Die sächsische Schweiz.
1870.
Wenn es einmal Riesen gegeben hat, – und daran zweifle ich nicht, denn meine Großmutter hat es oft gesagt – und wenn diese Riesen auch geschmackvolle Künstler gewesen sind, dann kann ich mir die Sächsische Schweiz erklären.
Da werden sie einmal zueinander gesagt haben: Was doch dieses Land an der Elbe so öde und leer ist! Wie nimmt sich dagegen da oben das Salzburger Land und die Steiermark und die Schweiz so prächtig aus, da stehen neben den grünen Wiesen und den blauen Flüssen und Seen die großen Berge mit dunkeln Hochwäldern und grauen Felswänden! – Wäret ihr alle dabei, wenn wir hergingen und uns auch so etwas bauten? Und wahrhaftig, sie gingen her, brachen Felsmassen von den südlichen Alpen und vom näheren Riesengebirge und schleppten sie hinab an die Elbe und legten sie an beiden Ufern derselben übereinander und bauten Wände und Türme und nebenhin an den kleineren Bächen bildeten sie Schluchten mit Zacken und Hörnern und Höhlen und allerhand sonderbaren Gestalten. Dazwischen ließen sie aber tiefe dunkelgrüne Täler frei und neben und an und über den Felsen pflanzten sie Laub- und Nadelwälder, und hinter denselben, in Schluchten, errichteten sie Wasserfälle und gruben Tiefen in die Unterwelt.
Und nun hatten die Riesen an der Elbe eine Gebirgswelt voll Wildpracht, wie sie die vielgerühmte Schweiz hat, da oben hinter dem Rhein. Die Schweiz ist zwar schön in ihrer Großartigkeit, aber ihre Großartigkeit ist gar nicht mehr bequem für den Menschen; die Natur scheint dieses Land auch gar nicht für den Menschen gemacht zu haben, sondern für sich selbst. Das Bergland an der Elbe aber hatte die Schönheiten der Natur mit dem Ebenmaß der Kunst vereinigt; es war eigentlich eine ungeheuere Bildhauerarbeit. Und dazu war das Bergland ganz für den Menschen zurechtgelegt; es war ein Steingebirge, aber deshalb nicht unfruchtbar, es war eine wildromantische Felsenwelt, aber deshalb nicht unzugänglich. – Und eben aus diesen letzten Umständen ist zu schließen, daß die Schweiz an der Elbe von kunstfertiger Menschenhand der Riesen gebaut worden ist.
Dergleichen Dinge dachte ich mir, als ich durch die Schluchten des Meißener Hochlandes schritt. Mein Gott, man denkt denn einmal allerhand kindisches Zeug, wenn man so allein und in sich gekehrt dahinschlendert. Als mich endlich die gut angelegten Wege auf Anhöhen führten, fast ohne daß ich's merkte, und ich plötzlich keine Wildbäche und Felswände mehr sah, sondern zwischen sich weithin ziehenden Kornfeldern stand, da wurde mein Denken ein anderes – – nüchterner und vernünftiger.
Dieses Gebirge der Sächsischen Schweiz konnte eigentlich nur durch Vertiefungen entstanden sein, das heißt, die Gegend mußte einst eine Hochebene oder ein einfaches Hügelland gewesen sein. Da kamen Wässer, schwemmten sich Betten, rissen Gräben in das Erdreich, nagten an dem Gesteine und höhlten all die Schluchten. Und als das Wasser schon längst unten in den Tiefen dahinbrauste, begannen an dem entblößten Felsen auch andere Bildhauer zu arbeiten, nämlich die Luft, der Frost und die Sonne, und so sind die eigentümlichen Felsbildungen zustande gekommen. Zu all dem senkte sich verwitternd fruchtbares Erdreich zwischen das Gestein und in seine Risse und Klüfte, und so wuchs in und aus denselben überall der kräftige Wald.
Vom Elbetal aus meint man sich in weiß was für einem Hochgebirge zu befinden, besteigt man aber eine der nahen, kastellartigen Felswände, so steht man erst in gleicher Höhe mit dem übrigen Boden des Meißner Hochlandes. Nur wenige Berge, wie z. B. der Große und Kleine Winterberg, der Lilienstein, der Königstein, erheben sich über die normale Höhe.
Diese hier so überaus seltsame Natur haben die Menschen früh aufgefunden, haben auf die Höhen Häuser und in die Täler Städte gebaut, haben die Flüsse geregelt, überbrückt, Wege und breite Straßen angelegt und dieselben gepflastert und gewahrt; zu den Felsenzinnen hinan haben sie Treppen gebaut und oben sichere Geländer und hohe Türme hingestellt, und auch bequeme Gasthäuser dazu. Und der Elbe entlang haben sie Segel- und Dampfschiffe flott gemacht und feste Straßen und Eisenbahnen angelegt, damit nun von Süden und Norden die Menschen kommen sollten zu sehen, was da auf diesem Fleck Erde für ein Land und Leben ist.
Und sie kommen.
Schon im Frühlingsmonate strömen sie heran aus allen Gegenden, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Herren und Diener; – und solche, die schon gehadert mit dem Leben, weil es ihnen für ihre Millionen keine Lust und Zerstreuung mehr bieten wollte, werden in diesem Hochländchen wieder für einige Tage munter. Da entfaltet sich denn in den Prachtanlagen ein lautes, klingendes Leben, und der Sachse lächelt schlau dazu und schlägt reiche Zinsen aus den Felsen seines Berglandes.
Der Sachse ist aber auch ein Mensch, der sich sehen lassen darf vor den Fremden aus dem Süd- und aus dem Nordlande. In diesem Hochlande wohnt ein gescheites Völklein: gleich auf den ersten Blick merkt der Fremde die Kultur; sie drückt sich aus in den freundlichen, reinlichen Wohnungen, in der bequemen einfachen Kleidung und in der zutraulichem entschiedenen Ausdrucksweise. Kein einziger ist mir auf meinen Wanderungen in der Sächsischen Schweiz begegnet, der mir nicht zuvorkommend einen »guten Tach« geboten hätte. Und wenn ich um den Weg fragte, so wußte man mir denselben stets so einfach und bestimmt zu erklären, daß es eine Freude war. Es mochte vielleicht Zufall sein, aber auffallend war, daß mir auf dem ganzen Wege kein Bettler begegnete, wie sonst in dergleichen Gegenden. Selbst Kinder, die sich als Führer anbieten, wissen das ohne alle Zudringlichkeit und doch entschieden zu tun. »Herr,« sagen sie nach der Begrüßung, »wollen Sie, daß ich Ihnen den Weg und die schönen Punkte zeige und etwas trage, ich habe jetzt Zeit und möchte mir gern ein wenig verdienen!« Und wenn man den gebotenen Dienst ablehnt, so lüften sie wieder das Käppchen und ziehen ihrer Wege.
Die Dorfkirchen sind einfach und meistens evangelisch; die Friedhöfe geschmackvoll, stets mit schönen, sinnigen Inschriften, meistens aus deutschen Klassikern.
Mir hat's wohlgetan in diesem sächsischen Kleinalpenländlein.
Aus der heiligen Stadt.
1870.
In einem Talkessel der Ilm, von hohen Laubwäldern durchzogen, von fruchtbaren Kornfeldern und dunkeln Waldbergen umgeben, angesichts des sich in Südwesten bläulich hinziehenden Thüringer Waldes liegt Deutschlands heilige Totenstadt. Hier haben sie gelebt, die Dichterkönige, die Propheten, und hier liegen sie begraben. Weimar ist ein deutsches Jerusalem, ein deutsches Mekka geworden.
Gleich wenn man über die Höhen von Apolda hinüber kommt, sieht man südlich der Stadt aus einem dunkelgrünen Laubwäldchen eine goldigfunkelnde Kuppel emporragen. Das ist die Fürstengruft und dort ruhen Schiller und Goethe.
Es war mir feierlich zumute, als ich hinabstieg gegen das ruhige Städtchen. Dieses ist durchaus nicht reich an Pracht, aber die Häuser stehen schier weihevoll da, auf dem Pflaster hört man kaum einen Wagen rasseln, und durch die Gassen wandeln nur wenige Menschen. Es ist als ob die Stadt von seiner Glanzperiode zur Zeit Karl Augusts träumte.
Und so lange Weimar steht, wird es träumen von jener Zeit und von den großen Männern, die seine Bürger waren.
Heute zeigt es nur mehr die Wohnstätten der Sänger, und der Wanderer betritt sie mit Ehrfurcht.
Es war hoher Nachmittag, als ich im Städtchen ankam; ich eilte an dem Goethe- und Schiller-Monument am Theaterplatz vorüber, Schillers Wohnhaus zu. Bald darauf stand ich1 im Zimmerchen, wo Schiller gearbeitet hatte und gestorben war. Da steht noch der Schreibtisch und auf demselben das Tintenfaß; da liegt noch das Buch offen, in dem er zuletzt las, und da liegt noch der Brief, den er zuletzt schrieb. Der Sessel steht auch noch am Tisch – man meint, der Professor müsse den Augenblick kommen und sich hinsetzen und seinen »Demetrius« fertig schreiben.
1 Durch die Vermittlung des Dichters Julius Grosse, der im Schillerhause als Präsident des Schillervereines wohnte.
Aber die Schließerin zeigt auf das leere, nur mit grünen und welken Kränzen belegte ärmliche Bett im Winkel und sagt leise: »Hier ist er gestorben.«
Am Bette steht das Tischchen mit der Schale, aus der er seinen Thee trank, und mit dem Medizinfläschchen.
Am Ofen steht ein Saitenkasten, auf welchem eine Gitarre liegt; ich hatte es schier nicht unterlassen mögen, eine Saite zu berühren. Doch, diese Saiten mögen ruhen und trauern.
Goethes Wohnung ist nicht zugänglich. Seinerzeit ist der Eintritt gestattet gewesen; da war einmal, so erzählt man, ein Engländer gekommen und der hatte Goethes Feder mitgenommen; seitdem läßt der Eigentümer des Hauses keinen Fremden mehr ein.
Herder wohnte im Pfarrhofe, unmittelbar an der Stadtkirche; Wielands Haus ist unweit des Theaters. Jedes dieser Häuser ist mit dem Namen des betreffenden Dichters bezeichnet.
Ich bin lange vor den Erzbildern der vier Sänger stehen geblieben.
Zur Nachmittagszeit wanderte ich dem Friedhofe zu, obwohl mir gesagt worden war, es würde mir kaum möglich sein, in die Gruft zu gelangen.
Der Friedhof zu Weimar ist ein dichter, dunkler Wald von Espen, Linden, Eichen und Zypressen, unter welchen die stimmungsvollsten Denkmäler stehen.
Mitten im Friedhofe nun steht ein tempelartiges Gebäude mit der goldschimmernden Kuppel, und hier ist die Grabstätte des Großherzogs Karl August von Weimar und seiner Freunde.
Ich stand eine Zeit lang im Tempel und las die Inschriften der unten Ruhenden. Da kam ein Mann, der wohl der Torwart sein mochte und den ich fragte, ob er mich nicht in die Gruft führen könne.
»Ist nicht gestattet,« antwortete er kurz.
Da war ich betrübt und sagte leise: »Ich hätte ihre Särge gern gesehen, aber ich werde wohl in meinem Leben nicht mehr hierher kommen.«
»Sind wohl aus fernen Landen?« fragte der Mann.
»Aus der Steiermark.«
Auf dieses Wort schlug er mir heiter auf die Achsel: »Da sind wir ja schier Landsleute; meine Heimat ist in Ungarn, nahe an der steierischen Grenze; bin mehreremale in Steiermark gewesen. Ei schau, aus der Steiermark! Sapperlot, das freut mich. Kommen Sie, lieber Herr!«
Mit diesen Worten zog der Mann einen Schlüssel aus der Tasche und führte mich in die Gruft.
Links in der Nische stehen zwei Särge aus dunklem Holz, mit Lorbeerkränzen geschmückt – hier ruhen sie.
Am Grabe Jesus Christus hätte ich kaum gerührter und ehrfurchtsvoller stehen können, als an dieser Stätte unseres erhabenen Sängerpaares.
All' die andern fürstlichen Särge, die im Hauptschiff des Gewölbes der Reihe nach stehen, waren mir gleichgültig, obwohl mein Landsmann von der ungarischen Grenze viele Worte aufbot, mein Interesse dafür zu erregen. Nur am Sarkophag Karl Augusts war mir, als müßte ich dem schlummernden Fürsten meinen Dank sagen, daß er der Freund unserer Dichter gewesen ist.
So war mein Wunsch erfüllt und als ich dem Torwart zu Lohn noch erzählt hatte, wie es in der Steiermark und an der ungarischen Grenze zugehe, verließ ich den Friedhof und wandelte langsam gegen die Stadt.
Am Abend – dieser war so mild und heiter, und die Türme von Weimar funkelten in der untergehenden Sonne – machte ich einen Spaziergang durch das »Hölzchen« und zwar in Begleitung der beiden Dichter, denn ich las Schillers »Spaziergang« und Goethes »Elegien«.
Auf dem Turme der Marienkirche zu Stralsund.
1870.
Einen der eigentümlichsten Eindrücke auf meiner ersten Reise durch Deutschland hat Stralsund auf mich gemacht. Ein stillernstes Denkmal aus lebens- und drangvollen Tagen steht sie da, rings von Wasser umgürtet – die zehnthronige Stadt Jaromars.
Jaromar, ein Fürst von Rügen, hat Stralsund im Jahre 1209 gegründet. Da kamen die Dänen und Lübecker mit Feuer und Schwert, auf daß die kaum dem Meere entstiegene Jungfrau wieder untertauche. Aber bald erhob sie sich wieder, schöner als je und vermählte sich mit der deutschen Hansa.
So ging eine lange Zeit hin und Stralsund blühte als Handelsstadt. Da kam im Jahre 1628 der Herzog von Friedland. Dieser schwur, die Stadt zu erobern, und wäre sie mit Ketten an den Himmel gebunden. Aber nicht an den Himmel war sie gebunden mit Ketten, sondern an die Herzen ihrer Bürger. Diese erschlugen dem gewaltigen Wallenstein zwölftausend seiner besten Streiter vor den Wällen der Stadt, und der Belagerer zog ab.
Im Westfälischen Frieden wurde Stralsund den Schweden abgetreten, aber der Große Kurfürst eroberte es wieder für Deutschland zurück.
Von nun ab wurde Stralsund, das seine der Hansazeit entstammende Kraft längst aufgezehrt hatte, ein Spielball zwischen Preußen, Dänen, Schweden und Franzosen, bis es heute unter dem Schutze Preußens ausruht von seiner blutigen Geschichte.
Stralsund mit seinen schmalen, hohen Häusern, zahlreichen Erkern und stattlich zugespitzten Giebeln, hat den Charakter einer mittelalterlichen Stadt. Die engen, größtenteils gleichlaufenden Gassen sind von Kleingewerbe belebt, nur gegen den Hafen hin entfaltet sich das rege Leben und Streben des Schiffsvolkes.
Unter den malerischen Gebäuden Stralsunds fällt das eigentümlich geformte vieltürmige Rathaus auf, und die Marienkirche.
Von dem hohen Turme der Marienkirche aus, den man (über 368 Stufen) fast bis zur Spitze besteigen kann, hat man die entzückendste Aussicht über das befestigte Viereck der Stadt, über einen Teil von Mecklenburg, der Insel Rügen und den blauen Strela-Sund mit seinen zahlreichen Schiffen. Südöstlich schweift der Blick über den Greifswalder Bodden und nördlich fernhin über die Fläche des Meeres.
Als ich auf dem Turme war, ging nach einem Gewitter gerade die Sonne unter. Die Luft war ungewöhnlich rein, der Himmel zum größten Teile klar geworden, nur über Greifswald und die Insel Usedom zogen sich noch Regenstreifen, von einem reinen Regenbogen durchwoben. Auf dem Meere, gegen Schweden hin, standen am Horizont weiße Punkte – einsam wallende Segelschiffe.
Von Rügen schimmerte das drei Meilen weit entfernte, hochliegende Bergen herüber.
Ich konnte mich von diesem Bilde nicht trennen. – Rügen! du meer- und lichtumflossenes Eiland, du sagenreiche Stätte altnordischer Kultur, du Wiege deutscher Befreier aus römischer Herrschaft; du einst von den Segeln der Hansa umkreister Eichenhain; du ersehntes Ziel der Naturforscher, du Waldesruh der Poeten – ehrwürdige Warte im Norden: sei mir gegrüßt!
»Ik wet nich, jez stahn mer schon twe Stunden da!« mahnte der Küster, der mich auf den Turm begleitet hatte.
»Steigen Sie in Gottesnamen hinab, ich werd' schon nachkommen,« sagte ich.
Darauf meinte er, ich würde allein nicht hinabfinden, eine Zumutung, über die ich lachte.
Der Mann bedeutete mir noch, daß ich mich immer an den Handstrick rechts halten müsse; den Schlüssel, den er unten stecken lassen wolle, möge ich ihm, wenn ich nachkomme, in seine Stube bringen, dann ging er. Ich sah noch, wie die Sonnenstrahlen im Meere erloschen, wie dort Rügens Hauptstadt noch einmal aufglühte und wie dann stille Dämmerung lag über Land und Meer.
Tief unter mir tönte schon die dumpfe Abendglocke der Marienkirche, als ich endlich an das Hinabsteigen dachte.
Im Turme war es dunkel; ich hielt mich immer an die Handhabe rechts. Ich stieg langsam und vorsichtig abwärts. Auf den steinernen Stufen fühlte ich hie und da Schutt, den ich beim Hinansteigen nicht bemerkt hatte. Ich hatte stets den Strick in der Hand. Dann und wann rauschte es, ich mußte wahrscheinlich Familien von Fledermäusen behelligen. Mir wurde fast unheimlich; ich suchte in meinen Taschen nach einem Streichhölzchen, fand aber keins und jetzt hatte ich auch den Strick verloren. Ich tastete an der rauhen, unübertünchten Mauer umher, aber ich fand keinen Strick. Wird sich doch wohl auch ohne einen solchen hinabhelfen lassen, dachte ich und kroch über Stufen und Stufen. Die Treppe wand sich und ich kam immer mehr in Schutt, und endlich hatte ich Mauer und Schutt neben und vor mir und ich konnte nicht mehr weiter. Viel Staub hatte ich aufgewirbelt, der legte sich mir jetzt in die Augen. Dann und wann flatterte etwas vorüber, etwas, aus welchem meine erregte Phantasie machen konnte, was sie wollte. – Ich war schier ratlos, doch entschloß ich mich, wieder emporzusteigen, die rechte Treppe zu suchen oder im schlimmsten Falle von der Höhe des Turmes um Hilfe zu rufen.
Aber es sollte noch einen schlimmeren Fall geben, den nämlich, daß ich auch den Aufgang nicht mehr fand; ich kletterte über Stufen und Schutt und Gerölle empor, da stand ich an einer feuchten Wand, konnte nicht weiter und mußte wieder umkehren. So kletterte ich eine Zeitlang erregt und ruhelos auf und nieder und mir schien, als käme ich immer in andere Räume. Hie und da sah ich hoch über mir eine schmale Wandscharte, durch die einige matte Strahlen des Abends hereinfielen, sonst war überall undurchdringliche Finsternis.
Ich verwünschte meinen Eigensinn, nicht dem Küster gefolgt zu sein – aber das Bild war ja so schön gewesen!
Ich ergab mich in das Unvermeidliche; am nächsten Morgen würde sich das Weitere ja doch wohl finden.
Ich setzte mich auf einen Stein, schlug meine Wolldecke, die ich immer mit mir trug, eng um Achseln und Brust und versuchte einzuschlafen. Aber ich war zu erregt. – So hilflos und verlassen hier, hoch über den Menschen! Wenn unten die Uhr schlug, hörte ich kaum die Töne. –
Indes, nach und nach wurde es in mir ruhiger und noch einmal begann sich in dieser camera obscura das abendliche Bild der Aussicht von oben zu klären. Ich sah das meer- und lichtumstrahlte Eiland – ich sah Schiffe gleiten mit wehenden Wimpeln über den dunkeln Wassern; – ich sah endlich, wie aus den Fluten Felsen und Triften und Wälder und Auen sich erhoben und ich sah Hütten und Herden und heitere Hirten. Ich sah lustig jodelnde Sennerinnen und rüstige Gemsjäger. Und unten in den stillen Tälern sah ich Dörfer mit Schindeldächern und weißen Wänden, und ich sah, wie aus den Schornsteinen blauer Rauch aufstieg – ich sah mein geliebtes Alpenland. – … Da schwand das Traumbild und ich war wach.
Unweit von mir hörte ich Gepolter und Männerstimmen, Lichtschein fiel mir in die Augen.
Das waren der Küster und sein Sohn, die, als der Fremde am späten Abend noch immer nicht mit dem Schlüssel von dem Turme zurückgekommen, sich mit einer Laterne aufgemacht hatten, um zu sehen, ob ihm in den Räumen und Winkeln des alten Turmes doch nicht etwa was zugestoßen sei. Ich war bei den durch abgelöstes Mauerwerk halbverschütteten Treppen abgeirrt von der Haupttreppe, und war wirklich schon einem Abgrund nahe gewesen, der mich zwar mit einemmale um ein Bedeutendes tiefer, aber zuletzt wohl gar um sechs Schuh zu tief gebracht hätte.
Wir mußten viele Treppen hinabsteigen und als wir an der Glocke vorüberkamen, schlug sie die elfte Stunde.
Den andern Tag im Morgensonnenschein fuhr ich über den Sund und wanderte durch die Insel Rügen bis hinan zum Rugard.
Dort stand ich still und blickte rings um mich.
Da sah ich die Hügel von Putbus, die Buchenwälder bei Granitz und Stubbenkammer, die Kreidefelsen bei Arkona, die blauen Buchten, das Meer ringsum und in der Ferne gegen Westen den Turm der Marienkirche zu Stralsund.
Auf dem Rigi.
1870.
Wenn man sich von Graz über Stralsund und Amsterdam nach Luzern rädern läßt und endlich auf eigene Socken kommt, so sieht man sich nicht erst um nach Hotel und Staubbürste, nicht erst nach dem Pfyfferschen Relief, nicht nach Thorwaldsens Löwen, nein, man flieht, eilt fort, – endlich auf eigenen Füßen!
Ich lief, kaum ich dem Bahnhofe entsprungen war, über die eingedeckte Holzbrücke, und ich lief dem Hafen und dem Ufer des Vierwaldstätter Sees entlang gegen Küßnacht. Mir war unsäglich wohl und leicht, ich wollte nichts von Menschenwerk und Stadtluft, ich wollte die Natur des Hochgebirges, die ich seit der Fahrt über den Semmering schon so lange entbehren mußte. Das endlich war wieder die freie frische Luft voll Harzduft, voll Waldesrauschen – mein Element. Ich kam mir vor wie getragen, ich berührte die Erde kaum. Wie ein Reh lief ich am See entlang; ich war außer mir vor Freude, daß ich wieder in den Bergen stand. Was waren das für Berge, was war das für ein Alpenland! Jetzt, Du mein Gott, sah ich's erst, ich stand mitten in der Schweiz.
Da lag vor mir der vielarmige See, so ruhig, so dunkelblau, wie das Himmelsauge an einem heiteren Herbstabend. Ein einziges Segelschiffchen glitt über den Spiegel und es war mir, als trage das einsame Segelschiffchen Poesie über den See – mehr konnte ich nicht erkennen.
Diesseits liegt die grüne Wiese und ein kleines Landhaus mit weiten, grün eingerahmten Fenstern und grauen, schuppenartig verkleideten Wänden; vor dem Hause sind Lauben und Rebenpflanzungen.
Jenseits des Sees aber, am bläulich schattigen Ufer erhebt sich der dunkle Wald und die düstere Felswand, und nun ist geschichtet Felswand auf Felswand – hoch empor hat es sich gebaut und getürmt in allen Lagen, in allen Gestalten, und oben an den Hängen und höchsten Hörnern kleben Nebelflocken wie weiße Blüten.
Doch siehe, jene Klamm dort, aus welcher der Wassersturz wie ein milchweißes Band niedergeht, öffnet uns einen Blick in den Hintergrund.
Aber was drängt sich da für ein wilder, finsterer Geselle vor, uns den Blick auf das liebliche Bild abzuschneiden?
Wie ein Verzweifelter steht er da, wüst und zerrissen; ewig starrt er nieder in den tiefen See, ob er wogt und flutet, ob er ruhig ist. – So stürze dich hinein! – Nicht doch, wer weiß, welch' Leid in deinem Herzen nagt. – Man erzählt sich wohl was besonderes von dir, du finsterer Riese. Da kam der römische Landpfleger Pilatus, und aus Reue, daß er den Nazarener zur Hinrichtung verdammt hatte, stürzte er sich von dir in diesen See und davon hättest du den Namen.
Links vor mir, hinter dem Seearm, erhebt sich ein grünlich-grauer, teilweise felsiger, teilweise bewaldeter Berg, in Form einer abgestumpften Pyramide. Dieser Berg ist der Rigi. Auf der höchsten Spitze desselben leuchtete ein weißer Punkt, das Hotel Rigi-Kulm. Und morgen, wenn die Sonne aufgeht, mußt du dort oben sein, und heute, da sie schon beinahe untergeht, bist du weit davon, und hast noch gar keine Herberge.
Einladende Höfe genug, einladende Menschen auch, denn die Ufer des Vierwaldstätter Sees sind dicht besäet von lebenslustigen Armen und Reichen, die in niedlichen Häusern oder stattlichen Villen wohnen. Aber ich fühlte ja noch die Flügel an den Fersen, und es lag Küßnacht nicht mehr fern. Dieser kleine Ort mit den großen Häusern ist so einladend, wie sein Name, es war, als ich ihn erreichte, schon dunkel geworden, aber trotzdem ging ich auch hier vorüber. Von Immensee aus, so hieß es in meinem Handbuche, ist der Rigi am kürzesten und bequemsten zu besteigen; mein Ziel für heute war Immensee.
So ging ich. Vor mir leuchteten Johanniswürmchen, über mir die Sterne. Und Grillen hörte ich singen; in Steiermark tun es an so lieblichen Abenden auch die Burschen. Kaum eine halbe Stunde hinter Küßnacht kam ich zu dem Hohlweg, wo Wilhelm Tell den Schuß nach Geßler getan. Es war fast ganz finster, denn die Bäume hingen über mir zusammen. Ich blieb stehen, ich dachte an Schillers Dichtung, an die Tradition, an das Reichsvogtentum der alten Zeit. Mit tiefem Pathos begann ich endlich zu deklamieren: »Durch diese hohle Gasse muß er kommen!«
»Er isch schon da!« rief es plötzlich hinter mir, und zwei Arme legten sich um meinen Leib.
Ich war im Moment so erschrocken, daß ein ganzes Planetensystem vor meinen Augen funkelte.
»Verflucht!« rief ich, »wer ist da?«
»Stell di nit so närrisch, du Dingli; meinst, wo de gohsch und wo de stohsch, sin G'spenster! Luig me an, ob i nit der alt Friedli bi, der bsinnig!« Diese Worte sprach ein armseliges Gestaltlein, und dann reichte es mir die Hand. Ich nahm sie an.
»Wer sind Sie und was wollen Sie von mir?« fragte ich.
»Gueten Obe, de Friedli isch's halt; wonn der wilsch und wonn de z'friede bisch, so weis' i dir e Hus zum schlofe huit; de Nacht isch lang und chüel. Verstöhnt der mi?«
»Angenommen,« sagte ich, »aber führen Sie mich in das nächstbeste Gasthaus, je näher am Berge, je besser, ich will mir für morgen den Weg auf den Rigi so kurz als möglich machen.«
Dann führte mich das Männchen unter fortwährendem Geplauder. Fast possierlich sah es aus; es hatte, wie ich jetzt in der Sternenhelle bemerken konnte, einen Höcker, und trippelte damit geschäftig neben mir her und machte mich auf jedes Steinchen und auf jede Wurzel, über die wir schritten, aufmerksam.
Und bald kamen wir ins »Hus«. Aber das war zu meinem Erstaunen kein Gasthaus, sondern ein großer Bauernhof mit vielen Ställen und Scheunen, aus denen mehrere Blechschellen, wie sie die Herden haben, ertönten.
Als mich mein Begleiter ins Wohnhaus führte, sagte ein Weib, das an der Türe stand, und an dem ich in der Dunkelheit nur bemerken konnte, daß es sehr beleibt war: »Je, Friedli, wen bringst denn da?«
»E Büebli, das im Wald isch gsi und ke Hus g'funde het,« antwortete das Männlein und rieb sich die Hände.
Jetzt kamen auch noch andere Leute herbei, und sie lachten und endlich führten sie mich in eine Stube, die sehr geräumig und reinlich war, und in welcher eine Petroleumlampe brannte.
»Entschuldigen Sie, man wird nicht hier bleiben können?« sagte ich.
Da entgegnete mir ein stämmiger Mann, der in Alpentracht war und ein Pfeifchen schmauchte: »Gasthaus ist zwar keines bei uns, aber wenn Sie nicht gern mehr hinabgehe nach Immensee und weil Sie der Friedli schon einmal gebracht hat, so bleibe Sie in Gottesnamen nur da; wenn Sie zufriede sein wollen, wir tun Ihnen gut, wie wir's haben.«
Nach diesen Worten zog er über den Tisch, der in einer Ecke der Stube stand, ein weißes Tuch, und das Weib, welches früher an der Tür gestanden war, brachte Brot, Butter, Honig und eine Schale Milch, und dann luden sie mich ein, daß ich mich hinsetze und esse.
Da setzte ich mich zum Tisch und aß.
Das Männlein, das mich gebracht hatte, kauerte in einem Winkel der Stube und sah mir wohlgefällig zu, wie ich mir erkleckliche Brotlappen herabschnitt, sie auf einer Seite fürsorglich mit Butter, auf der anderen minniglich mit Honig bestrich, und meinen Appetit spielen ließ.
»Nun, wie ist denn das?« fragte ich endlich, als der Mund einmal einen Augenblick frei war, »der Mann dort hat mich im Hohlweg aufgefangen. Ist das ein Fremdenführer?«
»Ei nein,« sagte der Hauswirt fast hochdeutsch, »er ist ein Vetter von meinem Weib und da behalten wir ihn so im Hause, trotz der Albernheiten, die er tut.« Und mit einem Finger auf die Stirne klopfend: »Hat da d'rin lauter Räder, sonst nichts! Ei ja, tun tut er niemandem nichts, will allen Leuten, die ihm begegnen, Gefälligkeit erweisen. Einem Narren sieht man doch damit gleich.«
»Aber das war nicht dumm, daß er mich da hergeführt hat zu Milch und Honig!«
»Gesegn' Gott, wenn's schmeckt!« sagte der Bauer, »sind sicher ein Studiosus? – Ni ja, hab' mir's gleich dacht. Mein Älterer, der Medardi, ischt auch Studiosus, unten in Zürich. Sie wollen gewiß morgen auf den Berg? Und vor Aufgang noch? Schau', das ist viel! Die Sonne, wissen Sie, geht da oben viel früher auf, als anderswo; hier unten kommt sie gerade um drei Stunde später. Ja, da möge Sie heut' wohl gleich ins Bett gehe. – Sepheli!« rief er hernach in ein Nebenstübchen, »Luig, isch das Bett für den Ma da neumis scho fertig? Tausigsappermost, 's isch hochi Zit!«
»Nun,« sagte ich, »so wollen wir heute noch die Rechnung begleichen«.
»Jetzt hören Sie mir auf!« lachte der Mann, »so ein Studiosus da!«
»'s isch fertig, do lit er, wie ne Grof!« hörte ich in einer Kammer über uns sagen, und mein Gastherr sprach: »Fertig wär's. Jetzt sag' ich Ihnen eine ruhsame Nacht!«
»Gunn der 's Gott der Herr!« schmunzelte mir das alte Männlein aus seinem Winkel zu und ich wurde in eine Oberstube zu Bett gebracht.
Das Bett war nicht mit allzufeiner Leinwand überzogen, die Decke etwas steif; dennoch aber schlief ich auf meiner ganzen Reise nicht so süß als in dieser Bauernstube.
»'s isch Zit, Büebli, 's hat eis gschlage!« rief es plötzlich, und der Friedli stand mit einer Talgkerze vor dem Bett und rüttelte an der Decke.
Wenn die Zeit des Schlummers des Menschen glücklichste Zeit ist, wie Philosophen gesagt haben, warum läßt man sich wecken eines Sonnaufganges wegen?
»Bisch sölli müed und schlöfrig gsi? Freili jo, Suntig isch, chumm, 's git e gueti Tag!«
Wohlan, wenn es einen guten Tag gibt, da muß man dabei sein. – Ich erhob mich und in wenigen Minuten darauf gingen wir in der kühlen Nachtluft durch junges Dickicht hinan. Friedli wies mir den Weg. Es war sehr taunaß, über den Zuger See und über das östliche Hügelland gegen Zürich hin hatte sich Nebel gelagert. Der Sternenhimmel war rein. Da wir auf einem guten Fußweg waren, der nicht leicht zu verfehlen sein konnte, sagte ich meinem Begleiter, daß er nun umkehren möge, und ich wollte ihm eine Münze in die Hand drücken; er kehrte weder um, noch nahm er die Münze. Erst als der Morgenstern aufging, meinte Friedli: »'s isch ein anderer da, bin jetzt frei dervo, bhüetis Gott!«
»Leb' wohl, Friedli!« sagte ich und das Wort kam mir aus dem Herzen. »Wenn ich einen andern Rückweg einschlage, so dank' ich dir und den deinen noch einmal. Leb' wohl, Friedli!«
»Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!« sagte er und ging bergab.
Das war im ersten Schimmer des Morgensternes.
Ich ging aufwärts. Die Luft strich kühler und kühler; über dem Hügelland lag ein lichter Streifen, einzelne Vogelstimmen wurden wach.
Der Weg führte durch Wald und Strauch, über Weiden und an Sennhütten vorüber, oft über Gerölle und an Felswänden hin.
Nach einer zweistündigen Wanderung war ich am Hotel »Rigistaffel«. Ich blieb stehen und blickte abwärts und auswärts. In den Tälern lag noch Schatten, der Stern des Vierwaldstätter Sees in tiefer Dämmerung. Die Ufer waren mit lichten Punkten von Dörfern und Villen bestreut; Luzern lag da wie ein winziges Häuflein weißer Steine.
Eine Stunde später stand ich auf der höchsten Spitze des Rigi, am Hotel »Rigi-Kulm«, das mir gestern als kleiner Punkt entgegen geleuchtet.
Ich hörte einmal einen Mann, der den Rigi bestiegen hatte, folgende Worte sprechen: »Ich weiß nicht, was die Leute an diesem Rigi finden; das Hotel ist gar nicht so außerordentlich, ja im Gegenteile, man lebt im Tale billiger und besser. Und die Aussicht, du mein Gott, nichts als Berge. Und da geht noch ein kalter Wind. Was doch die Leut' an diesem Rigi finden!« –
Nach der anstrengenden Partie trank ich im Hotel, in welchem sich einige Engländer befanden, ein kleines Schälchen Milch für fünfundsiebzig Centimes, dann ging ich wieder in das Freie, wo ein kalter Wind zog und ich nichts sah als Berge.
Aber welche Berge!
Die Gletscherwelt der Schweiz, wie sie südwestlich des Rigi in einem ungeheueren Halbkreis daliegt. Und dann tauchte im Osten langsam und langsam die glühende Riesenscheibe empor und dann entzündete sich das Meer der Gletscher und das war ein stilles Glühen und Leuchten hin über das ganze wunderbare Hochland!
Acht Tage früher hatte ich das Wogen und Fluten der Meereswellen in der Nordsee gesehen und die Sonne ging auf. Und heute aus dieser unendlichen Ruhe ging die Sonne auf. –
Als meine Augen getrunken hatten bis zur Berauschung, und als sich mein Herz gelabt hatte an der ewigen Schönheit, stieg ich wieder abwärts.
Meine liebenswürdigen Wirtsleute bei Immensee sollte ich nicht mehr sehen. Ich ging südlich gegen das Klösterli Maria im Schnee, gar einsam und arm im Alpenkare gelegen. Da steht über 4000 Fuß hoch ein Wallfahrtskirchlein, und da leben in einem dürftigen Hause drei Kapuziner. Sie betreiben eine kleine Milchwirtschaft, und ihr niedriges Dach dient armen Wallfahrern und vom Unwetter überraschten Touristen zum gastlichen Hospiz.
Von hier aus geht es an Hängen und durch Schluchten steil abwärts gegen Arth, ein kleines Dorf, das an der südlichsten Spitze des Zuger Sees liegt.
Als ich den See gegen Zug entlang ging, sah ich über dem jenseitigen Ufer noch einmal meine gastliche Herberge, den Bauernhof. Das Männlein sah ich nicht; bald rollten mich die Räder wieder fort aus dem Lande des Friedli.
– Will's Gott, mer werde scho im Himmel wieder z'seme cho!
Aus dem Ungarlande.
1871.
Man meint, die Donau müsse nach und nach denn doch etwas von Kultur und Sitte aus den deutschen Landen hinabschwemmen. In Städten, wo die Dampfschiffe rasten, da sammelt sich's trefflich an und die Hauptstadt des Magyarenlandes trägt zum größten Teile deutschen Charakter. Bis aber in den Dörfern und auf den Pußten das Gemeinsame aller gebildeten Völker auflebt, wird noch viel Wasser die Donau hinabfließen. Das ist der selbständige, sich in sich abschließende, der stolze Stamm der Magyaren.
Auf meinen Wanderungen in Ungarn kam ich eines schönen Abends in ein großes Dorf. Es war so weit in dem Osten, daß die Dämmerung dort um eine gute halbe Stunde früher eintritt als in der Steiermark. So lag über den endlosen Ebenen hin der aschfarbige Himmel; nur wo die Sonne niedergegangen war, zogen sich glühende Streifen und Nadeln hin, so innig schloß sich der Himmel an die Ebene und so tief war der Horizont hingezogen, daß er zu sehen war wie die Meeresküste, und die lichten Wolkenstreifen darin lagen wie Inseln auf der graubläulichen See.
Ein ungarisches Dorf ist wie das andere. Da liegt es auf der Pußta und eine sehr breite Straße führt durch. Daß sich auf dieser Straße ein Pferd verstaucht oder ein Wagenrad bricht, ist nicht leicht zu denken; denn eine dicke Mulde aus dem feinsten braunen Staub ist hier ausgebreitet hin und hin, welche zur Regenzeit zum mildesten Teppich wird, in dem man sich wie in ein Kissen verbergen kann mit Roß und Wagen.
Und im Dorfe stehen Hütten aus Lehm und Stroh an beiden Seiten der Straße; die Fensterchen sind so klein, daß kaum ein ungarischer Kopf, geschweige ein ungarischer Schnurrbart ordentlich herauslugen kann. Vor und hinter den Hütten sind Akazien und Maulbeerbäume gepflanzt, welche sich über den fahlen Strohdächern die Arme reichen – die Sonne soll hier gar wüst sein, wenn sie obenan steht. Leblos sind die Gassen des Dorfes nicht, es ziehen uns gemütliche Esel, langgehörnte Ochsen, gesprächige Gänse, grunzende Schweine überall entgegen. Auf dem großen Platze des Dorfes sind umfangreiche Pfützen, zu dünn, um darüber hinzuschreiten, zu dick, um darin unterzugehen, ganz gemacht zum Baden und Wälzen für Menschen und Tiere. Es ist kaum übertrieben – man kann's ja sehen, wie Kinder und Schweine, erwachsene Weiber und Gänse, Männer und Esel in zarter Eintracht in der Dorfpfütze Erfrischung genießen.
Ich sah sie noch lange lustwandeln von meiner Wohnung aus, die mir ein Mann in dem besten Hause des Ortes besorgt hatte, ich hörte von der Rocsma (Schenke) her auch die Tonschläge eines Zimbals – ich ging aber bald zur Ruhe.
In den steirischen Bauerngehöften weckt zum Morgen die Leute der Oberknecht, in Ungarn besorgen das die Mücken; sie schreien und poltern nicht wie der Oberknecht, sie summen und singen nur so herum, sie setzen sich nur so auf die Wangen, auf die Stirne, auf die Nase, und beißen und stechen, daß Ballen wachsen wie Schwämme; dann singen sie wieder – im übrigen kann man liegen bleiben und schlafen, so lange man will.
Es war Sonntag. Vor den Hütten saßen die männlichen Einwohner in ihren weiten Beinkleidern, von denen ich nie ergründen konnte, ob sie Hosen oder Kittel seien. Sie aßen Brot und Speck. Dann erhoben sie sich und gingen zur Kirche hinan, die auf dem Hügel stand. Die Weiber kamen aus den Hütten hervor und gingen auch hinan; sie hatten schmucke Spenser. Die Mädchen waren gar in kurzen, schneeweißen Hemdärmeln und in den bloßen, sorglich gescheitelten Locken. Die Männer hatten kaum eine bessere Kleidung als am Werktage zuvor; viele waren sogar barfuß und die Fransen ihrer weißen Beinkleider schwammen in der Mulde.
Als sie hinanstiegen, war ich auch unter ihnen. Da ich von ihren Gesprächen nicht viel verstand und mich in dieselben also auch nicht mischen konnte, hatte ich Zeit, die Gegend zu betrachten. Das Dorf unten war weit gedehnt, es zählte tausend und mehrere hundert Einwohner. Draußen, gegen Südwesten lagen die Weinhügel, weiter links standen üppige Buchen- und Eichenwälder; – mein geliebter Baum, die Tanne, wächst dort nicht, weit und breit, darum hat die Luft keine Würze, sie ist immer süßlich, lau und schal, wie gekocht. Im Osten lag Heideland, im Norden zogen sich unabsehbare Getreidefelder hin, und weit draußen lag still und ruhig wie die Heide und das Kornland der Donaustrom. Hinter demselben sah man wieder die gelben Streifen der Felder, die fahlen Flächen der Heide und zuletzt im Äther ein mattgraues Band – die Karpathen. Dann begannen die Wolkengestalten in der ungeheuren Himmelsglocke, und diese Wolkengestalten waren mir das Schönste zu allen Tageszeiten im Lande der Ungarn.
Die Gemeinde, die mit mir auf den Hügel gestiegen war, und die Kirche, die, weiß übertüncht, weit in das Land hinausschaute, war kalvinisch. Auf dem Turme prangte kein Kreuz, sondern ein Ding in Gestalt jener alten Waffen, die man Morgensterne nannte. Die Fenstergitter bildeten Herze, Ringe, doch kein Kreuz. Auf dem Friedhofe hinter der Kirche waren viereckige Holzpfähle mit ausgezackten Köpfen als Denkmäler in die Erde geschlagen, aber kein einziges Kreuz. Die Kalviner mögen das Kreuz nicht leiden; sie wollen nicht erinnert sein an den Schandflecken der Menschen, die ihren Heiland zu Dank an das Kreuz geschlagen. Die Kalviner wollen auch kein Bild, weder eine Darstellung Gottes noch der Menschen; unmittelbar wollen sie mit dem Gegenstand verkehren. Das sieht löblich aus; doch wie dadurch der Sinn, die Kunst zuteil kommt, denen die Religion und ihr Kult auch eine Pflegestätte sein soll? Die Einfachheit der lutherischen Tempel tut wohl, ein kalvinisches Gotteshaus aber ist nicht mehr einfach, es ist geradezu trostlos. Da ist rein gar nichts als die nackte Mauer und der Fußboden und die Decke, die glatte Kanzel, der Opfertisch und einige Stühle. Das alles in allem. Dann kommt der Pastor und hält eine Rede, dann singt die Gemeinde Psalmen. Wohl recht einfach, aber noch einfacher wäre, wenn die Mauern auseinandergefallen und die Menschen Gott anbeteten, frei in der allherrlichen Natur des Himmelsgezeltes. Das wäre ein rechtes Bild Gottes und doch kein Bild – ein wahres Gotteshaus.
Der eifrige, eigenstimmige Gesang der »reingläubigen« Kalvinisten hätte mich bald zum Lächeln gebracht, aber das wäre gefährlich gewesen. Es war ein so sonderbares Gesurre, dann wieder ein so gewaltiges Geschrei; und eine einzelne Stimme war in dem Volke, so grell und zackig, und diese wollte nirgends recht hineinpassen, und sie ging, alle anderen Töne durchschneidend, ihre eigenen Wege. Dabei machten die Leute Gesichter, und wie sich der Gesang drehte, so auch ihre Augen und mit den Lippen stiegen und fielen auch die Schnurrbärte. Aber die Andacht in Ehren, sie wird gut gewesen sein.
Eigentümlich war der Ausgang. Sie sangen noch alle, als sich plötzlich die kleinen Mädchen erhoben und singend das Bethaus verließen; diesen folgten die erwachsenen Mädchen, wie sie in den Stühlen gesondert waren. Dann erhoben sich die Weiber und die alten Mütterchen und verließen singend die Kirche. So waren nach und nach alle weiblichen Stimmen verstummt und es sangen nur noch die Männer. Nun aber begannen sich die Knaben zu entfernen und nach diesen traten die Jünglinge, dann die Männer hinaus. Jetzt saßen noch die Greise da und sangen. Dann erhoben sich auch diese und gingen, ihnen folgte der Pastor und nun saß außer mir nur mehr der alte Chormeister allein in der Kirche und sang, bis endlich auch der schwieg und die Kirche verließ. So war der Gesang nach und nach abgestorben und es war still und leer im Bethaus. Jetzt verließ auch ich meinen Winkel und ging an der Kanzel und an dem Opfertisch vorüber in das Freie.
Da war's gar heiß in der Sonne, aber siehe, die Dorfschwemme war in der Nähe. Die Leutchen, wie sie aus der Kirche kamen und sich mit den Ärmeln den Schweiß wischten, machten nicht viel Aufhebens, sie entkleideten sich kurzweg und stiegen in die Pfütze und wuschen sich säuberlich und plätscherten. Sonst, glaube ich, heißt es nach der gestrengen Satzung Kalvins, daß, wer in der Öffentlichkeit einen solch schlüpfrigen Wandel führt, des Landes verwiesen und ausgepeitscht werden soll; nein, so pedantisch genau scheinen es die ungarischen Kalviner nicht zu nehmen.
Sehr schwer sollen sich übrigens auch die Katholiken der ungarischen Dörfer ihre Sache nicht legen. In der Nähe meines kalvinischen Dorfes ist ein katholisches, von dem mir ein alter Einwohner desselben Folgendes erzählte: Als vor mehreren Jahren im Dorfe der Peterspfennig eingeführt wurde, war viel Lärm. Der Pfarrer predigte auf der Kanzel von der Not des heiligen Vaters und stellte diese so ergreifend dar, daß er dabei in Schluchzen ausbrach. Die Bauern blieben trockenen Auges, aber sie starrten so vor sich hin, als ob sie sagen wollten, daß es mit dem heiligen Vater nicht so bleiben dürfe, und daß sie sich in dieser Sache nicht spotten lassen wollten. Und die Bauern derselben Gegend sind wohlhabend. Der Pfarrer ließ mitten in der Kirche eine weidlich große Blechbüchse aufstellen und predigte nun jeden Sonntag von der Armut des heiligen Vaters. Aber die Blechbüchse war denn doch wohl sehr geräumig, denn oft verfügte sich Seine Hochwürden zur stillen Nachmittagsstunde in die Kirche und klopfte mit dem umgebogenen Zeigefinger an die Büchse – das gab noch immer einen schauerlichen Widerhall. Hierauf ließ der Pfarrer einen Priester aus Gran kommen, der eine glänzende Rednergabe besaß und der auf der Kanzel das Elend des Papstes und den Hunger, den er leiden muß, so lebhaft darstellte, daß die Bauern ordentlich Appetit bekamen und nach der Predigt sogleich in die Schenke eilten und ein Bedeutendes an Speck und Schnaps verzehrten. Indes der Pfarrer hatte der Sache Genüge getan und konnte nun wohl einer bedeutenden Ernte gewiß sein. Freilich wohl gab die Büchse noch immer einen hohlen Ton, doch Silberstücke füllen einen solchen Bauch nicht so bald. Als nun eine bedeutende Zeit um war, ließ der Pfarrer die Sammelkasse öffnen und fand darin – ja sind denn diese Bauern Ludersleute? – fand zweiundeinenhalben Kreuzer und einen Pfeifendeckel. So ist mir wohl von boshaftem Munde erzählt worden, und Ähnliches ereignete sich auch in anderen Dörfern Oberungarns.
Nun kehre ich wieder zu meiner Gemeinde zurück. Ich hatte ihr den Vormittag des Sonntags gewidmet, desgleichen sollte auch mit dem Nachmittag geschehen.
Doch ich verlor sie bald; sie verkrochen sich in ihre Hütten, nur daß in der Schwemme noch ein oder der andere Junge plätscherte und daß dann und wann ein Mägdlein auf dem Wege in den entlegenen Keller und zurück durch die Gassen eilte und im Vorbeieilen den Fuß auch ein wenig in das Wasser steckte.
Erst am Abende wurde es rege. Eine Schalmei fing zuerst an, dann begannen in der Schenke Pauken und Pfeifen und jetzt kamen sie herbei von allen Seiten des Dorfes und hüpften schon unterwegs den Nationaltanz.
An Mädchen strömt eine große Auswahl herbei; der Bursche braucht nur zu winken, läuft ihm gleich eine zu. Sie legt ihre Hände flach auf seine Achseln, er legt die seinen an ihre Hüfte, dann beginnen sie zu hüpfen nach rechts und nach links, daß der Schnurrbart wedelt. Das Mädchen guckt dabei ein wenig in seine Augen, ein wenig in den Spiegel, der über die beschnürten Flügel seines glatten Spensers geht, zwar nicht aus Kristall besteht, sondern nur aus dem Glanze des Speckes von so manchem Jahre. Gegessen und getrunken, gönn's ihnen Gott, wird wohl auch wacker. Dann kommen auf Eselkarren die jungen Leute der Nachbardörfer; sind sie auch vormittags geschieden in Bethäusern verschiedener Konfessionen, den Nachmittag haben sie gemeinsam; der Katholik hopst mit lutherischen Mädchen und schlürft kalvinischen Wein, und mitunter verteilt er, weil's denn so brüderlich hergeht, zuzeiten katholische Prügel.
An demselben Abend war's lustig zu sehen und zu hören, aber als es gegen die elfte Stunde ging, da begann auf dem Kirchturme plötzlich die Glocke zu tönen. Ich erschrak; war Feuer im Ort, oder ein Sterbender? Kein Unglück treffe das Dorf und lange lebe der Magyare! Aber Ruhe soll er machen, heim soll er gehen noch vor Mitternacht, so will's der Herr Pastor und darum läßt er die Glocke läuten. Ein praktischer Kalviner benützt die Kirchenglocke also auch zur Polizei; das hat Schiller in seinem Lied von der Glocke vergessen.
Es wurde wirklich bald ruhig in der Schenke und sie gingen heim. Ich sah noch lange durch das offene Fensterchen in die laue Nacht hinaus. Ein paar Hunde bellten unten, sonst war es still; mir kam es fast unheimlich vor; das nächtliche Glockengeläute hatte mich etwas aufgeregt.
Endlich wollte ich das Fenster schließen, da sah ich plötzlich oben an der Kirche ein Flämmlein. Es zuckte hin und her, dann verschwand es. Oben bei den Toten, was mochte das sein? Wieder sah ich das Flämmlein, und jetzt wuchs es an und wuchs gewaltig zu einer hohen, riesigen Flamme und die Wände der Kirche waren rot beleuchtet. Denn doch ein Brand! Ich wollte Lärm schlagen, da war die Flamme wieder verloschen.
Nun war meine Neugierde wach im höchsten Grade. Was spukt da oben auf dem Hügel? Belustigt sich der Totengräber durch Feuerwerke, oder gehört das zum kalvinischen Kult? – Das muß ich doch sehen!
Angezogen, wie ich noch war, nahm ich schnell meinen Stock, verließ das Haus und eilte gegen die Kirche hinan, immer das Licht im Auge behaltend, das oben abwechselnd wuchs und zusammenzuckte.
Und als ich durch das Tor in den Gottesacker ging, da sah ich's. Ein Mann und ein Weib hatten ein totes Ferkel und das hielten sie über ein kleines Feuer, um die Haare von der Haut zu sengen. Dieses weltliche Geschäft störte die Ruhe der Toten zwar nicht, konnte mich jedoch auch nicht recht erbauen.
Zu Mailand auf dem Dome.
1872.
Mailand!
Den Namen, den das ganze Land verdient, trägt seine schönste Stadt.
Hier reichen sich Nord und Süd, Winter und Sommer die Hände. Mai!
Uns begegnet in Mailand zum erstenmale das laute, geschäftige, klingende Treiben des Südländers; der Italiener hingegen nennt Mailand die nordische Stadt. An den Süden erinnern uns in Mailand die flachen Dächer der Häuser, die Marmorbalkone mit den ausgehängten schmutzigen Lappen, die hohen offenen Portale, das schöne Pflaster der Straßen mit Fahrbahnen aus Stein, der Reichtum an Palästen und Statuen und das mächtig erwachende Leben nach dem Ave-Maria-Läuten. An den Süden erinnert uns der helle aber weiche Gesang, der auf den Gassen und aus allen Häusern quillt, das eintönige Geschrei der Ausrufer, das Besetztsein aller öffentlichen Plätze mit Verkäufern und Ciceroni, die reichen, großen Kirchen, der bräunliche Teint der Männer, das glänzend schwarze Haar und das dunkle, gefährliche Auge der Frauen, das zur Vorsicht wohl häufig verhüllt ist mit einem zierlichen Schleier.
Der aus Süden Kommende aber wird wegen des mäßigen Klimas, des frischen Wassers, des Fleißes der Bewohner usw. in Mailand allerdings die Stadt des Nordens erblicken.
Und mitten in dieser stolzen Stadt mit dem Janusgesichte gegen Süd und Nord, steht eine Krone von Elfenbein, nein, eine Marmorkrone, wie keine Dichterphantasie je eine so wunderbare geflochten hat.
Der Dom von Mailand!
Der Italiener nennt ihn ein Marmorgebirge aus dem Norden, und vielleicht mit mehr Recht, als es scheint; waren die Baumeister doch nachweislich Deutsche. (Der Bau der wunderbaren Kuppel soll von Johannes von Graz herrühren!) Ferner ist es die gotische Bauart, sind es die hundert und hundert weithin leuchtenden Zacken, die an die nordischen Bergzacken gemahnen.
So haben die Menschen hier im Angesichte der Alpen einen Tempel gebaut, in dem sich die Erhabenheit der Berge spiegeln soll – ein Gebirge aus Menschenhand und nach den Gesetzen der Kunst, wie es dem klassischen Italien geziemt.
Eine Beschreibung des eigenartigen Baues will ich nicht liefern – er ist ja so sehr bekannt und in das Gemüt der Völker aufgenommen worden, wie ein liebes Zaubermärchen von der Großmutter. Der Bauer in Steiermark sagt, daß in der Stadt Mailand eine Kirche sei, die so viele Türme habe, wie das Jahr Tage, auf jedem Turme stehe der Heilige des Tages und so prange der ganze Heiligenkalender in Stein gehauen auf dem Dome zu Mailand.
Das ist ein großes, einheitliches Bild, aber es ist zu klein. Der Türmchen sind weit mehr, als obige Zahl angibt und die Statuen an denselben und an den Wänden zählen über zweitausend. Es ist des Märchens versteinerter Wald und der Beschauer erstarrt schier selbst zu Stein, wenn er vor dem Riesenbaue steht oder gar oben auf seinen lichten Zinnen. Weiß und leuchtend erhebt sich der Tempel über den Gebäuden der Stadt in die Himmelsbläue empor; gespensterhaft bleich, schier wie ein ätherisches Nebelgewebe, steht er des Nachts im Mondenscheine.
Nein, ich will den Leser nicht nachtwandeln lassen um den Dom, ich will ihn nicht einmal einführen in seine düsteren Hallen – dazu findet sich gelegentlich sicher ein besserer Führer – emporsteigen wollen wir zu jenen Höhen, nach der so viele zackige Spitzen weisen.
Den 26. August 1872 zur Morgenstunde war's, da ich den Dom bestieg. Zuerst geht es eine dunkle, aber sichere Stiege über hundert Stufen hinan, der dürstende Blick gefangen zwischen den Quadermauern. Endlich aber lichtet es sich, wie sich an hohen Bergen der Wald lichtet, wenn man über seine Region hinauskommt. Dem Besteiger des Mailänder Domes ist, auf der ersten Zinne angekommen, gerade so zumute, wie dem Alpenwanderer, der, aus dem Walde hervorgetreten, die mächtige Bergkuppe übersieht, die er noch zu besteigen hat. Aber er ist über die Giebel der Häuser hinaus, er macht einen Rundgang um den Bau und sieht auf die Hüte hinab, die tief unten an dem Domplatze geschäftig herumgleiten. Dann beginnt er auf freien, lichten Marmortreppen wieder emporzusteigen zwischen dem Gestämm der Türme und den versteinerten Heiligen. Viele derselben haben, einverstanden mit dem Geiste der neuen Zeit, Blitzableiter an der Seite; selbst die Madonna auf der Spitze des höchsten Turmes hatte an meinem Tage die wehende Trikolore aufgezogen, um trotz des recht unangenehmen Konfliktes zwischen der Regierung und dem Vatikan, dem König Victor Emanuel, der eben in Mailand war, ihre Huldigung darzubringen.
Auf der zweiten Zinne angelangt, machte ich wieder einen Rundgang und sah nun, wie bedeutend die Stadt niedergesunken war und wie sich die Ebene Lombardiens und die fernen Berge zu heben begannen. Dann wieder empor zwischen den Zacken und Klippen, ich glaubte schon Alpenluft zu fühlen und sah mich nach Gemsen um. Nein, die gibt es wohl nicht auf dem Dome zu Mailand, statt deren sah ich auf den glatten Marmorplatten des Kirchendaches einen jungen Priester herumwandeln, der ein schönes Mädchen am Arme führte. Ihr graziöses Dahinhüpfen erinnerte an Gemsen; endlich aber ließ sich das Pärchen nieder auf der Plattform und nahm ungezwungen, wie man nur auf der Alpenhöhe sein kann, zusammen ein Frühstück ein. Er schob dem Mädchen gute Bissen zu, – und das Kirchendach brach darob nicht zusammen.
Nun aber steht auf dem gotischen Tempel noch ein zweiter gotischer Tempel: die ungeheure Kuppel des Domes in einem neuen, reichen Kranze von Marmorgebilden, die sich mit ihrer höchsten Spitze 340 Fuß über den Erdboden erhebt. In einem Seitenbaue geht die Treppe hinan bis zu dem schlanken Turme, dessen gewundene Stiege ja bis in den Himmel hinauf zu entführen scheint.
Da liegt die große Stadt – die höchsten Türme sind tief unten – im Morgensonnenglanze. Hier, noch im Schatten, an den Fuß des Domes sich schmiegend, steht das königliche Schloß; dort zwischen den Ziegeldächern der kleine, bläulich glitzernde See ist das Glasdach des neuen, prächtigen Bazars, den Victor Emanuel den Mailändern im Jahre 1859 zum Angebinde gemacht hat; weiterhin die schöne Kuppel der Kirche St. Maria della Grazie weist die Stätte des weltberühmten »Abendmahles« von Leonardo da Vinci und noch weiter hin ragt der Siegesbogen, die Porta del Sempione. Unser Blick gleitet über die hunderttürmige Stadt hinweg und hinaus auf die mit weißen Punkten besäete Ebene, die südlich von den blauen Apenninen, nördlich und westlich aber in einem ungeheuren Halbkreise von den Alpen begrenzt wird.
Die erhabenen Hochwarten der Alpen sind nahegekommen, um sich den wunderbaren Bau, das Spiegelbild ihrer Gletscher anzusehen. Dort im fernsten Westen der Monte Viso; man sieht durch die Duftbläue von ihm nichts sonst, als ein dreieckiges rötlichweißes Täfelchen. Ein wenig nördlicher die sägige Schneide des in Eisen gelegten Riesen Montcenis. Dann der leuchtende Zahn des Montblanc und die Zacken vom St. Bernhard und Matterhorn. Weiter im Vordergrunde aber ragt die gewaltige Gletscherkuppe des Monte Rosa, hoch emporhaltend ihren Silberschild, durch den sie den fernen Meeren die Wunder und Herrlichkeiten der Alpen kündet. Und nun geht's Kanten an Kanten bis nördlich zur Jungfrau, alle gehüllt in ihre ewigen Eismäntel, nur ein klein wenig gerötet vor stiller Freude über das schöne sonnige Italien, das sich da unten ausbreitet. – Dann kommt das Finsteraarhorn, St. Gotthard, der Ortler usw. bis hin gegen das Adriatische Meer, aus dem die Sonne emporgestiegen ist, deren feuchte Lichtschleier niederwallen und die östliche Aussicht verdecken.
Und über dieses Bild wölbt sich ein Himmel, nicht mehr lichtblau, wie das Auge der Germanen, sondern scharf und dunkel, wie der glühendste Blick der Italienerin. Ich sah auf diesem Azurgrunde ein Sternchen flimmern am heitern Morgen und ich sah und ich empfand, was das heißt: ein italischer Himmel.
Von der Kirche des heiligen Petrus.
1872.
Von der Peterskirche zu Rom wird erzählt in der Stube. Da läßt die Magd ihr Spinnrad stehen, da lehnt der Knecht sein Spanscheit hin – da horchen sie alle auf.
Ja, die Peterskirche! Schon der Platz davor ist so groß, daß zwei Kriegsheere nebeneinander Raum haben. Da sind zwei Springbrunnen, in denen allweg' drei Regenbogen stehen, schier Tag und Nacht; wenn diese Regenbogen einmal verlöschen, dann kommt das jüngste Gericht. Einer, sagen sie, ist schon verloschen. Und mitten auf dem Platz ist eine hochmächtige Säule, die gibt am Sonnwendtag zwölf Uhr mittags nicht so viel Schatten, daß eins eine Stecknadel in denselben könnt' legen. Das ist, weil die Sonnen kerzeng'rad obenauf – weil die Säulen just mitten auf der Welt steht. Nachher ist eine Marmelstiege hinauf zur Kirche, die neunundneunzig Stufen zählt, und deren Stufen so breit sind, daß Roß und Wagen darauf kann fahren, – und so lang, daß, steht an einem Ende der Jäger, am andern der Hirsch, beide voneinander nichts wissen. – Und die Kirche selber ist aus weißem Marmelstein gebaut, und so groß, daß, wenn neun Priester gleichzeitig in ihr predigen, einer den andern nicht hört. Die Kuppel ist so hoch, daß eins von ihr aus nach – Rom kann sehen? – nein, nach Jerusalem hinein kann schauen. Und der goldene Knopf auf der Kuppel ist so breit, daß darauf sieben Hochzeitspaare können tanzen!
So wunderbar ist gewiß noch kein Bau erdacht worden auf Erden, als sich die im steirischen Dorf ihre Peterskirche haben erbaut. Es ist nur gut, daß in ihren Hecken kein Wanderstab wächst, der sie nach Rom tät' führen, und daß sie keine Stiefel haben, die oben auf der »Romstraße« verstünden zu wandern – sie würden ja so enttäuscht sein.
Bin ich's schier selbst ein wenig gewesen, obwohl sich mein obiges Phantasiegebilde aufgelöst, als ich aus dem Märchenleben heraus und zur ernüchternden Einsicht kam, wie viel – wie wenig die Menschen im Verhältnisse zur Größe ihrer Phantasie zu leisten vermögen.
Freilich habe ich die Peterskirche in den sechs Stunden, die ich ihr widmen konnte, gleichsam nur durch das Schlüsselloch von Alessio gesehen. Indes, wenn nach der Berechnung eines weisen Mönchs neunundneunzigtausend Engel Platz auf einer Nadelspitze haben, so wird der goldene Knauf der Kuppel von Sankt Peter auch ein entsprechender Tanzboden sein für die sieben bäuerlichen Hochzeitspaare, ohne daß just wegen Raummangels gerauft werden müßte.
Es war am Morgen des 6. September 1872. Ich kam durch das dunkle, schmutzige Gassengewirre zur Engelsbrücke.
Ich schlich an der finsteren Engelsburg vorbei; eine Teufelsburg kann nicht finsterer aussehen, man betrachte nur! Eine trotzige Runde, einst eine Totenstätte, dient sie jetzt zum Gefängnisse für Lebendige, »treu beschützt von den Engeln«.
Ich ging durch die lange, staubige Borgo Nuovo; diese endet plötzlich und siehe, ich stehe auf dem berühmtesten Platz der Erde – auf der Piazza di San Pietro. Da ist ein Feld mit Quadern bepflastert, da sind zwei weißschäumende Springbrunnen, Silberpaletten, auf denen die Sonnenstrahlen just ihre Farben mengen zu einem Regenbogen. Und mitten steht der hohe Obelisk mit heidnischen Hieroglyphen und dem eisernen Kreuze auf der Spitze. In diesem eisernen Kreuze soll ein Stück des wahrhaftigen Golgathakreuzes stecken. – Dann die prächtigen Kolonnaden, die zwei ausgebreiteten Arme des Vatikans, mit denen er den Platz umschließt – die ganze Welt umschließen möchte.
Und im Hintergrunde, sanft erhöht über marmornen Stufen, steht breit und behäbig und stolz der rötlich schimmernde Quadernbau – der größte Tempel der Welt, der Dom des heiligen Petrus. – Von der Kuppel sieht man nur die dunkle Dachrundung und die Laterne über den Vorderbau herüberragen.
Eine Glocke dröhnte schwer, dumpf, zur siebenten Stunde. Ich tat einen Blick nach dem über den Säulengang aufragenden Vatikan, einen Blick nach den riesigen Statuen der Apostel Petrus und Paulus, die an den beiden Seiten der Freitreppe stehen, und stieg hinan zu den Säulen der Fassade – zur Pforte. Die Vorhalle ist so groß, daß ein paar Dorfkirchen mit Turm und Sakristei leicht darin Platz haben. Ich schritt durch das Portal, schob einen der schweren Ledervorhänge bei Seite und stand nun in dem Raum der Kirche. Da war nicht die ernste Dämmerung eines gotischen Baues, da war die lichte Heiterkeit des romanischen Stiles – alles, vom Fußboden bis zu den Höhen der Kuppel prangend in reichster Gold-, Marmor-Mosaikverzierung. Aber die Größe der Kirche überraschte mich nicht. Die riesigen Säulen, Fenster, Statuen und Bilder, dem Verhältnisse des Baues entsprechend, waren mir täuschende Maßstäbe; ich mußte mir sagen, die Kirche hat nicht mehr der Pfeiler, Fenster, Altäre, Kapellen als andere große Kirchen, die ich bereits gesehen. Anders aber, als ich meinen Blick niedergleiten ließ von den Höhen der Gesimse auf die Menschlein, die herunten auf der Bodenfläche herumglitten!
Trotzdem belächle ich, was der Cicerone sagt: Das königliche Schloß zu Berlin und die Stefanskirche samt dem Turme zu Wien haben bequem nebeneinander in der Peterskirche und Kuppel Platz.
Ich begann meinen Rundgang. Ich kam zu der uralten Bronzestatue des heiligen Petrus, an deren rechtem Fuß die Gläubigen die Zehen weggeküßt haben, bis auf ein paar Stümpfchen. Ich kam zu den Nischen, wo die katholischen Schatzkästen stehen, darin der Kopf des heiligen Andreas, das Schweißtuch der heiligen Veronika, ein Splitter des Kreuzes Christi und die Lanze, welche Christum die Seitenwunde stach. Diese Reliquien werden an Festtagen von den hohen Loggien herab dem Volke gezeigt; näher besehen dürfen sie nur Priester. – Ich kam zu der Säule, an welche sich Jesus im Tempel Salomons gelehnt hatte. Die Peitsche sah ich nicht, mit der er die Krämer hinausgetrieben. – Ich kam zu der Kathedra, zum päpstlichen Thron, den vier heilige Kirchenlehrer mit den Händen spielend schaukeln. – Ich kam an Grabmäler der Päpste, an Statuen und Mosaikbilder, und ich kam endlich zum Hauptaltare in der Mitte der Kirche, zu dem Allerheiligsten der katholischen Christenheit – zu der Grabstätte des Apostels Petrus. Zwei Marmortreppen führen hinter dem Hochaltare hinab zu dem Grabe des großen Apostels. Ein Baldachin aus Erz schützt vor dem hellen Lichtstrom, der hoch oben durch die Kuppel hereinbricht, aber ein Kranz von zahllosen Lampen brennt um diese Stätte Tag und Nacht, die Nische und das Grab mit dem goldenen Gitter geheimnisvoll beleuchtend.
Hier stand ich still und sagte mir, daß ich zu spät gekommen.
Wie oft in meiner Kindheit, als ich in dem Dorfkirchlein kniete oder im Walde saß, erfaßte mich die Sehnsucht nach der Hauptkirche der Christenheit, nach dem Dome meines Namenspatrons. Wenn in der Christnacht das Turmglöckel klang, weit in den Wald hinein, so war mein Gedanke in Rom bei dem hochfeierlich glanzvollen Weihnachtsfeste in der Peterskirche. Wenn am Ostersonntagsmorgen die Pöller knallten und die Sonne ausging, so weckte mich meine Mutter aus dem Schlafe:
»Bub', jetzt steht der Papst auf der Peterskirchen und gibt seinen Segen der ganzen Welt; jetzt steh' aber geschwind auf, sonst frißt deinen Teil die Katz'!«
Ich sprang auf und hüpfte noch im Hemdchen hinaus unter den freien Himmel und meinte, ich müßte den Segen fliegen sehen in der klaren Luft. Aber so, wie ich Tags zuvor die Glocken nicht sah, als sie nach den Chartagen von Rom zurückkamen, so sah ich auch heute den Segen nicht. – Und am Pfingstfeste war ich im Geiste wieder in der Peterskirche und zählte die feurigen Zungen, die vom heiligen Geist auf die Kardinäle niederträufelten. Ich war ein guter Katholik, und lange schon erwachsen, habe ich noch Peterspfennige gegeben von Herzen gern. – Und heute – kann ich an dieser Stätte nicht beten …
Auf einer Marmortafel an der Wand prangen die Namen der Bischöfe und Kardinäle, die im Konzil 1870 für die Unfehlbarkeit gestimmt hatten.
Aus einer Seitenkapelle erscholl der Chorgesang einer Priesterschar. Ich trat hin, um zu sehen; es waren Domherren in Purpur; nur wenige, die jüngeren, blickten mit gefalteten Händen inbrünstig auf zu dem Bilde der gekrönten Himmelskönigin mit dem Kinde; die anderen ließen ihre Hände und Augen und wohl auch die Gedanken herumschweifen, wo sie wollten. Andere, vielleicht fremde Priester, aus weiten Landen kommend, durchschreiten feierlich die Kirche und knien andächtig hin vor den Lichterkranz des Hauptaltars und – weinen.
Und wieder andere – wohl Laien im Chorrock – huschen geschäftig hin und her, lächelnd sich jedem untertänig als Cicerone anbietend, gar zuweilen mit einer Opferbüchse schellend, die sie unter dem Rocke verborgen halten. Das sind die Hausfliegen der Peterskirche.
Über all' den Zeremonien und Gegenständen der Weihe, der Kunst, über all' den Menschen, die gekommen sind aus fernen Landen, um die hier bewahrten Schätze und Herrlichkeiten und Gnadenquellen zu schauen und zu genießen, waltet in der Kirche ein ewiger Werktag. In Seitenkapellen arbeiten Steinmetze, an Altären klettern abstaubende und dekorierende Diener herum, auf Gerüsten hämmern Maurer und Zimmerleute, in Nischen und Winkeln klopft und scharrt der Schlosser. Es wird ewig gebaut und ausgebessert, es herrscht ein ewiger Stoffwechsel an dem Baue, sowie überall auch in der Natur.
Die Gerüste für Reparaturen stehen auf Rädern, daß sie bequem von einer Stelle zur andern geschoben werden können. Auch zur Fortschaffung des Kehrichts sind eigene Wägelchen; der Bauer wird ungläubig den Kopf schütteln, wenn ich ihm sage: In der Peterskirche fahren die Mistkarren herum, wie auf deinem Rübenacker.
Und trotz all' diesen verschiedenen Dingen herrscht eine gewisse Ruhe in den Räumen und fortan künden es die riesigen Buchstaben oben rings der Kuppel: Tu es Petrus etc.
Wer die Größe des Baues noch nicht glaubt, der steige auf das Dach und wandle zwischen den Tonnengewölben und Giebeldächern und den sechs Kuppeln und den Laternen, wie in einer Stadt von Kirchen und Plätzen mit Springbrunnen sogar – und besteige den gewaltigen Koloß der großen Kuppel und halte Aussicht von der Laterne über Rom, in das Sabiner und Albaner Gebirge, in die Abruzzen und auf das Mittelländische Meer. Und mag er gar hinaufklettern bis zum »goldenen Knopf«, so wird er sich sagen: »Tanzen? Sieben Hochzeitspaare?« –
Dann aber, Freund, wenn du herabsteigst, durchwandere nochmals die Kirche und labe dich an der Schönheit, Erhabenheit, ehe du von dannen ziehst. Du magst durch alle Länder der Erde reisen, alle großen Städte durchforschen, einen solchen Tempel wirst du nimmer finden. Hier, in dem Dome und im Vatikan hast du der Baumeister und Bildner größte Werke gesehen; hier bist du auf der Höhe und an der Grenze der menschlichen Kunst. Höher kann die Flamme des Genius nicht mehr lodern – der Atem Gottes bläst sie aus.
Einen Monat später war ich wieder in meiner kleinen, stillen Dorfkirche und fühlte die Nähe des Herrn.