An einen armen Dichter denk ich heute,
Der eines nebligen Novembertags
Von Hamburg mit der Post gen Norden fuhr.
In Kiel ward Rast gemacht. Die Passagiere,
Nach wohl durchrüttelter, durchfrorner Nacht
Der nahen Labung froh, entstürzten fröhlich
Dem Wagen, riefen nach dem Wirt und heischten
Ein gastlich Zimmer und ein dampfend Mahl.
Nur Friedrich Hebbel schwieg. Die Barschaft reichte
Zu einem warmen Trunke kaum. Gegessen
Hatt’ er am Abend und am Morgen nicht;
Auch jetzt entschlug er rechnend sich des Mahls.
Er hatte seinen Deutschen erst die „Judith“
Geschenkt, darum auch war es ihm versagt,
Ein Zimmer zu bezahlen. Unter Knechten,
Fuhrleuten, die sich lärmend unterhielten,
Saß er im Postkontor und schrieb ein Brieflein.
Er schrieb: „Als ich Dich gestern nun verlassen,
Als ich im Wagen saß, schloß ich die Augen
Und öffnete sie eher nicht, als bis
Die Tore Hamburgs wir im Rücken hatten.
Nichts sollte mir Dein liebes Bild verdrängen
Ich wollt es mit mir nehmen in die Nacht,
Und sieh, in Traum und Schlummer dieser Stunden
Wie viel hab’ ich an Dich gedacht, Elise.“
Du Liebesmacht des Weibes, sei gesegnet
In Ewigkeit. Blickt hin auf die Geschichte
Erhabner Geister, die im Kampf bestanden:
Wie oft blüht neben ihrem lauten Ruhme
Nicht eines edlen Weibes stiller Ruhm.
Denn eines Weibes Liebe, merkt es wohl,
Ist ganz so stark wie eine Welt voll Haß.
„Männer gebären soll das Weib, nicht Männer morden“,
So klingt ein mächtig Wort in dieser „Judith“.
Ich aber weiß ein Höhres noch dem Weibe:
In Not und Nacht uns Männer zu erhalten.
So lang der Name Friedrich Hebbel leuchtet —
Und strahlen wird er durch Jahrhunderte —
So lange werden neben ihm erglänzen
Wie stille Flammen, die im Sturm nicht beben,
Zwei Namen auch: Elise und Christine.
Zweimal war er dem Untergange nah,
Und zweimal hat ihn eines Weibes Liebe
Uns neu geschenkt. Christine und Elise!
Ihr gabt so viel uns, wie der Dichter gab,
Ihr gabt uns Hebbeln. Und ihr lebt wie er!
Noch freut Christine sich des Sonnenlichts,
Die edle Frau, um deren hohe Scheitel
Ein jubelnd Volk des Dankes Lorbeer schlingt.
Seit vielen Jahren aber schläft Elise
Den traumlos tiefen Schlaf. Oh, kämen Träume
In diesem Schlaf, gewiß umschwebte sie
Das Bild des Helden, den sie so geliebt,
Wie einst ihr Bild ihm in die Nacht gefolgt.
Allein, wie tief und fest dein Schlummer sei,
Unsterblich ist, was wahrhaft einst gelebt:
So wacht in treuen Herzen deine Treue.
Ja, deine Treue, deine Liebe ist’s,
Die zum Gedächtnis dir ein Mal errichtet,
Und was des Steines Inschrift immer sei,
Vom Feuer deines Herzens wird er klingen
Und rufen in die haßerfüllte Welt:
Durch Liebe lebt, was groß und köstlich ist!