»Schon wieder eine Sitzung,« knurrte die Oberwärterin und öffnete die Thüre. In der Mitte des Saales saß vor einem mit Papieren bedeckten Tische eine großgewachsene Frau mit schwarzen, funkelnden Augen und mit einem unzarten Anflug um die rothen, fleischigen Lippen. Ihr zur Seite gewahrte Zerline eine welke Gestalt mit wasserblauen Augen und flachsblonden Schmachtlocken. Laut schwatzend und gesticulirend saßen Frauen in verschiedenen Gruppen. Kraus und bunt schwirrten die Stimmen durcheinand und machten es unmöglich, die Worte, die Margarethe an die Vorsitzende richtete, zu vernehmen. Das Glockenzeichen der Präsidentin machte erst Alle verstummen. Die Oberwärterin erbat nun für einen gestudirten weiblichen Arzt die Erlaubniß, der Sitzung beiwohnen zu dürfen. Dies Ersuchen wurde von der Vorsitzenden erst nach langem Bedenken und mit nicht sehr freundlicher Miene gewährt. Margarethe schob nun für Zerline einen Sessel nahe dem Ausgange zu und begann ihr die Mitglieder der Sitzung zu bezeichnen. Die Gruppe zur Rechten waren die Vereinsnärrinnen, die treuen Anhängerinnen der Präsidentin, die Gruppe zur Linken die Sozinalkroatinnen, die in der Mitte die Emanzipandlerinnen. Die schattenhafte Gestalt neben der Präsidentin bezeichnete Margarethe als Fräulein Rosalinde Zimperling, eine alte, versauerte und vertrauerte Jungfer, voll Falschheit, Bosheit, Tücke, Neid, Schwatzhaftigkeit, Gefallsucht und Putzsucht. Sie häufe allen möglichen Spott und die bitterste Verunglimpfung mit Schrift und Wort auf die Emanzipandlerinnen, versicherte die Oberwärterin und zweifelte auch nicht, daß Zerline bald erstaunen werde, wie solch ein mageres Gefäß so viel Gift enthalten könne.
»Fahren Sie in Ihrem Vortrage fort, Fräulein Nani,« rief jetzt die Vorsitzende mit einer Stimme, die alle Fensterscheiben klirren machte.
Ein junges, schönes Mädchen zur mittleren Gruppe gehörend, erhob sich und begann mit wohlklingender Stimme:
»Meine freundlichen Zuhörer! Ich will Ihnen nun klar darthun, daß alle diese Sophismen nur dazu dienen, um den menschlichen Geist ad absurdum zu führen. Cogito, ergo sum! Welcher Unsinn! Ich esse, trinke und bewege mich, ist viel richtiger gesagt, denn dieser Beweis ist jedenfalls viel sicherer geliefert durch den Hinweis auf Dinge, die der realen Welt entstammen und unseren Sinneswahrnehmungen zugänglich sind, als durch den auf das Denken, der Mutter der Phantasie, die selbst ein Trugbild uns nur Trugbilder vorgaukelt. Möge der Mensch sich das Ebenbild des Weltgeistes nennen, möge er das Denken als ausschließliches Privilegium reclamiren und seinen Stolz dareinsetzen alleiniger Besitzer desselben zu sein, es ist für die Existenz keine conditio sine qua non und bleibt somit nur ein unwesentliches Attribut derselben. Wie traurig ist es überhaupt damit bestellt! Der Gedanke entsteht nicht in uns, wir können ihn nicht nach Willkür hervorzaubern oder bannen, er wird uns von außenher aufoctroyirt, beherrscht uns gegen unseren Willen, wir sind nicht sein Herr, sondern Sclave desselben, und darum bleibt es noch immer zweifelhaft, ob das Denken ein schönes, erhabenes Besitzthum, ob es die Quelle des Glückes und der Zufriedenheit, oder nicht vielmehr die alles Unheils und menschlichen Elends sei.« Hier machte die Sprecherin eine Pause und labte sich mit einem Schluck Wasser. Das Auditorium setzte alsbald die Sprachwerkzeuge in Bewegung, um sich für die bis nun auferlegte Enthaltsamkeit möglichst schadlos zu halten. Das Glockenzeichen und der Befehl, Fräulein Nani möge in ihrem Vortrage fortfahren, durch die gefürchtete Präsidentin gegeben, stellte sofort die Ruhe wieder her. Margarethe versicherte Zerlinen, Nani spreche gottvoll, aber wie sollte sie ihren Verstand nicht verloren haben, wenn solche grausliche heidnische Worte in ihrem armen Schädel spukten.
»Wie manche herbe Stunde, wie manche grausame Marter wäre uns erspart, wenn wir uns dieses geistigen Joches entledigen könnten,« fuhr Nani in ihrem Vortrage fort. »Vergebens suchen wir unsere Gedanken zurechtzusetzen, oder ihnen eine uns beliebige Richtung zu geben. Der Impuls von außen ist gegeben, und keinem andern Gedanken Raum gebend, zuckt es wie Blitz auf Blitz in unserem Hirn und wieder und immer wieder wird der Gegenstand beleuchtet, den wir in Nacht und Dunkel begraben möchten.« Die letzten Worte sprach sie mit bebender Stimme, ihr Blick wurde trüb und umflort, dann preßte sie die Hände an die Brust und brach in krampfhaftes Schluchzen aus.
»Eine schöne Bescherung! Jetzt verfällt sie in ihren Praxismus,« knurrte die Oberwärterin und befahl einer ihrer Untergebenen die aufgeregte Kranke in ihre Wohnstube zu führen. Dann wendete sie sich an Zerline und belehrte sie, daß die arme Nani ihren jammervollen Zustand einem Mosje Ohneherz verdanke. Für die Herren Allesmir sei eine gestudirte Frau Zacherls Schabenpulver, deshalb habe der Mosje, dem sie ihr Herz zugewendet, der Armen eine Mamsel Ohnehirn vorgezogen.
»Die Närrin sollte nie zu einem Vortrage zugelassen werden,« eiferte die schmachtlockige Rosalinde. »Das Denken nennt sie ein geistiges Joch, die Quelle alles Elends. Gibt es ein schöneres, erhabeneres Recht für die Menschheit als das Denken? Der Gedanke ist nur dann verwerflich, wenn gewisse Personen ihn zu thörichten und verwerflichen Zwecken mißbrauchen.« Ein verächtlicher Blick wurde jetzt der mittleren Gruppe zugeschleudert.
Die Glocke der Präsidentin ertönte bald wieder. Es wurde Fräulein Rosalinden das Wort ertheilt.
»Na, da werden wir was Schönes zu hören bekommen,« flüsterte die Oberwärterin Zerlinen zu. »Dieses Reibeisen schindet immer die armen Emanzipandlerinnen bis auf's Blut.«
Rosalinde begann nun mit schriller, kreischender Stimme eine geharnischte Rede gegen die furchtbarste Geißel der Jetztzeit, gegen die streitwüthigen Amazonen loszudonnern. Sie versicherte, nichts sei diesen Zerrbildern, diesen Unnaturen heilig. Das Edelste, Erhabenste werde von ihnen begeifert, verspottet, verlästert und in den Koth gezogen. Alle weiblichen Tugenden würden von ihnen lächerlich gemacht, alles Ehrwürdige mit Füßen getreten. Sie reden der Schamlosigkeit, der Frechheit, der Gottlosigkeit das Wort und wollten das Frauengeschlecht demoralisiren und zur frechsten Verhöhnung der göttlichen und menschlichen Gesetze aufstacheln. Da nun das Gesetzbuch leider keine Strafe für diese Ruchlosigkeiten habe, da man diese Verbrecherinnen nicht, wie sie es verdienen, mit dem Schwerte des Rechtes ausrotte, da man ihnen nicht die verleumderischen Zungen ausreiße, die räuberischen Hände nicht abhaue und sie nicht wie giftige Schlangen zertrete; so erhalte sie, Rosalinde, ihre Behauptung aufrecht, daß man dieses schändliche Treiben nicht länger dulden dürfe. Mit Wort und Schrift müsse man gegen dies vielköpfige Ungeheuer kämpfen. Deshalb stelle sie den Antrag, daß alle ihre Mitschwestern, alle wahren Hüterinnen des Palladiums der Weiblichkeit, sich bei der Gründung ihres proponirten Blattes betheiligen sollten. Dies Blatt sollte »der Feuerbrand« heißen und dadurch, nur dadurch würde die verderbliche Hydra ausgerottet werden. Dies Blatt mit den dazugehörigen Illustrationen werde sie ihren Gesinnungsgenossinnen sofort zur Einsicht unterbreiten. Der hohe Zweck desselben sei, durch sprühenden Witz und niederschmetternde Beweiskraft allen Uebergriffen der weiblichen Demagogie zu steuern und sie mit der Knute der Lächerlichkeit in die angewiesenen Schranken zurückzujagen.
»Die maustolle Trude. Da werden wir etwas Apartes zu hören bekommen,« knurrte die Oberwärterin, den Deckel ihrer Tabaksdose heftig zuklappend. Zerline ihrerseits unterdrückte mühsam ihr Gähngelüst.
Inzwischen hatte Rosalinde ein Papier entrollt und begann den »Feuerbrand« gegen die weiblichen Unnaturen zu schleudern. Das erste Bild, erklärte sie, sei der emancipirte weibliche Arzt am Secirtische. Die ungraziöse Gestalt in halbmännlicher Kleidung, das kurzgeschorene Haar, die Cigarre im Munde, die Aermel aufgestreift, die blutbefleckte Hand mit dem Secirmesser bewaffnet, habe nichts Weibliches mehr an sich. In dem Blicke, den sie starr auf das bloßgelegte Herz eines weiblichen Cadavers gerichtet habe, male sich weder Scheu noch Gemüthsbewegung, der Blick drücke nur ein tiefes Erstaunen über eine entdeckte Abnormität aus, die sie bei allen Cadavern von emancipirten Frauen entdecke, die Abnormität sei, Atrophie des Herzens.
Die Oberwärterin machte ihrer Entrüstung durch einen neuen energischen Klaps auf den Deckel der Tabaksdose Luft und blickte dann erstaunt auf Zerline, die zu ihrer Bonbonnière Zuflucht genommen hatte, um das Gähngelüst zu bewältigen. Der gestudirte weibliche Doctor blieb ruhig bei den boshaften Ausfällen der mageren Giftblase. Margarethe konnte diese Gelassenheit nicht begreifen.
Jetzt erklärte Rosalinde das zweite Bild. Dies veranschaulichte den weiblichen Staatsanwalt, der in der jugendlichen Verbrecherin, die vor den Schranken des Gerichtes erscheint, die eigene Tochter erkennt. Bis auf diese Stufe der moralischen Verkommenheit war das Kind durch den Mangel an Aufsicht von Seite der emancipirten Mutter angelangt. Nun kam Rosalinde zum dritten Bild, welches die moderne Philosophin skizzirte. Diese saß vor einer verschwenderisch besetzten Tafel und hielt einen schäumenden Pocal in Händen. Das rothe, aufgedunsene Gesicht, der stiere Blick und die verschobenen Kleider zeigten von einer emancipirten Ausschreitung und der sinnliche Mund stammelte: »Ede, bibe, lude, post mortem nulla voluptas.« Das vierte und letzte Bild zeigte die Zukunftstheologin auf der Kanzel. Der Text ihrer Predigt war die Darwinsche Theorie und die freie Liebe. »Dies ist das trostreiche Zukunftsbild der weiblichen Demagogen, zu solchen Ausschreitungen wird sie ihr unnatürliches Gelüste treiben,« schloß Rosalinde ihren Vortrag.
Ein verkrüppeltes Wesen mit wirrem, struppigem Haar wackelte jetzt auf Rosalinde zu und declamirte aus einem Volksliede:
| »Wann d' Papageien Concerte geb'n |
| Und d' Affen a Soirée, |
| Die Schwalben man füttert mit Ziweb'n, |
| Und die Wanzen mit Kaffee |
| Und der Bandlwurm a Seiden spinnt, |
| Der Esel Eisschuh schleift |
| Und die Leut' auf'n Kopf gar stehen, |
| Wird dös a g'schehen.« |
Rosalinde stieß sie unsanft von sich und wendete sich zu ihren Anhängerinnen, deren Gratulationen und Beifall ihr im vollsten Maße zu theil wurde. Die Wuth ihrer Widersacherinnen machte sich durch Zischen und Schmähungen Luft. Zu diesen gehörte selbstverständlich auch die Oberwärterin.
»Erhebt sich denn gar keine Hand, um diesem Krokodil die Zähne auszubrechen,« knurrte sie, eine Faust im Sack machend. »Die Giftblase spielt jetzt die erste Geige. Wenn ich gestudirter Doctor wäre, sollte sie einen Denkzettel kriegen, den sie sicherlich nicht hinter den Spiegel stecken würde. Das boshafte Weibsbild scherwenzelt um die Herren Allesmir und gönnt den armen Emanzipandlerinnen nicht das bischen Freiheit, weil sie mannstoll ist und durch ihre Kriecherei die Männer erobern möchte. Ihre Krankheit ist ja die Manonymphie, die Mannsucht.«
Die linke und mittlere Gruppe waren in zorniger Aufregung. Sie schrien und kreischten und gesticulirten, während Rosalinde, um die sich ihre Anhängerinnen geschaart hatten, höhnisch auf ihre Widersacherinnen herabsah.
»Frau Pelten will reden. Na, die wird der Viper kein Kleingeld auf ihre Münze zurückgeben,« murmelte Margarethe, sich vergnügt die Hände reibend.
Eine stattliche Frau nahm jetzt das Wort. Sie versicherte, daß die Geistesschärfe und Logik, mit denen die drastischen Bilder entworfen wären, der Spenderin dieser kostbaren Geistesperlen einen unvergänglichen Ruhm sicherten. Solch edle Selbstlosigkeit im Kampfe für Weiblichkeit und Frauenwürde könne wahrlich nur das gefühlvolle Herz einer nicht emancipirten Frau beseelen. Das Für und Wider der Frauenemancipation wolle sie hier nicht erörtern, dies sei eine Frage der Zeit. Die Zukunft werde lehren, ob dies wirklich ein göttliches und natürliches Recht wäre, daß das Weib allein unverrückbar an einem Standpunkte geschmiedet bleiben solle. Nur dies bleibe ihr dunkel, warum die Hüterin des Palladiums der Weiblichkeit behaupte, daß die Aufklärung, und das Streben nach Freiheit, alle zarten Blüthen der Gefühlswelt entwurzelten. Diese hätten ja erst die köstlichsten Blüthen zur Entwicklung gebracht. Die Aufklärung, das Denken über Menschenrechte und Menschenwürde könnten der Weiblichkeit nicht Abbruch thun und seien nicht gottlos. Die Menschenvernunft sei ja ein Ausfluß der Gottesvernunft und daher ihr ähnlich, sie sei das Organ des Verständnisses mit Gott, der Impuls zur wahren Erkenntniß und der Wegweiser zur reinen Religion. Die Erweiterung des geistigen Horizontes, der Fortschritt und die immerwährende Weiterentwicklung der Menschheit, bis sie die Vollendungsstufe erreiche, dies sei ja der wahre Gottesgedanke. Warum sollte also das urewige Wesen dem Weibe den göttlichen Funken, den Verstand, gegeben haben, wenn man von ihm nur stumpfe, sterile Gläubigkeit fordert? Sollte das große, gütige Wesen verlangen, daß die Frau nicht denke, nicht nach Freiheit, nach Selbstständigkeit strebe, daß sie nur an die höhere Befähigung und Einsicht, an die Erhabenheit und Oberhoheit des Mannes blindlings glaube? Dies sei das ungerechteste Verlangen, das je einem Menschenhirn entsprang, denn göttlich sei sein Ursprung nicht. Der mächtige Weltgeist verbiete keinem vernunftbegabten Wesen das Joch der Vorurtheile abzuschütteln, die Bande, welche den Geist umwinden und ihn stumpf und unfähig machen, zu sprengen. Er gebiete den Aufschwung zum Menschenrecht und das Emporstreben zur Freiheit.
Margarethe schüttelte unzufrieden den Kopf. Dies war, wie sie Zerlinen zuflüsterte, die Antwort nicht, die sie dem Giftpilz gegeben wissen wollte. Wie Taubeneier groß sollten Hagelkörner dicht über das schuldige Haupt daniederschmettern, und da kam ein leichter Regenschauer mit Rosenwasser parfümirt. Zu Rosalinde müßte ein scharfzüngiges Höckerweib reden und nicht Frau Pelten, eine berühmte Bücherschreiberin. Zerline erhob sich nun von ihrem Sitze. Die Abhandlungen pro und contra Emancipation waren ihr herzlich gleichgiltig. Ein gescheites Weib, dachte sie, benöthigt keine officielle Anerkennung seiner Rechte. Es weiß die eingebildeten Obergötter in demüthige Sclaven umzuwandeln. Sie fand selbstverständlich kein Interesse an diesem Wahnsinn, der sich so vernünftig geberdete, und bat Margarethe sie zu Geisteskranken zu geleiten, die ihre Verrücktheit nicht mit dem Gewande der Vernunft bekleideten. Schon wollte die Oberwärterin ihren Wunsch erfüllen, als eine ältliche Frau mit markirten Zügen das Wort verlangte.
»Die Sozinalkroatin will reden,« rief Margarethe aufjubelnd. »Na, da kommt es gesalzen und gepfeffert. Ich habe gegen die Sozinalkroatin eine Wuth, wenn sie aber dem Kratzeisen da die Zähne stumpf macht, will ich es ihr nicht vergessen.« Sie bat nun Zerlinen noch eine Weile sich zu gedulden, um die Genugthuung zu haben, die Schmerzensschreie Rosalinde's zu vernehmen, wenn die scharfen Krallen der Sozinalkroatin sich in ihr Gerippe einbohren würden. Während die Präsidentin die Ruhe bei dem wildaufgeregten Auditorium herzustellen suchte, berichtete Margarethe Zerlinen, daß Frau Pelten, die berühmte Bücherschreiberin, bald die Anstalt verlassen würde. Sie sei vor Gram tiefsinnig gewesen, weil ihr Gatte, ein gewissenloser, dummer Ohnehirn, die gebildete Frau schrecklich mißhandelt und ihr sogar unter dem Vorwande, sie habe durch das Bücherschreiben den Verstand verloren, die Erziehung ihres Töchterchens entzogen habe. Nun sei sie von ihm los und ledig, sie sei von ihm gesetzlich geschieden und könne nach Herzenslust berühmte Bücher schreiben. Die Sozinalkroatin bilde sich ein, fuhr sie dann fort, sie sei dazu berufen, die Ordnung auf der lieben Gotteswelt herzustellen und deshalb wolle sie Alles zu gemeinem Gut machen. Sie habe Margarethen erklärt, Alles müsse Allen gehören. Ihr Mund sei ein feuriges Schwert, versicherte die Oberwärterin, und die mustergiltigste Feuerwehr würde sich vergeblich anstrengen diesen Höllenbrand zu ersticken.
Inzwischen hatte das Wortgefecht wieder begonnen. Die Glocke der Präsidentin und ihre eindringliche Stimme hatten sich endlich Gehör verschafft.
»Auch ich will ein Bild entwerfen,« rief die Sprecherin, »ein wahrheitgetreues Bild von den Hüterinnen des Palladiums der Weiblichkeit und auch von ihrer Anführerin, der giftgeschwollenen Natter, die feig in die Ferse sticht und die an Bosheit, Heuchelei, Arglist und tückischen Ränken alle ihre Anhängerinnen überflügelt.«
»Man muß ihr das Wort entziehen,« schrie Rosalinde zornglühend.
»Warum nicht gar,« rief die Oberwärterin, die Hände in die Seiten stemmend. »Was Einem recht, muß dem Anderen billig sein. In unserer Anstalt darf jeder frei von der Leber weg reden. Wer nicht hören will, kann gehen.«
Die dünne, lange Gestalt Rosalinde's zitterte vor Wuth. Ihr grimmig funkelndes Auge starrte bald die Oberwärterin, bald die Socialdemokratin mit unsäglichem Haß an.
Die Rednerin begann nun eine drastische Schilderung dieser Kämpferinnen für die das Gemüth verfeinernde, verschönernde, veredelnde Weiblichkeit zu entwerfen. Als Mädchen, versicherte sie, blieben diese zarten Naturen Jahre hindurch bei der Zahl »zwanzig« stehen und erst wenn sie plötzlich unter den Augen gewisse ominöse Linien entdeckten, wenn der Teint gelb wie eine langgebrauchte Messerscheide würde, wenn das Haar sich zu lichten beginne und indiscrete Silberfäden auftauchten, erst dann entschließen sich die zarten Lianen den ersten besten Stock als Stütze zu nehmen und die Stufen der »Fünfundzwanzig« zu erklimmen. Als verheiratete Frauen klammern sie sich mit verzweifelter Anstrengung an die Zahl »dreißig«, drücken einen unüberwindlichen Abscheu gegen das barbarische Mittelalter aus und wollen, o seltsamer Widerspruch! doch nicht fortschreiten, ja sie bestreben sich sogar Rückschritte zu machen. Sie leben so lange im Wahne, daß sie glauben machen, was sie glauben machen wollen, bis die Nemesis in Gestalt mannbarer Töchter sie zur grausamen Wirklichkeit zurückführe. Solch sprechende Beweise vermögen sie nicht mehr hinwegzudisputiren. Nun höre wohl der Kampf gegen den schonungslosen Saturn auf und sie singen endlich ihrer längst dahingeschiedenen Jugend das requiescat in pace. Dafür aber nehmen sie bei der ersten Condolenzvisite des Alters sofort von all' dessen Privilegien Besitz und werden augenverdrehende Frömmlerinnen und Jüngerinnen der Medisance. Als Lady Tartuffe, die vom Scandal zum Sacrament gegriffen, verstehen sie es meisterhaft ihre Antecedentien mit dem Deckmantel der Heiligkeit zu drapiren und mit gegen Himmel gerichteten Blicken über die Verderbtheit der Menschheit zu jammern. Als Jüngerinnen der Medisance wären sie ein furchtbares Tribunal. Wehe den Unglücklichen, die der Macht dieser Cannibalinnen anheimfielen. Jugend, Schönheit, Talent, Edelsinn, Hochherzigkeit wären da verdammenswerthe Verbrechen, die mitleidlos geahndet würden. Um vor der Verfolgungswuth dieser Harpien gesichert zu sein, müsse man die höchste oder niederste Stufe auf der socialen Leiter einnehmen. Wer nicht gefürchtet oder übersehen werde, der fühle, wie diese Ungeheuer mit vereinten Kräften an dem Piedestal seines Glückes rüttelten, um dies gewaltsam zu zertrümmern. »Diese Weiber nun nennen sich die Kämpferinnen für die Weiblichkeit,« schloß die Sprecherin ihre Rede. »Sie verfolgen alle ihre Schwestern, die nicht ihrem Bunde angehören, die den Muth haben nach Freiheit, nach Menschenrecht, nach Selbstständigkeit zu ringen, sie begeifern Alle, welche die Schwächen der zarten Naturen abgestreift, das heißt, welche keine rührenden Sprüche, keine schönen Redensarten, keine frommen Tractätchen und keine gleißnerischen Thränen mögen; sie verfolgen die Zerrbilder, welche die Eitelkeit, die Gefallsucht, den Eigensinn, die Unbeständigkeit, die Klatschsucht, all' diese reizenden Attribute der zarten Naturen abgestreift haben, um ohne Scheu zu behaupten, daß Freiheit und Menschenrecht nicht das Monopol Einzelner, sondern Gemeingut sein müsse.«
Ein anhaltender Beifall ihrer Parteigängerinnen begleitete die Schlußworte der Sprecherin. Dann aber folgte ein solch lautes, verwirrtes Gebrause von Stimmen, daß man nichts Deutliches mehr vernehmen konnte. Die Wuth der rechten Gruppe war in hellen Flammen ausgebrochen. Mit wildem Geschrei, mit drohend geballten Fäusten begannen sie alsbald auf ihre Widersacherinnen einzudringen. An ihrer Spitze gewahrte Zerline die Präsidentin die Glocke schwingend, um sich derselben als Wurfgeschoß zu bedienen. Ihr zur Seite befand sich Rosalinde mit funkelnden Augen wie eine wilde Katze, die mageren Hände mit den krallenartig zugespitzten Nägeln drohend erhoben. Ehe jedoch die zarten Naturen mit den starken Naturen handgemein werden konnten, hatten einige handfeste Wärterinnen sie auseinandergebracht und in ihren Wohnstuben internirt.
Die Oberwärterin erzählte nun Zerlinen, während sie sich in eine andere Abtheilung begaben, der Schluß jeder Sitzung gleiche dem der nun stattgefundenen. Die schattenhafte Jungfer Rührmichnichtan könne keine Wahrheit verdauen und erwiedere diese durch Prügelargumente. Der Herr Doctor nenne diese Kämpfe den Frosch- und Mäusekrieg. Nun begann Margarethe wieder die Krankengeschichten ihrer Pfleglinge zu berichten. Auf Nr. 89 wohne eine gefährliche Irre, ein altes Mütterchen, das durch die Schlechtigkeit eines herzlosen Kindes den Verstand verloren habe. Die entartete Tochter habe der braven Mutter einen Schimpf zugefügt, den ein ehrliches Mutterherz nicht verwinden könne. Das tolle Lamm bilde sich nun ein, böse Geister wollten ihr Kind verleumden und kämpfe gegen diese Teufel. In Nr. 90, belehrte die Oberwärterin weiter, wohne eine arme Närrin, welche die Treulosigkeit ihres Gatten in die Anstalt gebracht habe. Er habe das schöne liebe Weib um einer Komödiantin willen verlassen und dadurch dem Wahnsinne überliefert. Jetzt weine sich die arme Närrin um das liederliche Tuch die Augen aus. Nach diesen Worten öffnete sie die Thüre von Nr. 90.
Auf einem Lehnstuhle saß eine weibliche Gestalt bleich und mit eingesunkenen Wangen, um die das reiche dunkle Haar in aufgelösten Strähnen herabfiel. Die großen, düster glühenden Augen starrten in die Ferne, die Brust hob und senkte sich rasch und die weißen, durchsichtigen Hände zuckten krampfhaft, bald sich öffnend bald sich wieder zusammenziehend.
»Sie denkt immer an den Gewissenlosen, der ihr um einer liederlichen Komödiantin willen das bitterste Herzleid zufügte,« flüsterte Margarethe Zerlinen zu. »Um seinetwillen hat sie sich in's Wasser gestürzt. Als man die Arme mit knapper Noth den Wellen entriß, mußte man sie zu uns in die Anstalt bringen. Diese freche Komödiantin soll der leibhafte böse Geist sein, schöner als alle Weiber und schlechter als alle Mannsbilder. Na, wenn die meinen Ferdi mit ihren schamlosen Teufelskünsten verlockt hätte, würde ich etwas Anderes thun, als mich in's Wasser stürzen und den Verstand verlieren. Meine Nägel würden ihre Larve in eine wahre Teufelsfratze verwandeln.«
Die Irre hatte jetzt die Eintretenden bemerkt. Sie erhob sich von ihrem Sitze, näherte sich langsam Zerlinen und richtete ihr großes Auge mit unsäglicher Schwermuth auf die Besucherin.
»Kommen auch Sie, Aermste, hierher, um eine Zuflucht zu suchen?« frug sie mitleidig. »Für ein hartgetroffenes Gemüth liegt die Heilung einzig und allein nur in der Abgeschiedenheit von der Welt und im Aufgeben jeglichen Kampfes gegen Tücke und Bosheit. Ja, Tücke und Bosheit führen das Scepter auf Erden und treten das Recht mit Füßen,« fuhr sie düster fort. »Was man uns auch vom Lohn der Tugend und von der Strafe des Lasters erzählen mag, dies Alles ist erdichtet. Das Böse triumphirt, das Gute wird mißhandelt. Einst war ich eine überspannte Träumerin,« fuhr sie nach einer Pause mit zuckenden Lippen fort, »einst sah ich Alles vom Glanze seliger Hoffnung umstrahlt. Damals erschien mir die Welt als blühender Zaubergarten, die Menschen sah ich als Engel an, ich lebte noch in den Träumen der Märchenwelt, die unsere Kindheit beglücken. Die drei Himmelslichter Glaube, Liebe und Hoffnung flammten hell und leuchtend in meiner Seele. Der Traum war voll überirdischer Wonne. Da erloschen der Glaube und die Hoffnung miteinander, und finstere Nacht mit all ihren Schrecknissen umgab mich.« Nach diesen Worten hielt sie wie von der Wucht schrecklicher Erinnerungen daniedergedrückt, einige Augenblicke inne.
Zerline athmete kaum. Hier sah sie den Schmerz ungekünstelt und doch mit solch hinreißender Wahrheit ausgedrückt. So und nicht anders mußte sie als Ophelia sprechen, diese Bewegungen mußte sie copiren. Der Wahnsinn sollte von ihr mit unerreichbarer Virtuosität dargestellt werden, keine Rivalin sollte ihr je darin gleichkommen. Solche und ähnliche Gedanken erfüllten den Kopf und das Herz der Bühnen-Heroine. Sie ahnte nicht mit welch furchtbarer Wahrheit sie bald eine Rolle, ohne diese zu studiren, spielen sollte.
»Gibt es einen größeren Schmerz, als vom Manne, den man über Alles liebt, verrathen und betrogen zu werden?« fuhr die Irre wie im Selbstgespräch fort. »Ein Dämon hat meine heiligsten Empfindungen, meine seligsten Hoffnungen mit kalter Berechnung gemeuchelt, eine farbenprächtige Natter hat sein Herz vergiftet und seine Liebe zu mir ertödtet. Die Welt erschien mir nun als Wildniß mit reißenden Thieren bevölkert, das Leben wurde mir eine Bürde. Mein greiser Vater suchte mich nun durch die Versicherung zu trösten, daß allüberall, an den glühenden Sandsteppen der Sahara, wie an den Eisfeldern der Polargegenden, da, wo die Menschheit im primitiven Zustande vegetirt, und dort, wo sie den Zenith der Cultur erreicht zu haben wähnt, allüberall, sagte er, werde oft Liebe und Vertrauen mit Verrath gelohnt. Wie vermochte aber der Schmerz anderer Verrathenen mein Weh zu mildern und die feurige Lohe, die in meinem Innern brennt, zu löschen. Diese Flammen brennen fort und verzehren meine gefolterte Seele.« Hier preßte sie die Hände gegen die Stirn und stöhnte laut und schmerzlich.
Zerline lauschte lautlos mit zurückgehaltenem Athem. Mit Freuden würde sie ihren kostbarsten Schmuck geopfert haben, um dieses Mienenspiel, diese Handbewegung, diese erschütternden Töne ihr eigen zu nennen. Wie mußte solch ein Spiel das Publicum hinreißen, wenn sie, die Tragödin, davon so hingerissen wurde.
»Sie sind ja gleich mir eine arme Schiffbrüchige,« wendete sich die Irre wieder an Zerline. »Sie kennen also das gräßliche Gefühl, welches der Unglückliche empfindet, wenn er rings um sich her die Trümmer seines Lebensglückes sieht und wenn ihm in der finsteren Nacht der Verzweiflung kein Hoffnungsschimmer mehr blinkt.« Hier blieb sie wieder einige Augenblicke in düsteres Sinnen verloren stehen. »Im Traume verrieth er sich,« begann sie dann mit gehobener Stimme. »Jene Stunde brachte mir die gräßliche Wahrheit, so furchtbar, so unausbleiblich wie Elend und Tod. Robert liebte mich nicht mehr. Da saß mit einemmale die Natter,« sie schlug mit der Hand auf ihr Herz, »hier sitzt sie und will nicht weichen. Da fühlte ich es am ersten, da schmerzt es am heftigsten, da tönt es schaurig, er liebt dich nicht mehr, er liebt eine Andere. Seit jener Stunde verlor ich mich selbst, seitdem ich seine Stimme nicht höre, seinen Puls, seinen Hauch nicht fühle, war ich den finsteren Mächten verfallen. Mit einemmale vernahm ich Stimmen aus den blauen Fluten, Stimmen, die mir geheimnißvoll zuflüsterten, in die stille, friedliche Tiefe zu steigen, um da meinen glühenden Schmerz zu stillen. Die Wellen flüsterten so süß und lockend, daß ich dem Syrenensang nicht zu widerstehen vermochte. Ich stieg in die Tiefe, um Heilung und Vergessen zu suchen. Ich fand da keine Heilung und kein Vergessen,« fuhr die Irre mit steigender Erregung fort. »Der Wasserspiegel ist ebenso falsch wie Robert. Auch er birgt in seinem Innern gefährliche Abgründe, treulose Klippen und gräßliche Ungeheuer.«
Zerline begann jetzt ängstlich zu werden. Die Irre wurde immer aufgeregter, der Wahnsinn begann sich in furchtbarer Gestalt zu zeigen. Bei all' ihrer Opferwilligkeit für die Kunst konnte sich Zerline doch nicht enthalten der Oberwärterin ihren Wunsch, die unheimliche Kranke zu verlassen, auszudrücken. Margarethe beruhigte sie jedoch durch die Versicherung, die arme Närrin sei harmlos wie ein Kind und ihr Praxismus erlösche wie nasses Holz.
Mit der Irren ging nun eine immer schrecklichere Veränderung vor. Ihr Antlitz bedeckte sich mit brennender Röthe, die Augen glühten in immer unheimlicherem Glanze, das Geberdenspiel wurde immer wilder und die Sätze wurden abgebrochen und mit heiserer Stimme hervorgestoßen.
»Sein Kuß – seine Liebesschwüre – hinreißende Lügen – Im Schlafe – ruft sein Mund – das Trugbild!« stieß sie mühsam hervor. »Da seht – da reckt die Natter – den Kamm aus dem Grase.« – Sie bezeichnete eine Vision ihres kranken Geistes. »Ihre Giftzähne beißen sich – in mein Herz ein!« schrie sie auf und preßte die Hand an die Brust.
Zerline wurde todtenbleich und wich erschrocken bis zur Thür zurück.
»Sie thut keiner Fliege was zu Leid,« versicherte Margarethe.
»Der Brand in meinem Kopfe wird immer stärker,« stöhnte die Irre. Plötzlich blieb sie in lauschender Stellung mit zurückgehaltenem Athem stehen. »Robert spricht im Schlafe,« flüsterte sie und blieb dann einige Augenblicke regungslos horchend. Mit einemmale zuckte sie zusammen und grub die Nägel in ihre Brust. »Sein Mund ruft Zerline,« schrie sie mit wilder Wuth. »Zerline, Teufelin vom Pesthauch der Hölle erzeugt, sei verflucht!«
Wäre der Blitz zu den Füßen Zerlinens eingeschlagen, dies würde kaum eine schrecklichere Wirkung auf sie hervorgebracht haben, als die Entdeckung, daß sie die Ursache vom Wahnsinn des unglücklichen Weibes sei. Sie war also die Komödiantin, welche das Liebesglück der zärtlichen Gattin zerstört hatte. Die leichtsinnige, eroberungssüchtige Männerbezwingerin vermochte beim Anblick der Jammergestalt, die sie vor Augen hatte, ein Gefühl, das sie nur selten empfand, das der Reue, nicht zu bemeistern. Ja das Schuldbewußtsein übermannte sie dergestalt, daß sie wie gelähmt dastand und mit weitaufgerissenen Augen auf die Geisteskranke starrte, deren Paroxysmus sich immer mehr steigerte. Schmerzensschreie eines gebrochenen Herzens wechselten mit flehentlichen Bitten an den Treulosen, sie nicht in Wahnsinn und Tod zu jagen und mit wilden Flüchen und Schmähungen gegen den Dämon, der ihr Glück gemeuchelt. Dies war die Agonie einer bis auf den Tod getroffenen Seele. In großen Tropfen perlte der Angstschweiß von der Stirn Zerlinens, ihre Füße waren wie am Boden festgenietet und vermochten sie nicht aus dem Bereiche der Schrecklichen zu tragen. Erst als dem Paroxysmus der Irren eine vollständige Erschöpfung folgte und die Unglückliche kraftlos und gebrochen zusammenbrach, erst dann wich die Erstarrung von Zerline.
Jetzt stürzte sie der Thüre zu und wollte entfliehen, da stellte sich ihr aber ein Hemmniß entgegen. Eine bleiche Frau mit einer Harfe in der Hand stand an der offenen Thüre.
»Du hier. Dich soll ich ja kennen,« murmelte die Neueingetretene und starrte Zerlinen mit ihren großen, seltsam glänzenden Augen an.
Kalter Schweiß perlte von Zerlinens Stirn. Sie wich erschrocken von der Thüre zurück. Diese Züge, diese Stimme waren ihr nicht fremd.
»Was willst du, Bänkelsängerin? Hier ist nicht der Ort, um deine unfläthigen Lieder auszukramen. Fort, Komödiantin,« knurrte Margarethe und unterstützte ihre Worte mit einer drohenden Geberde. Die Irre schien aber die Weisung der Oberwärterin nicht zu beachten, sie starrte auf Zerline, wie auf eine Vision und fuhr mit der Hand über die Stirn, als suche sie ihre Gedanken zu sammeln. »Ich weiß es jetzt,« rief sie plötzlich aufjauchzend. »Du bist Zerlinchen. Du kommst auch zu uns. Ha, ha, ha, die schöne Zerline kommt mir Gesellschaft leisten! Wir wollen lustig sein. Nur nicht weinerlich, Zerlinchen. Sollst ein lustig's Lied'l haben.«
| »Schauts außi wie's regn't, |
| Und schauts außi wie's gießt, |
| Und schauts außi wie der Reg'n |
| Vom Dach abischießt.« |
»Fort, Komödiantin,« schrie die Oberwärterin, nach deren Meinung diese Benennung den herbsten Schimpf enthielt. Die Volkssängerin wich knurrend zurück und forderte Zerline auf, die Verunglimpfung ihres Standes an dem alten Reibeisen zu rächen. Die Oberwärterin war nicht wenig über die ihr beigelegte Benamsung, wie auch über die dem gestudirten weiblichen Arzt angethane Beleidigung empört und lieh ihrer Entrüstung derbe Worte.
»Mein schönes Zerlinchen, welches alle Männer am Narrenseil führt, soll ein Quacksalber sein: Eine Schauspielerin ist sie. Ja das ist sie, du alte Truthenne, und wenn auch deine Kropfkorallen darüber braun und blau werden, bleibt Zerlinchen doch eine Theaterprinzessin,« kicherte die Irre zur nicht geringen Wuth der Oberwärterin.
Die erschrockene Zerline suchte nur die Thüre zu gewinnen. Sie fühlte sich dem Wahnsinn nahe, sie mußte aus dieser Behausung des Entsetzlichen entfliehen. Schon war sie dem Ausgange nahe, als sich ihr wieder ein Hemmniß in den Weg stellte. Eine Hand legte sich auf ihre Achsel und eine Stimme, die das Blut in ihren Adern erstarren machte, frug sie: »Du bist also Zerline?« Die Tragödin erbebte und blickte entsetzt in das verzerrte Antlitz der unglücklichen Gattin Roberts. »Du bist also Zerline?« wiederholte diese ihre Frage mit wachsender Aufregung. Vor Schreck außer sich, kaum wissend was sie that, beantwortete Zerline die verhängnißvolle Frage mit einer bestätigenden Kopfbewegung. Die Irre stieß nun einen Schrei aus, der dem Wuthgebrüll eines wilden Thieres glich, und umspannte mit rasender Gewalt das zarte Handgelenk der Tragödin. Diese schrie vor Schmerz und Schrecken laut auf und rief um Hilfe. Die Oberwärterin, der es endlich gelungen war die Bänkelsängerin aus dem Zimmer zu entfernen, eilte sofort herbei und suchte Zerlinen aus der Gewalt der Geisteskranken zu befreien. Weder Bitten noch Vorstellungen vermochten die Irre zur Nachgiebigkeit zu bewegen.
»Sie ist mein, die farbenprächtige Natter,« schrie sie in wilder Wuth. »Sie kam, um sich an meinem Todeskampfe zu weiden, um wie ein Vampyr das Blut aus meinem Herzen zu trinken, sie muß dafür mit mir den bösen Geistern verfallen. Ich will ihre Schönheit, mit der sie Handel treibt, vernichten, ich will ihr kaltes Herz, mit dem sie Liebe heuchelt, mit meinen Nägeln zerfleischen, ich will ihr die Giftzähne ausbrechen. Ein Scheusal soll sie äußerlich werden, wie sie es innerlich ist. Robert soll sie in ihrer wahren Gestalt sehen. Dann wird er sie von sich stoßen, wie er es mir gethan, und die feurige Lohe, die mich verzehrt, wird auch in ihrem Innern lodern.«
Vergeblich suchte Margarethe die Wuth der Irren durch Versicherungen und Schwüre, daß die Bänkelsängerin schamlos gelogen habe, zu beschwichtigen. Fräulein Doctor sehe doch nicht einem frechen Komödiantenweibsbild ähnlich. Diesen Ungeheuern sei ja ihr schamloser Beruf deutlich genug auf der Larve gepinselt, behauptete die Oberwärterin. Alle diese Beweise erwiesen sich aber fruchtlos. Die Geisteskranke wollte ihre Gefangene nicht freigeben. Als zuletzt Margarethe die Hand Zerlinens aus der Umklammerung mit sanfter Gewalt befreien wollte, da stieß die Irre einen schrillen Schrei aus und schleuderte die Zudringliche mit Riesenkraft von sich.
»Heilige Mutter Gottes, stehe uns bei! Sie wird tobsüchtig,« stöhnte die Oberwärterin. »Reizen Sie das tolle Lamm nicht, verhalten Sie sich ruhig. Ich will Hilfe herbeirufen,« flüsterte sie Zerlinen zu und eilte aus dem Zimmer.
Zerline hörte sie nicht, sie stand regungslos wie ein Steinbild und starrte angstvoll auf die Geisteskranke. Diese schien jetzt, da man sie durch die Versuche ihre Gefangene zu befreien nicht mehr reizte, ruhiger zu werden.
»Du bist also seine vergötterte Zerline mit der junonischen Gestalt, mit dem unergründlichen Feuerauge und mit dem goldenen Lockengeringel,« rief sie dann, die Tragödin mit den Augen verschlingend. »Ja du bist schön wie der Geist des Bösen, dessen verhängnißvolle Schönheit der Menschheit Jammer und Elend bereitet. Auch ich war einst schön, und Robert liebte mich, bis du Teufelin mich zu dem gemacht hast, was ich nun bin. Deine Schönheit soll wie die meine verderben. Auch du sollst trockene Thränen weinen, Thränen, die wie Gluttropfen auf die Seele fallen und sie in Brand setzen.«
»Gnade, Erbarmen!« stammelte Zerline angstvoll.
»Das Erbarmen, das du mit mir gehabt, will ich mit dir haben,« erwiederte die Geisteskranke.
»Du willst mich tödten,« murmelte Zerline auf die Knie sinkend und das todtenbleiche Antlitz mit den Händen bedeckend.
»Dich tödten? Nein. Du sollst leben und leiden und die Schale der Wiedervergeltung bis auf den letzten Tropfen leeren. Deine Schönheit will ich zerstören, und Robert soll dich von sich stoßen!« rief die Irre mit flammenden Blicken.
Zerline bebte wie Espenlaub. Sie fühlte sich schwach und hinfällig und war allein mit der Wahnsinnigen, hilflos ihrer Macht preisgegeben. Ihre Sinne schwanden, der Boden wich unter ihren Füßen, mit einem Schreckensschrei sank sie zusammen.
»Du darfst nicht sterben, du mußt leben und leiden, wenn Robert dich von sich stößt,« kreischte die Irre. Mit einemmale unterbrach sie sich und blieb lauschend stehen. Im Corridor ließ sich ein Geräusch von eilig nahenden Schritten vernehmen. Die Irre zuckte zusammen und wendete ihren Blick der Thüre zu. Sie sah Margarethe von zwei Wärterinnen begleitet in die Stube treten. Mit wilder Heftigkeit umschlang sie die bewußtlose Zerline und stellte sich in drohender Haltung der Oberwärterin entgegen.
»Jesus, das tolle Lamm wird das Fräulein Doctor erdrosseln!« kreischte Margarethe. Sie suchte die Irre zu begütigen. Als aber dies fehlschlug, da entschloß sie sich Gewalt zu gebrauchen. Sie befahl den Wärterinnen der Irrsinnigen eine Decke über den Kopf zu werfen und sich dann mit Gewalt ihrer zu bemächtigen. Die Wuth der Geisteskranken erreichte nun den Höhepunkt. Ihr Auge schoß wilde Flammen; mit einem Arm hielt sie Zerline umschlungen, der andere war drohend gegen die Wärterinnen erhoben.
Jetzt sauste die Decke durch die Luft. Die Irre, die Gefahr bemerkend, wich aber dem Wurfe aus. Die Lage Zerlinens wurde immer gefährlicher. Sie hing wie leblos in den Armen der Wahnsinnigen und gab auf alle Zurufe der Oberwärterin keine Antwort. Kalter Angstschweiß bedeckte die Stirne Margarethens. Sie befahl nun den Wärterinnen die Aufmerksamkeit der Irren zu beschäftigen, damit sie sich ihr unvermerkt nähern könne. Das gutherzige Weib flehte alle Heiligen um Hilfe in dieser Noth an. Sie wollte schon ihr Leben wagen, um die Wüthende zu bewältigen, wenn nur das Fräulein Doctor der Gefahr entrissen wurde. Ja es war mit nicht geringer Gefahr verbunden, der Irren ihr Opfer zu entreißen. Die Oberwärterin wußte aus Erfahrung, welche Riesenkraft der Wahnsinn dem schwächsten Körper verleiht. Gebete murmelnd spähte Margarethe auf den günstigen Moment, um ihr Vorhaben auszuführen, als Stimmen und eilige Schritte auf dem Corridor vernehmbar wurden. »Der Doctor! Wir sind gerettet!« schluchzte die Oberwärterin, die Hände dankend zum Himmel erhoben. Bald erschien auch der Arzt der Frauenabtheilung athemlos an der Thüre. Ein Blick genügte dem Psychiater, um das Schreckliche zu übersehen. Rasches Handeln war dringend nöthig, um die bewußtlose Zerline aus ihrer gefährlichen Lage zu befreien, aber die Irre mußte besänftigt und nicht gereizt werden. Der erfahrene Psychiater befahl den Anwesenden das Zimmer zu räumen und begann dann langsam sich der Irren zu nähern. Er sprach sanfte, beruhigende Worte, die ihr versicherten, daß die Verfolgerinnen die Flucht ergriffen hätten. Die Wahnsinnige, die in einem Winkel zusammengekauert, Zerline fest an sich drückend dasaß, erhob beim Klange seiner Stimme das Haupt. Als sie den Arzt erblickte, verstummten ihre Schreie, die wilde Wuth begann zu schwinden. Je näher der Psychiater kam und je sanfter seine Worte erklangen, desto mehr legte sich die Aufregung der Unglücklichen. Als er nun endlich ihr gegenüberstand und sein durchdringendes Auge fest auf das ihre heftete, da wurde sie sanft und ruhig. Der Ring, den ihre Hände um Zerline geschlossen hatten, wurde jetzt immer loser, er löste sich bald ganz, und ihre Arme sanken schlaff hinab. Jetzt fing der Arzt die regungslose Zerline in seinen Armen auf und begann, das Antlitz der Irren zugewendet, langsam der Thüre zuzuschreiten. Immer noch erklangen die sanften, beschwichtigenden Worte und immer haftete sein fascinirender Blick auf der Irren, welche ihr Auge von dem des Psychiaters nicht loszureißen vermochte. Nun war er der Thüre nahe, die sich geräuschlos von außen öffnete. Noch ein Moment namenloser Angst, unsäglicher Bangigkeit für Margarethe und sie sah das Fräulein Doctor außer dem Bereiche der Wahnsinnigen.
Als Zerline zum Bewußtsein zurückkehrte, mußte sie eine niederschmetternde Anklage vom Arzte anhören. Das arme Weib, dessen Lebensglück sie zerstört hatte, war nun auch durch ihre Schuld in unheilbare Tobsucht verfallen. Scharf und verächtlich waren die Worte, welche der Psychiater zum Fräulein Doctor, das sich als die berüchtigte Zerline entpuppt hatte, sprach. Die empörte Oberwärterin rief ihr ihrerseits zu, die gemeine Katze, welche sich frech in eine Löwenhaut gesteckt, werde ihr noch einst in die Hände fallen, denn der Lohn für die Schlechtigkeiten der schamlosen Komödiantenweibsbilder sei das Spital oder das Irrenhaus. Zerline vermochte bei dieser trostreichen Verheißung einen Schauer nicht zu unterdrücken.
Seitdem besucht die Tragödin kein Irrenhaus mehr, um da den Genius der tragischen Kunst zu suchen.
Ende.
Druck von Johann N. Vernay, Wien, IX., Mariannengasse 17.
Der Wunderrabbi.
Roman von J. Thenen.
8. 293 Seiten. Preis fl. 2.– oder M. 4.
Der Reiz dieses Buches liegt in der vortrefflichen Ausführung. In Scenen voll dramatischen Lebens erkennen wir die Macht des Rabbi über die verblendeten Geister – eine Macht, der selbst der christliche Edelmann im Falle der Bedrängniß huldigt; aber wir erkennen auch die ganze – Tiefe dieses Aberglaubens, indem wir Einblick in den Charakter des Rabbi erhalten, der ein wunderliches Gemisch von Selbstsucht, Aberglauben und Zelotismus ist. Dann führt uns die Dichterin mit gleicher Kunst in das elende, vom Unglücke erfüllte Haus seiner tragischen Gegner, und so reiht sich Bild an Bild, Scene an Scene, die uns – die Handlung immer weiter leitend – in den Charakter und Geist jener eigenthümlichen Menschen hineinblicken lassen. In einzelnen Capiteln erreicht die Dichterin eine tragische Größe; in anderen entfaltet sie herrlichen Humor. Ueberall aber verräth sie eine ganz intime Kenntniß nicht blos der Sitten und Gebräuche jener Menschen, sondern auch ihres eigenthümlichen Geistes, jener spiritualistischen Denkweise, die aus der völligen Durchdringung des Lebens durch den Glauben entstammt. Sind doch alle die Geschichten und Schicksale, die sie erzählt, mehr oder weniger thatsächliche Geschehnisse. Und selbst aus der Darstellung athmet der Geist des Volkes, der so einseitig sich nur dem Menschengeiste und dem Glauben zuwendete, der Natur jedoch, ihrer Schönheit, ihrem Genusse sich so fernhielt. In diesem Sinne ist es charakteristisch, daß im ganzen Buche nur zwei kleine landschaftliche Schilderungen vorkommen, die aber freilich recht hübsch sind. Kurz, es ist ein Buch, das ein männlicher Geist in einem dichterischen Frauenkopfe ersonnen.
»Neue Freie Presse.«
Der Wunderrabbi.
Roman von J. Thenen.
8. 293 Seiten. Preis fl. 2.– oder M. 4.
Die Verfasserin hat das Leben und Treiben dieses Chassiden studirt und hat »halb Wahrheit, halb Dichtung« wirkliche Vorkommenheiten zu einer spannenden Erzählung vereint, die, ohne als Culturstudie gewollt zu sein, den Zweck einer solchen in reichstem Maße erfüllt. Der crasse Betrug, die wilde Habgier, die niedrige Genußsucht, welche dem ganzen Dichten und Trachten dieser Chassidengemeinden Bewegung geben, sind ohne Scheu mit der vollsten und behaglichsten Naturwahrheit gezeichnet. Die talentvolle Beobachterin hat in ihrem Buche jedes Mäntelchen verschmäht und gibt ungeschminkt und unverhüllt die Wirklichkeit. Dieser Reiz der Unmittelbarkeit und des kaustischen Humors aber ist es, der unvermindert in den ersten Seiten fesselt und anhält bis zu jenem Punkte, wo die Handlung den Boden verläßt, auf dem die Wunderrabbis gedeihen, und, Jahre überspringend, harmonisch ausklingt. Das Buch wird von Laien um seiner reichbewegten Handlung und seiner farbenkräftigen Schilderungen, von dem Culturforscher aber deshalb mit Vergnügen gelesen werden, weil das Erzählte und Geschilderte wahr ist.
»Presse.«
Hinweise zur Transkription
Der Schmutztitel wurde entfernt.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: gesperrt, Antiqua, fett.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 27:
"Ihr" geändert in "ihr"
(Brille tragen, die ihr nicht erlaubt)
Seite 35:
"Mähren" geändert in "Mären"
(wunderbare Mären von seinen Eroberungen zu erzählen)
Seite 36:
"«" entfernt hinter "acceptiren."
(ihn als Prinz-Gemal zu acceptiren.)
Seite 37:
"Wamms" geändert in "Wams"
(Orden von seinem Wams los)
Seite 50:
"staarnackiger" geändert in "starrnackiger"
(Director des Hoftheaters ein starrnackiger Pedant)
Seite 72:
"Rosalinda's" geändert in "Rosalinde's"
(die Schmerzensschreie Rosalinde's zu vernehmen)
Seite 73:
"Rosalinda" geändert in "Rosalinde"
(»Man muß ihr das Wort entziehen,« schrie Rosalinde)
Seite 85:
"«" eingefügt
(Vom Dach abischießt.«)
Seite 89:
"." eingefügt
(und sie in Brand setzen.«)