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Gedichte

Chapter 128: Eines Tages.
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About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Eines Tages.

Durch die silberflimmernden Gardinen,
Über rote Blumen floß ins Zimmer
Immer-immerfort die Sommersonne;
Am Piano saß das blonde Mägdlein;
Unter seinen rosenzarten Fingern
Sprangen flink und hell empor die Töne,
Klang das Liedlein „Mit dem Pfeil, dem Bogen“ —
Aber was ergriff den Mann im Zimmer
Nebenan? Den Blick noch kaum erhob er,
Kaum dem Klange neigt er noch das Ohr —
Packt ein Schütteln ihn bei beiden Schultern;
In die Hände drückt er jäh das Antlitz,
Und ihn wirft ein wildes, stummes Weinen.
Weckt’ ihm wohl das Lied ein tot’ Erinnern?
Eines längst versunk’nen Frühlings Helle?
Nein.
Des Menschen Herz ist eine Schale,
Die die ungeweinten Tränen auffängt,
Alle, alle unvergoss’nen Tränen
Aufhebt einem unbekannten Tag.
Tränen, die dein Aug’ im Jugendlachen,
In der Mannheit Stolz, im Rausch des Kampfes
Einst zurückwies, sammelt still die Schale,
Tränen selbst, um die du nie erfahren,
Stumm-geheim vom Leben zubereitet,
Sammelt sie auf einen stillen Tag.
Ist der unbekannte Tag gekommen,
Braucht es nichts als einer Blume Atem,
Eines Sonnenstrahls geheimes Klingen
Oder eines Liedes Flügelwehn —
Über strömt die übervolle Schale,
Und dein Leben sinkt, ertrinkt im Schmerz.
Von den Armen hob den Kopf er langsam,
Starrte über Nahes in die Ferne,
Und in feuchter, silberreiner Helle
Stieg aus Tränenfluten ihm die Welt.