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Gedichte

Chapter 246: Wahlgeschichten.
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About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Wahlgeschichten.

1. Der Regierungskandidat.

Die Hasen wollten sich vertreten lassen
Durch einen Abgeordneten beim Jäger:
Das sollte den aufs Blut bedrängten Massen
Ein Anwalt sein und ihres Rechtes Träger.
Da trat des Jägers Hund in ihren Kreis
Und sprach — er ließ sich gern herab zu wedeln —:
„Wer euch noch einen bessern Anwalt weiß
Als mich, der rede frei heraus, ihr Edeln!
Des Jägers Ohr, so darf ich schmeicheln mir,
Besitz ich ganz, und unverbrüchlich treu
Fühl ich mit euch, wohlweises Mitgetier,
Vor unserm Herrn die gleiche fromme Scheu.
Bekannt sind beide Teile mir auf Grund
Langjähriger Erfahrung, und beständig
War mein Int’resse — dafür bin ich Hund! —
Für Jäger wie für Hasen gleich lebendig —“
Da scholl Hurra aus tausend Hasenkehlen,
Und jeder drängte sich, den Hund zu wählen.

2. Die freie Wahl.

Erloschen war des Hundes Wahlmandat.
Der Jäger schoß die Hasen tot wie immer.
Da flog ein Etwas durch den Hasenstaat
Wie erster, schwacher Freiheitsmorgenschimmer.
Zur Neuwahl ließ der Hund die Hasen laden;
Er rief bewegt: „Man juble, man erstaune!
Mein Souverän von Blei und Pulvers Gnaden
Erwachte heut in liberaler Laune.
Er will, daß jeder frei sein Wahlrecht übe
Und ganz nach seiner Überzeugung stimme,
Wer frech das Bild der Volksabstimmung trübe,
Dem droh er schwer mit seinem höchsten Grimme.
Dies ist sein Wunsch. Doch wünscht der Herrscher auch,
Daß ich euch klug zu wählen, gründlich lehre,
Daß ich des Rechts unwürdigen Gebrauch
Beleuchte durch der Folgen ganze Schwere.
Hört nicht auf Freiheitsphrasen, wüst und hohl —
Ihr könntet eure Lage noch verschlimmern —
Die Wahl ist frei! — Doch was zu eurem Wohl —“
Hier ließ der Hund die Zähne freundlich schimmern —
Und wunderbar: bei vorgenommner Wahl
Fiel auf den Hund der Stimmen ganze Zahl.

3. Die moralische Konsequenz.

Und wieder Wahl nach abgelaufner Frist!
Zur Zeit der Schonung ward sie angesetzt,
Da von den Hasen nichts zu holen ist
Und sie sich mehren dürfen ungehetzt.
Des Jägers Büchse hatte den Etat
An feisten Hasen reichlich eingebracht.
Er sprach bei sich: „Gelegne Zeit ist da,
Daß man zum Schein ein Zugeständnis macht.“
Da ließ der Hund die Hasen sich versammeln.
„Der Jäger will,“ so rief er durch den Hain,
„Ein Hase soll, vernehmt’s mit Dankesstammeln,
In Zukunft euer Deputierter sein.
Denn was sein Volk bewegt im tiefsten Grunde —
Der Herrscher nimmt es ernst mit seiner Pflicht! —
Vernehmen will er’s nun aus Hasenmunde;
Ich aber kandidiere diesmal nicht!“
Die Hasen wählten wie aus einem Mund
Zu ihrem Abgeordneten den Hund.