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Gedichte

Chapter 195: Pestalozzi.
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About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Pestalozzi.

(1896.)

Ein fremder Klang fürwahr in unsrer Zeit:
Der Name Pestalozzi! Zwar gehört
Hat man ihn oft genug in diesen Tagen;
Herab von tausend Rednerbühnen klang er
Und hallte nach von Millionen Lippen;
Doch der herabbeschworne Genius findet
Ein anderes Geschlecht, als er ersehnt.
War er nicht schwach im Kleinen, stark im Großen?
Und also ganz ein Gegenteil von uns?
War er nicht ungeschickt und unbeholfen?
So ratlos und so hilflos wie ein Kind?
Besaß er Biegsamkeit und Witz genug
Für jene vielgewandte Kunst des Rechts?
Verstand er Zeit und Menschen zu gebrauchen?
Verstand er zu regieren und zu herrschen?
Ach, nicht einmal den eignen Vorteil kannt’ er;
Den andern konnt’ er helfen, aber nicht
Sich selber. Hat er jemals wohl verstanden,
Zu einer „immer gleich gestellten Uhr“
Die Schule aufzubaun, zum Mechanismus,
Erstaunlich, wunderbar, von einem Punkt aus
Geregelt und bewegt und täglich, stündlich
Abschnurrend in vortrefflich ödem Tiktak?
In diesen Walzen, diesen Rädern freilich
Bewegung gibt es viel und viel Geschnarre;
Doch ist das Kunstwerk leider, leider tot.
Was Pestalozzi schuf, war nur ein Garten,
Von einem ewig frischen Quell genährt.
Aus seinem Herzen stark und eben floß
Der immer gleiche, reine Strom der Liebe,
Und hundert welke Blumen hoben rings
Die müden Köpfchen, von verschmachtetem
Gezweig erglänzte junges Frühlingslächeln;
Durch halb erstorbne Wesen ließ er strömen
Des Lebens Atem und des Morgens Kraft —
Und diese Kunst verstehn wir leider nicht.
Er, dessen Bild euch grüßt, war ein Genie,
Das heißt, er ward verachtet und gemieden,
Das heißt, er ward verspottet und gehaßt.
Doch solcher Geister köstlichster Besitz
Ist ein geheimes, felsenfestes Wissen.
Und tief gelassen zog er sich zurück
In seines Ringens still beglückten Frieden.
Er brauchte Kinder nur zu seinem Werk;
Denn alles andere besaß er selbst.
Und alle sollten klug und glücklich werden,
Die ärmsten und die schmutzigsten und kränksten —
Und solcher Kinder fand er bald und viel.
Sie zog er sanft in seinen Zauberkreis.
Und herrlich klingt sein Wort: „Sie waren außer
Der Welt; sie waren außer Stanz; sie waren
Bei mir und ich bei Ihnen.“ Bebt darin nicht
Der stille Jubel eines Siegergeistes? —
Die Neider kamen und verklagten ihn:
Er weicht von den gewohnten Wegen ab!
Er treibt es anders, als wir’s Tag für Tag
Und Jahr um Jahr zu treiben längst gewohnt;
Er will ein Andrer, Bessrer sein als wir.
Es kann nicht gut und echt sein, was er tut;
Denn wir durchschauen’s, wir begreifen’s nicht!
Und als das Werk des Sonderlings man prüfte:
Sieh, da durch Wolken drang zum erstenmal
Die Sonne Pestalozzis klar und groß,
Da ward des Ruhmes grünster Lorbeer ihm,
Als man gestand: Er weiß die Kraft zu wecken.
Kein höherer Ruhm ist ihm zuteil geworden;
Denn höheren gewährt die Erde nicht.
Der Großen edles Vorrecht war’s von je,
Im Morgensonnenlicht das Ziel zu zeigen
Und neue Wanderfreude zu erwecken
In müden selbst und staubbedeckten Seelen.
Und ob er tausendfältig auch geirrt:
Am fernen Morgenhimmel sah er deutlich
Die lichten Berge unsrer Hoffnung glänzen;
Mit einem Wink wies er die rechte Bahn,
Und heut noch weckt in uns geheime Kraft
Sein großer Blick aus großen Liebesaugen.
Oh, wär er ganz lebendig noch in uns,
Oh, trüg er uns aus aller dumpfen Kleinheit
Zur Freiheit seiner Größe mit empor!
Nun, da er längst gestorben, längst gekrönt,
Nun ist es kein Verdienst, zu tausend Kränzen
Noch einen neuen Lorbeer aufzuhängen.
Doch bleibt uns andres, edleres Verdienst:
Das Große zu erkennen und zu lieben
Und aufzunehmen in das eigne Herz.
Wohlan denn, Freunde, weitet euer Herz,
Im Innersten den Helden zu empfangen.
Groß sei euch groß, und klein sei wieder klein,
Weckt aus geheimstem Seelengrund die Kraft.
Wo Kraft ist, da ist Tat, und nur wo Tat ist,
Ist Freiheit.