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Fünf Erzählungen / Mit 28 Holzschnitten von Frans Masereel cover

Fünf Erzählungen / Mit 28 Holzschnitten von Frans Masereel

Chapter 7: INHALT
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About This Book

A group of five short narratives examines human passions and social decline through concentrated scenes in provincial settings. One story follows two brothers who inherit an old inn and descend into mutual estrangement, escalating petty sabotage, ritualized piety, private vice, and eventual sudden deaths, while other tales sketch pilgrims, obsessive devotion, memory of past prosperity, and small daily cruelties. The prose moves between detailed domestic observation and symbolic imagery, emphasizing themes of isolation, rigid faith, interpersonal enmity, and the slow erosion of communal life.

Nun befiel mich ganz und gar heftigste Angst. Die Wohnung, in die wir eingezogen waren, bestand aus kleinen geheimnisvollen altertümlichen Räumen. In ihren Ecken hatte sich eine tragische Dunkelheit angehäuft. Ich kleidete mich eiligst an, und fiebernd begann ich die Stadt nach allen Richtungen zu durcheilen, anfangs mit Bedacht, dann laufend und schließlich außer Sinnen.

Ich glaubte meinen Freund bald unter den Spaziergängern zu sehen, die sich an das Geländer einer riesigen Steinbrücke lehnten, bald im Hintergrund eines Kellers, wo schreckliche Trinker sich in der Nähe eines Schanktisches stießen, bald unter einem riesigen Kandelaber, dessen plötzlicher flackernder Lichtschein einen auf die Mauer gemeißelten Kampf zwischen Schlangen und Adlern beleuchtete.

Jedesmal stieß ich geradaus gegen jede dieser Vorstellungen, in meinem Kopf wurde es immer wirrer, meine Augen waren gemartert und mein Herz wie in einen Schraubstock gespannt. Ich entschloß mich, zurückzukehren. Aber kaum hatte ich einige Schritte gemacht, so wechselte meine Angst ihren Inhalt. Ich dachte nicht mehr an meinen Freund, weder an seinen Verlust noch an seinen Tod. Ich war mir nun selbst der Gegenstand meiner Beunruhigung. Rasch heimkehren! Oh! dieses Laufen im Abend durch Straßen, deren Fassaden Schrecken bedeuteten. Türme ragten an den Ecken der Plätze auf wie aus dem Unbekannten bis zu den Sternen gebaut, Weinkeller von Schreien und Streit erfüllt, mächtige Häuser, deren Angeln und Türen wie Kanonen schallten.

Noch geheimnisvoller als vorhin und von noch unabwendbarerer Feindlichkeit erschienen mir die Vorübergehenden. Konnte ich sie fragen, um den rechten Weg wiederzufinden? Ich fühlte, daß sie alle Gauner waren, Messerstecher, unheimliche Briganten. Ich schritt mitten in der Straße, unausgesetzt mich umwendend, bleiern vor Schrecken und mehr als alles andere auf der Welt fürchtend, daß man meine Furcht ahnen könne. Ein kleiner Buckliger, der Zündhölzchen verkaufte, näherte sich mir. Ich sprang zurück, um ihm auszuweichen. Eine Dirne flüsterte mir dumme Worte zu. Lebhaft beschleunigte ich meinen Schritt, ich wagte nicht, sie mit roher Heftigkeit zurückzustoßen. In einer glasüberdeckten Galerie stand einer dieser entsetzlichen Bettler im Mantel, wie sie mich seit meiner Ankunft beunruhigt hatten, und versperrte mit seiner Geste den ganzen Durchgang. Ich machte kehrt. Und die Stunden schlugen über mir in den Kathedralen wie stählerne Schwerter, die miteinander kämpfen.

Plötzlich erblickte ich das Haus, in dem wir abgestiegen waren, gerade vor mir. Zitternd steckte ich den Schlüssel in die Türe. Was erwartete mich hinter ihr? Mein Freund war so sehr aus meinen Befürchtungen entschwunden, daß ich nicht einmal fragte, ob er heimgekehrt war. Ich durchsuchte alle Zimmer unserer Wohnung, eines nach dem andern, leuchtete mit meiner Kerze unter die Betten, in die geöffneten und rasch wieder geschlossenen Kästen, zwischen die Füße der Sofas und der Tische; ich verschloß die Türen, verschob die Möbel und war selbst erschrocken über diese Kühnheit, meine Furcht beruhigen zu wollen. Ich lud auch meinen Revolver. In meinem Zimmer wandte ich dann die größten Vorsichtsmaßregeln an. Weshalb? Ich hatte doch sicherlich nicht Lust zu schlafen. Ich begann zu lesen, meine Augen fest auf die Seiten gerichtet; aber dort gegen die Türe zu, gegen das Fenster, lag meine ganze Aufmerksamkeit auf der Lauer. Da das Haus stockweise vermietet wurde, hörte man auf der Stiege Schritte aufwärts kommen, die mir den Rhythmus meiner Angst vermittelten. Irgend jemand blieb auf meiner Flur stehen. Ich sprang aus dem Bett, da ich an einen Einbruch glaubte. Eine blendende Idee kam mir: die Polizei benachrichtigen. Ich zog mich halbwegs wieder an. Doch kaum war ich auf der Straße angelangt, packte mich all mein Fieber wieder. Sollte ich von neuem die Stadt durchqueren, auf diese wie Monumente dastehenden Bettler stoßen und in dieses Labyrinth von Nacht untertauchen, aus dem ich wie durch ein Wunder herausgeraten war? Würde ich wieder all meine Unrast erneuern und sie bis zum Wahne fortspinnen? Ich stieg neuerdings die Stiege hinauf, als ich, vor meiner Wohnung angelangt, bei dem Gedanken zu zittern begann, was sich in meinem Zimmer begeben haben könnte, seitdem ich es — eben vor einem Augenblick — verlassen hatte.

Ich erinnere mich, mich auf der Schwelle mit müden, schweren Armen niedergelassen zu haben, am Platze festgebannt und zu gleicher Zeit wie emporgehoben und wie davongejagt durch die tausend sinnlosen Hände, die mich hinausstießen. Ich hörte andere Mieter heraufsteigen. Ich horchte auf ihr lärmendes Sprechen, sie näherten sich. Über das Geländer gebeugt, glaubte ich ihnen Zeichen zu machen, sie zu rufen, ihnen irgend etwas zu sagen, und dennoch schnellte ich unwillkürlich gegen die Mauer zurück, hielt mich stumm, unterdrückte meinen Atem, verbarg mich abgeplattet, kleinwinzig, wie blutleer in einer dunklen Ecke. Sie streiften an mir vorbei, ohne mich zu sehen, und begaben sich alle in ihre Wohnungen.

Ich zürnte mir, sie nicht gefragt zu haben; ja, ich stieg sogar einen Stock hinauf, um am Ende eines Ganges, in dem der letzte von ihnen verschwunden war, anzuläuten. Dort angelangt, stieg ich wieder herab.

Da plötzlich übersprang ich, vier Stufen zugleich nehmend, alle Treppenabsätze und gelangte auf die Straße, ohne zu wissen, was ich tat.

Ein Nachtwächter stellte sich vor mich hin.

„Ich komme,“ sagte ich, „um Sie wegen eines Diebstahls, der sich eben bei mir abspielt, zu holen.“

Der Mann folgte mir, und die wenigen Worte, die er sprach, bedeuteten mir Erlösung. Ich war mir in diesem Augenblick der Komödie, die ich spielte, nicht bewußt.

Als wir an der Schwelle meiner Türe angelangt waren, hätte ich es gewiß gewagt, allein in mein Zimmer einzutreten und in aller Ruhe die Winkel und Ecken zu untersuchen, mein Bett aufzufinden und zu schlafen. Der Wächter durchforschte sorgfältig den Salon, das Waschkabinett, zündete seine Blendlaterne an und machte die Runde durch alle Räume. Um meinen Worten Gewicht zu geben — was mir ganz leicht fiel —, gab ich vor, daß ein Schrein auf jenem Tischchen, zwischen diesen und jenen Leuchtern und meinem Reisenecessaire, sich befunden hatte, und daß dieser Schrein verschwunden war. Mit wachsender Kühnheit begann ich gegen die Gauner zu eifern, die den Reisenden auflauern, ihnen in die Hotels folgen, und gegen die Behörde, der es niemals gelinge, wie sie es auch anstelle, die Schuldigen ausfindig zu machen. In diesem Augenblick mußte ich wohl einige etwas allzu übertriebene Worte gebraucht haben, denn der Nachtwächter lächelte, und ich sah einen leichten Zug von Ungläubigkeit in seinen Augen. Ich ärgerte mich.

„Es ist sicher,“ erklärte ich ihm, „daß vor einer Stunde ein Schmuckstück da in einem blauen Schrein sich befunden hatte, daß dieses Schmuckstück — ein Medaillon — mit Perlen verziert war und daß es Haare enthielt, die in Arabesken eingelegt waren.“

Und als mich der Mann unterbrach, um mich zu versichern, daß das Haus verläßlich sei und der Bezirk der stillste der Stadt, erwiderte ich, daß ich im Bett gewesen wäre, als ich plötzlich durch ein Kratzen — gleichsam als wenn ein Diamant über eine Glasscheibe geführt würde oder ein Gegenstand über eine marmorne Tischplatte — geweckt worden war; als ich rasch hinzugelaufen war, sei vor mir ein Mann verschwunden, die Türe hinter sich zuwerfend. Was den Schrein betrifft, so hatte er auf seiner Unterseite vier kupferne Nägel, und einer dieser kreischenden und knirschenden Nägel war es, der mich aus dem Schlaf geweckt hatte. Der Wächter sah mir gerade ins Gesicht.

„Folgen Sie mir,“ befahl er, „und bringen Sie Ihre Klage anderswo vor.“

Aber darauf wollte ich nicht eingehen. Ich widersetzte mich, da mein Freund heimkehren würde — mein Freund, er war nur mehr Vorwand — und daß ich nicht einen Augenblick in diesem verdächtigen Hause die Papiere und die andern Andenken, die uns gehörten, verlassen wollte.

Neuerlich erschien ein Lächeln in den Augen des Nachtwächters. Ich hatte Lust, ihn zu schlagen.

Plötzlich öffnete sich die Türe, und er, der die Quelle meiner Angst gewesen war, er, den ich vergebens sehnsüchtig, ja wahnsinnig in der ganzen Stadt gesucht hatte, trat ein.

Ich warf mich an seinen Hals und fragte ihn weder woher er komme, noch warum er sich bis zu dieser Stunde verspätet habe. Rasch zog ich ihn beiseite, und mit vollkommener Klarheit machte ich ihm von dem Abenteuer Mitteilung.

Der Wächter ließ es gewähren. Er hatte verstanden.

Ganz ernsthaft — denn die geringste Anspielung auf meinen Wahn hätte alles verdorben — kamen mein Freund und er überein, daß man am nächsten Morgen die Klage einbringen würde, und daß man, um mir Recht zu verschaffen und den Schuldigen zu entdecken, systematisch die schmutzigen Viertel des Hafens und der Kasernen durchsuchen würde.

Aber im Morgenlicht erschien mir die Stadt so friedlich, so klösterlich, so geruhsam, daß ich an nichts anderes mehr dachte, als den Reiz der altertümlichen Kunstwerke und den schwermütigen Glanz seiner verwitterten Reliquien zu genießen.

INHALT

DER GASTHOF „ZUM SANFTEN TOD“ 9
IM DORFE 33
DER JAHRMARKT ZU OPDORP 45
DIE DREI FREUNDINNEN 61
EIN ABEND 79

DRUCK DER SPAMERSCHEN BUCHDRUCKEREI IN LEIPZIG