und Wallenberg, die Augen schmunzelnd, errechnete, daß mit hunderttausend Kronen Entschädigung und dreitausend Pension die Steuermannswitwe eine glänzende Lotterienummer gezogen und etwas verändert die ganze Presse der gleichen Meinung war. Das ist Verbrechen, Sir . . . Dank für das Feuer Sverker Ek . . . .“

Ich setze mich tiefer zurück, mache mich breit, ich habe im Feuer vieles gesehen, ich rede immerzu: „Hören Sie, wie anekdotisch dieses Regime arbeitet, bei uns und bei Ihnen, es ist das gleiche furchtbare System: Als der Gesandte frug, als Ludendorff ihn zwang: ob wir Munition bringen dürften nach Finnland durch die schwedische Sperrzone, sagte da Wallenberg nicht, kühl und kaufmännisch in den Bart — daß einmal ein Mann gekommen sei und gefragt habe, ob er rauchen dürfe und man habe gesagt: nein. Der aber wies auf Reste von Zigarren, worauf er die Antwort hört: das taten solche, die nicht frugen. Man verständigte sich unter Lachen. Stellte ein schwedisches Torpedo zurecht, ließ die Munitionskolonne beschießen, drei Tage die Presse heulen, dann war es vorüber.

Deutschland gab eine Million Weißwein dafür frei. — — — O Malte Davidson, dreißigtausend Tonnen Schmalz für den Hunger in Deutschland, das kam, weil eben der Gesandte Euch und sich elastisch hielt im Zusammenprall solchen Schicksals. Ohne ihn säßen Sie in Sibirien, ich weiß, er wand Ihrem König manchmal den Entschluß zu den Kanonen aus dem Hirn. Nicht, weil er es verfluchte, daß Menschen sich töten, aber weil er aus dem neutralen Lande Essen wollte für die skrophulösen Kinder . . .

„Nein Sir“, ich lächle, „der Wutschrei des Polizisten am Brandenburger Tor über Ihren Chauffeur ohne Mütze, das ist nicht das Deutschland unserer Gesinnung. Aber trotzdem, ich neide Sie nicht, nicht Ihre jungen Männer, so sehr ich den Frieden begeistert grüße, der Ihr Land beglückt. Sir Johnson“, sage ich und ich spreche mehr aus, als ich sonst je wage, „Sir Johnson“, sage ich betont und staune über den Klang, denn ich hätte nie selbst zu Siv so offen und frei in diesem Lande gesprochen, ich, der ich nie von Plänen spreche und mit ihnen die anderen anfalle wie ein Weih mit dem Vorstoß . . . „was ist Krieg Ihrer Jugend, Sir Johnson? Ein Trog, an dem sie fraß und fett ward. Gulasch nennen sie selbst den neuen Reichtum, der in falschen Konservenbüchsen kam. Fühlt sie sich nicht krank, ihre Jugend, Ek und Davidson, vor dem kochenden Gold, das ihre Leidenschaften, ihre Begeisterungen frißt? Wo habt Ihr jenes Stolzeste, das manche andere und mehr gequälte Jugend mit einem siegreichen Lächeln als Trotz und Auflehnung entgegenträgt? Eure Besten leiden daran, Weiber, Pelze, reiche Schiffe zu haben, aber kein anklagendes Echo Eurer Seele im Ohr der Menschheit. Sie haben in Schweden keine große Politik getrieben. Blieb Ihr Land neutral, Sir, war es Vorsicht von uns und von Euren Aktionären, nicht Haß gegen die Gewalt. Zweitausend Kilometer Etappenstraße nach Rußland, das wog Euch Erschreckten mehr als humane Überlegung . . . . Im Museum liegt Euer Imperialismus, Karls Standarten, Wasas Helm, ungefährlich als Rausch für Eure romantischen Jünglinge. Aber Ihr lerntet nur Vorsicht, noch nicht das letzte. Eure Gelehrten sinnen und rechnen, machen ballistische Kurven, um auszurechnen, wer Euren größten Krieger, Karl XII. schmale Abenteurerstirn, erschoß, die Feinde draußen, die kriegsmüden Schweden innen? Die Narren. Der Friede erschoß ihn. Verstehen Sie mich wohl gut, Sir Johnson?“

Ich breche ab. Bis an den Rand der letzten Minute habe ich geredet, es ist mir frei geworden, ich habe einen Zweck gehabt zu reden. Nichts ging verloren, es ist, als kenne ich das Dunkel, als verstünde ich es besser mit den Sinnen plötzlich wie den Tag.

Schwätzend, wie ein Seiltänzer bebend, die letzte Sekunde.

Ich erbleiche plötzlich.

Sie kann nicht gehen. Sie läuft schon hin, reißt ab, ich stehe auf.

Auf strahlender Diele stehen alle im Halbkreis. „Es lebe das Deutschland Ihrer Gesinnung.“ Ich verbeuge mich ein wenig vor Sir Johnson, ich verbeuge mich noch einmal tief. Ich bin mir nicht ganz im klaren, was ich tun soll, wo ich bin, ich verliere alles aus dem Auge, ich weiß nichts anderes, mich zu retten, daß ich mich noch einmal verbeuge.

Die Herrin hat den Arm auf Ebbas Schultern.

Die anderen Gäste verneigen sich.

„Gnädige Frau, ich werde den Tag nicht vergessen.“ „Farväl,“ sagt sie und nickt mit den Augen.

Nun wage ich Ebba anzusehen, ganz kurz.

Meine Augen beginnen zu brennen vor Schmerz. Die Zähne in den Lippen. Ich verbeuge mich, schaue nicht wieder auf, ich erreiche nur ihren Mund mit dem Blick, er ist weiß, zuckt einmal.

Ich folge dem Diener zum Wagen. Im Spiegel der Bahn sehe ich mein Gesicht. Welch ein fremdes Gesicht. Stürbe ich jetzt, wie schön diese Wollust.

 

Ich gehe gleich zu Bett im Hotel. Ich weiß noch: morgen fahre ich zu Almqvists Schwester. Nach Särö. Dann schlafe ich ein. Ich weiß nicht, wie ich schlief, ich schlief wohl sehr fest.

Das Telephon weckte mich, ich lief ins Badezimmer vor Verwirrung, dann legte ich mich nieder.

Ich nahm den Hörer vom Tisch, ich hebe ihn an mein Gesicht. „How do you do?“

„Falsch verbunden.“

Ich hänge ein. Es schellt von neuem.

„C’est le portier qui parle.“

Ich fluche, ich rufe ins Telefon, er möge verplatzen.

Eine andere Stimme kommt, aus Nebel süß und weich: „Kan jag få tala med Nr. 417?“ Ich streckte mich lang aus im Bett. Ich zitterte am Körper. Ich bin Nr. 417.

Ich will die Stimme noch einmal hören, ehe ich sie für immer verliere.

Sie wiederholt. Ich genieße es lange. Dann antworte ich; wie klanglos meine Stimme. Ich antworte nur, was sie sagt: „Ja, Fröken Ebba, ich vergesse die Bücher nicht zu senden, ich küsse die Hände.“ Da geht die Leere ins Telefon. Doch sie ist noch da, ich weiß, ich spüre es. Ich sehe sie dastehn mit dem weißen Gesicht, erfroren am Mund, und lauschen.

Doch ich darf nichts anderes sagen, ich muß es fallen lassen, wenn es mich auch vernichtet. Ich habe stets gedacht, dies sei ein heiliges Haus. Ich will keine Verwirrung in diesem Haus.

Wie unglücklich bin ich und schwach. Und doch wie getröstet. „Ich küsse die Hände, auf Wiedersehen!“ rufe ich steif und hänge ein. Ich kann es nicht hören, wenn sie den Gruß wiederholt. Ich richte mich auf unter der Badedusche, hebe die Arme, die Muskeln wiegend im Strahl — und breche zusammen: welches Glück, diese Stimme.

Erst nach dem Mittagessen kam ich in Särö an.

Vor dem hellen Sandstrand stand die Nordsee. Dann machte der Basalt eine Welle, die Häuser trug. Davor brannten mit schmalem Rasen die tausend Obstbäume. Ich ging durch den verschneiten Geruch.

Auf der Terrasse kam Almqvists Schwester auf mich zu. Ich trat betreten einen Schritt zurück. Sie lächelte mit einer sich nicht entäußernden Bewegung, ihre Schönheit streng bei sich behaltend. Ich saß auf der Klippenbalustrade vor dem kleinen Schloß. Ich frug nach ihrem Bruder, sie wußte keinen genauen Termin, noch ohne Nachricht. Sie hob die Schultern ein wenig, ich mußte warten. Ich unterließ nicht, ihr meine Bewunderung für solche Schönheit schweigend zu bezeugen.

Aber es war ein Raum zwischen uns, ich durchbrach ihn nicht, ich hatte einen Schmerz in der Brust, der mich peinigte bei jedem Wort und mich wegzog, wenn ich die schmetternde Süße der Apfelbäume vor dem aufgestählten Dunkel der Nordsee empfand. „Sie haben recht,“ sage ich hin, „Ihre Bürger sind Hunde wie alle, gnädige Frau“ und ich lächle schief und trotzig, aber ich will es nicht wissen, was geht es mich an, was liegt mir daran, daß ich ihren Vornamen gern wüßte.

Aber ich frage nicht danach. Daß sie in Norwegen skiert mit Meir Elisha, meinem Partner. O, was liegt mir daran. Ich bin da, um auf Nachricht von Almqvist zu lauern, es ist keine da. Ich sitze und rede und höre nichts wie ein phantastisch Knirschen eines Rockes immer im Ohr.

Auf der Klippe gegenüber stehen Kinder, rufen „Mur“.

Sie steht auf, nimmt die grün-weiß-orange-schwarze Decke von dem Teetisch, winkt hoch damit. Die Kinder jauchzen, kriechen wie Ziegen weiter mit den kleinen Spitzenhosen.

Auf der geschorenen Steppe ins Land hinein spielen Engländer Golf. Weiße Männer liegen unten in den Segelyachten. Ich stehe auf, lege die Hand über die Augen und sehe lang in die gläserne Bläue. Ich vergesse, wo ich bin, ich drehe mich um: „Ich sah Ihr Stadthaus, gnädige Frau; darf ich es sagen, die holländische Backsteinrenaissance hat eine asketische Linie, die ich wenig ertrüge, nie eine Frau damit umgäbe.“ Ihr kristallenes blaues Auge umfährt mich ohne Ironie, sieht über mich weg.

Ich empfinde, daß alle lügen, daß sie nicht die marmorne schönste Frau Bohusläns ist; welche Narrheit, sondern, daß sie noch nicht gelebt hat und ihre Gefühle lawinenhaft hinter dem Herzschlag liegen.

Aber im Augenblick darauf schon sehe ich das Meer wieder, sie ist aufgestanden, an die Mauer getreten, was kümmert mich diese Frau, die Ruhe macht mich glücklich, überempfindsam, die Segel meiner Seele sind groß und weit gebauscht. Welcher Friede, ich will es sagen, es gelingt mir, fast werde ich mitteilsam, ein Schwätzer, ich schüttle mich und lache in mich hinein.

Die Obstbäume brennen ihr Weiß gegen die besonnte Felswand und schwingen sich selig über das im Kreis gerundete Meer. In der abgeebbten Seitenbucht liegen Völker von Möven mit ausgebreiteten Flügeln im Sand. Wir sitzen und reden und warten auf Almqvist, ich erschrecke, muß lachen, die Teetasse fiel zu Boden.

Ich muß lachen, ohne es zu zeigen (wie kühl und höflich ist mein Gesicht), ich sitze mit der schönsten Frau Westschwedens über den wiegenden Rahen ihrer drei Segelboote, und ich sehe über ihr hinter den Schaumriffen genau von den in der Brise schaukelnden Kirschästen bis zu der Spitze des Granitbergs immer eine Reiterin durch die Luft hinschreiten.

Die Kinder kommen rufend, werfen sich ihr an die Brust. Wie schön ich mit Kindern spielen kann, die ich sonst nie sah. Bin ich sechzehn Jahre? O, wie fühle ich mich von mir selbst verlassen. Sogar den Bärentanz vermag ich auf der Mauer ihnen vorzuzeigen; wie sie heulen vor Wonne. In welchen Korridor entfernter Jugendlichkeit habe ich mich mit Geschwärm und Verlieben und Spielerei schrecklich zurückverirrt? Wie weit lag das hinter mir.

Ich balle die Faust in der Tasche, ich kann ja doch nichts tun gegen die süße Gewalt, die mich von allem reißt, mich hier einen Fremden und Kranken und Unbeteiligten sein läßt, o Gott, wie schön ist die Gewalt dieses Schmerzes, den ich hasse.

Ich balle die Faust in der Tasche und greife das farbige Tuch, mit dem sie den Kindern winkte, das die Kleinen mir hineinbugsierten. Nun gut, es soll drinnen bleiben, wir lachen, ich küsse die Hand, die es mir schenkt.

Vom Bahnhof herauf läuft ein Auto.

Almqvist.

Ich gebe ihm die Hand.

Ich stehe mitten in den Dingen, dressiere die Drähte von Plänen und Absichten und Zielen bewußt und klar.

Ich schlafe traumlos und gut. Ich habe mich völlig, nichts irrt ab.

Wir fahren in der Frühe nach Göteborg, nehmen den Russen auf, steigen in den Dampfer.

Der Hafen ist stundenlang, die Schiffe haben sich in Herden hineingelagert. Als wir den äußersten Ring am Mittag passieren, zeigt Krassin auf eine der vielen flachen Granitinseln. Aus Stollen sausen elektrische Fahrstühle mit Batterien hoch, schießen, sausen tief unter das Meer zurück.

Ich lache: „Entwickelt die Erde sich weiter in explosive Kurven, wird man in zwei Jahren dies von Withe Chapel oder vom Grunewald aus beschießen.“

Da werde ich verhaftet.

In der Kajüte verhört mich der Kapitän. Er ist zu dumm, die Vorzüglichkeit meiner Papiere zu kapieren. Ich kümmre mich nicht um den Ochsen, stehe wütend an der Wand. Die ganze Mission steht auf der Wippe. In diesem Augenblick finde ich mich klar zurück, abgeschnitten liegt das Nebelhafte von mir, ich strecke mich, bin wieder ein Kerl, kühn am Kopf, fühle die Muskeln um den Rumpf herum sich dehnen, ich trete vor.

Da klopft es, herein mit der Lässigkeit des Befehlenden kommt Almqvist. Der Kapitän erhebt sich sofort, das feige Schwein. Der Zwischenfall wird wie eine Kartenpartie erledigt. Zur Entschuldigung wird Kaffeefrühkost auf dem Kapitänsverdeck aufgetragen.

Im Kreis der Offiziere, fettem Fisch und Aquavit fliegen die nackten Ursteine vorbei, manche haben Häuser blau und rot, andere fahren vorbei mit singenden trocknen Fischen an Drahtseilen klappernd. Das Nackte der Steine verblaßt in gespenstische Blasen, das Panische stützt von ihnen gegen den von Wasserzartgrün und Segel musikalisch tief gefüllten Horizont. Die Eidern stehen mit Geschrei darin. Aus einem Kessel von Granit, der sich öffnet, schießt schräg zwischen den moosgrünen glatten Felsen ein dicker, geschwängerter Segler mit viereckig braunem Tuch, die Metallhörner tuten.

Um fünf Uhr legen wir an bei Marstrand.

Von unserem Hotel sehen wir vier Seiten Himmel, überall See. Zwei Tage studieren wir mit den Gläsern die Gruppen, die Gewohnheiten, die Lagermulden, die Badeplätze, Frauenbeine, Männerkostüme. Almqvist spricht mit vielerlei Menschen, läuft in den Garten, macht lange Gänge, schreit zum Fenster hinaus: „Halo . . . så ni säger,“ schickt den Hausburschen in die kegelhaft gestellte Spielzeugstadt unter uns, läßt Zigaretten holen, setzt den Panama auf, geht zum westlichen Strand. Manchmal mit Damen, oft allein, einmal in einem Rudel Männer. Ich sehe, die Arme zum Fenster hinaushängend, wie Damen ihm zuwinken, wie er vor sich hinschaut, grüßt, in Häuser hineinblickt, kleine Gärten durchquert.

Er erfährt sicher vieles, wenn er sich so bekümmert, er erzählt nichts, bringt Blumen mit, empfängt allerlei Subjekte.

Im Osten sehen wir einen großen Klüngel immer am Meer, der seltsame Formen annimmt. Trennen sich Teile davon ab, verlieren die andern nie die Verbindung mit ihnen, die Figur der Ansammlung läuft aus wie Tinte, verzogen wie Rosagummi.

Oft schaue ich nach Norden. Nicht, als ob ich da etwas sähe. Es ist die Richtung nur, in die ich mich wende. Ich liebe es nicht, wenn ich mich dabei erwische, ich bin sehr verschlossen dann sicher im Gesicht.

Auch sehe ich gar nichts wie Netze und Schären. An der grünen Wildheit der Riffe aber, wenn mein Blick damit zusammenprallt, könnte ein Herz wohl aufschrein. Ich glaube es bestimmt.

Mittwochs kamen die Schweden, hörnerschlank, blondgescheitelt. Almqvist besprach lange jedes Detail mit ihnen. Ich rührte mich nicht sonderlich bei den Vorbereitungen, prüfte die Klaviatur nur manchmal, ich hatte das Ganze zu überschauen, ich maß meinen Puls nicht wie Sverker Ek, ich war wie immer in den drängenden Stunden der Gefahr fast unbeteiligt, als stünde nicht ein Ruhm ungekannter Größe und Bedeutung auf dem Spiel.

Ich sprach mit Almqvist lange über diese Frage, die endlose Lüge der Geschichte, die uns idiotische Führer und geschickte Taktiker als Helden ewig exerzierte, wo wir aus der Gegenwart im Einblick in alle Verhältnisse dies Prisma von kleinster Menschlichkeit und Kohl und Lüge und dümmster Brutalität zu jeden Vergleichen an der Hand hatten und an den Märtyrern und Tapferen eigenwilligerer Ziele ganz anderes Heldentum beobachten konnten.

„Es ist Zeit, es ist Zeit,“ sagte Almqvist, als er die Fernrohre vom Hausdach richtete, „mit einem Stierstoß das Epaulettengenie aus der Historie zu stürzen und die Heiligenscheine steigen zu lassen.“ Er lachte höhnisch, wir hatten am Ostufer den Bienenschwarm Männer in den Gläsern. Wir kannten jeden einzelnen, die Beziehung jedes einzelnen zu irgend einer Gesandtschaft und amüsierten uns über das Schachspiel, das sie miteinander aufführten.

Um elf Uhr gingen die weißen Hosen des Außenministers vorüber. In Badekostüm und Tenniskleidern begann die Börse. Alle heben die Nasen nach seinen politischen Vapeurs, die nach seiner Entfernung bis zu seinem Abendbummel, wie Rauchschwaden der U-Boote nach dem Tauchen, den ganzen Tag geballt zurückbleiben. Die Spionagezentrale des Stockholmer Grand-Hotel, die ihm hierher gefolgt ist, schwitzt, nachrichtgeil, vermanscht die Atmosphäre zu Meldung, sie langweilen sich und spielen sich weiter die seit zwei Jahren vorgespielte Rolle vor, der eine Davoser, der andere staatenlos, der andere Neutraler, refraktär, krank, desertiert. Sie fluchen auf den Außenminister, daß er die Klippe als Bad nahm, sehnen sich nach den Bars Stockholms, nach Royal, Hasselbacken, Rosenbad, nach Autos, Kokotten, Telefonen.

Sie haben die Nordsee peinlich in den Nüstern, es spielt sich schlechter vor der wilden Kulisse. Sie kennen jeder einander genau, jeden Atemzug, alle Vergangenheit, sie lügen sich täglich an und glauben sich täglich neu, sie sterben vor Gähnen darüber. Hätten sie wenigstens Frauen, es sind keine Mondänen da.

Die Schweden klatschen in die Hände vor Vergnügen, wenn das Spiel im Sand, von uns vorhergesagt, nach den jeweiligen Berichten der Zeitungen, mechanischer als ein Flohzirkus funktioniert.

Das Eigentliche vollzieht sich allerdings nur deutlich für den Kenner: wie zwei sich bewegen oder beobachten, am Lauern, am Ansprechen. Oben in der Wirklichkeit sind alles nur Ausländer, die sich sonnen. Alles elegante Gentlemans, die baden und höflich sind und die Formen der Welt respektieren, im Kopf ein Nichts an Hirn, im Bauch Hunger und Trieb.

Unter dieser Oberfläche geschieht das eigentliche Techtelmechtel:

Ein portugiesischer Gestus trifft einen wienerischen, sie feilschen zusammen: Zigaretten am Balkan, Orangenladungen in Lissabon, die Finger spreizen sich. Da sagt ein amerikanischer Mund, steif gezogen, Höfliches, reicht ein Streichholz und ist verbindlich . . . während im Untergrund das Herz anschreit: „Du Sau der tyska legatione . . . Amerikahund.“ Beider Augen messen sich: wieviel Ladungen Munition im Monat der eine Blick . . . wieweit die Ernährungsfrage im Herbst der andere. In beiden Brusttaschen Banknotenbüschel! Ein bulgarischer Kalkül stellt einem englischen ein Bein, lockt ihn in die Falle, bekommt steife Prügel, saust heraus, blamiert . . . oben sind die Köpfe der beiden unberührt, der eine überschlägt, daß er durch die Blamage tausend Pfund verloren, der andere, wie er den abgeblitzten sich zu Diensten fängt.

Alle Köpfe haben einen Zug Gier nach Geld, das ist das Gemeinsame.

Eine türkische Stellung wird beim Zeitunglesen verschachert gegen eine Nachricht vom Zentrum Lenins. Am Telegraphenamt sind alle bestochen. Abschriften sämtlicher Telegramme zirkulieren jeden Tag, alle Chiffern sind bekannt, harmlose Telegramme sind die beliebtesten, da sie drei Deutungen haben. Zwischendurch Poker, Bar . . . bac . . . ma tante . . . vingt et un . . . die Karten fluschen.

Abends ist mancher plötzlich reich, nicht an der Roulette, das Spiel von Ehrgeiz und Bedeutung geht über dem gesellschaftlichen. Da klotzen die Köpfe brutaler, stierer sich ins Weiße: Kanonenpräzisionen, Abordnung von Führern, ein auslaufendes Kriegsschiff, Flammenwerfermodelle, Atmosphäre des Eßdrucks gehn als Tip.

Da sitzen die bluffigsten Karten. Zwei Jahre noch Kriegsgewißheit (wie stehn die Nerven drüben, Freund?) und Industrien schnellen göttlich hoch. Zusammenbruch pleite, aber welche Chance bei Voraussicht. Eine Offensivmöglichkeit wird einem schwarzblauen eleganten Conte abgeknöpft, auf zehntausend Tote kalkuliert, Zurückschrecken, auf siebentausend falsch frisiert, das zieht, in den Kabel gegeben, den Toten zu einer Mark, am Abend als Gewißheit weiterverkauft gegen Fettrationsnachweis, Kupferlösungstabellen, Salvarsanschmuggel.

Äußerlich schlenkern sie die Arme, schleichen sich gegenseitig unauffällig nach, wünschen sich die Pest in den Schlund, lächeln süß, duellieren sich selten, innerlich lauern sie, sind angespannt, aufgezogen, Federn, Pistolendrücker, Minenexplodeure.

Am Abend gehen die weißen Hosen des Außenministers am Strand zurück. Die Blutbörse reguliert sich neu. Die Spionagezentrale sucht die Telegrammzellen auf. Über Lissabon, London, Berlin, Washington, Wien, Paris, Mailand, Pest geht ein Nachrichtregen nieder. Sieben Armeen kämpfen weiter, Tag um Tag, gut informiert, aufs beste bedient. — — —