Unsere gefangenen Brüder.
(1919.)
Sie rufen euch! Hört ihr’s? Sie rufen euch!
Die Frankreichs Niedertracht, die Englands Roheit
In Ketten hält, aus Hunger, Gram und Schmach
Her gellt ihr Schrei:
„Ist Deutschland wirklich tot?
Lebt keine deutsche Seele mehr, kein Herz,
Das unser Elend fühlt und seine Schande?
Wir hören: Deutschland tanzt! Doch das ist Lüge,
Muß Lüge sein. Das Volk, von dem wir schieden,
Als wir zu Felde zogen, das war groß,
Und Unglück macht die Großen doch nur größer!
Nein, nein, das ist gewiß: Unzähl’ge Hände
Im heil’gen Vaterlande regen sich,
Uns zu befrein! Was einen Stein erbarmt,
Was ein Franzos’ ersinnt, ein Brite tut,
Das muß dem niedrigsten der Erdenkinder
Das Eingeweid’ aufwühlen — wie nicht sollt es
In Flammen setzen unsrer Brüder Herzen?!
O macht uns frei! Von Tag zu Tag, von Stunde
Zu Stunde, von Minute zu Minute
Erharren wir, erhoffen wir, ersehnen,
Erflehen wir die Freiheit! Ach, wann helft ihr?
Wir möchten unsre Kinder wiedersehen
Und unsere Weiber, Mütter — unsre Lieben!
Wann wird das sein? Ob’s morgen ist? Ob heute?“
So rufen sie! Hört ihr es nicht? Sie rufen!
Was gebt zur Antwort ihr? Antwortet ihnen:
„Wir sind am Werk! Wir rasten nicht noch ruhn,
Euch zu befrein. Und zögert das Gelingen,
So habt Geduld und nehmt euch dies zum Trost:
Mit jedem Tag, der euch in Tränen aufgeht,
Wächst unsre Lieb zu euch, wächst euer Lohn!
Mit jedem Tag, den ihr in Gram verhaucht,
Wächst Deutschland aus der Nacht, wächst Deutschlands Kraft!
Mit jedem Tag, den ihr im Grimm verflucht,
Wächst schrecklich die Verdammnis eurer Henker!
Auf seinem Weltenthrone sitzt noch immer,
Gewärtig und gerecht, der Weltenrichter.
Am Tage des Gerichtes sollt ihr kommen
Und in die schwere Schale ihrer Schuld
Die Zeiten eures bittren Jammers legen,
Nicht Tag für Tag, nicht Stund’ für Stunde, nicht
Minute für Minute, nein! Ihr sollt
Sekunde für Sekunde wiederzahlen
All eure Pein, auf daß die bleichen Schelme
Tropfen für Tropfen würgen an dem Gift,
Das sie dem Unglück fühllos eingetränkt.
So schwer’s auch falle, faßt euch in Geduld!
Es kommt ein Lenz und mit ihm Deutschlands Tag.
Es kommt ein Tag erlösenden Gewitters,
Der Deutschlands Fluren segnet mit Gedeihn
Und seiner Feinde geile Saat zerschlägt.
Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!
Acht Worte sind’s, in diese beißt die Zähne:
Je höh’r die Schuld, je näher die Vergeltung!“