WeRead Powered by ReaderPub
Gedichte cover

Gedichte

Chapter 193: Das Dogma.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Das Dogma.

Wenn aller Welten Ende nun erscheint,
Dann wird ein Hirt und eine Herde werden,
Und Millionen Augen werden selig
Sich baden in dem einen Strom des Lichtes,
Der von dem Throne des Allweisen rinnt.
Dann wird kein Streiten sein und kein Entzweien;
Sie glauben all an einen Gott und folgen
Dem guten Hirten auf die ewige Weide.“ —
Also verheißen wird’s von Priestermund.
Wer aber will die Weitverstreuten sammeln,
Die hier in Wüsten wandeln, dort auf Meeren
In schwankem Fahrzeug treiben — hier auf Bergen
Fernblickend schreiten, dort in tiefen Tälern
Nichtsahnend schlummern in des Stumpfsinns Träumen,
Und zwischen ihnen Felsen, Wüsten, Meere!?
Ha, wie ihr selbstbewußt die Lippen aufwerft
Zu salbungsvoller Straf- und Donnerrede,
Ihr Weihrauch-, doch nicht Himmelshauchumwehten,
Die ihr statt Gottes nur das Dogma kennt!
Euch dünkt, gelingen müss’ es, alle Wesen
Zum ewigen Lobe Gottes zu vereinen,
Wenn in des Dogmenzwanges enge Hürde
Die Willigen und Trotzigen, die Toren
Und die Vernünft’gen ihr zusammenpfercht!
Und wenn ihr frisch die Geißel schwingt, vermeint
Ihr gar, der Liebe Hirtendienst zu tun!
Ihr kennt der Menschheit Pilgerstraße nicht.
Den ihr gefunden und uns aufgedrungen,
Der ist nicht Gott; doch den wir rastlos suchen
Mit ewig nie ermattendem Verlangen
Und den wir jubelnd ahnen: der ist Gott!
Kennt ihr die Schranke, die den Nachbarn scheidet
Vom Nachbarn, ob auch ihre Hütten traulich
Im gleichen Tal am gleichen Abhang lehnen?
Kennt ihr die Schranke zwischen Ich und Ich,
Die selbst nicht sinkt, wenn Mann und Weib ihr Lieben
In süß erschauernder Umarmung tauschen?
Ein dichtumwachsnes, engummauertes
Geheimnis ist die scheue Menschenseele.
Selbst nicht der Liebe Wort vermag die Fülle
Des Herzens bis zum Grunde auszuschöpfen,
Und nie vermählt ein Ich sich ganz dem andern.
Nein, es bewahrt in frommer Keuschheit sich
Für jene einzige Braut, die kommen wird,
Daß wir sie ganz besitzen, wie sie uns.
Einsam harrt jede Menschenbrust der Wahrheit. —
Einsam? Und ewig abgeschlossen läge
Der Garten einer Menschenseele da,
Nur sich erblühend und dem fernen Himmel?
O nein! Prangt auch die Rose dunkelglühend
Auf diesem Grund, auf jenem schimmernd weiß;
Singt auch die Nachtigall in bangen Seufzern
Aus diesem Strauch und schmetternd hell aus jenem,
Hoch in die Luft erhebt sich Duft und Sang,
Und über Hecken, über Mauern fließen
In eins zusammen Klang und Blumendüfte.
Kein Menschengeist umschließt die Wahrheit ganz;
Doch flammt ein Teil von jenem Lichte, das
Die Welt durchrinnt, in jedem Erdendasein.
Ja, selbst des Tieres Dämmerleben bebt
In froher Ahnung auf zum Sonnenlicht.
Und lebte wo ein Wesen, das die Gottheit
Einsam im ewig Dunkeln ließe tasten,
Das nimmer Teil gewänne an der Wahrheit,
So wär die Wahrheit aller Lügen größte
Und unerhörteste und grausenvollste.
Die Wahrheit ist — und ist darum in allen.
Aus allen Kehlen wird mit siegender
Begeisterung der Ruf erschallen: „Land“,
Wenn einst an einem großen „Allerseelen“
Wir ans Gestade der Erlösung stoßen.
Dann wird des Jünglings trotzig kühnes Wort
Sich mit des Greises mild bedachter Rede,
Der kaum erwachten Kindesseele Stammeln
Sich mit dem Hauch aus Gräbern des Vergangnen,
Der Glanz im Tau, im schimmernden Gestein
Sich mit dem Licht im Blick des Adlers einen,
Und jeder Strom des Daseins wird erbrausen
Im endlichen Triumphgesang der Wahrheit.