Der Dullhäubel hatte die Ogath heimgeführt. Sie war fleißig und ernst, hielt den Hof fest in der Hand und gebar ihm zu dem ersten Dirnlein noch elf andere, allesamt rothaarig.
Er war ein Mann in den besten Jahren worden. Das Haar hing ihm tief in die pfiffig gerunzelte Stirn, über den kleinen Augen hafteten die Brauen wie rote, borstige Raupen, der Fuchsbart deckte ihm Kinn und Lippen. Die Nase war ein wenig schief gebogen. Denn er schnupfte weit eifriger als früher, und der Tabak, wie er ihn vormals genossen, schmeckte ihm nimmer, er war ihm zu mild. Drum mischte er ihn jetzt nicht nur mit Schmalz, daß er sich binde und nicht so leicht zerstäube, sondern er rieb auch Glasscherben drein, daß er die Nase schärfer angreife und das Hirn aufrüttle.
Der also verstärkte Schmalzler scheuchte ihm die Sorgen, die ihm seine Schelmenstücke eintrugen, und tröstete ihn, wenn ihm die Bäurin das Gewissen riegelte, oder wenn ihn der Blaumantel mit seinem höllischen Blick durchbohrte.
Denn trotz seiner Jahre kam der Dullhäubel nicht aus der Bubenhaut heraus, sein Kopf wimmelte voll schabernackischer Pläne, und die Lust, dem lieben Nächsten ein Schwänklein und Schwänzlein anzubinden, verringerte sich ihm nicht.
Einmal schlachteten sie im Dullhäubelhof eine Sau. Da wollte sich der Bauer von der Arbeit wegschrauben und meinte, er habe in der Stadt zu tun, er müsse dort in die Steuerstube schauen und dem Marktpreis nachfragen, und am Heimweg wolle er das Kalb mitbringen, das die Bäurin in Blaustauden gekauft hatte.
In Hirschenbrunn kehrte er in jedem Haus ein, wo der Herrgott den Arm herausstreckte, horchte scheinheilig den Reden der Stadtleute zu und ließ sich erzählen, was in den Zeitungen gedruckt war.
Eine hübsche Weile stand er vor einem Arzneiladen und überlegte. Hernach trat er ein, den Schmalzler auf dem Handrücken, schaute sich lange um, starrte einfältig das Krokodil an, das, an die Decke gekettet, scheußlich nach ihm herabfletschte, schnupfte ausgiebig, schaute sich wieder um und wackelte tölpisch mit dem Kopf.
Geschäftig fragte der Apotheker: »Was begehrt Ihr? Dachsschmalz? Regenwurmöl? Mausohrsaft? Pfefferminz?«
»Du hast es wohl nit, Wurzelkrämer,« sagte der Bauer schüchtern und drehte den Hut in der Hand.
»Wollt Ihr Schwefel? Kupferwasser? Ein Quintel Weinsteinöl? Salniter? Salarmoniak? Eine Wagenschmiere? Eine Handsalbe?«
Der Dullhäubel sah den Apotheker tiefsinnig an. »Ich krieg es wohl nit da herin,« murmelte er.
»Besinnt Euch, Vetter! Hat Euch der Doktor einen Giftzettel geschrieben? Braucht Ihr eine Kropfschmiere? Eine Laussalbe? Ein Windsäftlein fürs Kind?« sprudelte der Mann hinterm Ladentisch.
Der Dullhäubel horchte ihm ehrfürchtig zu, und als dem Apotheker der Atem ausging, faßte er die Klinke, schnitt ein Koboldsgesicht und sagte: »Also behüt dich Gott, Wurzler! Einen Peitschenstecken hätt ich gebraucht.« –
Gemächlich ging er heim.
In Blaustauden suchte er den Burgermeister auf, von dem hatte die Ogath ein Kalb, dessen braunscheckiges Fell ihr wohl gefiel, zur Aufzucht erstanden.
Als der Mittag ausgeläutet ward, zog der Dullhäubel, den Burgermeister am Arm und das Kalb leitend, durchs Dorf. Auf der Brücke hielt er an und begann grell zu singen:
sie läuten vor Not,
sie fangen den Bettelmann
und nehmen ihm 's Brot.«
Der Burgermeister vermahnte ihn: »Sing das nit, Freund! Sing ein anderes! Und überleg dir, mit wem du gehst! Ist dir nix heilig?«
Dem Dullhäubel war nichts heilig. Er packte das Kalb am Ohr und redete ihm hinein: »Merk auf, Burgermeisterlein! Wie der Teufel den Heiland versucht hat, hat er ihn auf den Lusen geführt, und von dem Berg aus hat er ihm die ganze Welt gezeigt. Aber Blaustauden ist ihm zu rußig gewesen, das hat er verstecken wollen und hat geschwind seinen Schweif darauf gelegt.«
Da schellte der Burgermeister dem Spottvogel eins hinter die Ohren, daß dem der Hut in den Bach flog, und lief schleunig davon. Der Dullhäubel stand da, das Kalb am Strick, und mußte den Widersacher rennen und den Hut schwimmen lassen.
Als er am Freithof vorüber trieb, stieg gerade der Totengräber aus einem Grab. Der versuchte, einen breitkrempigen Filzhut auf den Kopf zu setzen, aber der Hut war ihm zu weit und sank ihm bis zum Maul herunter.
»Staches, zu dem Hut mußt du dir einen größern Schädel anschaffen!« riet der Dullhäubel.
»Ich hab den Filz jetzt gefunden,« sagte der Staches, »in deinem Ähnel seiner Grube ist er gelegen. Ja, der Bonifaz muß heraus, er hat lang genug gerastet. Unserm Rauchfangkehrer muß er Platz machen.«
Der Bauer band das Kalb an einen Stein, darein das Bild einer Pfarrersköchin gemeißelt war, den Kochlöffel in der Hand.
Aus dem geöffneten Grab grinste der Schädel des Bonifaz herauf, die Pfeife war ihm noch unverwest ins falsche Gebiß geklemmt, das der Ähnel selber sich aus einem Rindsknochen geschnitzt hatte.
Der Dullhäubel setzte den Hut auf, der der Verwesung so tapfer widerstanden, und er paßte ihm wie angemessen. »Der Alte braucht ihn nimmer,« sagte er, »ich nehm ihn mit. Die Pfeife drunten aber kannst du dir nehmen, Staches.«
Dem Totengräber grauste. »Vergelts Gott, ich trag kein Verlangen darnach.«
Der Bauer zerrte das Kalb weiter, und oft tappte er nach dem Hut, den ihm der Ähnel zur gelegenen Zeit aus der Ewigkeit geschickt hatte.
Ein Haus sperrte ihm den Weg, das trug den einladenden Spruch überm Tor:
wer einen Durst hat, kann hier einen lassen.
Und weil der Dullhäubel himmelblau gelaunt war, zog er das Kalb mit sich in die Stube und band es an den Tischfuß.
Die Wirtin saß gerade beim Nähzeug und riß die Augen auf ob der seltsamen Gäste.
»Siebenkittelwirtin, schenk ein! Dem Zöpfel da,« der Bauer deutete auf das Kalb, »gibst du einen Kirschgeist!«
Auf der Bank unter dem schräg vorhängenden Spiegel lungerte der Lippenlix und strich sich den stolzen Schnurrbart. »Sitz her, Kasper!« sagte er. »Geld hab ich wie ein Sautreiber. Spiel mir es ab!«
»Ich mag nit, Schönbart.«
»Wirtin, schaff Karten her!« begehrte der Lix. »Spielen wir Grünoberfangen um drei Zündhölzer! Oder willst du färbeln? Oder lampeln?«
Er fuhr ganz wild über die Karten her, mischte sie, ließ abheben und gab aus.
Sie trumpften auf den Tisch. »Und da hast du eine Eichel!« »Und da friß den König!« »Und heraus mit der Schellensau!« So flog es hin und zurück.
Die Karten aber, die der Lix wie einen Fächer in der Hand faltete, malten sich in dem Spiegel ab, der über ihm sanft geneigt hing, und der Dullhäubel luchste heimlich empor und sah droben alle Trümpfe, die der andere in der Hand hielt, und gewann darum Spiel auf Spiel.
»Wie geht das heut zu?« staunte der Lix. »Aber ich hör nit auf, und wenn ich meine hundshäutenen Hosen ausziehen und nacket heimrennen muß.«
Es wurde finster. Die Wirtin zündete die Kerze an. Das Kalb wurde unruhig und blökte.
Der Lix setzte das letzte Sechserlein dran und verlor. Er schalt Gott und alle Heiligen. »Du Raubersknecht, keinen zerbrochenen Groschen hast du mir lassen, das ganze Geld schatzt du mir ab. Der Teufel soll dich vom Abtritt wegholen! Es ist Zauberei dahinter. Gib das Kalb weg, oder ich erstech es!«
»Dem Zöpfel tust du nix, Schönbart,« sagte der Dullhäubel und strich den Gewinst ein. »Ich bin satt. Ich geh heim.«
»Oho, weil ich jetzt gewinnen könnt, gehst du davon, du Fuchs aus Fuxloh? Noch einmal spiel mit mir! Die Haut zieh mir auch noch ab! Wirtin, streck Geld für!«
»Dir nit,« schnippte sie.
Er setzte seine Uhr ein samt der Kette. Unwillig tickte sie am Tisch. Das Kalb plärrte, der Dullhäubel gewann.
Der Lix ließ das Maul hangen. Auf einmal starrte er wild unter den Tisch. »Hast du nit einen Roßfuß? Du gewinnst ja wie der Teufel selberst. Und noch einmal spielen wir. Meinen Bart setz ich ein, es ist niemanden in der Pfarre ein schönerer gewachsen.«
Mit zitternden Fingern mischte er. Herz war Trumpf.
Der Dullhäubel hielt alle Trümpfe in den Händen und warf sie kichernd auf den Tisch. Dann griff er in das Nähzeug der Wirtin um die Schere.
Der Lix riß die Augen auf wie eine gestochene Geiß. »He, willst du meinen Leib schänden, jetzt, wo du mich ausgeraubt hast?«
Der Dullhäubel ergriff den schönen Schnurrbart. »Halt dich, Lix! Zahl deine Schuld! Zahlen bringt Frieden.« Und ehe sich der Lix aus seiner Versteinerung erholte, hatte er ihm den Bart links und rechts weggeschnitten und ins Kerzenlicht gehalten, wo das Haar mit übelm Geruch verbrannte.
Jetzt heulte der Verstümmelte auf und ward inne, was er verloren hatte.
Der Dullhäubel war mit dem Kalb schon an der Luft, und weil er ein wenig schwankte, riß er einen Stecken aus dem Zaun und stützte sich darauf.
Hoher Sommer war es. Der Hundsstern ging auf, verschlafen schaute der Mond in die Welt.
Im Wald drin rastete der Bauer, er stieß den Stecken in den Grund und band das Zöpfel dran. Dann warf er sich neben dem Weg ins Moos.
Er mochte wohl ein wenig eingenickt sein, als er aufschrak. Eine Dirne kam daher, jung und flink wie ein Wiesenwasser.
»Wohin denn in aller Nacht, du Allerschönste?« fragte er.
»Zum Bader um einen Blutegel,« erwiderte sie. »Ist das der richtige Weg?«
»Schleun dich nit so! Wer ist denn krank?«
»Dem Vater schwärt der Zahn. Du wirst ihn ja kennen, den Lukas. Ein Musikant ist er. Er haltet es nimmer aus vor Weh.«
»Der Lukas soll zum Fuxloher Schmied gehen, der reißt ihm zwei Zähne mit einem Griff,« riet der Bauer.
»Mein Vater hat schon alles versucht. Mit einem glühenden Nagel hat er sich den Zahn ausgebrannt. Es hat nit genutzt. Den Bart hat er sich wachsen lassen gegen das Weh. Mit einem Strick hat er den Zahn dem Stier an den Schweif gebunden; der Zahn hat sich nicht geruckt, eher wär dem Vieh der Schweif abgerissen.«
»Setz dich her, Dirn!« lud er sie ein. »Wie heißt du denn?«
Sie ließ sich zu ihm ins Moos hin, sittsam deckte sie die Füße mit dem Kittel zu. Der Mond lugte ihr in das derbe, frische Gesicht.
»Müd bin ich,« sagte sie, »übers Gebirg hab ich müssen. Mechel heißen sie mich daheim, der Schulmeister hat mich Mathilde Schellnober geschrieben. Und wer bist denn du?«
Er dachte ein wenig nach. Dann sagte er unschuldig: »Aus Blaustauden bin ich. Ein Tischlergesell. Franz bin ich getauft. Nach dem heiligen Franziskus.«
Er tastete nach ihrer Hand, sie zuckte nicht zurück.
»Bist du brav, Tischler?« fragte sie.
»Freilich. Bei Tag und Nacht bin ich brav. Nur mit den Weibern bin ich ungeschickt. Ich kann nit lügen, drum mag mich keine.« So redete er sanft und traurig.
»Das ist kein Fehler,« tröstete sie.
»Mein Geschäft braucht ein Weib, ich möcht mich selbständig machen. Weißt du mir keine, Mechel?«
»Ich wüßt genug, aber ich sag dir sie nit.«
»Warum denn nit, Mechel?« Er drehte den Kopf wie ein girrender Tauber und schmeichelte: »Du bist so sauber, dein Bild will ich auf alle Truhen malen.«
»Es sind schon noch schönere Dirnen im Wald,« antwortete sie kurz. Unruhig rückte sie hin und her.
Schnell legte er ihr den Arm um die Hüfte.
Sie stieß ihn von sich. »Ich muß zum Bader. Sonst verzieht sich der Weg hoch in die Nacht. Und das hab ich von der Mutter sagen hören, daß die Mannsleut alle falsch sind. Du drehst dich um und liebst eine andere.«
Er legte die Hand auf den Brustfleck. »O, du kennst mich nit. Ich bin treu wie der Tauber der Tauberin.«
Sie musterte ihn scharf. »Ganz jung bist du nimmer,« sprach sie.
»Im besten Saft steh ich, Mechel. Schön bin ich nit, aber heikel.«
»Mein Heiratsgut ist gering, Tischler,« meinte sie zaghaft. »Der Vater ist ein Musikant; was er verdient, vertut er.«
»Wenn du nur eine buchsbaumene Bettstatt mitbringst!« spaßte er. Das Kopftuch zog er ihr herab und krauelte ihr lind das krause Haar.
»Meine Zöpfe sind gelb,« lächelte sie, »ich wasch sie jedes Frühjahr mit Märzenschnee.«
Er packte das baumfrische Kind fester. »Mechel, spreiz dich nit!« bettelte er.
»Du bist aber hitzig, Franz,« lispelte sie verschämt.
Schneidiger griff er nach ihr. Da blitzte das Mondlicht an seinem Finger.
Sie schnellte schreiend auf. »Tischler du tragst einen Ehring!«
Er wurde demütig, seine Stirne krauste sich. »Im Witstand bin ich, Mechel, im Witstand. Der Herrgott hat sie mir hingenommen. Niemand kocht mir, niemand macht mir das Bett.« Die Stimme knickte ihm.
Sie wurde neugierig. »Woran ist sie gestorben?«
»Ich hab gehört, am Rotlauf.«
»Hast du gut mit ihr gelebt?«
»Ich hab nit bei ihr liegen wollen, sie hat kalte Füße gehabt. Ja, ein Wittiber bin ich, und das ist mein einziger Tadel.«
Die lieben, dummbraunen Augen der Mechel glänzten voll Mitleid. Und er merkte es und riß sie zu sich hin und herzte und halste sie, bis sie ganz wirr bat: »Tischler, hör auf! Du bringst mich in die Lieb, und ich bin noch zu jung dazu.«
Droben schoß ein Stern über den Himmel, Johanniskühlein flogen glimmend.
»Laß ab, Tischler! Die Buben werden mir einen ströhernen Mann aufs Dach setzen. Die Schand begehr ich nit. – Und wenn einer daherkommt!«
»Wer wird denn gerad jetzt unterwegs sein!« tröstete er. »Es rührt und reibt sich nix.«
Sie rang mit versagender Kraft gegen ihn.
»Ich heirat dich ja. Und wenn du mich gern hast, der Himmel fallt nit ein,« zischte er.
Da stapfte es den mondverdämmerten Weg daher, Steine rollten, ein Stecken klang an einen Fels.
Die Mechel sprang auf und rauschte wie eine gehetzte Hirschkuh ins Gebüsch.
Die alte Ulla humpelte mit der Geiß daher.
»Verdammte Nachthex!« brauste der Dullhäubel sie an.
»Verspätet hab ich mich. Die Geiß hab ich zum Bock geführt,« sagte sie bang.
»Geh geschwind heim, dein Kater will gemolken sein. Er gibt dir täglich zwölf Seidel Milch, dir Nachthex.«
»Bauer, du machst mich schwarz,« flehte sie. »Die Kinder spotten mir schon nach ›Hex! Hex!‹ Die Leut speuzen aus vor mir und verriegeln die Tür, wenn ich betteln komm. Und ich bin doch nur ein überständiges Weib und kann nimmer essen, nimmer schlafen.«
»Aber hexen kannst du,« rief er unbarmherzig.
»O du gar schlimmer Mann, was feindest du mich an? Unschuldig bin ich, der Blaumantel kann es mir bezeugen. O die Welt ist voller Angst und Nöten! Und man kann sich kaum aufrecken bei der teuern Zeit, kaum schnaufen kann man.«
Ein toller Schwank war dem Dullhäubel durch den Kopf geschossen. »Hexen kannst du,« bestand er. »Du verzauberst den heiligen Blaumantel selber. Ruf ihn um die Mitternacht. Dann stürzt er dir ins Haus. Versuch es!«
Er rannte in das mondscheinige Gebüsch der Mechel nach. Sie war nimmer zu finden. –
Als er zur Kapelle kam, räusperte es sich droben im Föhrenbaum. Zwei dürre Beine schlotterten vom Ast.
Der Dullhäubel schlug ein Kreuz. »Wer sitzt da droben?«
»Ein Schlaghäusel richt ich auf für den Mondschein,« erwiderte es. Es war der Narr.
Der Bauer atmete auf. »Gehustet hast du wie ein krowatischer Schuster, Zusch.«
»Ich bin Rudolf von Habsburg, der Sohn Josefs des Zweiten,« sagte der Narr feierlich.
»Steig herunter, Zusch, du erschlagst dich!«
»Ich sterb nit. Ich werd hundertfünfundzwanzig Jahr alt und fahr dann gleich ins Himmelreich, weil ich eine reine Jungfrau blieben bin.«
»Die Nacht ist nit warm,« hub der Dullhäubel listig an, »sogar dem Blaumantel scheppern die Zähne vor Kälte.«
Der Narr fuhr wie ein Eichkater von der Föhre herab. »Ich zünd ihm die Kapelle an, dem Heiligen, daß er sich die Händ wärmt,« murmelte er. Stumpf lagerte der Blödsinn auf seiner Stirn, doch seine Augen zündelten.
»Große Hitz tut dem Blaumantel nit gut,« lenkte der Schelm ein. »Trag ihn lieber, wenn der Nachtwächter zwölf schreit, der Ulla in die Hütte und leg ihn zu ihr ins Bett, dort erwärmt er sich gewiß.«
Der Besessene nickte und kletterte in die Kapelle.
Da lachte sich der Bauer in die Faust und ging ins Dorf hinauf und klopfte den Wirt wach. Der tat ihm mürrisch auf, stellte ihm einen gesalzenen Fisch und ein paar Flaschen Bier hin und legte sich wieder ins Stroh.
Der Dullhäubel trank allein im Mondschein. –
Indessen hatte die Ulla ihr armseliges Bett bereitet. Sie lag ohne Ruhe, die Reden des Bauern hatten ihr das kleine Hirn ganz gar und verwirrt. War sie vielleicht doch, ohne es zu wissen, eine Gabelreiterin?
Sie dachte mühselig nach, ob ihr nie etwas zugestoßen, was nicht geheuer gewesen. Aber ihr enges Leben lag schlicht und ohne Rätsel vor ihr.
Lang quälte sie sich ab und flüchtete schließlich vor sich selber in den Schlaf.
Da träumt ihr, sie flöge über das Land hin. Tief unten lagen Kirchturm und Freithof, Häuser und grasendes Vieh. Über den Wald flog sie und hob die Knie hoch, daß sie sich nicht an den Tannenspitzen stoße. An den Nestern streifte sie vorbei, drin die Rabenhennen gluckten, einem hohen Berg zu, und der trug ein Feuer. Mitten im Wald drunten stand ein zerbrochenes Häusel, aus seinem Rauchfang ritt ein rußiges Weib auf einem Schürhaken heraus und ritt neben ihr her, und als die Ulla die andere scharf anschaute, so war sie es selber. Schaudernd schlug sie ein Kreuz. Da stürzte sie strahlenschnell in die Tiefe, schlug auf und erwachte.
Sie besann sich des Traumes. Es war doch lustig gewesen, so ohne Beschwernis zu fliegen und so weit in die Welt hinein zu schauen. Könnte man nur ganz kleinwunderwenig die Hexenkunst treiben, wie viel leichter würde doch das bittere Leben! Ach, sie wollte ja nur der Geiß eine Raufe voll Futter hexen und ein paar Scheiter Holz in den Ofen, wenn der harte Winter draußen stürmt und die Hohlwege zudeckt!
Ein fernes Wachthorn blies vom Dorf her Mitternacht.
Da lüstete es die Ulla, jetzt schnell einmal, nur einmal die Kunst und die Kraft zu versuchen, die ihr der Dullhäubel andichtete, und weil ihr in der Eile nichts anderes einfiel, rief sie einen Spruch, den sie vorzeiten vergeblich gebetet: »Heiliger Antoni, schick mir den Bräutigam in die Kammer!«
Und schon trampelte es draußen. Und ob sie es auch entsetzt mit den Händen abwehrte und den freveln Spruch widerrief, die Tür ward aufgestoßen, ein schwarzer Kerl sprang herein, wälzte ihr etwas Schweres ins Bett und verschwand.
Der Ulla setzte der Herzschlag aus.
Der Teufel hatte sie beschenkt. Also war sie doch eine Hexe. So viele Jahre hatte sie fromm gelebt, und jetzt verfiel sie der Hölle. O was hatte sie getan?!
Ein Schuhu höhnte draußen, der Wind murmelte unheimlich ums Haus.
In ihr schrie es um Hilfe. Ihre Seele hatte ein dünnes, verzagtes, windverwehtes Stimmlein und führte eine unbeholfene Rede.
Alter Leute Seele ist so matt wie ihre Hände. Und das Gebet der Ulla hatte gebrochene Flügel. Ihr war, es dringe nicht zu Gott, es steige nicht über die Tannen hinaus, es falle wie ein Stein schwer und schmerzhaft zurück in ihr Herz.
Neben ihr lag das Sündige, Schreckhafte, Unbekannte, der Zeuge ihres Hexentums. Das Fieber glühte in ihren Fingern, doch sie wagte nicht hinzugreifen.
Der Mond rückte und spiegelte in dem weißen Haar der Greisin. Auf einmal leuchtete er voll über das Bett.
Der heilige Blaumantel lag mit wachen, weit offenen Augen neben ihr.
»O weh, der Dullhäubel hat nit gelogen,« seufzte sie, »Ich bin eine Hex!«
Schwerfällig tickte die Uhr, und da ihr Zeiger immer wieder zurücksank, wußte das Weib nicht, ob der Morgen schon nahe sei. Furchtsam schaute sie den an, der ihr Bett teilte.
Als es graute, spannte sie die Geiß vor ein Wägelein, lud den Heiligen auf und schaffte ihn zurück in die Kapelle. – – –
Der Mond grinste.
Um den Dullhäubel drehte sich die Welt wie ein Rad. Er lehnte sich an einen Baum und horchte. Irgendwo quackten die Frösche.
»Ihr Grillnöder, was singt ihr?« schrie er. »Ihr könnt es ja nit.« Er fing an zu quacken, die Frösche ein Besseres zu lehren. Doch sie ließen sich nicht schulmeistern.
Dann heulte er auf wie ein Mondscheinhund und weckte alle Kläffer und Köter rings in den Einschichten, daß sie zornig bellten oder in gezogenem Geheul klagten und die Leute in den Betten ängstigten.
Die Kapelle war leer. Da johlte der Trunkene: »Herrgott, schau herunter! Dein Heiliger schlaft bei einem alten Weib.«
Der Wendehals auf der Fähre drehte den Kopf nach dem kreisenden Himmel. Ein Schuhu kreischte. Ohne Rast gurgelte der Wolfsbach.
Wie der Dullhäubel neben dem Wasser dahintaumelte, rutschte er aus und plumpste hinein. Die kühle Flut wusch ihm den Kopf und ernüchterte ihn. Er blies, ächzte und schnaubte und kroch ans Ufer, den Blaumantel verwünschend, dem er das Unglück zuschrieb.
Als er sich wieder auf den Füßen fühlte, war sein erster Gedanke: »Heut hau ich einmal mein Weib!«
Er kam heim und tappte durch den Hof ins Vorhaus. Die Stubentür aber war versperrt; ein Strohsack lag davor, der schien für ihn bereitet.
Der Dullhäubel rüttelte. »Ogath, ich sag dir es im guten, tu auf!«
Drin rührte sich nichts.
»Bäurin, tu auf! Tu auf, Bäurin! Ich bin es. Der Dullhäubel ist es. Dein Kasper,« schmeichelte er. »Weib, laß dir sagen, riegel auf!«
Er drängte das Ohr ans Schlüsselloch. Kein Hauch war zu hören.
Da kam ihm die Hitze. »Tu auf, Weib, sonst hol ich die Hacke und spreng die Tür auf!«
Drin meldete es sich ruhig: »Wag es! Den Kittel schlag ich dir um den Schädel, solang ein Fetzen dran ist. Draußen hast du den Strohsack.«
»Laß mich doch nit zugrund gehen!« schluchzte er. »In den Bach bin ich gefallen, waschelnaß bin ich.«
»Warum bist du nit ersoffen?« sagte sie aufgebracht. »O mein gottseliger Mann, der Gid, ist tausendmal besser gewesen als du! Das ganze Geld versäst du im Saufhaus.«
»Herr, erbarm dich meiner!« murmelte er wie bei einer Litanei.
»Den Hof versaufst du, deine Kinder werden einmal nacket gehen!«
»Herr, erbarm dich meiner!« antwortete er dumpf.
»Die Kellnerinnen reißt und rumpfst du herum.«
»Herr, erbarm dich meiner!«
»Nacht für Nacht reitest du die Zung in die Schwemm,« eiferte sie. »Vertu nit alles, daß du einmal ein anständiges Begräbnis kriegst!«
»Begraben muß ich werden. Das hab ich noch nie gehört, daß einer eingeackert worden ist.«
»Schäm dich! Der Dunst und Dampf redet aus deinem Hirn.«
»Ich schäm mich in den Kniebug hinein, da sieht es niemand.«
»Hast du das Kalb in den Stall eingestellt? Hast du es nit verjuxt?«
»Jesmaria, das Kalb hab ich im Wald vergessen!« rief er erschrocken. »An den Zaunstecken steht es gebunden.«
»Himmlischer Vater, da haben wir wieder den Schaden! O wenn das mein Gottseliger erlebt hätt!«
Die häufige Mahnung an den Gottseligen verdroß ihn. Er wollte überhaupt für heute die Zwiesprache enden. Drum sagte er: »Weib, ich bet jetzt. Stör mich nit! Du begehst eine Todsünd.«
»Du und beten?!« spottete sie. »Ja sausen und brausen laßt du es, dein Gut verstreust du. Und ich muß mich mit den zwölf Menschern durchfretten.«
Er richtete sich auf. »Weib, reiz mich nit! Wenn ich wild bin, ist der Zorn auch gleich da. Wer macht uns arm? Du mit deiner Fruchtbarkeit. Was du treibst, ist zuviel. Und nit einen einzigen Buben, lauter Menscher! Die kannst du dir nit genug kriegen, zu Dreikönig eins, zu Allerheiligen wieder eins.«
»Du Schandvogel!« schalt und schelmte sie. »Du Rabenseel!«
Er blieb nichts schuldig. »Du Truchtel, sei still!«
Ein Schimpf rankte sich in den andern.
»Du Flank du, du Schlank du!«
»Du Runzel, du Schlunzel!«
»Du Sauftümpel, du Galgenbraten!«
»Du Zahnraffel, du Schürhaken!«
»Du Abfaum, du alter Schepperer!«
»Du Schebrelle, du Rabatsche!«
»Du lasterhaftes Bockfell!«
Er gab nach. »Weib, wie einen Pudelhund beutelt es mich vor Kälte. Erbarm ich dir nit? O an dir erleb ich keine Freud, jeden Schluck in die Gurgel zählst du mir!«
Murrend warf er sich auf den Strohsack.
Der reichliche Trunk wirkte, und der Dullhäubel schlief ein.
Kaum hatte er die Augen zu, so beugte sich der Blaumantel über sein Bett, daß ihm der hölzerne Leib krachte.
»Dullhäubel,« wispelte er, »ich bleib nimmer in der Einöd. Es sind mir zu viel Narren und Diebe da.«
»Ich trag dich nach Blaustauden,« stöhnte dienstwillig der Träumer.
»Zu den hochnasigen Heiligen in die Kirche will ich nit,« erwiderte der Blaumantel, »die Goldenen und Silbernen verachten meine hölzerne Kutte. Schieb mich ins Dorf! Neben dem ›pfalzenden Hahn‹ will ich sein.«
Gleich stand der Dullhäubel hinter der Kapelle und schob an und stemmte sich daran, es war eine schwere Plage, aber die Kapelle rückte nicht vom Ort, und der Bauer schnaufte und ein scharfer Durst peinigte ihm Zunge und Gaumen und brannte ihm tief in den Schlund hinab, und sogar Magen und Gedärme dürsteten ihm und lechzten nach einem Trunk. Und wieder warf sich der Dullhäubel gegen die Mauer, drängte und schob. Den Schweiß, der ihm von den Brauen tropfte, fing er mit dem Maul auf, um sich zu erquicken. Doch die Kapelle saß wie ein Fels in der Erde. Da bleckte der Blaumantel wild lachend die Zähne, schwang sich aufs Dach und ritt droben wie ein Reiter auf dem Roß und schrie: »Wieh!« Jetzt rührte sich die Kapelle und fuhr wie ein schneller Wagen bergan.
Der Dullhäubel erwachte, staunend und blöd hockte er auf dem Strohsack.
Den peinigenden Durst zu löschen, richtete er sich auf und tappte in den Keller, wo auf einer Bank die Milchtöpfe standen, ergriff einen davon und soff. Er mußte saufen, süß oder sauer, Kuhmilch oder Geißmilch, es galt ihm gleich. Er soff wie ein glühender Stein. In endlosem Zug schlampte er den Ton bis auf das Neiglein aus, wischte sich schnaufend den Bart und taumelte satt hin aufs Stroh. –
Der Hahn krähte, der Tag graute an. Schon rumorte die Bäurin in der Stube.
Mit einem schrecklichen Druck im Magen erwachte der Dullhäubel. Er stützte sich ächzend, riß das Maul auf, und ein wilder Blutguß schoß auf das Pflaster des Vorhauses.
»Bäurin! Bäurin!« winselte er. »Zu Hilf, schnell! Aus ist es! Dahin geht es!«
Als sie aus der Stube kam, brach ihm wieder das Blut in dickem Strahl aus dem Hals. Sein Auge stierte, Bart und Brust und Hände, Strohsack und Estrich, alles war rot besudelt.
Die Ogath rang die Hände über dem Kopf. »Himmlischer Vater, er hat den Blutsturz!«
»Rühr dich!« stöhnte er. »Den Pfarrer hol, den Bader! O mir ist hundselend! Den Pfarrer schickt mir, ich bin ein großer Sünder. O, daß ich gar so viel Blut hab!«
»Den Bauch reib ich dir mit Kampferöl,« rief sie. »Ich koch dir ein Helfkräutel, einen Tausendguldenkrauttee, der hilft.«
»Nix hilft,« schrie er ungeduldig, »den Geistlichen hol!«
Sie rannte die Bodenstiege hinauf und weckte die Kinder. »Wabel, Reigel, Rosel, Portiunkel, Stasel, Kathel, Liesel, Urschel, Mariandel, Kundel, Luzel, Stanzel! Geschwind, der Bauer geht ein!«
Die zwei ältesten Töchter liefen nach Blaustauden.
Die Wabel klopfte das Pfarrhaus wach. »Hochwürden, der Vater hat Blut lassen. Die Mutter laßt bitten, Ihr sollt ihm die Seel aussegnen. Den Flederwisch nehmt auch gleich mit, daß Ihr den Bauer besprengt!«
»Wenn es den letzten Schnapper giebt, kommen sie daher,« zürnte der Geistliche. »Sonst sieht man manchen nit in der Kirche. Es stehen in der Meß oft mehr Heilige als Leut umeinander.«
»Rennt, Pfarrer! Das Blut schießt ihm heraus wie gestern der abgestochenen Sau.«
Der Herr Nonatus war ein seeleneifriger Mann. Er sagte: »Ich geh gleich mit. Der größte Sünder ist mir am allerliebsten, und der Dullhäubel zahlt sich aus. Meßner, läut das Speisglöckel!«
Die Reigel weckte den Bader.
Der bärbeißige Wundarzt Gottfried Mehlstäubl nahm gleich eine Flasche Blutegel mit.
»Was ist denn los mit dem Dullhäubel?« fragte er. »Hat er wieder einen Kapuzinerrausch heimgebracht? Hat er sich die Wampe überfressen? Ist ihm der Darm auseinander gesprungen?«
»Blutkrank ist er,« weinte die Reigel. »Einen ganzen Zuber voll Blut hat er gespieben. Jetzt lechzt er.«
»Heul nit, Dirndel, ich helf ihm. Ich hab schon andern Leuten geholfen. Unserm Burgermeister hab ich den Bandwurm abgetrieben, fünfzig Ellen lang.« –
Derweilen lag der Dullhäubel blutig im Stroh. Er hörte in der Ferne das Glöckel, dessen Geläut den Weg des Pfarrers begleitete. Er betete: »Heiliger Blaumantel, liebreicher Fürbitter im Himmel, steh zu mir! Wenn ich wieder gesund bin, stift ich dir eine Kerze, so lang wie eine Deichsel, vor deiner Kapelle soll sie brennen Sommer und Winter, Tag und Nacht.«
Der Grazian, der wegen seines Alters als Meßner abgedankt worden war, fand sich ein, und nicht ungern sah er die letzte Stunde des Schelmen nahe. Denn die verweste Geiß stank ihm noch immer aus dem Magen, und er hatte den Streich nie verwinden können.
»Schau, schau, Dullhäubel,« sagte er, »gestern hast du noch heimgejodelt von der Siebenkittelwirtin, und heut gehst du auf dem letzten Gras. ›Gestern im Trab, heut ins Grab‹, heißt es. Du schaust aus wie der linke Schächer.«
Der Bauer griff an die Brust, die Zunge schlotterte ihm. »Mir wird ganz herzschlächtig.«
»Zieh die Strumpf und die Schuh aus, Dullhäubel, und renn der Höll zu! Wart nit auf die heilige Wegzehrung, sie hilft dir nimmer. Ja, den Tod betrügst du nit, du Sündenbock, du Leutfopper, du Bauchbruder, du Trost dem Teufel! Dahin mußt du mit deinen Rieben und Ränken. Ich seh dich schon schneeweiß in der Truhe.«
»Ich sterb nit,« kreischte der Dullhäubel auf.
»Rümpf dich und wind dich, du kommst ihm nit aus, dem Sensenwetzer. Im Sündenstank fahrst du hin.«
»Jedes Haar wirft seinen Schatten,« wehrte sich der Bauer. »Warum soll denn gerad ich keinen Fehler haben?!«
Unbarmherzig predigte der Meßner: »Jetzt liegst du auf der Streu, jetzt schießt das Blut heraus, das wilde Dullhäubelblut, das kein gut getan hat sein Lebtag. In einer kurzen Weil tümmelt der Teufel vor der Tür und zerrt dich davon bei den Füßen. In die Höll strudelst du hinab.«
»Laß mich aus, Grazian, verschon meine Sterbensnot!«
»Ja, mein lieber Freund, jedem wird gelohnt nach seinen Werken. Wenn der Teufel herwürgt mit offenem Schlund und hernach deine Seel zwischen den Zähnen hintragt, ich trau mir es gar nit zu sagen, wohin! Ja, mein lieber Freund, wenn der ganze Himmel papieren wär, und auf jedem Stern säß ein Schreibersknecht, sie könnten allsamt gar nit beschreiben, was eine Seel leidet im ewigen Pech.«
»Meßner, das weiß ich. Ich dank dir.« Der Schweiß brach dem Bauer aus.
Die Ogath trat aus der Stalltür. »Der Didelmann hat uns das Kalb daher gebracht, gottlob,« sagte sie, »es ist ganz wild.«
Wieder hub der Grazian an: »Es ist schad, Dullhäubel, daß Gott dich mit so einem guten, wirtschaftlichen Weib versorgt hat!«
»Bäurin, ich will gut tun, wenn ich wieder aufkomm,« gelobte der Dullhäubel.
»Ja, wenn die Zaunstecken blühen,« sprach sie unwirsch. »Du tätst es wieder treiben wie ehmals, die Händ schonen, die Weiber verfolgen, Vieh und Leut foppen. Ausgestanden hab ich genug mit dir. Ein Selbstler bist du gewesen, hast an Weib und Kind nit gedacht und an die Gemeinde nit, nur an dich und allweil nur an dich. Und eine lederne Röhre hast du im Hals, die brennt und muß feucht gehalten werden. So, jetzt hab ich dir es gesagt.«
»Gelts Gott, Bäurin, gelts Gott! Du hast die Wahrheit geredet,« wispelte er. Die Augen fielen ihm zu.
»Heilige Mutter Anna,« schrie der Grazian, »er wird schon blau! Der Teufel schreit juchhe.« Er stieß ein Gebet aus. »Lasset uns beten zu den heiligen drei Königen, sie sollen ihm den Weg weisen, er muß in die Ewigkeit wandern.«
Jetzt kam der Pfarrer mit dem Bader daher, und die Dirnlein drängten nach, neugierig und furchtsam.
Der Bauer tat die glasigen Augen auf und röchelte: »Pfarrer, Bader, der Tod geht mir zu.«
Der Wundarzt Gottfried Mehlstäubl staunte: »Sakerlot, du hast unglaublich viel Blut gekotzt! Mensch, mußt du vollblütig sein! Wo fehlt es denn? Hast du ein kaltes Fieber oder ein glosendes? Schüttelt es dich? Reißt es dich? Kratzt dich der Hals? Ist dir das Zäpflein gefallen?«
Der Kranke deutete auf den Magen. »Da in der Herzgrube tut es weh.«
»Hast du den Stuhl offen?« forschte der Arzt. »Hast du dich nit überfressen, Schlauch? Ja, der Fraß wühlt sich mit dem eigenen Rüssel das Grab auf. Die Runstadern sind dir geschwollen. Tu das Maul auf und zeig her deinen Schlung!«
»Im Bauch rumpelt es mir,« flüsterte der Bauer.
Der Bader entschied: »Du hast es auf der Leber. Eine jede Krankheit rührt von der Leber her. Du hast wohl einen kalten Trunk getan, he?«
»Bader, gib mir was ein, ein Pulver, einen Saft, daß ich am Leben bleib!« klagte der Dullhäubel.
»Halt das Maul, Wehdarm! Ich muß auch einmal sterben,« antwortete der Gottfried Mehlstäubl.
»Da schau meine unversorgten Kinder an und hilf!« Der Bauer deutete mit Kinn und Bart auf die zwölf Dirnlein.
»Kinder hast du in allen Größen wie eine Bodenstiege. Aber was nutzt das alles, wenn sich eine giftige Sucht einschleicht. Ich schätz, du überlebst die Stund nimmer.«
»Herr Pfarrer,« lallte der Dullhäubel, »richt mich her – für die Ewigkeit!«
Da drückte ihm der Grazian einen geweihten Rosenkranz in die Hand, die Ogath wischte mit dem Fürtuch über die Augen, die Kinder weinten.
»Gottlob, daß du dich nit in Halsstörrigkeit verhärtest, Dullhäubel,« begann der Pfarrer. »So tu Reu und Leid, mein lieber Christ!«
Des Baders Neugier war noch nicht gestillt. »Und wo fehlt es denn sonst noch, Bauer? Plagen dich die Würmer? Bläht dich der Wind?«
Doch der Dullhäubel räusperte und rächste sich, fuhr jäh auf, gurgelte, und wieder schoß das Blut heraus. Alle wichen zurück, die Bäurin scheuchte die Kinder hinaus. Blaß und matt sank der Bauer zurück.
Der Gottfried Mehlstäubl krauste die Stirn. »Seltsam! Seltsam! Vetter, die Reih ist an dir. Hättest du mir alle Jahr deinen Brunn schauen lassen, wie der Grazian da, tät ich mich in deinem Leib besser auskennen.«
»Der Tod zeichnet ihn,« sagte der Pfarrer. »Laßt uns allein, daß ich ihn geschwind noch auströste!«
Da gingen alle hinaus.
»Öl mich ein, Hochwürden, öl mich! Richt mich zusamm – fein sauber – für den Weg!« drängte der Bauer.
»Jetzt, Dullhäubel, häut dich!« begann der Herr Nonatus Hurneyßl. »Tu ab das Gewand deiner Sünden! Wann und wo bist du das letztemal beichten gewesen? Bei mir nit.«
»Den zweiten Sonntag nach Ostern – hab ich gebeichtigt – in Bärnloh.«
»So, so, in einer fremden Pfarre, bei dem schwerhörigen Pater, und an dem Tag, wo die Roßdieb beichten gehen? Eine saubere Seel! Aber jetzt her mit deinen Sünden!«
Der Dullhäubel bekannte: »Öfter hab ich mich versündigt als Steine im Bach sind und Bäume im Wald.«
»Sieben Straßen laufen zur Höll, das sind die Todsünden. Hast du eine begangen?« forschte der Pfarrer.
Der Sünder sprudelte: »Gefressen hab ich, gesoffen, gerauft, gescholten, geschworen, gelogen und betrogen, die Weiber nit in ihren Ehren lassen, mit den Jungfern gescherzt, am Freitag bin ich fensterln gangen, den Leumund hab ich den Leuten genommen, verfrevelt hab ich mich gegen den heiligen Blaumantel. Jetzt weiß ich nix mehr.«
Dem Pfarrer wirbelte das Hirn. »Ein Gewissen magst du haben wie ein Scheuertor,« staunte er.
»Der Teufel hat mich im Schlund, reiß mich heraus, Hochwürden!« zeterte der Dullhäubel. »Bind mich los, bind mir die Sünden ab und öl mich!«
»Nur langsam, Dullhäubel, und hübsch eins nach dem andern. Hast du nit gejuchzt und gejodelt und gegalmt zur Unzeit und unzüchtige Rockenlieder gesungen?«
»Das hab ich alles getan, Pfarrer. Bind mich los!«
»Ich will dich nit dem Teufel zuteil werden lassen. Aber sag mir, hast du ein einzigesmal im Leben ein gutes Werk verrichtet?«
»Freilich, Pfarrer. Die Feiertage hab ich emsig gehalten, die abgeschafften auch. Und zwölf Christen hab ich in die Welt gesetzt.«
Der rüstige Beichtvater sah ihn verdutzt an. »Ah, so bist du gesotten? Du willst unsern Gott und unsern Teufel überlisten?« Und er holte aus und reichte dem Sünder eins auf den Schädel. »Dafür erlaß ich dir die Bußgebete, du alter Spaßvogel.«
»Das ist mir lieb,« sagte der Dullhäubel erleichtert.
»Jetzt geratest du halt ins Fegfeuer, Bauer, und das ist eine scharfe Lauge. Wasch dich drin, reib dir die Seel unverdrossen ab! Und fahrst du hernach in den Himmel, so führ dich gut auf, daß du meinem Pfarrsprengel keine Schand antust.«
»Ich werd mich doch nit zu dem höllischen Bären verirren?« verzagte der Kranke. »Ist es drunten wirklich so heiß?«
Der Pfarrer schaute den Dullhäubel ernsthaft an. »In der Höll ist es so heiß, daß die gepeinigte Seel, die den Kniffen und Kunstgriffen des Satans erlegen ist, gar kläglich herausschreit: ›Gebt mir ein Schmiedfeuer, daß ich mich dran kühl!‹ So kalt ist das irdische Feuer dagegen.«
»Ich riech schon lauter Brand,« wimmerte der Bauer. »O wär ich gesund, ich wollt anders leben! Einen Sack tät ich anziehen und wallfahren gen Maria-Dorn. Sterb ich aber,« seine Stimme versiegte schier, »so stift ich eine ewige Meß meiner Seel zum Trost, und dem Blaumantel, meinem Fürbitter, soll ein Wachsstock brennen hundert Jahr. O weh, wie schlecht wird mir jetzt!«
»Was ist, Dullhäubel, was ist?«
»Der Schleim steigt mir im Hals, ich erstick, ich krieg den Schleimschlag! O weh, von der Welt scheid ich, in die Höll spring ich.« Er rülpste, und das Blut sprudelte ihm wieder gräßlich aus dem Hals.
»Leut, er stirbt!« schrie der Pfarrer.
Der Bader, der Grazian, der Knecht und die Kinder liefen herein.
Schrecklich schaute der Bauer aus, weiß wie Kalk lag er dort, die Lippen voller Blut.
Die Ogath trug die brennende Sterbekerze daher und drückte sie ihm in die Hand. Er aber verdrehte die Augen grausam und fluchte: »Sakerment, bin ich noch nit hin?!« Er röchelte.
»Bäurin,« meinte er auf einmal, »es ist wunderlich, jetzt mitten im Sterben lüstet mich nach einem Schnupftabak. Geh, tu mir die Lieb an! Es ist das Letzte, was ich von dir begehr.«
»Jetzt ist ausgeschnupft,« sagte sie kurz. »Jetzt halt die Herren nit auf und schau zu, daß du einmal stirbst!«
»Ich sterb, und keines tut einen Schrei,« sprach er wehmütig, »keins weint einen Tropfen, keinen Seufziger druckt es euch aus.«
Der Kopf sank ihm auf die Seite, das Kinn hing ihm.
»Jetzt erklenkt ihn der Satan,« rief der Grazian.
»Macht Tür und Fenster auf, sonst reißt seine Seel ein Loch durchs Dach!«
»Ihm stehen schon die Augen,« nickte der Bader.
»Er ist am Weg,« flüsterte der Pfarrer.
Der Sterbende hauchte noch einmal: »Mein letzter Wille! Meine Töchter – dürfen nur auf einen Hof – hinheiraten, wo ein Glöckelturm drauf ist. Ich bin ein großer Bauer – gewesen.«
Jetzt lag er blaß und still.
Die kleinen Dirnlein klammerten sich weinend an den Kittel der Mutter, und sie zog tief Atem: »Jetzt bin ich wieder eine Wittfrau.«
Plötzlich erhob sich im Keller ein großes Geschrei. Die Wabel, die älteste Tochter, kam die Staffeln herauf, einen leeren Topf in der Hand.
»Mutter, ich weiß, was dem Bauer fehlt!« Sie lachte, daß ihr die Zähren rannen, sie lachte, daß sie den Atem verlor und schier in einem Husten erstickte.
Der Gottfried Mehlstäubl nickte. »Sie ist närrisch worden.«
»Was lachst du jetzt, wo dein Vater vor das ewige Gericht hintritt?« verwies sie der Pfarrer streng.
Die Wabel schwenkte den Topf. »Blut hat er gespieben,« brüllte sie vor Lachen, »Blut, aber nit sein eigenes. Gestern haben wir eine Sau getötet, das Blut haben wir ihr abgelassen, in den Keller haben wir es gestellt. Der Vater hat in seinem Rausch – das ganze Saublut ausgesoffen.«
»Herrgott von Blaustauden,« schrie die Bäurin, »das ganze Saublut? Heut hab ich es backen wollen.«
Leben und Röte kehrten in die Wangen des Dullhäubel zurück, er tat die Augen ganz schmal auf und lallte: »Liebe Freunde, es ist nit unmöglich.«
Des Pfarrers Hals verfiel in einen Krampf.
Der Bader hielt sich den Bauch. »Gespieben hast du wie ein Hochzeitshund, Dullhäubel. Du könntest die Wissenschaft irr führen! Du hast aber auch einen sauberen Hinfahrtsfraß genossen. Gelt, die Suppe ist dir zu feist gewesen? Jetzt steh auf, nimm dein Bett und geh!«
Der Herr Nonatus Hurneyßl hatte sich wieder beruhigt. »Bauer,« sagte er, »der Herrgott hat dir heut einen Spiegel vorgehalten. Fang ein neues Leben an!«
Der Dullhäubel drückte pfiffig ein Auge zu. »Bader, ich bin allweil schnell gesund worden. Einmal hab ich mir beim Holzhacken eine Hand wurzweg abgehaut. In vierzehn Tagen ist sie mir wieder sauber nachgewachsen. Heut weiß ich nimmer, ist es die linke gewesen oder die rechte. Und jetzt, Ogath, gib den Tabak her! Das ist die beste Arznei.«
Er schnupfte, legte sich dann zurück, schnarchte wie eine Brettmühle und überließ die um sein Sterbebett Versammelten ihren Betrachtungen.