WeRead Powered by ReaderPub
Freiland: Ein sociales Zukunftsbild cover

Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Chapter 7: 3. Kapitel.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

A speculative account depicts an international initiative to establish a community on previously unclaimed fertile territory, organized to preserve absolute individual self-determination while ensuring economic justice. It sets out institutional rules: land held in common, production managed by voluntary associations that allocate output among members according to contribution, interest-free working capital provided by the society, and provisions for those unable to work. Funding is obtained via a levy on net production. The narrative follows public reception, the practical steps of founding and settling the colony, and the social, economic, and moral consequences of attempting to realize a cooperative, freedom-centered alternative to existing social arrangements.

The Project Gutenberg eBook of Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.

Title: Freiland: Ein sociales Zukunftsbild

Author: Theodor Hertzka

Release date: August 8, 2017 [eBook #55301]
Most recently updated: October 23, 2024

Language: German

Credits: Produced by Jens Sadowski and the Online Distributed
Proofreading Team at http://www.pgdp.net. This file was
produced from images generously made available by The
Internet Archive.

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK FREILAND: EIN SOCIALES ZUKUNFTSBILD ***

Freiland.

Freiland.

Ein sociales Zukunftsbild
von
Theodor Hertzka.

Vierte durchgesehene Auflage.

Dresden und Leipzig.
E. Pierson’s Verlag.

Alle Rechte vorbehalten.

Vorrede zur vierten Auflage.

Auch die dritte Auflage ist vergriffen, kaum daß sie die Presse zu verlassen vermochte, und so übergebe ich denn meinen Lesern diese vierte. Möge sie vereint mit ihren Vorgängerinnen dahin wirken, daß der Gedanke, dem ich in den nachfolgenden Blättern Worte leihe, möglichst rasch zur That werde.

Wien im August 1890.

Theodor Hertzka.

Inhalt.

  Erstes Buch.  
1. Kapitel 3
2. Kapitel 9
3. Kapitel 21
4. Kapitel 34
5. Kapitel 47
6. Kapitel 58
7. Kapitel 69
  Zweites Buch.  
8. Kapitel 79
9. Kapitel 94
10. Kapitel 105
11. Kapitel 110
12. Kapitel 127
  Drittes Buch.  
13. Kapitel 143
14. Kapitel 155
15. Kapitel 169
16. Kapitel 181
17. Kapitel 192
18. Kapitel 200
19. Kapitel 209
20. Kapitel 222
21. Kapitel 240
22. Kapitel 251
  Viertes Buch.  
23. Kapitel 267
24. Kapitel 283
25. Kapitel 295
26. Kapitel 307
27. Kapitel 321
  Schlußwort 334

Erstes Buch.

1. Kapitel.

Um die Mitte des Monats Juli des Jahres 18.. war in den angesehensten Zeitungen Europas und Amerikas folgende Ankündigung zu lesen:

„Internationale freie Gesellschaft.

Eine Anzahl von Männern aus allen Teilen der civilisierten Welt hat sich zu dem Zwecke vereinigt, einen praktischen Versuch zur Lösung des socialen Problems ins Werk zu setzen.

Diese Lösung suchen und finden dieselben in der Schaffung eines Gemeinwesens auf Grundlage vollkommenster Freiheit und wirtschaftlicher Gerechtigkeit zugleich, d. i. eines solchen, welches, bei unbedingter Wahrung des individuellen Selbstbestimmungsrechtes, jedem Arbeitenden den ganzen und ungeschmälerten Genuß der Früchte seiner eigenen Arbeit gewährleistet.

Zum Zwecke der Gründung eines solchen Gemeinwesens soll auf bisher herrenlosem aber fruchtbarem und zur Besiedelung wohlgeeignetem Gebiete ein größerer Landstrich besetzt werden.

Auf diesem ihrem Gebiete wird die freie Gesellschaft keinerlei Eigentum an Grund und Boden anerkennen, ebensowenig dasjenige eines Einzelnen, als ein solches der Gesamtheit.

Behufs Bearbeitung des Bodens, wie überhaupt zum Zwecke jeglicher Produktion, werden sich Associationen bilden, deren jede sich nach eigenem Gutdünken selber verwalten und den Ertrag ihrer Produktion unter ihre eigenen Mitglieder je nach deren Leistung verteilen wird. Jedermann hat das Recht, sich einer beliebigen Association anzuschließen und dieselbe nach freier Willkür zu verlassen.

Die Arbeitskapitalien werden den Produzenten zinslos von Gesellschaftswegen zur Verfügung gestellt, müssen jedoch von denselben zurückerstattet werden.

Arbeitsunfähige und Frauen haben das Recht auf auskömmlichen Unterhalt von Gesellschaftswegen.

Die zu obigen Zwecken, sowie zu sonstigen gemeinnützigen Ausgaben erforderlichen Geldmittel werden durch eine auf das Reineinkommen jeglicher Produktion gelegte Abgabe beschafft.

Die Internationale freie Gesellschaft verfügt derzeit schon über eine Mitgliederzahl und über Kapitalien, die zur Durchführung ihres Planes — wenn auch nur in bescheidenem Maßstabe — ausreichen. Da sie jedoch einerseits der Ansicht ist, daß der Erfolg ihres Versuches desto sicherer und durchgreifender ausfallen muß, mit je größeren Mitteln derselbe ins Werk gesetzt wird, andererseits etwaigen Gesinnungsgenossen Gelegenheit geboten werden soll, sich an dem Unternehmen zu beteiligen, so tritt sie hiermit vor die Öffentlichkeit und giebt bekannt, daß Anfragen oder Mitteilungen, welcher Art immer, an das Bureau der Gesellschaft: Haag, Boschstraße 57 zu richten sind. Auch wird die Internationale freie Gesellschaft am 20. Oktober l. J. im Haag eine öffentliche Versammlung abhalten, in welcher die letzten Beschlüsse vor praktischer Inangriffnahme des Werkes gefaßt werden sollen.

Für den geschäftsführenden Ausschuß der
Internationalen freien Gesellschaft.
Karl Strahl.

Haag, im Juli 18..“


Diese Ankündigung rief in der gesamten Presse eine nicht geringe Aufregung hervor. Der Name des für den geschäftsführenden Ausschuß Unterschriebenen beseitigte von vornherein den sonst so naheliegenden Gedanken an irgend eine Mystifikation oder Unlauterkeit, denn Dr. Karl Strahl war nicht bloß als Mann von geachteter socialer Stellung, sondern auch als einer der ersten volkswirtschaftlichen Schriftsteller Deutschlands rühmlichst bekannt. Man mußte also das seltsame Projekt ernst nehmen und die Zeitungen verschiedenster Parteirichtung bemächtigten sich alsbald desselben mit größtem Eifer. Lange vor dem 20. Oktober gab es diesseits wie jenseits des atlantischen Ozeans kein Journal, das nicht zu der Frage Stellung genommen hätte, ob die Verwirklichung der von der Freien Gesellschaft angekündigten Pläne in den Bereich des Möglichen oder des Utopischen gehöre; diese Gesellschaft selbst aber mengte sich nicht in den Kampf der Zeitungen. Es war offenbar zunächst nicht ihre Absicht, die Gegner durch theoretische Beweise zu gewinnen; sie wollte allfällige Gesinnungsgenossen an sich ziehen und dann handeln.

Als der 20. Oktober herannahte, zeigte es sich, daß selbst der größte im Haag vorhandene öffentliche Saal nicht genügen würde, die Menge der erschienenen Mitglieder, Gäste und Neugierigen zu fassen; es erwies sich daher als notwendig, zum mindesten die letztere Kategorie des Auditoriums durch irgend ein Mittel einzuschränken, welches Mittel denn auch darin gefunden wurde, daß die von fernher zugereisten Gäste zwar unentgeltlich, die Ortsansässigen dagegen bloß gegen Erlegung von 20 holländischen Gulden Eintrittskarten erhielten. (Der Erlös dieser Karten wurde dem Haager Krankenhause zugewiesen.) Nichtsdestoweniger war der 2000 Personen fassende Versammlungssaal am Morgen des 20. Oktober bis in den letzten Winkel gefüllt.

Unter atemloser Spannung aller Anwesenden nahm der Vorsitzende — Dr. Strahl — das Wort, um die Versammlung zu eröffnen und zu begrüßen. Die alle Erwartungen der Einberufer überflügelnde Zahl der neuen Mitglieder und die Höhe der gezeichneten Beiträge zeuge dafür, daß die Bedeutung des von der Internationalen freien Gesellschaft beabsichtigten Unternehmens heute schon, noch bevor die Thatsachen gesprochen, vollauf erkannt worden sei von Tausenden aus allen Teilen der bewohnten Erde ohne Unterschied des Geschlechtes und der Lebensstellung. „Die Überzeugung, daß das Gemeinwesen, an dessen Gründung wir nunmehr schreiten,“ so fuhr Redner fort — „bestimmt ist, Armut und Elend an der Wurzel zu fassen und mit diesen zugleich auch all jenen Jammer und die Reihe von Lastern zu vernichten, die als Folgeübel des Elends anzusehen sind, sie drückt sich nicht bloß in den Worten, sondern auch in der Handlungsweise des größten Teiles unserer Mitglieder aus, in der hohen, opferfrohen Begeisterung, mit der sie — ein Jedes nach seinen Kräften — zur Verwirklichung des gemeinsamen Zieles beigesteuert haben. Als wir unseren Aufruf erließen, waren wir unser 84, das Vermögen, über welches wir verfügten, betrug 11400 Pfund Sterling; heute besteht die Gesellschaft aus 5650 Mitgliedern, ihr Vermögen beträgt 205620 Pfd. Sterling.“ (Hier wurde der Vorsitzende von minutenlangem Applaus unterbrochen.) „Es ist selbstverständlich, daß eine solche Summe nicht von jenen Elendesten der Elenden allein aufgebracht werden konnte, die man gemeinhin als bei der Lösung des socialen Problems ausschließlich interessiert anzusehen gewohnt ist. Noch deutlicher wird das, wenn man die Liste unserer Mitglieder im Einzelnen durchmustert. Unwiderstehlich drängt sich dabei die Erkenntnis auf, daß Ekel und Grauen vor den socialen Zuständen der Gesellschaft allgemach auch jene Kreise ergriffen hat, die scheinbar Vorteil ziehen aus den Entbehrungen ihrer enterbten Mitmenschen. Denn — und darauf möchte ich besonderen Nachdruck legen — diese Wohlhabenden und Reichen, die zum Teil mit vielen Tausenden von Pfunden an unserer Kasse erscheinen, sie sind bis auf geringe Ausnahmen nicht bloß als Helfer, sondern zugleich als Hilfesuchende beigetreten, sie wollen das neue Gemeinwesen nicht bloß für ihre darbenden Mitbrüder, sondern zugleich für sich selber gründen. Und daraus mehr als aus allem Anderen schöpfen wir die felsenfeste Überzeugung vom Gelingen unseres Werkes.“

Neuerdings unterbrach langandauernder, jubelnder Applaus den Vorsitzenden; als die Ruhe wieder hergestellt war, schloß dieser folgendermaßen seinen kurzen Vortrag:

„In Ausführung unseres Programms soll ein annoch herrenloser größerer Landstrich zum Zwecke der Gründung eines unabhängigen Gemeinwesens erworben werden. Es fragt sich nunmehr, welchen Teil der Erde wir zu solchem Vorhaben wählen wollen. Europäisches Gebiet kann aus naheliegenden Gründen nicht in Frage kommen; auch in Asien würden wir überall, zum mindesten dort, wo Ansiedler kaukasischer Rasse gedeihen könnten, leicht in Kollision mit alten Rechts- und Gesellschaftsformen geraten. In Amerika und Australien ist zwar zu erwarten, daß die dortigen Staaten uns bereitwillig Raum und Freiheit der Bewegung einräumen würden, aber auch dort könnte unser junges Gemeinwesen nur schwer jene ungestörte Ruhe und Sicherheit vor feindlichen Angriffen gewährleistet erhalten, die insbesondere für den Anfang eine der Voraussetzungen raschen und ungetrübten Erfolges ist. Bleibt also nur Afrika, der älteste und doch der jüngstentdeckte Weltteil. Dessen centrales Innere ist der Hauptsache nach herrenlos, dort finden wir nicht bloß schrankenlosen Raum und ungestörte Ruhe zur Entfaltung, sondern bei richtiger Wahl auch die denkbar günstigsten Verhältnisse des Klimas und der Bodenbeschaffenheit. Gewaltige Hochländer, welche die Vorzüge der Tropen und unserer Alpenwelt in sich vereinigen, harren dort noch der Besiedelung. Die Verbindung mit diesen, tief im Inneren des dunklen Weltteiles gelegenen Bergländern ist allerdings schwierig, aber gerade das ist’s, was uns für den Anfang notthut. Wir schlagen Ihnen daher vor, die neue Heimat im äquatorialen Innerafrika zu suchen. Und zwar denken wir zunächst an das Hochgebirge des Kenia, das ist an das Land östlich vom Ukerewesee, zwischen dem 1. Grade südlicher bis zum 1. Grade nördlicher Breite und zwischen dem 34. bis 38. Grade östlicher Länge. Dort glauben wir die geeignetsten Gebiete für unsere Zwecke finden zu können. Ist die Versammlung mit dieser Wahl einverstanden?“

Allgemeine Zustimmung folgte und stürmische Rufe: „Vorwärts, lieber heute als morgen!“ wurden laut. Unverkennbar zeigte sich, daß die Mehrzahl gewillt war, sofort aufzubrechen. Neuerdings nahm jetzt der Vorsitzende das Wort:

„So rasch geht dies denn doch nicht, meine Freunde. Die neue Heimat muß erst gesucht und erworben werden; das aber ist ein schwieriges und gefahrvolles Unternehmen. Durch Wüsteneien und unwirtliche Wälder führt der Weg, Kämpfe mit feindseligen wilden Stämmen werden vielleicht nicht zu vermeiden sein, und zu all dem taugen nur kräftige Männer, nicht Frauen, Kinder und Greise. Auch die Verpflegung eines viele Tausende umfassenden Auswandererzuges durch jene Gebiete muß erst noch organisirt werden, kurzum: es ist durchaus notwendig, daß der Masse der Unseren eine Schar erlesener Pfadfinder vorausgehe. Erst wenn diese ihre Aufgabe gelöst haben, können die Anderen nachfolgen.

„Damit nun alles Erforderliche mit möglichster Kraft, Umsicht und Raschheit ins Werk gesetzt werde, ist einheitliche, zielbewußte Leitung vonnöten. Bisher lagen die Geschäfte der Gesellschaft in den Händen eines Zehnerausschusses; da die Mitgliederzahl inzwischen so stark gestiegen ist und noch fernerhin steigen wird, so wäre eine Erneuerung oder zum Mindesten eine Ergänzung der Geschäftsleitung durch die neuhinzugetretenen Elemente im Wege freier Wahl höchst wünschenswert; trotzdem können wir Ihnen eine solche jetzt nicht empfehlen, und zwar aus dem Grunde, weil die neuen Mitglieder einander nicht kennen, und so rasch auch nicht genügend kennen lernen werden, um Wahlen vorderhand als etwas anders, denn als ein bloßes Spiel des Zufalls erscheinen zu lassen. Wir verlangen vielmehr von Ihnen eine Bestätigung unserer Vollmacht, verbunden mit der Befugnis, uns durch Cooptirungen aus Ihrer Mitte nach unserem Ermessen verstärken zu dürfen. Und zwar bitten wir um diese Vollmachten, die übrigens durch Beschluß Ihrer Vollversammlung jederzeit widerrufbar sein sollen, für die Dauer von zwei Jahren. Nach Ablauf dieser Frist werden wir, das ist unsere feste Zuversicht, die neue Heimat nicht blos gefunden, sondern in ihr auch genügend lange miteinander gelebt haben, um uns einigermaßen kennen zu lernen.“

Dieser Antrag wurde einstimmig angenommen.

Der Vorsitzende teilte hierauf noch mit, daß alle Kundmachungen des geschäftsführenden Ausschusses den Mitgliedern sowohl in den Zeitungen als durch besondere Zirkulare bekannt gegeben würden und schloß die Versammlung, welche in gehobenster Stimmung auseinanderging.

Die erste That des von der Generalversammlung bestätigten Ausschusses der Internationalen freien Gesellschaft war, daß er für die Leitung des nach Centralafrika zu entsendenden Zuges der Pfadfinder zwei Persönlichkeiten ernannte und mit umfassenden Vollmachten ausstattete. Diese zwei Führer der Expedition sollten sich in ihre Aufgabe derart teilen, daß der eine die Expedition bis in das zur ersten Ansiedelung zu erwählende Gebiet leiten, der andere die Organisation der eigentlichen Ansiedelungsarbeiten zu unternehmen habe. Der eine sollte gleichsam der Heerführer, der andere der Staatsmann des Expeditionskorps sein. Zu ersterem Amte wählte der Ausschuß den bekannten Afrikareisenden Thomas Johnston, der insbesondere das Gebiet zwischen dem Kilima Ndscharo und Kenia, das sogenannte Massaï-Land wiederholt durchquert hatte. Johnston war ein jüngeres Mitglied der Gesellschaft und wurde vom Ausschusse erst aus Anlaß seiner Ernennung zum Führer des Pfadfinderzuges kooptirt. Zur Leitung der Expedition nach deren Ankunft an ihrem Ziele designirte der Ausschuß einen jungen Ingenieur, Namens Henri Ney, der als innigster Freund des Gründers und geistigen Führers der Gesellschaft — Dr. Strahl — der Geeignetste war, diesen während der ersten Epoche der Gründung zu vertreten.

Dr. Strahl hatte allerdings ursprünglich die Absicht, sich den Pfadfindern selber anzuschließen und gleich die ersten Organisationsarbeiten in der neuen Heimat persönlich zu leiten; die anderen Mitglieder des Ausschusses erhoben jedoch dagegen Einsprache. Sie konnten nicht zugeben, daß der Mann, von dessen fernerem Wirken das Gedeihen der Gesellschaft in so hohem Maße abhing, sich Gefahren aussetze, die für ihn um so bedrohlicher waren, als seine Gesundheit nicht eben die festeste schien. Auch mußte er bei reiflichem Erwägen selber zugeben, daß für die nächsten Monate seine Anwesenheit in Europa weit nützlicher und notwendiger sei, als in Centralafrika. Kurzum: Dr. Strahl willigte ein, zu bleiben, den Pfadfindern erst mit dem großen Auswandererzuge nachzufolgen und Henri Ney trat an seine Stelle.

2. Kapitel.

Wir überlassen nunmehr dem vom Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft zum eigentlichen Leiter der afrikanischen Expedition erwählten Freunde des Dr. Strahl das Wort, indem wir sowohl die Vorbereitungen des Zuges, als auch dessen glückliche Durchführung und die ersten Kulturarbeiten in den Hochländern des Kenia nach Auszügen aus dessen Tagebuch mitteilen.


Meine Ernennung zum provisorischen Stellvertreter unseres verehrten Führers hatte mich anfangs mit Schrecken erfüllt. Der Gedanke, daß von meinen Fähigkeiten zu nicht geringem Teile die glückliche Einleitung eines Werkes abhängen solle, welches wir alle als das bedeutsamste und folgenreichste im bisherigen Verlaufe der menschlichen Entwickelungsgeschichte zu betrachten uns gewöhnt hatten, erfüllte mich mit einer Art Schwindel. Doch dieser Zustand der Mutlosigkeit währte nicht lange; ich hatte kein Recht, mich einer Verantwortlichkeit zu entziehen, zu deren Übernahme die Genossen mich als den Passendsten erachteten, und als vollends mein väterlicher Freund Strahl mich fragte, ob ich ein Mißlingen für möglich hielte, wenn die meiner Leitung Unterstellten von gleicher Begeisterung erfüllt wären wie ich, und ob ich mich berechtigt glaube, daran zu zweifeln, daß diese Voraussetzung zutreffen würde, da trat hoher Mut und felsenfestes Vertrauen auf das Gelingen des Werkes an die Stelle der anfänglichen Verzagtheit, eine Stimmung, die mich fürderhin keinen Augenblick verlassen hat.

Die ersten Vorbereitungen zur Organisierung des Zuges der Pfadfinder wurden übrigens gemeinschaftlich vom gesamten Ausschusse der Internationalen freien Gesellschaft beraten und beschlossen. Zunächst galt es festzustellen, aus wieviel Mitgliedern die Expedition bestehen solle. Dieselbe durfte nicht zu schwach sein, da gerade jener Volksstamm, inmitten dessen wir uns niederzulassen beabsichtigten — die zwischen dem Kilima und Kenia nomadisierenden Massai —, der kriegerischeste von allen des äquatorialen Afrika ist und ihm nur durch kräftiges, machtvolles Auftreten imponiert werden kann. Aber auch allzu zahlreich durfte die Expedition nicht sein, wollte sie sich nicht der Gefahr aussetzen, durch Schwierigkeiten der Verproviantierung aufgehalten zu werden. Schließlich einigte man sich darüber, daß zweihundert „Pfadfinder“ mitgenommen werden sollten. Natürlich mußten diese aus den kräftigsten, zur Überwindung von Anstrengungen, Entbehrungen und Gefahren am besten geeigneten Mitgliedern der Gesellschaft erwählt werden. Auch jenes Ausmaß von Intelligenz wurde bei jedem Teilnehmer der Expedition für notwendig erachtet, welches dazu gehört, um den vollen Umfang der Verantwortlichkeit und Bedeutung der übernommenen Mission zu erfassen.

In Verfolgung dieses Zweckes wendete sich der Ausschuß an die Zweigvereine, die er inzwischen allerorten gebildet hatte, wo Mitglieder der Gesellschaft wohnten, mit der Bitte, ihm eine Liste jener sich zur Expedition Meldenden einzusenden, für deren Gesundheit, kräftige Konstitution und Intelligenz der betreffende Zweigverein glaube einstehen zu können. Zugleich sollte angegeben werden, welche Kenntnisse, Erfahrungen und Fertigkeiten die Vorgeschlagenen besäßen. Daraufhin liefen binnen wenigen Wochen die Anerbietungen von 870 wärmstens empfohlenen Mitgliedern ein. Von diesen wurden zunächst hundert ausgewählt, deren Qualifikation dem Ausschusse unter allen Umständen in erster Linie berücksichtigenswert erschien. Dieses erlesene Hundert enthielt 4 Naturforscher (darunter 2 Geologen), 3 Ärzte, 8 Ingenieure, 4 Vertreter anderer technischer Wissenszweige und 6 theoretisch geschulte Land- und Forstwirte; ferner 30 solche Gewerbsleute, die man der Expedition für alle Fälle sichern wollte und schließlich 45 als besonders treffliche Schützen oder als ausnehmend kräftig gerühmte Männer. Sonach blieben noch 100 Mitglieder, deren Auslese den Zweigvereinen in der Weise überlassen wurde, daß jedem derselben für angemeldete 7 bis 8 Pfadfinder die Wahl je eines solchen zufiel. Die solcherart Auserlesenen wurden aufgefordert, thunlichst rasch in Alexandrien, dem vorläufigen Versammlungsorte der Expedition, einzutreffen; das erforderliche Reisegeld wurde ihnen sofort angewiesen (im übrigen, wie nebenbei bemerkt werden mag, von ungefähr der Hälfte, welche die Reisekosten aus Eigenem bestritt, dankend abgelehnt).

Darüber verging der Monat November. Der Ausschuß aber hatte inzwischen nicht gefeiert. Die Ausrüstung der Expedition wurde nach allen Seiten gründlich erörtert, festgestellt und für die Beschaffung aller Erfordernisse vorgesorgt. Für jedes der 200 Mitglieder wurden sechs komplete Unterkleider aus leichtem elastischem Wollenstoff, sogenannte Jägerwäsche, ein leichter und ein schwerer Wollenanzug, ferner zwei Paar wasserdichte und zwei Paar leichtere Stiefel, je zwei Korkhelme und je ein wasserdichter Regenanzug bestellt. An Waffen erhielt jedes Mitglied ein Repetiergewehr bester Konstruktion für zwölf Schüsse, einen Taschenrevolver und ein amerikanisches Bowiemesser. Außerdem wurden 100 Jagdgewehre verschiedensten Kalibers, von den vierlötige Sprengkugeln schießenden Elefantenflinten bis zur leichtesten Schrotbüchse angeschafft, selbstverständlich ausreichende Munition nicht vergessen.

Die hierauf zu erörternde wichtigste Frage war, ob die Expedition beritten gemacht werden solle oder nicht, und ob die Beförderung der mitzunehmenden Lasten von der Zanzibarküste ab durch Träger, sogenannte Pagazis, oder durch Lasttiere zu erfolgen habe. Johnston hatte anfangs die Absicht gehabt, bloß 80 Pferde und Esel, teils zum Tragen der schwereren Laststücke, teils zur Beförderung etwaiger Kranker oder Maroder anzukaufen und als Träger des von ihm auf 400 Zentner veranschlagten Gesamtgepäcks 800 Pagazis in Zanzibar und Mombas anzuwerben. Diesen Plan ließ er jedoch sofort fallen, als ich seiner Gepäckliste, die der Hauptsache nach bloß die zum Unterhalte der Expedition für sechs Monate berechnenden Bedarfs- und Tauschartikel umfaßte, meine Anforderungen hinzufügte. Ich verlangte vor allem die Mitnahme von Werkzeugen, Maschinenbestandteilen und sonstigen Gegenständen, die uns — am Ziele angelangt — in den Stand setzen sollten, möglichst rasch rationellen Feldbau und die Selbsterzeugung der notwendigsten Bedarfsartikel für viele Tausend uns nachfolgender Ansiedler in Angriff zu nehmen. Zu diesem Behufe brauchten wir eine Reihe landwirtschaftlicher Geräte oder doch jene Bestandteile derselben, die sich ohne komplizierte, zeitraubende Vorrichtungen nicht herstellen lassen, ähnliche Bestandteile für eine Feldschmiede und Schlosserei, sowie für eine Mahl- und Sägemühle; ferner Sämereien und Setzlinge in nicht geringer Menge, desgleichen einige Materialien, auf deren rasche Beschaffung im inneren Afrika nicht zu rechnen wäre. Schließlich machte ich darauf aufmerksam, daß zum Zwecke der vollkommenen Sicherung des Weges für die uns nachfolgenden Karawanen die Abschließung fester Freundschaftsbündnisse, insbesondere mit den kriegerischen Massai sich empfehlen würde, wozu wieder weit zahlreichere und wertvollere Geschenke erforderlich seien, als er sie präliminiert habe.

Johnston hatte gegen all dies nichts einzuwenden, meinte aber, daß damit die zu befördernde Last sich mindestens verdoppeln, wahrscheinlich verdreifachen würde und daß die sohin erforderlichen 1600 bis 2400 Pagazis den Zug allzu schwerfällig gestalten würden. Da schlug Dr. Strahl vor, von der Beförderung durch Pagazis gänzlich abzugehen und ausschließlich Lasttiere zu verwenden. Er wisse wohl, daß in den Niederungen des äquatorialen Afrika die Tsetsefliege und das schlechte Wasser insbesondere den Pferden tötlich werde; auf unserer Route sei aber solches nicht zu befürchten, da dieselbe sehr bald das den Tieren ganz zuträgliche Hochland erreiche. Ebenso lasse sich die in der Beschaffenheit der innerafrikanischen Wege gelegene Schwierigkeit wohl überwinden. Dieselben besitzen — wie er unter anderem auch aus Johnstons Reiseberichten wisse — überall, wo sie Dickicht oder Gestrüpp durchziehen, eine Breite von knapp zwei Fuß, zu wenig für Packtiere, die deshalb an solchen Stellen oft abgeladen werden müßten, wobei menschliche Träger zeitweilig die Lastenbeförderung zu übernehmen haben. Letzteres wäre nun allerdings bei einer ausschließlich aus Tragtieren bestehenden Karawane mit verhältnismäßig nur wenigen Treibern und Begleitern entweder ganz unmöglich oder doch mit unberechenbarem Zeitverluste verbunden. Er glaube aber, daß es gelingen müsse, mittels einer entsprechenden Anzahl gut ausgerüsteter Eclaireure den Weg überall auch für Tragtiere frei zu machen. Johnston stimmte dem zu; wenn man ihm etwa 100 mit Äxten und Faschinenmessern versehene Eingeborene, die er sich unter der Küstenbevölkerung aussuchen würde, zur Disposition stelle, so mache er sich anheischig, auch eine Karawane von Tragtieren ohne nennenswerten Aufenthalt bis an den Kenia zu führen.

Nachdem diese Frage erledigt war, regte Dr. Strahl des ferneren die Idee an, auch die sämtlichen 200 Mitglieder der Expedition beritten zu machen. Er habe dabei einen doppelten Zweck im Auge. Erstlich — und das habe teilweise auch zu seinem obigen Vorschlage den Anstoß gegeben, müsse für die Einführung und dauernde Akklimatisierung von Trag- und Zugtieren in der künftigen Heimat gesorgt werden, wo es zwar derzeit Rinder, Schafe und Ziegen, nicht aber Pferde, Esel oder Kamele gebe, und zwar sei es am besten, diese nützlichen Tiere in thunlichst großer Zahl schon von Anbeginn mitzunehmen; sodann glaube er, daß wir beritten uns viel rascher bewegen könnten. Er fügte hinzu, daß er sowohl bei den Last- als bei den Reittieren auf die Anschaffung erlesener, zur Fortzucht geeigneter Exemplare Gewicht legen würde, insbesondere bei den Pferden, da doch von der Beschaffenheit dieses ersten Materials auch die der späterhin zu erzielenden Nachzucht abhänge. Auch dem wurde zugestimmt; nur gab Johnston zu bedenken, daß sich durch all dies die Kosten der Expedition ganz außerordentlich verteuern würden. So wie er sie ursprünglich geplant habe, wären mit höchstens 12000 Pfd. Sterl. die Kosten zu decken gewesen, jetzt müsse mit ungefähr der vierfachen Summe gerechnet werden. Letzterer Umstand wurde nicht bestritten und die Rechnung erwies sich auch nachträglich insofern richtig, als die Expedition in Wahrheit 52500 £ verschlang; aber übereinstimmend wurde hervorgehoben, daß es eine nützlichere Verwendung der doch so reichlich zu Gebote stehenden und fortwährend in raschem Wachsen begriffenen Geldmittel gar nicht geben könne, als den Aufwand für alles, was geeignet sei, den Erfolg der Expedition zu beschleunigen und das neu zu gründende Gemeinwesen auf möglichst gedeihlicher Grundlage einzurichten.

Hierauf wurde zu einer detaillierten Beratung und Feststellung des gesamten anzuschaffenden Materials geschritten. Als alles verzeichnet und seinem Gewichte nach abgeschätzt war, zeigte sich, daß wir ungefähr 1200 Zentner würden zu befördern haben und zwar:

150 Ztr. verschiedene Lebensmittel und Getränke;
120 " Reisegeräte (darunter 50 wasserdichte Zelte für je 4 Mann);
160 " verschiedene Sämereien und Materialien;
220 " Werkzeuge, Maschinenbestandteile und Instrumente;
400 " Tauschwaren und Geschenke;
120 " Munition und Sprengstoffe.

Außerdem wurden auf Johnstons besonderen Wunsch bei Krupp in Essen 4 leichte stählerne Gebirgskanonen für Sprenggeschosse bestellt. Seine Absicht bei dieser Anschaffung war keineswegs, diese Mordwaffen ernstlich gegen etwaige Feinde zu gebrauchen; aber er rechnete darauf, durch den Schrecken, den dieselben erforderlichenfalls erregen mußten, den Frieden desto sicherer erhalten zu können. Dazu kamen im letzten Momente 300 Werndlgewehre samt entsprechenden Patronen, sehr gute Hinterlader, die wir billig von der österreichischen Regierung erstanden und teils als Reserve, teils zur Ausrüstung eines Teiles der in Zanzibar anzuwerbenden Neger gebrauchen konnten.

Diese ansehnliche Last sollte auf 100 Saumpferde, 200 Esel und Maultiere und 80 Kamele verladen werden. Da wir außerdem 200 Pferde brauchten, um uns beritten zu machen und auch eine kleine Reserve zum Ersatze unterwegs eingehender Tiere wünschenswert war, so wurde beschlossen, in allem 320 Pferde, 210 Esel und 85 Kamele zu kaufen, die Pferde teils in Ägypten, teils in Arabien, die Kamele in Ägypten, die Esel in Zanzibar.

Alle erforderlichen Anschaffungen wurden sofort gemacht. Unsere Bevollmächtigten wählten und bestellten alles an erster Quelle; nach Jemen in Arabien und nach Zanzibar wurde je ein Einkäufer für Pferde und Esel gesendet, und nachdem dies besorgt oder angeordnet war, machten Johnston und ich — die wir inzwischen innige Freundschaft geschlossen hatten — uns auf den Weg nach Alexandrien.

Bevor ich jedoch zur Schilderung unserer dortigen Thätigkeit übergehe, muß ich einen Zwischenfall erwähnen, den wir im Ausschusse mit einer jungen Amerikanerin hatten, die durchaus in die Expedition aufgenommen werden wollte. Die Dame war reich, schön und exzentrisch, eine schwärmerische Anhängerin unserer Ideen und sichtlich nicht gewöhnt, an die Möglichkeit irgend eines ernstlichen Widerstandes ihren Wünschen gegenüber zu glauben. Sie hatte der Gesellschaft eine sehr bedeutende Summe gewidmet und sich jetzt in den Kopf gesetzt, mit unter den Ersten zu sein, welche die neue afrikanische Heimat betreten würden. Ich muß gestehen, daß mich das herrliche Mädchen dauerte, das sichtlich von verzehrendem Thatendrange erfüllt war und die seinem Geschlechte gegenüber an den Tag gelegte ängstliche Schonung als beschämende Zurücksetzung empfand. Allein es ließ sich nichts thun; wir hatten mehreren Frauen, die in Begleitung ihrer als Pfadfinder acceptierten Ehemänner die Expedition mitmachen wollten, dies abgeschlagen und konnten jetzt keine Ausnahme machen. Die junge Miß wandte sich hierauf, da ihr Drängen bei uns Männern vom Ausschusse nichts half, an unsere weiblichen Angehörigen, die sie rasch ausgekundschaftet hatte; allein auch dort erntete sie geringen Erfolg. Sie wurde zwar von den Damen herzlich und liebenswürdig aufgenommen, denn sie war in der That reizend in ihrer Schwärmerei; aber das war in den Augen der Frauen nur ein Grund mehr, den Männern darin Recht zu geben, daß so zarte Geschöpfe nicht in die Gefahren und Entbehrungen einer Forschungsreise gehören. Man hätschelte und schmeichelte ihr wie einem verzogenen Kinde, welches Unmögliches fordere, und das brachte Fräulein Ellen Fox — so hieß die Amerikanerin — vollends außer sich.

Plötzlich schien sie beruhigt und zwar auffallenderweise kurze Zeit nachdem sie die Bekanntschaft einer anderen Dame gemacht, die gleichfalls, wenn auch aus anderen Gründen, unsere Expedition mitmachen wollte. Diese andere Dame war meine Schwester Klara. Wollte jene aus Begeisterung für unsere Ideen mit nach Afrika, so war diese aus Abscheu und Angst vor diesen selben Ideen zu dem gleichen Entschlusse gelangt. Meine Schwester — um zwölf Jahre älter als ich und ledig geblieben, weil sie keinen Mann zu finden vermocht, der ihren Vorstellungen von Distinktion und vornehmem Wesen genügend entsprochen hätte — war eine der besten, im innersten Herzen edelsten, aber von den mannigfaltigsten Vorurteilen fest eingesponnenen Frauen, auf die ich während der 26 Jahre meines bisherigen Lebens gestoßen. Sie war nicht kaltherzig, ihre Hand jedem Hilfsbedürftigen gegenüber stets offen, aber vor allem, was nicht den sogenannten höheren, gebildeten Ständen angehörte, hatte sie eine unüberwindliche Mißachtung. Als sie durch mich zum ersten Male von der socialen Frage Näheres erfuhr, flößte es ihr Grauen ein, daß vernünftige Menschen ernstlich glauben könnten, sie und ihre Küchenmagd seien von Natur aus mit gleichem Rechte ausgestattet, und da ich wußte, daß hier alle Bekehrungsversuche eitel wären, teilte ich der Guten Jahre hindurch nichts mit von meinen Verbindungen mit Dr. Strahl, nichts von der Gründung der freien Gesellschaft und von der Rolle, die ich in dieser spielte. Ich wollte ihr den Kummer über meine „Verirrung“ möglichst lange ersparen, denn ich liebe diese Schwester zärtlich, deren Abgott hinwieder ich bin. Seit langen, langen Jahren war meine Betreuung, die ängstliche Sorge um mich, ihr einziger Lebenszweck. Ich wohnte bei ihr und sie behandelte mich stets als kleinen Jungen, dessen Erziehung ihre Sache sei. Daß ich ihrer Hut entrückt länger als höchstens zwei bis drei Tage existieren könne, ohne das Opfer meiner kindlichen Unerfahrenheit und der Bosheit schlechter Menschen zu werden, erschien ihr stets als ein Ding der baren Unmöglichkeit. Nun denke man sich das namenlose Entsetzen dieser meiner Vormünderin, als ich ihr endlich doch die Eröffnung machen mußte, daß ich nicht nur einer socialistischen Gesellschaft beigetreten, nicht nur mein ganzes, bescheidenes Vermögen deren Zwecken geweiht, sondern überdies dazu ausersehen sei, 200 Socialisten in das Innere von Afrika zu führen. Es dauerte mehrere Tage, bis sie das Ungeheure begreifen, glauben lernte; dann kamen Bitten, Thränen, verzweifelte Vorwürfe und Vorstellungen. Ich möge den „Strolchen“ mein Geld, auf welches sie es doch allein abgesehen hätten, ruhig überlassen und nur ums Himmels willen redlich im Lande bleiben; sie konsultierte unseren Hausarzt über meine Zurechnungsfähigkeit, kam aber dabei übel weg, denn dieser war auch einer der Unsrigen, ja sogar Mitglied der Expedition. Schließlich, da alles nichts fruchtete, eröffnete sie mir, daß sie, wenn ich partout in mein Verderben rennen wolle, mich begleiten werde. Als ich ihr erklärte, dies gehe nicht an, da Frauen nicht mitgenommen würden, führte sie ihr schwerstes Geschütz ins Treffen, sie erinnerte mich an unsere verstorbene Mutter, die ihr noch auf dem Totenbette aufgetragen habe, mich nicht zu verlassen, eine letztwillige Anordnung, der ich mich fügen müsse; und als ich auch dem gegenüber hartnäckig blieb, zum ersten Mal in meinem Leben die Bemerkung wagend, die gute Mutter habe mich damit offenbar bloß während der Zeit meiner Kindheit ihrer Obhut empfehlen wollen, verfiel sie in hoffnungslose Verzweiflung, aus der nichts sie herauszureißen vermochte. Vergebens nannte ich sie mein liebes kleines Mütterchen, vergebens versicherte ich ihr, daß unter unseren 200 Pfadfindern immerhin einige ganz erträgliche Kerle seien, die wohl ein menschliches Rühren mit mir haben würden, vergebens versprach ich ihr, daß sie in Halbjahrsfrist etwa mir nachfolgen könne — es half alles nichts, sie gab mich verloren, und ich begann nachgerade, als der Tag meiner Abreise herannahte, ernstlich in Sorge zu geraten, was diesem ebenso rührenden als närrischen Schmerze gegenüber wohl zu beginnen sei.

Da besuchte Miß Ellen meine Schwester; ich mußte, von Geschäften gerufen, die Beiden allein lassen, und als ich zurückkam, fand ich Klara wunderbar getröstet. Sie jammerte und stöhnte nicht mehr, ja sie konnte sogar, ohne in Thränen auszubrechen, von dem Schrecklichen sprechen. Offenbar hatte Miß Ellens Exaltation wohlthuend auf ihre kindische Angst gewirkt und ich segnete um deswillen die schöne Amerikanerin, umsomehr, da auch sie uns von da ab durch ihr Drängen nicht mehr quälte. Sie war plötzlich abgereist und ich beglückwünschte mich höchlichst, einer doppelten Verlegenheit so rasch ledig geworden zu sein.

Am 3. trafen Johnston und ich in Alexandrien ein, von der Mehrzahl unserer Expeditionsgenossen bereits erwartet. Es fehlten nur noch 23, die teils aus zu entfernten Weltgegenden herbeieilten, um schon eingetroffen sein zu können, teils durch irgendwelche unvorhergesehene Zwischenfälle noch zurückgehalten waren. Johnston schritt ohne Zögern an die Equipierung, Einübung und Organisierung der Schar. Zu diesem Behufe wurde die Stadt verlassen und zehn Kilometer entfernt vom Weichbilde derselben, an den Ufern des Mariut-Sees, ein Zeltlager bezogen. Die Verpflegung besorgte unter meiner Leitung ein aus 6 Mitgliedern gebildeter Wirtschaftsausschuß; jeder Mann erhielt vollständige Beköstigung und außerdem — sofern er nicht ausdrücklich darauf verzichtete — 2 £ in Bargeld monatlichen Zuschuß. Dieselbe Summe wurde auch später während der Dauer des eigentlichen Zuges bezahlt, nur selbstverständlich nicht in der Form von Gold- oder Silbermünze, die im äquatorialen Afrika nutzlos ist, sondern in der von mitgenommenen Bedarfsgegenständen oder Tauschwaren zum Kostenpreise. Nachdem die Ausrüstungsgegenstände — Kleider und Waffen — ausgepackt waren, begannen die Übungen. Täglich wurde acht Stunden lang manövriert, marschiert, geschwommen, geritten, gefochten und nach der Scheibe geschossen. Später veranstaltete Johnston größere auf mehrere Tage ausgedehnte Märsche bis nach Gizeh und an den Pyramiden vorbei nach Kairo. Inzwischen lernten wir uns genauer kennen, Johnston ernannte seine Unterbefehlshaber, denen gleich ihm militärischer Gehorsam geleistet werden mußte, eine Notwendigkeit, die von allen ohne Ausnahme freudig anerkannt wurde. Das mag vielleicht manchem sonderbar erscheinen angesichts der Thatsache, daß wir doch auszogen, ein Gemeinwesen zu gründen, in welchem unbedingte Gleichberechtigung und schrankenloses individuelles Selbstbestimmungsrecht herrschen sollte; aber wir begriffen eben alle, daß dieser Endzweck unseres Unternehmens und die Expedition, die uns dahin führen sollte, zwei verschiedene Dinge seien; es kam während des ganzen Zuges auch nicht ein Fall von Widersetzlichkeit vor, wogegen allerdings auch von Seiten der Offiziere kein Fall überflüssigen barschen Befehlens bemerkt werden konnte.

Als der Zeitpunkt unserer Weiterreise nach Zanzibar herannahte, waren wir eine vollkommen eingeübte Elitetruppe. Im Manövrieren konnten wir es mit jedem Gardekorps aufnehmen — natürlich nur hinsichtlich jener Übungen, die Schlagfertigkeit und Beweglichkeit einem etwaigen Feinde gegenüber, nicht aber den Parademarsch und die s. g. militärischen Honneurs zum Gegenstande haben. In letzterer Beziehung waren und blieben wir so unwissend wie die Hottentotten; dafür konnten wir ohne Beschwer 24 Stunden lang mit bloß sehr kurzen Unterbrechungen marschieren oder im Sattel sein, unser Schnellfeuer ergab schon auf 1000 Meter Distanz eine ganz respektable Zahl von Treffern; auch unser Granatenfeuer wäre im Bedarfsfalle nicht zu verachten gewesen und ebenso trefflich wußten wir mit einer kleinen Batterie Congrève’scher Raketen umzugehen, die Johnston auf den Rat eines im Sudan bedienstet gewesenen ägyptischen Offiziers, eines geborenen Österreichers, der sich in Alexandrien häufig als Zuschauer bei unseren Übungen eingefunden, aus Triest hatte nachsenden lassen.

Am 30. März schifften wir uns auf der „Aurora“, einem prächtigen Schraubendampfer von 3000 Tonnen ein, den der Ausschuß von der englischen P. & O.-Company gechartert hatte und der, nachdem er zuvor in Liverpool, Marseille und Genua die für uns bestimmten Waren an Bord genommen, am 22. März in Alexandrien eingetroffen war. Die Einschiffung und sichere Unterbringung von 200 Pferden und 60 Kamelen, die in Ägypten gekauft worden waren, nahm mehrere Tage in Anspruch; doch hatten wir keinen Grund zur Eile, da der eigentliche Zug ins Innere Afrikas der Regenzeit wegen ohnehin nicht vor dem Monat Mai angetreten werden sollte. Von Alexandrien bis Zanzibar aber rechneten wir — den Aufenthalt in Aden behufs Einschiffung der noch notwendigen Pferde und Kamele eingerechnet — höchstens 20 Tage. Es blieben uns also noch immer reichlich zwei Wochen für Zanzibar und für die Überfahrt nach Mombas, von wo aus wir den Weg zum Kilima Ndscharo und Kenia antreten wollten und wo wir uns, der an der Küste angeblich herrschenden Fiebergefahr wegen, keinen Tag länger als notwendig aufzuhalten gedachten.

Es ging auch alles ganz programmgemäß von statten. In Aden trafen wir unseren Agenten mit 120 der prachtvollsten edelsten Jemener Pferde und mit 25 Kamelen, nicht minder vorzüglicher Rasse; ebenso wurden hier 115 Esel eingeschifft, die gleich den Kamelen infolge geänderter Dispositionen in Arabien statt in Zanzibar, resp. Ägypten angeschafft worden waren. Am 16. April warf die „Aurora“ im Hafen von Zanzibar Anker.

Die halbe Bevölkerung der Insel hatte sich aufgemacht, uns zu begrüßen. Der Ruf war uns voraufgegangen, und wie es schien, kein schlechter Ruf, denn nicht bloß die hier lebende, während der letzten Jahre auf nahezu 200 Köpfe angewachsene europäische Kolonie, sondern auch Araber, Hindu und Neger wetteiferten an Freundlichkeit und Entgegenkommen. Die erste Persönlichkeit, die uns in Empfang nahm, war natürlich unser Zanzibarer Bevollmächtigter, der uns auch sofort die erfreuliche Versicherung gab, daß er alles ihm Aufgetragene vollbracht habe und daß angesichts der uns gegenüber herrschenden Stimmung die Anwerbung der erforderlichen eingeborenen Mannschaften mit größter Leichtigkeit von statten gehen werde.

Am 26. April verließen wir mit der Aurora Zanzibar und kamen am Morgen des nächsten Tages wohlbehalten in Mombas an. Unsere sämtlichen Tiere und den größten Teil der Waren hatten wir schon sieben Tage vorher in Begleitung eines Trupps der in Zanzibar aufgenommenen Wärter und unter Aufsicht von 10 Mann der Unsrigen — gleichfalls mit der Aurora — dahin gesendet, wo wir sie alle in sehr guter Verfassung und zumeist auch schon erholt von den Strapazen der Seereise antrafen. Um die aufgenommenen Leute zu mustern und jeglichem seine Obliegenheiten zuzuteilen, bezogen wir außerhalb der Stadt Mombas in einem kleinen Palmenhaine mit herrlicher Aussicht auf das Meer ein Lager. Für je 2 Handpferde oder Kamele und für je 4 Esel wurde je ein Treiber und Wärter bestellt, so daß zu diesem Behufe von unseren 280 Suahelileuten 145 beansprucht waren; 35 wurden zum Tragen leichter und zerbrechlicher oder solcher Gegenstände ausersehen, die jederzeit zur Hand sein mußten; 100 — unter diesen selbstverständlich die Wegführer und zwei Dolmetscher — dienten als Eclaireure. Am 2. Mai war all dies organisiert und durchgeführt, die Lasten verteilt, jedem Manne sein Platz angewiesen; der Zug ins Innere konnte angetreten werden.

Da wir aber programmgemäß nicht vor dem 5. Mai abmarschieren durften, um zuvor noch das am 3. oder 4. in Zanzibar eintreffende europäische Postschiff abzuwarten, welches uns die letzten Nachrichten von unseren Freunden und allenfallsige Anordnungen des Ausschusses überbringen sollte, so hatten wir einige Tage der Muße vor uns, die wir dazu benutzen konnten, die Gegend um Mombas zu besichtigen.

Der Ort selber liegt auf einem Inselchen, welches hier von einem sich ins Meer ergießenden und zu einer mächtigen Bucht sich ausweitenden Flusse gebildet wird, dessen Ufer einige dichte Mangrovesümpfe umgeben. Der Aufenthalt unmittelbar an der Küste und auf Mombas selber ist daher nicht ganz gesund und keineswegs für längere Zeit rätlich. Aber schon wenige Kilometer landeinwärts finden sich sanftgeschwungene Hügel, bestanden mit prachtvollen Gruppen von Kokospalmen, die sich inmitten smaragdgrüner Grasmatten erheben und unter denen die von Gemüsebeeten umgebenen Hütten der Wanjika, der hiesigen Küstenbewohner, hervorlauschen, welche Hügel selbst während der Regenzeit einen ganz gesunden Aufenthalt bieten. Allerdings wäre es für einen Europäer gefährlich, hier jahrelang zu wohnen, da die während der Hitzemonate — Oktober bis Januar — herrschende Temperatur ihm auf die Dauer schädlich wird. Im Mai jedoch, wo die großen Regen, die in den Monaten Februar bis April niedergehen, den Boden und die Atmosphäre tüchtig erfrischt haben, ist die Hitze nicht eben lästig.

Das Eilschiff der französischen Messagerie hatte sich zwar um einen Tag verspätet, so daß es in Zanzibar erst am 4. spät Nachts eintraf; wir aber erhielten, Dank der Liebenswürdigkeit des Kapitäns die für uns bestimmten Sendungen trotzdem einen Tag früher als wir erwartet hatten. Dieser nämlich, der in Aden erfahren hatte, daß und wo wir auf die von ihm beförderte Post warteten, hielt auf der Höhe von Mombas, das er zeitlich am Morgen des 4. passierte, eine gerade vorbeisegelnde arabische Dhau an und übergab ihr die für uns bestimmten Pakete, die wir demzufolge noch am selben Vormittag empfingen, während wir andernfalls bis zum Abend des nächsten Tages hätten auf sie warten müssen. Von den uns solcherart unmittelbar vor unserem Aufbruche erreichenden Nachrichten, sind nur zwei hervorzuheben; erstlich die Anzeige, daß der Ausschuß unseren Bevollmächtigten in Zanzibar beauftragt habe, während der ganzen Dauer unseres Zuges engste Fühlung mit Mombas zu unterhalten und dort für alle Fälle einige Eilboten nebst einem schnellsegelnden Kutter bereit zu halten; zum zweiten die Mitteilung, daß bis zum 18. April, dem Tage der Postabfertigung, die Zahl der gesellschaftlichen Mitglieder auf 8460, das Vermögen auf nahezu 400000 £ gestiegen sei.

Und noch eine kleine Überraschung kam in Begleitung dieser letzten Nachrichten aus der Heimat. Zugleich mit den Postpaketen hatte das Postschiff der Dhau ein Koppel von nicht weniger als 32 Hunden übergeben, geführt von 2 Wärtern, welch letztere uns Grüße von ihrem Auftraggeber, Lord Clinton, vermeldeten, der als warmer Freund unserer Ideen und großer Hundeliebhaber dies Geschenk eigens aus York übersende, überzeugt, daß uns dasselbe auf der Reise sowohl als am Ziele derselben vortrefflich zu statten kommen werde. Die Tiere waren prachtvoll, 12 Doggen und 20 Schäferhunde von jener langbeinigen und langhaarigen Rasse, die ein Mittelding zwischen Windspiel und Bernhardiner zu sein scheint. Die kleinste der Doggen war vom Kreuz gemessen 70 Zentimeter hoch, die Schäferhunde nicht sonderlich kleiner, wie sich bald erwies, alles wohlgesittete, anstellige Kreaturen, die denn auch allseitig mit größter Freude begrüßt wurden. Die beiden Wärter erklärten, daß ihnen zwar unsere Pläne und Ideen höchst gleichgültig seien, da sie „von all dem Zeug nichts verstünden“, daß sie aber, wenn wir es gestatteten, in Begleitung ihrer lieben vierfüßigen Freunde sehr gerne mit uns zögen. Da sie sich als kräftige, gesunde und trotz aller Einfalt ganz anstellige Kerle zeigten, überdies versicherten, im Reiten und Schießen leidlich bewandert, in der Dressur mannigfaltigen Getiers aber geradezu Virtuosen zu sein, so nahmen wir sie gerne mit. An Lord Clinton wurde ein herzliches Dankschreiben adressiert, und nachdem die Post mit diesem und den anderen für Europa bestimmten Nachrichten über Zanzibar expediert und die Anordnungen für morgen getroffen waren, umfing uns die letzte Nacht vor unserem Aufbruche in das dunkle Innere der afrikanischen Welt.

3. Kapitel.

Am Morgen des 5. Mai weckten uns die Horn- und Trommelsignale der Kirangozis (Karawanenführer), wie angeordnet war, um 3 Uhr aus dem Schlafe. Große, schon Abends vorher bereit gelegte Lagerfeuer wurden angezündet, an denen das Frühstück — Thee oder Kaffee mit Eiern und kaltem Fleisch für uns Weiße, eine Fleisch- und Gemüsesuppe für die Suahelis — gekocht und bei deren Schein die Vorbereitungen für den Abmarsch getroffen wurden. Der Vortrab, bestehend aus den 100 Eclaireuren und 20 leichtbeladenen Packpferden, brach, begleitet von 30 Berittenen, schon eine Stunde später auf. Ihm war die Aufgabe zugewiesen, den Weg, wo er durch Dschungel oder dichtes Gehölz führte, mit Axt, Faschinenmesser und Haue soweit zu lichten, daß unsere umfangreichsten Gepäckstücke ungefährdet auf dem Rücken der Tragtiere passieren könnten, Gewässer nach Thunlichkeit zu überbrücken und die Lagerplätze für das nachrückende Hauptkorps vorzubereiten. Zu diesem Behufe mußte diese Truppe — je nach der Beschaffenheit der vor uns liegenden Wegstrecke — einige Stunden bis zu einigen Tagen Vorsprung nehmen. Für den Anfang, wo nach Aussage der wegekundigen Führer sonderliche Hindernisse nicht zu erwarten waren, genügte ein Vorsprung von wenigen Stunden.

Der Hauptzug war erst um 8 Uhr in Ordnung. Die Tête nahmen hier 150 von uns Weißen, voran Johnston und ich; dann folgten in langer Linie zuerst die Handpferde, dann die Esel, zum Schluß die Kamele; der Nachtrab war durch 20 Weiße gebildet. So verließen wir endlich, als die Sonne schon heiß herniederbrannte, unseren Lagerplatz, warfen einen letzten Blick nach dem malerisch hinter uns gelegenen Mombas zurück, sandten unsere Scheidegrüße dem da unten brandenden Meere zu, dessen dumpfes Grollen trotz der Entfernung von mindestens 7 Kilometern in der Luftlinie deutlich zu hören war — und vorwärts ging es unter Hörnerklang und Trommelwirbel die ziemlich steilen, doch nicht eben ansehnlichen Höhen hinan, die uns von der am Eingange ins Innere liegenden sogenannten Wüste trennten. Diesen Namen verdient jedoch dieser alsbald von uns erreichte Landstrich offenbar nur in der heißen Jahreszeit; jetzt, wo die dreimonatliche Regenepoche kaum erst abgeschlossen war, fanden wir die Landschaft eher parkähnlich. Schönes, wenn auch nicht eben hohes Gras wechselte ab mit Gebüschen von Mimosen oder Zwergpalmen und mit kleinen Akaziengruppen. Als wir nach zwei Stunden die letzten Ausläufer des Küstengebirges hinter uns hatten, wurde das Gras noch üppiger, die Bäume häufiger und höher, zahlreiche Antilopen zeigten sich in der Ferne, waren aber sehr scheu und wurden alsbald von den Hunden, denen das nutzlose Jagen noch nicht abgewöhnt war, verscheucht. Gegen 11 Uhr wurde unter dem Schatten eines von dichten Schlingpflanzen zu einem förmlichen Riesenbaldachin umgestalteten Palmenhaines Rast gemacht und abgekocht. Wir alle, Menschen und Tiere, waren trotz des bloß dreistündigen Marsches sehr erschöpft; das vorangegangene vierstündige Rennen und Laufen im Lager war eben auch gerade keine Erholung gewesen und die Hitze hatte von 10 Uhr ab angefangen höchst unangenehm zu werden.

Durch eine reichliche Mahlzeit, deren Hauptbestandteil zwei fette, unterwegs gekaufte Ochsen waren, und die erquickende Ruhe im Schatten des dichten Lianen-Baldachins gestärkt, brachen wir schon um 4 Uhr nachmittags wieder auf und erreichten nach sehr anstrengendem, nahezu fünfstündigem Marsche den von unserer Avantgarde bereiteten Lagerplatz, in der Nähe eines Wakambadorfes zwischen Kwale und Mkinga. Die Avantgarde selber trafen wir nicht mehr; sie hatte hier Mittagsrast gehalten und war mehrere Stunden vor unserer Ankunft weiter marschiert, um ihren Vorsprung nicht zu verlieren. Dafür hinterließ sie uns unter der Obhut eines der Ihrigen elf verschiedene Antilopen, die ihre Jäger unterwegs geschossen, zum Abendimbiß.

Am Morgen des zweiten Marschtages befanden wir uns — eingedenk der Qualen des gestrigen Vormittags — schon um 4½ Uhr unterwegs. Das Land war anfangs recht offen; schon nach zwei Stunden aber erreichten wir das Gebiet von Duruma, wo unser Vortrab sichtlich heiße Arbeit gefunden hatte. Kilometerweit zog sich der Pfad durch dornige Gestrüppe abscheulichster Art, in denen ohne die Beile und Messer unserer wackeren Eclaireure an ein Fortkommen mit Packtieren nicht zu denken gewesen wäre. Da jene jedoch tüchtig aufgeräumt hatten, so kamen wir überall rasch und ohne Hindernis hindurch. Gegen acht Uhr wurde der Weg wieder besser und das wechselte dann so ab, bis wir am Abend des dritten Tages Durumaland hinter uns hatten und die große Wüste betraten, die sich von da nahezu ununterbrochen bis Teita ausdehnt.

Sonst ist über diese Marschtage nichts zu berichten, als daß wir stets ziemlich pünktlich um 4½ Uhr aufbrachen, nach 9 Uhr morgens eine erste Station machten, vor 5 Uhr nachmittags uns wieder in Marsch setzten und zwischen 8 und 9 Uhr abends das Nachtlager bezogen. Die Verproviantierung in Duruma-Land war nicht eben leicht, aber es gelang uns doch, von den Viehzucht und Landbau treibenden Bewohnern genügende Lebensmittel an Vegetabilien und Fleisch, von letzterem auch einen ausreichenden Vorrat für den Durchzug durch die Duruma-Wüste einzuhandeln. Das Land scheint von großer natürlicher Fruchtbarkeit zu sein, ist aber gerade an seinen besten Stellen unangebaut und verlassen, da die Bewohner der unablässigen Einfälle der Massai halber sich aus ihren unzugänglichen Dschungeldickichten kaum hervorwagen. Allenthalben hörten wir Klagen über die Missethaten jener ritterlichen Räuber, die erst vor einigen Wochen einen Stamm überfallen, die Männer niedergemacht, Weiber, Kinder und Vieh weggetrieben hatten und jetzt schon wieder unterwegs sein sollten, um nach neuer Beute auszuspähen. Unsere Versicherung, daß wir ihr Gebiet sowohl als dasjenige aller Stämme, mit denen wir Freundschaft geschlossen oder noch zu schließen gedächten, von dieser Plage demnächst befreien würden, nahmen die Wa-Duruma mit starkem Zweifel entgegen; hatte doch selbst der Sultan von Zanzibar gegen die Massai, die zeitweilig bis Mombas und Pangani streiften und brandschatzten, nichts auszurichten vermocht. Indessen verbreitete sich doch dieses unser Versprechen sehr rasch überall in der Umgegend.

Am Morgen unseres vierten Marschtages, als wir uns eben zum Eintritte in die Wüste anschickten, wurden wir durch atemlos unter allen Anzeichen des Entsetzens und der Angst herbeieilende Eingeborene benachrichtigt, daß ein starker Schwarm Massai wieder da sei, in der Nacht ansehnliche Beute an Sklaven und Rindern gemacht habe und sich im Anzuge gegen uns befinde. Wir änderten darauf unsere Dispositionen, ließen das Gepäck und die Treiber im Lager und formirten uns, da das Terrain günstig war, sofort zum Gefecht. Die Geschütze wurden auf ihre Lafetten gesetzt und bespannt, die Raketen bereit gemacht; erstere kamen in das Centrum, letztere in die beiden Flügel unserer in einer langen Linie sich ausdehnenden Front. Das Alles war das Werk von kaum zehn Minuten und es verstrich auch keine fernere Viertelstunde, daß wir die Massais, die ungefähr 600 Mann stark sein mochten, im Laufschritt nahen sahen. Wir ließen sie ruhig bis auf etwa einen Kilometer herankommen; dann schmetterten die Trompeten und unsere ganze Linie jagte im Galopp den Massai entgegen. Diese stutzten und hielten, als sich ihnen der ungewohnte Anblick einer ansprengenden Kavalleriemasse darbot, worauf auch wir unser Tempo mäßigten und langsam bis auf hundert Meter heranritten. Nun machten wir Halt und Johnston, der den Massaidialekt leidlich spricht, ritt einige Schritte vor die Front, mit lauter Stimme fragend, was sie wollten. Darauf gab es unter den Massai eine kurze Beratung, dann trat auch ihrerseits ein Mann vor die Front, und fragte, ob wir Tribut zahlen oder kämpfen wollten? „Ist das Euer Land“, war die Gegenfrage, „daß Ihr Tribut verlangt? Wir zahlen Niemand Tribut; wir haben Geschenke für unsere Freunde, schreckliche Waffen für unsere Feinde. Ob die Massai unsere Freunde werden wollen, werden wir sehen, wenn wir sie in ihrem Lande besuchen. Mit den Wa-Duruma aber haben wir schon Freundschaft geschlossen und wir erlauben daher Niemand, sie zu berauben. Gebt die Gefangenen und die Beute freiwillig heraus und kehret zurück in Eure Krals, damit wir nicht genötigt seien, unsere Waffen und Medizinen (Zaubermittel) gegen Euch zu gebrauchen, was uns sehr leid thäte, denn wir wünschen, Freundschaft auch mit Euch zu halten.“

Letztere Versicherung wurde offenbar für ein Zeichen der Schwäche angesehen, denn die Massai, die anfangs etwas eingeschüchtert schienen, schwangen nun drohend unter gewaltigem Geschrei ihre Speere und setzten sich neuerdings gegen uns in Bewegung. Da erklangen abermals unsere Trompeten, und während wir Reiter vorsprengten, eröffneten die Kanonen und Raketen ihr Feuer — nicht auf die Gegner, in deren dichtgedrängten Massen sie eben so schreckliche als überflüssige Verheerungen angerichtet hätten, sondern über deren Köpfe hinweg. Die Massai hielten nur einer einzigen Salve Stand; als die Geschütze donnerten, die Raketen zischend und knatternd über sie hinfegten und überdies die unheimlichen Geschöpfe mit vier Füßen und zwei Köpfen — wir Reiter nämlich — auf sie zustürmten, wandten sie sich augenblicklich heulend zu wilder Flucht. Unsere Artillerie sandte ihnen noch einige Salven nach, um ihre Panik womöglich zu steigern, während die Reiter sich damit beschäftigten, Gefangene zu machen und die in der Ferne sichtbar werdenden, von den Massai erbeutet gewesenen Sklaven und Rinder in unsere Gewalt zu bringen.

Beides gelang; nach kaum einer halben Stunde hatten wir 43 Massais und die ganze Beute in der Hand. Die in Sklaverei gefallenen Durumaweiber und Kinder zu befreien, wäre uns, nebenbei bemerkt, kaum so vollständig gelungen, wenn dieselben nicht in einer Weise gefesselt gewesen wären, die ihnen rasches Laufen unmöglich machte. Als nämlich diese armen Geschöpfe den Lärm des Gefechts sahen und hörten, machten sie verzweifelte Anstrengungen, davon- und zwar den fliehenden Massai nachzulaufen. Klüger benahmen sich die Rinder, die durch die Schüsse und Raketenschläge zwar auch in hochgradige Unruhe versetzt waren, sich aber trotzdem von uns und unseren Hunden, die bei dieser Arbeit sich als ausnehmend verwendbar erwiesen, ohne sonderliche Beschwer auf unser Lager zutreiben ließen.

Die gefangenen Massai waren prächtige, verwegen aussehende Kerle, die trotz des Schreckens, der ihnen noch sichtlich in allen Gliedern lag und trotzdem sie offenbar erwarteten, kurzen Weges niedergemacht zu werden, doch eine gewisse Haltung behaupteten. Unter ihnen befand sich — ein sehr glücklicher Umstand — auch der Leitunu, d. i. der oberste, unumschränkte Anführer der Bande, ein bronce-farbener Apoll von reichlich 2 Meter Höhe, der ganz darnach aussah, als ob er sich am liebsten sein kurzes Schwert, die „Sime“, in die eigene Brust gestoßen hätte, insbesondere, als die von weither zusammengelaufenen Wa-Duruma ihn und die Seinen zu verhöhnen und grimmig schreiend, ihren Tod zu verlangen begannen. Johnston verwies ihnen dies mit großer Strenge. Laut, daß es die Gefangenen hören konnten, erklärte er, auch die Massai sollten unsere Freunde werden, wir hätten sie blos deshalb gezüchtigt, weil sie sich hier schlecht benommen; ob sie denn glaubten, daß wir ihrer, der Duruma, oder sonstwessen Hülfe bedürften, um jene zu tödten, wenn wir es wollten; ob sie denn nicht gesehen hätten, wie wir in die Luft schossen, wo doch ein paar ernstlich gemeinte Schüsse aus unseren gewaltigen Maschinen genügt hätten, um alle Massai in Stücke zu reißen? Um ihnen — mehr aber noch den Massai — die Wahrheit dieser ohnehin mit tiefem Grausen und ohne die geringste Spur eines Zweifels angehörten Worte zu zeigen, ließ Johnston eine volle Lage unserer sämtlichen Geschütze und Raketen auf eine etwa 1000 Meter entfernte verfallene, strohgedeckte Lehmhütte abgeben. Natürlich brach diese sofort zusammen und geriet unmittelbar in Brand, ein Schauspiel, das auf die Wilden den gewaltigsten Eindruck machte.

„Jetzt geht“, wandte sich hierauf Johnston, der bei all dem so that, als merke er gar nicht, wie gespannt unsere Gefangenen zuhörten und zusahen, zu den Wa-Duruma, „nehmt Euere Weiber, Kinder und Rinder, die wir befreit haben, und laßt die Massai in Ruhe. Wir werden dafür sorgen, daß sie Euch in Zukunft nicht mehr belästigen, aber vergesset nicht, daß in wenigen Wochen auch sie unsere Freunde sein werden“.

Die Wa-Duruma gehorchten, obwohl sie nicht recht wußten, was sie aus der Sache machen sollten. Nachdem sie sich entfernt hatten, ließ Johnston den gefangenen Massai ihre Waffen zurückgeben und forderte sie auf, sich gleichfalls zu entfernen; binnen höchstens 2 Wochen gedenke er sie in Leitok-i-tok, dem südöstlichen Grenzdistrikte Massailands, zu besuchen; um ihnen das mitzuteilen, habe er sie vor sich bringen lassen. Statt jedoch dieser Erlaubnis sofort zu entsprechen, zögerten die El Moran (der Name für Massaikrieger); schließlich trat Mdango, ihr Leitunu, vor und erklärte, jetzt durch das aufgeregte Duruma-Land, versprengt von den Ihrigen, heimzuziehen, wäre für eine so kleine Massai-Schaar der sichere Tod, und wenn sie schon sterben müßten, so sei es ihnen größere Ehre, von der Hand so gewaltiger weißer Leibons (Zauberer), als durch feige Wa-Duruma oder Wateita zu fallen. Da wir die Absicht hätten, sie demnächst zu besuchen, so mögen wir ihnen gestatten, mit uns zu ziehen.

Johnstons Gesicht strahlte bei dieser Eröffnung vor innerer Genugthuung; den Massai gegenüber jedoch bewahrte er seine gemessene Ruhe und erklärte feierlichen Tones, das sei eine so große Gunst, die sie da verlangten, und deren sie sich durch ihr bisheriges Benehmen so wenig würdig erwiesen, daß er zuerst ein Schauri (eine Ratsversammlung) mit den Seinigen abhalten müsse, bevor er ihnen Bescheid geben könne. Damit ließ er sie stehen, rief unserer zwanzig die wir ihm zunächst zu Pferde hielten, beiseite, und teilte uns den Inhalt des Gespräches mit. „Daß wir, den Wunsch des Leitunu, der nach der großen Zahl der von ihm geführten El Moran zu schließen, einer der einflußreicheren sein dürfte, erfüllen, versteht sich von selbst; der Mann muß vollständig gewonnen werden, und gewinnt uns dann seine Landleute. So, jetzt werde ich ihm das Ergebnis unseres „Schauri“ mitteilen.“

„Höre“ — so wandte er sich an Mdango, „wir haben beschlossen, Deinen Wunsch zu erfüllen, denn Euere Brüder in Leitok-i-tok sollen nicht sagen, daß wir Euch einem schimpflichen Tode entgegengejagt hätten. Aber nachdem wir einmal — wenn auch ohne Blutvergießen — unsere Waffen gegen Euch gerichtet, können wir Euch — das verbieten unsere Gebräuche — nicht als Gäste in unser Lager und an unseren Tisch lassen, bevor der Frevel, durch den Ihr uns gereizt habt, vollständig gesühnt ist. Dies wird nur dann geschehen sein, wenn jeder von Euch mit demjenigen unter uns Blut-Brüderschaft schließt, der ihn zum Gefangenen gemacht hat. Wollt Ihr das, und werdet Ihr den Bund ehrlich halten?“

Die El Moran bejahten dies mit großer Bereitwilligkeit; hierauf neues „Schauri“ unter uns, dem dann die 43fache Verbrüderung nach den eigentümlichen Gebräuchen der Massai folgte, und wir hatten 43 Freunde gewonnen, die sich — wie Johnston versicherte — eher in Stücke hauen lassen, als zugeben würden, daß uns ein Leides geschehe, wo sie es irgend verhindern könnten.

Über all dem war es 9 Uhr geworden und da der Tag glühend heiß zu werden versprach, so hatten wir keine Lust, die sengende Duruma-Wüste zu betreten, so lange die Sonne hoch am Horizonte stand. Wir kehrten daher in das von unseren Tragtieren ohnehin noch nicht verlassene Lager zurück und rüsteten das Mittagmahl. Zur Feier des unblutig erfochtenen Sieges wurde dasselbe besonders reich, vornehmlich mit Fleisch nebst Milch, der einzigen Nahrung der Massai-Elmoran — bereitet, und zum Schlusse eine riesige Bowle aus Rum, Honig, Limonen und heißem Wasser gespendet, die allen unseren Leuten trefflich mundete, die Massai aber geradezu in Begeisterung versetzte. Diese Begeisterung überschritt alle Grenzen, als die diversen 43 Blutbrüder nach genossenem Punsche mit einer Freundschaftsgabe von je einer — roten Hose bedacht wurden. Der Leitunu erhielt ein Extrageschenk in Form eines goldgestickten Scharlachmantels.

Die Duruma-Wüste, in die wir um 5 Uhr nachmittag eintraten, ist gänzlich unbewohnt und während der trockenen Monate berüchtigt wegen ihres beinahe absoluten Wassermangels. Jetzt, unmittelbar nach der Regenzeit, fanden wir in den zahlreichen Bodenspalten und brunnenartig oft bis zu 2 und 3 Metern vertieften natürlichen Löchern erträgliches Wasser in genügender Menge. Von der Hitze aber hatten wir bis Sonnenuntergang viel zu leiden, was uns veranlaßte, mit Preisgebung unserer Nachtruhe in einem Gewaltmarsche bis Taro vorzudringen, einem recht ansehnlichen, durch angesammeltes Regenwasser gebildeten Teich, den wir gegen Morgen erreichten. Hier hielten wir einen halben Rasttag, d. h. wir brachen nicht des Morgens, sondern des Abends auf, unsere Kräfte für den nun folgenden bösesten Teil des Weges schonend. Die Wasserlöcher wurden von da ab seltener, das Aussehen der Landschaft besonders trostlos: eintönige, flache Steinfelder, abwechselnd besetzt mit häßlichem Dornendickicht. Doch Menschen und Tiere hielten die schlimmen 3 Tage wacker aus und am 12. Mai erreichten wir wohlbehalten, obwohl arg durchnäßt durch einen uns plötzlich überraschenden Platzregen, das liebliche Land der Wateita am herrlichen Ndaragebirge.

Hier lernten wir zum ersten Male die entzückende Pracht äquatorialen Hochlandes kennen. Das Ndara-Gebirge erreicht eine Höhe bis zu 1550 Metern, ist vom Gipfel bis zum Fuße mit üppiger Vegetation bedeckt, zahlreiche silberhelle Bäche und Flüsse rauschen und tosen an seinen Abhängen zu Thale und die Rundschau von günstiger situierten Aussichtspunkten ist geradezu entzückend. Da wir hier einen vollen Rasttag hielten, so benützten die meisten von uns die Gelegenheit zu Ausflügen rings in der wundervollen Landschaft, wobei uns einige zu Handels- und Missionszwecken angesiedelte Engländer in liebenswürdigster Weise als Führer dienten. Ich selber konnte nicht allzutief in das Gewirr köstlicher, schattenreicher Thäler und Gipfel, das uns rings umgab, eindringen, da ich die Verproviantierung der Karawane sowohl in Teita als auch für die jenseits desselben bis zum Kilima-Ndscharo sich erstreckende Wüstenei durchführen mußte. Aber meine glücklicheren Genossen erstiegen die umliegenden Höhen, übernachteten zumeist auf oder dicht unter denselben, erquickten sich an der kühlen Luft derselben und kamen zurück trunken von all der Schönheit die sie genossen. Im übrigen war es auch am Fuße der Teitaberge kaum minder entzückend. Das Bad unter einem der plätschernden Wasserfälle, umfächelt von den milden Lüften und Düften die der Abend brachte, würde stets zu den schönsten Erinnerungen meines Lebens zählen — wenn mir Afrika nicht noch weit herrlichere Naturscenen geboten hätte.

Am 14. und 15. wanderten wir in nicht zu anstrengenden Märschen weiter durch dies Paradies, in welchem auch unsere Jäger reiche Beute an Giraffen und verschiedenen Antilopen machten, schlossen überall mit den Stämmen und Häuptlingen durch Geschenke besiegelte Freundschaftsbündnisse, arbeiteten uns dann in zwei weiteren Tagen durch die menschenleere, dafür aber desto wildreichere Wüste von Taweta, die im übrigen gar nicht so schlimm ist, als ihr Name, und hatten am Nachmittag des 17. die kühlen Wälder der Vorberge des Kilima vor uns — wo uns eine seltsame Überraschung erwartete.

Wir waren Taweta auf wenige Kilometer nahe gekommen und unsere Gewehrsalven hatten — wie dies in Afrika üblich — dort soeben die Ankunft einer Karawane verkündigt, als Johnston und ich, die wir an der Spitze des Zuges ritten, einen Mann mit verhängtem Zügel auf uns zusprengen sahen, in welchem wir alsbald den Führer unseres Vortrabs, Ingenieur Demestre, erkannten. Anfangs machte uns die rasende Eile, mit der er auf uns zujagte, einigermaßen besorgt, dann aber zeigte uns sein lachendes Gesicht, daß es kein Unfall sei, was ihn uns entgegenführe. Er winkte mir schon von Weitem zu und rief, sein Pferd vor uns parierend: „Deine Schwester und Miß Fox sind in Taweta!“

Wir beide, Johnston und ich, müssen auf diese unerwartete Botschaft hin erklecklich alberne Gesichter gemacht haben, denn Demestre brach jetzt in ein tolles Gelächter aus, in welches endlich auch wir einstimmten. Dann erzählte er, die beiden Damen hätten ihn und die Seinen, die gestern Abend in Taweta anlangten, ganz harmlos, als träfen sie sich daheim auf der Straße, begrüßt, ihre Verblüffung gänzlich ignoriert und auf Befragen im gleichmütigsten Tone erzählt, sie wären am 30. April, also während wir in Mombas saßen, von Aden kommend, in Zanzibar eingetroffen, nach kurzem Aufenthalte nach Pangani übergefahren und von dort über Mkumbara und am Jipe-See vorbei schon am 14. in Taweta angelangt, wo sie sich mitsamt ihrem Diener oder Freunde Sam, einem alten ehrwürdigen Neger, der Miß Fox überall begleite, und ihren vier Elefanten — denn auf dem Rücken solcher Tiere wären sie zu grenzenlosem Erstaunen der Neger gereist — ganz ausnehmend wohl befänden. „Fräulein Klara läßt Dich grüßen und Dir sagen, sie sehne sich schon recht sehr, Dich an ihr schwesterliches Herz zu drücken.“