Abend und Morgen.
Dich grüß ich still, o linder Abend;
Denn alle Fesseln lösest du,
Die mir am Tag die Seele banden:
Du endlich wehst mir Frieden zu.
Ich fühl ein seliges Genügen,
Als wär mein Lebenswerk vollbracht,
Ein starkes, ruhiges Entsagen,
Als möcht ich sterben über Nacht.
Und weiß, ich grüße dich, o Morgen,
Mit neuem, siegesfrohem Mut
Und trag dir mit der jungen Erde
Entgegen meine Liebesglut.
Von nie gekannten Lebenskräften
In tiefer Seele regt sich’s nun
Und ruft mit tausend hellen Stimmen:
„Noch ist die Stunde nicht, zu ruhn.
Dein selbstzufriedenes Genügen
War einer schwachen Stunde Wahn;
Sieh hin! Aus Nebeln steigt die Sonne:
Ein neuer Weg ist aufgetan!“