Ein Besuch.
In jenem Hause war ich, wo man Tiere
Bewacht und füttert, welche Menschen heißen,
Wo dem gebornen Wahnsinn ein Asyl
Man bietet und den Stumpfsinn zärtlich pflegt,
Daß dem Gesunden sich bei seinem Anblick
Vor starrem Schreck das Hirn im Kopfe löst
Und einen eigensinnigen Wirbel tanzt. —
In jenem Hause war ich, wo der Mensch
Am Boden hockt wie ein verschüchtert Tier.
Die Augen rot und stumpf, die Haare gelb
Wie trocknes Stroh und schwammig aufgedunsen
Die grauen Wangen —: so, sich selbst begeifernd,
Die Zähne fletschend oder äffisch grinsend,
Dann plötzlich wild die ungeschlachten Glieder
Wie Mühlenflügel drehend, sah ich sie,
Aus deren Lallen Gott kein Lob erschallt. —
Sieh diesen da, wie er die Nägel gräbt
In die Matratze, wie er kratzt und kratzt,
Aufwühlend seines Lagers Eingeweide:
Er sucht, so scheint mir, seines Daseins „Zweck“.
Und jener Greis, der uns entgegengrinst,
Der närrisch tanzend unsre Hände faßt
Und uns sein Spielwerk zeigt: ein blökend Schäflein,
Das ihm auf Rollen durch die Stube folgt —
Mich packt und schüttelt Frost — hinweg! — er wird
Sogleich uns gellend in die Ohren schreien:
„Verfluchte Welt, wo ist mein Menschentum?“
Auf der Materie weißes Blatt gedrückt
Hat hier der Geist ein schief-verschwomm’nes Bild.
Stoff ohne Geist erblick ich schaudernd hier,
Und tiefer schaudernd noch empfind ich Geist,
Der der Materie Grenzen überschritten
Und heimatlos in öder Leere schwärmt. —
In jenem Hause war ich — wenn du dort
Gewesen, mundet dir die Welt nicht mehr
Für lange Zeit, und erst mit vielen Monden
Rollt auch der Vorhang des Vergessens nieder.
Was du gesehen, legt so schwer und dumpf
Sich hinter deine Stirn, daß du nur leis
Des Geistes Auge aufzuschlagen brauchst,
Um stets das gleiche Grauenbild zu sehn.
Und immer fragst du dich: Wozu die Sonne
Am Himmel noch? Wozu noch wandeln Sterne?
Warum entströmt der nimmermüden Erde
Mit jedem Lenz der Auferstehung Duft?
Wozu ihr blüh’nder Leib, wenn er, befruchtet,
Ein Menschenkind als eklen Wurm gebiert?
Ist nicht das Streben unsres Geistes, ist
Nicht sein Besitz ein großer, hohler Bettel?
Denn — fanden wir das Glück — wo bleiben diese?
In jenem Hause war ich; fortgeschleudert
Von diesem Erdball schien ich mir; ich sah
Wie eine taube Schnuppe ihn den Weltraum
Durchirren, und von diesen Tollen einer
Schlug mit der Hand danach: Ein Wölkchen Staub!
Herbei, ihr glaubensvoll beglückten Brüder,
Die mitten ihr ins All den Gott uns setztet,
Euch selbst zur tröstlichen Beruhigung,
Herbei und wandelt mit durch diese Hallen!
Das Übel dieses Daseins ist entweder
Von Gott gesandte Strafe oder Prüfung.
Nicht wahr, so lehrt ihr doch? Und werft dabei
Des läst’gen Zweifels brennende Gedanken
Aus einer Hand behutsam in die andre,
Bis sie sich abgekühlt. Warum nun wird
Allhier gestraft und wozu wird geprüft?
Ein artiges Problem für euren Witz!
Wir Gottes Ebenbilder? Und was sind
Nun diese? Gottes Ebenbilder auch?
Wollt’ er in genialer Schöpferlaune
Sich selbst verhöhnen, als er diese schuf?
Das konnt’ er nicht! Denn Gott ist ja die Liebe,
Und Liebe weint, die solchen Jammer sieht.
Wie, oder büßen sie der Väter Sünden?
Ich bitt’ euch, sagt das nicht, auch denkt es nicht!
Denn wer es nur in meiner Nähe denkt,
Dem Pharisäer fahr’ ich an die Kehle! —
Kommt mit, wir wollen lieber beten gehn.
Ich bete mit, wenn mir’s schon nicht behagt,
Auf eure Art zu beten. Habt ihr dort
Den mißgebornen Seelen eine Kirche
Nicht jüngst erbaut? Wir weihen sie nicht besser,
Als wenn wir Gott in ihren Hallen suchen
Und also betend vor ihm niedersinken:
„Allmächtiger, gerechter Gott der Liebe!
Du träufelst Tod auf die erblüh’nden Lippen
Des holden Säuglings, den in Schlummer wiegt
Die frohe Mutter; Sterben träufelst du
Dem Mann ins heitre Aug’, das hoffend blickt
Ins weite Feld der goldnen Zukunftssaaten;
Zum letzten Schlaf berauschest du die Braut,
Wenn schon ihr Geist im Myrtenzauber träumt —
So laß mit ernstem Ringen dich erbitten:
Auf diese Stätte einen Tropfen Tod!
Des Todes Wolke laß auf diesen Greuel
Herniederfallen, den du nicht gewollt!“
Denn, meine Brüder im Gebet, gewiß:
Jehovah reut es, daß er diese schuf.
Die Bibel lehrt uns ja, daß er bereut.
Er will sich nur von diesem Irrtum nicht
So wohlfeil lösen wie durch jene Flut,
In der er alles Lebende ersäufte.
Wenn aber wir ihn bitten mit der Kraft
Inbrünstigen Gebets, wenn in die Hand
Wir ihm mit allem Schmerz des Mitleids fallen,
So muß sich ja sein göttlich Herz erweichen,
Und segnen muß er unsre Hände, wenn
Sie töten, was dem Tod geboren ward.
O seid versichert: Dankend und frohlockend,
Mit heißen Tränen himmlischen Erbarmens
Empfängt er den verlornen Staub zurück.
Fortströmen läßt er ihn von neuem dann
Ins All und — um unsäglich Leid zu lohnen —
Läßt er auf bess’rem Stern zu Tage keimen,
Was hier erlöst in Todesnacht versank,
Läßt er, was hier verdorrt am Zweige hing,
Den Morgentau des Paradieses trinken! —