»Die alten Germanen feierten zur Wintersonnenwende aus Anlaß der Umkehr des feurigen Sonnenrades – angelsächsisch: hveol, altnordisch: hiol oder jule – das Julfest, und zwar in der Zeit vom 25. Dezember bis zum 6. Jänner, als an welchen Tagen Wuotan und Berchta in den nordischen –«
»Was schreiben Sie denn da, Doktor?« unterbrach der Chefredakteur und Eigentümer einer Provinzialzeitung seinen jungen Journalisten.
»Nun, das Weihnachts-Feuilleton, welches Sie mir erst gestern auferlegt haben, als ob wir nicht den ganzen Dezember über mit Bestimmtheit darauf hätten rechnen können, daß sich auch dies Jahr die Weihnachten präzise wie immer einstellen würden.«
»Ich rechnete aber auch mit Bestimmtheit darauf, daß irgendein Blatt zur Vorfeier einen Artikel bringen würde, den wir hätten benutzen können. – Machen Sie sich übrigens nicht die Mühe, das Ding abzuschreiben, geben Sie offen den Band des Konversations-Lexikons mit dem Artikel ›Weihnachten‹ in die Druckerei.«
»Gut,« sagte der junge Journalist, schnellte den Band über den Bücherhaufen hin und geflissentlich auf die Photographie eines reizenden Mädchenkopfes, daß solche den Augen des Alten verborgen sei. »Gut, so werde ich einen Aufsatz über Weihnachtsgebräuche in den Alpen schreiben, von der Christmette, dem Krippel, den alten Hirtenliedern, von den zwölf Nächten, von dem Dreikönigssingen, von dem –«
»Lassen Sie das, es ist leergedroschenes Stroh, es fällt auch nicht ein Körnchen mehr heraus,« sagte der Chefredakteur.
»Also Weihnachten in der Großstadt, oder Weihnachten auf dem Meere oder in Rom, oder irgendwo, oder Weihnachten der Armen, oder auch Weihnacht eines alten Junggesellen, der –«
»Alles abgebraucht, lieber Freund. Sie sind zu den Zeitungsschreibern gegangen und haben keine Phantasie,« rief der Chef und ging mit verschränkten Armen rasch im Zimmer auf und ab. »Weihnacht ist ein Familienfest, da wollen die Leute etwas Gemütliches, Idyllisch-Heiteres, Naives haben, oder Rührsames, Erbauliches – irgend ein Festglockenläuten.«
Er blieb plötzlich vor dem jungen Doktor stehen, als ob ihm eine Idee gekommen wäre. »Schreiben Sie etwas über Menschenliebe!«
Der andere lachte auf.
»Gibt es denn da etwas zu lachen?«
»Nein, wahrhaftig nicht,« versetzte der Doktor. »Ich werde schreiben. Schreiben über die Liebe, die Gottes Sohn auf die Erde gebracht hat und die seither unter den Menschen waltet. Nämlich einen ganzen Tag im Jahre. Denken Sie sich ein Christfest, das zwei Tage dauern würde. Wie fatal! Drei Tage, das wäre schon unmöglich. An die Gaben und Liebesbezeigungen des Weihnachtsabends knüpft man rasch die Unzufriedenheit, die Mißgunst und Falschheit für die nächsten 364 Tage.«
»Vergessen Sie nicht, daß es auch Schaltjahre gibt,« bemerkte der alte Chef launig.
»Mit Ausnahme des einen Tages, des Christtages, wird jedes immerhin noch ein sehr gemeines Jahr sein,« gab der Doktor zurück. »Das Weihnachtsfest ist der Tag, an dem die Menschheit bei sich selbst den Etikettebesuch macht. Das Weihnachtsfest ist der einzige Tag, an welchem Geben seliger ist als Nehmen, weil der Geber auf eine größere Gegengabe rechnet. Die religiöse Weihe, als den Goldstaub dieses Festes, hat eine windige Volksaufklärerei längst weggeblasen – und so ist die moderne Gesellschaft jener unselige Vogel des Märchens, der sich mit raublustigem Schnabel das eigene Herz aus dem Busen hackt. Die Kinder selbst werden an diesem Tage das erstemal zu Heuchlern und lügen einen Glauben an das erscheinende Christkind, »damit es recht viel bringe«. Was bleibt an Poesie noch übrig? Der gestohlene Tannenbaum mit dem Flitter?«
Der Chef blickte den jungen Mann, der, regungslos im Sessel lehnend, halb geschlossenen Auges solche Worte vor sich hingestoßen hatte, mit Teilnahme an und sagte: »So habe ich Sie bisher nicht gekannt, Doktor! Das ist nicht mehr derselbe Bursche, den ich vor ein paar Jahren bei einem Studentenkommers die von lebensfreudigstem Idealismus getragene Rede halten hörte!«
»Ach, gehen Sie mir mit diesem Studenten-Idealismus! Lebensfreudig, ja, solange es Geld und Bier gibt. Der wahrhaft edle Pathos für Freiheit, Brüderlichkeit und Nationalität schrumpft im Kampfe um die persönliche Existenz oder im bald sich einstellenden Haschen nach Geld und Würden armselig zusammen. Das Ideal von der Freiheit, es ist himmlisch groß und soll im Vereine mit der Liebe ja noch die Welt erlösen; aber in den Köpfen und Händen unerfahrener, verführter, leidenschaftlicher Menschen wird es so leicht zur Empörung gegen Obrigkeit und Gesetz. Der Weg der freien Selbstbestimmung ist schmal. Wie edel ist es, sein Ich zu kräftigen und zu vervollkommnen, und wie niederträchtig ist der Egoismus! Wie groß ist die Vaterlandsliebe und wie gefährlich das aufgehetzte Nationalgefühl! Dieses Nationalgefühl gießt Bleikugeln. Sonst hieß es: Die Fürsten machen Kriege. Heute macht sie das Volk; in den Zeitungen steht's zu lesen, in den Vereinen wird's gelehrt, im Parlament wird's besiegelt.«
»Das ist alles wahr,« entgegnete der Chefredakteur, »doch vergessen Sie nur auch in langen Winternächten nicht, daß auf unserer Erde die Sonne nicht untergeht.«
»Auch die Kirchenglocken,« fuhr der Doktor fort, »versprechen in diesen Tagen den Menschen auf Erden Frieden. Am nächsten Tag, als am Stephanitag, wissen sie schon anderes, zu Ehren des Erzmärtyrers rufen sie die Gläubigen zum unversöhnlichen Kampf gegen alle Andersglaubenden.«
»Lieber Freund,« unterbrach der Chef den Sprecher, »Sie sind krank, Sie denken krank, Sie sprechen, als ob Sie Hunger hätten. Nur Geduld! Abgesehen von dem Weihnachts-Feuilleton, das Sie in solcher Stimmung nie werden schreiben können, sind Sie recht verwendbar und habe ich auch die Absicht, von Neujahr ab Ihren Gehalt neuerdings zu erhöhen. –«
»Sie würden es nicht tun, wenn Sie unter gegenwärtiger Ablöhnung meiner sicher wären.«
Da trat eine Pause ein. Der Doktor schliff mit seinem Fingernagel die Federspitze glatt. Der Chef rieb die Augengläser rein, die auf seiner Stirne angelaufen waren.
»Sie sind heute herb, lieber Freund,« sagte er endlich. »Sie müssen etwas Kratzendes auf der Seele haben. Vielleicht sollten Sie heiraten.«
Der Doktor richtete sich ein wenig auf und blickte den alten Herrn verwundert an. Es war eigentlich ein hübscher Kopf, den er hatte, dieser Doktor. In seiner Haltung, in seiner losen Haarfrisur, in seinem kecken Schnurrbärtchen lag noch etwas Studentisches, aber sein Auge war schwermütig. So jung er war, sah er doch schier aus, wie einer jener wenigen Zeitungsschreiber, die nicht bloß zu schwätzen, sondern auch etwas zu sagen wissen – und zu sagen haben. Die Zeitung, der er gegenwärtig diente, war aber eine von denen, die fortwährend schwätzen, damit sie nichts sagen müssen. Darum hatte sie einen großen Leserkreis und darum hatte sie ihren Eigentümer zum reichen Manne gemacht.
»Sie haben da eine Frage angeschlagen, die mich interessiert,« sagte nun der Doktor. »In der Tat, ich glaube, die Ursache, daß ich kein Weihnachts-Feuilleton schreiben kann, ist, weil ich das Weihnachtsfest nicht liebe, nicht empfinde – weil mir dazu das wichtigste Ingrediens fehlt – die Familie!«
»Nun, das ist Ihre Sache,« versetzte der alte Herr ablenkend.
»Die Sache beginnt man gewöhnlich mit einem jungen Mädchen,« sagte der Doktor.
»Oder auch einer jungen Witwe,« setzte der Chef bei.
»Angenommen, mit einem jungen Mädchen, das alle Eigenschaften hätte, um einen glücklichen Gatten zu machen und Kinder vortrefflich zu erziehen. Und dieses Mädchen käme dem hier fraglichen Mann, der zum Behufe des Weihnachtsfestes eine Familie zu gründen gedenkt, mit vielem Beifall entgegen, aber dieses Mädchen hätte unglückseligerweise einen sehr wohlhabenden Vater, der sein Töchterlein begreiflicherweise nur an einen wohlhabenden oder sonstwie hochstehenden Werber abtreten möchte, da haben Sie einen Konflikt, –«
»Ist nicht originell genug,« unterbrach ihn der Chef. »Ein Feuilleton muß drastisch und prickelnd sein, nötigenfalls ein seltsames Geschehnis aus dem Leben erzählen, oder feinsinnig psychologische Eigenheiten, lächerliche Schwächen, rührende Vorzüge der Menschen wiedergeben. Die besten Feuilletons aber sind immer die, in welchen gar kein Inhalt ist – wenn's nur der Leser nicht merkt. Ich will Ihnen übrigens einen Gedanken schenken. Sie schreiben daraus ein prächtiges Weihnachts-Feuilleton, können es auch ausschmücken nach Belieben, und dabei mögen Sie lernen, daß nicht alle Menschen eigennützig sind, wie Sie glauben und sagen: man gebe nur gern, damit einem noch mehr gegeben werde. – Als ich vor fünfundzwanzig Jahren geheiratet hatte, war ich noch unbemittelt, mußte jeden Groschen ins Geschäft stecken, das damals in einer kleinen Schreibrequisitenhandlung bestand. Da konnte ich noch nicht viel für das Weihnachtsfest verwenden. Trotzdem stellten wir jungen Eheleute in unserer kleinen Wohnung ein Christbäumchen auf, wie es zur selben Zeit schon Sitte zu werden begann. Ich freute mich wie ein Kind, meine Frau mit einigen Geschenken zu überraschen, während sie für mich nichts haben sollte. Ich freute mich auf ihre Freude und ihre kleine Verlegenheit. Einige Tage vor dem Feste ging sie still, aber in sich aufgeregt im Hause umher, und als der Christbaum brannte, und die schönen Sachen vor ihr dalagen, sank sie an der Ecke des Zimmers zusammen und begann zu weinen. Das ganze Weihnachtsfest war ihr verdorben, weil sie mich nicht beschenken konnte. Und das ist der Gedanke, den ich Ihnen zur Verfügung stelle.«
»Ich sehe in dieser Erzählung nur den Egoismus des Mannes, der sich selbst den Spaß machen will und an anderen das Bedürfnis zu geben ignoriert.« So der Doktor.
»Genau genommen haben Sie recht,« sagte der Chefredakteur. »Doch so spitzfindig muß man die Sache nicht nehmen, sonst löst sich das beste Herz in lauter Egoismus auf. – Mein Gedanke, den ich Ihnen geschenkt habe, ist übrigens für den Weihnachtstisch zu mager. Sie müssen die Frau mindestens einen kleinen Diebstahl begehen lassen an der Kasse des Mannes, um ihn zu beschenken.«
»Herr, Ihre eigene Frau!« rief der Doktor.
»Von meiner Frau kann überhaupt nicht die Rede sein. Nehmen sie eine Frau Z oder X., nur nicht eine Frau Y., wenn ich bitten darf, denn dieser Buchstabe ist im Petit der Druckerei momentan nicht vorhanden. Das Diebstählchen sollen Sie aber nicht verschmähen, Sie bringen damit Leben und Spannung in die Sache.«
»Herr,« sagte der Doktor, »versuchen wir's, trauen wir unseren Lesern einmal eine einfache, edle Empfindung zu. Ich lasse das Weib an der Ecke des Zimmers weinen, weil sie ihrem Gatten keine Weihnachtsfreude machen konnte. Nichts sonst. – Das wirkt.«
»Sehen Sie, da haben wir wieder den menschengläubigen Gesellen!« sagte der Chef munter. »So geht's mit unseren heutigen Burschen, schwarz-pessimistisch im Räsonieren und kindlich-optimistisch im innersten Empfinden. Nun, machen Sie's, wie Sie wollen, nur setzen Sie mir Ihren Namen dazu. Ihnen verzeiht man mehr als anderen.«
»Es soll ein Feststück werden,« sagte der Doktor mit Lebhaftigkeit. »Vor allem ganz klar ist mir schon der Schlußsatz: Glücklich der Mann, der ein solches Weib sein Eigen nennt, und dreimal glücklich der, welcher einer solchen Mutter Tochter gewinnt!«
»Will mir nicht gefallen. Gefällt mir nicht,« sagte der Chef, indem er sich anschickte, in seinen Biberpelz zu kommen. »Anklang an eine Liebesgeschichte! Paßt nicht für ein Familien-Feuilleton, das man zum Kaffee muß vorlesen können.«
»Herr Chef,« sagte der Doktor und richtete sich endlich einmal von seinem Stuhle auf. »Es ist toll, was wir da reden. Ich habe Ihnen was anderes zu sagen. Sie halten so große Stücke auf die Uneigennützigkeit und Menschenliebe. Nun soll sich's zeigen. Es soll sich zeigen, ob ein Mann der guten Durchschnittssorte Geld und Titel wirklich höher achtet, als die Neigung und Wahl seiner einzigen Tochter, als das redliche Herz eines armen Teufels, der's auch einmal versucht, sein Anrecht an diesem schönen Leben zu erobern, der sich ein bescheidenes Haus gründen möchte als Zuflucht vor den hohlen Promessen und kompakten Torheiten einer zerfahrenen Welt. – Hier!« Er warf die Bücher auf dem Tische auseinander. »Hier unter diesem vergilbten Menschenwitz, unter dieser staubigen Weltweisheit ist mein Schatz begraben. Hinweg, ihr gelehrten Lexika, hinweg ihr Humboldts und Darwins und auch du, alter Grimm – wisset alles und wisset nicht, was die Liebe ist!« Er hob eine Photographie empor: »Kennen Sie das?«
»Wie kommt dies Bild auf Ihren Schreibtisch?« fragte der alte Herr.
Der Doktor legte es wieder hin, stellte sich schier herausfordernd vor seinen Chef und sagte leise: »Sie hat mir's selbst gegeben. – Sie schweigen. Sie ahnen als braver Mann, was Sie tun sollen und suchen als schwacher Mensch Ausflüchte, es nicht zu tun. Ich weiß, Sie wunderten sich, daß Ihr sonst so frisches Töchterl seit einiger Zeit verschlossen und traurig ist. Weil es mutlos ist, sie kennt Ihre Absichten mit dem alten Hofrat. Ich bin nicht mehr mutlos, seit ich Ihnen offen gegenüberstehe – ein Mann dem Manne – und mit dem Rechte des Mannes von Ihnen meine Braut begehre!«
Der Chef ließ den Pelz von der Achsel wieder auf das Sofa gleiten, stützte sich an die Tischecke und fast stöhnend antwortete er: »Doktor! Wie Sie mich doch jetzt erschreckt haben!«
Dieser stand da, preßte die linke Faust an die Brust, die rechte Hand hielt er offen hin: »Herr! Sie kennen mich seit fünf Jahren, Sie wissen, was ich bin und wie ich bin – geben Sie mir das Mädchen!«
»Sie werden begreifen –« stotterte der alte Herr, und das ist in solchem Falle fast allemal eine schlimme Einleitung; doch er sagte nur: »Sie werden begreifen, daß ich jetzt – in diesem Augenblicke – nicht vermag, zu antworten. – Kommen Sie doch morgen abends zu uns. Um sechs Uhr zünden wir den Christbaum an!«
Nach diesen Worten machte er sich eilends davon.
Der Doktor brach schier zusammen an seinem Tische, als wäre ihm weiß was Leides widerfahren. Ein Sturm von Küssen ging nieder auf das kleine Bild. – Der Arme hatte schon lange nicht mehr geweint, nicht mehr weinen können; er hielt das Weinen nur für ein Vorrecht der Kinder, für eine Gnade der Glücklichen. Jetzt war auch er dieser Gnade teilhaft geworden. Was ihm das Christkind bescheren wird – es ist leicht zu erraten.
Und als er ruhig geworden war, machte er sich daran und schrieb das Weihnachts-Feuilleton über die Menschenliebe.
Um solchen Preis hätte ich's auch getan.