(in peinlicher Verlegenheit):
Sie sind übermüdet, gnädige Frau! Sie sind von der Nachtfahrt nervös überreizt und abgespannt. Wollen Sie sich bitte in meine Hand geben. Sie brauchen Ruhe, ich kenne das. Ich habe eine lange Pflege bei meiner armen Mutter hinter mir. Mit Denken und Grübeln ist gegen nervöse Depressionen nicht anzukämpfen.
Eveline
(mit dem Versuch, sich zu raffen):
Es geht schon vorüber, lassen Sie mich!
Lucie:
Ich möchte Sie aber wirklich gern dazu bewegen, mit mir auf mein Zimmer zu gehn!
Eveline:
Wissen Sie, wie mir mein Leben vorkommt, Fräulein? — Sie sind eine Frau, warum soll ich nicht offen zu Ihnen sein? — Man baut mit unendlicher Mühe, mit blutigem Mörtel und schweren Steinen ein festes Gebäude, und wenn es fertig ist, ist es ein Kartenhaus.
Lucie:
Sie sehen in diesem Augenblick die Welt in einem zu trüben Lichte.
Eveline:
Ja, ich sehe sie wie etwas vollkommen Fremdes, etwas vollkommen Uninteressantes, abschreckend Gleichgültiges an. Trostlos ist sie, leer und stockfinster. — Sie glauben, ich übertreibe, Fräulein! Aber ich habe wahrhaftig keine unbescheidnen Wünsche gehegt! Ein Familienleben! Ein bescheidnes Auskommen! Selbst das wenige hat mir der Himmel in seiner unergründlichen Güte versagt. Ja, er hat sich erschlichen, was ich mir verdient habe. Ich war jung wie Sie und vielleicht unternehmender, als Sie sind. Ich weiß es nicht. Ich ging nach England, ich machte Ersparnisse. Ich war gut gekleidet. In meinen Ferien konnte ich reisen. Meine Freundin und ich, wir besuchten Holland, die Normandie, wir brauchten nicht knausern, wir speisten in den ersten Hotels an der Table d'hôte! Und nun kam Schilling! Ich dachte, er ist ein redlicher Mensch! Ich dachte, er wird seine Pflichten achten und mein bißchen Erspartes ist bei ihm, dacht ich, in guter Hand. Ja freilich! Sehen Sie mich nur an. (Sie zeigt die großen Flicken in ihrem Rock und das zerrissene Futter ihres schäbigen Jacketts.) Ich habe alles hingegeben, alles umsonst zum Opfer gebracht.
Lucie
(mit Überwindung):
Es werden bessere Zeiten kommen!
Eveline:
Immer morgen, morgen, heute nicht. Heute borg ich mir, was sag ich, erbettle ich mir zwanzig Mark zur Reise von Doktor Rasmussen, und morgen zahl ich vielleicht ein Billett erster Klasse rund um die Welt. Heute leb ich mit meiner Tochter von einer altbacknen Schrippe und etwas abgelassener Milch, und morgen werd ich bei Dressel und Uhl essen. Das ist mir nichts Neues, ich kenne das! Von diesem »morgen« wird man nicht satt. Das ist höchstens für arme, hungrige Säuglinge der mit Essig und Galle getränkte Lutschpfropfen. Man denkt: dein Mann hat dich heute verlassen und morgen kommt er wieder zu dir zurück. Jawohl. Aber wie? Von vier Männern getragen, vielleicht auf dem Sterbebette. — Ich muß ihn sehn! Wo ist Gabriel?
Lucie:
Sie werden sich jedenfalls erst beruhigen! Vielleicht sehen Sie ein, daß eine Begegnung in diesem Zustand für beide Teile nicht ratsam ist!
Eveline:
Was heißt das? Was tut ihr alle mit mir? Warum laßt ihr mich nicht zu Gabriel? Warum sagt ihr mir nicht, was geschehen ist? Es ist mir alles hier so unheimlich! Was sind das für Stimmen hier nebenan?
Lucie
(lügt):
Fremde! Vater und Sohn aus Stralsund!
Hanna Elias tritt aus Schillings Zimmer. Die Frauen betrachten sich einige Sekunden lang mit grenzenlosem Staunen.
Eveline
(in einem Tone des Erstaunens, in dem keine Spur der eben noch vorherrschenden, angstvoll weinerlichen Erregung mehr ist):
Hanna, du bist es? — Was treibst du hier?
Hanna:
Laß uns vor allen Dingen, Eveline, da wir nun einmal unbegreiflicherweise hier zusammengetroffen sind, wie zwei vernünftige Menschen sein.
Eveline:
Unbegreiflicherweise zusammengetroffen?
Hanna:
Zufälligerweise jedenfalls!
Eveline:
Also ist deine Anwesenheit hier zufällig!? Oder meinst du, daß es unbegreiflicherweise und zufällig ist, wenn sich eine Frau zu ihrem angetrauten Manne begibt, nachdem sie erfahren hat, daß er vielleicht lebensgefährlich krank geworden ist? Wie kommst du hierher, was willst du hier?
Hanna:
Es handelt sich nicht um uns augenblicklich, sondern meinethalben um deines Mannes Wohlergehen. Also bitt ich dich, frage mich jetzt nicht weiter. Jedenfalls nicht hier, denn ich sage dir, daß es Schilling erspart werden muß, einen Zank zwischen uns zu sehn. Ich gehe mit dir an den Strand hinunter. Dort will ich dir Rede und Antwort stehn.
Eveline:
Bitte, bitte, Hanna, ganz ohne Umschweife: wie kommst du hierher, was suchst du hier? Das Rätsel möcht ich gerne gelöst wissen. Wie kommt's, daß ihr auseinander seid, und ich betrogener, armer Esel von einer Frau glaube daran, daß es aus mit euch ist, und ihr lacht mich aus hinter meinem Rücken! — Hast du ihn wieder rumgekriegt? — Hast du ihm wieder weisgemacht, daß du keine Allerweltsdame bist? Oder muß man vielleicht Allerweltsdame sein, um dem eigenen Gatten zu gefallen?
Hanna
(für einen Augenblick ohne Selbstbeherrschung):
Eher bist du eine Allerweltsdame! — Und ich bitte dich, höre jetzt auf damit! — Wenn du ein Gefühl von weibliche Würde hast, so höre jetzt auf mit diesen Ton und solche Beleidigungen, in diesen Augenblick.
Eveline
(zu Lucie):
Diese Dame spricht von weiblicher Würde!
Hanna:
Ich spreche von weiblicher Würde, gewiß!
Lucie:
Meine Damen, Sie sind hier in einem kleinen Gasthause, bedenken Sie das! Wir dürfen kein solches Aufsehen machen. Es ist unmöglich, daß Sie so fortfahren. Schon allein um des Kranken willen nicht.
Eveline
(zu Lucie):
Lassen Sie sich mal von dieser Dame erzählen, Fräulein, mit welchen Mitteln, welchen Schlichen sie hinter Gabriel her gewesen ist, bis sie ihn so weit bekommen hat. Wie sie mir erst hat Freundschaft geheuchelt: »Du bist zu geduldig! Du mußt mehr beanspruchen! Du mußt ihm klar machen, daß du ein gleichberechtigter Mensch und nicht eine Sklavin bist. Ihr deutschen Frauen seid alle Sklavinnen.« So hieß es, so ging es in einem fort, und ich bin auch zuerst drauf reingefallen, bis ich dann merkte, worauf es hinauslief, und daß sie sich Gabriel kapern wollte, weil der eigene Mann ihr überdrüssig war. Eine schöne Gesellschaft! Eine brave Familie! Erzähle doch! Immer erzähle doch! Da hast du Gesprächsstoff, beste Hanna! Da hast du für deine Suade genug!
Hanna:
Solche fantastische, krankhafte Märchen, ausgebrütet von einer sich beleidigt glaubenden Frau, berühren mich nicht.
Rasmussen fährt wild aus Schillings Tür heraus, die er hinter sich sorgfältig ins Schloß klinkt, ehe er spricht.
Rasmussen:
Donnerwetter, was ist hier los, Herrschaften?! Was macht ihr euch eigentlich von Schillings Zustand für eine Vorstellung? Er wird unruhig, er fragt; was soll ich ihm antworten? Verlegt euren Kampfplatz wo anders hin!
Eveline vergißt Hanna und starrt Rasmussen an. Hanna weicht mit Entschluß und geht zur Tür rechts hinaus.
Eveline
(will an Rasmussen vorüber zu Schilling hinein):
Wo ist mein Mann?
Rasmussen
(sie zurückhaltend):
Immer erst hübsch abwarten!
Schillings Stimme:
Rasmussen!
Rasmussen
(Eveline energisch festhaltend, die bestrebt ist, sich loszumachen):
Ich sage dir, wenn du noch einen Funken Besinnung hast, wenn du noch einen Funken Liebe aufbringen kannst für deinen Mann, wenn dir daran liegt, ihn noch einige Zeit zu behalten, am Leben überhaupt zu erhalten, mein ich, so geh jetzt nicht zu ihm hinein.
Eveline
(mit einem unwillkürlich hervorbrechenden, hilferufartigen und eigensinnigen Schrei):
Gabriel!
Schillings Stimme
(schnell und erschrocken):
Der bin ich! (Schilling erscheint in der Tür. In dem edlen, aber furchtbar veränderten Gesicht liegt Bestürzung und Staunen): Was ist denn passiert??
Rasmussen:
Nichts! Es ist gar nichts weiter passiert! Es hat sich nur wieder herausgestellt, daß eine Frau und gesunde Vernunft nicht vereinbar sind.
Eveline
(die Worte mühsam hervorwürgend):
Du hast mich belogen, Gabriel! Warum hast du mich hintergangen, gerade in einem Augenblick, wo ich wieder in meinem Innern Hoffnung schöpfte? Du sagtest, du habest dich freigemacht. Du sagtest, du habest mit Hanna gebrochen, und gerade in diesem Augenblick entdecke ich, daß du ein kalter, grausamer, hartgesottener Betrüger bist. Gabriel, warum tatest du das? Warum zerstörst du in mir den letzten erbärmlichen Rest von Achtung für dich? — Nein, ich kann einen Menschen wie dich nicht mehr achten!
Schilling
(hat abwechselnd errötend und erblassend mit einem gespannten, fast blöde fragenden Ausdruck zugehört. Er läßt seinen Blick, wie um Auskunft bittend, von Lucie zu Rasmussen wandern und sagt dann mit einem erstickten kurzen Auflachen):
— So! Diese Ansicht teile ich. — — — Was führt dich eigentlich her, Eveline?
Eveline:
Frage lieber, was Hanna hierher führt, Gabriel.
Rasmussen:
Und nun ist die Kontroverse geschlossen. — Ich bin Arzt, Eveline, dein Mann ist krank ...
Schilling:
Red keinen Unsinn, ich bin nicht krank! — Du hast doch nicht am Ende gedacht, Eveline, es ist Matthäi am letzten mit mir? — Den Gefallen tu' ich der Welt noch nicht! — Wenn du's nicht glauben willst, frage mal Rasmussen! — Die ganze Geschichte, Eveline, läuft einfach auf einen etwas geschmacklosen Spaß hinaus, den ich mir leider gestern gemacht habe.
Eveline
(faßt sich an den Kopf, wie besinnungslos):
Fort, fort, sonst verliere ich meinen Verband! — (Sie will hinaus.)
Schilling:
Eveline, du wirst jetzt hierbleiben!
Eveline:
Ich kann nicht bei einem Menschen bleiben, der mein Mann, mein angetrauter Ehemann, Vater meines Kindes und dabei willenloser Sklave einer gemeinen Dirne ist.
Rasmussen:
Na, na, na, na! Jetzt aber Schluß, Eveline!
Schilling
(nach kurzem Schweigen, mit demselben hilflos fragenden Ausdruck wie vorher):
Ja, woran liegt das alles? Ich weiß es nicht. Ich habe nach etwas ... wie soll ich sagen? Ich habe nie bewußt nach dem Schlechten gestrebt! Ich hatte wirklich nie böse Absichten!
Eveline:
Stelle dich gleichgültig, Gabriel; es wird ein Tag kommen, wo du den Unterschied zwischen einer Frau, die du jetzt mißhandelst, und einer Hanna Elias einsehen wirst.
Hanna Elias stürzt in vollständig zügelloser Raserei herein und auf Eveline los, kreischend und mit geballten Fäusten.
Hanna:
Es ist mich gleichgültig, was du von mir sagst! Ich speie darauf, es ist mich gleichgültig! Ich speie auf deine verfluchte Liebe! Du hast keine Liebe! Du lügst, du lügst! Du hast dicken, geschwollenen Vipernhaß! Du hast Gift, du hast Stachel, du hast keine Liebe! Wie quälst du jetzt deinen kranken Mann! Pfui! Schamlose, Schlechte, Niederträchtige! Keinen Funken von Herz, keinen Funken von Gott! Da, stich mich! Triff mich mit deine Augen! Triff mich mit deine Dolch von Blick! Triff mich mit einer richtigen Dolchspitze! Da! Was ist mir Leben! Was liegt mir daran? Nur geh, geh und laß meinen Gabriel! Er ist nicht dein! Du hast ihn verspielt! Mein, mein! Ich fühl's! Er ist mein, mein Gabriel!
Unter den Fenstern erschallt plötzlich das mißtönige Geräusch eines kleinen erregten Janhagels. Kinder, Weiber und halbwüchsige Burschen miauen, husten und schreien: »hoho«. Der Lärm wird durch die energische Stimme von Klas Olfers beschwichtigt: »Ruhe, macht, dat ji wegkommt! Wat wollt ihr hier!« Rasmussen hat, um sie zu beruhigen und ihre wahnsinnige Erregung zu dämpfen, Hanna in seine Arme geschlossen. Er drängt sie langsam hinaus. Mäurer hat den größten Teil der letzten Szene miterlebt, hinter Schilling in der Tür stehend. Eveline ist stumm und besinnungslos vor Entsetzen. Ihr Blick bleibt, solange sie im Zimmer ist, mit grauenvollem Staunen auf Schilling haften. Dieser steht bewegungslos und schluchzt nur einige Male krampfhaft. Seine weitgeöffneten Augen stehen voll Wasser. Das Taschentuch wie einen Knebel im Mund, geht Eveline an Schilling vorüber, von Lucie geführt, hinaus. Stillschweigen.
Rasmussen
(nach einigem Stillschweigen zu Schilling):
Na, es kommt auch mal wieder anders, Schilling!
Mäurer
(legt mit einem leichten Schlag seine Hand auf Schillings Schulter):
Duck dich und laß vorübergahn,
Das Wetter will sein' Willen han.
Schilling
(mit unendlichem Grauen im blutlosen Gesicht):
Wir sind keine Griechen, mein lieber Junge!
Mäurer klopft ihm weiter auf die Schulter, sehr bewegt; unwillkürlich umarmt er ihn. Eine Weile herrscht Schweigen. Rasmussen tritt dazu.
Schilling
(indem er beide ein wenig beiseite zieht, mit qualvollem innerem Ausbruch):
Der Ekel erwürgt mich. Gift! Gebt mir Gift! Ein starkes Gift, Rasmussen!
Fünfter Akt
Die Strandgegend wie im ersten Akt. Der Schuppen der Rettungsstation, die Gallionfigur, das Fischerboot auf der Düne, der Signalmast, die Bretter hinter dem Schuppen. Die Sonne ist hinunter, allein es bedeckt den Himmel eine starke Abendröte, so daß eine magische Helligkeit verbreitet ist. Lucie und Fräulein Majakin kommen langsam vom Strande herauf.
Lucie:
Ich muß Ihnen sagen, ich habe vor alledem jetzt, nach allem, was vorgefallen ist, einen so ausgesprochenen Widerwillen, daß ich lieber freiwillig alles hingeben würde, als nur den kleinsten Versuch in der Art dieser Weiber zu tun.
Fräulein Majakin:
Man kämpft doch aber für das, was man liebt — und naturgemäß, scheint mir, Fräulein Heil.
Lucie:
Ich würde unter gar keinen Umständen dafür kämpfen. Ich habe von Harpyen gelesen. Sie sind wie Harpyen, diese Weibsbilder. Niemals geben sie, wenn sie es erst in den Klauen haben, ihr Opfer frei. Nur daß sie schön singen, kann ich nicht finden!
Fräulein Majakin:
Wie geht es Herrn Schilling?
Lucie:
Schilling schläft! Einen totenähnlichen Schlaf, seit Stunden.
Fräulein Majakin:
Es gibt bei manche Krankheiten zuletzt einen solchen furchtbaren Schlaf, aus dem kein Erwachen ist.
Lucie:
Das hat mir auch Rasmussen angedeutet.
(Kurzes Stillschweigen.)
Fräulein Majakin:
Herr Mäurer scheint sehr an Ihnen zu hängen, Fräulein Heil.
Lucie:
Ich betrachte Mäurer als meinen Freund und werde ihn immer dafür betrachten. Wie er sein Leben im übrigen einrichtet, kümmert mich nicht. Er ist frei! Ich verlange durchaus nichts von ihm. Ich danke Gott, daß ich durch mein bißchen Begabung immer sozusagen mein Brot finde.
Fräulein Majakin:
Ist es richtig, Sie waren angestellt zwei Winter lang in Dresden an die Opernorchester?
Lucie:
Das ist allerdings wahr. Wenn ich aber jetzt etwas unternehme, so werd ich vielleicht in irgendeiner Mittelstadt eine kleines Musikinstitut errichten.
Fräulein Majakin:
Glauben Sie, ob Professor Mäurer jemals wird heiraten?
Lucie
(lacht):
Das weiß ich nicht! — Wenn man betrachtet, was er mit seinen Freunden erlebt, so ist es kein Wunder, wenn er sich ängstet.
Fräulein Majakin:
Es scheint mir auch. Er scheint mir ein Feind von die Ehe zu sein.
Lucie:
Sind Sie vielleicht eine Freundin vom Heiraten?
Fräulein Majakin:
Ich kann mich denken, daß eine Frau von ein Mann, wie Professor Mäurer ist, durch ein ganzes Leben gefesselt wird. Das kann ich mich denken, Fräulein Lucie.
Lucie:
Aber daß Sie ihn ebenso lange fesseln, glauben Sie das?
Fräulein Majakin:
Ich kann überhaupt nicht Herr Mäurer fesseln. Er hat eine sehr große Liebe, eine sehr große Bewunderung für eine ganz andere Dame als mich. — Wissen Sie, daß wir werden abreisen?
Lucie:
Warum wollen Sie denn schon abreisen, Fräulein Majakin? Lassen Sie Hanna Elias abreisen! Möchte sie sein, wo der Pfeffer wächst. Geben Sie ihr Eveline Schilling mit! Wenn es Ihnen hier so gut gefällt, wie Sie sagen: bleiben Sie doch!
Fräulein Majakin:
Ich glaube kaum, daß dies ist, was Sie sagen, Ihr Ernst, Fräulein Lucie. Und wenn es wirklich wäre der ganze Ernst Ihres Frauenherzens, ich bleibe nicht. Auch ich bin, glauben Sie mir, durch das, was ich habe sehen und hören müssen, mit diese traurige Liebesschicksal von diese arme, gebrochene Künstler und Mann ... auch ich bin ein wenig erschreckt davon.
Lucie:
Ich bin so wütend, ich könnte diese Weibsbilder prügeln, glauben Sie mir, ich möchte sie ganz gehörig mit beiden Fäusten schrecklich durchprügeln.
Fräulein Majakin:
Und mich dazu?
Lucie:
Nein. Sie, Fräulein Majakin, würd ich nicht durchprügeln. Ich würde nur wünschen, daß Sie ganz ruhig zurück zu Ihrem Herrn Vater gehn. — Glauben Sie nicht, daß Mäurer ein Mann wie Schilling ist! Mäurer nimmt »eins zwei drei«, was er haben will, und dann geht er und modelliert seine Statuen. Skrupel macht er sich weiter nicht.
Fräulein Majakin:
Dann hat er die rechte noch nicht gefunden.
Lucie
(lacht):
Vielleicht; wer weiß, Fräulein Majakin.
Fräulein Majakin:
Es liegt immer daran, wenn ein Mann so unstät ist, daß ihm die Frau, die ihn versteht, bis in die geheimste Regung der Seele, noch nicht begegnet ist.
Lucie:
Vielleicht wissen Sie eine Frau für ihn! Jede Frau denkt allerdings, sie sei die rechte. Ich schwöre sogar, die arme Eveline ist überzeugt davon, daß sie für Schilling die ausgesucht einzig richtige Gattin ist. Aber man kann ja nicht wissen, ob Ihr Instinkt nicht wirklich das Richtige trifft, Fräulein Majakin. (Kurzes Stillschweigen.) Finden Sie nicht, es ist etwas so Verhaltenes, etwas, was förmlich beängstigt, in der Luft?
Fräulein Majakin:
Etwas Totes, ja. Das macht die Windstille.
Lucie:
Es drückt! Sehen Sie mal. Wie jedes Boot doppelt auf der absolut spiegelglatten Fläche liegt. Ich möchte um Schillings willen, daß Wind käme. Er hat sich so sehr einen Sturm gewünscht.
Fräulein Majakin:
Meistens erschrickt der Mensch vor die Natur; manchmal scheint die Natur vor den Mensch zu erschrecken.
Lucie:
Mit Schilling, glaub ich, ist es aus.
Schon seit einiger Zeit hat man in der Ferne rufen gehört. Fischer laufen unten am Strand hin und her. Lucie und Fräulein Majakin schenken diesen Vorgängen keine Aufmerksamkeit. Sie sind nun immer weiter nach vorn hin schreitend, rechts zwischen den Dünen verschwunden. Der Tischlermeister Kühn kommt mit seinem Lehrjungen, der eine Radwer führt. Sie beginnen Bretter aufzuladen.
Kühn:
Junge, mach fix, et gibt Wind!
Der Junge:
Wat haben denn de Fischers unten am Strande, Meester?
Kühn:
De Häring kommt.
Der Junge:
Sehen Se nicht de Lichter draußen uf See, Meester? Unsre Fischer sind alle schon draußen.
Kühn:
Na, denn laß se man machen und lade de Bretter uf.
Der Junge:
Ob wohl der Kunstmaler aus Berlin sterben wird, Meester?
Kühn:
Halts Maul! wat jeht uns dat an!
Der Junge:
Ick dachte bloß, weil wir dem kienenen Sarg machen.
Kühn:
Für wen man so'n Sarg machen dut, det weeß Jott!
Der Junge:
Meester, Meester, dort kommt er ja.
Kühn:
Wer denn?
Der Junge:
Denn is er ja jar nich krank, Meester.
Gabriel Schilling kommt von links, aus den Dünen. Er ist unzureichend bekleidet: Hemd, Beinkleider, Jackett, keine Weste, kein Hemdkragen, keine Strümpfe in den Schuhen. Er geht schnell, wie ein Nachtwandler, gerade auf die Gallionfigur zu, die im Scheine des Blinkfeuers vom Leuchtturm in bestimmten Zwischenräumen heller beleuchtet wird. Nahe herangekommen, steht er still und blickt zu ihr hinauf.
Kühn:
'N Abend.
Schilling
(mit verrosteter Stimme, erschrocken):
Guten Abend. Wer sind Sie denn?
Kühn:
Sind Sie vielleicht der Herr Maler Schilling, wenn ich fragen darf?
Schilling:
Pst! Namen und Stand tut hier nichts zur Sache. — Sagen Sie mal, wie kommt denn das, daß diese Figur dort oben immer abwechselnd hell und dunkel wird?
Kühn:
Na, das kommt ganz natürlich von dem Blinkfeuer.
Schilling:
Ich habe das schon eine ganze Weile von ferne beobachtet. Ich wußte gar nicht, was es bedeutet.
Kühn:
Wieso bedeutet?
Schilling:
Ich wollte erst nicht herüberkommen. Schließlich dacht' ich mir aber, daß es doch was bedeuten muß. — Woher stammt denn eigentlich diese Figur?
Kühn:
Sie stammt von einer dänischen Brigg, die hier draußen gesunken ist.
Schilling:
Richtig! Natürlich! Schiff und Mannschaft natürlicherweise zugrunde gerichtet.
Kühn:
Da haben Sie ganz recht. So ist et och.
Schilling:
Wie hieß denn die Brigg?
Kühn:
Sie hieß doch Ilsabe.
Schilling:
Den Namen kenn ich von irgendwo her.
Kühn:
Sie werden ihn auf 'm Kirchhof gelesen haben, wo die gelandeten Leichen von der Ilsabe begraben worden sind. Da ist ja 'n Kreuz und auf dem steht Ilsabe.
Schilling:
Eigentlich liegen wir recht gut, da oben im Sande.
Kühn:
Wie sagen Sie, wenn ich bitten darf?
Schilling:
Na, eine schönere Stelle, begraben zu werden, gibt's doch nicht. Oder möchten Sie etwa lieber in Berlin auf so einen Massenkirchhof begraben werden?
Kühn:
Na, so weit bin ich überhaupt noch lange nicht.
Schilling:
Keine Automobilomnibusse, keine Straßenbahnwagen, immer nur die rennenden, springenden, kleinen Sandkörnerchen! Frischer, gesunder, nasser Sturm! Der schöne Salut des Meers überm Grabhügel!
Kühn:
I, da hat man ja nischt mehr von!
Schilling:
Das sagen Sie so! Wer weiß denn das, Meister? Ich hab aber irgendwo mal gelesen: »Gott löscht nicht aus im dunklen Grabesschoß, was er entzündet hat im dunklen Mutterschoß«. — Übrigens, gucken Sie doch mal hinter sich.
Kühn
(tut es):
Warum nicht? Wat soll denn dort sind, Herr Professor?
Schilling:
Das versteht sich von selbst. Da brauchen Sie meine Erklärung nicht. Da hat wahrscheinlich das Wasser noch einen armen Teufel auf den Strand gespült.
Kühn
(der nichts sieht, verdutzt):
Was denn für 'n armen Teufel?
Schilling
(immer starr blickend):
Gott, ich weiß ja nicht, wer das ist, den sie da begraben. Ist das bei Ihnen immer so, daß der Pfarrer der erste ist und dann erst die Kinder mit dem Kruzifix kommen? Komisch ist bloß: sie singen ja nicht.
Kühn:
I, Sie wollen man mit mich Ihren Spaß haben!
Schilling:
Dem armen Schlucker von der Ilsabe haben Sie doch den hölzernen Schlafrock auch gemacht!?
Kühn:
Denn müssen Sie mehr als unsereener zu sehen kriegen. Anders versteh ich det nich.
Schilling:
Glauben Sie denn, ich erkenne meinen alten Freund Mäurer nicht, weil er einen Zylinder auf hat, einen Regenschirm in der Hand hält, und weil es ein bißchen stürmt und graupelt?
Der Junge:
Meester, ich furcht mir, der is jo wahnsinnig!
Schilling:
Und die Damen, glauben Sie, kenn ich nicht? Die Weibsleute, die da hinterdrein laufen und die ... und die ... und die ihre Röcke so sorgfältig hoch nehmen, weil ihnen bei dem Regen das die größte Hauptsache ist?
Kühn:
Aber et fällt ja keen Troppen vom Himmel, Herr Schilling.
Schilling
(schlägt sich vor den Kopf):
Ja, Donnerwetter noch mal, Sie haben ja recht, wo ist man denn? (Er hält die Hand in den vermeintlichen Regen.) Kein Tropfen, wahrhaftig. Na, einerlei. Ich hätte geschworen, daß da so etwas geflunkert hat. Na nu aber, nu aber, sehn Se mal, Meister: sind das nun sechs Fischer, die die lange gelbe Kiste auf den Schultern tragen, ja oder nein, Meister? Na nu müssen Sie doch zufrieden sein.
Kühn:
Wenn Sie aber nun noch so weiter reden, bester Herr, denn kriege ick Angst, det et umgeht hier uf de Insel, und denn mach ick mir lieber ...
Schilling:
Sie haben recht. Ich merke das ja. Ich vermenge nämlich immer ganz einfach Wirklichkeit und Einbildung.
Kühn:
Da kommen Leute, die suchen nach Sie, Herr Schilling.
Schilling:
So? — Wo denn? — Wenn Sie etwa irgendwer fragen sollte ... Nichts! sagen Sie nichts! Oder sagen Sie, daß ich tausendmal lieber ... oben in der Nähe von dem Kreuz von der Ilsabe eingebuddelt bin als im schönsten Berliner Mausoleum. Und daß man, wenn man die Hände so aufhebt, nur immer gradaus, immer geht, nur geht — man auch draußen im Meer schlafen kann.
Kühn
(lacht):
Gut!
Schilling
(der seine Arme, ähnlich wie ein Beter gegen das Meer hochgehoben hat):
Und wenn Sie noch jemand nach mir fragt, dann sagen Sie: der Maler Schilling hat hier auf Fischmeisters Oye die beste Idee seines Lebens gehabt ... oder sagen Sie lieber bloß, ich bin baden gegangen.
Von dem Gallion, das er noch immer hungrig anstarrt, sich mühsam losreißend, verschwindet Schilling, eigentümlich lachend, mit hocherhobenen Händen in der Dunkelheit.
Kühn:
Nu soll mich noch eener sagen, wenn der nich sein eignes Totenbejängnis jesehn hat!
Kühn und der Junge mit einem Stapel Bretter auf der Radwer ab. Dr. Rasmussen und Professor Mäurer kommen von rechts, im Gespräch ruhig schreitend, gelegentlich stehen bleibend.
Rasmussen
(zurückblickend):
Was mag denn eigentlich bei Klas Olfers los sein? Da kommen ja in einem fort Leute mit Laternen aus dem Haus.
Mäurer:
Es ist wohl 'n neuer Schub Fremder gekommen.
Rasmussen:
Eveline wacht jedenfalls vor morgen früh nicht auf. In solchen Fällen ist wirklich das einzig Wahre: Morphium.
Mäurer:
Schilling schläft ohne Morphium. Kannst du mir denn um Gottes willen nicht sagen, was diese bleierne Betäubung, in die er verfallen ist, eigentlich zu bedeuten hat?
Rasmussen:
O, ja. Der medizinische terminus technicus interessiert dich wohl nicht. Mach dir nur einfach klar, es ist ein Schlafzustand, aus dem nur noch ein vorübergehendes Erwachen möglich ist.
Mäurer:
Wieso denn »nur noch«? Was soll das heißen?
Rasmussen:
Gut, reden wir weiter nicht davon.
Mäurer:
Ich nehme noch an, du willst doch damit nicht sagen, Rasmussen, daß für Schilling keine Rettung mehr ist.
Rasmussen:
Allerdings, Ottfried, will ich das sagen.
Mäurer:
Deutsch und deutlich: daß Schilling sterben wird?
Rasmussen:
Hör mal, rege dich weiter nicht auf, Ottfried. Das Leiden hat in schleichender Form wahrscheinlich seit einem Jahrzehnt in ihm gesteckt. Seine moralische Schlappheit wird dadurch erklärlich. Sonst hätte er wahrscheinlich den Weibern und allen korrumpierenden Einflüssen, seiner Natur nach, mehr Energie entgegengesetzt. Jedenfalls bin ich froh, daß ich noch meinen Frieden mit ihm gemacht habe.
Mäurer
(drückt furchtbar Rasmussens Arm):
Willst du denn damit sagen ... unmöglich ... das wäre ja grauenvoll.
Rasmussen:
Ja, ja, ja, ja, mein Lieber, daran ist wahrhaftig nichts zu ändern. Zerbrich mir nicht meinen Unterarm. Schilling ist ein verlorener Mann und wird diese Insel nicht lebend verlassen.
Mäurer:
Und du willst behaupten, ein Zweifel ist ausgeschlossen?
Rasmussen:
Wenn es dir Spaß macht, zweifle daran. Aber schließlich war Schilling schon so wie so ein bißchen unter die Räder geraten. Seine Integrität als Gentleman hatte sogar einen unangenehmen Flecken gekriegt, weshalb ja, wie dir besser bekannt ist als mir, seine eigenen Fachkreise von ihm abrückten.
Mäurer
(aufbrausend):
Das war eine unqualifizierbare Hetzerei, Rasmussen. Dort steckt die Gemeinheit, wo man dieser grundnoblen Natur nachgeredet hat, er ließe sich von Hanna Elias und von den Geldern ihrer Liebhaber aushalten. Meine Hand ins Feuer, das war ja gerade der Fehler dieses armen Kerls, daß es ihm gegen den Anstand ging, seinen Arm auch nur nach einer Mark auszustrecken.
Rasmussen:
Schön! Aber damit erreicht man eben doch schließlich nichts.
Mäurer:
Meiner Ansicht nach hätte Schilling in der Kunst sehr möglicherweise trotzdem noch was Passables erreicht. Man mußte nur seinem trägen Willen nachhelfen. Du hätt'st ihn sehen sollen, noch wie er vor einigen Tagen war, als wir ihn hier tüchtig aufgepolstert hatten und bevor sein Verhängnis, in Gestalt dieser Hanna, hier auftauchte. Und deshalb behaupt' ich auch, wenn sein Leiden älteren Datums ist, so ist es doch erst seit der Ankunft der Weiber in das galoppierende Stadium eingetreten. Als er oben am Kirchhof zusammengebrochen war und wir kamen dazu und sahen diese Hanna über ihm, da kam es mir vor, als müßte nun irgendwelche höllische Hakelberend zu dieser vollendeten Hatz Halali blasen.
Rasmussen:
Wo es dann aber noch ärger gekommen ist. Hüte dich nur vor der Majakin.
Mäurer:
Ich bin kein Gabriel Schilling, Rasmussen. In vierzehn Tagen pack' ich mir meine Lucie ein und rutsche mit ihr nach Florenz hinunter.
Rasmussen:
Warum heirat'st du denn das Mädel nicht?
Mäurer:
Weil das für unsereinen immer die Klippe ist.