Laßt es uns geduldig tragen;
Betend zu ihm aufgeblickt,
Wird den Trost er nicht versagen.
Denn es komme, wie es will:
In dem Herren bin ich still.
Schwach und will wohl gar verzagen,
Wenn es in dem stärksten Schmerz
Keinen Tag der Freud’ sieht tagen,
Sagt ihm, komm’ es, wie es will:
In dem Herren bin ich still.
Laß mich immer glaubend hoffen,
Denn dann kenn’ ich keine Not,
Gottes Gnadenhand ist offen.
Drum, es komme, wie es will:
In dem Herren bin ich still.
Bei der Todesnachricht schluchzte Vater auf. Man fand ihn nachher im Selbstgespräch unter dem Bilde des Kaisers Friedrich, das in unserm Wohnzimmer hing: „Mein Friedrich, bist du wirklich tot?”
Amrum.
Vater litt von Zeit zu Zeit an einer Schwäche des Halses und der Brust, die ihm das Atmen und Sprechen erschwerte. Zur Linderung dieses Gebrechens ging er immer wieder ans Meer. Es war im Jahre 1876, daß er mit unserer Mutter zusammen zum ersten Male an die See reiste, und zwar auf die Insel Borkum. Der Herbst war hereingebrochen, und die meisten Gäste waren schon abgereist. So verlebten die Eltern dort ganz besonders glückliche, stille Wochen, von denen sie uns oft erzählten.
Kurz vor ihrer Abreise aber durcheilte eines Morgens eine Schreckensnachricht die Insel. Man hatte in den Dünen die Leiche eines jungen Mannes mit zertrümmertem Schädel gefunden und nicht weit davon einen Strandhammer, womit augenscheinlich die Tat ausgeführt worden war. Es handelte sich um einen jungen Landwirt vom Festland, der als Badegast auf die Insel gekommen war. Man hatte ihn noch am Abend vorher bis spät in die Nacht hinein mit einem andern Badegast im Wirtshause beim Kartenspiel gesehen. Es konnte kaum anders sein, als daß dieser andere der Mörder war. Sofort wurden alle Boote mit Wachtposten besetzt, damit keiner die Insel verlassen könnte. Vater aber und sein Vetter, der Landdrost von Quadt, halfen bei der Suche nach dem Täter. Bald war denn auch der mutmaßliche Mörder entdeckt, der so lange am Leugnen blieb, bis man in seiner Wohnung die Geldbörse des Ermordeten fand und bis die am Strand und in den Dünen gefundenen Fußspuren zeigten, daß sie genau mit dem Maß seiner Stiefel übereinstimmten. Da gestand er seine Tat ein. Während des Kartenspiels hatte ihm der Ermordete erzählt, daß er der Sicherheit wegen all sein Geld stets bei sich trüge und daß er auch jetzt seine ganze Barschaft in der Höhe von 80 Mark in der Tasche habe. Das hatte den Mörder gereizt. Er lockte sein Opfer an den Meeresstrand, ergriff dort einen großen Holzhammer, der den Strandarbeitern gedient hatte, um Holzpflöcke zur Herstellung eines Schutzdammes in den Sand zu treiben, und jagte hinter seinem Opfer her. Man konnte die Spur der beiden im Sande verfolgen. Der Ermordete war geradeswegs auf den Leuchtturm zugeeilt, dessen Licht zum Strand herüberleuchtete. Der Mörder aber war ihm mit langen Sätzen nachgejagt, war ihm bei einem Sandberge, den er von der kürzeren Seite umkreist hatte, zuvorgekommen und hatte ihm so den tödlichen Streich versetzt.
Vater hatte niemals Freude an schauerlichen Geschichten. Aber diese Geschichte erzählte er immer wieder. Ihm spiegelte sich darin wie in einem Brennpunkte das ganze Elend, das vielfach durch das moderne Badeleben die stillen Inseln des Vaterlandes überflutet. Und die Todesangst des Erschlagenen und der Todesschrecken der friedlichen Bewohner von Borkum standen ihm immer aufs neue vor Augen, wenn er an so viele deutsche Badeorte dachte, die durch den Zustrom der Fremden in ihrem innersten Leben eine tödliche Wunde empfangen hatten.
Vater ging nie wieder nach Borkum, sondern statt dessen einige Male nach Norderney. Aber nachdem er zweimal in Norderney gewesen war, erklärte er: Ich gehe auch dahin nie wieder! Er sah, wie die eingeborene Bevölkerung durch die Badegäste ihres Sonntags beraubt wurde. Es war ihm fast unerträglich, in der Kirche zu sitzen und die von den Ortseingesessenen verlassenen Bänke zu sehen. Am meisten litt er unter dem Strom des Luxus und der Sünde, der durch die Fremden auf die Insel kam und viele Insulaner dahin brachte, ihr hartes, arbeitsames Leben aufzugeben und Sitte und Glauben der Väter zu verleugnen. Statt nach Norderney gingen die Eltern fortan mehrere Male mit uns Kindern auf die stilleren Inseln Langeoog und Wangeroog. In solchen Ferienzeiten taten dann die Eltern, was sie nur konnten, um Badegästen und Eingesessenen mit gutem Beispiel voranzugehen. Sie standen Sonntags früher auf als alltags und machten selbst ihre Betten. Dann wurden wir Kinder geweckt, damit wir das gleiche täten und so das Frühstück nicht so lang in den Sonntag hineingezogen würde. Ein Seebad nahm Vater nie am Sonntag, um dem Badewärter Arbeit zu ersparen, und mit ganzer Energie drang er darauf, daß Sonntags nur von einem statt von zwei Tellern gegessen wurde, damit den Mädchen die Arbeit des Spülens erleichtert würde.
So fiel die Bitte, die im Sommer 1888 von der Insel Amrum herübertönte, bei Vater auf wohl vorbereiteten Boden. Es kam nämlich von dort ein Brief des Inselpastors Tamsen, der Vater einlud, nach Amrum zu kommen und zu helfen, daß die Insel gegen die drohende Welle des modernen Badelebens geschützt würde.
Vater hatte noch niemals den Namen Amrum gehört und wußte nicht, wo es lag. Wir mußten ihm den Atlas herbeibringen und suchen helfen. Da lag denn die geheimnisvolle Insel wie ein einsamer Vorposten im Schleswiger Meer. Mit ihren Schwestern, den Inseln Sylt und Föhr, und den nach dem Festlande zu gelegenen Halligen bildet sie den letzten Überrest des einst so blühenden Landes, das vor fast dreihundert Jahren durch einen furchtbaren Sturm ins Meer gerissen worden war. 37 Kirchen waren damals mit ihren Ortschaften und einem großen Teil ihrer Bewohner im Meer verschwunden, um nie wieder emporzutauchen. Nur die Grundmauern einer einzigen von jenen 37 Kirchen blieben erhalten. Und bei klarem Himmel und stillem Wasser bringt der Schiffer von Amrum seine Gäste bis an die Stelle, wo zwischen Amrum und Sylt die Mauern der Kirche auf dem Grunde des Meeres zu sehen sind. Wenn aber lange Zeit hintereinander Ostwind weht und dadurch die tiefsten Ebben eintreten, dann steigen die Mauern der versunkenen Kirche sogar aus dem Wasser empor, ein ergreifendes Denkmal vergangener Herrlichkeit.
Aber ein wertvolleres Denkmal der alten Herrlichkeit ist Amrum selbst, nicht nur durch seine hohen, stolzen Dünen und die dahinter gelagerten fruchtbaren Felder und Wiesen, sondern vor allem durch das alte Friesengeschlecht, das auf Amrum zu Hause ist. Seefahrer und Ackerbauer sind die Amrumer von alten Zeiten her gewesen, und die Inschrift, die wir drüben auf einem der Friedhöfe der Insel Föhr entdeckten, paßt auch für manchen, der an der Kirchmauer von Amrum schläft:
Führte das schwankende Schiff einst er durchs wogende Meer,
Dann durch den Acker, den stillen, die sicher gehende Pflugschar,
Und im Rate des Volks fehlte dem Lande er nie,
Bis zu dem Greise, dem müden, der Tod als Freund ist gekommen,
Führt, wie zum Hafen das Schiff, still ihn zum ewigen Licht.”
Bis dahin hatte nur hie und da ein einsamer Badegast Amrum betreten. Jetzt aber drohte die Spekulation sich der Insel zu bemächtigen. So sah sich Pastor Tamsen nach einer Hilfe um, die die Insel vor der Spekulation schützte, sie aber zugleich auf den Weg eines gesunden sozialen Fortschrittes stellte. Pastor Ninck in Hamburg riet ihm, sich an Vater zu wenden. Vater fing alsbald Feuer. Einige Briefe gingen hin und her, bis er eines Mittags sagte: „Kinder, telegraphiert nach Amrum: Wir kommen.”
Mit dem ersten Ferientage des Jahres 1888 waren wir unterwegs nach Hamburg. Am andern Morgen aber ging die Fahrt mit der „Freia” die Elbe hinunter nach Helgoland und der Insel Föhr, und zwei Tage später landeten wir auf Amrum. Am Hafen stand ein Pastor, der als Festprediger für das Missionsfest gekommen war, der aber infolge einer Todesnachricht die Rückreise antreten mußte, ohne seine Predigt halten zu können. So ging Vater alsbald statt seiner auf die Kanzel und freute sich, auf diese Weise gleich von vornherein in kräftige Verbindung mit der ganzen Inselbevölkerung zu kommen. Wie jauchzte sein Herz dieser Gemeinde entgegen, die mitten in der Erntezeit und an einem Alltage im festlichen Schmuck der Friesenkleider ihr Missionsfest feierte! Aus der Kirche aber ging es ins Pfarrhaus. Da waren die Tische mit Kaffee und Kuchen gedeckt, wie es sich am Missionsfest gehört; drei liebliche Kinder waren da und eine stille Pfarrfrau. Das Beste aber waren die glänzenden schwarzen Augen des Pastors, die aus dem hageren Antlitz, das schon die Vorboten eines frühen Todes zeigte, desto durchdringender leuchteten. Ich sehe noch, wie Vater den Arm von Pastor Tamsen faßte und die beiden Arm in Arm auf der weiten Wiese vor dem Pfarrhause in ernsten Gesprächen auf- und abgingen. Sie galten der Zukunft von Amrum.
Wir fanden ein leerstehendes Haus, dessen Besitzer auf dem Meer umgekommen war und dessen Witwe kinderlos bei ihren alten Eltern wohnte. Es lag an der Grenze des Kirchdorfes mit freiem Blick auf das Wattenmeer und die Insel Föhr, deren drei hohe Kirchen wie aus dem Wasser herauszuragen schienen.
Gleich am ersten Morgen bauten wir mit Vater zusammen am Rande der Wiese, die an den Garten unseres Hauses grenzte, aus einem großen alten Segel ein geräumiges Zelt. Dort brachten wir arbeitend unsere Vormittage zu. Die Nachmittage aber dienten der gründlichen Durchforschung der Insel. Wir hatten bei unsern Streifzügen unser Badezeug bei uns, um aus eigenster Erfahrung erproben zu können, an welchen Stellen sich am günstigsten baden ließe und welcher Teil der Insel überhaupt zur Errichtung eines Seebades in Betracht käme. Wir badeten zunächst im Wattenmeer, um den Untergrund zu erforschen. Aber der Sumpf, in dem wir alsbald bis über die Knöchel versanken, zeigte sofort, daß es ganz ausgeschlossen sei, an der dem Strand entgegengesetzten Seite der Insel eine Badegelegenheit zu schaffen. Dann ging es über Süddorf und den hochragenden Leuchtturm, den stolzesten der ganzen deutschen Küste, an das Südende der Insel. Auf diesen Teil, so hieß es, hätten vor allem auswärtige Unternehmer ihr Auge gerichtet. Aber trotz des wehenden Windes waren die Wellen und der Wellenschlag so unbedeutend, daß es Vater sofort klar war, daß kein Badegast, der kräftigeren Wellenschlag begehrte, sich auf diesem Teil der Insel befriedigt sehen könnte und daß alle Unternehmungen, die sich hier festsetzen würden, von vornherein mit dem Bankerott würden kämpfen müssen.
Dann kam der mittlere Teil der Insel an die Reihe. Von Nebel aus ging es durch die hohen Dünen geradeswegs auf den Strand zu. Aber während früher die Wellen bis unmittelbar an den Dünenrand gespült hatten, hatte sich im Laufe der Jahre eine große Sandbank vorgelagert, die nur bei ganz hoher Flut überspült wurde. Diese Sandbank galt es in einer Breite von etwa einer halben Stunde zu durchqueren. Und wenn wir draußen auch einen vortrefflichen Wellenschlag fanden, so zeigte es sich doch, daß wegen der großen Entfernung an dieser Stelle eine Badeanlage wenig Aussicht auf Erfolg hatte. So blieb nur noch die Nordspitze der Insel übrig.
Eine Stunde von Nebel entfernt stießen wir auf den Flecken Norddorf. Es war, als wenn seine schilfgedeckten Häuser sich noch tiefer als die andern Häuser der Insel in den Sand hineinduckten und sich fast ängstlich an den Abhang anschmiegten, der sich im Rücken des Dorfes hinzog. Wohl blühten auch hier in den kleinen Gärten schüchterne Blumen. Aber sie wagten sich nicht so kühn hervor wie im geschützteren Nebel und im milderen Süddorf. Und die Stille und der Ernst, die ja überhaupt bei den Leuten der Meeresküste zu finden sind, schienen bei den Bewohnern von Norddorf in besonderem Maße Hausrecht zu besitzen. Mancher Sohn von Norddorf hatte sich jenseits des Ozeans eine neue Heimat suchen müssen, weil die alte Heimat nicht genug an Unterhalt und Arbeit bot. Und manchen Vater und Bruder hatte das Meer verschlungen. Es mochte am Nordseestrand wenig Dörfer geben, wo dem Verhältnis nach so viele Witwen und Waisen zu finden waren wie in Norddorf. Aber desto heimatlicher wurde unserm Vater dort alsbald zu Mute. Denn da, wo er auf Menschen stieß, die in Kampf und Entbehren und verborgenem Leid saßen, war ihm immer am wohlsten.
Von dem stillen Dorf aus wanderte unser Blick noch weiter nordwärts. Da lag vor uns das Marschland von Riesum, im Winter so oft von den Sturmfluten überschwemmt, aber jetzt mit seinen weidenden Schafen, Kühen und Pferden und seinem saftigen Grün ein überaus lieblicher Anblick. Über Riesum hinweg aber flogen die Augen zur nördlichen Spitze von Amrum, dem letzten einsamen Außenfort der Insel. Dahin ging nun die Wanderung.
Als wir an den Strand kamen, brauste ein Regenschauer hernieder, der uns zwang, in einem von den Strandarbeitern errichteten niedrigen Zelt Unterschlupf zu suchen. Das gleiche hatte vor uns schon ein altes ehrwürdiges Ehepaar getan. Es war der Kirchenrat Lotze, Löhes einstiger Gehilfe, der Nachschreiber und Herausgeber von Löhes Predigten, der sich mit seiner Frau in die weltverlassene Stille von Amrum geflüchtet hatte. Und während wir in dem engen Zelte hockten, erfüllte der alte Lotze Vaters Herz vollends mit Begeisterung für dieses schöne und ernste Stückchen Erde. „Hier hört man ordentlich die Stille”, sagte er, als er aus dem Zelte kroch und tief aufatmend seine Augen über den Strand und das einsam brausende Meer schweifen ließ.
Dann ging es weiter, der Nordspitze zu. Kein Haus, kein Mensch, kein Schiff; nur die Kaninchen huschten daher, und die Möwen schrien in der Luft, und ein paar Schäfchen weideten einsam am Fuße der Sandberge. Lange standen wir auf den hohen Dünen, die hier steiler als an irgend einem Punkte der Insel ins Meer abfallen, weil nirgends so wie hier das Meer bis an ihren Fuß spült und ihre Fundamente benagt. Dann ging es hinunter in die Wellen. Sie waren freilich nicht so hoch und mächtig, wie man sie in Norderney findet oder gar in Sylt, aber es waren doch kräftige Wasserstürze, die einem den Rücken rot peitschen konnten und das Blut frischer durch die Adern jagten. Das war ein Bad so ganz nach unseres Vaters Sinn. Zu stark konnte er es nicht mehr vertragen; aber zu schwach liebte er es auch nicht. Er stampfte ordentlich vor Freude in den festen Sand des Strandes, als wir klappernd vor Kälte und Anstrengung wieder in unsern Kleidern waren.
Schließlich wurde noch das ganze Eiland der Nordspitze gründlich durchforscht. Mit langen Schritten, jeder Schritt zu einem Meter berechnet, maß Vater die ebenen Streifen Landes ab, die sich im Schutz der Dünen für menschliche Niederlassungen eigneten.
An den folgenden Tagen überlegte Vater eingehend mit Pastor Tamsen. Dann wurden die Amrumer zu einer Abendversammlung in die Kirche eingeladen. Hier stellte Vater der ganzen Gemeinde in seiner Herz und Gewissen packenden Weise die Gefahr vor, die der Insel drohe von einer Spekulation, die nur ihren eignen Gewinn suche und keine Rücksicht auf die Bedürfnisse der Insulaner kenne. Er bot seine Hilfe an, rechtzeitig der Spekulation zuvorzukommen und dort oben im Norden der Insel ein Hospiz für stille Badegäste zu errichten, die leibliche und geistige Erholung suchten und gleichzeitig Sicherheit böten für die Erhaltung der Vätersitte und des Väterglaubens auf Amrum.
Vaters Worte schlugen ein. In der Sitzung der Gemeindevertreter, an der Vater und Pastor Tamsen teilnahmen und in der Vater seinen in der Kirche entwickelten Plan noch im einzelnen darlegte, wurde einmütig beschlossen, das ganze Vorkaufsrecht für alle bebaubaren Flächen im nördlichen Teil der Insel an Vater abzutreten. Damit war der entscheidende Schritt getan; und die Eltern kehrten mit uns in die Heimat zurück.
Nun galt es, Freunde für das junge Unternehmen zu gewinnen und das unentbehrliche Kapital flüssig zu machen. Aus schleswig-holsteinischen und Hamburger Kreisen bildete sich ein Verein, der im Bunde mit dem Diakonissenhaus Bethlehem in Hamburg und dem Bielefelder Diakonissenhaus die Aufrichtung des Amrumer Hospizes in die Hand nahm und, zumeist unter persönlichen großen Opfern, das nötige Kapital vorstreckte. Freilich ging über den Verhandlungen mit der Regierung, die die getroffenen Abmachungen zu genehmigen hatte, zunächst noch ein ganzes Jahr hin. Aber als das Frühjahr 1890 herankam, lag ein schwedisches Schiff im Hafen von Amrum. Vater hatte durch schwedische Gäste, die Bethel besuchten, von der Bauart der schwedischen Holzhäuser gehört. Das hatte ihm eingeleuchtet. Es schien ihm ohnehin geraten, auf der von den Sturmfluten so oft und schwer bedrohten Nordspitze statt schwerer Backsteinbauten möglichst leicht bewegliche Häuser zu errichten, die im Notfalle wieder abgebrochen und an einer andern Stelle aufgeschlagen werden konnten. So barg das schwedische Schiff in seinen Wänden drei fix und fertig zugeschnittene Holzhäuser, ein großes und zwei kleine, die in wenigen Wochen aufgeschlagen, mit schneeweißer Dachpappe gedeckt und mit den notwendigsten Möbeln eingerichtet waren.
Anfang August 1890 brachen die Eltern zum zweiten Male mit uns nach Amrum auf. Da lagen sie wirklich vor unsern erstaunten Augen, die drei schlichten, anmutigen Häuser, von denen das kleinste für uns bestimmt war.
Es begann ein ungemein glückliches Leben. Wir waren mit den Insulanern und Hospizgästen wie eine große Familie, die zusammengehörte und Freud und Leid miteinander teilte. Wohl trieb der scharfe Wind hier und da einmal den Regen durch die noch nicht ganz fest gefugten Bretter; wohl waren die Badehütten am Strand nur auf das notdürftigste eingerichtet; wohl hatte Schwester Pauline, die Hausmutter, manchmal Not, das Fleisch nach dem langen Transport von Hamburg her frisch zu erhalten, — aber Vaters Heiterkeit ließ keine Sorgen und Klagen aufkommen.
Der römische Dichter Horaz sagt einmal: „Es kommt darauf an, was zum ersten Male in ein neues Gefäß gegossen wird, denn dessen Geruch behält es für immer.” So ging es auch in Amrum. Von Vaters Art und Wesen strömte ein Wohlgeruch aus, der zugleich nach Erde und Himmel schmeckte. Natur und Gnade waren bei ihm wie zwei Rosen an demselben Stiel, und ihr Duft erquickte jeden, der mit Vater in Berührung kam, bis ins Herz. Diesen Wohlgeruch goß er damals in die neuen Häuser auf Amrum, und sie konnten ihn nicht wieder verlieren.
Schon im nächsten Jahre zeigte es sich, daß das erste Hospiz mit seinen drei Häusern nicht ausreichte, um das Werk, das einmal begonnen war, durchzuführen. Inzwischen waren nämlich auf der Südspitze der Insel mächtige Hotels entstanden. Eine umfassende Reklame hatte durch ganz Deutschland eingesetzt. Der Name Amrum war in aller Mund. Aber viele, die auf solche Reklame hin auf der Südspitze landeten, sahen sich enttäuscht, und Vaters Voraussage trat ein: ein Bankerott jener Hotelunternehmungen folgte auf den andern. Desto stärker aber wurde nun das Gedränge nach dem soviel günstigeren nördlichen Teil der Insel. Norddorf wurde von Gästen gestürmt. Und um den Gästen zu dem Quartier, das ihnen Norddorf gab, auch Speise und Trank darreichen zu können, blieb nichts anderes übrig, als an dem Dünenrande zwischen Norddorf und dem Meere ein zweites Hospiz zu bauen und bald ein drittes, bis im Jahre 1905 gar das vierte und im Jahre 1911 das fünfte hinzukam.
An Sorgen hat es freilich auf Amrum nicht gefehlt. Es kamen Zeiten, wo gute Freunde rieten, die Arbeit aufzugeben. Aber Vater blieb unerschrocken. Ja, er wurde zornig, wenn der Gedanke auftauchte, die Hospize zu verkaufen. Wie er nicht um Geldes willen die Sache angefangen hatte, so wollte er sie jetzt nicht um Geldes willen preisgeben. Er wußte, daß dann die ganze bisherige Arbeit verloren und das schöne Nordland mit seinen treuen Bewohnern der Macht der Spekulation rettungslos ausgeliefert sei. Jetzt konnten die Töchter Amrums in der Stille der Hospizarbeit zu tüchtigen Hausfrauen herangebildet werden. Was aber würde sonst aus ihnen werden?
Schon allein dieser eine Gedanke genügte für Vater, um die Treue, die er Amrum einmal versprochen hatte, nur desto fester zu halten. Und schließlich erlebte er es denn auch, daß alle Bedenklichkeiten überwunden und auch die Schulden- und Sorgenlasten leichter wurden. Hingebende Mitarbeiter fanden sich, die in leitender und dienender Stellung die Arbeit in Amrum trieben. Fast aus allen Ständen und Berufsarten stellten sie sich im Laufe der Jahre ein. Und daß es meist sogenannte Laien waren, die hier unter den Augen des unermüdlichen Herrn Kehrer nicht nur die äußere, sondern auch die innere und innerste Arbeit taten, war für Vater immer aufs neue eine besondere Freude. Der geistliche Vater der Hospize aber wurde mehr und mehr der alte Pastor von Wilucki. „Väterchen Wilucki!” wie oft hat das Vater gerufen, wenn er dem ehrwürdigen Manne um den Hals fiel, um ihm für seine unermüdliche Liebe zu danken, mit der er elf Jahre hintereinander seine emeritierten Kräfte vor den Hospizwagen spannte.
Nach unserer Mutter Tode hat Vater wieder und wieder sein liebes Amrum aufgesucht. Weil sein Herz jung blieb bis zuletzt, darum konnte er bis in sein hohes Alter hinein neue Freundschaften schließen. Und daß ihm Gott gerade auf Amrum so manches neue Freundesherz schenkte, gehörte zu seinen besonderen Erquickungen. Von denen, die inzwischen abgerufen sind, waren es vor allem der Herausgeber des „Baseler Volksboten”, Theodor Sarasin, und seine noch lebende hochgesinnte Frau, die beide mit ihrem Himmel und Erde umspannenden Interesse Vaters Herzen ganz besonders nahestanden. Hier fand Vater zwei ihm in ungewöhnlichem Maße gleichgeartete Naturen, in deren Gegenwart er sich besonders wohl fühlte.
Aus der Menge der Freunde und Gäste riß sich Vater dann immer wieder los, um in der Einsamkeit nachzudenken. Gern stieg er auch in das Boot, um bis vor die Brandung der vordersten Sandbänke zu segeln, die weit draußen im Meere ihren schützenden Gürtel um Amrum legen. Dann las er den Gästen, die mitfuhren, vor, oder er saß still für sich allein unter dem Vordersegel und summte ein Lied vor sich hin. Einmal, als eine Mißstimmung unter den Hausmädchen des Hospizes ausgebrochen war, machte er ganz allein mit ihnen eine Segelfahrt hinaus ins Meer, und als sie abends heimkehrten, waren Friede und Eintracht wieder hergestellt.
Am liebsten hatte Vater die Halligen. Unvergeßlich ist die erste Fahrt, die wir dahin machten. Vater war zum Missionsfest nach der Hallig Hooge eingeladen. Da kein Dampfer dort anlegte, mieteten wir den „Hotspur”, einen starken Segelkutter des früheren australischen Goldsuchers und jetzigen Austernfischers Peters. Schon am Tage vorher mußten wir aufbrechen, um rechtzeitig an Ort und Stelle zu sein. Erst dicht vor Mitternacht wateten wir von unserm Boote aus, Schuhe und Strümpfe in den Händen, an das einsame Eiland und suchten uns durch die Dunkelheit an den grasenden Kühen und Schafen vorbei den Weg zum Pfarrhaus. Es war dasselbe Haus, auf dessen Dach sich der Vorgänger des jetzigen Pastors mit Frau und Kind vor der Sturmflut geflüchtet hatte. Nur ihr kleinstes Kind hatten sie mit hinauf retten können, die andern Kinder trugen die Wellen davon in den Tod hinein. Die Kanzel aber, auf der Vater andern Tages seine Predigt hielt, stammte aus einer jener 37 untergegangenen Kirchen. Sie war nach jener Schreckenszeit an das Ufer von Hooge gespült worden.
Je öfter Vater nach Amrum kam, desto wohler fühlte er sich in der stillen Inselwelt, desto familienmäßiger schlossen sich die Bande zwischen Insulanern und Hospizgästen. Mancher schöne Familienabend wurde gefeiert. Dann kamen die stillen Männer der Insel und in ihrer eigenartigen Tracht die Frauen und Mädchen; und der Pastor und Doktor kamen; und hoch auf seinem Rappen kam der originelle alte Kantor Bandix Bonken, der drüben von der kleinen Hallig Gröde stammte und in dessen Geburtsjahr sich die Eintragung im Kirchenbuch der Hallig findet:
Gestorben keins.
Kopulieret ein Paar,
Welches des Küsters Töchterlein war.
Der „Geboren eins” aber war der spätere Kantor von Amrum.
Die Hospizgäste waren wie Kinder im Hause, die Sonntags dem Vater zuliebe und dem Dienstpersonal zur Freude ihre Betten machten und mittags auf leisen Sohlen durch das Haus schlichen. Unter allen schönen Stunden aber, die wir auf Amrum verlebten, waren jedesmal die schönsten, wenn Vater die Morgenandacht hielt oder wenn er, sei es in der Strandhalle, sei es an einer geschützten Stelle in den Dünen, die Bewohner der Hospize zu einer freiwilligen Bibelbesprechstunde vereinigte. Der letzten Stunde, die ich mit erlebte, lag der Text aus dem 2. Korintherbrief zu Grunde: „Wir haben allenthalben Trübsal, aber wir verzagen nicht.” In der anschließenden Besprechung kam die Rede aufs Sterben, und Vater sagte: „Das letzte Sterben ist das schwerste nicht, aber den alten Adam täglich in den Tod geben, — nichts ist schwerer, aber auch nichts ist feiner.” „Auf das letzte Stündelein aber wollen wir uns bereit machen; desto leichter wird es sein, wenn es einmal da ist.” „Es ist mir wohl manchmal ein bißchen bange, wenn ich an die letzte Fahrt denke, aber” — mit dem Finger in die Höhe zeigend — „mein Heiland ist am Steuerruder. Und ist die letzte Fahrt überstanden, dann sind wir am lieben jüngsten Tage alle zusammen vor Gottes Thron und haben alle Vergebung der Sünden. Dann wollen wir danken und loben ohne Aufhören. Denn Dank und Lobgesang ist unser Ziel, wie wir überhaupt geschaffen sind zum gemeinsamen Lobe Gottes.”
Metz, Hunsrück und Ems.
Statt nach Amrum hatten wir im Sommer 1888 eigentlich auf den Hunsrück reisen wollen. Dort, in einem Seitental der Nahe zu Füßen der alten Wildenburg, hatte die Familie von Stumm-Halbach ein Besitztum, die Asbacher Hütte. Hier hatte die Wiege der großen Stummschen Industrien des Saargebiets gestanden. Die Hütte selbst war längst außer Betrieb gesetzt, aber das alte Wohnhaus stand noch. Die Familie von Stumm bot es Vater an, um es nach seinem Belieben zu wohltätigen Zwecken zu verwenden. Um an Ort und Stelle zu prüfen, in welcher Weise das Anwesen am besten nutzbar gemacht werden könne, war beschlossen worden, dort oben die Ferien zu verleben und zugleich einen Abstecher nach Metz zu machen, wo unsere Schwestern arbeiteten und wohin Vater durch so manche Erinnerungen aus der Kriegszeit gelockt wurde. Durch den Ruf, der aus Amrum kam, hatte die Reise verschoben werden müssen; aber im nächsten Sommer, 1889, wurde sie nachgeholt. Zunächst ging die Reise nach Metz.
Unvergeßlich waren die Tage, die wir dort erlebten. Der Kaiser nahm große Parade ab, und die jugendliche Kaiserin kam zur Einweihung des Mathildenstifts, wo unsere Schwestern die Arbeit übernahmen. Wir haben da die edle, gütige Frau zum erstenmal gesehen. Am Schluß der Feier rief uns Vater der Reihe nach zu ihr heran, und nach der Mutter küßten wir Geschwister der Kaiserin die Hand.
Als das Kaiserpaar Metz verlassen hatte, führte Vater die Diakonissen und uns auf die Schlachtfelder hinaus. Wir suchten die Stelle, wo er am 14. August die ersten Toten aus der Schlacht von Colombey in einem gemeinsamen Grabe bestattet hatte, fanden auch wirklich den Grabhügel und richteten das zusammengesunkene Holzkreuz wieder auf. Auch nach den Schlachtorten des 18. August, Gravelotte und St. Privat, brachte er uns. Er durchlebte alles noch einmal und wir in tiefer Bewegung mit ihm. Wir hörten die Granaten sausen, die Kommandos tönen, die Verwundeten jammern, die Sterbenden röcheln und sahen die Stille der Nacht sich über das blutige Schlachtfeld senken. Es war keine Verherrlichung des Krieges, kein Rühmen des eigenen Volkes, nichts von Feindeshaß, aber wir ahnten eine höhere Hand, aus der Friede und Krieg kommt zum Heil der Völker.
Dann folgten die Wochen auf dem Hunsrück in der Asbacher Hütte. Sie erwies sich in der Tat als ein wertvolles Geschenk, das zunächst von unserm Diakonissenhause Sarepta übernommen wurde und dann in den Besitz des jungen Diakonissenhauses in Kreuznach überging. Der Aufenthalt selbst aber brachte den Eltern wenig Erfrischung. Die Fülle unerledigter Arbeit, die Vater in die Ferien begleitet hatte, war diesmal besonders groß. Die Feder von uns Kindern reichte nicht aus. Auch die Mutter mußte wie in alter Zeit wieder mithelfen. So kamen beide Eltern müde in den Winter hinein und wurden von der Grippe, die damals zum ersten Male umging, ergriffen.
Seitdem litt Vater an einer Hinfälligkeit der Stimme, die ihn schließlich im Sommer 1893 zu einer Kur in Ems zwang. Mit sehr abgespannten Kräften langte er in Ems an; und nur langsam kehrten diese wieder. Eine besondere Anstrengung war ihm der Weg zur Kirche, die fast eine halbe Stunde entfernt lag. Aber die tiefen, geistvollen Predigten des Ortspastors Vömel, eines Schülers Becks, zogen ihn immer wieder an. Es war ihm schwer, daß so viele Badegäste, denen der Weg durch das heiße Flußtal zu weit war, diese Erquickung entbehren mußten. Auf der andern Seite aber empfand er es auch hier wieder als ein Unrecht, daß die Badegäste, die den Gottesdienst in der Ortskirche aufsuchten, den Ortseingesessenen die besten Plätze wegnahmen.
So entstand bei ihm und Pastor Vömel der Entschluß, am Badeort selbst in unmittelbarer Nähe der Quelle und der Wohnungen der Badegäste eine Kirche zu errichten. In schönster Lage wurde ein Bauplatz gefunden und erworben. Aber die Aufbringung der Kosten verursachte unendliche Mühe. Diesmal konnten nicht unbemittelte Kreise herangezogen werden, die schneller, williger und verhältnismäßig auch reichlicher zu geben pflegen als die bemittelten, sondern es galt, vor allem die wohlhabenden Kurgäste zu gewinnen, die in Ems Erholung und Genesung gefunden hatten. Aus den alten Kurlisten ließ Vater die Adressen der ehemaligen Badegäste herausziehen, und jeder einzelne wurde von ihm durch ein besonderes Anschreiben wieder und wieder zur Dankbarkeit für die heilkräftigen Emser Quellen ermuntert.
Auch an die Pläne der Kirche wandte Vater ganz besondere Sorgfalt. Die Ruinen des Klosters Paulinzella, die er mit uns von Oberhof aus besuchte, hatten ihn in hohem Maße angezogen. Er zeichnete ihre Motive ab, die dann von Baumeister Siebold dem Plan zu Grunde gelegt wurden. 1897 konnte endlich der Grundstein gelegt und zwei Jahre später die Einweihung gehalten werden. Sechs Jahre zähester Arbeit hatten damit ihren Abschluß gefunden.
Tante Frieda.
Am 4. Dezember 1894 war unsere Mutter heimgegangen. In tiefer Verborgenheit trug Vater den Verlust seiner treuesten Mitarbeiterin. Nur unser jüngster Bruder, der von da an die Schlafkammer mit dem Vater teilte, hörte bisweilen nachts das stille Seufzen des Vereinsamten. Ohne Verabredung schlossen wir Geschwister den Ring der Liebe um unsern Vater noch fester. Wir sind ihm manchmal mit unserer Fürsorge lästig gefallen, haben manchmal des Guten zuviel getan. Aber er tat auch da, als merkte er es nicht. Weder mit der Gegnerschaft noch mit der Fürsorge, die seine Person erfuhr, hielt er sich lange auf, sondern ging zwischen beiden hindurch seinen eigenen Weg.
Der Diamant in dem Ring der Liebe, der sich um Vater legte, wurde vom Jahre 1898 ab unsere Tante Frieda. Hart wie ein Diamant war sie und zugleich leuchtend wie dieser von zartester Liebe. Tante Frieda war Vaters einzige noch überlebende Schwester. Sie hatte ihre Mutter bis zu deren Tode gepflegt und dann auch ihre einzige sehr geliebte jüngere Schwester, die Landrätin von Oven in Dillenburg, die ihr sterbend ihre fünf unmündigen Söhne hinterließ. Diesen fünf Kindern, denen sie nicht nur die Mutter, sondern auch den Vater ersetzen mußte, hatte sie sich ganz gewidmet.
Sie war ein Muster der Treue und Einfachheit und von tiefem Verständnis für die Kindesseele. Wie eine Mutter haben die fünf Neffen sie geliebt, und sie hat es mit demütigem Stolz erlebt, wie alle — nur einer starb früh — in den Spuren ihrer stillen Treue und Schlichtheit zu Männern ungewöhnlicher Hingabe und Tüchtigkeit wurden. Als ein Neffe nach dem andern ihrer unmittelbaren Obhut entfloh, unterhielt sie in Dillenburg eine kleine Gymnasiastenpension, die ihr den Lebensunterhalt bot.
Durch einen Sturz, den sie bei Glatteis auf den Hinterkopf tat, hatte sie sich ein schweres Kopfleiden zugezogen. Einen um den andern Tag setzten für einige Stunden rasende Schmerzen ein. Dann konnte sie nur in gekrümmter Haltung ihre häusliche Arbeit verrichten, zwischen den zusammengepreßten Lippen von Zeit zu Zeit einen schweren, langgezogenen Seufzer herauspressend. Verschiedene Kuren gaben nur vorübergehende Erleichterung. Zehn Jahre lang dauerte das Leiden in fast ungeminderter Stärke. Dann ließ es langsam nach und verlor sich erst in den Jahren vor ihrem Tode ganz. So hatte sie, wie unsere Mutter, durch eigenes tiefstes Leid gelernt, andere Leidende zu verstehen, und ihre zähe, starke Natur war im Kampf mit dem Leiden nur noch zäher und stärker geworden, aber zugleich wunderbar zart und mitfühlend.
Ihrem Bruder gegenüber ließ sie diese Zartheit freilich kaum merken. Da war sie die um vier Jahre ältere Schwester. Sie war 71, als sie zu uns kam, und Vater 67. Er blieb für sie der jüngere Bruder, an dem sie bis zuletzt mit großartiger schwesterlicher Treue und Offenherzigkeit ihr Recht als ältere Schwester geltend machte. Sie hatte dasselbe offene Auge und denselben Wahrheitsmut wie unsere Mutter. Nur fehlten ihr deren köstliche Unmittelbarkeit und blitzender Humor. Sie trug an Dingen und Menschen schwer, grub auch wohl ihre Gedanken und Bedenken in sich hinein, ehe sie sie vulkanartig äußerte. Und während Mutter meist den Kern der Sache sah und mitten ins Schwarze traf, blieb ihr Gemüt eher an Nebendingen haften, an denen sie sich stieß und um deren Abstellung sie sich vergeblich bemühte.
So ärgerte sie an ihrem Bruder die Art, mit der er Dinge und Menschen immer von der besten Seite ansah. Statt ihm in dem, worin er recht hatte, zuzustimmen und ihn dadurch willig zu machen, auch die Kehrseite nicht aus dem Auge zu lassen, schlug sie ihrerseits zu stark nach der Gegenseite um und gab dem in der drastischsten Weise Ausdruck. Wenn Vater von einem Gaste, der bei uns einkehrte, sagte: „Was für ein lieber Mensch”, — dann sagte sie: „Ein gräßlicher Peter.” Und wenn Vater eine Erinnerung aus der Kindheit in den goldensten Farben malte, dann konnte sie es nicht lassen, die tiefsten Schatten in das Bild hineinzusetzen.
Vor dieser Art seiner Schwester hatte Vater eine gewisse Scheu, sodaß er zunächst nicht wagte, sie ganz in sein Haus zu bitten, sondern ihr nahelegte, die Fürsorge für die alternden Schwestern im benachbarten Feierabendhaus zu übernehmen und von da aus nur die Hauptmahlzeiten mit uns zu teilen. So wurde sie jahrelang die mütterliche Freundin der in heißer Arbeit müde und alt gewordenen Diakonissen. Ihnen gegenüber trat die Herbigkeit, die sie ihrem Bruder zeigte, zurück. Da kamen vielmehr ihr zartes, liebevolles Verständnis und ihre große Verschwiegenheit in den Vordergrund. Vor den Ohren der alten Schwestern konnte sie sogar hier und da mit schwesterlichem Stolz in Bewunderung ihres Bruders umschlagen, um dann, wenn sie mittags oder abends an unserm Tisch saß, nur wieder desto kritischer gegen ihn zu sein. Vater ließ solche Kritik ruhig über sich ergehen. Höchstens daß er hier und da einmal das Tischgespräch etwas schneller abbrach als sonst und im Davongehen nur sagte: „Du machst es heute einmal wieder stark, meine alte, liebe Schwester.”
Das wurde aber von Jahr zu Jahr gelinder, sodaß Vater die Furcht vor seiner Schwester vergaß und sie sich einigten, daß sie ganz zu uns zog. Ihre Kräfte hatten nachgelassen, während die Aufgaben im Feierabendhaus zugenommen hatten. „Ich baue dir bei uns ein Sterbestübchen”, sagte Vater. Hinter einem kleinen Vorkämmerchen wurde ein ganz stilles Zimmer geschaffen. Dahin siedelte dann Tante Frieda über mit den wenigen schönen, alten Möbeln, die sie noch für sich zurückbehalten hatte. Alles andere hatte sie an ihre Pflegekinder weggegeben. In ihrer Kommode lag ihr Sterbehemd, und über ihrem Bett hingen die Bilder ihrer nächsten und liebsten Verwandten, alle auf dem Totenbett.
Sie hatte für ihre Person ganz mit dem Leben abgeschlossen und konnte darum ganz für die Lebenden da sein. In ihrem „Sterbestübchen” war die Luft der Ewigkeit in wunderbarer Weise geeint mit einer völligen Offenheit für alle natürlichen Dinge der Zeit und für Menschen aller Richtungen und Verhältnisse. Die Frömmsten und die Gottlosesten fühlten sich wohl bei ihr. Ohne zu suchen, hatte sie für jeden das rechte Wort. Bei niemand machte sie Bekehrungsversuche. Aber jeder fühlte: So wie die solltest und könntest du eigentlich auch sein. Kam hier und da einmal eine kleine Schroffheit bei ihr zu Tage, so nahm ihr das niemand übel, weil jeder spürte: Das kommt aus liebevollstem Herzen. Sie selbst fühlte sich geradezu wohl, wenn man eher etwas zu schroff gegen sie war als zu zart. Übelnehmen kannte sie nicht. Niemals hat sie jemand etwas nachgetragen.
Für Kinder behielt sie bis in ihr höchstes Alter eine ganz unwiderstehliche Anziehungskraft, obgleich sie diese, arm wie sie war, durch keinerlei äußerliche Mittel an sich kettete. Jauchzend umsprangen sie die Kinder des Kinderheims: „Tante Frieda, zeig’ uns mal deine Zähne!” Dann überwand sie sich, holte schmunzelnd ihr künstliches Zahngehege heraus und hielt es der staunenden Menge hin. Ihre kleinen Ersparnisse verwandte sie für die Reisen zu ihren Neffen oder umgekehrt für die Besuche, die ihre Neffen bei uns machten. Zum Abschied steckte sie ihnen dann jedesmal das Reisegeld bei einschließlich des Trinkgeldes, das sie im Hause und dem Gepäckträger zu geben hatten. Blieb außerdem noch etwas übrig, dann gab es für Großneffen und Großnichten von Zeit zu Zeit einen Weg in die Stadt, wo sie mit ihnen bei Schokolade und Kuchen feierte.
Vater hatte bestimmt damit gerechnet, daß er seine alte Schwester überleben würde; und manchmal kamen Zeiten so großer Schwäche, daß wir ihr Abscheiden in nächster Nähe glaubten. Sie wollte aber allein sterben und niemand dabei Mühe machen. Einige Male kam es vor, daß Vater sie abends zum Sterben einsegnete. Dann fand man ihn am andern Morgen an der Tür ihres Zimmers lauschend, ob er ihre Atemzüge hörte oder ob wirklich alles still geworden wäre. Sie lebte aber immer wieder auf und überdauerte ihren Bruder noch um drei Jahre.
Ihre letzte Reise machte sie nach Hannover, wo einer ihrer Neffen als General stand. Als der sie in Uniform mit seinem Burschen auf dem Bahnhofe abholte, wollte sie sich seine Begleitung nicht gefallen lassen: „Ihr müßt euch ja schämen, mit mir alten, häßlichen Person über die Straße zu gehen.” Dann willigte sie aber doch ein. Auf dem Heimwege besuchte sie in Bückeburg die Witwe und die Kinder ihres ältesten Bruders. Dort starb sie, nachdem sie mit unserm jüngsten Bruder noch das Abendmahl gefeiert hatte. Ihr Sterbehemd hatte sie bei sich in ihrem Koffer. Auf dem Friedhof in Bethel zu Häupten ihres Bruders ist ihr Grab zu finden.
Herbstfrüchte.
Die theologische Woche.
„Es kann uns niemand eine größere Wohltat erweisen als die, daß er uns die Heilige Schrift lieb und verständlich macht.”
F. v. B.
Im Sommer 1897 verbrachten wir unsere Ferien in Braunlage im Harz. Eines Sonntags, während wir in der Kirche saßen, erschienen in der Bank neben uns zu unserer großen Überraschung fünf bekannte Professoren der Theologie, Nathusius aus Greifswald, Schaeder aus Königsberg, Feine aus Wien, Lütgert aus Halle und zu unserer großen Freude auch Schlatter aus Berlin. Sie hatten mit andern Kollegen, unter ihnen auch Cremer aus Greifswald, eine Zusammenkunft in Wernigerode gehabt, und jene fünf hatten sich am Schluß ihrer Konferenz noch zu einer kleinen Harzwanderung zusammengetan. Sie beschlossen, den Nachmittag mit uns zuzubringen. Am andern Morgen nahmen sie Abschied, bis auf Professor Schlatter, der bei uns blieb. Müde von der Arbeit und dem Staub Berlins hatte er ohnehin die Reise zu der Konferenz in Wernigerode mit einer kleinen Ausspannung verbinden wollen. So bezog er für acht Tage unmittelbar neben unserer Waldwohnung ein Zimmer.
Im Winter 1893 hatten Vater und Schlatter sich zum erstenmal gesehen. Unser ältester Bruder Wilhelm und ich studierten damals in Greifswald, und Vater kam auf unsere Einladung, um bei einem akademischen Missionsfest zu sprechen. Die Predigt in der Jakobikirche, in der die akademischen Gottesdienste abgehalten wurden und in der nun ein großer Teil der akademischen Welt versammelt war, wurde Vater ganz besonders sauer. Fast verlegen wie ein Kind war er, als er anfing zu sprechen, bis er allmählich sich selbst wiederfand und dann mit großer Zuversicht von den Aufgaben an der Völkerwelt diesseits und jenseits des Todes sprach. „Ich hoffe,” sagte er, „auch noch in der jenseitigen Welt fröhliche Arbeit zu finden an denen, die noch nichts vom Evangelium gehört haben.”
Am andern Tage saß er mit uns im Kolleg, erst bei Cremer, dann bei Schlatter. Wir hatten uns mit ihm auf die letzte Bank zurückgezogen, wie Studenten es zu tun pflegen, die ein Kolleg „schinden” und nicht wagen, einen günstigen Platz zu beanspruchen. Es war seit seiner Studentenzeit das erste Mal, daß Vater wieder unmittelbar mit dem wissenschaftlichen Leben und der wissenschaftlichen Arbeit in Berührung kam. So fleißig er bis zu seinem theologischen Examen wissenschaftlich gearbeitet hatte, so hatte später die Fülle anderer Aufgaben, die auf seine Schultern gefallen war, ihn kaum mehr zum eigentlichen wissenschaftlichen Studium kommen lassen. Jetzt zogen ihn der Ernst und die Gründlichkeit, die er den beiden Männern abspürte, ungemein an, sowohl Cremers herbe Ergriffenheit als ganz besonders Schlatters sprudelnde Frische. Aber zu einer näheren Berührung kam es damals nicht.
Das wurde nun durch Schlatters Kommen nach Braunlage anders. Wir machten gemeinsam eine Fahrt nach Ilsenburg zur Fürstin Clementine Reuß. Auf dem Rückwege im Wagen erzählte Vater von unserm früheren Besuch in Goslar, wo wir im Museum die alten Strafwerkzeuge gefunden hatten, darunter auch den Doppelkasten, die sogenannte „Beißkatze”, worin Marktweiber, die sich gezankt hatten, auf öffentlichem Markte eingesperrt wurden, die Gesichter gegeneinander gekehrt. Schlatter warf ganz ahnungslos dazwischen: „Ja, die alte Justiz war doch recht grausam.”
Das fuhr wie ein Blitz in Vaters Seele: „Nein, unsere heutige Justiz ist noch viel grausamer!” Und nun entlud er sein Herz über die Rechtspflege, die an den arbeitslosen Wanderern geübt wurde. Statt ihnen Arbeit zu geben, würden sie arbeits- und mittellos zum Betteln gezwungen; als Bettler würden sie verhaftet, vor Gericht gestellt und mit Haft und im Wiederholungsfalle mit Gefängnis bestraft; von der ersten Gefängnisstrafe ginge es zur zweiten und so weiter; immer tiefer, immer tiefer ins Elend hinunter, ein langsamer, qualvoller seelischer Tod. Das sei viel grausamer als die alte Justiz der Beißkatze. Dann entfaltete er seine Gedanken, wie durch eine vernünftige, barmherzige Justiz diese grausame Justiz, die die mittelalterliche an Härte und Erbarmungslosigkeit weit übersteige, abgestellt werden könne.
Schlatter, immer ruhig, kritisch, wissenschaftlich auch bei dieser für Vater brennendsten praktischen Frage, warf seine Einwände dazwischen, die zur weiteren Klärung beitragen, aber keineswegs mangelndes Interesse an dem Schicksal des Bruders von der Landstraße bedeuten sollten. Vater aber witterte hinter den kühlen, sorgsam abgewogenen Erwägungen Schlatters den Anwalt der herzlosen Justiz von heute. Sobald er aber irgendwo auf Herzlosigkeit gegen den Bruder von der Landstraße stieß, kannte er keine Rücksicht mehr. „Sie verstehen das nicht, mein lieber Professor”, sagte er ein wenig bitter. Und einmal hätte nicht viel gefehlt, daß er seinen Gegner bei den Schultern gepackt hätte, um zu versuchen, ihn durch einen körperlichen Ruck in das gewünschte Geleise zu bringen.
Ohne daß eine Verständigung gefunden worden wäre, stiegen wir in dunkler Nacht aus dem Wagen. Auch beim Mittagbrot am andern Tage war die Stimmung noch gedrückt. Es gärte und arbeitete unablässig in Vater. Endlich am Nachmittag hatte er verstanden, worauf es Schlatter eigentlich angekommen war, daß er ihn nicht hindern, sondern ihm zur weiteren Klarheit hatte helfen wollen. Er diktierte einem von uns Schlatters Gedanken, wie sie ihm inzwischen klar geworden waren, und um die Kaffeezeit ging er zu ihm hinüber. „Hier, Professor, meinst du es so?” — „Ja,” antwortete Schlatter, „so meine ich es; so wird es gehen.” So wurde Friede geschlossen und damit der Grund gelegt zu einer Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft, die für Vater und für viele eine reiche Quelle der tiefsten Freuden wurde.
Für die noch übrigbleibenden Tage unserer Ferienzeit waren die beiden fast unzertrennlich, und auch die in Wernigerode besprochenen Gedanken wurden zwischen ihnen weitergesponnen. Dort hatten die Professoren unter anderem erwogen, wie die Kluft, die die Männer der Praxis und die Männer der Wissenschaft trennte, überbrückt werden könne. Sie empfanden es schmerzlich, daß zwischen den Studenten, sobald sie die Universität verlassen hatten, und ihren ehemaligen Lehrern der Regel nach jede persönliche Beziehung aufhöre, und beklagten den Verlust, der dadurch sowohl für das kirchliche Leben als für die wissenschaftliche Arbeit entstünde. Beide Teile mußten durch die mangelnde Verbindung für ihre Arbeit Einbuße erleiden. Denn die wenigen Universitätsjahre zu den Füßen der Professoren sollten doch eigentlich nur die Einleitung in dauernde wissenschaftliche Arbeit bedeuten. Umgekehrt sollten die Männer der praktischen kirchlichen Arbeit unablässig das Leben der Universitäten befruchten, damit es nicht in leere Luftgebilde sich verflüchtige, die ohne Verständnis und ohne Bedeutung bleiben mußten für das wogende Leben des Volkes und der Christenheit.
So wurde zwischen Vater und Schlatter bei einer Regenwanderung nach Andreasberg, die sie unter einem gemeinsamen Regenschirm vereinigte, für das nächste Jahr ein theologischer Kursus in Aussicht genommen. Schlatter wünschte, daß er nicht in einer Universitätsstadt sein sollte, sondern in einer Gemeinde. Denn dadurch sei von vornherein klar zum Ausdruck gebracht, daß die Besprechungen zwischen den Männern der Wissenschaft und denen der Praxis nicht den Köpfen gelten sollten, sondern den Personen, nicht dem wissenschaftlichen Betriebe, sondern im tiefsten Sinne dem wissenschaftlichen Leben. Darum ergab sich von selbst Bethel als Versammlungsort.
So kam im August 1898 die erste theologische Woche zustande. Die große Zahl der Besucher zeigte von vornherein, welch tiefem Bedürfnis der Gedanke entsprang. Cremer und Schlatter hatten die Hauptvorträge übernommen. Zugleich mit andern Teilnehmern strömten namentlich die alten Schüler der beiden Professoren herbei, um einmal wieder mit den geliebten Lehrern zusammenzusein und ganz anders, als sie es als unerfahrene Studenten gekonnt hatten, unter ihrer Leitung den tiefsten Fragen nachzugehen.
Die Vorträge selbst waren öffentlich. Es sollte jedermann sich überzeugen können, daß die theologische Arbeit keine Geheimniskrämerei sei, sondern für jeden Nachdenksamen ihren hohen Wert habe. So nahmen viele Nicht-Theologen beiderlei Geschlechts an den Vorträgen teil, aus der Anstalt sowohl wie aus Bielefeld und der Umgegend. Die Besprechungen aber, die den Vorträgen folgten, wurden im geschlossenen Kreise der Theologen gehalten, und dieses Ineinander von Öffentlichkeit und Vertraulichkeit bewährte sich auch bei allen späteren Kursen, die vom Jahre 1898 ab bis heute fast ohne Unterbrechung alle zwei Jahre stattfanden.
Andere Theologen wurden hinzugezogen. So der blinde, immer wieder mit besonderer Bewegung begrüßte Professor Riggenbach von Basel, Professor Kähler aus Halle, Professor Schaeder, später in Kiel und Breslau, Professor Lütgert aus Halle, Professor Bornhäuser aus Marburg. Die Führung behielten Cremer und Schlatter, die beiden, das darf wohl gesagt werden, neben Kähler in Halle damals bedeutendsten Vertreter der deutschen Theologie, die in tiefster Gemeinschaft der Überzeugungen einander ergänzten.
Wie einer der Durstigsten saß Vater zu den Füßen dieser „Wasserschöpfer”, wie er die Professoren am liebsten nannte, ohne es zu merken, daß er seinerseits durch seine meist ganz kurzen Bemerkungen, die er in die Besprechungen hineinwarf, die Seele des Ganzen blieb. Er war wie der Meister, der die wogenden Töne immer auf die letzten Grundakkorde einigt und zugleich die verborgensten Saiten des Herzens zum Schwingen bringt, auch die, in denen der Zweifel schläft und das Bangen vor dem Unergründlichen.
Er selbst hatte am Ausgang seiner Studentenzeit die beängstigende Unsicherheit kennengelernt, in die die Kritik hineinführt. Darum blieb er barmherzig mit denen, die in ähnlichen Kämpfen standen. Das kam immer wieder während dieser theologischen Wochen zum Ausdruck. Aber zugleich wies er in den Besprechungen, die sich an die Vorträge der Professoren anschlossen, die Wege, die zur Gewißheit des Glaubens führen: die Demut der Buße und die selbstverleugnende Liebe. Geistliche Hoffart, das sprach er immer wieder aus, war für ihn das Haupthindernis des Glaubens. „Das menschliche Herz ist so hoffärtig,” sagte er auf einer dieser theologischen Wochen, „daß es nicht einmal die Liebe eines kleinen Kindes vertragen kann, sondern sich darauf etwas zugute tut. Und wie ist es mir gegangen, als ich gestern hier predigen mußte? Da sagte mir mein Herz: So, nun mußt du vor den großen, berühmten Professoren predigen; wie fängst du es nur an, daß du ihnen gefällst? So hoffärtig ist das Herz. Den Hoffärtigen aber kann sich Gott nicht offenbaren.” Naturgemäß riefen die Besuche, die die Teilnehmer der theologischen Woche in den Häusern des Elends von Bethel machten, viele Fragen wach, die dann in den gemeinsamen Besprechungen vorgebracht wurden. Vater konnte sich demütig immer wieder in das schicken, was ihm an den Wegen Gottes unbegreiflich erschien, und die Buße, die sich unter Gottes Gericht beugt, löste ihm unbegreiflich scheinende Rätsel. „Ich leide auch zuweilen”, sagte er einem Teilnehmer als Antwort auf dessen bange Frage, „unter all dem Elend der Erde und kann es nicht verstehen. Aber dann denke ich immer wieder: Wie würde es sein, wenn das Elend nicht da wäre? Es würde noch viel schrecklicher auf der Erde aussehen, weil dann die Hoffart ohne alle Hindernisse wachsen würde. Das Menschenherz ist viel zu hoffärtig, als daß es das Leiden entbehren könnte.”
Neben der Buße aber war ihm die Liebe der andere Pol, um den die Erkenntnis Gottes schwingt. „Wie kann nur”, fragte ihn einer, „all dieses Elend, das sich in den Anstalten zusammenfindet, von Gott zugelassen werden?” Da sagte Vater nur: „Man muß etwas zum Lieben haben.” Und als ein zur theologischen Woche gekommener Gefängnispastor während der Besprechung darüber klagte, wieviele Gottesleugner er unter seinen Gefangenen fände, sagte Vater: „Ich habe noch nie einen Gottesleugner getroffen.” „Bebel!” rief eine Stimme in den Saal hinein. Vater aber sagte aus tiefster Überzeugung heraus: „Und wenn Bebel hier wäre, er würde es nicht wagen, Gott zu leugnen.” Da sahen wir in seine tiefsten Erfahrungen und Überzeugungen hinein. Er hatte in der Tat keinen Gottesleugner gefunden. In Debatten über das Dasein Gottes hat er sich nie eingelassen, aber unter der Glut seiner Liebe wurde auch in gottentfremdeten Gemütern die geheimnisvolle Gottesstimme wach. Sie spürten den Hauch aus einer andern Welt, und trotz aller Verstandeszweifel vermochten sie in seiner Gegenwart nicht, diese andere Welt zu leugnen. So wurde Vater uns zur Auslegung des alten Wortes: „Deus tantum cognoscitur, quantum diligitur”. Gott wird nur in dem Maße erkannt, als er geliebt wird. Und auch unser Nächster wird in dem Maße der Erkenntnis Gottes näher geführt, als er durch uns unter den Strahl der Liebe Gottes kommt.
Diese Liebe aber schöpfte Vater aus der in der Schrift geoffenbarten Liebe Gottes in Jesus Christus. Darum war ihm die theologische Woche und die Freundschaft mit den „Wasserschöpfern” solch eine besondere Erquickung. Ein Professor der sogenannten freien Theologie führte seine Studenten durch Bethel. Am Schluß machte er Vater einen Besuch. „Herr Pastor,” sagte er, „wieviel Gutes tun Sie den Kranken, und wie gütig haben Sie uns aufgenommen! Warum sind Sie zugleich so ablehnend gegen meine theologische Arbeit?” „Lieber Professor,” sagte er, „ohne den alten Glauben könnte ich keinen einzigen epileptischen Kranken pflegen — und du auch nicht.”
Freistatt.
Fünfzehn Jahre lang hatte Wilhelmsdorf seine Arbeit getan. Immer mehr waren Epileptische und Geisteskranke, die nach und nach von Bethel nach Eckardtsheim übergesiedelt waren, in fröhlichen Wettbewerb mit den Kolonisten getreten. Aus der Einöde war ein Garten Gottes geworden. Überall saftige Wiesen, prangende Gärten, wogende Felder und Schonungen von Tannen und Kiefern, die auf dem durchrigolten Boden kräftig gediehen. Aber so erfreulich diese Entwicklung auf der einen Seite war, so sah Vater ihr doch auch nicht ohne Bedenken zu. Die Masse des unkultivierten Landes nahm zusehends ab. Neuerwerbungen waren nicht möglich. Denn überall um Eckardtsheim her, teilweise mit Hilfe der Kolonisten, hatten die Bauern das Vorbild der Kolonien nachgeahmt. Durch planmäßiges Rigolen und künstliche Düngung war der Wert der ganzen Umgegend um ein Vielfaches gestiegen. Niemand dachte mehr an Verkaufen. Hätte Bethel doch kaufen wollen, so wäre eine Rentabilität unmöglich gewesen.
Auf das Heideland war also nicht mehr zu rechnen. So wandte Vater seine Augen den Mooren zu. Er bereiste die nördlichen Kreise Westfalens, Lübbecke und Minden, aber alles Suchen war vergebens. Nirgends fand er ein Gebiet, das einer Zweigkolonie von Wilhelmsdorf eine neue Heimat geboten hätte. Und doch wurde solch eine Kolonie mehr und mehr zur Notwendigkeit. Denn während die Arbeitsmöglichkeit in Wilhelmsdorf immer beschränkter wurde, nahm andererseits die Zahl der Arbeitslosen immer mehr zu. Die westfälische Industrie hatte in den letzten zehn Jahren einen ungeheuren Aufschwung genommen. Aber sie war den Gesetzen der Ebbe und Flut unterworfen. Jede Steigerung des Arbeitsmarktes lockte immer neue Arbeitermassen in die westfälischen Grenzen. Jedes Nachlassen aber warf jedesmal die schwächsten und unzuverlässigsten Elemente auf die Landstraße. Dann wurden die Herbergen, die Verpflegungsstationen, die Kolonien überflutet, ohne dem Strom gerecht werden zu können.
Verschiedentlich war Wilhelmsdorf bis zum letzten Winkel vollgestopft gewesen. Hier mußte also gesorgt werden. Es war auch diesmal wieder kein Gründungsfieber, wie Fernstehende meinten, sondern die zwingende Gewalt der Verhältnisse, die vorwärts trieb, und das Erbarmen mit den Brüdern von der Landstraße, die ohne solches Erbarmen in Kälte und Schnaps verdarben.
Nun hatte Vater einen treuen Freund, Forstrat Deckert in Hannover, der sich nach seinem Abschied mit all seinen Kräften und Erfahrungen zur Verfügung gestellt hatte und als Nachfolger des Kommerzienrats Bansi Präses des Anstaltsvorstandes geworden war. Als der Neuerwerb von Ödland innerhalb der westfälischen Grenzen keine Aussicht bot, lenkte er im Frühjahr 1898 Vaters Augen auf das große hannoversche Wietingsmoor, wo er jahrelang eine umfassende und sehr erfolgreiche Tätigkeit ausgeübt hatte. Von der kleinen Kreisstadt Sulingen aus drangen die beiden Freunde in das Moorgebiet vor. Der alte Moorvogt Rolfs, der unter Deckert gearbeitet hatte, begleitete sie.
Es war, als wenn Vater eine neue Welt aufginge. Nicht um Niederungsmoor, wie im westfälischen Gebiet, sondern um Hochmoor handelte es sich hier. In abflußlosen, unermeßlich weiten Sandkesseln hatte sich im Laufe der Jahrtausende eine Pflanzenschicht über die andere getürmt. Die modernde Schicht des Herbstes und Winters war in jedem neuen Frühjahr zur Geburtsstätte der neuen Schicht geworden. Während die alten Lagerungen in der Tiefe verschwanden und unter dem Druck der oberen Schichten erst zu braunem, dann zu schwarzem Torf wurden, hob sich die Fläche selbst mehr und mehr, bis sie als ein riesiger lebendiger Schwamm über den Rand des Sandbeckens hinauswuchs und so als Hochmoor höher ragte als das umgebende Tiefland.
Je weiter die beiden Freunde in das Moor hineinschritten, desto heller und leuchtender tauchte eine neue Zukunft vor Vaters Augen auf. Er stieß seinen Stock in die Tiefe, der, ohne auf ein Hindernis zu stoßen, bis an die Krücke hinunterglitt. „Ha,” sagte er, „hier habe ich Arbeit.” Nach Westen und Osten und namentlich nach Süden zu in der Richtung auf die in der Ferne schimmernden Weserberge dehnte sich die Einöde aus. Im Schmucke des roten Heidekrautes und des schneeigen Wollgrases lag sie da wie ein schlafendes Riesenkind aus dem Märchenreiche, mit dessen Haaren der vom fernen Meer herüberströmende erfrischende Wind spielte und das auf seinen Befreier wartete.
Die Anlieger des Moors, die auf dem Gebiet der alten Langobarden sitzen, — man findet noch heute in den Hünengräbern der Gegend Urnen und Geräte, die sich mit den Funden der oberitalienischen Ebene decken — hatten bis dahin das Moor als ihren Feind angesehen. Wohl hatten sie ihm ihren Brennbedarf entnommen, und das Heidekraut hatte ihre Heidschnuckenherden genährt, aber auf der andern Seite waren die an das Moor stoßenden Äcker immer wieder durch den wehenden Torfstaub bedeckt worden. Sobald der Frühjahrswind die Oberfläche des Moores trocknete, fing das Moor, ähnlich den Dünen des Meeresstrandes, an zu wandern und überschüttete die Grenzgebiete mit dem feinen Torfmull, der sich da und dort zu kleinen Hügeln auftürmte und alles Leben unter sich begrub.
Durch die Regierung waren umfassende Pläne ausgearbeitet worden, die den Schutz des Landes vor dem Moor bezweckten. Sie würden aber Millionen verschlungen haben. Da schlug Forstrat Deckert vor, ähnlich wie im Küstengebiet durch das Dünengras, so im Moorgebiet durch schmale Kulissenwälder die Gewalt des Windes zu brechen und durch Ansamung eines geeigneten Grases die wandernden Moorwellen aufzuhalten. Der Plan wurde angenommen, und in dem Maße, als die schmalen schützenden Birkenstreifen emporwuchsen, die sich wie Vorpostenketten in das Moor hinausschoben, kam der zerstörende Vormarsch des Moorstaubes zum Stehen.
Daß aber aus dem bisherigen nur mühsam abgeschlagenen Gegner ein starker Freund werden könnte, daran hatte freilich niemand gedacht. Als darum der alte Moorvogt einen Besitzer nach dem andern anging, ob er Anteile seines Moorbesitzes verkaufen wollte, fand er überall weitestes Entgegenkommen. Man einigte sich auf 40 Mark für den Morgen. So wurden zunächst in dem tiefsten und aussichtsreichsten Moorbecken, in welchem der Torf bis zu einer Stärke von sechs bis sieben Meter stand, 4000 Morgen erworben und später aus dem angrenzenden staatlichen Gebiet noch weitere 1500 Morgen hinzugefügt.
Für Vater aber handelte es sich zunächst darum, die Mittel für den Neuerwerb aufzubringen. Unter der Überschrift „Wer schenkt uns einen Morgen Hochmoor?” ließ er ein kleines Blatt drucken, worin er die vorhin geschilderte Lage kurz darstellte. Die Reise zur Grundsteinlegung der Kirche von Ems führte ihn für drei Ruhetage auf das Schlößchen der befreundeten Familie von Preuschen in Liebeneck. Und diese drei Tage verwandte er dazu, der kleinen Druckschrift eigenhändige Briefe an die Industriellen und Großindustriellen Westfalens hinzuzufügen. Jeder Brief klang aus in die Bitte: „Helfen Sie uns durch einen kräftigen Ruck in den Sattel!” Die Bitte war nicht umsonst. Die Notwendigkeit der Sache leuchtete durchschlagend ein. Nach kurzer Zeit waren die Mittel zur Stelle.
In der Richtung von Osten nach Westen wird das Wietingsmoor von einem Sandrücken durchschnitten, auf dem die aus der napoleonischen Zeit stammende Heerstraße läuft. Hart neben dieser Straße, einem freundlichen Kiefernwäldchen gegenüber, wurde im folgenden Frühjahr die erste Holzbaracke errichtet, und das erste Hauselternpaar und die ersten Kolonisten zogen in „Freistatt” ein.
Freistatt! Der Name erinnert an die besonderen Freistätten in Israel, vier diesseits, zwei jenseits des Jordans, wohin die von Bluträchern Verfolgten fliehen durften. Wer sie erreicht hatte, war gerettet. So sollten auch in das einsame Moor alle von fremder oder eigener Schuld Gehetzten sich retten dürfen und eine Freistatt finden, in der der Friede herrschte und die Geborgenheit. Und niemand sollte zurückgestoßen werden. „Daß ihr mir nur keinen abweist!” schrieb Vater einmal in der Zeit der größten Überflutung, und wir wußten, daß der ganze Zorn seiner Liebe hinter solch einem Wort stand, das keine Übertretung duldete!
Bei der Gründung der Arbeiterkolonien war zunächst der Grundsatz durchgeführt worden, daß jeder für längere Zeit Arbeitslose die Kolonie seiner Heimat aufsuchte. Aber das war nur so lange durchführbar, als ein festes Netz von Herbergen und Verpflegungsstationen die einzelnen Teile Deutschlands verband. Seit dieses Netz zerrissen und solange es nicht neu hergestellt war (vergl. den Abschnitt „Wanderarbeitsstättengesetz”), hatte dieser Grundsatz nicht mehr befolgt werden können. Und so wurde gerade Freistatt die Zufluchtsstätte von Arbeitslosen aus allen Teilen des Vaterlandes.
Wer Menschenschicksale studieren wollte, der mußte nach Freistatt kommen! Leute aller Berufe, jedes Alters, jeder Begabung, Menschen, die noch nie vor Gericht gestanden hatten, und solche, die ein halbes Leben im Zuchthaus und Gefängnis zugebracht hatten, suchten hier Sicherheit und Bergung. Auch manche Söhne gebildeter Stände, die draußen im Leben versucht hatten, als Herren zu leben, ohne die Herrschaft über sich selbst üben zu können, und nun in der Einsamkeit sich wiederfinden sollten. Dazu kamen die schulentlassenen jungen Burschen, teils Fürsorgezöglinge, die von den Provinzen überwiesen wurden, teils solche, die von ihren Eltern gebracht wurden, um im Moor den Leib und Seele verderbenden Lüsten und Lastern des modernen Kulturlebens entrissen zu werden.
Wo die Schar derer, die nach Freistatt flüchteten und geflüchtet wurden, in sich so vielgestaltig war, ergab es sich von selbst, daß man sie in verschiedene Häuser und verschiedene Arbeitsplätze gruppieren mußte. Alle Gruppen aber blieben untereinander verbunden durch die gemeinsame große, lockende Aufgabe, das bis dahin unbezwungene Moor sich und der Menschheit dienstbar zu machen. Es war ähnlich wie in der Senne von Wilhelmsdorf; wieder wurden ausgestoßenes Land und ausgestoßene Menschen miteinander verbunden und eins durch das andere belebt, entwickelt und geheilt.
Zunächst legte man von den festen Sandinseln aus einen Damm quer durch das Moor und versah ihn mit Schienengeleisen. So war der sichere Stützpunkt geschaffen, von dem aus die einzelnen Gruppen der Kolonie den Angriff auf das Moor eröffnen konnten. Zweiggräben wurden gezogen, die Heide geschlagen, die Fläche geebnet. Mit Pferden, denen zum Schutz gegen das Versinken breite Holzschuhe unter die Hufe gekeilt waren, und mit besonders gebauten Eggen und Pflügen wurde der Moorboden bearbeitet. Durch Kalk wurde ihm die Säure entzogen, durch Kunstdünger neue Nährkraft zugeführt — und dann wurde zum erstenmal diesem verachteten Lande die Frucht der Erde anvertraut.
Man ahnt etwas von dem Staunen der umliegenden Bevölkerung, von der Freude und dem Stolz der verachteten Kolonisten, als nun dies schwarze, modrige Land im nächsten Frühjahr anfing zu sprießen, zu grünen und Frucht zu bringen. Immer weiter dehnten sich von Jahr zu Jahr Kartoffel-, Hafer- und Roggenfelder aus und zwischen ihnen die Weiden, von deren kräftiger Grasnarbe das Vieh getragen wurde ohne Gefahr, im Moor zu versinken.
Zugleich wurde das Moor gezwungen, die Wohltaten, die es schon bisher dem Lande erwiesen hatte, in immer wachsendem Maße zu erhöhen. Während der eine Teil des Moores zunächst für die Kulturen aufgehoben blieb, wurden durch den andern parallel laufende Torfstiche gelegt. Hier fanden namentlich die jüngeren Kolonisten Sommer und Winter über abwechslungsreiche Arbeit. Mit haarscharfen Messern zerschnitten sie die lederweiche Moostorfschicht in einzelne Stücke und breiteten sie zum Trocknen auf der Fläche aus. Der darunter zu Tage tretende schwarze Torf wurde mit Baggermaschinen, die auf Schienen längs des Grabens liefen, aus der Tiefe geholt, zu langen Stangen gepreßt, zerteilt und auf Brettern in der Sonne getrocknet.
Zu haushohen Mieten türmten sich die Torfhaufen auf. Sie wurden entweder in der Torffabrik, die auf der Sandinsel an der alten mit Birken und Eichen bestandenen Napoleonstraße errichtet worden war, zu Torfstreu verarbeitet oder den einzelnen Haushaltungen und Niederlassungen innerhalb und außerhalb der Kolonie als Brennmaterial zugeführt.
Um aber die weiten Heideflächen des Moores, die zunächst noch brach liegen bleiben mußten, kräftiger ausnutzen zu können, wurde den Heidschnucken mitten im Moor eine Heimat bereitet. Auf breiter Holzunterlage, die in Metertiefe im Moor versenkt und durch die Moorsäure vor dem Verfaulen geschützt war, entstand ein großer Stall und daneben auf einem künstlich aufgeworfenen Sandhügel, der allmählich durch den eigenen Druck bis auf die Oberfläche des Moors hinuntersank, ein geräumiges Wohnhaus. Hier in der wildesten Einsamkeit lebte es sich eigentlich am schönsten. Hier über dem ganz freien Horizont ging den Bewohnern die Sonne am frühesten auf und am spätesten unter. Von hier aus konnte man am ungestörtesten das Moorhuhn, den Kuckuck und die Wildenten beobachten und die Brust füllen mit der reinsten, kräftigsten Luft, die der Moorwind herübertrug.
Der Mittelpunkt aber der ganzen Kolonie, die sich allmählich über eine Strecke von sechs Kilometern ausdehnte, wurde, wie in Bethel und Eckardtsheim, die Kirche. Aus Brettern und dazwischengefülltem Torf wurde sie inmitten eines kleinen Kiefernhaines aufgerichtet. Manchmal hat Vater hier gepredigt und die aus den nahen und fernen Häusern herbeiströmende Gemeinde von Freistatt zu dem hingeführt, in welchem allen Gebundenen die Freiheit bereitet ist.
Natürlich konnte diese große neue Aufgabe nur unternommen werden mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, die keine Mühe, Last und Enttäuschung scheuten. Auf einer Versammlung des Vereins Arbeiterheim hatte Vater einen jungen akademisch gebildeten Landwirt von Lepel kennen gelernt, der nun mit großer Willenskraft und Hingabe sich an die Spitze der kleinen Truppe von Hausvätern, Hausmüttern, Brüdern und Vorarbeitern stellte, die mit ihm wetteiferten in der Befreiung des Moors und der Befreiung der Menschen, welche sich in Freistatt zusammenfanden.
So sehr Vater als alten Landwirt die Erschließung des Moors zu Kulturzwecken beschäftigte, so behielt er doch fest im Auge, daß nicht die Befreiung des Moors das erste Ziel sei, sondern die Befreiung der Menschen. Und immer wieder hat er die Blicke der Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen auf dieses eine Ziel gerichtet. Denn ungleich ernster und schwieriger als die eigenartige Arbeit im Moor blieb die Arbeit an denen, die das Moor herbeilockte.
Das galt vor allem von den jungen Burschen. Sie kamen fast ausschließlich aus den Großstädten und dem Industriegebiet. Viele von ihnen hatten schon vor den Schranken des Richters gestanden, und manche waren nur deshalb vor dem Gefängnis bewahrt worden, weil man nicht wußte, wo die Grenze lag zwischen bewußter Bosheit und ererbtem krankhaftem Hang. Sie stellten die höchsten Anforderungen an die Hauseltern und Brüder. Hier galt es nicht nur, mit fester Hand Erzieher zu sein, sondern zugleich geduldiger Pfleger und mitleidender Freund.
Namentlich in jener Anfangszeit hat manches Leben der Brüder in Gefahr geschwebt, weil die jungen Burschen wie wilde, ungezügelte Pferde waren, bei deren Bändigung erst das rechte Ineinander gefunden werden mußte von unbeugsamer Festigkeit und mütterlicher Zartheit. Denn: