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Gedichte

Chapter 19: Sibirien.
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About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Sibirien.

Wassili Petukoff, was pocht so dreist
An deine Tür? Ein Abgesandter ist’s
Der Polizei, der liebreich sorgenden.
Hast du nicht einen Gast bei dir geduldet,
Der liberalen Sinns verdächtig war —
Genug, genug, Wassili! Draußen harrt
Der Tarantas schon, der dich schnell entführt.
Du scheinst dem Staat gefährlich, und „der Staat“
Gibt dir, auf „unbestimmte Dauer“ nur,
Im heil’gen Rußland einen sichren Wohnplatz.
Wie? — Was? — Gericht verlangst du? Unverschämter,
Glaubst du, der Gouverneur und der Minister
Und der Isprawnik — alle miteinander
Von Gottes Gnaden! — wüßten nicht von selber,
Was rechtens ist? Frag Wölfe, ob ihr Opfer
Nach einem Richterspruche sie zerreißen
Und nicht nach Gier und Laune! Rüste dich!
In Ohnmacht sinkt dein schönes, junges Weib;
Die erste Hoffnung eines jungen Glückes
Keimt unter ihrem Herzen — rüste dich!
Nimm Abschied — tu’s für lange, guter Freund!
Dein künft’ger Wohnort liegt ein wenig weit,
Und weit ist auch der Zar, der dir nicht hilft,
Und hoch der Himmel auch, der dir nicht hilft.
Versieh mit einem guten Pelze dich;
Denn lange Monde geht durch Sturm und Schnee
Die Fahrt ins unermessne Feld des Todes.
Zum Teufel, schnell! Man hat nicht Zeit. Zerreiß
Dein Glück — ei was! Zerreiß dein Leben gleich!
Du bist von Hunderttausenden nur einer. —
Ein wilder Kuß in krampfender Umarmung —
Ein Schrei, nachgellend — ein erstarrter Blick —
Der Wagen rast davon. — „Leb’ wohl, Maria!“ —
— — — — — — — — — — — — — — —
Ein hübscher Weg ist’s von Iwangorod
Bis Werchojansk. Er geht durch Sonnenbrand
Und Staub, durch Frost und Staub, durch Wind und Staub,
Wenn nicht der Schnee in grausenvollen Stürmen
Verschüttet Wege, Dörfer, Städte, Menschen.
Bei Jekatrinenburg sagt man Europa
Ein dankbar Lebewohl, — der nasse Blick
Umirrt den Grenzstein, bis er fern verschwimmt. —
Und rastlos weiter geht’s, bis endlich, endlich
Du dorthin kommst, wo einsam durch der Tundras
In Ewigkeit vereiste Moore knirschend
Die Jana die vereisten Fluten drängt.
Dort Werchojansk. Dort endlich darfst du bleiben,
Armer Wassili! Nun versuch dein Glück!
Warst du daheim nicht Arzt? — Es tut mir leid:
Den Kranken helfen, ist dir streng verboten.
Du schlichest dich gar leicht ins Herz der Kranken
Und streutest aus den Samen der Empörung.
Allein du bist gebildet — also lehre!
Es tut mir leid: Du darfst nicht unterrichten.
Das wär’ dir eben recht: den Geist der Schüler
Durch deines Geistes Gifte zu entzünden!
Jedoch Musik wirst du noch lehren dürfen —
Es tut mir leid, mein Freund; doch die Regierung
Hat ein verteufelt schlechtes Ruhekissen.
Sie, die dich quälen, die dein Herz zerfleischen,
Sie schlafen den verfluchten Schlaf des Mörders
Und würden aufgeschreckt von deinen Tönen.
Was also bleibt dir? Bau den Acker! Freilich,
Hier ist kein Acker. So verdinge dich
Als Tagelöhner — doch wer wird dich nehmen?
Gewißlich niemand. Jeden Tag gehörst du,
Gehörst jedwede Stunde und Minute
Den Schergen, die dich peinigen. Von Strolchen,
Die ehedem des Kerkers Eisen trugen,
Wirst du bewacht. Gemeinheit ist ihr Atem.
Sie fangen deine Briefe auf; sie lesen,
Was dir dein Weib, was dir Maria schrieb
Im namenlosen, heiligen Schmerz der Liebe.
Du aber liest es nicht, wenn’s deinen Wächtern
Nicht so beliebt. O heiße du den Hunger
Mit Inbrunst doch willkommen, der dich tötet —
Doch nein, nicht so! Die Bestien, die dich martern,
Sind Christen ja und lassen zwar dich hungern,
Doch nicht verhungern!
— — — — — — — — — — — — — — —
— — — Schau, was wälzt sich dort
Die Straße her von Tomsk mit schwerem Schritt?
Aus Wolken Staubes blitzen die Gewehre —
Kommandoruf ertönt — ein langer Zug
Von groben, grauen, buntbeflickten Mänteln —
Gefangne sind es, Männer, Weiber, Kinder,
„Gemeine“ und „Politische“, bestimmt,
Im fernen Osten langsam zu verderben.
Mit manchem Manne teilen Weib und Kind
Die Schrecken der Verbannung, so bezeugend,
Daß Liebe größer ist als Erdenelend.
Wirr fällt das Haar von halbgeschornen Scheiteln;
In allen Mienen Hunger und Ermattung,
Verhaltne Wut und stumpfe Höllenangst,
Und oft — o Grauenbild! — von bleichem Munde
Ein grimmer Scherz und ein verzweifelt Lachen.
In einem Dorfe macht man Halt. Und gurgelnd,
Wie heisres Grollen bald und bald wie Stöhnen
Aus rauhen Kehlen tönt der „Bettlersang“.
Da fließt aus jedem Haus und jeder Hütte
Die Gabe reichlich; selbst die Armut bringt
Mit magern Händen ihr erdarbtes Brot. —
Und wieder hallt Kommando. „Bildet Reihen!“
Und weiter schleift auf längst zerfetzten Schuhen,
Auf wunden Füßen sich der Trupp dahin. —
Oft bricht ein Kühner wohl aus diesen Reihen
Und flieht der Freiheit zu. Doch fährt ihm bald
Die Kugel des Soldaten in den Leib —
So besser ihm! Er ist erlöst und frei!
Doch still — wer schreitet dort zuletzt im Zug?
Was willst du, armes, unglücksel’ges Weib,
So jung und schön und so erbarmenswürdig?
Suchst du Wassili Petukoff, den Gatten?
O weit noch ist er, weit! Du siehst nicht aus,
Als ob du je ihn wiedersähst, Maria!
Und — o laß sehn! — was birgst du so besorgt,
So angstvoll zärtlich dort im Tuch? — Ein Kindlein,
Dein Kindlein und Wassilis. Sieh, es weint
Und öffnet durstig dir die trocknen Lippen.
Wie drängt dir’s wohl im Herzen nach dem Gatten,
Der Liebe Frucht an seine Brust zu legen
Und unter hellem Jubel, hellen Tränen
In seine Nacht ihm dieses Licht zu bringen! —
Vorüber ist der Zug. Aus Wolken Staubes
Zum letzten Male blitzt ein Flintenlauf. —
— — — — — — — — — — — — — — —
Nach je drei Tagen hält man im Etappen-
Gefängnis Rast. O hochwillkommne Ruhe
Nach Hunger, Frost und Staub, nach Schmerz und Qual!
Nur schade, daß der Andrang gar so groß ist
Zu diesen Häusern! Wohl achthundert könnte
Man darin bergen; fast zweitausend leben
Zur Zeit darin. Nicht Platz ist auf den Pritschen —
Und also lagert man im Kot der Dielen
Zur Nachtzeit, ohne Hülle, ohne Pfühl.
Schmutz überall! Vom Schmutz die Wände starren,
Der Boden und die Decke und die Kleider
Der Menschen und sie selbst. Tritt nicht herein,
Der du gewohnt, in freier Luft zu atmen.
Ein fieberschwangrer Pestgestank benimmt dir
Den Atem, ein mephitisch gift’ger Brodem.
Ein sinnverworrnes und -verwirrendes
Geschrei, Geheul, Gezänk erfüllt den Raum,
Und Männer, Weiber, Kinder durcheinander
Erstöhnen, weinen, seufzen, lachen, fluchen.
Und noch ist des Lebend’gen nicht genug
In diesem Stall! Von Ungeziefer wimmelt
Jedweder Fetzen der Gefangenen.
Der trefflichste Erbarmer ist der Tod;
Er hat ein Herz, der Kerl, und sucht sich täglich
Die Schmerzenvollsten aus und würgt sie sanft,
Wenn sie im Fieber von der Heimat träumen.
Hier rast in Phantasie’n ein Fieberkranker,
Und dort — Entsetzen! — schlug in jenem Winkel
Der Wahnsinn nicht ein gellend Lachen auf?
Man trennt hier nicht die Irren und Gesunden.
Wozu denn auch? Wer will denn unterscheiden,
Ob das, was höllisch glimmt in diesen Augen,
Sei Wahnsinn oder Wut? Ob dieses Antlitz
In Frohsinn oder Stumpfsinn grinst?! — Und mitten
In allem diesem Jammer du, Maria!
O sag’, warum dein Blick so starr geworden,
Seit ich zuletzt dich sah? — Ein Blitz, ein Feuer
Huscht dir ins Auge oft — wer weiß, woher?
Und irrt ins Ferne hin — wer weiß, wohin?
Wo ist dein Kind, dein lieblich Kind, Maria?
Ja, komm heran — ganz nah heran — ganz nah,
Und sag’ es mir ins Ohr mit leisem Weinen —
Erfroren? Auf dem Weg erfroren? Wie?
Dir an der Brust erfroren? O verzeihe,
Ich frage schon nicht mehr — sei still — und weine. — —
Ich will indessen in den Winkel kriechen,
Das Ohr am Boden, will ich schweigend horchen,
Ob ich nicht Donner höre aus den Tiefen,
Und ob nicht Feuer bricht aus tausend Schlünden,
Und ob nicht die Posaune gellt und klingt,
Bis ihr Metall zerbirst vom Hauch der Rache! —
— — — — — — — — — — — — — — —
Und manchen Tag noch schleppte weiter mit
Dem Trupp der Deportierten sich Maria.
Sie, die sie welken, schwinden sahn im Elend,
Die ihren Geist gemach verglimmen sahn,
Vergaßen ihres eignen Grams und weinten.
Nur ein Gedanke lebt ihr noch im Hirn:
„In Werkholensk werd’ ich Wassili sehn.“
Er war fortan ihr Leben, der Gedanke,
Ein dünner Faden nur; doch Tag für Tag
Spann ihn die Sehnsucht weiter. Da geschah’s,
Daß eines Tags sie hörte: „Wie? Wassili
In Werkholensk, dem Dorfe bei Irkutsk?
Du irrst Maria: nicht in Werkholensk,
In Werchojansk lebt Petukoff!“ Und starren,
Verlornen Blickes stammelte Maria:
„Und ist — wie weit — wie weit — bis Werchojansk?“
„Sechshundert Meilen noch! Auf Renntierschlitten
Kommt man dahin auf endlos öder Fahrt!“
Seit diesem Tage war Maria stumm,
Ihr Geist erloschen und ihr Auge tot.
Doch eines Tags, als wieder im Gefängnis
Man Rast hielt, schnellte jählings sie empor,
Und vorgebeugten Haupts, die Hände krallend
Ins Holz der Wände, schien sie mit den Blicken
Ein Etwas zu verschlingen. Dann entriß
Sich ihrer todeswunden Brust ein Schrei,
So wilden Jubels und Triumphes voll,
Daß alles rings erstarrte. Rückgesunken,
Lag sie am Boden dann, entseelt — erlöst! —
Man kam und fand, was ihren Geist erleuchtet
Zum letztenmal. Gekratzt ins Holz der Wände,
War eine Schrift zu lesen, klar und deutlich.
Und flüsternd las man: „Lebe wohl, Maria!“