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Frühling

Chapter 17: Eine Phantasie
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About This Book

The text presents a sequence of vivid, sensory scenes that follow a narrator's immersion in spring fields and gardens, describing sunlight, flowers, birds, and insects; the perspective repeatedly shifts—lying in grass, imagining an elderly farmer, a child, an insect, even plant growth—tracing movements from microcosm to river and back; language emphasizes color, sound, scent, and tactile close observation while exploring cycles of growth, transformation, and the mingling of memory and present sensation; the work blends lyrical description and empathetic identification to evoke wonder, continuity, and the intimate relationship between human consciousness and natural life.

Das Lied

Unter den Sternen hin, hinter den dunklen Bäumen, ziehen Leute und singen ein Lied.

Ich lausche – mitleidig – schadenfroh – versonnen.

Denn in diesem Lied, in diesem schlichten Lied, ist ein Gift und eine heimlich fressende Flamme und die Schönheit einer fernen, fernen Heimat …

Das wissen sie nicht in ihrer dunklen Fröhlichkeit; aber ich weiß es …

Denn tief in mir zehrt dieses Gift und frißt diese Flamme und will hervor und leuchten. Und tief in mir ist ein Kreisen und Werden. – Wessen?

Ach Not, Not halbbewußter Fülle, endlos süße Not!

Ich lausche und sitze und warte, ahne; und meine Augen weiten sich einem köstlichen Gesicht entgegen, das naht und naht, von fern, ganz von fern …

Denn noch gleitet um mich und in mir und wechselt, unbändig und ungebändigt, ein ewiger, trüber Wechsel des Einzigen.

Not, ewige Not! – Kommt das Ende? – Und welches?? …


An den Sternen hin ziehen die weißen Wolken, und die Winde rauschen; raunen mit lieben, heimlichen Stimmen und kräuseln glitzerndes Laubwerk, schaukeln schwankes Geäst, gleiten mit blinkenden Schauern über die breiten Wasser. Und das Licht durch Nebel und zarten Dunst, durch millionenfältigen Widerstand plumpen Stoffes, nieder durch klare Höhen. – Das Licht – das Lied …

Reimverbunden vier arme Verse und eine simple Weise; ungefüge Stimmen in rauher, unbewußter Andacht.

Aber es ist nichts in allen Nähen und Weiten, nichts, nichts als dieses Lied und eine heimatliche Welt, die nun offenbar wird, und alle die zahllosen Seelen und eine einzige, unendliche Seele.

Nun sind die Höhen und Tiefen und Breiten ein Spiel, und Minuten, Stunden, Tage, Jahre und Jahrtausende ein schelmischer Trug.

Und nur die offenbaren Seelen und im zeitlosen Selbstfrieden die eine, offenbare Seele.

Ich sehe das bunte Spiel der vielen, das die ewige Ruhe der einen ist. Und in mir leben die Schauer der Wiedergeburt ewiger Religion und ewiger Vereinigung.

Dieses zitternde Pappellaub, hoch, schlank, dunkel in das weiße Licht hinein, dieser schimmernde Birkenstamm, traulich geducktes Buschwerk, diese gleitenden Wellen, diese Hand, die ich gespreizt gegen das Licht halte, mit dem Geflecht ihrer Adern, mit ihren wunderlichen Linien, mit Sehnen, Muskeln und Knochen: alles, alles ist das ewige Spiel ihrer Kraft und ihr neckisches Versteck, hinter dem sie sich selbst sucht und jubelnd sich findet und immer, immer wieder findet.

So müde bin ich, so ahnend müde.

Will eine Schranke fallen? – Willst du mich finden? Will ich mich finden?

Und ein neues Spiel, und immer ein neues und ein schöneres, lustigeres immer?

Fern das Lied – verklingend mit sehnendem Jubel das Lied …

Das Lied …


Und alles wieder still und rauschende Ruhe. Ich fühle, wie jede Fiber in mir zuckt und sich spannt.

Das Ende? Und welches?

Welches auch immer: keins und nie und nimmer ein Ende. Eine Schranke, die fällt; ein Dunst, der verweht; ein jubelndes, lachendes Hervortauchen. – Wohin?

Weit, unendlich weit ist die Welt, und doch immer und überall einzig du, ich …


Was wär ich, wär ich diese wilde, rastlose Lust und dieser unermeßliche Jammer? – Was wär ich, wär ich dieses hinfällige Gestell von Knochen, Fleisch, Muskeln, Sehnen und Nerven und nicht dieses ahnende Sehnen?

Wild ras' ich durch meine Erdenzeiten, durch Mord, Not, Blut, durch zahllose Greuel, durch diese und gegen diese meine fieberwache Endlichkeit.

Betrüge, lüge, morde, hasse; stürze mich in zorniger Verzweiflung in den Wahnsinn tausendfältiger Wollust; rase in meiner Finsternis und strecke mich gierig nach Erkenntnis durch meine Räume und Zeiten; verschlinge und gebäre meine tausend und abertausend schwankenden, entgleitenden, ewig wechselnden Täuschungen von sausenden Welten und ewig unbefriedigten Erkenntnissen; taumele durch die hastenden Zeitläufte meiner Vergänglichkeiten ewig von Jubel zu Verzweiflung, von Verzweiflung zu Jubel; bin blühende und welkende Völker und Reiche; krieche hin in dumpfer Befriedigung und klammere mich an karge, blöde Freuden; verschanze mich hinter Gesetzen, feige und weise gegen mich selbst; betrüge mich selbst und bin der Blödheit meiner engen Sinne ein zerfallender, faulender Haufe Schmutz und ein kleines jämmerliches Ende.

Was wär ich, erkargte sich mein sehnendes Ahnen nicht zwischen tauber Lust und taubem Leid ein paar stille Friedensblumen und wäre nicht der Preis und Sieg aller meiner Verzweiflung und meines heißen rasenden Ringens gegen mich selbst das Wissen von meinem wohlverbürgten Frieden und immer und immer wieder sein endlicher Besitz?


Gelassen seh ich jetzt das grausigste aller Rätsel und beantworte seine dunkle Frage. In unendlichen gelben Wüsten steh ich der uralten bösen Riesenfratze gegenüber und sehe lachend in ihre toten, starren Augen.

Und hier ist all meine Nichtigkeit, mein Stolz und meine hohe Würde:

Ich, ich selbst bin ihr großes, starres Schweigen. Ich selbst bin zu tiefst in mir eine große, weite, schweigende Ruhe, ein dunkel schlummerndes Können und Wissen und doch eine ewig bewegte, milliardenfältige Unrast. Dies beides und doch das eine, einzige: eine große, weite, schweigende Ruhe.

Meine Unrast aber und meine Verzweiflung schreit tausend trübe Fragen in mich selbst hinein, wieder und wieder, ihrer selbst gewiß zu werden und ihres endlosen Wandels, und sich zu finden, immer von neuem, in einer stillen, gefriedeten Einheit.

Meine Unrast aber seid ihr. Meine Unrast bin ich als das ewig und unendlich Vielfältige: als Elemente, Sonnen, Pflanzen, Tiere, Menschen und alle Wesen und Seelen: dies alles und seine unermeßlich zahllosen Einzelheiten und ihre unermeßlich zahllosen Schicksale.

Das alles schreit in mich hinein, findet Antwort und keine, findet ewig Antwort und als seligste Antwort ewig schweigende Ruhe.

Denn aus dem dunklen Urgrund meiner Ruhe und Nichtigkeit tönt ewig und ewig als Antwort auf die wilde Sehnsucht ewiger Frage ihr ewig gleicher Widerhall und nichts, nichts als ihr Widerhall.


Denn dann, wenn je und je am wildesten die alte Frage gellt und an dem uralten, mystischen Geheimnis rüttelt, dann – Frage und Antwort zugleich – tönt sie zurück aus den dunklen Weltenfernen ewigen Lichtes und ewiger Gewißheit, und einer wird geboren, der ihr Mund ist: einer, der ist der ewig Wiedergeborene, der Stille, unter dem ewigen Mysterium Duldende, in dem Endliches und Unendliches offenbar wird als das eine, das ewig liebend sich selbst umschließt.

Wo aber in aller Welt je und je er hineingeboren wird in die Endlichkeit, da erhebt sich ein neuer Tag und eine neue Zuversicht. Da jubelt die Freude, da lächelt der Friede, und da rüstet sich ein neuer, junger, todesmutiger Wille und hat eine neue Bahn und ein neues Ziel endloser Betätigung.


Das ist all meine Nichtigkeit, mein Stolz und meine hohe Würde. Denn wenn ich ein Wort vom Frieden weiß, so ist es nichts als eures Unfriedens Widerhall und die irre Frage eurer Verzweiflung. Die tön ich zurück, zu meinem Teil, in ewig stiller Gelassenheit; einer, der treu, schlicht, hingegeben hört, aufnimmt, zusammenfaßt, und der wiedergibt: treu, schlicht, hingegeben.

Das ist mein schauriges und unsagbar seliges Los! Nichts, nichts bin ich, nichts und alles.

Ihr seid ich, ihr! Und ich bin ihr! Du bist ich, ich bin du; und du und einzig du bist meine ganze Würde und meine ganze Nichtigkeit. Das ist die ewige, lachende Erkenntnis und ewig die Morgenröte eines neuen Tages …


Zwischen mir aber und ihr dunkelt eine Nacht.

Schon bin ich hineingetaucht in ihr weites Grauen. In das Grauen zwischen Anfang und Ende. Sie ist der heimliche Tod, der mich verzehrt.

Sie kommt mit den kühlen Schauern einer schweren Müdigkeit. Sie ist die Feigheit, die bang und zaudernd am Überwundenen hängt. Liebe und Haß, die mich verfolgen, und hundert Gewohnheiten und tote Begriffe, die doch noch leben wollen, und hetzende Zweifel alter Begrenztheit. Und sie ist ein letzter, noch nicht ausgefochtener Kampf und das krasse Gesicht einer alten Lüge, die ewig und ewig wieder mich, den ewig Lebendigen, erschauern macht. Sie ist die grausige Starre eines Kadavers und seine dumpfe, gärende Fäulnis. Sie ist der wild verwirrte, trübe Tumult neuer, geahnter Welten, meiner Feigheit zu weit und zu herrlich, viel zu weit und viel zu herrlich.

Mein Tod ist diese Nacht, mein langes Sterben, der dunkle, trübe Wandel zweier Tage, zweier Tage …

In diese Nacht und in diesen Kampf tauch ich hinein. Mit fröhlichem, wissendem Mute und mit einer stolzen, kräftigen Seele. Die ist ein Held geistiger Kämpfe, gewaltiger als alle Leibesgewaltigen der Vorzeit.


Langer, langer Weg! Dunkler Kampf! – Und sein Ziel? – Ach, Ohnmacht meines armen Wortes! – sein Ziel ist ein ungeheures Meer des Schweigens!

Da werd ich endlich hineinschwinden, ich und der Kreislauf aller Seelen und Sonnen und alle Unrast.

Ich und alle meine Unrast: Seelen und Sonnen: ich bin dieses Schweigen, und einst werd ich mich ganz als solches erfassen und in mir selbst ruhen.

Das ist mein ewiges Ende und mein ewiger Anfang …


Wenn die Sterne strahlen, wenn die Lüfte raunen und die letzten, stillen Farben spielen: jetzt …

Jetzt – o Qual der Qualen! – jetzt kenn ich meinen langen Weg, und meiner Blindheit dämmert rosig ein Ziel …


Schönheit

Sonne! Sonne!
In mir treibt die köstliche Unruhe deiner Kraft!
In mir dein Lachen,
in mir ein heimliches Lachen!
Befreit lachen nun in mir alle Menschen,
lacht in mir die ganze Welt!
Ein einziges goldiges Friedensgelächter lacht mein Herz in alle Fernen hinein!
Alle, alle kommen sie zu einem großen Mahl,
mit tausend bunten, wichtigen Meinungen:
Gute und Böse,
Zweifler und Fromme,
stolz und demütig,
wissend und einfältig,
vornehm und gering,
Ausschweifende, Diebe, Mörder –
Alle, alle kommen sie
mit fragenden sehnenden ängstlichen Augen,
denn sie glauben,
daß sie häßlich und sündhaft seien.
Aber wie sie kommen,
in breiten Scharen,
mit unzähligen dunklen Geheimnissen,
mit Gebresten,
Lastern, Schwächen, Einbildungen und Lächerlichkeiten –
ein einziges
unauslöschliches Gelächter ist es,
das sie empfängt,
das sie vermehren.
In diesem Gelächter aber
lebt der bitterste Grimm
und das fruchtbarste Mitleid ...
Nun röten sich Gesichter,
glätten sich Falten und Runzeln,
verschwinden Geschwüre,
ergänzen sich Glieder,
hellen sich trübe, blöde Augen,
runden sich magre Leiber
und verjüngen sich ungeschlachte.
Und alle sind nun eine einzige
selige junge Göttergemeinde.
Jetzt!
In mir!
O Wunder!
Dummes, fröhliches, freches Frühlingswunder!

Am Graben

Hier, zwischen Schaumkraut und Vergißmeinnicht wollen wir ruhen, im schönen, weichen Gras, am Graben, wo die Kätzchen schaukeln.

Sieh, zwischen den gelben Lilien, zwischen Kuhblumen und weißen Sternchen, im goldigen Gezitter unser Bild.

Da: deine Augen!

So lachend, so jung! So dunkel! …

Und dein Lachen, durch die weite, selige, strahlende Stille dein helles Lachen.

Näher, und Wange an Wange.

Der Wind, leise, leise in den Binsen, und der kühle Wasserduft herauf.

Wir träumen …


Sieh, hier lang am Ufer hin! Wie es aufquillt vom braunen Grund in traubigen Gebilden.

Der jungen goldigen Wärme entgegen.

Es will reifen, will sich gestalten.

Sieh, in weicher rauchiger Masse der dunkle Kern.

Uranfang. Ruhe. Vollendung …

Nein! In der engen, runden, winzigen Wand, millionenfältig du und ich, und immer du und ich, unser Widerstreit und unsre Vereinigungen, unser unendliches Spiel … Windet, krümmt, stülpt sich, wogt im endlosen Wechsel, in der süßen Qual ewigen Wandels; ungeformt und dennoch in unbegreiflichen Gestaltungen, viel zu wunderbar unserem plumpen Begreifen!

Zu wunderbar! Wir uns selbst! Du mir! Ich dir! …


Du siehst mich an.

Sieh mich an!

Banne mich mit deinen lieben, bösen Augen!

Nun halt ich dich, und Mund an Mund …

Die Welt um uns mit Nähen und Fernen und ihren Millionen Formen ein Wirbel, ein dummer, dummer Wirbel! …

Nur hier …

Alles! Nichts! Gott! …


Im Heidekraut

I

Auf der Klippe

Hoch oben lieg ich,
im Heidekraut,
hoch über den dunklen Wäldern,
hoch auf sonnenglühendem Geklipp.
Ich denke, ich treibe auf einem endendlosen Meer,
Das Spiel seiner Wogen ist das helle Himmelsblau,
das unaufhörliche Rauschen und Wühlen des freien Bergwindes in den hohen Kronen,
Vogelgezwitscher und wehende Düfte,
Summen, Schrillen und Knistern der Käfer,
die hundert Geräusche der windbewegten Zweige,
blitzende Strahlen
und ruhende, gleitende Lichter,
wellende Farben
und das Blinkern und Donnern der Wildwasser –
und meine Gedanken,
meine dummen Gedanken ...
Mit Strömen von Wärme und Licht rauscht die Welt Lieder durch meine Pulse,
dunkle, grausige, süße Lieder der Einheit.
Über die blauen Täler hin,
in die weite, sonnige Welt hinein
schwatzt dich meine Sehnsucht,
du liebes, unergründbares Rätsel;
neckt sich mit kindlichen Torenworten
die uranfängliche Kraft,
ihr eigenes Rätsel
und ihres eigenen Rätsels Sinn ...

II

Heidekraut steck ich an meinen Hut
und wandre.
Was ist mein Ziel?
Der Ruf eines Vogels
glockenhell
aus einem tiefen,
fernen Grund ...

Unter den tiefen dunklen Wolken

Unter den tiefen dunklen Wolken hin
hinein in den fröhlichen Vorfrühlingswind.
Die grauen Wellen
schäumen über den Kies
und in den roten Weiden
Zwitschert eine Lerche
ihr erstes, eiliges Liedchen:
Goldige Fluten!
Blauende Höhen!
Immer, immer mit dem Winde herüber
das eilige, helle Zwitschern.
Sonne, liebe Sonne!
Du liebes altes schelmisches Auge
da oben
zwischen der dunklen
jagenden, fruchtenden Feuchte!
Morgen, morgen verbrausen die wilden Stürme!
Morgen, morgen hab ich dich!
Morgen jauchzt dein goldiges Gelächter über die Welt ...

Die Vehikel

Gib mir, wo ich stehe!

Nun! Ich bin so ein Allerweltspapa, sitze irgendwo im Mittelpunkte der Welt in einem alten, guten, soliden Sorgenstuhl, von wo aus ich den schönsten, geordnetsten Überblick habe.

Man meint, meine Augen seien ein wenig schwach, mein Gehör ein wenig verschleiert. Das sind so Besorgnisse und Klagen, was weiß ich! jedenfalls Vorurteile.

Ich sitze ja hier vortrefflich, und alles hält sich in bester Ordnung.

Wirklich! Es ist eine ewige, endlose Freude!

Da seh ich viele Millionen goldener runder Wagen, die fahren in weiten, jubelnden Kreisen einem gutverbürgten Ziele zu, fahren die weite, weite Fahrt durch die Welt.

Das ist ein einziger, allerliebster Dummerjungenskrakeel, ein einziger süßer Spektakel!

Da kribbelt es in ewig geschäftiger Unrast, und ich sehe lauter weite lachende Kinderaugen.

Und alles ist ein nimmer endendes Halleluja!

Wie?!

Nun, wie's auch damit sein mag: ich sehe, was ich sehe! – Millionen, Milliarden lustiger Vehikel meiner Seligkeit, meiner Seligkeit!


Andacht

Sommerabend!

Ich trete vor die Tür, vorm Schlafengehn noch ein wenig Luft zu schöpfen.

Müde laß ich mich auf die Bank nieder, zufrieden.

Nach getaner Arbeit ist gut ruhn.

Mit dämmerbraunen Felderbreiten dehnt sich im Halbkreis weit das flache Land. Die milchweißen Nebel liegen auf den Wiesen, von den Getreidefeldern weht die Kühle den köstlichen Roggenduft herüber, und aus der Ferne schnarren die Rebhühner.

Weit über dem braunen Frieden der Breiten aber dämmert der Himmel mit allen Sternen. Breit schimmert die Milchstraße zwischendurch.

Ich lehne den Kopf in das Weingerank der Mauer, und meine Sinne versinken in dem unendlichen Geglitzer.

»Heilige Nacht! Wie ein Cherub strahlst du!« …


Versunkensein!

Wer ermißt diese Tiefen?

Innen und außen: kaum sind sie zu scheiden.

Ich bin die lichtgewölbte Weite da oben mit ihren zahllosen Welten. Ich bin das tiefe, süße Dämmern der Breiten, der Duft des Roggens und der tiefbraunen Erdschollen. Ich bin der Ruf der Rebhühner, leises Laubrascheln und hundert feine Geräusche; bin das Gekläff des Hofhundes vom Gehöft drüben; bin der zarte Sternschimmer auf seiner Scheunenmauer; bin die tiefen, schwarzen Schatten.

Und in mir noch eine Sehnsucht?

Augen! Augen! – Fern, fern weite, große Augen, tiefdunkle!

Immer, immer mit demselben uralten Rätsel! …


Der Tod

Ich sehe einen lieben Menschen sterben, mir innig verbunden.

Mit einemmal kommt mir das Bild hier in die Dunkelstunde hinein.

Ich sehe ihn auf dem Sofa sitzen. Die Arme hängen schlaff in den Schoß, die Beine hat er, voneinandergespreizt, lang vor sich hingestreckt. Das Gesicht ist fahl, und darinnen glühen die braunen Augen. Mühsam wendet er den Kopf, aber sie sehen nichts mehr. Sein Bart neigt sich auf die Brust, allmählich verröchelt der Atem: er ist tot.

Und ich sehe ihn auf seiner Matratze liegen, mit seinem stillen, weißen Gesicht, in seinem Leichenstaat, schwarze Handschuhe an den Händen. Arme und Beine von sich gestreckt, liegt er da wie ein Hampelmann.

Mich überkommt ein Brüten.

Will mich etwas bange machen?

O, in mir ist eine trotzige Unwissenheit, und die fabelt aus den Tiefen meiner Unruhe ein fröhliches, ausgelassenes Märchen!

Tod! Was kümmerts mich, daß ich sterbe? Mein Tod ist meine letzte Wonne.

Nie wieder leben? Nie wieder leiden! – Leiden: Kämpfen!

Kampf! O Wonne, ewige Wonne! – In mir ist ein Auge, das sieht alle meine Endlichkeiten und meine immer erneute, fröhliche Wiederkehr!

Ich bin ich, bin diese meine Endlichkeit, und ich bin Ich, bin mein ewig Unbegriffenes, das ist über Räume und Zeiten und alle Meinungen meiner Endlichkeiten. Mein Endliches ist nichts als eine zitternde Flocke, die auf Seiner urewigen, zeitlos gebärenden Flut schaukelt.

Ewig Ich-Du!

Fühlst, fühlst du das?!

Ewig tauch ich aus den Tiefen Meiner Einheit als ein Endlicher und eine Endliche!

Du, o du, fühlst, fühlst du das?! …


Das dunkle Tor

Ich weiß ein dunkles Tor.
So klein oder so groß es ist,
kommt, ihr fröhlichen Kinder!
da stoßen wir all unsre Freuden
und all unsre Leiden hinein,
in leidfroher Lust,
in lustbangem Leid,
die müden.
Irgendwo, irgendwie ist dahinter ein Jungbad.
Wenn sie wieder hervorkommen,
die lieben gewaschenen Seelchen,
zu uns,
in die Sonne,
so gibt es eine neue Lust! ...

Was es doch ist!

Dir geht es schlimm,
mir nicht besser!
O wärs am Ende!
Aber hier ist mein, dein Leid,
meine, deine Sehnsucht,
und hier ist ein drittes,
Notwendiges!
Was ist es?
Ist es ein Keimchen, das noch sprießen muß?
Ist es ein Sonnenstäubchen, das noch wirbeln muß?
Ist es eine Blume im Mai,
eine Flocke im Winter,
ein bunttaumelndes Blatt im Herbst,
ein Staubkörnlein am Sommerweg?
Was ist es?
Wenn es nicht wäre,
wäre die Welt am Ziel!
Wenn es nicht wäre,
läge die Welt in Trümmern!
Mein, dein Muß und Zwang! –
Was ist es doch?
Zwischen Anfang und Ende
müssen wir ihm befohlen sein! ...
Der Neugeburt eines Mückleins wohl,
das noch zum Licht will ...

Glück

Goldene Träume träumt die Not und die laute Torheit!

In blauen Fernen erdämmern Welten der Verheißung, erdämmert das verkündete Reich des Friedens!

Aber Millionen dunkler Stimmen kommen und gehen, Stimmen der unbefriedigten Not und der Gerechtigkeit, Klagen, daß nur der Traum des Traumes Erfüllung! …

Küsse mich!

Wir sehen uns an und lachen!

Unser sind tausend Traumwirklichkeiten, und mehr! Denn uns gehört ein gegenwärtiges kluges Glück und fromme Stunden der Erfüllung, der ewigen, einzigen! …


Mondlicht

Eine Phantasie

Was ich schreibe, das schreibe ich von mir selbst, und wer es liest, der mag nach Belieben denken, er lebe es in sich selbst. Immer ist ich ich und du und gar umfangreich! …

Ich halte Dunkelstunde bei einer Zigarre.

Lange cremefarbene Gardinen mit feinen cremefarbenen Spitzen vor einem breiten, hohen Fenster. Und dazwischen, drüben über dem Dachfirst, steht hell der große runde Vollmond und lugt silberblau in meine Stube.

Mir wird so närrisch zumut, und ich fange an zu phantasieren.

Es ist wie eine religiöse Anwandlung.

Ich denke, ich bin der eine, der Wanderer von Anbeginn, liege hier still und höchst modern auf meinem Ruhebett und schaffe mir ein Divertissement.

Ich habe eine gar ruhige, umfassende Laune; viel, viel paßt in sie hinein. Selbst ermeß ich nicht ihre dunkelsten Tiefen! –


»Schwester du vom ersten Licht,
Bild der Zärtlichkeit in Trauer ...«

O Mond! O Hell-Dunkel! O lichte Nacht!

Ich denke, du bist es, eine Ferne, die hier hereinschaut, und ich phantasiere mit dir fromm das alte Märchen von unserer Ewigkeit.

Weißt du noch? Weißt du auch?

O weite Fahrt! O wogende wechselnde Welt!

Du mein goldener Dämon! Mein Wille und meine Sehnsucht! Wie mit einem Strahl aus deinem fernen Auge, neckisch, sehnend, grüßt es mich, dunkel …


Religion …

Leben, Verwesung! Blüte und Welken!

Ich träumte es in zwei Träumen.

Es war eine herrliche, grausige Fahrt durch ein endloses Meer, durch Milliarden geheimnisvoller Gebilde mit unzähligen Landungen und Abschieden.

Und es war ein Heben und Sinken, hinauf in Himmel blutwarmen, kraftfröhlichen, liebegewaltigen Lebens, hinab in fade, schauerliche Verwesung; und hinauf hinab, hinab hinauf!

Und das ist unser ewiger Wandel und unsere Einigung! …


Laß! Komm!

Hier!

Drüben auf dem Tisch im blauen Traumlicht steht eine Amphora.

Wir machen uns Hellas zu eigen.

Säulenpracht und heiligheitre Tempelschöne. Im holden Bann des Dreiklangs umspinnt uns unser altes Lied mit goldklaren Melodien.

Der edle Faltenwurf langer, lichter Gewänder. Die Spiele der Olympien, das schöne Gleichmaß heller, athletischer Gliederpracht.

Aber dein Auge, immer und nur! Tief, klar – dunkel! …


Und jetzt sind wir in Indien, in der alten, uralten Heimat!

Eine fremde, wunderlich üppige Vegetation; seltsam glühende Blumen mit wundersamen Düften. Dunkelhäutige Menschen mit dunklen Weisheiten. Die mystische Pracht und Gliederung der mächtigen Tempel. In ihrem blauen Dämmer zwischen heimlicher Farbenglut, funkelnden Steinen und Metallen riesige, starre Götzenbilder, Spiele unserer Träume von uns selbst und unsrem ewigen Schicksal. Zimbelklang und seltsame Tänze und Künste und der Wahnsinn der Begnadeten.

Aber nur immer ich und du und unser süßes, tiefes Geheimnis! …

Immer mein, dein Fliehen und Finden!


Nun ist hier unser Rhodus, und hier tanzen wir! Hier!

Da sind die hohen Häuser, und hier ist unsre Stube und dieses gegenwärtige Leben! …

Ist es nicht ein schönes Märchen, das Märchen von dir und mir? …


Nachthimmel

Hoch in den Höhen,
weit über den nachtdunklen
raunenden Gärten
funkeln alle Gestirne.
Die Liebe,
die ewige Liebe
hat zu tun!
Hilft,
hilft, daß die Welten stieben!
Und ich versinke
staunend
in dem mystischen Grauen
eines unendlichen Trostes!

 


Druck der Roßbergschen
Buchdruckerei in Leipzig

 

Anmerkungen zur Transkription:

Die Originalausgabe des Buches ist in Fraktur gesetzt. Antiqua wurde hier durch Kursivschrift ersetzt.