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Fräulein Doktor: Roman

Chapter 6: 6.
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About This Book

A determined young woman from a comfortable household insists on pursuing advanced studies to become a physician, confronting her father's disapproval and her mother's concern that domestic life and marriage would be more appropriate. Intimate family scenes trace persuasive arguments, gentle coaxing, and the heroine's calm conviction as she arranges study within the home while promising to retain youth and personal happiness. The narrative explores tensions between ambition and social expectation, gender roles, educational opportunity, and familial affection.

»Nee, Kinder, meinen Segen habt ihr.« Halb gerührt, halb lachend umarmte er die beiden. »Wenn du aber jetzt denkst, daß ich um die Verlobungsbowle kommen soll, bist du sehr im Irrtum, ich telegraphiere. Einen Tag gebe ich zu, den darf mir der Alte nicht vorenthalten, umsomehr, da es meine Familie ist, aus der ihm der Zuwachs ins Regiment kommt. Und was für einer! Fast könnte ich dich beneiden, wenn es nicht meine Schwester wäre! Nun aber schnell ein paar Flaschen Sekt aufs Eis, das frohe Ereignis zu begießen! Was werden die alten Herrschaften sagen! Entschuldigt, wenn ich euch noch einige Minuten allein lassen muß.« Er zwinkerte mit den Augen, ehe er davon eilte, die beiden in drückendem Schweigen zurücklassend.

Beate stand da, leichenblaß im Gesicht, und zwei große Tränen tropften langsam aus ihren Augen. Ihr Anblick rührte ihn; er trat auf sie zu und faßte ihre Hand. »Beate, können Sie mir verzeihen?« fragte er leise. Sie zuckte unter seiner Berührung zusammen und wandte sich ab.

Er wußte wohl, daß er sie mit seiner stürmischen Werbung überrumpelt hatte, und daß sie bei ruhiger Überlegung nicht so schnell oder vielleicht gar nicht die Seine geworden wäre.

Dieses Bewußtsein gab ihm etwas Niederdrückendes, Unfreies und verdarb ihm die Freude, daß Beate jetzt ihm gehörte. »Beate, ich kann ja selbst nichts dafür; eigentlich bin ich ja furchtbar glücklich. Aber wenn ich Sie so traurig dastehen sehe, weil Adolf uns so schnell miteinander verlobt hat, wird mir das Herz schwer. Wollen Sie nicht versuchen, mir nur ein wenig gut zu sein?«

Er brachte das Du nicht über die Lippen, obwohl sie nun seine Braut war. Die Situation war ihm äußerst ungemütlich; er hatte sich auch zu schnell hinreißen lassen. Sie schwieg noch immer; nur ein unterdrücktes Schluchzen verriet, was in ihr vorging.

Da fühlte er sich gekränkt. »Ja, wenn ich Ihnen so widerwärtig bin, Beate, dann machen Sie doch ein Ende. Aufdrängen will ich mich Ihnen nicht, und die Schuld liegt lediglich an mir.« Er nagte an seinem hübschen, dunklen Bärtchen und blickte verdrießlich vor sich hin.

Sie schüttelte heftig den Kopf und in halberstickten Tränen rang es sich von ihrem Munde: »Es war nur alles so schnell, so plötzlich, und nun muß ich doch meinen Beruf aufgeben.«

Um Gottes willen, Rolf durfte ja nie ahnen, daß es nur die große Scham war, die sie so unglücklich sein ließ, die Scham darüber, daß sie vielleicht durch ihr halbes Entgegenkommen einem Manne den Mut gemacht, sie zu küssen. Und Beate Haßler küßt nur den Mann, dem sie sich fürs Leben zu eigen geben will! Um diesen Punkt drehten sich alle ihre Gedanken.

Bei ihren Worten atmete Rolf erleichtert auf. Wenn es nur das war, was sie so bekümmert sein ließ, dann war es ja nicht schlimm. »Ja, das allerdings, Beate,« entgegnete er ernst. »Aber ich denke, daß es Ihnen nicht gar zu schwer sein wird. Meine Liebe soll Ihnen alles ersetzen, was Sie aufgeben. Ich will Sie glücklich machen, Beate, soviel in meinen Kräften steht, nur wissen muß ich, ob Sie mich lieb haben.« Er war ganz nahe zu ihr getreten; sie fühlte seine Nähe, die sie beängstigte, verwirrte, und tief senkte sie den blonden Kopf.

»Beate«, er faßte sie mit der gesunden Hand an der Schulter und zwang sie, ihn anzusehen, »warum sprechen Sie denn nicht?« Ärgerlich klemmte er die Unterlippe zwischen die Zähne, und seine Stirn furchte sich.

»Haben Sie doch Nachsicht mit mir!« flehte sie.

»Alles, Beate — nur sagen sollst du mir, ob du mich lieb hast!« rief er ungestüm.

»Ja!«

So leise sie es gesagt, sie mußte es ja tun, er hatte es doch verstanden. Mit einem Male war der Bann von ihm gelöst. Keinen Augenblick zweifelte er an ihrem Wort, und mit einem Jubelruf schloß er sie in seinen Arm. Ihren stillen Widerstand hielt er für mädchenhafte Scheu, für Stolz und Trotz, daß sie wider Willen so schnell die Seine werden mußte, und wie ein Rausch überkam es ihn, dieses seltene Geschöpf an seinem Herzen zu halten. Er preßte seine Lippen auf ihr schimmerndes Haar, auf ihre Augen, auf den blühenden Mund und flüsterte ihr zwischen seinen Küssen die zärtlichsten Liebkosungen zu, und sie ließ sich von der Gewalt seiner Leidenschaften mit forttragen, denn denken durfte sie ja nicht!

Natürlich war bei Papa und Mama Haßler die Überraschung groß, als Adolf ihnen mitgeteilt, daß er soeben Zeuge von Beates Verlobung mit Rolf von Hagendorf gewesen war. Als Beate die Eltern kommen hörte, riß sie sich aus den Armen des Verlobten und flüchtete auf ihr Zimmer — o, nur eine kurze Zeit der Sammlung!

Halb verlegen trat Hagendorf ihnen entgegen; er suchte nach Worten, eine offizielle Werbung vorzubringen. Doch zu seiner Erleichterung wurde flüchtig darüber hingegangen; man begnügte sich mit der vollzogenen Tatsache und hieß ihn herzlich in der Familie willkommen. Er war doch kein Fremder mehr. Durch Adolf wußte man, daß er in glänzenden Verhältnissen lebte; er war eine sogenannte »gute Partie«, um die man Beate sicher beneiden würde.

Am meisten freuten sich die Eltern darüber, daß die Tochter nun endgültig daran denken mußte, ihren Beruf aufzugeben, der ja nie nach ihrem Sinn gewesen war.

Beate lag in ihrem Zimmer vor ihrem Bett, das Gesicht tief in die Kissen gewühlt, um das Schluchzen zu unterdrücken, das ihren Körper schüttelte. Was in ihr vorging, war unbeschreiblich. So streng ging sie mit sich ins Gericht und klagte sich an, durch ihr Verhalten Rolf Hagendorf zu seinem kecken Vorgehen ermutigt zu haben; er war nicht der Mann, der eine Blume an seinem Wege ungebrochen ließ, und nun mußte sie jene einzige Minute so bitter büßen!

Ihr ganzes, schönes, arbeitsfreudiges Leben lang! Denn eher wäre sie gestorben, als zuzugeben, daß sie sich in einer verliebten Laune hatte küssen lassen.

Wenn sie auch Rolf ganz gern hatte, so genügte dieses Gefühl doch nicht, ein Leben an seiner Seite ihr wünschenswert erscheinen zu lassen. Dazu hatten sie viel zu wenig Berührungspunkte und gemeinsame Interessen. Sie war eine zu ernst und tief angelegte Natur, um das nicht schmerzlich zu empfinden. Rolf war ein glänzender Schmetterling, der über die schwierigen Fragen des Lebens gaukelte, sie mit einem Lächeln abtuend.

Wie anders war dagegen Georg Scharfenberg! »Streber« hatte ihn Adolf genannt — nein, das war er sicher nicht — aber ein Mann, dessen Lebenszweck ein immer weiteres Forschen nach Erkenntnis war. So gut begriff sie ihn; keine wohl verstand ihn wie sie, und doch hatte er jetzt sein Herz einer anderen zugewandt! Die war wohl fügsamer, nachgiebiger, als die Jugendgeliebte, die aus gleichem Holz wie er geschnitzt war. Bei dem Gedanken an ihn kam es wie ein stiller Trotz über sie; er hatte sie verschmäht, sich nie wieder um sie gekümmert; nun war es ganz gut, wenn er sah, daß sie trotzdem noch begehrenswert war, sogar für einen Mann, der zu den Begünstigten seines Geschlechtes gehörte!

Endlich raffte sie sich auf, damit ihr Fernbleiben nicht unliebsam auffiel. Sie kühlte die brennenden Augen und ordnete ihr zerzaustes Haar; auch legte sie ein anderes, festlicheres Kleid an.

Mit Ungeduld wurde sie schon unten erwartet.

»Meine liebe Beate, Kind, wie hast du uns überrascht und erfreut.« Mit Tränen umarmte Frau Haßler ihre Tochter, die sich wie ein müdes, verflattertes Vögelchen an sie schmiegte.

»Na, Mädel, endlich mal was Gescheites, was du getan, freue mich unbändig, daß du noch rechtzeitig hinter das alte Wort gekommen bist: es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei.«

Etwas lauter noch als sonst und etwas geräuschvoller sprach Herr Haßler, wohl um die Rührung, die ihn überkam, zu unterdrücken. Er faßte ihre Hände und preßte sie heftig, mit feuchten Augen in ihr schönes Gesicht sehend. Dann führte er sie zu Rolf: »Hier mein Junge, haben Sie sie, und machen Sie mir mein Mädel, meine Einzige, recht glücklich, sie verdient’s.«

Blaß vor innerer Erregung sah Rolf auf die Geliebte, und mit seiner unverletzten Hand zog er sie an sich. Er drückte einen Kuß auf ihre klare Stirn: »Meine Bea,« flüsterte er innig.

Währenddessen hatte Adolf, dem die allgemeine Rührung ungemütlich wurde, mit geübter Hand eine Flasche Sekt geöffnet und goß das schäumende Naß in die Kelche. »Auf euer Glück, Freund und Schwesterchen,« und in einem Zuge trank er das Glas leer.

Still beglückt saß Rolf neben der Braut, die er immer von neuem entzückt betrachtete. Nun war sie sein, die stolze, kluge Beate! Und wie schön war sie mit ihren großen, leuchtenden Augen in dem zarten, durchgeistigten Gesicht und der schweren Haarkrone darüber. Er konnte sich mit ihr sehen lassen!

Seine Verlobung würde wie eine Bombe in die Gesellschaft von S. schlagen, das wußte er, und ebenso, daß seine Erwählte die schärfste Kritik über sich ergehen lassen mußte — aber »Doktor Beate« stand über allen, und dieses Bewußtsein erfüllte ihn mit Hochgefühl. — —

Rolfs erbetener Nachurlaub war zu Ende. Noch vor seiner Abreise wurde die Hochzeit festgesetzt, die im März stattfinden sollte. Beim Abschied drückte er seine Braut heftig ans Herz. »Lerne mich lieben, Beate, ich bin eifersüchtig, wenn deine Gedanken nicht ausschließlich mir gehören,« bedeutungsvoll sah er sie an; sie verstand die stumme Mahnung und senkte den Kopf.

War ihr Inneres denn so durchsichtig für ihn, hatte sie sich so wenig in der Gewalt, daß er doch gemerkt, welches Interesse sie noch immer für Georg Scharfenberg hegte?

Rolf hatte an jenem Tage zu ihr davon gesprochen, als sie erfahren, daß der Jugendfreund doch nicht verlobt war. Der Erwählte von Marianne Brause war ein Freund von Georg, ein Marinearzt, und durch seine Vermittlung hatten die heimlich Verlobten miteinander korrespondiert. An dem Gerede sei kein wahres Wort, hatte Georgs Mutter erzählt, und hinzugefügt, daß ihr Sohn überhaupt nicht ans Heiraten denke, sondern sein Leben lediglich der Wissenschaft widmen wolle.

Da war es, als ginge ein Stich durch Beates Herz, und ein Gefühl sagte ihr, daß es nur ihretwegen sei.

Da fragte Rolf seine Braut, der er ihre Bewegung wohl ansah, nach Georg. Offen gestand sie ihm zu, daß sie Scharfenberg wohl geliebt, aber doch aus tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten auf ein Leben an seiner Seite verzichtet habe.

»Aber du denkst dennoch noch an ihn, Beate — und in Liebe?« — Einen Augenblick zögerte sie mit der Antwort, ehe sie sagte: »Wohl habe ich öfter seiner gedacht, ob aber in Liebe? Er ließ mir damals die Wahl zwischen seiner Liebe und der Wissenschaft — wie du weißt, wählte ich das letztere.«

»Und jetzt?«

»Jetzt, Rolf, bin ich deine Braut, und da erübrigt sich wohl alles andere,« entgegnete sie ernst. — Ungestüm umschloß er sie. »Ja, ja Geliebte! Aber doch ist es mir, als stünde er zwischen uns, ich weiß es, du hast noch viel für ihn übrig.«

»Das ist wohl begreiflich, Rolf, da mich so viele Erinnerungen mit ihm verbinden. Wir haben zusammen gespielt; er war mein geduldiger Lehrer, dem ich viel zu verdanken habe, und dennoch habe ich ihm sehr wehe getan. Wir haben uns nie wiedergesehen. Doch lassen wir das, Rolf, wozu alte Erinnerungen heraufbeschwören.«

So ganz zufrieden war er aber doch nicht mit dieser Erklärung, wenngleich er sich hütete, weiter zu forschen. Beate war ein eigenes Geschöpf, das anders als die andern behandelt sein wollte. Er begriff das und richtete sich darnach. Denn er liebte seine Braut leidenschaftlich und sehnte den Tag herbei, der sie ihm ganz zu eigen gab. Auch war etwas wie verletzte Eitelkeit in ihm, daß sie ihm so ruhig zugab, einst den Jugendfreund geliebt zu haben, ohne ihm dann aber zu versichern, daß er, Rolf, jetzt ihr alles sei, das wurmte ihn — sie sollte nur allein noch an ihn denken!

Zur Kräftigung ihrer Gesundheit brachte Beate den Januar im Süden zu, nachdem sie sich noch von ihren Verbindlichkeiten gelöst. Es war ihr doch sehr schwer geworden, sich von der Stätte der liebgewonnenen Tätigkeit loszusagen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie Abschied von den Kollegen nahm, die ihr in herzlichsten Worten Glück wünschten.

So lag dieser Abschnitt ihres Lebens endgültig hinter ihr.


5.

Mehr als ein halbes Jahr war Dr. Beate Haßler nun schon Frau Oberleutnant v. Hagendorf und wegen ihrer Schönheit und Klugheit sehr gefeiert. Sie hatte es verstanden, sich durch ihr Auftreten eine Stellung zu schaffen, wenngleich anfangs von einigen Seiten sehr gegen sie intrigiert wurde; man hatte es dem »Fräulein Doktor« übel vermerkt, den Liebling der Gesellschaft für sich eingefangen zu haben; wer weiß, ob sie es verstand, ihn glücklich zu machen! — Eine Studierte als Hausfrau — undenkbar!

Aber selbst die aufmerksamsten Beobachter vermochten nicht, in dem Haushalt Beates die kleinste Unregelmäßigkeit zu entdecken; es ging alles am Schnürchen; sie repräsentierte mit ruhiger Würde, und nach der tadellos verlaufenen ersten Gesellschaft, vor der ihm doch ein wenig gebangt, schloß Rolf Hagendorf sein junges Weib stürmisch in die Arme; es hatte alles vorzüglich geklappt, und in den anerkennendsten Worten hatte ihm die gestrenge und gefürchtete Kommandeuse ihre Befriedigung über den »so genußreichen Abend« und über seine reizende »Frau Doktor« ausgesprochen, der sie, offen gesagt, solch’ hausfrauliches Talent gar nicht zugetraut habe. — — — — —

Hagendorfs bewohnten eine kleine Villa für sich allein, die Beate mit dem ihr eigenen gediegenen Geschmack eingerichtet hatte. Es hatte ihr schließlich doch Freude gemacht und ihr in etwas über die quälenden Zweifel hinweggeholfen, denen sie manchmal zu unterliegen meinte. Aber ein Zurück gab es für sie nicht mehr, sie war gebunden für ihr ganzes Leben, und klar lag ihr Weg nun vor ihr, wenn er auch anders war, als sie einst geträumt!

Sie wußte ja, daß ihr Gatte ihr geistig nicht ebenbürtig war, daß er leicht über Fragen des Lebens hinwegging, die sie so gern mit ihm besprochen hätte. Daß er so oberflächlich war, wie er ihr sich jetzt zeigte, hatte sie aber doch nicht gedacht, und seufzend mußte sie den Gedanken aufgeben, Rolf nach ihrem Sinn zu modeln; Dienst, Sport und tausend Nichtigkeiten des Lebens bildeten sein Hauptinteresse — sie waren zwei ganz verschiedene Naturen, die sich innerlich niemals näherkommen konnten; Beate war im Grunde eine einsame Frau!

Sonst konnte sie sich aber keineswegs über den Gatten beklagen; denn mit größter Liebe und Aufmerksamkeit umgab er sein junges Weib. Der Sommer war Beate ganz erträglich vergangen; aber vor dem Winter graute ihr, der sie in ein gesellschaftliches Leben hineinziehen würde, das ihrer ganzen Geschmacksrichtung entgegen lag. Sie fürchtete sich vor den ewigen, großen, steifen Abfütterungen, auf denen man immer dieselben Gespräche hörte. Sie konnte sich aber nicht ausschließen, ohne Anstoß zu erregen. Außerdem wünschte es Rolf; er fühlte sich wohl in dem gesellschaftlichen Strudel, und sie gab nach.

Bisher hatte Beate Georg Scharfenberg nicht gesehen, und es war ihr auch recht so. Durch Adolf hörte sie manchmal von ihm, auch daß er letzthin Professor und selbständiger Leiter der Klinik von Professor Brause geworden war, der sich aus Gesundheitsrücksichten zurückgezogen hatte. — Für heute abend hatten Hagendorfs eine Einladung zu Hauptmann Bertholds. »Schon wieder,« seufzte Beate ein wenig, während sie vor dem großen Spiegel in ihrem Ankleideraum stand und letzte Hand an ihre Toilette legte.

Hellgrüne Seide mit duftigen Spitzeneinsätzen schmiegte sich in weichen Falten um ihre schöne Gestalt und hob die zarten Farben ihres Antlitzes aufs vorteilhafteste; bildschön sah sie aus, und sie konnte gar wohl mit ihrem Spiegelbild zufrieden sein.

Es klopfte an der Tür, und Rolf trat herein im Waffenrock mit blitzenden Epaulettes. »Bist du fertig, Schatz?« fragte er.

»Ja — nur die Handschuhe noch, gib sie mir bitte. Dort auf dem Toilettentisch liegen sie mit dem Fächer.«

»Weißt du, Bea, es ist eigentlich eine großartige Eigenschaft von dir, daß du stets fertig bist!«

»Und im Grunde auch immer noch schneller als du,« lachte sie fröhlich.

»Und wie du wieder aussiehst, zum Küssen!« Er trat auf sie zu und wollte sie an sich ziehen.

Doch sie wehrte ihm: »Du zerdrückst mir ja meine Robe.«

»Das tut nichts — dann bekommst du eine andere!«

»Du bist ja riesig freigebig; die Rechnung für diese hab’ ich ja noch nicht mal.«

»Einer — seiner schönen Frau gegenüber muß man stets galant sein!« Dann faßte er ihre Hand. »Sag, mir eigentlich, Schatz, wo du doch so riesig gescheit bist, viel, viel mehr als ich, bist du noch immer mit mir Durchschnittsmenschen zufrieden? Manchmal hab ich eine Heidenangst, wenn man dich so herausstreicht, du könntest mir eines Tages davongehen.«

So scherzhaft er sprach, es klang doch ein leiser Unterton der Sorge heraus, den sie gar wohl verstand. »Bist du mir noch gut, Bea?« Ein lichtes Rot trat in ihr Gesicht; warm ruhten ihre Augen auf dem Gatten, und sie schmiegte sich innig an ihn.

»Ja, Rolf, ich bin dir gut!« sagte sie leise, und dankbar küßte er ihre Hand.

Beate sprach die Wahrheit. Sie liebte ihren Gatten herzlich, wenn es auch nicht jenes Gefühl war, das sie einst für Georg Scharfenberg gehegt. Sein stetes Werben um sie hatte sie gerührt, und jetzt, wo sie seit kurzem die Gewißheit hatte, daß ihr das süßeste Glück erblühen würde, war sie nicht mehr so unglücklich über das böse Verhängnis, das sie in Rolfs Arme getrieben. Sie zwang sich, nicht mehr über vergangene Dinge nachzudenken; unnützes Grübeln hatte keinen Zweck — fortan lebte sie nur dem Kommenden, und das verlieh ihr eine gewisse Freudigkeit und schöne Sicherheit.


Man war bei Hauptmann Bertholds angekommen. Plaudernd stand man im Salon umher, und mehr als einmal flogen die Blicke der Gastgeber nach der Tür; augenscheinlich wurde noch jemand erwartet. Sonst waren die Geladenen schon vollzählig versammelt. Es war nur ein kleiner aber auserwählter Kreis. Die intimen Abendessen bei Hauptmann Berthold waren berühmt, und man hielt es für einen großen Vorzug, von ihm dazu eingeladen zu werden.

Die Frau des Hauses stammte aus einer bekannten Künstlerfamilie und war schöngeistig veranlagt. So war es sehr begreiflich, daß sie gerade für die schöne und gelehrte Dr. Beate von Hagendorf eine große Vorliebe gefaßt hatte. Endlich meldete der Diener: »Herr Professor Scharfenberg —« und im selben Augenblicke trat der Gemeldete ein.

Einen Herzschlag lang stockte Beate der Atem; das hatte sie doch nicht erwartet! Er entschuldigte sich wegen der unbeabsichtigten Verspätung und begrüßte die Herrschaften.

Als ihn die Hausfrau Beate von Hagendorf vorstellen wollte, sagte die junge Frau verbindlich: »Ich kenne Herrn Professor schon, und sicher länger als Sie, gnädige Frau, — wir waren ja Nachbarskinder, nicht wahr, Herr Professor? oder erinnern Sie sich nicht mehr?« Und liebenswürdig reichte sie ihm die Hand, die er an seine Lippen führte.

Es war das Beste und Vernünftigste, ihre Stellung gleich von vornherein klarzulegen — nach mehr als sieben Jahren standen sie sich jetzt zum ersten Male gegenüber, und wer weiß, wie er über jene Episode seiner Jugendzeit noch dachte! »O doch, gnädige Frau! Die Erinnerung an die froh verlebte Kindheit mit ihren kleinen Freuden und Leiden ist noch stets eine Feierstunde für mich gewesen,« lautete seine Erwiderung.

»Ah, denken Sie auch so, Herr Professor?« meinte Frau Hauptmann Berthold, eine weniger schöne als interessante, sehr schlanke Erscheinung mit lebhaften klugen Augen in dem etwas streng geschnittenen Gesicht — »ich bin glücklich, Sie so sprechen zu hören! Wie wenige gibt es doch heutzutage, die das fühlen; für die meisten ist es unnützer Ballast! Dann kann ich überzeugt sein, daß Sie gern mit Frau von Hagendorf bei Tische weiter darüber plaudern! Frau Doktor ist ja Ihre Tischdame, ich war überzeugt, daß Ihnen unsere gelehrte Freundin am meisten von uns armen Sterblichen genügen wird.«

»Sie sind wirklich die Güte und Bescheidenheit selbst, meine liebe gnädige Frau —« er verneigte sich vor der Frau des Hauses und bot dann Beate den Arm, da soeben das Zeichen zum Beginn der Tafel gegeben wurde.

Mit eigenen Empfindungen ging er an ihrer Seite. Er hatte ja vorher gewußt, daß er sie heute abend hier treffen würde, und mit Herzklopfen diesem Augenblick entgegen gesehen. Denn er hatte Beate Haßler nie vergessen können — sie war der Traum seiner Jugend gewesen, und ihretwegen nur blieb er einsam!

Der Abschluß ihrer kurzen Tätigkeit als Ärztin, das so schnelle Aufgeben ihres vorher doch mit so großer Hartnäckigkeit erkämpften Berufes als Braut eines Offiziers hatte ihn befremdet und sein Herz mit schmerzlicher Bitterkeit erfüllt. So war sie auch nicht anders als die anderen, ein echtes Weib, das sich von einem hübschen Gesicht, einer glänzenden Außenseite blenden ließ!

Anscheinend war sie glücklich und vollbefriedigt in ihrer Ehe mit Rolf Hagendorf, den er als gutmütigen, aber sehr leichtsinnigen und leicht zu beeinflussenden Mann kannte, ganz wie Adolf Haßler, Beates Bruder, mit dem er jetzt nur selten noch zusammen kam. Sein Beruf führte ihn andere Wege, in andere Kreise, und so war es ganz von selbst gekommen, daß sich die Bande der Jugendfreundschaft gelockert hatten.

Die Unterhaltung bei Tische war sehr anregend und frei von allem Zwang. Beates anfängliche Befangenheit schwand ihr vollständig, da sie sah, welchen Gleichmut, welche Ruhe Georg Scharfenberg ihr zeigte. Sie beobachtete ihn. Er hatte sich recht verändert. Die Gestalt war breiter geworden, und der dunkle, zugespitzte, sorgfältig gepflegte Bart gab ihm ein fremdes Aussehen — er stand ihm gut, fand sie.

Seine sonst so warm und gütig blickenden Augen hatten einen kühlen, prüfenden Ausdruck, und in der Unterhaltung vermied er jede persönliche Note. Man hatte ja auch so viele andere Berührungspunkte; außerdem saß Frau Hauptmann Berthold ihnen gegenüber, die sich in ihrer lebhaften Art an dem Gespräch beteiligte. Beate mußte sich gestehen, daß sie sich seit langem nicht so gut unterhalten hatte; von früher her wußte sie ja noch, daß Georg ein geistvoller Plauderer war, wenn er aus sich herausging.

Rolf Hagendorf war von seiner Tischdame, Ilse von Malten, der jungen, lebhaften Frau eines Kameraden, sehr in Anspruch genommen; unaufhörlich lachte und plauderte sie mit ihm, und bereitwillig folgte er ihr. Doch trotzdem beobachtete er seine Frau, und mit Befriedigung stellte er bei sich fest, daß sie die Schönste in diesem Kreise war. Wenn seine Blicke sich mit den ihren trafen, hob er grüßend das Glas gegen sie, und freundlich lächelnd nickte sie ihm zu.

Professor Scharfenberg hatte das beobachtet und daraus den Schluß gezogen, daß sie glücklich sei. Warum auch nicht? War ihr Gatte doch der eleganteste, schneidigste Offizier des Regiments! Ihr stolzer, trotziger Charakter mußte sich aber vollständig geändert haben, denn damals hatte sie trotz des Bekenntnisses ihrer Liebe für den Jugendfreund doch ein herbes »nein« gehabt, als es sich um das Aufgeben ihres Planes, zu studieren, handelte. Doch weg mit diesen Erinnerungen, die nur trübe stimmen konnten.

Beate war die Frau eines anderen, und ihm war sein Lebensweg klar vorgezeichnet. Er hatte auf das Glück durch ein Weib verzichtet, seit sie sich von ihm losgesagt. Sein Beruf mußte ihm dafür alles geben; er fand volle Befriedigung darin, und sein Name wurde bereits rühmend genannt — alles konnte man eben nicht haben!

Die Tafel war zu Ende und im Salon wurde der Kaffee gereicht. In anregendem Gespräch wußte die Hausfrau Professor Scharfenberg an ihre Seite zu fesseln, ebenso auch Beate Hagendorf, die sie in ihr Herz geschlossen hatte. Sie fühlte eine starke Sympathie für die liebenswürdige kluge Frau und zeigte sie ihr auch ganz offen. Im Fluge verging die Zeit, und mit Bedauern, daß der genußreiche Abend so schnell seinen Abschluß gefunden, trennte man sich.

Auf dem Heimweg war Beate ziemlich schweigsam; in Gedanken durchlebte sie noch einmal die verflossenen Stunden, und wider ihren Willen trat Georg Scharfenberg in deren Vordergrund. Fortan würde sie ihm öfter begegnen; denn wie sie heute abend erfahren, war er ein guter Freund von Hauptmann Berthold. Ob das aber für ihren inneren Frieden gut war? Sie hatte sich nach vielen Kämpfen dazu hindurchgerungen und wollte ihn nicht gern wieder einbüßen — aber die Erinnerung an ihre erste Liebe war doch zu lebendig.

»Du bist so still, Beate«, unterbrach Rolf ihren Gedankengang, indem er seinen Arm unter den ihren schob. Fast wurde sie durch seine Anrede erschreckt.

»Ich bin müde, Rolf, und ein wenig abgespannt.«

»Wir sind ja gleich daheim! Hast du dich diesmal gut amüsiert?« Er betonte das Wort diesmal etwas auffällig und sah sie forschend an.

»Ja,« entgegnete sie unbefangen, »ich bin gern mit Frau Berthold zusammen, bei ihr ist alles so harmonisch, und mit ihr kann man sich wenigstens auch mal über etwas anderes unterhalten als mit den meisten anderen Damen.«

»Nun ja, Schatz, du schraubst deine Ansprüche gar zu hoch — die kleine Malten beklagte sich fast bei mir, daß du ihr gegenüber zu zurückhaltend bist.«

»Ich mag sie nicht, Rolf, und kann mich auch nicht verstellen.«

»Ja, aber warum nicht? Sie ist doch sehr liebenswürdig.«

»Das bestreite ich gar nicht; ihre Liebenswürdigkeit ist aber nicht echt; außerdem ist sie mir wirklich zu oberflächlich.«

»So gründlich gebildet wie du kann allerdings nicht jede sein und den Doktortitel haben, Gott sei Dank, möchte man da beinahe sagen! Und da sich die anderen dir unmöglich anpassen können, dürftest du ihnen wohl gern ein wenig entgegenkommen.«

»Das tue ich genügend, Rolf, wie du ganz gut weißt! Aber gerade Frau von Malten ist mir direkt unsympathisch. Sie ist auch nicht aufrichtig, und wenn ich dieses Gefühl von jemand habe, kann ich nicht herzlich sein. Übrigens ist mir ihr Horizont zu beschränkt; über Toiletten und Flirt geht er nicht.«

»Freilich, einen so guten Lehrer wie du in Doktor Scharfenberg hat sie nicht gehabt,« entgegnete er mit leisem Spott.

Verletzt zog sie ihren Arm aus dem seinen. »Ah, willst du da hinaus? Dann konntest du dir die Vorrede sparen.«

»Du warst ja so sehr in die Unterhaltung mit ihm vertieft, daß es allgemein auffiel.«

»Mit »allgemein« kannst du sicher nur Frau von Malten meinen, deren boshafte Zunge ich längst kenne; ich wundere mich aber nur, daß du dich so von ihr beeinflussen läßt.«

»Und du warst sicher glücklich, endlich deinen Jugendfreund wiedergesehen zu haben.«

Beate blieb stehen. »Willst du mich durchaus kränken, Rolf? — ich habe dir keine Veranlassung dazu gegeben! Du weißt um meine Jugendfreundschaft mit ihm, weißt auch, was ihr ein Ende gemacht hat. Frau Berthold hätte uns nicht als Tischnachbarn bestimmt, wäre ihr das bekannt gewesen — für diesen Zufall bin ich nicht verantwortlich.«

»Anscheinend war er dir aber nicht unangenehm?« Rolf war in eine etwas gereizte Stimmung geraten, deren Grund er sich selbst kaum erklären konnte.

War es die Anwesenheit Scharfenbergs bei Bertholds, oder eine boshafte Bemerkung Frau von Maltens über Beates Gelehrsamkeit — genug, er wußte es nicht, und die ruhigen Entgegnungen seiner Gattin reizten ihn fast, daß er sich zu seinen mißtrauischen Fragen hinreißen ließ. »Wenn du mich fragst, Rolf, nein« — entgegnete sie gelassen, »seine Unterhaltung im Verein mit der Frau Bertholds war mir in der Tat eine angenehme Abwechslung — ich hörte einmal etwas anderes reden, als daß die Glockenröcke so ungeheuer schick seien, aber doch sicher bald wieder unmodern würden.«

Ein leiser Sarkasmus klang aus ihrer Stimme — sie wollte durchaus keine Szene und ging ruhig weiter, nahm aber den angebotenen Arm des Gatten nicht an.

Rolf sah an ihrem Gesicht, daß es nicht ratsam war, weiter zu sprechen. Durch seine Worte, die ihm vielleicht von einer gewissen Eifersucht diktiert waren, hatte er ihr die Stimmung verdorben, und in etwas ungemütlichem Schweigen legten sie den Rest des Weges zurück. — — —

Beate von Hagendorf lebte jetzt sehr zurückgezogen, und sie war froh, einen Grund dazu zu haben. Nur mit der ihr so lieben Frau Hauptmann Berthold verkehrte sie, und durch sie hörte Beate auch noch manchmal von Professor Scharfenberg. Sie hatte ihn einmal kurz nach dem Abend ihres Wiedersehens auf der Straße getroffen. Er hatte grüßend den Hut gezogen und war stehen geblieben, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Es waren gleichgültige Worte gewesen, die man gewechselt, und doch war Beate in einen Zustand der Unruhe versetzt worden.

Nein, es war nicht gut, daß sie mit ihm zusammenkam; es schaffte ihr nur unnütze Aufregung und brachte sie aus dem schönen Gleichmaß ihrer Seele, zu dem sie sich hindurchgerungen. Sie durfte auch Rolf das nicht antun, sich so viel in Gedanken mit dem Jugendfreund zu beschäftigen — denn ihr Gatte trug sie jetzt förmlich auf Händen; er konnte sich in Aufmerksamkeiten nicht erschöpfen. — — —

Und als die Rosen blühten und die Erde in herrlicher Blütenpracht prangte, hatte Beate dem Gatten einen Sohn geschenkt. Seine Freude war unbeschreiblich. Bebend vor innerer Bewegung kniete er an ihrem Bette und küßte ihre Hände voll heißer Dankbarkeit. Beate hatte schwer gelitten; sie konnte sich trotz ihrer kräftigen Natur lange nicht erholen. Wochenlang war sie bettlägerig, und die Sorge wich nicht von ihrem Lager.

Als sie zum ersten Male wieder aufstehen durfte, zeigte die Natur schon herbstliche Färbung, und mit etwas wehmütigem Lächeln schaute die junge Frau in den Garten, auf dessen wohlgepflegten Wegen die Amme den Kinderwagen schob und mit dem Kleinen tändelte. Tränen feuchteten ihre Augen. Ihr Kind! Was hatte sie bis jetzt davon gehabt, und wie innig sehnte sie sich nach ihm! Wenn sie nur nicht gar so schwach noch und elend wäre!

Prüfend flog ihr Blick nach dem Spiegel. Sie war bloß noch ein Schatten ihres früheren strahlenden Selbst — um Jahre gealtert kam sie sich vor. Das Gesicht war so bleich und abgezehrt, um den Mund lag ein müder Zug, und die Fülle der Gestalt war geschwunden. Schmerzlich seufzte sie. Sie war doch genug Weib, um das nicht bitter zu empfinden.

Beate erhob sich vom Diwan, auf den man sie gebettet, und machte mit Anstrengung einige Schritte nach der Balkontüre, um nach dem Kinde zu rufen. Da sah sie auf dem Wege zwei sommerlich gekleidete Gestalten daherkommen, die jetzt am Kinderwagen Halt machten und sich darüber neigten, seinen Inhalt in Augenschein zu nehmen. »Du kleiner Kerl, kennst du mich denn nicht? Ich habe dich doch schon öfter begrüßt! Nicht weinen, du, du, ich bin doch die gute Tante,« hörte Beate ganz deutlich die etwas scharfe, helle Stimme der Frau von Malten zu sich heraufschallen, »sieh nur, Viola, er ist doch gar zu goldig — und wie klug er schon guckt.«

Da trat Rolf ziemlich hastig ins Zimmer. »Ausgeschlafen, Bea? Fühlst du dich noch so wohl wie am Mittag? Das ist ja herrlich« — er küßte sie flüchtig auf die Stirn — »du siehst auch brillant aus, ganz brillant. Da bist du sicher imstande, Frau von Malten mit ihrer Schwester zu empfangen.«

»Rolf!« weiter sagte sie nichts.

Er verstand den stummen Vorwurf in dem Blick der großen Augen. Etwas verlegen fuhr er sich durch das Haar. »Ich bin selbst untröstlich, Schatz, aber es geht nicht anders. Abweisen kannst du sie nicht. Heute morgen begegnete sie mir, fragte mich natürlich nach deinem Befinden, und als ich ihr erzählte, daß du zu meiner großen Freude aufstehen wolltest, stellte sie mir ihren Besuch in Aussicht.«

»Warum hast du mir nichts davon gesagt?« fragte sie vorwurfsvoll.

»Weil ich es selbst noch nicht recht geglaubt, nachdem ich schon früher einigemale abgewinkt! Sie war in jeder Hinsicht so aufmerksam, daß es direkt ungezogen gewesen wäre; sieh, jetzt kommen sie schon die Treppe herauf, eine Abweisung ist unmöglich,« sagte er dringend, schon im Hinausgehen begriffen.

Draußen hörte sie lautes Lachen, lebhaftes Begrüßen, und wenige Augenblicke später betraten die beiden Damen das Zimmer. Als Beate sich aus dem bequemen Stuhl, in dem sie jetzt ruhte, erheben wollte, um ihnen entgegen zu gehen, eilte Frau von Malten auf sie zu, sie daran zu hindern.

»Nein, nein, Liebste, Beste, das geht nicht! Sie bleiben hübsch sitzen, wenn Sie nicht wollen, daß wir gleich wieder gehen!«

Sie küßte Beate auf beide Wangen — »wie bin ich glücklich, Sie so wohl zu sehen. Gott, wie hab’ ich mich um Sie gesorgt — wir alle, nicht wahr, Viola? Nun bringe ich Ihnen so ohne weiteres mein Schwesterlein, das darauf brennt, die berühmte »Doktorin« kennen zu lernen. — Sie sind mir doch nicht böse, Liebste, daß ich so bei Ihnen eindringe? Aber Ihr Gatte meinte, es sei durchaus keine Störung; im Gegenteil, Sie müßten etwas Zerstreuung haben, und mir ließ es keine Ruhe, seitdem ich wußte, daß Sie auf sind, und diese Rosen hier, die letzten Kinder des Sommers, sollen meinen Wunsch begleiten, Sie recht bald in unserer Mitte, gesund und vergnügt zu sehen!« Dabei legte sie den Strauß köstlicher Rosen, den sie bisher in der Hand gehalten, in Beates Schoß und setzte sich neben sie.

Die junge leidende Frau war von dem Redeschwall der andern förmlich betäubt, und fast mechanisch hieß sie Viola Düsing willkommen, die schon seit längerer Zeit bei Maltens zu Besuch war. Sämtliche Herren schwärmten von ihr, auch Rolf nicht ausgenommen.

Sie war eine auffallende Erscheinung, Mitte der Zwanzig, mehr pikant als schön mit dem stark rotblonden Haar, den dunkelgrauen Augen und dem üppigen, ein wenig aufgeworfenen Munde in dem frischen, sehr gepuderten Gesicht. Ihre Gestalt war tadellos, aber ein wenig zur Fülle neigend. Der Schick, mit dem sie gekleidet, hatte schon die Grenzen überschritten, die einer Dame in der Wahl ihrer Toilette gezogen sind; Beate war fast befremdet darüber. Viola Düsing kam der fein empfindenden, maßvollen Frau wie eine Soubrette, eine Varietéprinzessin vor; sie konnte sich dieses Gefühls nicht erwehren.

Rolf hatte sich mit dem jungen Mädchen in ein lebhaftes Gespräch vertieft, während die beiden Frauen über den kleinen Karl Friedrich sprachen, wieviel er zunahm und was dergleichen Fragen mehr sind, die Mütter interessieren.

Da wandte sich Viola zu Beate. »Gnädige Frau, Ihr Bub’ ist herzig — ich habe ihn vorhin so bewundert; kaum konnt’ ich mich von ihm trennen, er ist einzig süß, und wie gleicht er so ganz seinem Vater, einfach süß,« wiederholte sie und warf einen sprechenden Blick auf Rolf, der fast verlegen über die ihm so offensichtlich dargebrachte Schmeichelei seinen Schnurrbart drehte. Mit tiefem Befremden hörte Beate diese Worte. Vergaß das junge Mädchen so ganz seine gute Erziehung, um in einer solchen Weise einem Herrn entgegenzukommen?

Es war, als ahne Frau Ilse Malten Beates Gedanken, denn sie sagte: »Viola schwärmt ja so sehr für kleine Kinder — sie sind ihr ganzes Entzücken. Ich habe den ganzen Tag zu schelten, weil sie mir meine beiden Jungen in Grund und Boden verwöhnt und verzogen hat; sie tobt wie ein Kind mit ihnen, und die Buben wissen genau, an wem sie Rückhalt haben! In der Zeit ihrer Anwesenheit hat sie das Haus förmlich auf den Kopf gestellt! Und ebenso wild reitet sie. Ich habe manchmal Angst, daß sie mir nicht mit heilen Gliedern nach Hause kommt, und ich bin froh, wenn sie mir meinen Mann gesund abliefert!«

»Na ja, dein Otto ist ’ne Schlafmütze,« lachte Viola und ihre Zähne blitzten; dann schlug sie sich wie erschrocken auf den Mund — »o bitte um Verzeihung wegen dieses unparlamentarischen Ausdrucks; er entfuhr mir nur so! Aber der gute Otto! Der Sonntagsreiter! Was ich unter Reiten verstehe, ist etwas ganz anderes: über Sturzäcker reiten, Gräben und Zäune nehmen, das ist nach meinem Sinn — an mir ist ein Kavallerist verloren,« — ihre Lippen waren halb geöffnet, und ihre Brust hob sich in tiefen Atemzügen, als genösse sie dieses Vergnügen ihres wilden Reitens.

Entzückt ruhten Rolfs Augen auf dem lebensvollen Geschöpf — das war etwas nach seinem Sinn! »Ganz meine Ansicht, gnädiges Fräulein«, entgegnete er lebhaft, »auch ich fühle mich als ein anderer, wenn ich auf einem Gaul sitze.«

»Sie haben Ihren Herrn Gemahl gewiß immer begleitet,« wandte sich Viola an Beate, »das muß köstlich gewesen sein!«

»Sie irren, Fräulein Düsing! Ich habe nie ein Pferd bestiegen; auch muß ich gestehen, daß ich diesem Sport sehr gleichgültig gegenüberstehe«, entgegnete Beate etwas steif; ihr mißfiel das Wesen des Mädchens immer mehr.

Rolf ärgerte sich in diesem Augenblick über seine Frau. Sie kam ihm spießbürgerlich und schulmeisterhaft vor, richtig pedantisch, während die andere voll frischen, heiß pulsierenden Lebens war, fröhlich und unbekümmert, so, wie er es liebte!

»Ah«, machte da Viola auf Beates letzte Bemerkung, und sehr erstaunt und ungläubig, fast ein wenig geringschätzig, blickten ihre grauen Augen, und ganz leicht schüttelte sie den Kopf, als sei ihr unbegreiflich, was die andere gesagt.

»Du darfst nicht vergessen, Kind, daß Frau von Hagendorf ganz andere Interessen hat,« meinte Ilse Malten in leicht verweisendem Tone, »du weißt doch, daß sie studiert und den Doktortitel errungen hat; da fehlte die Zeit für derartigen Sport!«

»Ach ja, liebe, gnädige Frau, bitte erzählen Sie doch von Ihrer Studienzeit, das muß doch furchtbar interessant gewesen sein, das flotte, freie Burschenleben — »’s gibt kein schöner Leben, als Studentenleben, wie es Bacchus und Gambrinus schuf« — ach, bitte, erzählen Sie —« und wie ein Kind klatschte sie in die Hände, erwartungsvolle Augen machend.

Ein leichtes, ironisches Lächeln zuckte um Beates Mundwinkel. »Ein solches Studentenleben, wie Sie denken, Fräulein Düsing, habe ich nicht genossen. Ich hatte mein Studium ernst und nicht als Sport genommen. Da hieß es arbeiten, um vorwärts zu kommen. Amüsieren und flirten gab es da nicht! Und doch habe ich Stunden reinsten Glücks und vollster Befriedigung gehabt, wie es nur die kennen und mir nachfühlen, die ernste Arbeit zu ihres Lebens Ziel und Inhalt machen. Ich denke sehr gern an jene Zeit zurück.«

»Das alles haben Sie aber aufgegeben, als der Rechte kam! Gestehen Sie, Liebste, die Ehe ist doch das einzig Richtige für uns, nicht wahr? Da vergißt man alles, die ganze Gelehrsamkeit, den Durst nach Ruhm und Erfolg,« meinte Frau Ilse in leicht neckendem Tone, sich vorbiegend und in Beates ernste Augen sehend.

»Ich muß Ihnen recht geben, wenn die Ehe eine ehrliche Kameradschaft für das Leben ist und die Ehegatten sich gegenseitig ergänzen und verstehen — und man ein lieb Kind sein eigen nennt,« schloß Beate mit leiser weicher Stimme.

Rolf küßte ihre Hand. »Ja, meine Bea, du sprichst mir aus dem Herzen.« Es war ihm, als müsse er etwas gut machen; denn er sah, wie sie sich nur mühsam aufrecht erhielt. Der Besuch der beiden Damen griff sie doch noch zu sehr an. Spöttisch lächelnd beobachtete Viola diese kleine Szene. Rolf bemerkte das und wurde rot.

In plötzlicher Schwäche schloß Beate die Augen. Frau von Malten sah das. Sofort sprang sie auf. »Ist Ihnen nicht gut? O, verzeihen Sie, daß wir so lange verweilt haben! Doch verplaudert sich die Zeit so schnell bei Ihnen, Liebste! Nun wollen wir aber gleich gehen, Viola, und Sie, liebe Frau Beate, legen sich sofort zu Bett! — Also auf Wiedersehen! Nächste Woche dürfen wir doch wiederkommen?« Sie küßte Beate auf die Wangen, und nach wortreichem Abschied entfernten sich die beiden.

Rolf von Hagendorf geleitete sie hinaus. In gut gespieltem Bedauern meinte da Ilse Malten: »Gott, Hagendorf, unser Besuch hat doch Ihrer lieben Frau nicht etwa geschadet? Sie sah übrigens nicht so gut aus, wie Sie dachten! Ihr Männer habt dafür gar keine Augen, wenn man wirklich krank ist. Ihr seid Barbaren! Hoffentlich wird es nicht zu lange dauern, bis Frau Beate ihre vielbewunderte Schönheit wieder bekommt: sie ist richtig alt geworden! Du mußt nämlich wissen, Viola, daß unseres Freundes Frau die schönste Dame des Regiments war, — nein, nein, kein Widerspruch aus Galanterie, lieber Hagendorf. Sie wissen es doch ganz genau selbst. Und wie ist ihr Haar dünn geworden! Gegen dessen frühere Pracht, Viola, würde selbst dein schönes Haar nicht aufgekommen sein!«

Rolf warf einen bewundernden Blick auf die rotgoldene Haarfülle des jungen Mädchens — »das weiß ich doch nicht, Gnädigste, ob Sie da nicht zu viel sagen: dieses Tizianblond ist einzig, köstlich.«

Viola sagte gar nichts darauf, sondern lächelte ihn nur in seltsam berückender Weise an. Ilse schlug scherzend nach ihm.

»Glaube ihm nicht, Kind — hüte dich vor ihm — er ist ein gefährlicher Mann! Nun komm, Herz, sonst wird schließlich Diavolo ungeduldig — er muß heute noch geritten werden!«

»Wenn ich Sie einmal begleiten dürfte, gnädiges Fräulein, würde ich sehr glücklich sein,« bat Rolf.

»Ich habe nichts dagegen! — ob aber Ihre Frau Gemahlin es Ihnen erlauben wird —?« Etwas herausfordernd blickten ihre hübschen, kecken Augen ihn an.

Er klemmte die Unterlippe zwischen die Zähne. »Pardon, meine Gnädigste, sehe ich aus, wie ein Pantoffelheld?«

Sie schwieg einen Augenblick, wobei sie ihn ungeniert musterte; dann sagte sie achselzuckend: »Je nun, Sie kennen doch die Antipathie Ihrer Frau Gemahlin gegen das Reiten — meinetwegen sollen Sie sich nicht in Gefahr begeben!«

Ihre Art hatte etwas Aufreizendes für ihn. »Ich will Ihnen beweisen, daß ich keine Gefahr scheue,« rief er stürmisch, »es ist überhaupt ganz widersinnig, von Gefahr zu reden. Bitte, bestimmen Sie einen Tag, an dem Ihnen meine Begleitung angenehm ist.« Erwartungsvoll sah er sie an.

»Gut, sagen wir, morgen in acht Tagen«, entgegnete sie überlegend.

»Dann erst? Warum nicht schon früher? Ich bin wirklich begierig, Ihr Kavalier zu sein, da Ihnen Malten so wenig genügt,« und dringlich blitzten seine hübschen Augen sie an, »bitte, seien Sie barmherzig.«

»Ich kann es wirklich noch nicht bestimmen! Sie werden durch Otto Bescheid bekommen, Herr von Hagendorf,« meinte sie leichthin, dann blickte sie sich suchend um. »Ach, Ihr Bubi ist nicht mehr hier — schade, ich hätte das goldene Kerlchen gern noch mal gesehen — nun, komm, Ilse, sonst wird es zu spät!«

Sie reichte ihm die Hand, die er mit feurigem Druck an seinen Mund führte. »Auf Wiedersehen, Herr Oberleutnant!«

»Das war also die berühmte, schöne Doktor Beate Hagendorf,« meinte Viola zu ihrer Schwester, als sie heimgingen, »so ein Bildungsprotz, einfach gräßlich! Sie ist genau so langweilig und feierlich wie ihr Name. Beate, da muß ich an meine Großmutter denken! Sie paßt nicht im geringsten zu dem Mann.«

»Nein, da hast du recht. Siehst du, liebe Viola, den hatte ich für dich im Sinn,« entgegnete Ilse, »wenn du vor zwei Jahren auf meine dringliche Einladung gekommen wärst, könntest du Frau von Hagendorf sein. Ich hatte mir schon alles so schön gedacht und ihm von dir vorgeschwärmt. Aber die Reise nach Budapest war dir damals wichtiger, und doch hast du nicht erreicht, daß du die Gräfin Hohenfels geworden bist!«

Ein böses Licht glimmte in Violas Augen auf, und ein Zug trat in ihr Gesicht, der es recht gewöhnlich aussehen ließ.

»Und wer trägt daran die Schuld? Du! Ihr! weil Papa notwendig die großen Zahlungen für euch leisten mußte,« sagte sie heftig. »Du hast stets das meiste Geld bekommen, und ich habe das Nachsehen gehabt! Was ist für mich denn aus dem Gutsverkauf übrig geblieben?« Sie schnippte mit den Fingern. »So gut wie nichts, alles ihr, und was wird aus mir?«

»Ereifere dich doch nicht, Viola«, begütigte die andere, »es war doch nichts anderes zu machen. Papa hat ebenfalls viel Schuld mit an allem! Doch laß uns nicht mehr darüber reden; es hat keinen Zweck mehr! Übrigens brauchst du dich nicht um deine Zukunft zu sorgen; du hast hier die besten Chancen, unterzukommen — da ist z. B. der lange Plessow, der ist toll verliebt in dich, sagt Otto, fabelhaft reich dabei — eine bessere Partie könntest du gar nicht machen!«

»Ach, geh’ mir mit dem«, meinte die Schwester geringschätzig, »der ist ja wie Milchsuppe! Da ist mir Hagendorf doch lieber, in dem steckt Rasse, Temperament.«

»Aber Viola, was redest du da! Er ist doch verheiratet, und ein Flirten mit ihm hat gar keinen Zweck.«

»Und warum nicht? Schon um seine famose Frau zu ärgern, die mir mit ihrem Vortrag über ihr Studentenleben verschiedene Stiche versetzt hat; na, ich hätt’s anders gemacht! Himmel, der Mann muß doch bei so viel Gelehrsamkeit Angst bekommen! Sie hatte wohl viel Geld?«

»Ja, das wohl! Doch hat er nicht nötig gehabt, darauf zu sehen, da er selbst reich ist! Ich gebe dir nochmals den guten Rat, Viola, sei vorsichtig.«

»Ja, ja, du kannst überzeugt sein, daß ich trotz allem meinen Vorteil nicht aus dem Auge lasse; den langen Plessow kann ich jetzt schon um den Finger wickeln, der ist mir sicher, deshalb will ich mich noch amüsieren! — Übrigens, die Hagendorf hatte einen schicken Schlafrock an, wo kauft sie? Hier doch nicht.«

»Nein, sie bezieht durch Vermittlung der Berthold, ihrer Busenfreundin, sämtliche Garderobe aus Wien.«

»Ach, die lange Bohnenstange mit ihren ewigen Reformkleidern? Na, die beiden passen ja zusammen!« Sie schüttelte den Kopf. »Wie kann nur ein Mann wie Hagendorf an der Frau Gefallen finden, die ihn sicher den ganzen Tag mit ihrer Gelehrsamkeit langweilt. »Fräulein Doktor«, sie konnte nur bei ihrem Berufe bleiben.«

»Das sage ich auch! Immer sucht sie zu imponieren — sie will alles besser wissen.«

»Nur das eine weiß sie nicht, wie man einen Mann fesselt.« Bei diesen Worten lächelte Viola vor sich hin. Ihre Schwester sah sie von der Seite an; welche Gedanken mochten da in diesem kapriziösen Köpfchen spuken? Ilse konnte aus ihr nie klug werden.


6.

Als Rolf Hagendorf ins Zimmer zu seiner Frau zurückkehrte, fand er sie mit geschlossenen Augen auf der Chaiselongue liegen, bleich und abgespannt aussehend. Mit forschendem Blick betrachtete er sie. Weiß Gott, die Malten hatte recht, ihm war das nur nicht so aufgefallen; Beate war sichtlich alt geworden; von der Nase zum Mund zogen sich zwei scharfe Falten, die ihr einen alten, leidenden Zug gaben, und die Hände, die schönen, schlanken, weißen Hände, die er früher so oft in seiner Verliebtheit geküßt, wie waren sie mager und gelb geworden; doppelt hob sich das von der dunkelseidenen Decke ab, auf der sie nervös hin und her glitten. Ein unangenehmes Gefühl beschlich ihn. Wie hatte er die Schönheit seiner Frau geliebt, wie war er stolz darauf gewesen! Er dachte nicht daran, daß sie noch zu leidend war, um schon wieder so gut wie früher auszusehen, und unwillkürlich drängte sich Violas lebensvolles Bild in seine Vorstellung.

Beate hob die Wimpern und sah ihn an; es war, als hätte sie den Blick seiner Augen gefühlt. Kosend strich er über ihr Gesicht. »Na, Maus, nun ist das auch überstanden! Recht, daß du dich ein wenig gelegt hast«, meinte er leichthin.

»Möchtest du, bitte, klingeln? Ich will doch lieber gleich zu Bett gehen, der Besuch hat mich sehr angegriffen.«

»Nun, so lange haben sich die Damen doch nicht aufgehalten. Frau von Malten wollte dir gern ihre Schwester vorstellen.«

»Sie hätte ruhig damit warten können. So bald möchte ich beide nicht wiedersehen.«

»Aber Beate, ich begreife dich einfach nicht, zwei so liebenswürdige Damen,« ein leiser Unmut klang aus seiner Stimme.

»Wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Ich habe gesehen, daß Martina Berthold wirklich recht hat. Viola Düsing ist keine Dame, sie hat etwas vom Varieté an sich.«

Mit Mühe bezwang Rolf seine Ungeduld, seinen Unwillen über diese Äußerung Beates. Er sagte gar nichts, sondern war ihr behilflich, ins Schlafzimmer zu gehen. Dann zog er sich um und ging fort, einen Bummel nach der Stadt zu machen, um dort vielleicht Bekannte zu treffen.

Durch Beates lange Krankheit war manches anders geworden. Rolf hatte allmählich seine Junggesellengewohnheiten wieder angenommen und fühlte sich sehr wohl dabei. Er ging alle Tage aus. Was sollte er auch zu Haus? Die verheirateten Kameraden bekümmerten sich um ihn; sie luden ihn in ihre Häuslichkeit ein, und die Damen nahmen herzlich teil an Beates Leiden. Frau von Malten tat sich besonders hervor; sie hatte eine Schwäche für den liebenswürdigen Offizier und sah ihn gern bei sich. Sie fühlte wohl die geringe Sympathie, die Beate für sie hegte; jedoch kümmerte sie sich weiter nicht darum, im Gegenteil, sie befleißigte sich der größten Aufmerksamkeit gegen die gefeierte, kluge Frau, da sie durchaus mit ihr verkehren wollte, aus Berechnung! Im Grunde nämlich erwiderte sie Beates Antipathie aus vollem Herzen.

Sie hatte es gut verstanden, Rolf nach sich zu ziehen, und der beste Magnet war ihre Schwester. Viola, ein rassiges, temperamentvolles Geschöpf, die ihm ein starkes Interesse einflößte. Doch daraus war jetzt mehr geworden! Rolf schmachtete in ihren Banden. Mit raffinierter Koketterie hatte sie es dahin gebracht. Er durfte sie auf ihren täglichen Spazierritten begleiten; und nicht lange dauerte es, so war das Paar ein Gegenstand lebhaften Gesprächs geworden, und man bedauerte sogar schon die arme junge Frau Hagendorfs. Viola, in ihrer stark ausgeprägten Eigenart, kümmerte sich wenig um ein Gerede, das sich mit ihrer Person beschäftigte, und auch Rolf war es gleich; sein einziger Gedanke war jetzt nur noch das üppige, rotblonde Mädchen, und glühende Eifersucht erfüllte ihn auf den Oberleutnant Plessow, von dem sich Viola ebenfalls stark den Hof machen ließ. Sie war unberechenbar: heute war sie von abstoßender Kälte, morgen von unvergleichlicher Liebenswürdigkeit, und das machte ihn fast toll.

Beate litt sehr unter seinen jetzt so wechselnden Stimmungen; sie wußte ja nicht, mit welch widerstreitenden Empfindungen er kämpfte. Ihre Genesung hatte, da ihre kräftige Natur endgültig die Oberhand gewonnen, sehr schnelle Fortschritte gemacht. Die Gestalt rundete sich wieder; ihr Gang und ihre Haltung bekamen die frühere Elastizität und Frische; sie war ganz die alte geworden, wie Martina Berthold mit Freude feststellte. Diese war ein fast täglicher, gern gesehener Gast bei Beate; die beiden so gleichgestimmten Frauen wurden durch eine treue Freundschaft miteinander verbunden.

Professor Scharfenberg verkehrte viel bei Bertholds; zu jeder Tageszeit war er willkommen in dem gastfreien Hause. Mit einem leisen Gefühl des Neides hörte Beate die Freundin oft von den anregenden Stunden erzählen, die ihr durch den Verkehr mit dem geistvollen Professor zu teil wurden. Wie anders war es jetzt dagegen bei ihr! Sie war fast jeden Abend allein, da Rolf stets etwas vor hatte. Und blieb er mal zu Haus, war er zerstreut, unruhig, sprach von dem ewigen Ärger im Dienst, daß er es »satt bis oben ’ran« hätte, von Rennen und ähnlichen Dingen.

Brachte Beate das Gespräch auf etwas anderes, Tieferes, dann wurde er ungeduldig: »Ach, laß mich mit dem Quatsch in Ruhe; du weißt doch, daß ich nun mal nichts davon verstehe, hab’ auch gar kein Interesse dafür; habe meinen Kopf so voll!« Dann las er flüchtig seine Sportzeitung, gähnte einigemal recht vernehmlich und ging dann schlafen.

Die feingebildete, ruhige Beate langweilte ihn; er mußte Abwechslung haben, und dazu hatte ihn Viola gebracht, sie war so ganz anders als seine Frau — sie hätte viel besser zu ihm gepaßt! Wenn er ahnte, daß Beate gar nicht so ruhig war, wie es ihm schien, daß hinter ihrer weißen Stirn rebellische Gedanken wohnten! Mehr als ihr lieb war, mußte sie an Georg Scharfenberg denken, mehr und mehr sah sie ein, daß ihre Ehe ein grenzenloser Irrtum war. Das bißchen Scheingefühl, das sie im Anfang gehabt, war verflogen; sie fühlte sich tief unglücklich an Rolfs Seite. Aber niemand bekam Einblick in diese stolze Frauenseele; still trug sie ihr Geschick für sich.

Ihr lebhafter Geist brauchte Anregung oder wenigstens Verständnis und Entgegenkommen, wenn sie geistig nicht verkümmern sollte, und das gesellschaftliche Leben, in dem Rolf sich so wohl fühlte, genügte ihr gar nicht. Sie mußte ihre geistigen Fähigkeiten rühren, und mit ihrer zunehmenden Kräftigung war auch der alte Tatendrang in ihr erwacht. Sie kehrte zu ihrer Wissenschaft zurück. Sie hatte ja so viel Zeit. Aufmerksam verfolgte sie alle Neuerscheinungen darin, worüber Rolf sie manchmal auslachte oder, in schlechter Stimmung, sich diese Emanzipationsgelüste verbat, die sich gar nicht für eine Offiziersdame schickten; er wolle sich außerdem bei seinen Kameraden nicht lächerlich machen lassen.

Auf solche Ausfälle erwiderte sie gar nichts, sondern suchte Halt bei ihrem Kinde, an dem sie mit abgöttischer Liebe hing. Wenn sie das nicht gehabt hätte! Und doch vermochte der kleine Karl Friedrich die grenzenlose Öde und Leere in ihr nicht auszufüllen. Aber nachdenken durfte sie nicht!

»Komm, Bubi, mein Liebling, mein Einziges, wir wollen uns fein machen, und Tante Martina zum Geburtstag gratulieren!« Beate kleidete das Kind um; sie wurde kaum damit fertig; denn immer von neuem freute sie sich über sein rundes, festes Körperchen, herzte und küßte es, ihm tausend Liebkosungen gebend. Endlich war er fertig und lag in dem eleganten, hellen Kinderwagen. Sie legte die Blumen und eine Photographie, die Bubi bringen sollte, auf dessen seidengestickte Decke. »Fahren Sie immer zu,« sagte sie dann zu der Amme. »Bleiben Sie aber in der Sonne, ich komme gleich.«

Ihre Toilette nahm nicht so lange Zeit in Anspruch, und bald war sie in ihr resedafarbenes Promenadenkostüm umgekleidet, das ihr vorzüglich stand. Sie sah sehr gut aus; jede Spur der Krankheit war verschwunden. Ihre mädchenhafte schlanke Figur ließ sie jünger erscheinen als sie war, und die frische, klare Herbstluft, man schrieb den 10. November, färbte ihr zartes, durchgeistigtes Antlitz mit lichter Röte und vertiefte den Glanz der ernsten, schönen Augen. Nur ihr Gatte schien das nicht zu sehen; sein Blick war zerstreut, und unruhig glitt er über sie hin, als sie sich begegneten; er kam gerade vom Dienst, und in der Haustüre trafen sie zusammen.

»Ah, Rolf, das ist gut, daß du schon kommst. Da kannst du mich ja begleiten, Martina zu gratulieren.« Er blickte an sich nieder auf die schmutzigen Stiefel, den bestaubten Rock. »In diesem Aufzug? Unmöglich, Kind!«

»Nun, du bist doch schnell umgezogen, und ich warte gern.« Er hatte aber keine Neigung dazu.

»Bertholds haben sich doch für den Vormittag Besuch verbeten, da heute abend so wie so großer Zauber ist.«

»Mit uns ist das doch etwas anderes: Martina wird sich sicher sehr freuen, wenn du mitkommst.«

»Es geht nicht, Beate! Hab’ es überdies Bünau und Malten versprochen, nachher schnell zu einer Besprechung ins Kasino zu kommen. Wir hatten heute morgen manchen Ärger: der Alte war mal wieder eklig geladen. Sag’ also deiner Freundin vorläufig meine herzlichsten Glückwünsche. Heute abend werde ich sie wiederholen.« Sein Blick vermied den ihren, und sichtlich strebte er fort.

»Ich will dich dann nicht weiter aufhalten. Du bist doch pünktlich zum Mittagessen wieder da? Hast du Bubi gesehen? Nein? Schade, er sah so lieb aus. Adieu, Rolf.« Flüchtig küßte er ihre Hand.

»Adieu, Beate.«

Sie streifte die zartfarbigen Handschuhe über, als sie durch den Garten nach der Pforte ging.

Immer Malten! Als ob es niemand anders mehr gäbe! Doch sie sagte gar nichts mehr darüber; denn Rolf nahm trotz ihrer Abneigung gegen diese Familie keine Rücksicht darauf; darum ließ sie ihn willfahren, wenngleich sie sich sehr wunderte.

Martina Berthold stand zufällig am Fenster, als sie die Freundin mit dem Kinde kommen sah. Sie eilte ihr entgegen; herzlich gratulierte Beate und nahm dann den kleinen Karl Friedrich aus dem Wagen. »Da, Tina, Bubi will dir auch Glück wünschen.«

»Du lieber, kleiner Kerl.« Frau Martina nahm ihn auf den Arm, und mit ihm tändelnd und scherzend schritt sie die Treppe hinauf nach dem Wohnzimmer. »Du kommst doch gleich mit hier in mein Reich, du mußt doch meinen Geburtstagstisch sehen; nun schnell deine Blumen ins Wasser tun, die köstlichen Rosen, und, was sehe ich? Bea, du mit dem Jungen? Das erste Bild von euch beiden! Du Böse, hast mir nichts gesagt, daß du beim Photographen warst.«

»Es sollte doch eine Überraschung sein.«

»Die dir glänzend gelungen ist! Und wie gut du getroffen bist! Vielen, vielen Dank! Eine größere Freude konntest du mir gar nicht machen! Denke, wenn mir auch solch Kleinod beschert wäre,« eine leise Wehmut klang aus ihrer Stimme, und verstohlen wischte sie sich eine Träne aus dem Auge.

Herzlich drückte ihr Beate die Hand; sie kannte den Schmerz der kinderlosen Frau; wie reich kam sie sich in diesem Augenblick vor gegen Martina, der sonst nichts zu wünschen übrig blieb vom Leben!

Fröhlich plauderten sie miteinander. Beate entschuldigte Rolf wegen seines Fernbleibens, da er im Kasino erwartet würde. Martina warf da einen eigentümlichen Blick auf die junge Frau; die sah ganz unbefangen aus, schien also nicht zu ahnen, in welcher Weise über Rolfs Verkehr bei Maltens gesprochen wurde. Es war jetzt hohe Zeit, daß Hauptmann Berthold einige ernste Worte als Kamerad zu dem jüngeren Kameraden sprechen und ihn auf das Unbedachte seiner Handlungsweise aufmerksam machen mußte, ehe Beate von anderer Seite erfuhr, daß er Viola Düsing in einer Weise huldigte, die für einen verheirateten Mann nicht passend war.

Mitten in ihr Plaudern hinein meldete das Mädchen: »Herr Professor Scharfenberg.«

»Bitten Sie Herrn Professor, sich sogleich nach oben zu bemühen.«

Martina ging dem Eintretenden entgegen, ihm beide Hände entgegenstreckend. »Herzlich willkommen, lieber Freund.« Nachdem er seine Glückwünsche dargebracht hatte, begrüßte er Beate, die er seit Monaten nicht gesehen. Sie hatte das Kind gerade auf dem Arm und drückte dessen Köpfchen süß beschwichtigend an ihre Brust; denn bei dem Eintritt der fremden Person wollte es anfangen zu weinen. Wehmütig ruhte sein Auge auf der heimlich geliebten Frau, die ihm so hold und weich in ihrer jungen Mutterwürde erschien.

»Nun, was sagen Sie, lieber Professor, zu dem kleinen Hagendorf? Habe ich Ihnen zu viel vorgeschwärmt? Sehen Sie sich ihn getrost in der Nähe an«, scherzte Martina arglos; denn sie ahnte ja nichts von dem, was diese beiden ihr so werten Menschen einst miteinander verbunden hatte. »Nehmen Sie ihn mal einen Moment, und Sie werden sehen, was für ein Prachtkerl er ist — da« — —

Ohne weiteres nahm sie ihn der hocherrötenden Beate vom Arm und gab ihn dem Professor. Der neigte sich tief über das Kinderköpfchen, damit man ihm das mächtige Gefühl nicht ansah, das ihn bewegte.

»Allerdings, Sie haben recht, liebe Freundin«, sagte er dann mit leicht bebender Stimme, und zu Beate: »Ich beglückwünsche Sie zu dem Kind, gnädige Frau.«

»Er hat mir bis jetzt auch — unberufen — noch keine Sorgen gemacht«, meinte sie, etwas befangen.

»Nun ja, wer eine wirkliche Doktorin als Mutter hat — Spaß! Die versteht doch alles aufs genaueste,« scherzte Martina.

Mittlerweile hatte er das Kind in den Wagen gelegt. Karl Friedrich war ganz zutraulich geworden. Mit den großen dunklen Augen — es waren die der Mutter — sah er zu dem fremden Mann auf und faßte nach dessen Uhrkette, die er nicht loslassen wollte.

Martina lachte. »Nein, liebster Professor, wenn Sie jemand so sähe!«

»Dann wäre es nicht das erstemal — die Kinder in meiner Klinik, und seien es die kleinsten, sie kennen mich alle.«

Beate wurde blaß. Sie vermied seinen Blick; denn sie wußte, sie fühlte es förmlich — er dachte jetzt dasselbe wie sie, daß sie ihm einst gesagt, wie es ihr Wunsch sei, ihm in seiner Klinik als getreue Helferin zur Seite zu stehen, und nun war doch alles anders gekommen! Sie war eine glänzende Offiziersdame geworden, die ihr Leben in geschäftigem Müßiggang verbrachte; daß aber ein solches Dasein der einst so tatenfrohen Beate zusagte, konnte er nicht recht begreifen.

Etwas hastig sagte sie da: »Es wird Zeit, daß ich gehe. Mein Mann ist sicher schon daheim und wartet auf seine unpünktliche Frau.«

Georgs Nähe brachte ihr Verwirrung; die alten Erinnerungen waren zu mächtig. Es dünkte sie Unrecht an dem Gatten, deshalb wollte sie fort.

»Bleibe doch noch einen Augenblick, Beate, du nimmst mir ja die Ruhe mit! Hagendorf wird noch nicht zu Hause sein.«

»Das glaube ich auch nicht, denn als ich auf dem Wege nach hier war, sah ich Herrn von Hagendorf mit den Maltenschen Damen gerade ins Promenadencafe gehen«, meinte Georg.

Die junge Frau verfärbte sich etwas. Also hatte Rolf sie belogen, und sie dadurch die Freundin; wie peinlich für sie, ein eisiges Gefühl durchrieselte ihre Adern. »Halte mich nicht mehr, Tina; ich komme heute abend dafür etwas früher. Karl Friedrich muß jetzt auch trinken; es ist seine Zeit.«

Sie reichte Scharfenberg zum Abschied die schlanke, kühle Hand, die leicht bebend in der seinen lag. »Auf Wiedersehen, Herr Professor, heute abend.«

»Sie hätten vielleicht lieber nicht sagen sollen, daß Sie Hagendorf mit den Maltenschen Damen gesehen haben —« bemerkte Martina nach Beates Weggang.

»Ja, mein Gott, warum nicht?« lautete seine erstaunte Frage.

»Wissen Sie nicht, ach nein, wir haben ja nie davon gesprochen, und der Klatsch ist Ihnen so fremd. Also — Hagendorf macht der Schwester Frau von Maltens in auffallender Weise den Hof und reitet täglich mit ihr aus. Frau Beate scheint davon nichts zu wissen, auch kein Wunder, denn sie geht kaum aus und lebt nur für ihr Kind. Kurz vorher, ehe Sie kamen, hatte sie den Gatten aus anderen Gründen entschuldigt.«

Er sprang auf. »Das ist mir aber peinlich, ganz außerordentlich peinlich,« rief er erregt aus.

»Nun, nun,« begütigte Martina, »so schlimm ist es ja nicht, was Sie verbrochen haben. Übrigens will mein Mann morgen oder übermorgen dem Hagendorf mal die Leviten lesen, daß er nicht zu sehr vergißt, was er seiner Frau schuldig ist. Ich möchte ihr jede Unannehmlichkeit ersparen; denn ich habe sie sehr lieb, sie ist eine prächtige Frau, diese Beate mit ihrem klugen, hochstrebenden, vornehmen Sinn. Doch zu wem sage ich das? Sie kennen sie ja von früher her, wissen das ebenso gut wie ich.«

Er bejahte durch ein Kopfnicken. Da sagte Martina Berthold in ihrer impulsiven Art: »Wissen Sie, lieber Freund, woran ich oftmals gedacht? Weshalb Sie und Frau Beate eigentlich kein Paar geworden sind!«

Er fuhr auf. Beschwichtigend legte sie ihre Hand auf seinen Arm. »Aber, lieber Professor, ist einem Freunde nicht ein offenes Wort gestattet? Wäre das denn so unnatürlich gewesen? Nachbarskinder, täglich beisammen, da kommt so etwas von selbst, und, offen gestanden, Sie hätten doch viel besser zu der geistvollen Frau gepaßt, als der im Grunde herzlich unbedeutende Hagendorf, der wohl ein schöner Mann ist, aber auch nichts weiter als das! Ich glaube, lieber Professor, da haben Sie über Ihren Büchern und Ihrem Wissensdrange ganz übersehen, daß aus dem Kinde, das Sie unterrichtet und belehrt haben, ein liebenswürdiges Weib geworden war. Vielleicht hätten Sie jetzt das trauliche Heim, das Ihr Wunsch ist, wie Sie immer sagen, wenn Sie sich eher dazugehalten hätten!«

Während ihrer halb neckenden, halb vorwurfsvollen Rede hatte er am Geburtstagstisch gestanden, die Photographie Beates mit ihrem Kinde in die Hand genommen und sie sinnend betrachtet. Bei Martinas letzten Worten wandte er sich hastig um. »Wissen Sie denn so genau, daß ich das nicht getan habe? Daß ich wirklich so blind war?« kam es halb erstickt aus seinem Munde, und er strich mit der Hand über die Stirn, wie um eine schmerzliche Erinnerung hinwegzuscheuchen.

»Um Gottes willen,« erschreckt heftete die Frau ihre klugen Augen auf sein tief erregtes Gesicht, »um Gott, verzeihen Sie, liebster Professor, wenn ich da in so wenig zarter, allein mir selbst unbewußter Weise an eine wunde Stelle in Ihrem Inneren gerührt habe.«

Er schüttelte trübe den Kopf. »Ich werde Ihnen ein andermal erzählen, Frau Martina, warum Ihr Freund ein einsamer Mann geblieben ist. Jetzt lassen Sie mich gehen!«

Die schlanke Frau legte ihre blassen, durchsichtigen Hände auf seine Schultern und sagte leise: »Jetzt begreife ich alles. Wer eine Beate geliebt hat, kann nach ihr so leicht keine andere finden.«

Er nickte; dann drückte er einen Kuß auf Martinas Hand und ging.

Teilnahmsvoll sah sie ihm nach. Jetzt war ihr so vieles klar, daß er keinen Besuch in Villa Hagendorf gemacht, sein sichtliches Fernhalten von der Familie mit der Begründung, daß ihm der junge Offizier nicht so viel Sympathie einflöße, um in ihm den Wunsch zu erwecken, mit ihm zu verkehren. Armer Mann! Er wollte sich nur nicht die unnütze Qual auferlegen, die Geliebte als die Frau des anderen zu sehen.

Aber daß Beate — sie schüttelte verwundert den Kopf. Welch seltsam Ding ist doch das Frauenherz!

Kurze Zeit danach kam Hauptmann Berthold nach Hause. Zärtlich umfing er seine Gattin. »Nun, mein liebes Geburtstagskind, du siehst so erregt aus, hast doch wohl Besuch gehabt?«

»O, nur Beate. Und dann kam auch noch Scharfenberg.«

»Das sind dir ja liebe Leute! Doch jetzt schnell mit meiner Neuigkeit vom Herzen, die dich sehr verwundern wird. Du mußt die Tischordnung umstoßen. Plessow hat mich soeben gebeten, ihm auf jeden Fall Fräulein Düsing als Tischdame zu geben. Er hat sich gestern mit ihr verlobt.«

»Gottlob, nun wird doch Hagendorf endlich zur Besinnung kommen,« sagte Martina mit wahrhaft erleichtertem Aufatmen, »ob er es schon weiß? Scharfenberg hat ihn vorhin erst mit ihr und der Malten im Promenadencafe gesehen.«

»Auf keinen Fall werden sie schon davon gesprochen haben, denn es soll eine große Überraschung für die Gesellschaft sein. Man hat geplant, daß bei uns die Verlobung bekannt gegeben werden soll, und zwar erst nach zwölf, also morgen; denn da feiern Maltens ihren siebenjährigen Hochzeitstag — aus diesem Grunde wollten sie warten, wie Plessow sagte.«

»Und auch besonders darum, weil Viola Düsing die Sensation liebt. Sie will selbst Zeuge von der Überraschung sein, die ihre Verlobung hervorrufen wird; sie will die erstaunten Gesichter aller sehen, besonders Hagendorfs, mit dem sie in unverantwortlicher, wirklich frivoler Weise kokettiert hat. Ich bewundere nur Plessow, wie er das so ruhig mit hat ansehen können.«

»Der gute Philipp! Übrigens ist er ganz unheimlich glücklich; er kann die Zeit kaum erwarten, bis die Düsing vor aller Welt seine Braut wird; er strahlte förmlich vor Seligkeit, als er mir die Mitteilung machte.«

»Möge es ihm nur gut bekommen! Von Herzen wünsche ich es ihm. Ich allerdings bin von diesem Zuwachs des Regiments nicht sonderlich erbaut. An einer Düsing haben wir gerade genug! Doch wollen wir nun sehen, wie wir die Plätze verteilen. Haffner sollte ursprünglich die Düsing führen. Er wird sehr enttäuscht sein! Und dann möchte ich dir auch etwas von unserem Professor sagen — nein, jetzt nicht, nach Tische — komm, Schatz.«

Sie nahm seinen Arm, und beide schritten nach dem schon festlich hergerichteten Speisesaal, um dort die gewünschte Änderung vorzunehmen.