XI. Fröhlicher Krieg.
Frau Beate Stupiditas.
Stupiditas, das gesunde Weib,
Saß am Markt und sonnt’ ihren Leib,
Tät über dem Bauch die Hände falten
Und feil einen Korb voll Fische halten.
Fett glänzt’ ihr Haar und breit ihr Scheitel;
Auf ihre Hüften war sie eitel;
Um Hüften saß und Schultern breit
Zum Platzen glatt ein honettes Kleid.
Schon zwanzig Minuten in guter Ruh
Sah sie einem Orgeldreher zu
Und sah die Kurbel sich drehn und drehn,
Konnte daran nicht satt sich sehn.
Hinter den Wangen blank und dick
Quoll hervor der bleierne Blick;
Die Unterlippe sank so tief,
Daß ihr das Wasser vom Munde lief.
Mit einem Male „hihi, huhu!“
Lachte sie laut und gluckste dazu;
Denn über den Markt mit Wimmern und Schrein
Hinkte ein Hündlein mit blutendem Bein;
Johlende Buben hinterher,
Bewaffnet mit Steinen groß und schwer.
Kam auch daher eine Nachbarin,
Hatte ein Kind im Bündel drin:
„Ach gute Frau Stupiditas,
Ihr wißt ja doch immer zu allem was;
Seht nur die Augen von meinem Kind!
Wie rot und dick! Es wird noch blind!“
„Bind’t Nußschalen drauf, tut Spinnen darein,
Die saugen die Augen blank und rein.“
Stupiditas ist früh und spat
Geschwind zur Hand mit klugem Rat;
Die Leute plaudern gar gern mit ihr;
Denn reden kann sie dort und hier.
Der Bürgermeister, der Syndikus
Nicken ihr würdig vertrauten Gruß;
Die Ältesten, eh’ sie zu Rate gehen,
Bleiben bei ihr ein Weilchen stehen;
Der Richter und der Staatsanwalt
Machen bei ihrem Korbe halt
Und forschen bei ihr, ob sie jemand weiß,
Der der Obrigkeit gezeigt den Steiß.
Dem Priester küßt sie den Mantelsaum,
Er sieht sie gern im heil’gen Raum;
Der Deputierte Schwenkebier
Holt sich vox populi von ihr,
Und der Professor und Meister der Schule
Läßt einen Vortrag von der Spule,
Behauptet am Schluß mit schmunzelnder Ruhe:
„Faber quisque fortunae suae.“
Stupiditas stöhnt: „Ach Gott, wie gelehrt!“
Und fühlen beide sich hoch geehrt;
Dann schwärzt sie ihm einen Dorsch mit ein,
Der töter ist als sein Latein.
Sogar von der Oper der Herr Tenor
Singt ihr ein paar Passagen vor;
Ihr Blick verschwimmt in Dampf und Dunst
Und winselnd haucht sie: „Die Kunst, ach die Kunst?!“
Mit einem Male — halli hallo!
Was jagt durch die Gassen mit Joh und Oho?
Sie bringen einen in Ketten gebunden,
Der hat ein künstliches Brot erfunden,
Für jeden erreichbar! Zu Ende die Not!
Darum auch schlägt man ihn heute tot.
Stupiditas mitten unter der Menge,
Verliert einen Schlarren im Gedränge;
Aber wild-begeistert und heiter
Schlampt sie auf einem Pantoffel weiter.
Wie schwappt ihr Fleischwerk auf und ab,
Ein Haarschwips hängt bis zum Kinn herab!
Die Menge rast, die Zähne gefletscht,
Einer erdrückt, ein andrer zerquetscht,
Ein Dritter unter Rädern zermalmt,
Daß Hirn und Blut vom Pflaster qualmt;
Aber es gibt zu schaun, zu schaun!
Ein Erfinder wird totgehaun!
Der hebt noch die Hände beschwörend und spricht —
Und sieht Stupiditas ins Gesicht — —:
Da erblaßt er tief und verstummt sogleich
Und neigt sich lächelnd dem letzten Streich.
Plötzlich vom anderen Ende — ei!
Tatarata und Hochgeschrei!
Ein weiter Platz von Menschen erfüllt;
Ein großes Denkmal wird enthüllt.
Stupiditas mitten im Schwarme dicht
Hört zu dem Redner mit sanftem Gesicht:
Hört von des Gefeierten Kampf und Not,
Von seiner Sorge ums liebe Brot,
Wie er vergeblich sein’ Kraft verschwendet
Und endlich im Wahnsinn einsam geendet.
Stupiditas macht das Mäulchen klein
Gleichwie ein sanft-fromm Mägdelein,
Spricht seufzend zur Nachbarin: „Schrecklich, nicht?
Wie schwer das Große Bahn sich bricht!“
Da plötzlich wird es ihr licht im Sinn:
„Ich will’s ihr sagen, Gevatterin:
Die Dummheit! Die Dummheit! Wär’ die aus der Welt,
’s wär’ um uns alle besser bestellt!“