Eruption.
In einem Bade, dahin man geht
Wegen beginnender Nervosität,
Saß ich friedlich bei einem Glas Bier,
Eben versöhnt mit der Welt und mir.
Da muß zu meinem starren Entsetzen
Die Kurkapelle die Bögen wetzen,
Die Kurkapelle — mon sort tragigue!
Denn ich liebe so sehr die Musik!
Entkommen konnt’ ich für kein Geld,
Weil mich mein Freund, der Arzt bestellt,
Klappt’ also hoch meinen Kragen nur
Und unterwarf mich auch dieser Kur.
Die Herren spielten sich ein Programm —
Höll’ und Himmel und Gottverdamm’!
„Die Schmiede im Walde“ — o ungeheuer! —
Mit Hammerschlag und bengalischem Feuer —!
„Du liebes Aug’, du lieber Stern“ —
„Zigeunerkind hat niemand gern“
Und — ob sich mir auch das Herz gebäumt hat —
„Weißt du, Mutter, was mi’ träumt hat!“
Tod und Teufel! Mein Freund, der Wicht,
Kommt die Kanaille noch immer nicht?
Nun obendrein noch ein Potpourri —
Muß man nun dazu schweigen? wie?
Was zögert der Freund? Sein Wort soll ihn brennen!
Ist das überhaupt noch „Freund“ zu nennen?
Zu meiner Linken saßen bei Bier,
Tabak und Skat der Mannen vier.
Drei sahen das Meer mit dem Rücken an;
Die Daumen drehte der vierte Mann.
Sie säßen seit sieben Stunden dabei,
Erklärten sie selber offen und frei,
Sie sagten, hier säße man am besten
Im ganzen Ort — und lüpften die Westen.
Grad vor mir stritt ein edler Haufe,
Wo man das beste „Pilsner“ kaufe,
Und wo es zu warm und wo es kalt sei,
Und ob es mit zwanzig Pfennig bezahlt sei;
Auch applaudierte man dem Konzerte,
Macht’ eine Lebensversich’rungsofferte
Und rief im Mäcenatenton:
„Ach spiel’n Sie noch ’mal die ‚Holzauktion‘!“
Zu meiner Rechten aber, ei ei,
Saßen zierlicher Damen drei:
Die waren im Tagewerk schon weit,
Bei der vierten Torte, beim fünften Kleid.
Bedachten soeben, was sie nun wollten,
Ob sie sich nochmal umzieh’n sollten,
Sprachen von Nizza und anderen Stätten:
Ja, da sehe man nach Toiletten!
Andre als hier! Hier sei es ja kläglich!
Z. B. die Oberstin trage täglich
Das rosageblümte Morgenkleid,
Und das sei ihr auch noch hier oben zu weit.
So kamen sie bald durch Analogie
Auf die Romane der Nataly
Und den Heldenspieler Herrn Bogentritt.
Summten auch schmachtend ein Weilchen mit
„Ist denn kein Stuhl da?“ und ähnliche Lieder,
Fuhren plötzlich zusammen wieder:
„Ob man’s beachtet — es sei ein Skandal! —
Daß nun heut schon zum zweitenmal
Die Kammerrätin ganz sans façon
Flaniere mit einem Seladon —
Was? Ein Verwandter? Haha! So dumm!“
Da reißt es mir jäh den Kopf herum:
Die spielen bei Gott — was packt mich denn an? —
Das Menuett aus dem „Don Juan“.
Und da schossen auch schon — ja scheltet mich „Tor“!
Die Tränen mir wild aus den Augen hervor,
Und in mir rief’s mit Entsetzen schier:
„Allmächtiger Mozart — was willst du hier?!“
Da war er!! Ich sah durch den Garten ihn gehn —
Starrend hab ich ihn angesehn —
Wollt’ es ihm gern mit Blicken beschreiben:
Nicht hier! O hier nicht! Hier kannst du nicht
bleiben ...
Da war er schon fort.
Die Kapelle spielte
Ein Gassenlied, das soundsovielte. — —
Und jäh verstand ich das heiße Leid
Von alles Großen Einsamkeit.
Griff schnell nach dem Seidel und biß ins Glas —
Nicht heulen! Die Damen merken schon was!
Nahm’s Tuch und schnaufte, erhob mich flink,
Stolperte, stieß einen Stuhl um und ging.
Draußen kam auch mein Freund daher,
Dem beichtet’ ich bald die ganze Mär.
Der schüttelt den Kopf, ich weiß nicht wie:
„Hyperästhesis — Neurasthenie!
Da sieh dir die andern Leutchen an:
Die sind gesund — nimm dir’n Beispiel dran.“
Ich blickte zum Himmel: da loderte fern
Venus, der große, blühende Stern.
Und rufen mußt’ ich’s mit lachendem Mund:
„Bin ich denn krank und sind jene gesund —
Dann dank ich dir, Gott, mit bewegtem Sinn,
Daß ich ein Neurastheniker bin!“