II.
1872–1910.
Bethel.
Die übernommene Arbeit und ihre Entwicklung.
Die neue Heimat.
Wie zwei gewaltige ins Meer hinausgebaute Dämme schieben sich das Wiehengebirge und der Teutoburger Wald in das niederdeutsche Land hinein. Still legt sich die weite, unermeßliche Ebene gleich dem Meer, das sich nach dem Sturme zur Ruhe begeben hat, an den Fuß der beiden Gebirgszüge. Das Land aber dazwischen sieht anders aus. Es ist, wie wenn das Meer plötzlich mitten in seiner Bewegung zum Stillstand gekommen wäre. Wellenberge und Wellentäler folgen aufeinander. Durch tiefe Wiesengründe rieseln die Bäche, fruchtbare Äcker wechseln ab mit waldigen Hügeln, und oben auf den Höhen recken die Windmühlen ihre langen Arme aus. Das ist das alte Sachsenland, die Heimat Hermanns, des Cheruskers, und Wittekinds, des Sachsenherzogs.
Als Tacitus vor 2000 Jahren seine Germania schrieb, sagte er von dem Bewohner des Landes: „Wo irgend ein Hain, eine Quelle, eine Wiese ihm wohlgefällt, da schlägt er seine Hütte auf.” Vielleicht nirgends sonst im Vaterlande findet sich ein Landstrich, für den bis heute die Beschreibung des römischen Geschichtsschreibers in solchem Maße paßt wie für das Land zwischen Teutoburger Wald und Wiehengebirge. Manches Gehöft des Landes freilich ist im Laufe der Jahrhunderte zum Dorf geworden, manches Dorf zur Stadt. Aber die meisten Häuser liegen noch heute vereinzelt, hin und her durchs Land gestreut, im Kranze ihrer Obstbäume und im Schatten der alten Eichen. Wer des Nachts von den Höhen ins Land hinunterblickt, sieht weit und breit die einzelnen kleinen Lichter der einsamen Häuser und Gehöfte aufglänzen, als wenn sich die Sterne des Himmels auf der Erde spiegelten.
Dieses Sachsenland zwischen dem Teutoburger Wald und dem Wesergebirge, das sich heute zusammensetzt aus dem ehemaligen Fürstentum Minden, der alten Grafschaft Ravensberg, dem früheren Fürstentum Lippe-Detmold und Teilen des hannoverschen Landes, ist von alter Zeit her die Heimat der Spinner und Weber gewesen. Vor 50 Jahren noch pflegte das Kind des Ravensberger Landes seinen Weg zur Schule nicht eher anzutreten, als bis es in früher Morgenstunde das vorgeschriebene Teil Garn gesponnen hatte, und bis spät in die Nacht summten die Spinnräder und klapperten die Webstühle. Der Mittelpunkt der Leinenindustrie aber war die alte Stadt Bielefeld. Auf der Sparenburg, die mit ihren vier vorgeschobenen Bastionen wie eine schützende Löwin über Bielefeld Wache hält, haben die Grafen und Kurfürsten von Hohenzollern je und dann residiert, und sein „Spinn- und Webeländchen” war ein besonderes Lieblingskind des Großen Kurfürsten und seiner Gemahlin Luise Henriette gewesen.
In der Gegend von Bielefeld spaltet sich der Teutoburger Wald in vier parallel laufende Höhenrücken, die durch drei freundliche Waldtäler voneinander getrennt werden. In dem ersten dieser Täler, hart vor den Toren der Stadt, stand im Jahre 1867 ein Bauernhof zum Verkauf. Ein kleines Komitee, dem die Not der Epileptischen im Vaterlande auf die Seele gefallen war, erwarb den Hof. Am 14. und 15. Oktober 1867 zogen hier die ersten fünf epileptischen Kranken ein. Zwei Jahre später entstand durch die Arbeit eines zweiten Komitees in Bielefeld selbst ein kleines Diakonissenhaus. Für diese beiden Anstalten wurde Vater zum Leiter berufen.
Am 23. Januar 1872 kamen die Eltern von Dellwig nach Bielefeld. An der Detmolder Straße war für sie eine Wohnung gemietet worden, und in dem Garten, der das Haus umgab, pflanzte Vater die Obstbäume, die er aus dem Pfarrgarten von Dellwig mitgenommen hatte. An der andern Seite der Straße lag das Grundstück, auf dem das neue Diakonissenhaus gebaut werden sollte, das seit seiner Gründung im Jahre 1869 eine vorläufige Unterkunft in dem alten Marienstift, dicht an der Neustädter Kirche, gefunden hatte.
Die Pocken, die mit dem Krieg 1870/71 auch in Bielefeld ausgebrochen waren, waren noch nicht erloschen, und auf dem Grundstück, welches für den Neubau des Diakonissenhauses bestimmt war, standen die hölzernen Baracken, in welchen von einer Schwester des jungen Diakonissenhauses die Pockenkranken gepflegt wurden. Eine der Schwestern, die damals dort arbeitete, hat noch in ihrem hohen Alter erzählt, welch tiefen Eindruck auf sie und alle Insassen des Hauses die Unbekümmertheit und Seelenheiterkeit gemacht habe, mit der der neue Diakonissenpastor sich unter den Pockenkranken bewegte und ihnen Zuspruch brachte.
Das für das neue Diakonissenhaus bestimmte Grundstück hatte eine auserlesene Lage. Es zog sich an dem Hang des Höhenrückens hinauf, auf dessen Vorsprung die alte Sparenburg lag. Je höher man stieg, je freier dehnte sich unter dem Auge des Beschauers Stadt und Land.
Dennoch sollte der Bau des Diakonissenhauses an dieser Stelle nicht zur Ausführung kommen. Mit dem ersten Blick übersah der neue Vorsteher, daß sich mit dem Festhalten an diesem Grundstück eine falsche Entwicklung anbahnen würde, und griff sofort entschieden ein. So schön auch die Lage des Platzes war, er neigte sich gegen Norden und hätte Kranken und Gesunden für immer zu wenig Sonne gebracht. Dazu kam ein anderes. An der andern Seite des Sparenbergrückens, tief unten im Tal des Kantensieks, war, wie oben gesagt, zwei Jahre früher als das Diakonissenhaus jener alte Bauernhof Eben-Ezer gekauft worden, der für Deutschland die erste selbständige Heimat der Epileptischen geworden war. Wohl hatte jede Anstalt ihren Vorstand für sich, aber die Mitglieder des einen Vorstandes waren vielfach auch die Mitglieder des andern. Darum drang Vater darauf, auch die Anstalten selbst räumlich so nah als möglich miteinander zu vereinigen. Das alte Eben-Ezer unten im Tal hatte längst nicht mehr der wachsenden Zahl der Kranken genügt. Dreihundert Meter oberhalb, am Rande des Buchenwaldes, mit dem Blick nach Südwesten, war ein großer Neubau für die Epileptischen entstanden, der den Namen Bethel führen sollte. Zwischen Bethel und Eben-Ezer aber lag ein unbebautes Gelände, das nun auf Vaters Rat zum Neubau des Diakonissenhauses und des Pfarrhauses bestimmt wurde. So wurden die Anstalt für Epileptische und das junge Diakonissenhaus aufs engste miteinander verbunden. Im Herbst 1873 mußten die Dellwiger Obstbäume noch einmal ihre Heimat wechseln, und mit dem vierjährigen Wilhelm und dem einjährigen Gustav, der von der treuen Magd Friederike im Kinderwagen gefahren wurde, zogen die Eltern über den Sparenberg hinüber in das neue Pfarrhaus am Jägerbrink, in welchem Anfang 1874 auch die kleine Frieda ihren Einzug hielt und drei Jahre später der jüngste des Geschwisterkreises, Friedrich.
Einzelne Bilder tauchen aus dieser ersten Kinderzeit noch ganz deutlich vor der Erinnerung auf. In der Schlafstube, die wir Kinder bis zu unserm sechsten oder siebenten Jahr mit den Eltern teilten, stand mein Bett unter der alten runden Wanduhr, die Vater eigenhändig alle drei Wochen aufzuziehen pflegte. Die Wände meiner kleinen Bettstelle bestanden aus einem Holzgitter, sodaß ich zwischen den Stäben durch beobachten konnte, was in der Stube vorging. Meist schliefen wir Kleinen ruhig weiter, während die Eltern sich erhoben. Aber wenn ich einmal zeitiger als sonst erwachte, war es ein unermeßliches Vergnügen, den Vater zu beobachten. Er war bis auf Rock und Weste bereits angekleidet, aber er hatte den Hemdkragen zurückgeschlagen und rieb sich mit dem angefeuchteten Ende eines rauhen Handtuches den Hinterkopf und Nacken. Dabei ging er an der Längsseite des Schlafzimmers zwischen seinem Waschtisch und der Stubentür auf und ab, ab und auf. Von Zeit zu Zeit blieb er vor seinem Waschtisch stehen, tauchte das Handtuch aufs neue ein und nahm dann seinen Weg wiederum auf, immer den Nacken reibend. Auf dem Rückweg von der Tür zum Waschtisch konnte ich Vaters kräftigen Nacken beobachten, der unter dem Reiben natürlich immer roter und roter wurde; aber noch viel mehr interessierte mich sein Gesicht, in das ich unmittelbar hineinsah, wenn er vom Waschtisch zur Tür ging. Er sah mich nicht, obwohl ich mit weitgeöffneten Augen gerade durch das Gitter hindurchguckte. Vielmehr war sein Auge in die Ferne gerichtet auf Menschen und Dinge, mit denen seine Gedanken beschäftigt waren. Dabei pflegte er, ihm selbst unbewußt, seinen Gedanken in kurzen, abgebrochenen Selbstgesprächen Luft zu machen. Alle Töne, von den kräftigsten bis zu den zartesten, kamen dabei zum Ausdruck. Bisweilen kam es freilich auch vor, daß sein Auge aus der Ferne zurückkehrte in die Nähe und meinem geöffneten Auge begegnete. Dann trat er wohl an mein Bett, strich mit seiner großen, weichen Hand über meine Stirn und sagte: „Mein herzgeliebtes Kind,” — mehr nicht, aber es war genug, um mich bis ins Innerste zu beglücken.
Waren wir Kinder fertig angezogen, so pflegte die Mutter durch ein kleines Sprachrohr, welches von der Schlafstube nach oben in Vaters Arbeitszimmer führte, den Vater zur Andacht zu rufen. Dann kam regelmäßig das Kleinste von uns, soweit es sich schon an der Andacht beteiligen konnte, auf Vaters Schoß; die Mutter saß am Harmonium, und Vater sagte in ganz kurzen Sätzen das Lied vor, sodaß auch die Kleinsten sich schon an dem Gesang beteiligen konnten und wir so unbemerkt allmählich einen großen Teil des Gesangbuches auswendig lernten.
Zwischen dem Singen trank Vater immer wieder einen kleinen Schluck aus dem Glas ganz frisch gepumpten Wassers, das vor ihm stand, — eine Gewohnheit, die er bis an sein Lebensende beibehielt und der er wahrscheinlich seinen gesunden Magen verdankte, der ihm nie den Dienst versagte. Nach dem Gesang kam der Bogatzky, ein Andachtsbuch, das schon in den Elternhäusern von Vater und Mutter viel gebraucht worden war. Uns Kindern blieb es, bis wir erwachsen waren, fast unverständlich, und doch bot es auch uns Erbauung genug, weil wir merkten, mit welch tiefer Andacht Vater und Mutter aus dem Wort dieses gründlichen Schrift- und Seelenkenners ihre Stärkung für die Arbeit des Tages nahmen.
Von den Gebeten, mit denen Vater die Andacht schloß, ist mir eins in besonderer Erinnerung geblieben. Der kleine Kanarienvogel, der uns aus dem Hause an der Detmolder Straße in die neue Heimat begleitet hatte, lag am Morgen tot in seinem Bauer. Er war verdurstet. Unser ältester Bruder, dem die Pflege des kleinen Tieres anvertraut war, hatte ihn vergessen. Nichts von Schelten oder Strafen. Aber in dem Gebet, das sich an den Bogatzky anschloß, brachte Vater die Sache vor Gott. Es ging durch Mark und Bein, wie er um Vergebung bat und um Treue. Und wer unsern nun auch schon dem Vater in die Ewigkeit nachgefolgten Bruder Wilhelm gekannt hat, weiß, in welchem Maß dieses Gebet erhört worden ist. Er wurde die wandelnde Treue selber. Nie vergaß er etwas, weder Dinge noch Menschen. Was ihm anvertraut war, für das stand er ein; und wenn es auch bisweilen schien, als hätte er etwas vergessen oder versäumt, er holte es nachher mit doppelter Treue nach.
Ein andermal kam es freilich doch zu einer Strafe. Diesmal war ich der Attentäter. Worum es sich handelte, besinne ich mich nicht mehr gewiß, doch muß es ein gröblicher, bewußter Ungehorsam gegen ein ausdrückliches Gebot der Mutter gewesen sein. Denn das weiß ich noch, daß die Angelegenheit, die eigentlich lediglich die Mutter und mich anging, von der Mutter dem Vater übergeben wurde. Auch weiß ich noch heute genau die Stelle in der Schlafstube, in der sich das Strafgericht vollzog. Unsagbare Gefühle der Scham und Reue beschlichen mich, als mein heißgeliebter Vater, der so viel Wichtigeres zu tun hatte, meinen Kopf zwischen seine Knie nahm und mit einer Glut und Milde zugleich schlug, daß Leib und Seele einheitlich erschüttert wurden. Es war das erste und das letzte Mal, daß ich meinen Vater in dieser Weise bemüht habe.
Vor dem Einschlafen pflegte Vater regelmäßig laut mit der Mutter zu beten. Das erlebten wir Kinder natürlich nur selten, da wir meist schon längst in festem Schlummer lagen. Aber einige Male habe ich es doch erlebt. Das war dann jedesmal das Größte und Tiefste, das ich mir denken konnte. Noch mehr als in der gemeinsamen Andacht mit allen Hausgenossen quoll jetzt das Herz des Vaters über in Dank und Fürbitte. Mit Namen wurde jedes einzelne Kind genannt und der Bewahrung und dem Segen des Heilandes empfohlen. Er hatte wenig Zeit für uns übrig, unser geliebter Vater, er strafte nur im äußersten Notfall, er schalt, soweit ich mich besinnen kann, nie; aber er betete für uns.
Das Mutterhaus.
Unser Haus lag im Schatten des Mutterhauses. Denn so wurde das Diakonissenhaus Sarepta stets von Vater genannt. Er hatte den Bau vom ersten Augenblick an überwacht. Um Kosten zu sparen, hatte er aus dem nahen Lipper Land einen bewährten Ziegler kommen lassen, der mit einigen Gehilfen den Ton, der für die Fundamente ausgehoben wurde, an Ort und Stelle zu Ziegeln verarbeitete und die Ziegel gleich unterhalb der Baustelle in einem Feldziegelofen brannte. Auch der Plan des Hauses stammte in seinen Grundgedanken, soweit ich mich besinne, von Vater. „Es ist kein Winkel im Haus,” sagte er gelegentlich, „den ich nicht selbst nachgemessen habe.”
Wenn es möglich ist, das wahrhaft Mütterliche durch Steine und Holz in einem Bau darzustellen, so war es bei dem Bau des Mutterhauses gelungen. Schon die beiden Flügel des Hauses, die nach dem Walde zu lagen, waren wie die weit ausgebreiteten Arme einer Mutter, und wenn wir Kinder über die frei vorspringende Treppe ins Innere traten, so umwehte uns ein unbeschreiblich wohltätiges Gefühl mütterlicher Behaglichkeit. Die Gänge, die nach der schattigen Waldseite zu lagen, waren in ein trauliches Dämmerlicht gehüllt. Um die Kranken- und Schwesternzimmer aber lief den ganzen Tag vom Morgen bis zum Abend die Sonne. Und im Winter sorgten schlichte gelbe Kachelöfen, die nur des Morgens angeheizt zu werden brauchten und den ganzen Tag durchhielten, für die behaglichste Wärme.
Für alles war in diesem mütterlichen Bau Raum, für die kleinen Säuglingskinder, die die Gemeindeschwestern von den verschiedenen Stationen mitbrachten, für die größeren Kinder, kranke oder gesunde, für erwachsene Kranke, mit welcher Krankheit sie auch behaftet waren, für die jungen Schwestern, die lernten, für die erholungsbedürftigen Schwestern, die eine Zeitlang ausruhten, für die Apotheke, die Küche, die Waschküche und die Bäckerei, und für wer weiß was sonst noch.
Das Herz des Baues aber war die kleine Kapelle, die den Mittelpunkt des Hauses bildete. Hierhin nahmen die Gänge, die Treppen, die Säle ihre Richtung, und zwei Brücken, die vom Walde aus über den tiefen Talweg in den ersten Stock des Hauses führten, sorgten dafür, daß auch von auswärts jedermann zu Fuß oder im Rollstuhl mit Leichtigkeit die Kapelle erreichen konnte. Sie lief durch zwei Stockwerke, und ihre Fenster, unten und oben, gingen nicht nur nach draußen, sondern auch in die anliegenden Krankensäle, sodaß die Kranken von ihren Betten aus dem Gottesdienst beiwohnen und durch die geöffneten Fenster die Predigt hören konnten.
Die wachsende Zahl der Schwestern, der Kranken und übrigen Anstaltsbewohner brachte es mit sich, daß allmählich eine Station nach der andern aus dem Mutterhause verlegt wurde, bis schließlich auch die alte, liebe Kapelle einem Neubau Platz machen mußte. Aber für die ersten Anfänge einer Diakonissenarbeit wird der alte Bau von Sarepta immer vorbildlich sein.
Der Entschluß des Vaters, das Diakonissenhaus so eng wie möglich mit der jungen Anstalt für Epileptische zu verbinden, zeigte sich von großer Bedeutung für die Ausbildung der Schwestern. Denn nun ergab es sich von selbst, daß auch die jungen Schwestern schon bald in die Pflege der Epileptischen eintraten, ja, daß manche von ihnen von vornherein ihren Beruf in einem der Häuser für Epileptische begannen.
Unter allen Kranken sind aber Epileptische am schwersten zu pflegen. Die Plötzlichkeit der Anfälle und die unberechenbaren Stimmungen der Epileptischen auf der einen Seite und dazu die Geistesgegenwart und körperliche Gewandtheit, die gerade während des Ausbruches des Anfalles von seiten des Pflegers nötig sind, erfordern die größte Anspannung aller geistigen und körperlichen Kräfte. Auch die Nacht bringt keine Ruhe. Denn in jener ersten, man möchte sagen, herben Zeit war es Sitte, daß die Pflegekräfte, die den ganzen Tag über den Dienst an den Kranken getan hatten, auch des Nachts auf den Krankensälen schliefen und sich oft mehrere Male durch die Anfälle der Kranken aus dem Schlaf reißen lassen mußten.
So wurden gerade durch den Dienst an den Epileptischen die Kräfte der Aufopferung auf die höchste Probe gestellt, und die Lauterkeit der Gesinnung fand hier ihre tiefste Bewährung. Unter den Diakonissen habe ich immer gern das Gesicht einer Schwester gesucht, der von einer Kranken das Ohrläppchen abgebissen war, und die Stille und Gelassenheit, die über diesem Gesicht lag, tat in der Seele wohl.
Eine Schwester, die sich im Dienste an den Epileptischen bewährt hatte, konnte der Regel nach auf jedem andern Arbeitsplatz gebraucht werden, sei es in einer Kleinkinderschule, einer Gemeindepflege oder einem der vielen Krankenhäuser, die in rasch wachsendem Maße die Hilfe des jungen Mutterhauses begehrten. Es war damals, nach dem Kriege 1870/71, die Zeit, in welcher die rheinisch-westfälische Kohlen- und Eisenindustrie sich immer gewaltiger ausdehnte. Kleine Siedlungen wurden zu Dörfern, Dörfer zu Städten, Städte zu Großstädten; und das Mutterhaus Kaiserswerth, das bis dahin dort allein die Arbeit getrieben hatte, rief immer lauter die junge Tochteranstalt Sarepta zu Hilfe.
Hilferufe aber waren allezeit des Vaters Lust. Je größer das Gedränge der Hilfesuchenden wuchs, je höher stieg sein Glaube, je glühender wurde seine Liebe, je munterer eilte sein Schritt, je dringender wurde sein Wort. Hatte er des Morgens in der kleinen Sareptakapelle gepredigt, so ging es oft des Nachmittags hinaus, zu Fuß, zu Wagen oder auch mit der Eisenbahn, um in Stadt und Land für den Dienst an den Kranken, Kindern und Notleidenden zu werben.
Oft haben wir Kinder mit der Mutter zugleich ihn auf seinen Wegen begleitet. Dann saß er mit fest zugekniffenen Augen neben dem Kutscher auf dem Bock, in seinen Text vertieft. Ging es bergauf, so sprang er ab und eilte dem Wagen voraus, wir Kinder hinter ihm her. Nur die Mutter behielt das Recht, im Wagen zu bleiben. Wenn dann Vater bei der Feier das Wort ergriff, konnte man herzandringender niemand sprechen hören. Handgreiflich malte er den Heiland vor Augen, wie er in den armen blöden Kindern, den elenden epileptischen Knaben, den verstümmelten Bergmännern des Industriegebietes oder in einsame Bettler verkleidet den Dienst seiner Christenheit begehrte. So stellte sich eine Kraft nach der andern ein, die vornehme Bauerntochter und das geringe Mädchen aus dem Heuerlingshause, und auch solche, die höhere Schulen besucht hatten, mischten sich darunter. Oft kamen unmittelbar im Anschluß an eine Predigt des Vaters die Meldungen zum Dienst. Einmal waren es sieben junge Mädchen zu gleicher Zeit, die alle kamen und alle blieben.
Das Kind sieht nicht die Schatten. Sie haben gewiß auch dem jungen Mutterhause Sarepta damals nicht gefehlt. Ich aber sah nur einen Strom hilfsbereiter, sterbenswilliger mütterlicher Liebe sich aus dem Mutterhause in das Land ergießen.
Wie schnell aber kamen manche der Schwestern, die gesund aus dem Mutterhause ausgezogen waren, todkrank zurück! Namentlich solche, die sich bei einer Privatpflege am Typhus angesteckt hatten. Ohne daß wir Kinder es uns untereinander gestanden, schnitten uns die vielen und tödlichen Erkrankungen der Schwestern immer wieder ins Herz, und wir konnten es nicht verstehen, daß Vater die Schwestern nicht ernstlicher schonte. Aber er hatte längst aufgehört, den Wert des Menschenlebens nach der Zahl der Jahre zu berechnen. Ihm waren die kranken Tage einer Schwester noch wichtiger als die gesunden, und zu den sterbenden Schwestern ging er am liebsten mit einem Blumenstrauße in der Hand wie ein Gratulant; denn „das liebe letzte Stündlein war gekommen”.
Aber den Sieg des Sterbenden über den Tod konnte er nur darum feiern, weil er mit unermüdlicher Treue den Sieg des Lebenden über sein eigenes Leben lebte und lehrte. Regelmäßig zweimal die Woche gab er den Schwestern Stunde. Nur im äußersten Notfalle ließ er solch eine Stunde ausfallen, und ich sehe immer noch, wie er, wenn wir am Kaffeetisch oder beim Abendbrot saßen, von Zeit zu Zeit seinen Kopf zur Uhr wandte, um genau auf die Minute zur Schwesternstunde aufzubrechen. Eine eigentliche Unterrichtsstunde war es nicht. „Ich bin kein Lehrmeister”, sagte er öfter in richtiger Erkenntnis der ihm gesetzten Schranken. Darum überließ er allen übrigen Unterricht der Schwestern desto umfassender andern geschulten Kräften. Sein eigener Unterricht war im Grunde eine durch kurze Fragen und Antworten unterbrochene Erbauungsstunde, in der er in die Schrift und in das kirchliche Leben einführte und von da aus die Linien zog für die Aufgaben des Christen und die besondere Aufgabe des Schwesternberufes. Der Grundton der Stunde blieb immer das eine Thema: Seel’ und Leben, Leib und Glieder, — Alles gibst du für mich hin; — Sollt’ ich dir nicht geben wieder — Alles, was ich hab’ und bin? Ich bin deine ganz alleine, — Dir verschreib’ ich Herz und Sinn.
Den jüngeren Schwestern gab er regelmäßig von einer Stunde zur andern einige Verse eines Kirchenliedes oder auch Bibelsprüche auf. Er hörte das Gelernte ab, doch ängstete er nie, wenn es nicht gekonnt wurde, sondern ermunterte immer wieder. „Zwang”, sagte er einmal, „ohne innere Nötigung richtet Zorn an; aber Ermunterung macht fröhliche Leute.”
Etwas anders hielt er es bei den Kinderschwestern. Diesen, die in den Kleinkinderschulen rings um Bielefeld arbeiteten, gab er Freitagnachmittags eine besondere Stunde. Nach einem bestimmten Lehrplan wurde in den Kinderschulen die Woche über eine Geschichte des Alten oder Neuen Testamentes behandelt, und diese Geschichte wurde in der Freitagsstunde von Vater mit seinen Schwestern durchgenommen. Hier hielt er darauf, daß die Schwestern die Geschichte auswendig wußten. So wie sie da stand, in ihrer ursprünglichen Kraft und Frische, sollte sie zunächst auch den Kindern erzählt werden, und erst dann erlaubte er, die einzelnen Teile der Geschichte auszumalen und Zug um Zug dem kindlichen Gemüt und Verständnis nahezubringen.
Alle vier Wochen hielt er am Sonntagnachmittag den Schwestern einen besonderen Schwesterntag, zu dem außer unserer Mutter niemand zugelassen wurde. Und den Schwestern auf den auswärtigen Stationen schrieb er zu diesem Tage einen Brief. Auf diesen Brief, der vervielfältigt und jeder einzelnen Schwester zugeschickt wurde, bereitete er sich immer mit besonderer Sorgfalt vor. Durch drei oder vier Fragen wurde jeder Brief eingeleitet. Die Antwort auf diese Fragen sollte jede Schwester selbständig aus der Schrift, dem Gesangbuch und der eigenen Erfahrung suchen. Dabei wünschte Vater, daß jede Schwester diese Fragen in einem vertraulichen Brief beantwortete.
Seelsorgerliche Briefe an einzelne Schwestern schrieb er selten oder nie. Aber er besuchte die Schwestern, sooft er nur konnte. Dabei galt der Besuch nicht nur den Schwestern, sondern immer zugleich auch den Kranken, an denen die Schwestern arbeiteten.
Die Stationen des Mutterhauses waren allmählich in die Weite gewachsen. In der großen Krankenanstalt von Bremen, in der Universitätsklinik und in der Charité von Berlin, in dem deutschen Hospital von London, in Paris und Metz, in Frankfurt, in Nizza, in Davos standen die Schwestern in der Arbeit, dazu vor allem an vielen kleinen und großen Arbeitsplätzen der westfälischen Heimat. Kam er auf eine Station, so galt sein erster Weg immer den Elendesten und Sterbenden. Sie zu erquicken und aufzurichten, war ja zugleich die wesentlichste Hilfe, die er den Schwestern in ihrem oft mühsamen Dienst bringen konnte.
In der Charité von Berlin hatten die Schwestern die Station der Kranken, die das Straßen- und Nachtleben an Leib und Seele verdorben hatte. Unvergleichlich, unvergeßlich waren der Ernst, die Milde und die suchende Liebe, womit er zu diesen Kranken sprach, teils zu den einzelnen, teils auch zu dem ganzen Saale. Daraus gewannen dann zugleich auch die Schwestern neue Kraft und Freudigkeit für ihren sauren Dienst.
Waren die Kranken besucht, so versammelte er den Schwesternkreis. „Habt ihr Frieden untereinander?” lautete immer wieder seine Frage, auf die er keine Antwort erwartete, die er aber desto ernster auf die Gewissen legte. Dann sprach er die einzelnen.
Ganz einsam stehende Schwestern, die nur unter großem Aufwand von Zeit zu erreichen waren, bestellte er mit einer Postkarte auf irgend eine Station der Bahnstrecke, nahm sie ein Stück Weges im Zuge mit und ließ sie dann auf ihren Posten zurückkehren. Unserer Mutter schrieb er von solchen Reisen immer kurze Grüße, ließ sie auch nie vergeblich warten. Konnte er es nicht anders einrichten, als nachts nach Hause zu kommen, dann telegraphierte er: „Schlüssel heraus”. So wußte die Mutter: „Er kommt”, und legte den Hausschlüssel an eine verabredete Stelle vor dem Fenster. Am Morgen aber durften wir Kinder seine kleine schwarze lederne Reisetasche auspacken, in der regelmäßig für jedes von uns ein kleines Mitbringsel steckte, das selten mehr als einen Groschen kostete, aber darum doch jedesmal die größte Freude erweckte.
Für alle Häuser, in denen Schwestern arbeiteten, erwartete er von den Vorständen zweierlei: einmal, daß von den Kranken nicht Karten gespielt wurde, und dann, daß die Schwestern die Freiheit hatten, in den Sälen der Kranken und auch an den einzelnen Krankenbetten eine kurze Andacht zu halten. Den Schwestern im Londoner Hospital, in welchem Protestanten, Katholiken und Juden durcheinander lagen, stellte er ein besonderes Andachtsbuch zusammen, für alle drei Glaubensrichtungen passend.
Freie Ansprachen der Schwestern und freie Gebete erwartete er nicht. Er widersprach und widerriet dem im einzelnen Falle nicht, aber die keusche Zurückhaltung der Frau auf diesem Gebiet war ihm lieb.
Und ein stilles, sanftes Wesen,
Mehr im Wandel als im Wort,
Sei zu ihrem Schmuck erlesen.
Selten kam es vor, daß er Schwestern des Mutterhauses ihren Vorständen gegenüber in Schutz nehmen mußte. War es dennoch nötig, dann tat er es mit der ganzen Ritterlichkeit seines Wesens. Mit einer hochgestellten Dame, die ein kleines Pflegehaus unterhielt, es aber an der körperlichen Versorgung der Kranken und der Schwestern mangeln ließ, brach er nach einigen vergeblichen Verhandlungen vollständig und ließ ihre Briefe unbeantwortet. Die Schwestern, die unter Professor von Bergmann in der Berliner Universitätsklinik arbeiteten, zog er zurück, weil ihm die natürlichen Empfindungen der Schwestern während mancher der öffentlichen Operationen in Gegenwart der Studenten nicht genügend geschützt schienen. Die Trennung von dem von ihm hochverehrten Professor von Bergmann war ihm tief schmerzlich, aber er blieb fest. Die Vorwürfe, die von dem leitenden Arzt einer großen Krankenanstalt öffentlich gegen die Schwestern erhoben worden waren, entkräftete er bis zu ihrem letzten Austrag, der in die Entlassung des Arztes auslief.
Im allgemeinen aber erwartete er von den Schwestern, daß sie sich auch in schwierige und schwierigste Verhältnisse geduldig schickten; wie er denn auch umgekehrt erwartete, daß man mit den Schwachheiten, Schranken und Fehlern der Schwestern Geduld habe. Dabei blieb es nicht aus, daß er das gleiche Maß von Geduld, das er selbst an einzelne Schwestern gewandt hatte, auch von andern erwartete. Aber was er tragen konnte, konnten doch keineswegs immer auch andere tragen. Hier hat er bisweilen dem Kreise der Schwestern, die eine ungeeignete Mitarbeiterin in ihrer Mitte hatten, fast zu schwere Lasten aufgelegt dadurch, daß er immer wieder die Ablösung eines solchen störenden Elementes hinausschob. Wurde er aber belehrt und überzeugt, dann griff er streng durch. Das tat er namentlich auch in den Fällen, wo er das innerste Leben einer Schwester an dem Platz, wo sie stand, gefährdet glaubte. Dann mochte der betreffende Vorstand, der unter Umständen mit der Schwester, um die es sich handelte, in höchstem Maße zufrieden war, alle Mittel anwenden, die Schwester zu halten, — Vater blieb unerbittlich. Er löste sie ab.
Der Mittwoch wurde schon frühzeitig für uns Kinder ein besonderer Festtag. Denn da war am Nachmittag eine sogenannte „Lehrprobe”, die bald in dieser, bald in jener Kleinkinderschule in und um Bielefeld von Vater gehalten wurde und zu der er uns bisweilen mitnahm. Dann waren alle Kleinkinderschul-Schwestern und ihre Gehilfinnen versammelt. Die Kinder im Alter von zwei bis sechs Jahren saßen auf ihren Bänkchen, die kleinsten vornan, und nun pflegte Vater eins der Kleinen an die Hand zu nehmen, damit es sich unter der Schar der Kinderschwestern eine aussuchte, die die biblische Geschichte erzählen sollte. Alles Sträuben half dann nichts; die von dem Kinde Gewählte mußte heran und die Geschichte, die am Freitag vorher in der Vorbereitungsstunde durchgesprochen war, behandeln. So gelang es, daß alle Teilnehmerinnen gleichmäßig für die Lehrprobe vorbereitet waren und alle an dem Verlauf das gleiche Interesse hatten.
Hernach kam dann die Besprechung eines Bildes an die Reihe, das ebenfalls vorher allen Teilnehmerinnen bekannt gegeben worden war und das alle studiert hatten. Wieder war es ein Kind, das an der Hand des Vaters die Auswahl unter den Schwestern traf. Zuletzt kam das gemeinsame Spiel. Vater, der schon vorher beim Erzählen immer durch ganz kindliche Fragen und Antworten bald den Kindern, bald der erzählenden Schwester weitergeholfen hatte, war jetzt beim Spiel vollends ein Kind unter den Kindern. Wenn die Riesenschlange gemacht wurde, dann ging er mit in der Reihe, das Kind, das vor ihm marschierte, an seinem Schürzchen haltend, während das Kind hinter ihm ihn an seinem Rockschoß gefaßt hatte. Und es war gar nichts Gemachtes dabei, sondern es war, als wenn es sich ganz von selbst so verstünde.
Das Wertvollste dieser Lehrproben bestand, wenn die Kinder nach Hause geeilt waren, in der Kritik, die in großer Gemütlichkeit beim festlich gedeckten Kaffeetisch abgehalten wurde. Diese Kritik spielte sich in der Weise ab, daß Vater alle Teilnehmerinnen nach ihrem Urteil fragte, erst die jüngeren, dann die älteren. So wurde jede verantwortlich gemacht für die andern. Erst am Schluß faßte er das Ganze zusammen. Die, die es am schlechtesten gemacht hatten und am meisten Ermutigung bedurften, kamen oft am besten weg, und andere, die in Gefahr standen, sich etwas auf ihre Leistung zugute zu tun, senkten die Köpfe.
Noch lieber als die Mittwochnachmittage waren uns die Mittwochabende. Da war Familienabend. Was irgend von Schwestern abkommen konnte, versammelte sich am gemütlich gedeckten und geschmückten Abendbrottisch im Schwesternspeisesaal des Mutterhauses. Im Unterschied von der sonst klösterlich einfachen Kost gab es an diesem Abend nicht nur Graubrot und Schwarzbrot, sondern auch Weißbrot mit Butter und Schinken, Käse und Wurst. Und wir Kinder genossen diesen festlichen Tisch in vollen Zügen. Denn zu Hause ging es bei dem äußerst geringen Gehalt des Vaters sehr sparsam zu.
Vater erzählte an diesem Abend aus Vergangenheit und Gegenwart, aus eigenen und fremden Erlebnissen, oder er las auch vor; in jener Anfangszeit am liebsten aus Christophorus von Rocholl, aus Matthias Claudius oder aus der Liedersammlung von Wackernagel. Sobald wir Kinder einigermaßen die Kunst des Lesens erfaßt hatten, mußten wir dem Vater beim Vorlesen helfen. Allmählich wurde es Brauch, daß alles, was an Gästen in den Anstalten verkehrte, zu diesem Familienabend eingeladen wurde, und wer irgend etwas zu erzählen und zu berichten hatte, durfte sein Pfund nicht im Schweißtuch behalten. So weitete sich der Gesichtskreis des Mutterhauses, und der Strom des Weltgeschehens, der sonst so leicht an Anstaltshäusern vorbeirauscht, bespülte seine Ufer.
Einen Höhepunkt erreichte das Leben des Mutterhauses immer in den vierzehn Tagen, die der Einsegnung der Schwestern vorangingen. Es waren regelmäßig die Tage zwischen Palmsonntag und Quasimodogeniti, die Zeit, wo ringsum in den Buchenwäldern die Leberblümchen und Anemonen den Frühling anmeldeten. Dann sah man jeden Nachmittag die Schar der Schwestern, welche drei oder vier Jahre lang ihren Entschluß geprüft hatten und nun bewährt und bereit waren, den Dienst einer Diakonisse als Lebensberuf zu erwählen, mit dem Vater durch das Frühlingsland wandern. Auf diesen Wanderungen nahm er dann Gelegenheit, jede Schwester an der Hand ihrer Familienverhältnisse und ihres Lebensganges kennen zu lernen und zu beraten. Mancher Schwester sind diese stillen Wege wichtiger und wertvoller geblieben als die feierliche Einsegnung selbst vor der sich drängenden Gemeinde.
Und diese Einsegnung zum Dienst blieb keine einmalige, sondern wiederholte sich jedesmal, wenn eine Schwester das Mutterhaus verließ, um auswärts eine Arbeit zu übernehmen oder um auf den alten Arbeitsplatz zurückzukehren. Dann kam sie regelmäßig zum Abschiednehmen bei Vater vor. Neben seinem Arbeitszimmer hatte Vater ein Dachkämmerchen, in welchem die Mutter ihre Vorräte aufbewahrte, dessen eine Wand aber freigelassen und mit einem großen, aus Holz geschnitzten Kruzifix geschmückt war. Darunter stand ein kleiner Tisch. Es waren immer nur ganz wenige Minuten, die Vater dort den einzelnen Schwestern widmete. Was er sagte und fragte, ist naturgemäß in den meisten Fällen Geheimnis geblieben. Aber höchst schlicht und natürlich ging es allemal zu. Vielfach sagte er auch gar nichts, sondern warf sich vor dem kleinen Tisch unter dem Kruzifix auf die Knie, und während die Schwester an der andern Seite kniete, befahl er sie und sich selbst der vergebenden und gebenden Gnade dessen, in dessen Dienst sie beide standen. Und in seiner harmlosen Art vergaß er oft, die Doppeltür, die in das Kämmerchen führte, zu schließen, sodaß, wer von uns nebenan zu tun hatte, es nicht immer wehren konnte, daß die Worte des Gebetes auch zu ihm drangen. Tränen in den Augen und doch strahlenden Antlitzes haben wir manche Schwester aus dem Zimmer kommen und ihren Weg in die entsagungsvolle Arbeit antreten sehen.
Nicht immer hatte Vater in dem großen Gedränge seiner Arbeit für die einzelne Schwester viel Zeit; und manche hat, bewußt oder unbewußt, darunter gelitten. Aber wie er es bei seinen Kindern hielt, so hielt er es auch bei den Schwestern: er betete. Wo ihm selbst die Zeit und Kraft für die einzelnen fehlte, da befahl er sie betend desto inniger und zuversichtlicher dem segnenden Herrn. Und diese Gebete sind erhört worden. Als er eine Diakonisse begraben hatte, die einzige Tochter eines großen Bauernhofes, sagte ihre Mutter, während sie am Grabe stand: „Herr Pastor, und wenn ich sieben Töchter hätte, ich gäbe sie Ihnen alle; denn mein Kind ist zu glücklich gewesen.” Von wie vielen Diakonissen konnte dasselbe gesagt werden! Sie waren in der Tat unter dem Segen ihres Herrn zu glückseligen Menschen geworden.
Die Epileptischen.
Unter allen Kranken leidet der Epileptische am schwersten. Sobald die plötzlich auftretenden Anfälle zunehmen oder bekannt werden, wird er gemieden. Das epileptische Kind muß die Schule verlassen, der epileptische Erwachsene verliert seine Arbeit und seinen Beruf. Aus Furcht, aufzufallen oder zu stören, meidet er ganz von selbst alle öffentlichen Versammlungen, auch die Gottesdienste, oft sogar den eigenen Familienkreis. Kann der Arzt nicht helfen, so treibt ihn die Qual seiner Lage von einem Ratgeber zum anderen, von der ersten vergeblichen Kur zur zweiten, dritten, vierten.
Nur scheinbar ist der Zustand eines Blödsinnigen trauriger als der des Epileptischen. Der Blödsinnige empfindet seine Lage kaum; seine Stimmung ist gleichmäßig, oft sogar heiter. Die Leiden des Geisteskranken dagegen sind wohl in manchen Fällen gesteigerter als die des Epileptischen, aber sie sind vorübergehend: entweder tritt verhältnismäßig bald Besserung und Heilung ein, oder aber es löst der Tod auf der einen, der sich anbahnende Blödsinn auf der anderen Seite das Leiden ab.
Der Epileptische dagegen sieht, wenn eine Kur nach der anderen fehlgeschlagen ist, mit wachen Sinnen und mit tätigen körperlichen und seelischen Kräften ein Leben der Hoffnungslosigkeit, der Verlassenheit, des Ausgestoßenseins vor sich. In vielen Fällen brechen die Anfälle nur langsam, oft erst nach Jahren, ja, Jahrzehnten den körperlichen und seelischen Widerstand des Organismus. Und solange dieser Widerstand dauert, so lange dauert auch das Leiden, sodaß der Tod oder die Verblödung, je früher sie eintreten, die großen Befreier von einem Leben der Qual sind.
Bis in die 60 er Jahre des 19. Jahrhunderts lag in Deutschland von kleinen Anfängen abgesehen (1773 wurde ein erstes Asyl in Würzburg eröffnet), die Fürsorge für die Epileptischen noch fast ganz im argen. Soweit sich ihr Elend nicht in der eigenen Familie verbarg, waren sie zumeist in den Anstalten für Blödsinnige oder Geisteskranke untergebracht. Aber nur im fortgeschrittenen Stadium der Krankheit empfindet ein Epileptischer, der unter Blöden oder Geisteskranken lebt, seine Lage nicht mehr. In den frischeren Fällen zeigt ihm der Zustand der Blödsinnigen, unter denen er lebt, den Abgrund, dem auch sein Dasein entgegenrollt. Andrerseits läßt der Zustand des Geisteskranken, sobald er den Wendepunkt überschritten und den Weg zur Genesung gefunden hat, den Epileptischen die Höhe sehen, die für ihn unerreichbar ist: der Geisteskranke kehrt in seine früheren Verhältnisse zurück; der Epileptische bleibt Jahr um Jahr an die Anstalt gebannt.
In Süddeutschland wurde die erste besondere Anstalt für die unglücklichen Kranken 1862 in Pfingstweide (Württemberg) gegründet. In Norddeutschland hatten sich die Augen der Freunde der Epileptischen auf eine kleine Anstalt gerichtet, die durch den evangelischen Pastor John Bost in der Nähe der kleinen französischen Stadt La Force entstanden war und ausschließlich den Epileptischen diente. Die von dort kommenden Anregungen brachten den Verein für Innere Mission in Rheinland und Westfalen zu dem Entschlusse, getrennt von den Anstalten für Geisteskranke und Blödsinnige eine lediglich für Epileptische bestimmte Anstalt ins Leben zu rufen. Der junge Reisesekretär des Vereins für Innere Mission, Hesekiel, der später als Generalsuperintendent der große Wohltäter der Provinz Posen wurde, war unermüdlich tätig, diesem Gedanken Freunde zu gewinnen. Da neben den Anstalten in Kaiserswerth das Rheinland noch eine weitere Anzahl von Stätten christlicher Barmherzigkeit besaß, so wünschte man, daß die neue Anstalt womöglich in Westfalen ihre Heimat fände.
Nun war der Rheydter Pastor Balke, ein Ravensberger von Geburt, durch seine Arbeit als Seelsorger an der Blödenanstalt Hephata in München-Gladbach in besonderer Weise mit dem Lose der epileptischen Kranken vertraut geworden. Denn wie in anderen Anstalten waren auch unter die Blödsinnigen der Anstalt Hephata epileptische Kranke gemischt. Für diese Epileptischen erhob nun Balke seine Stimme.
Land und Stadt in Minden-Ravensberg waren auf seinen Ruf nicht unvorbereitet. Überall, bald in kleineren, bald in größeren Herden, brannte das Feuer einer zur Tat bereiten Liebe. In Bielefeld waren es vor allem einige Frauen aus den ersten alten Patrizierfamilien der Stadt, die mit wachem Gewissen und geöffnetem Herzen sich in den Dienst Gottes gestellt hatten. Durch sie waren auch ihre Männer und Verwandten gewonnen worden. Die Funken eines Vortrages, den Pastor Balke aus Rheydt im Jahre 1865 hielt, sprangen nach Bielefeld über. Das kurze Kriegsgewitter von 1866 dämmte wohl das Feuer eine Weile ein, brachte es aber nicht zum Erlöschen. Vielmehr zogen wirklich im Jahre 1867 die ersten sieben epileptischen Kranken in dem kleinen Bauernhofe ein, der am Fuße der Sparenburg erworben war. Der westfälische Generalsuperintendent D. Wißmann hielt die Einweihungsrede der jungen Anstalt an der Hand des Wortes: „Aus dem Kleinsten sollen tausend werden und aus dem Geringsten ein mächtig Volk. Ich, der Herr, will solches zu seiner Zeit eilend ausrichten.” Jes. 60, 22. Mit den sieben Erstlingen beugte er seine Knie vor Gott, um den Segen für die junge Pflanzstätte zu erflehen.
Zwei Jahre später kam, wie bereits erwähnt, die Schwesteranstalt Sarepta hinzu. Beide standen unter demselben Präses, dem Kaufmann Bansi in Bielefeld, und unter dem gleichen Vorsteher, dem Pastor Simon. Als nach den ersten vier Jahren allmählich wachsender Aufgaben Pastor Simon sich vor die Wahl gestellt sah, sich entweder auf seine ausgedehnte Bielefelder Tätigkeit zu beschränken und dann auf die Leitung der Anstalt zu verzichten oder umgekehrt, entschied er sich dahin, dem Vorstand die Wahl eines neuen Vorstehers zu empfehlen.
Nun war Vater ja längst in Bielefeld kein Unbekannter mehr. Namentlich von Paris war er wiederholt in Bielefeld eingekehrt und hatte in dem Bansischen Hause Aufnahme gefunden. So war es Gottfried Bansi, der den Blick des Vorstandes auf den Dellwiger Pastor richtete. Mit Pastor Simon zugleich machte er sich persönlich nach Dellwig auf, um die Berufung des Vorstandes zu überbringen. Vater reiste nach Bielefeld, um alles an Ort und Stelle zu besprechen. Nach Dellwig zurückgekehrt, setzte er selbst die Richtlinien auf, unter welchen er bereit war, die Arbeit zu übernehmen, und als diese vom Vorstand bewilligt waren, sagte er zu. Damit war er der Vorsteher der Diakonissen und Epileptischen geworden.
Und nun sehe ich Vater in der Erinnerung unter seinen Epileptischen stehen. Als ein Hoffender stand er unter ihnen, den Hoffnungslosen. Durch seine persönlichen Erfahrungen war er ja dazu vorbereitet.
Über dem Bett der Eltern hingen die Bilder unserer vier verstorbenen Geschwister. Sie umrahmten eine kleine Heliogravüre von Mintrop. Diese stellte eine Frauengestalt dar, die von den himmlischen Heerscharen der Himmelstür entgegengeleitet wird. An der geöffneten Tür kommen mit Palmen in den Händen vier Kindergestalten der Mutter entgegen, um sie vor den Thron Gottes zu führen. Das waren unsere vier Geschwister, die erst die Mutter, dann den Vater abholten.
Über dem großen Schmerz, der die Herzen unserer Eltern getroffen hatte, als ihnen alle vier Kinder genommen wurden, waren sie stille geworden durch den Glauben an den auferstandenen Herrn, der auch für sie die Stätte bereitet hatte, da man zusammenkommen soll. Hinfort lebten sie vor den Toren der hochgebauten Stadt. „Ganz dicht vor den Toren Jerusalems”, wie oft haben wir Vater das sagen hören! Die Hoffnung für diese Zeit hatte den Eltern durch das Sterben aller ihrer Kinder genommen werden müssen, damit sie den Anker ihrer Hoffnung fest hineinsenkten in die ewige Welt Gottes. So waren sie vorbereitet für die Arbeit unter den Hoffnungslosen.
Man mag den Nachlaß des Vaters in seinen Briefen und Ansprachen oder das Buch der Erinnerung an ihn aufschlagen, wo man will, überall findet man seine Seele gestimmt auf den gleichen Ton der Hoffnung: „Die Leiden dieser Zeit sind nicht wert der Herrlichkeit, die an uns soll geoffenbart werden.” Darum jammerte ihn wohl das Los der Epileptischen, aber er bejammerte sie nicht. Körperliche Krankheit und körperliche Gesundheit hatten für ihn die große Entfernung voneinander und die große Bedeutung verloren, die ihnen sonst so gern beigelegt wird. Vielmehr galt ihm der körperlich Gesunde für krank, wenn sein Blick haften geblieben war an den armen vergänglichen Dingen dieser Erde; der körperlich Kranke galt ihm für gesund, sobald er durch den Glauben den Zugang gefunden zu der ewigen Hoffnung. Darum konnte er mit glühendster Überzeugung einen armen verblödeten Epileptischen, der mit seliger Hoffnung dem Abschied aus der Welt entgegeneilte, glücklich preisen gegenüber dem andern, der mit gesunder Körperkraft ohne Ziel und Zweck ins Leben hinausstürmte.
An der Ecke von Sarepta und beim Eingang in das Haus der Epileptischen, Bethel, befand sich in jener Anfangszeit je eine schlichte Gaslaterne. Unter der zweiten dieser beiden Laternen sehe ich immer noch einen epileptischen Kranken stehen, namens Heinrich Hudel, der unter der Laterne seinen Standplatz hatte. Er sagte nichts, aber auf seiner Mundharmonika spielte er immer das eine Lied, das ihm zum Lieblingslied geworden war: Weil ich Jesu Schäflein bin, — Freu’ ich mich nur immerhin — Über meinen guten Hirten, — Der mich wohl weiß zu bewirten, — Der mich liebet, der mich kennt — Und bei meinem Namen nennt. — — Unter seinem sanften Stab — Geh’ ich aus und ein und hab’ — Unaussprechlich süße Weide, — Daß ich keinen Mangel leide. — Und so oft ich durstig bin, — Führt er mich zum Brunnquell hin. — — Sollt’ ich nun nicht fröhlich sein, — Ich beglücktes Schäfelein? — Denn nach diesen schönen Tagen — Werd’ ich endlich heimgetragen — In des Hirten Arm und Schoß. — Amen! Ja, mein Glück ist groß!
Das war, in die kindlichste Form gebracht, die Summe der Theologie, in der Vater lebte und die er darum auch seinen Kranken brachte. Jedes Jahr einmal kam Heinrich Hudels Mutter aus den Nassauischen Bergen. Er war ihr einziger Sohn und sie selbst eine Witwe. Aber das Glück, das in dem Herzen ihres kranken Heinrich lebte, strahlte von dem Angesicht der Mutter wider. Als endlich der letzte Kampf gekämpft war und Vater Heinrich Hudels Mutter an der Leiche ihres Sohnes traf, da „wußte ich nicht,” — so hat er uns oft erzählt — „was glücklicher aussah, das Angesicht des Heinrich oder das Angesicht der Mutter.”
Die Grabhügel und schlichten Kreuze der Epileptischen aus den ersten Jahren, die sich oben auf dem stillen Waldfriedhof Reihe an Reihe legten, sind mit den Jahren verschwunden und haben dem grünen Rasen und dem Schatten der Lebensbäume Platz gemacht. Aber der Hügel und das Kreuz Heinrich Hudels sind noch heute zu finden mit dem Vers darauf, den er nicht müde wurde zu spielen. Er ist, man möchte sagen, der Vorsänger und Kapellmeister der Epileptischen von Bethel geworden, und das Kreuz auf seinem Grabe mit der Inschrift darauf wurde zur Losung und zum Feldgeschrei aller seiner Leidensgenossen.
Im Gegensatz zu Heinrich Hudel taucht eine andere Gestalt aus jenen Tagen auf. Es war ein Landwirtssohn, der erst im beginnenden Mannesalter epileptisch geworden war. Er war ein Hüne von Gestalt, und seine Anfälle waren so heftig, daß er mit Riemen an Händen und Füßen gefesselt werden mußte, weil die Pfleger sonst nicht verhindern konnten, daß der in wilden Zuckungen sich windende Körper sich selbst und andern Schaden tat. Aber wie es bei solchen frischen Fällen bisweilen vorkommt: die Krankheit tobte sich aus, der Kranke genas und konnte entlassen werden. Am Körper war er gesund geworden; aber seiner Seele hatte die furchtbare Krankheitszeit des Körpers nicht zur Gesundheit geholfen.
Solch einen Gesundgewordenen sah Vater nur mit Schmerzen den Weg ins Leben zurücknehmen. Sein Weg glich dem Wege, an welchem auf allen Seiten der Tod lauert, während umgekehrt die Leichenfeier eines Epileptischen, der im Glauben vollendet hatte, zur Lebensfeier, der Leichenzug zu einem Triumphzug wurde. Am liebsten ließ Vater bei solcher Gelegenheit ein Loblied singen, und Lob und Dank war der Inhalt seiner Leichenrede. Dem Leichenzug voran aber zog der Posaunenchor. In leuchtendem Weiß strahlte der blumengeschmückte Sarg, den die Mitkranken trugen. Wir Kinder standen mit um das geöffnete Grab her, und für Kranke und Gesunde wurde der Schauer des Todes überflutet von dem seligen Rauschen der Ewigkeit.
Aber diese hohe Hoffnung des Glaubens wurzelte in der Tiefe. Nicht nur als ein Hoffender unter Hoffnungslosen stand Vater unter den Epileptischen, sondern als Schuldiger unter Schuldigen. Wir haben ihn oft sagen hören: „Ich täte meinen Kranken das größte Unrecht, wenn ich ihnen die Verantwortung nähme und alles bei ihnen entschuldigen wollte.” Alle die Stimmungen, Launen und Leidenschaften, denen ein Epileptischer mehr als andere Kranke ausgesetzt ist, erklärte und entschuldigte Vater nicht aus ihrer Krankheit heraus. Vielmehr war die Krankheit mit ihren Erschütterungen für ihn nur wie das Erdbeben, das das im Innern des Vulkans schlummernde Feuer weckt und zum Ausbruch bringt. Jedes Menschenherz, einerlei ob im kranken oder gesunden Leib wohnend, glich ihm dem Vulkan; und erst die Krankheit mit ihren erdbebenartigen Erschütterungen öffnete, was sonst im Innern verborgen geblieben wäre. Nicht für das Erdbeben, aber für dies Innere machte Vater den Kranken verantwortlich. Und eben darum wurde er zum Wohltäter für die Kranken. Denn gerade so gab er ihnen die volle Menschenwürde. „Nichts ist feiger als die Entschuldigung, nichts größer als das Zugeben der Schuld.”
Aus falscher Barmherzigkeit hatten Eltern, Verwandte, Pfleger und die Kranken selbst alle Eigentümlichkeiten der Epileptischen aus ihrer Krankheit heraus erklärt und entschuldigt, ohne zu bedenken, daß sie dadurch nur desto haltloser ihren Stimmungen, Launen und Leidenschaften ausgeliefert wurden. Vater aber erhob die Kranken zum vollen Adel des Menschentums dadurch, daß er ihnen half, sich für ihre Gedanken, Stimmungen und Taten vor Gott und Menschen verantwortlich zu wissen. Und ihre Krankheit zeigte er ihnen nicht als ihren Feind, sondern als ihren Wohltäter, weil sie gerade durch ihre Krankheit das eigentliche Wesen ihres Herzens erkannt hatten, das ihnen ohne die Krankheit verborgen geblieben sein würde.
So wurde gegenüber dem früheren dumpfen Zustand der weichlichen Entschuldigung das Verantwortungsgefühl zum erfrischenden Morgenwind, das Schuldbewußtsein zur Kraft, die Reue zur Freude und die Krankheit zum Gehilfen der Wahrheit. Noch heute kann man kaum etwas Ergreifenderes hören als das lautgesprochene Sündenbekenntnis der Epileptischen, das sich seit jenen Anfangstagen bis heute in jedem Gottesdienst wiederholt. Während draußen in der Welt die Starken und Gesunden immer schwächer und morscher werden, weil sie die Verantwortung über sich selbst weggeworfen und die Zügel ihres Geschickes aus der Hand verloren haben, steht hier eine Schar von Ausgestoßenen und Kranken, unter denen sich immer wieder solche finden, die die Höhe des sittlichen Urteils über sich selbst erklommen und damit die Kraft gewonnen haben, gegen den Strom zu schwimmen.
Darum spielten auch meine Geschwister und ich mit den epileptischen Altersgenossen lieber als mit unsern gleichaltrigen gesunden Spielkameraden. Denn unwillkürlich fühlten wir, daß viele unter diesen epileptischen Kindern auf einer größeren sittlichen Höhe standen als gesunde Kinder im gleichen Alter. Es befand sich unter ihnen ja immer eine große Anzahl von solchen, bei denen die körperlichen und geistigen Kräfte noch nicht wesentlich gemindert waren, und wir teilten ihre Spiele und ihre Arbeit in großer Unbefangenheit. Manche von ihnen waren uns beim Spiel und bei der körperlichen Arbeit durchaus ebenbürtige Gefährten. Und während der Verkehr mit den gesunden Kameraden der städtischen Schulen dunkle Schatten über unsere Kinderzeit zu werfen drohte, so waren wir im Kreise unserer epileptischen Altersgenossen davor bewahrt und zogen uns zeitweise ganz in diesen Kreis zurück.
Diese Höhe des sittlichen Standes aber und die Kraft des sittlichen Urteils wurde bei den Epileptischen nicht erreicht durch irgend welche Moralpredigt. Es war vielmehr das allgemein menschliche Mittel: Jesus Christus, der mit seinem Leben, Leiden und Sterben und seiner Auferstehungskraft vor die Augen gemalt und in die Herzen hineingepflanzt wurde. Und das geschah von einem, der lebte, was er glaubte. Die tiefe, wahre Demut, in der Vater vor Gott stand, und das offene Bekenntnis seiner Sünderschaft vor Kranken und Gesunden ist mir als Kind oft nicht nur unverständlich, sondern geradezu ärgerlich gewesen. Sahen wir Kinder doch an unserm Vater nichts als Hingabe, Liebe, Aufopferung und eine unermüdliche Geduld. Die epileptischen Kranken aber, die vielfach gerade durch ihre Krankheit eine leichtere Erkenntnis ihres eigenen Herzens hatten, fühlten sich durch die Ehrlichkeit und Überzeugung, mit der sich Vater unter die Schuld stellte, vor das Angesicht der Wahrheit geführt und dadurch bewogen, nun auch ihrerseits mit der Wahrheit, die ihnen aus ihrer Krankheit heraus und aus dem Bilde Jesu Christi aufgegangen war, Ernst zu machen.
Aber mit derselben Energie, mit der Vater vor den Augen und den Gewissen seiner Kranken jedes Vertrauen auf sein eigenes Herz fortwarf, ergriff er nun auch unablässig die Gnade Gottes in dem vollkommenen Werke und der vollkommenen Person Jesu Christi. Er lebte in dem Lieblingslied seiner Mutter: Einmal ist die Schuld entrichtet, — Und das gilt auf immerhin. — Mosis Opfer stehn vernichtet, — Weil ich nun vollendet bin. — Denn mit einer Opfergabe — Hat das Lamm so viel getan, — Daß das Volk von seiner Habe — Sich vollendet nennen kann.
So wurde er zum Führer eines Volkes, das für Fernstehende lediglich ein Volk von Elenden, Bemitleidenswerten, Hoffnungslosen und Sterbenden war, das aber in Wahrheit eine vollendete Schar war, die durch die Verurteilung ihrer selbst auf der einen Seite, durch den Glauben an den Christus der Welt auf der andern Seite die eigentliche Höhe und Vollkommenheit des Menschentums erklommen hatte. „Hier sitzen”, sagte Vater einmal von den Epileptischen, „die Professoren auf ihren Lehrstühlen und bringen uns deutlich bei, was Evangelium und was Gotteskraft zur Seligkeit ist.”
Natürlich gab es innerhalb dieser Schar die größten Unterschiede und die verschiedensten Grade. Aber beides, Sünderschaft und Gotteskraft, blieb durch alle Unterschiede und Grade das Gemeinsame. Und je gründlicher einer auf diesem Boden unter sich wurzelte und über sich Frucht trug, je mehr kam es dem Ganzen zugute. Grundsatz aber blieb es, daß nicht durch Zwang oder Gewalt, nicht durch Moralpredigten und Kopfwaschen für dieses Heer der Sünder und Begnadeten geworben wurde, sondern durch den freien Geist der Liebe und des Glaubens.
Es war unter den Kranken jener ersten Zeit ein reicher Bauernsohn, der durch seine Aufgeblasenheit und Hoffart sich selbst, seinen Mitkranken und seinen Pflegern zur Plage war. Einer seiner Pfleger hatte sich allmählich erlaubt, hart gegen hart zu setzen. Das endete damit, daß er eines guten Tages von jenem Kranken verprügelt wurde. Entrüstet eilte er zum Vater. Der sagte nur: „Brüderchen, die Prügel hast du schon lange verdient.” Wie aber behandelte Vater seinerseits diesen in der Tat höchst schwierigen Kranken? Er hatte bei ihm eine Freude an Blumen entdeckt und ermunterte ihn, die schönsten Sträuße für seine Mitkranken zu suchen. Für jeden Sonntagmorgen aber erbat sich Vater von ihm einen Strauß für unsere Mutter. Ich sehe den Kranken noch immer glückstrahlend jeden Sonntagmorgen vor unserm Fenster erscheinen und unserer Mutter den neuen Strauß reichen. So gewannen Vater und Mutter sein Herz. Von beiden ließ er sich alles sagen und sich Schritt für Schritt auf den Weg leiten, der auch für ihn die Befreiung bedeutete.
So wurde die Gemeinde der Epileptischen zu einer Gemeinde der Hoffenden, der Büßenden, der Glaubenden, der Liebenden und — das muß zuletzt noch gesagt werden — der Arbeitenden. Arbeitslosigkeit gehört ja zu den besonderen Leiden der Epileptischen. Ausgestoßen aus Beruf und Werkstatt müssen ihre seelischen und körperlichen Kräfte allmählich abstumpfen und absterben. Die Rückkehr zur Arbeit aber bedeutet für sie neue Lebensfreude und Lebensfrische. Darum wurde die Anstalt für Epileptische von vornherein auf dem Grundsatz der Arbeit aufgebaut. Haus, Garten, Feld und Wald boten vom ersten Entstehen an den Kranken mannigfache Gelegenheit zur Beschäftigung. Als Vater die Leitung übernahm, waren auch schon die ersten Handwerksstätten im Entstehen begriffen.
Eine Zeitlang trug er sich mit dem Gedanken, ob nicht aus den frischesten Epileptischen die Meister für einige kleine Handwerksstätten genommen werden und die Kranken je nach ihrer Leistung auch bezahlt werden könnten. Aber dieser Gedanke trat bald wieder zurück. Seine Durchführung hätte die schwächeren Kranken, die kein leitendes Amt und kein Entgelt bekommen hätten, ihre Krankheit allzu empfindlich fühlen lassen. Hinfort herrschte in diesem Stück Einheitlichkeit: ein Avancement im eigentlichen Sinne und eine Bezahlung gab es nicht. Die Arbeit selbst wurde zur Ehre und zum Lohn. Jener Epileptische, der zunächst zum Meister ausersehen war, hat hernach, nachdem er hatte zurücktreten müssen, unter seinem gesunden Meister und Hausvater noch nahezu dreißig Jahre lang in der Tischlerwerkstätte gearbeitet, immer mit gleichmäßiger Treue und Heiterkeit, ohne je einen Pfennig Lohn sein eigen zu nennen. Er bekam, was er an Nahrung, Kleidung und allem übrigen nötig hatte, aber das Geld spielte für ihn keine Rolle mehr. Daß es in Bethel so viele glückliche Menschen gab und gibt, hat mit darin seinen Grund, daß der auri sacra fames, d. h. dem höllischen Hunger nach Geld, und zugleich dem „lockenden Silberton des reizvollen Ruhmes” so viel wie möglich der Boden entzogen wurde.
Natürlich gelang es nicht immer sofort, jeden zur Arbeit willig und fröhlich zu machen. Die erste kleine Ackerbaustation „Hebron” war entstanden, aber der Weg, der von Hebron eine Viertelstunde weit zum Mittelpunkt der Anstalt führte, war zunächst unausgebaut und im Winter nahezu grundlos. Eines Tages verweigerten deshalb die beiden epileptischen Kranken, die aus der Bäckerei von Sarepta das Brot zu holen hatten, den Dienst. Davon hatte Vater gehört. Er verschaffte sich eine Kiepe, ließ sich die Zahl Brote, die für Hebron bestimmt waren, hineintun, nahm sie auf den Rücken, trug sie durch Dreck und Unwetter nach Hebron hinüber und lud mit großer Heiterkeit sein Brot an Ort und Stelle ab. Damit war ein für allemal das Widerstreben gebrochen, und der Posten, das Brot zu holen, war zu einem besonderen Ehrenposten geworden.
Bei der Verteilung der Arbeit galt der alte preußische Grundsatz: suum cuique. Keine Einseitigkeit, sondern jeden möglichst nach seinen Kräften, Gaben und Neigungen einspannen! Nur so konnte ein freudiger Geist gepflegt und erhalten werden. So entstand dann Schritt um Schritt eine Arbeitsstätte nach der andern. Die Kranken selbst mit ihrer Arbeitslust und ihrem Arbeitshunger trieben die Entwicklung vorwärts.
Auch solche Kranke, die von Haus aus körperliche Arbeit nicht gewohnt waren, griffen fröhlich zu Hobel, Axt und Spaten; andere wiederum fanden in den Schreibstuben und bei mancherlei Botengängen ihre Beschäftigung. Mein Bruder Wilhelm und ich bekamen unsern ersten Unterricht bei einem epileptischen Lehrer.
Vaters erster Schreibgehilfe war ein epileptischer Eisenbahnsekretär. Er war verlobt und wurde während seines Dienstes auf dem Bahnhof in Gütersloh durch ein Telegramm, das ihm den unerwarteten Tod seiner Braut meldete, so erschreckt, daß er auf der Stelle im ersten epileptischen Anfall zusammenbrach. Seine geistige Fähigkeit hatte schon gelitten, als er in Bethel Aufnahme fand. Desto mehr war Herr Kneipp, so hieß er, gehoben und beglückt, als ihn Vater in seinen persönlichen Dienst zog. Unermeßlich muß die Geduld gewesen sein, die Vater mit ihm hatte. Manchmal waren beide Eltern im Arbeitszimmer des Vaters um ihn bemüht, wenn ihm plötzlich die Feder aus der Hand gefallen und er bewußtlos zu Boden gesunken war.
Die Erinnerung an diese Zeit, auch als sie schließlich um seiner zunehmenden Schwäche willen ein Ende fand, begleitete den Kranken durch den Rest seiner Tage, sodaß ich sein von Glück strahlendes Gesicht und seinen im Hochgefühl der Freude sich wiegenden Schritt immer noch deutlich vor Augen habe. Man fand ihn eines Morgens tot im Bett. Unbemerkt hatte er sich im Anfall herumgeworfen und war in seinem Kopfkissen erstickt.
Aber was wurde aus denen, deren Arbeitskraft versagte? Wer nicht mehr die Hände rühren konnte, konnte sie doch noch falten und so das Herz der Menschen und Gottes bewegen. Und das konnte auch der Schwächste und Elendeste noch. „Ihr könnt noch die Hände falten” — wie oft hat das Vater gerade den ganz Schwachen zugerufen und sie damit in die vordersten Reihen der Mitarbeiter gestellt!
So wuchs eine Gemeinde heran, die unter Gottes gewaltige Hand gebeugt, beides war, still und tätig, demütig und hochgemut, elend und doch gesund, „als die Sterbenden, und siehe, wir leben”.
Und wer will es dieser Gemeinde verdenken, daß, wo sich Vater zeigte, die Herzen rauschten, nicht aus Menschenvergötterung, aber aus Dank gegen Gott? Und Vater ließ es sich gefallen. Von Natur war ihm jede Berührung mit Kranken, sonderlich unsauberen, peinlich; nicht einmal ein Butterbrot, das von einer andern als von unserer Mutter Hand geschnitten und gestrichen war, aß er ohne Widerstreben. Aber kaum einer hat ihm das angemerkt. All den stürmischen Begrüßungen der Kranken gab er nicht nur nach, sondern gab sich ihnen hin. Wie oft hat ein Kranker, der seinen Dank nicht in Worte fassen konnte, seinen Kopf tief in seine Seite hineingebohrt oder ihm unversehens einen Kuß aufgebrannt! Er hat dem nicht gewehrt, sondern zum Dank mit seiner linden Hand die Wange und die Stirn gestreichelt.
Die Brüder.
Der Dienst an den Epileptischen konnte natürlich nicht getan werden ohne einen Kreis gleichgesinnter Pfleger und Pflegerinnen. Neben die Diakonissen traten die Diakonen, neben die Schwestern die Brüder.
Die ersten Brüder kamen aus der Diakonenanstalt Neinstedt am Harz. Sie bildeten den Grundstock einer kleinen Bruderschaft, die sich im Jahre 1877 zu einer besonderen Diakonenanstalt zusammenschloß. Zwischen dem Diakonissenhause Sarepta und dem Hause der Epileptischen Bethel war noch ein Platz frei. Hier entstand die Heimat der Brüder, das Haus Nazareth.
Woher sie kamen? Ein Schustergeselle stellte sich aus dem Hannöverschen ein, dem sein Freund aus einer Predigt erzählt hatte, die Vater in dem kleinen hannöverschen Bad Essen gehalten und in der er für den Dienst an den Kranken geworben hatte. Ein Landwirt meldete sich, der im August 1870 als Paderborner Husar vor Metz inmitten seines Regimentes im feindlichen Kugelregen gehalten und in dieser Gefahr das Gelöbnis getan hatte, er wollte Gott sein Leben weihen, wenn er ihn gesund wieder ins Vaterland brächte. Der Sohn eines der reichsten und größten Höfe aus dem Herzen des Ravensberger Landes kam. Auch ein Kaufmann, der seinem Kompagnon seinen Anteil an dem reichen Ertrage des Geschäftes allein überließ. Und so einer nach dem andern. Mehr noch als bei den Schwestern waren es meist Angehörige der körperlich arbeitenden Stände, selten, zu selten jemand, der ähnlich den Gliedern des alten Johanniter- und Templerordens eine umfassende Bildung besaß.
Aber die Herzensbildung war ja gerade im Dienst an den Epileptischen das Entscheidende, der innere Friede, die Gelassenheit des Gemüts. Als eine Säule im Sturm stand Bruder Nispel als Hausvater unten in Eben-Ezer unter den aufgeregten Kranken. Wie natürlich und gemütlich ging es zu! Da kommt ein Kranker die schmale Treppe heraufgestürmt. Irgend etwas muß zwischen ihm und einem Mitkranken vorgefallen sein, das sein Gemüt so in Wallung bringt. Zitternd vor Erregung steht er vor dem Hausvater und kann kaum mit der Sprache heraus. Da langt Hausvater Nispel zur Kiste mit Zigarren, die oben auf dem Schrank steht. „So, Wilhelm, nun wollen wir uns erst mal eine anstecken.” Und Wilhelm nimmt mit bebender Hand das köstliche Kraut, der Hausvater hilft beim Anzünden, und während die ersten hastigen Züge des Kranken die Rauchwolken herausstoßen, hat auch der Hausvater in aller Muße seine Zigarre in Brand gesetzt. Nun qualmen die beiden miteinander. Viel Worte sind nicht mehr nötig. Die kleine Freundlichkeit und die große Ruhe haben die Hauptsache getan, und still und zufrieden geht Wilhelm wieder an seine Arbeit zurück. Vater selbst rauchte nicht. „Aber”, so konnte er oft sagen, „ich danke Gott für das gute Kraut.” So wenig er für seine Person den Tabak schätzte, so war er ihm doch oft in der Pflege der aufgeregten Kranken ein lieber Bundesgenosse, den er gegen Fanatiker in Schutz nahm.
Als im Jahre 1872 das große Haus „Bethel” fertiggestellt war, in welchem 200 epileptische Kranke jeden Alters und Geschlechts untergebracht waren, wurde das ganze Haus zunächst einem Inspektor unterstellt, dem nun ihrerseits wieder die Brüder und Schwestern untergeordnet waren. Aber als der erste Inspektor, namens Unsöld, nach jahrelanger treuer Arbeit in seine schwäbische Heimat zurückkehrte, wurde seine Stelle nicht neu besetzt. Von jetzt an stellte Vater die Kranken weiblichen Geschlechts ausschließlich in die Obhut der Schwestern und die männlichen Geschlechts in die Obhut der Brüder. Station um Station wurden die männlichen Kranken aus dem Hause hinaus verlegt, bis das ganze Haus nur den weiblichen Kranken gehörte. Unter der geräuschlosen Leitung von Schwester Luise hat so das alte liebe Haus Bethel allen andern Häusern vorangearbeitet in Stille, Sparsamkeit und Fleiß.
Als weitere Häuser für weibliche Kranke nötig wurden, wurden dieselben Wege innegehalten. Sie alle standen ausschließlich unter der Leitung von Hausmüttern, die dem Diakonissenhause angehörten. „Hausmütter”, das war das entscheidende Wort. Überall sollte der mütterliche Sinn der Frau, so viel wie nur irgend möglich, das Haus durchdringen.
Aus demselben Grunde aber mußten die Brüder heiraten. Neben den Hausvater, der der einzelnen Station epileptischer Kranker vorstand und sie mit einigen ledigen Brüdern verwaltete, mußte die Hausmutter treten, die mit mütterlichem Geiste das Haus erfüllte. Beide Hauseltern aber konnten, wenn ihnen Kinder geschenkt wurden, an ihren eigenen Kindern die rechte väterliche und mütterliche Art lernen, mit der sie ihre Kranken versorgten und ihnen das ferne Elternhaus und die verlorene Heimat ersetzten.
Aus den Diakonissen durften die Brüder die Lebensgefährtin nicht wählen. Diese Ordnung wurde vom ersten Augenblick an durch Vater aufgerichtet und durchgehalten. Nicht aus einer Möncherei heraus. Aber bei den Schwestern wurde der Entschluß vorausgesetzt, ihr Leben, ohne durch die Ehe gebunden zu sein, ungehindert dem Dienst des Nächsten zu widmen, es sei denn, daß Gott durch die Verhältnisse ganz klar andere Wege zeigte. In diesem Entschluß sollten sie durch ihre nächsten Mitarbeiter, die Brüder, nicht wankend gemacht werden. Es ist, soviel ich weiß, auch niemals geschehen.
Nicht in der Pflege der Epileptischen, wohl aber auf den übrigen Krankenstationen arbeiteten Schwestern und Brüder in jener ersten Zeit zusammen, sowohl im Diakonissenhause Sarepta als auch in andern Krankenhäusern hin und her im Lande. Die Leitung des Hauses, auch die der einzelnen Stationen für männliche Kranke, lag in der Hand der Schwester. Unter ihr, in möglichst großer Selbständigkeit, aber doch ebenso unter ihr wie die jungen Schwestern, arbeiteten die Brüder.
Denn auf dem Gebiete der Krankenpflege reichte Vater als etwas Selbstverständliches der Frau die Palme. Er hatte während seiner Krankheit als junger Rekrut in Berlin und hernach während der Feldzüge 1866 und 1870 aus eigener Erfahrung erprobt, daß die Begabung des Mannes in diesem Stück hinter der der Frau zurücksteht. Der Mann sieht auf das Ganze, die Frau auf das Einzelne. Die Arbeit in der Pflege des Kranken aber besteht in erster Linie aus vielen Kleinigkeiten. Doch über diese Dinge wurde von Vater keine Theorie aufgestellt. Er handelte aus unmittelbarem Empfinden heraus, wenn er dem mütterlichen Blick und Herzen der Frau die erste und letzte Sorge für die Kranken, auch für die männlichen Kranken anvertraute, und wenn er von den Diakonen die Anerkennung einer auf diesem Gebiete den Mann überragenden Würde der Frau als ganz selbstverständlich erwartete.
Aber auf seiten der Schwester gehörte dazu, daß sie solche Würde sich nicht zum Stolz und zur Herrschsucht gereichen ließ; auf seiten des Bruders, daß die Einsicht in die Schranken ihm nicht zur Last wurde und zur Fessel, sondern zum Antriebe, unter ehrlicher Anerkennung des Tatbestandes doch zugleich sein Bestes daranzusetzen. Wo das geschah — und es kam auf einzelnen Krankenstationen in dem Zusammenarbeiten zwischen Schwestern und Brüdern vor —, da erreichte die Pflege der Kranken eine Höhe und die Atmosphäre, die das Haus durchwehte, eine Reinheit und Kraft, die für Vater zu den schönsten Erfahrungen seines ganzen Lebens gehörte.
Doch es konnte nicht ausbleiben, daß er auf diesem Gebiete Schwestern sowohl wie Brüdern eine Höhe und innere Reife und eine Zartheit des Taktes zumutete, hinter der bald der eine, bald der andere Teil, bald beide zurückblieben. Kam doch bei Vater noch seine ritterliche Art hinzu, die es ihm fast von Natur leicht und zur Lust machte, sich der Frau auf diesem bestimmten Gebiete unterzuordnen. Da hat er manchen Sohn und manche Tochter des Volkes zu sehr mit seinem eigenen Maß gemessen, statt an jeden den Maßstab anzulegen, der der eigenen Entwicklung des betreffenden Bruders, der betreffenden Schwester entsprach. So ist denn auch diese Art der Zusammenarbeit immer mehr zurückgegangen und schließlich ganz aufgehoben worden. Da, wo bisher Diakonen und Diakonissen zusammen gearbeitet hatten, traten bezahlte Pfleger an die Stelle der freiwilligen und, ebenso wie die Schwestern, nur gegen Taschengeld arbeitenden Diakonen. Das ist Vater immer schmerzlich geblieben. Und das hohe Ideal, dem in jener ersten Anfangszeit mit der Tat zugestrebt wurde, sollte nie von der Christenheit aus dem Auge gelassen werden.
Doch lag die Sache nicht so, daß Vater, weil ihm diese Schranke in der Begabung des Mannes klar war, nun die Brüder etwa lieber so bald wie möglich in einem geistlichen Beruf gesehen hätte, statt in der schlichten Pflege der Kranken. Womit hätte er dann das immer stärker heranstürmende Heer der Notleidenden versorgen sollen? Nur durch die Pflege des körperlichen Menschen kam er ja an den verborgenen inwendigen Menschen heran. Darum waren ihm im Grunde diese Unterschiede zwischen Mann und Weib gering gegenüber der unermeßlichen an Schwestern und Brüder herandrängenden Not. Was lag schließlich daran, wenn der einzelne von der Frau ein wenig besser, vom Mann ein wenig geringer versorgt wurde, wenn er nur überhaupt versorgt wurde! Hier war wirklich keine Zeit für Schreibtischtheorien über die Grenzen der Frau und die Grenzen des Mannes. Sie würden sich von selbst herausstellen, wenn nur jeder an seinem Teil Hand anlegte an die unendliche Aufgabe, die sich auftat.
Nur wer Lust hatte und willig war, einerlei ob Weib oder Mann, sein ganzes Leben im allergeringsten, verachtetsten, verborgensten Dienst an der leiblichen Not des Nächsten zuzubringen, war in Vaters Augen überhaupt für irgend welche sogenannte geistliche Arbeit zu gebrauchen. Wer aber aus solch geringem Dienst emporschielte nach höheren geistlichen Aufgaben und den Dienst in der blauen Schürze, wie Vater den Dienst des Diakonen so gern nannte, nur als Sprungbrett ansah für eine vermeintlich gehobene Laufbahn, den sah er schon als innerlich ungeeignet an für den Gesamtbereich der christlichen Bruderhilfe.
Wenn der Mangel an geeigneten männlichen Pflegekräften besonders hart drückte, kam es vor, daß Vater wieder und wieder an die Anstalten der äußeren Mission schrieb mit der Bitte, man möchte doch diejenigen männlichen Kräfte, die sich in diesen Anstalten meldeten, aber aus Mangel an Platz abgewiesen werden müßten, auf den Dienst in der blauen Schürze aufmerksam machen. Aber selten geschah es, daß jemand solchem Ruf folgte. Darin erblickte Vater ein ernstes warnendes Zeichen für den Tiefstand der Christenheit, deren erweckte Glieder wohl den hohen Dienst des Wortes unter den Heiden begehrten, doch den geringen Dienst unter den Kranken und Schwachen der Heimat ablehnten.