WeRead Powered by ReaderPub
Gedichte cover

Gedichte

Chapter 134: Das verwandelte Lied.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Das verwandelte Lied.

Mit meinem Lieb durchstrich ich deutschen Wald,
Und froher Rausch aus grünem Licht und Duft,
Aus Windes-Orgelklang und Bergesluft
Ergriff die freudeoffenen Herzen bald.
O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!
Fern oben über Wipfeln rauscht die Welt
Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,
Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!
Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,
Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,
Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!
O sternendunkler Abgrund, ende nicht,
Und laß uns ewig deine Dämmrung trinken — —
Doch ach — ein Eichhorn, tückisch, schadenfroh,
Zerbricht ein Reis — und bricht den Zauberbann.
Sie huscht davon — ein Strahl im nächtigen Tann! —
Und steht — und neigt das Haupt — ein Kuckuck ruft
Fern, märchenfern im Lande Irgendwo.
Und wir, mit Küssen, zählen: Eins — und zwei —
Und drei — und vier — schon schweigt er? Weiter, Schuft!
Und er gehorcht! Nun fünf — und sechs — und sieben —
Und schüttet uns von Leben und von Lieben
Die Herzen voll so ohne Maß und Ziel,
Daß sie mich von sich stößt und ächzt: „Nun wird’s zu viel!“
Zuviel, zuviel der Lust! Das Herz tut weh
Von so viel Kraft und Glück, und könnt’ ich schrei’n
Wie —
Still! Da fällt ein fremder Klang herein —
Von fern ertönt ein Horn — o je, o je!
Genießen müssen wir — da gibt es kein Entflieh’n —
Die Weise „Wenn die Schwalben heimwärts zieh’n“.
Nicht übel blies der gute, ferne Mann;
Doch wenn man nun einmal ein Lied nicht leiden kann —
Und seltsam: meinem Lieb ging’s ebenso:
Es war ein traurig Lied und stimmt’ uns herzlich froh.
Gefühlvoll blies er sehr vom Abschiedsbangen —
Wir näselten und dudelten’s ihm nach
Wie zwei der Zucht zu früh entlaufne Rangen.
Und lachten, lachten — — und verstummten jach.
Denn uns entgegen kam am Stock gegangen
Ein Mensch — war’s noch ein Mensch? War’s noch ein Gehn?
Zu jedem Schritt mußt’ er die Kraft erst sammeln;
Ein Tasten war sein Gang, ein banges Stammeln —
Nie hab’ ich solch ein arm Gesicht gesehn!
Und jeder Zug darin ein zuckend Mühn:
„Nur diesen Sommer säh ich gern verblühn!“
Und aus den Augen — ach, aus diesen Augen,
Die sich mit langem Blick ins Hirn mir saugen,
Sprach mehr zu mir als Leiden, mehr als Leid:
Schrie bettelnd jener herzgrundtiefe Neid:
„Warum gebt ihr mir nichts von eurem Leben!
Ihr seid doch überreich und könntet gern mir geben,
Und drückt euch stumm vorbei —“
Als wir vorübergehen,
Berührt sein Stab den Saum von ihrem Kleide.
Wir schritten weiter, ohn’ uns anzusehen.
Von selbst und heimlich flocht sich Hand in Hand,
Und ferngewandten Auges sahn wir beide
Mit großem Blick ins dunkle Schicksalsland.
Willkommne Rast am birkenkühlen Hang —
Und wieder hallte herüber des Hornes Klang
Und klagte: „Ob ich dich einst wiederseh?“ —
Da ward uns beiden ums Herz zum Weinen weh.
Es war ein Lied — mocht’s viel, mocht’s wenig taugen —
Ein Lied war’s mit zwei sterbenden Menschenaugen. —