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Gedichte

Chapter 18: Quintus Sertorius.
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About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Quintus Sertorius.

Motto: 
Die Geschichte liebt die Coriolane nicht; auch mit diesem hochherzigsten, genialsten, bedauernswertesten unter allen hat sie keine Ausnahme gemacht.
 
Th. Mommsen.
Röm. Gesch. Bd. III.
In hellem Glanze über Spanien stand
Sertorius’ Stern. So leuchtete die Freiheit!
Das war ein Kämpfer für des Volkes Recht,
Das frecher Adel in den Staub getreten:
Der blut’ge Sulla hielt in Rom das Szepter,
Und Weihrauch streuten ihm die Oligarchen.
Sertorius? War’s der Tapfre nicht, der Große,
Der in drei Kriegen sich bedeckt mit Narben,
Der in der Brust ein Herz voll Güte trug,
An Heldenmut und Edelsinn ein Ritter?
Derselbe war’s — und ins Exil trieb ihn
Des Tigers Machtgebot. Nach Afrika
Trug ihn sein flieh’nder Fuß; vor Tingis trieb
Er in die Flucht die römischen Kohorten;
Durch Cottas Kriegsgeschwader schlug er sich
Mit eines Löwen Kühnheit, und als Gast
Empfing ihn jubelnd Lusitanien.
Alsbald gehorchte seinem Wink ein Heer
Von Söhnen jenes Lands und von Verbannten.
Ein winzig Heer! Zu einem großen schuf’s
Der Haß der Emigranten gegen Rom,
Der Lusitanier freiheitglühnder Sinn
Und seines Feldherrn wunderbare Größe.
Den „neuen Hannibal“! so nannten ihn
Die Krieger, und er war’s, nicht darum nur,
Weil er dem Krieg ein Auge schon geopfert.
Jedweder Sieg ward ihm zu größerm Sieg,
Und Siege schuf er sich aus Niederlagen.
Das Hochland Tarracons war ihm bekannt
Wie Baetica’s ergrünende Gelände —
Bekannt war ihm des Unglücks bittrer Kelch
Wie des Triumphes süßer Taumelbecher —
Und groß erfand ihn jeder neue Tag.
Wie bald verstummte Romas blöder Spott,
Mit dem beworfen sie den Demokraten
Samt seinem Heer! Metellus war entsandt,
Den Aufruhr zu ersticken; aber schnöde
Verließ der Ruhm die römischen Standarten.
Im blutigen Guerillakrieg zermürbte
Sertorius seinen Feind, ihn oft umstellend,
Aus einem Netz ihn in das andre lockend,
Bis Überdruß und knirschende Verzweiflung
Die Krieger Roms ergriff, und bis der Mangel
Die Reihen lichtete mehr als das Schwert.
Indessen schlug des Aufruhrs Flamme wild
Von einer Stadt zur andern. Immer drohnder
Erschwoll die Brandung. Die Gemeinden Spaniens
Zujubelten begeistert dem Befreier,
Zu dem Diana selbst, des Krieges Göttin,
In jeder Nacht die weiße Hindin sandte,
Um ihm ein Siegsorakel zu verkünden.
Mit Blitzesschnelle durch das Römerreich
Die Kunde flog von Sullas Tod! Der Asche
Entglommen neue Brände. In Italien
Zog gegen Rom das Heer der Demokraten;
Doch ihre Kraft zerschellte an den Mauern
Der Stadt. Mit des geschlagnen Heeres Kerne
Erschien, um sich Sertorius zu verbünden,
Auf Spaniens heißem Boden jetzt — Perpenna.
Zwei Führern folgte dann das Doppelheer,
Zwei Männern, gleich an Rang, doch nicht an Ruhm,
Gleich an Gewalt — in Worten, nicht im Geist.
So, als am Fuß der Pyrenäen nun
Der glückliche Pompejus stand, ein neuer
Und drohenderer Feind der Insurgenten,
Erscholl es aus Perpenna’s eignem Heer
Mit lautem Ruf: „Nur einer soll fortan
Uns Führer sein! In einem Geiste ruht
Die sichre Kraft des zielbewußten Tuns!
Drum — weil nur einem Stern wir folgen können,
So führe uns der glänzendste fortan
Den Weg: Sertorius!“
Da mit glühender Schneide
Fuhr durch Perpennas Herz der Dolch des Neides —
Und schweigend wich er seinem Nebenbuhler.
Pompejus zog heran. Ihm stellt’ entgegen
Perpenna sich am untern Lauf des Ebro,
Den Übergang den römischen Kohorten
Zu wehren. Doch mit stürmischer Gewalt
Erzwang das Römerheer sich seinen Weg,
Und machtlos wich Perpenna. Auch geschlagen
Ward bei Valentia ein zweites Heer
Der Insurgenten, das Herennius führte.
Zeit war’s, daß wieder mit des Blitzes Strahl
Des Helden Geist die Macht des Feinds zerschlage.
Vom obern Lauf des Ebro kam Sertorius,
Und sieh, um Lauro rollten auf dem Plan
Des Kampfes Würfel, bis Pompejus’ Heer,
Vom schlimmen Feind umstellt, mit Mühe nur
Dem Untergang entrann, und bis der Römer
Ohnmächtgen Arms zum Himmel lodern sah
Die blutgen Flammen, die die Stadt verzehrten,
Ein grauser Opferbrand des Überwinders!
Und wieder dann am Sucro unterlag
Der Sendling Roms dem Gegner.
Da vom Süden,
Sich dem Genossen zu verbünden, rückte
Heran mit starker Macht Metellus. Nieder
Rannt’ er mit wildem Ungestüm die Streitmacht
Des neidischen Perpenna; nahe schon
War er dem Freund — allein Pompejus kargte
Mit seinem künftgen Ruhm; mit keinem Zweiten
Wollt’ er des Sieges goldnen Lorbeer teilen!
Allein, in blinder Eile bot die Schlacht er
Dem Gegner an, und dieser ließ frohlockend
Den Gimpel in die goldne Falle gehen,
Die selbstgestellte, seiner Eitelkeit.
Am Turiafluß gab jener Eitelkeit
Das siegende Genie die blut’ge Lehre;
Denn fast zerschlagen ward das Römerheer.
So häufte Sieg auf Sieg der Einzige,
Indes Perpenna schmachvoll wiederum
Geschlagen worden durch Metellus’ Schwert,
Indes im Süden auch vernichtet ward
Ein Heer der Insurgenten und sein Führer,
Der tapfre Hirtulejus, sterbend fiel.
Gefunden hatten sich Metellus und
Pompejus, um vereint fortan zu kämpfen.
Da faßte feiges, klägliches Verzagen
Die Emigranten, und in alle Winde
Zerstreute sich Sertorius’ Heer. Verlassen
Nun stand er da; von wenigen Getreuen
Begleitet nur, entwich er dem Verderben
Und warf sich, ungebrochen, unbezwungen,
In Clunias mauerndunkle Felsenveste.
Der Winter kam. Durch seine düstern Wolken
Rang sich des Feldherrn mächt’ger Sonnengeist
Mit neuem Licht hindurch. In wilder Sturmnacht
Entwich er Clunias sicherm Schutz, das wachsam
Der Feind besetzt hielt, und als wieder dann
In ihrem Laufe sich die Sonne wandte,
Stand er an eines neuen Heeres Spitze,
Zum Kampf bereit, zum Sieg — zum Untergange.
Rom sandte neue Legionen. Wieder
Verfolgte der verschlagne Feind die Römer
Mit den verhaßten, widerwärt’gen Schrecken
Des kleinen Kriegs. Und als, gezwungen dann
Zur großen, offnen Schlacht, am Calagurris
Sertorius der gedoppelten Gewalt
Der beiden Heere gegenüberstand —
Warf er Pompejus und Metellus nieder.
Da klang ein Schrei der Wut und der Verzweiflung
Durch Rom. Acht Jahre währte schon der Krieg,
Der schmachtvoll-blut’ge, und kein Ende war
Noch zu ersehn. Die Blüte seiner Jugend
Gab Rom dahin; in jedem Jahr verschlang
Das Schlachtfeld einen heil’gen Lenz. Versiegt
War selbst des Goldes Quell dem reichen Rom.
Verödet war schon längst das blühnde Spanien
Durch Schwert und Feuer. Nur voll Mißmut folgte,
Mit trotzig-düsterm Widerwillen nur
Das Römerheer noch den entehrten Fahnen.
Ganz Rom erscholl von Angst- und Klagerufen
Ob tausendfachen Unglücks. „Unsre Meere“,
So hieß es, „tragen nur noch der Flibustier
Verwegne Räuberscharen, und seit langem
Wagt schon kein friedlich Fahrzeug mehr, den Weg
Vom sichern Port ins offne Meer zu nehmen.
Italiens Sklaven rotten sich zusammen
Mit finstrer Wut, und an der untern Donau
Erhebt sich drohend Makedoniens Volk.
Loht nur der Westen auf in hellen Flammen?
Reicht nicht Sertorius schon die Freundeshand
Dem ränkevollen Mithridat nach Osten,
Dem Punier gleich, der in Philippos einst
Im Osten uns den zweiten Feind erweckte?
Weh uns, wenn solch ein Bund das Römerreich
Umklammert hält! Die Pyrenäen bald,
Die Alpen wird Sertorius überschreiten
Und rütteln an den Pforten dieser Stadt —
Ein neuer Hannibal steht vor den Toren!“
Ein neuer Hannibal! Ein treffender
Vergleich von vorbedeutungsvoller Tiefe!
Dem großen Sohn Karthagos glich der Edle
Nur allzu sehr! Darum auch sah er längst
Mit unbeirrtem Blick der Dinge Ziel:
Vor seiner Seele stand sein Untergang.
Vor diesem Geiste hielt kein Schmeichelwahn,
Kein eitles Hoffen stand, und diesen Augen
Verbarg die Zukunft kein umdüstert Bild.
Wer hemmte noch den feigen Unbestand
Ausreißender Soldaten, die berechnend
Zur rechten Zeit der Übermacht sich beugten
Und die wie Lämmer in die sichre Hürde
Sich flüchteten, bevor das Wetter kam!
Wer durfte Treue fordern und Gefolgschaft
Von den Gemeinden, die sich fromm ergaben,
Da Rom mit Mutterarmen sie empfing
Als reuevolle Kinder und hingegen
Dieselbe Mutter doch ob den Verstockten
Im Rachezorn die blutge Geißel schwang?
Die besten Kämpfer mit den besten Führern,
Sie waren längst dahin — und wer vermochte
Der Überlebenden erhabne Weisheit
Samt ihrer eitlen Hoffart zu ermessen?
Jetzt war die Zeit gekommen für den Neid,
Die giftge Lästerzunge frech zu rühren,
Sich groß — in der Erbärmlichkeit zu zeigen;
Denn untreu ward dem Genius — der Erfolg.
Mit ersten Schlägen kam das Unglück. Endlich
Ergab sich’s nun, was man zuvor schon lange
Sich still gesagt: das Große dieses „Helden“
War nicht sein Geist, es war sein plumpes Glück!
Und da es von ihm wich, ergab er sich
Fluchwürd’gem Müßiggang, bei Festgelagen
Vergeudend Zeit und Geld. War’s noch verlockend,
Mit diesem dumm und blind sich ins Verderben
Zu stürzen? — oder winkte jenseits nicht
Mit schmeichelnderem Glanz das hohe Blutgeld,
Das Rom auf des Verhaßten Kopf gesetzt? —
Da atmeten die Schurken auf! Genommen
War ja von ihrer Brust der Bann der Größe,
Die zwingend-allgewaltig sich bezeugte
Und Stillesein gebot! — Perpenna’s Auge
Hielt lauernd unter den Genossen Umschau
Mit giftig-argem Späherblick —
im Dunkeln
Wob sich das Netz umgarnender Verschwörung. —
Im Lager lag Sertorius’ Heer zu Osca.
Gekommen war Perpenna’s Tag. Mit tückisch
Erlogner Botschaft eines frohen Siegs,
Den jüngst ein Teil des Insurgentenheeres
Erstritten habe, trat er zu dem Feldherrn
Ins Zelt. Und dann zum fröhlichen Gelag,
Das er zur Feier solch erlesnen Tages
Zu geben denke, lud er freundlich ihn.
Der Abend kam. In Strömen floß der Wein
Beim Gastmahl. Von berauschenden Aromen
Erzitterte die Luft im hohen Zelt.
Hesperiens Blumen, seine goldnen Früchte
Bekränzten leuchtend-schön das Fest. Wie Flammen
Erglomm der Rebe Blut in goldnen Schalen.
Doch — wie die Becher — überfloß die Lippe
Der Gäste bald von schamlos-wüster Rede —
Wann litt Sertorius je so niedern Brauch?
Ein wilder Geist durchfuhr geheim die Seelen
Und zuckte in den Mienen. Sieh, vom Polster
Sich halb aufrichtend, griff nach seiner Schale
Der freche Mark Anton, und so zum Feldherrn
Gewendet, rief er laut: „Ein Sieg! Nun wahrlich,
Ein kostbar-seltnes Ding für unser einen!
Wer hörte wohl dies Wort seit langen Monden?
Ein Sieg! Ich wußt’ es wohl, daß dich, o Feldherr,
Die weiße Hirschkuh nicht verlassen werde.
Zwar hat ein andrer jetzt das Schwert geführt
Als du und den willkommnen Sieg errungen.
Gleichviel! Du bist am Ende doch der Sieger;
Diana hilft dir durch den Arm der Freunde
Sieh, diesen Becher bring’ ich deinem Glück!
— Du schweigst? Durchfröstelt denn auch dich der Zweifel
An dieses Glücks Bestand? Mir freilich schien es
Seit langem schon, als hört ich Raben krächzen
Ob unserm Haupt; ein Richtbeil sah ich blinken;
Und abgeschnittne Demokratenköpfe
Auf hohen Stangen winkten mir im Traume.
Was tut’s? Wir machen noch ein lustig Ende!
Und wenn’s dem Glück nicht gelten soll, so fließe
Den Unterird’schen dieser volle Becher! ...“
Erriet Sertorius nicht des Frechen Absicht,
Den Streit zu wecken? Wohl erriet er sie!
Voll bittern Unmuts warf er schweigend sich
Zurück ins Polster.
Klirrend da zu Boden
Fällt eine Schale. Von Perpennas Händen
Ward sie geschleudert zum verruchten Zeichen.
Sieh! jählings schnellt von seinem Ruhebett
Der schnöde Mark Anton empor, und wütend
Bohrt er in seines Feldherrn edlen Leib
Mit wildem Stoß den mörderischen Stahl.
Aufspringt der schwer Getroffne. Doch bezwungen
Von ihren Armen, bricht er stumm zusammen,
Und ganz den unbeschützten Leib durchlöchert
Von seiner Feinde gottverfluchten Dolchen,
Verröchelt er am Boden ...
Banges Grausen
Durchschauerte das Heer am frühen Morgen,
Als es des Helden Tod vernahm, und wandeln
Durch seine Reihen sah es seinen Schatten
Mit Rächermienen. „In die Schlacht mit uns
Zieht nun sein Geist nicht mehr!“ so flog es bebend
Von Mund zu Mund, und auch des Kühnsten Wange
Erblich vorm Hauch geheimer Todesahnung. —
Den Feldherrnstab mit blutbefleckten Händen
Ergriff Perpenna. Planlos zum Gefechte
Führt’ er Pompejus alsobald entgegen
Die zuchtentwöhnten, mutverlassnen Haufen.
In wildem Schrecken vor dem Römerschwerte
Zerstob der Aufruhrscharen letzter Rest.
Gefangen ward Perpenna. — Da ein Kästchen
Mit allen Briefen des Gemordeten,
Die angesehne Römer insgeheim
An ihn gerichtet, legte unterwürfig
In seines Siegers Hände der Gefangne.
Den Flammen übergab Pompejus schweigend
Die Blätter — und dem Henker den Verräter.
Ein Wink! — und vor des Mörders Füße rollte
Sein blutig Haupt. — —
Am Boden kriechend, zuckend
Erstorben war des Aufruhrs letzte Flamme;
Gesunken war der goldne Stern im Westen,
Und Spanien lag zu seines Siegers Füßen.