WeRead Powered by ReaderPub
Gedichte cover

Gedichte

Chapter 254: Der Sieger.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Der Sieger.

Der Löwe hält auf offnem Felde Hof,
Und ihn umgibt der Tiere bunt Gewimmel.
Ein kohlenblanker Rappe naht dem Thron,
Mit ihm zugleich ein blütenweißer Schimmel.
„Erhabner König, schlichte du den Streit,“
So riefen sie, „wer schöner von uns beiden.
Ob Schwarz, ob Weiß der Schönheit Preis gebührt,
Wir stritten lang darum; du magst entscheiden.“
Der Leu versinkt darauf in tiefes Sinnen,
Wiegt schwer und lange sein erlauchtes Haupt.
Da tritt bescheidnen und gesenkten Blickes
Ein Esel vor und näselt: „Wenn’s erlaubt,
Daß ich mit meinem Rat euch unterstütze,
Ist weder Schwarz noch Weiß zu etwas nütze.
Extrem sind schwarze so wie weiße Haare,
Und in der Mitte lag noch stets das Wahre.“
„Ha!“ rief der König aus, „nicht Schwarz, nicht Weiß —
Dir, weiser Freund, gebührt der Schönheit Preis;
Du fährst am besten, du, in diesem Streit der dritte,
Ein grauer Esel nur, und doch die goldne Mitte!“