Hans Holbein und der Lord.
Kam einst zu Meister Holbein zu London in der Stadt
Ein stolzer Lord und pochte: „Ich bin des Wartens satt!
Was habt ihr unterm Pinsel? Gar Seltnes muß geschehn,
Weil ihr euch eingeschlossen. Macht auf! Ich will es sehn.“
Der Meister aber hatte vom Könige Befehl,
Geheim ein Werk zu schaffen, das jedem er verhehl’.
„Ihr müßt die Neugier zähmen,“ sprach Meister Hans zum Lord
Und gab, ihn zu beschwicht’gen, noch manches gute Wort.
Dem aber ward vor Lordschaft die Leber heiß und kalt.
Er tobt’ und wollt’ erzwingen den Eingang mit Gewalt.
Da packte Zorn den Künstler; er nahm den Lord beim Schopf
Und warf ihn stracks die Treppe hinunter über Kopf.
Wehklagend, drohend, fluchend, mit gut verbundnem Kopf,
Den Maler zu verpetzen, zum König eilt der Tropf.
Allein noch etwas schneller war Meister Hans zur Stell’,
Zu melden, wie ihn reizte der adlige Gesell.
Als er sie beid’ vernommen, da sprach der König kurz
Zum Edelmann: „Er soll dir genugtun für den Sturz;
Abbitte soll er leisten; verwiesen sei ihm auch,
Daß er vom Hausrecht machte so gründlichen Gebrauch.“
Die Buße aber dünkte dem Edlen gar gering
Für das, was sich ein Künstler, ein frecher, unterfing.
„Je nun“, sprach er, „dem Burschen geht’s hier am Ort nicht schlecht:
Ich aber, ich verschaffe mir selbst noch bessres Recht!“
Aufsprang im Zorn der König: „Läßt dich mein Spruch nicht ruhn,
So höre: mit mir selber hast du’s fortan zu tun!
Und was du, ihn zu kränken, dem Meister tust und sagst,
Das tust du mir, dem König! — Bedenk es, eh du’s wagst!
Denn wisse: leichter Mühe — kaum braucht es eines Worts! —
Mach ich aus sieben Bauern im Husch mir sieben Lords;
Doch einen einz’gen Holbein aus einem ganzen Heer
Von eitlen Lords zu machen, das glückt mir nimmermehr!“