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Gedichte

Chapter 264: 2. Der Fleck.
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About This Book

Die Sammlung versammelt lyrische und erzählende Gedichte, geordnet in thematische Abschnitte: Balladen und Erzählgedichte, Naturlyrik, junge Liebe, Weib und Heim, Kindheit und Frohsinn, Betrachtungen über Leben, Leiden und Tod, Vaterlandslieder, Reflexionen über Kunst und Dichter, religiöse und philosophische Gesänge, Sprüche sowie satirische und belehrende Stücke. Die Verse reichen von dramatischen Seefahrerballaden und erzählenden Stücken bis zu intimen Liebesliedern, pastoralen Beobachtungen, elegischen Betrachtungen und scharfen Gesellschaftskritiken, verbinden formale Vielfalt mit wiederkehrenden Motiven wie Natur, Erinnerung, moralischem Fragen und nationalem Empfinden.

Nibelungenstrophen des Oberlehrers Ambrosius Fuchser[4].

1. Probatum est.

Uns ward in diesen Tagen verheißungsvolle Mär;
Von einem mitteldeutschen Gymnasio kam sie her.
Von Sexta bis zur Prima jedweder Tadel soll,
Den sich ein Schüler zuzog, geschrieben werden in ein Protokoll.
Zum Beispiel, wenn in Sexta ein Kind so ruchlos war,
Ein andres Kind zu zupfen am Ohre oder Haar,
Vielleicht es gar zu piksen im dicksten Teil des Beins,
So nimmt der Lehrer Feder und Protokoll her und notiert ihm eins.
Dort bleibt nun bis zum Abgang das schnöde Schandmal stehn,
Und all und jedes — wär’s auch das winzigste Vergehn —
Trägt man mit echter Tinte in diese Blätter ein.
(Das Buch muß selbstverständlich zu diesem Zweck ein ziemlich dickes
sein!)
Steht nun der bange Jüngling im Abiturium,
So wendet der Herr Schulrat bloß diese Blätter um.
Nicht fürchtet ihn der Fromme — den Bösen trifft sein Fluch;
Des Prüflings ganze Seele, sie liegt ja offen vor ihm wie ein Buch!
O Heil der neuen Schule, die Konduiten schreibt,
Daß auch der kleinste Fehler nicht ungeahndet bleibt!
Hätt’ also man den Goethe traktiert von Anfang an,
Er wär vielleicht geworden ein tugendhafter, ordentlicher Mann.

2. Der Fleck.

O großer, hehrer Schiller, ich geb es gerne zu:
Nicht nur ein großer Dichter, ein großer Mensch warst du.
Du hieltst in reinen Händen das hehre Ideal,
Und das ist stets zu loben, in unsrer tief gesunkenen Zeit zumal.
Doch eins, o großer Schiller, gereicht dir nicht zur Ehr;
Du reistest ohne Urlaub zur Räuber-Première.
Wo hielt dein guter Engel, o Schiller sich versteckt,
Als du dich so vergingest! Das war, ach, nie und nimmermehr korrekt!
Sieh, wenn so stark dein Herz dir nach jenem Mannheim schlug,
So war’s nicht mehr als schicklich, um Urlaub ein Gesuch
Auf längsgefalztem Bogen, mit Achtungsstrich zuletzt,
Zu schreiben an die hohe Behörde, welche Gott dir vorgesetzt!
Und wenn man’s dann dir abschlug, so war es sonnenklar,
Daß es zu deinem Besten und Schwabens Wohle war.
Doch daß du schwänztest — warst du auch zehnmal ein Genie —
Das bleibt ein Fleck, o Schiller, in deiner sonst so reinen
Biographie! — —

3. Zur sozialen Frage.

Ich las in einer Zeitung von einer Ladnerin,
Die aus der Kasse Geld nahm, das sich befand darin.
Zum Glück ward die Verworfne zur rechten Zeit erwischt
Und fortgeschleppt zum Kerker, daß ihr Charakter werde aufgefrischt.
Bezog sie auch pro Monat nur dreißig Mark an Lohn
Und war er einbehalten seit zweien Monden schon,
Weil sie zerschmissen hatte verschiednes Porzellan —
Ein ordentliches Mädchen, das hätte so was dennoch nicht getan.
Der Mensch ist frei geboren, ist frei, das steht mir fest,
Und der nur wird verleitet, der sich verleiten läßt.
Und bellte laut sein Magen, viel lauter bellen muß
Aus seines Wesen Tiefe der Imperativus categoricus.
Und geht’s in solchem Falle dem Sünder nicht so schlecht,
So läßt man eben Gnade ergehen mal vor Recht;
Denn Hunger und dergleichen Entschuldigungen gibt’s
Nicht für den Legislator, und darf’s auch nicht, aus
Gründen des Prinzips!
Wohl gibt’s ein Recht zum Leben, ein Recht auf Arbeit auch,
Ein Recht auf Nahrung nimmer, der Mensch ist mehr als Bauch!
Der Mensch soll eben stark sein, beherrschen soll er sich!
Behandelt man ihn milde, gebärdet er nur immer toller sich.
Käm ich mal in die Lage, zu hungern oder so,
Ich trotzte jeder Lockung und stürbe frei und froh.
Doch eben weil ich ehrlich mich hielt mein Leben lang
Mit ungeheurer Mühe, so hab’ ich Trank und Speise. Gott sei Dank.

4. Die Wissenschaft muß umkehren.

Gib, daß ich heut, o Muse, mit Engelszungen sprech’;
Die Wissenschaft, du Hehre, die wird ’mal wieder frech!
Trotz meines ernsten Mühens weicht sie um keinen Schritt
Und leugnet alte Lehren, die ehmals kein Gesitteter bestritt.
Es wird so ziemlich alles mit frevlem Mut gewagt;
Vermessen nach dem Alter der Erde wird gefragt!
Fünftausendneunmalhundert sind es und dreizehn Jahr,
Seit Gott die Welt erschaffen: das ist, ihr Herr’n, der frömmsten
Einfalt klar!
Nach Affenmenschen sucht man auf Javas ferner Flur;
O bleibt, ihr blinden Toren, bei uns im Lande nur!
Ihr lästert Gott und Menschen mit dem, was ihr bezweckt:
Ich stamme nicht vom Affen, das sag ich euch, zum mindesten
nicht direkt.
Man sollt es gar nicht glauben: Der Schwindel geht so weit
Daß ein gewisser Virchow mit „Wissenschaftlichkeit“
Erklärt: „Des Denkens Vorgang wird bald erkennbar sein.“
Na ja, ich sag euch so viel: In meinen Schädel dringt ihr
nicht hinein!
Ich frage: Warum greift hier nicht die Regierung ein?
Kann sie denn bei der Drohung des Virchow ruhig sein?
Sie steure diesem Greuel mit Schneidigkeit und Schwung;
Dazu hat sie ein Recht und — das wissen alle — auch Befähigung!
Auch ich bin ein Gelehrter und Freund der Wissenschaft;
Doch über meine Seele gewinnt sie keine Kraft!
Vom frevlen Wissensdünkel halt’ ich mein Herze rein;
Mein Wissen kann nicht anders als immer nur ein höchst bescheidnes
sein!
Stellt gegen meinen Glauben nur eure Wissenschaft,
Und lernt, wem Gott gekrönet die Stirn mit höh’rer Kraft!
Ich lehre und verkünde in Stadt sowohl als Land,
Was Gott der Herr gesprochen und ich als gut und richtig anerkannt.

[4] Ambrosius liebt die in der letzten Zeile achtsilbige Nibelungenstrophe des Gudrunliedes, weil sie lang nachschleppt wie der Mantel eines rector magnificus.