The Project Gutenberg eBook of Gedichte
Title: Gedichte
Author: Hugo von Hofmannsthal
Release date: March 13, 2010 [eBook #31625]
Language: German
Credits: Produced by Jana Srna, Carlos Valiente, mcbax and the
Online Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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Anmerkungen zur Transkription:
Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen.
Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Textes an den Anfang verschoben.
HUGO VON HOFMANNSTHAL
GEDICHTE
1922
IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
INHALT
| DIE GESAMMELTEN GEDICHTE | |
| Vorfrühling | 7 |
| Erlebnis | 9 |
| Vor Tag | 11 |
| Reiselied | 13 |
| Die beiden | 14 |
| Lebenslied | 15 |
| Gute Stunde | 17 |
| Dein Antlitz … | 18 |
| Weltgeheimnis | 19 |
| Ballade des äußeren Lebens | 20 |
| Nox portentis gravida | 21 |
| Glückliches Haus | 23 |
| Botschaft | 24 |
| Terzinen über Vergänglichkeit (I–IV) | 26 |
| Manche freilich … | 29 |
| Ein Traum von großer Magie | 30 |
| Im Grünen zu singen (I–III) | 32 |
| Liedchen des Harlekin | 34 |
| Zerbinetta | 35 |
| Gesang der Ungeborenen | 37 |
| Lied der Welt | 38 |
| GESTALTEN | |
| Ein Knabe (I–II) | 41 |
| Der Jüngling in der Landschaft | 42 |
| Der Schiffskoch, ein Gefangener, singt | 43 |
| Des alten Mannes Sehnsucht nach dem Sommer | 44 |
| Verse auf ein kleines Kind | 46 |
| Der Kaiser von China spricht | 47 |
| Großmutter und Enkel | 49 |
| Gespräch | 51 |
| Gesellschaft | 53 |
| Der Jüngling und die Spinne | 55 |
| Idylle. Nach einem antiken Vasenbild: Zentaur mit verwundeter Frau am Rand eines Flusses | 58 |
| PROLOGE UND TRAUERREDEN | |
| Prolog zu dem Buch ›Anatol‹ | 69 |
| Zu einem Buch ähnlicher Art | 72 |
| Zum Gedächtnis des Schauspielers Mitterwurzer | 74 |
| Auf den Tod des Schauspielers Hermann Müller | 77 |
| Verse zum Gedächtnis des Schauspielers Josef Kainz | 79 |
| Zu einer Totenfeier für Arnold Böcklin | 82 |
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Wo Weinen war,
Und hat sich geschmiegt
In zerrüttetes Haar.
Akazienblüten
Und kühlte die Glieder,
Die atmend glühten.
Hat er berührt,
Die weichen und wachen
Fluren durchspürt.
Als schluchzender Schrei,
An dämmernder Röte
Flog er vorbei.
Durch flüsternde Zimmer
Und löschte im Neigen
Der Ampel Schimmer.
Durch kahle Alleen,
Seltsame Dinge sind
In seinem Wehn.
Kahlen Alleen
Treibt sein Wehn
Blasse Schatten
Den er gebracht,
Von wo er gekommen
Seit gestern nacht.
Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond
Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht.
Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales
Verschwammen meine dämmernden Gedanken,
Und still versank ich in dem webenden,
Durchsichtgen Meere und verließ das Leben.
Wie wunderbare Blumen waren da,
Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht,
Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen
In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze
War angefüllt mit einem tiefen Schwellen
Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich,
Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es:
Das ist der Tod. Der ist Musik geworden,
Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend,
Verwandt der tiefsten Schwermut.
Aber seltsam!
Ein namenloses Heimweh weinte lautlos
In meiner Seele nach dem Leben, weinte,
Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff
Mit gelben Riesensegeln gegen Abend
Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt,
Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er
Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht
Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber.
Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen,
Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht
Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer –
Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter,
Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend
Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.
In sich zusammgesunken das Gewitter.
Nun denkt der Kranke: ›Tag! jetzt werd ich schlafen!‹
Und drückt die heißen Lider zu. Nun streckt
Die junge Kuh im Stall die starken Nüstern
Nach kühlem Frühduft. Nun im stummen Wald
Hebt der Landstreicher ungewaschen sich
Aus weichem Bett vorjährigen Laubes auf
Und wirft mit frecher Hand den nächsten Stein
Nach einer Taube, die schlaftrunken fliegt,
Und graust sich selber, wie der Stein so dumpf
Und schwer zur Erde fällt. Nun rennt das Wasser,
Als wollte es der Nacht, der fortgeschlichnen, nach
Ins Dunkel stürzen, unteilnehmend, wild
Und kalten Hauches hin, indessen droben
Der Heiland und die Mutter leise, leise
Sich unterreden auf dem Brücklein: leise.
Und doch ist ihre kleine Rede ewig
Und unzerstörbar wie die Sterne droben.
Er trägt sein Kreuz und sagt nur: ›Meine Mutter!‹
Und sieht sie an, und: ›Ach, mein lieber Sohn!‹
Sagt sie. – Nun hat der Himmel mit der Erde
Ein stumm beklemmend Zwiegespräch. Dann geht
Ein Schauer durch den schweren, alten Leib:
Sie rüstet sich, den neuen Tag zu leben.
Nun steigt das geisterhafte Frühlicht. Nun
Schleicht einer ohne Schuh von einem Frauenbett,
Läuft wie ein Schatten, klettert wie ein Dieb
Durchs Fenster in sein eigenes Zimmer, sieht
Sich im Wandspiegel und hat plötzlich Angst
Vor diesem blassen, übernächtigen Fremden,
Als hätte dieser selbe heute nacht
Den guten Knaben, der er war, ermordet
Und käme jetzt, die Hände sich zu waschen
Im Krüglein seines Opfers wie zum Hohn,
Und darum sei der Himmel so beklommen
Und alles in der Luft so sonderbar.
Nun geht die Stalltür. Und nun ist auch Tag.
Rollt der Fels, uns zu erschlagen,
Kommen schon auf starken Schwingen
Vögel her, uns fortzutragen.
Früchte spiegelnd ohne Ende
In den alterslosen Seen.
Steigt aus blumigem Gelände,
Und die leichten Winde wehn.
– Ihr Kinn und Mund glich seinem Rand –,
So leicht und sicher war ihr Gang,
Kein Tropfen aus dem Becher sprang.
Er ritt auf einem jungen Pferde,
Und mit nachlässiger Gebärde
Erzwang er, daß es zitternd stand.
Den leichten Becher nehmen sollte,
So war es beiden allzu schwer:
Denn beide bebten sie so sehr,
Daß keine Hand die andre fand
Und dunkler Wein am Boden rollte.
An Adler, Lamm und Pfau
Das Salböl aus den Händen
Der toten alten Frau!
Die Toten, die entgleiten,
Die Wipfel in dem Weiten –
Ihm sind sie wie das Schreiten
Der Tänzerinnen wert!
Vom Rücken her bedroht.
Er lächelt, wenn die Falten
Des Lebens flüstern: Tod!
Ihm bietet jede Stelle
Geheimnisvoll die Schwelle;
Es gibt sich jeder Welle
Der Heimatlose hin.
Nimmt seine Seele mit;
Das Singen von Delphinen
Beflügelt seinen Schritt:
Ihn tragen alle Erden
Mit mächtigen Gebärden.
Der Flüsse Dunkelwerden
Begrenzt den Hirtentag!
Hier hab ich kein Haus, und hier hab ich kein Zelt!
Hinauf zu den Bergen und nieder zum Meer:
Unwissend, daß jede mein Leben enthält.
Die Früchte, von denen ich lange nicht aß:
Doch lebte der lange vergessene fort!
Es hielt sich im Meer, und es hielt sich im Land!
Ich schwieg und sah dich an mit stummem Beben.
Wie stieg das auf! Daß ich mich einmal schon
In frühern Nächten völlig hingegeben
Wo auf den leeren Hängen auseinander
Die magern Bäume standen und dazwischen
Die niedern kleinen Nebelwolken gingen
Und immer fremden silberweißen Wasser
Der Fluß hinrauschen ließ – wie stieg das auf!
Und ihrer Schönheit – die unfruchtbar war –
Hingab ich mich in großer Sehnsucht ganz,
Wie jetzt für das Anschaun von deinem Haar
Und zwischen deinen Lidern diesen Glanz!
Einst waren alle tief und stumm,
Und alle wußten drum.
Und nicht begriffen in den Grund,
So geht es jetzt von Mund zu Mund.
In den gebückt, begriffs ein Mann,
Begriff es und verlor es dann.
Auf dessen dunklen Spiegel bückt
Sich einst ein Kind und wird entrückt.
Und wird ein Weib, das einer liebt
Und – wunderbar wie Liebe gibt!
Da wird an Dinge, dumpf geahnt,
In ihren Küssen tief gemahnt …
So tritt des Bettlers Fuß den Kies,
Der eines Edelsteins Verlies.
Einst aber wußten alle drum,
Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.
Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben,
Und alle Menschen gehen ihre Wege.
Und fallen nachts wie tote Vögel nieder
Und liegen wenig Tage und verderben.
Vernehmen wir und reden viele Worte
Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.
Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen,
Und drohende, und totenhaft verdorrte …
Einander nie? und sind unzählig viele?
Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?
Die wir doch groß und ewig einsam sind
Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?
Und dennoch sagt der viel, der ›Abend‹ sagt,
Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt
Und drei der schönen Sterne funkeln nah:
Die Hyazinthen an der dunkeln Erde
Erinnern sich, daß hier geschehen werde,
Was früher schon und öfter wohl geschah:
Daß Hermes und die beiden Dioskuren,
Funkelnd vor Übermut, die luftigen Spuren
Der windgetragenen Grazien umstellen
Und spielend, mit der Grausamkeit der Jagd,
Sie aus den Wipfeln scheuchen, ja die Wellen
Des Flusses nahe treiben, bis es tagt.
Und mit den Augen der Meduse schauend
Sieht er das umgelegene fahle Feld
Sogleich entrückt und weiß nicht, wie es ist,
Und fügt es andern solchen Orten zu,
Wo seine Seele wie ein Kind verstellt,
Ein Dasein hat von keiner sichern Frist
In Adlersluft und abgestorbner Ruh.
Dort streut er ihr die Schatten und die Scheine
Der Erdendinge hin und Edelsteine.
Die Wolke ein von solcher Todesschwärze,
Wie sie die Seele dessen anfällt, der
Durch Nacht den Weg sich sucht mit einer Kerze:
Die Wolke, die hinzog am nächsten Morgen,
Mit Donnerschlag von tausenden Gewittern
Und blauem Lichte stark wie nahe Sonnen
Und schauerlichem Sturz von heißen Steinen,
Die Insel heimzusuchen, wo das Zittern
Aufblühen ließ die wundervollsten Wonnen;
Vor ungeheurer Angst erstorbenes Weinen
Der Kaufpreis war: daß in verstörten Gärten,
Die nie sich sahen, sich fürs Leben fanden
Und trunken sterbend, Rettung nicht begehrten;
Daß Gott entsprang den Luft- und Erdenbanden,
Verwaiste Kinder gleich Propheten glühten
Und alle Seelen wie die Sterne blühten.
Ein Greise orgelspielend gegen Himmel,
Indes auf einer Tenne, ihm zu Füßen,
Der schlanke mit dem bärtigen Enkel focht,
Daß durch den reinen Schaft des Oleanders
Ein Zittern aufwärtslief; allein ein Vogel
Still in der Krone blütevollem Schein
Floh nicht und äugte klugen Blicks herab.
Auf dem behauenen Rand des Brunnens aber
Die junge Frau gab ihrem Kind die Brust.
Entlang der Tenne ums Gemäuer bog,
Warf hinter sich den einen Blick des Fremden
Und trug in sich – gleich jener Abendwolke
Entschwebend, über stillem Fluß und Wald –
Das wundervolle Bild des Friedens fort.
Nur jene heißen dürfen, da wir redend
Die Landschaft uns vor Augen in ein Reich
Der Seele wandelten; da hügelan
Dem Schatten zu wir stiegen in den Hain,
Der uns umfing wie schon einmal Erlebtes,
Da wir auf abgetrennten Wiesen still
Den Traum vom Leben niegeahnter Wesen,
Ja ihres Gehns und Trinkens Spuren fanden
Und überm Teich ein gleitendes Gespräch,
Noch tiefere Wölbung spiegelnd als der Himmel:
Ich habe mich bedacht auf solche Tage,
Und daß nächst diesen drei: gesund zu sein,
Am eignen Leib und Leben sich zu freuen,
Und an Gedanken, Flügeln junger Adler,
Nur eines frommt: gesellig sein mit Freunden.
So will ich, daß du kommst und mit mir trinkst
Aus jenen Krügen, die mein Erbe sind,
Geschmückt mit Laubwerk und beschwingten Kindern,
Und mit mir sitzest in dem Gartenturm:
Zwei Jünglinge bewachen seine Tür,
In deren Köpfen mit gedämpftem Blick
Halbabgewandt ein ungeheueres
Geschick dich steinern anschaut, daß du schweigst
Und meine Landschaft hingebreitet siehst:
Daß dann vielleicht ein Vers von dir sie mir
Veredelt künftig in der Einsamkeit
Und da und dort Erinnerung an dich
Ein Schatten nistet und zur Dämmerung
Die Straße zwischen dunklen Wipfeln rollt
Und schattenlose Wege in der Luft
Dahinrolln wie ein ferner goldner Donner.
I
Wie kann das sein, daß diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?
Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:
Daß alles gleitet und vorüberrinnt
Herüberglitt aus einem kleinen Kind
Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.
Und meine Ahnen, die im Totenhemd,
Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar,
II
Des Meeres starren und den Tod verstehn,
So leicht und feierlich und ohne Grauen,
Mit großen Augen, und die immer frieren,
An einem Abend stumm vor sich hinsehn
Schlaftrunknen Gliedern still hinüberfließt
In Bäum' und Gras, und sich matt lächelnd zieren
III
Und Träume schlagen so die Augen auf
Wie kleine Kinder unter Kirschenbäumen,
Der Vollmond anhebt durch die große Nacht.
… Nicht anders tauchen unsre Träume auf,
Nicht minder groß im Auf- und Niederschweben
Als Vollmond, aus Baumkronen aufgewacht.
Wie Geisterhände in versperrtem Raum
Sind sie in uns und haben immer Leben.
IV
Im Traum als kleine Mädchen uns entgegen
Und sind unsäglich rührend anzuschauen,
Einmal an einem Abend lang gegangen,
Indes die Wipfel atmend sich bewegen
Und längs des Weges, unsres Wegs, des dunkeln,
Im Abendschein die stummen Weiher prangen
Und allen leisen Worten, allem Schweben
Der Abendluft und erstem Sternefunkeln
Und traurig sind und voll Triumphgepränge
Vor tiefer Ahnung, die das große Leben
Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
Andre wohnen bei dem Steuer droben,
Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.
Bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
Andern sind die Stühle gerichtet
Bei den Sibyllen, den Königinnen,
Und da sitzen sie wie zu Hause,
Leichten Hauptes und leichter Hände.
In die anderen Leben hinüber,
Und die leichten sind an die schweren
Wie an Luft und Erde gebunden:
Kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
Noch weghalten von der erschrockenen Seele
Stummes Niederfallen ferner Sterne.
Durcheinander spielt sie alle das Dasein.
Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
Schlanke Flamme oder schmale Leier.
Und kühn wie junges Meer im Morgenduft,
So war ein großer Traum – wie ich ihn fand.
Ich schlief im Pavillon zu ebner Erde,
Und durch vier offne Türen ging die Luft –
Hindurch und Hunde eine ganze Schar
An meinem Bett vorbei. Doch die Gebärde
Auf einmal zwischen mir und einer Wand:
Sein stolzes Nicken, königliches Haar.
Ein weiter Prunk von Abgrund, dunklem Meer
Und grünen Matten hinter seiner Hand.
Er bückte sich, und seine Finger gingen
Im Boden so, als ob es Wasser wär.
Sich riesige Opale in den Händen
Und fielen tönend wieder ab in Ringen.
Wie nur aus Stolz – der nächsten Klippe zu;
An ihm sah ich die Macht der Schwere enden.
Von schlafend- doch lebendgen Edelsteinen.
Er setzte sich und sprach ein solches Du
Daß sie herkamen trauervoll und groß:
Das freute ihn zu lachen und zu weinen.
So wie er seine eignen Glieder fühlte.
Ihm war nichts nah und fern, nichts klein und groß.
Das Dunkel aus den Tiefen aufwärts drang,
Die Nacht das Laue aus den Wipfeln wühlte,
So sehr – daß er in großer Trunkenheit
So wie ein Löwe über Klippen sprang.
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Wohnt nicht in uns, und in die obern Sterne
Setzt er den Stuhl und läßt uns viel verwaist:
– So ahnte mir, da ich den Traum da fand –
Und redet mit den Feuern jener Ferne
I
Daß Musik das Haus umschlich?
Nacht war schwer und ohne Schein,
Doch der sanft auf hartem Stein
Lag und spielte, das war ich.
›Liebste du, mein Alles du!‹
Östlich brach ein Licht heraus,
Schwerer Tag trieb mich nach Haus,
Und mein Mund ist wieder zu.
II
Waren einsam wir so sehr,
Voneinander abgeschnitten!
Aber das ist nun nicht mehr:
Lüfte fließen hin und her;
Und die ganze Welt inmitten
Glänzt, als ob sie gläsern wär.
Flimmern mein- und deinen Wangen,
Und sie wissens auch:
Stark und stärker wird ihr Prangen;
Und wir atmen mit Verlangen,
Liegen selig wie gefangen,
Spüren eins des andern Hauch.
Du hast mir nichts geschworn.
Die Menschen soll man halten nicht,
Sind nicht zur Treu geborn.
Beschau dir Land um Land,
In vielen Betten ruh dich aus,
Viel Frauen nimm bei der Hand.
Da trink du Malvasier,
Und wenn mein Mund dir süßer ist,
So komm nur wieder zu mir!‹
Alle Lust und alle Qual,
Alles kann ein Herz ertragen
Einmal um das andere Mal.
Abgestorben auch der Pein,
Das ist tödlich deinem Herzen,
Und so darfst du mir nicht sein!
Wär es auch um neue Qual,
Leben mußt du, liebes Leben,
Leben noch dies eine Mal!
Noch mein' ich mir selber so sicher zu sein,
Da mischt sich im Herzen leise betörend
Schon einer nie gekosteten Freiheit,
Schon einer neuen verstohlenen Liebe
Schweifendes freches Gefühle sich ein!
Noch bin ich wahr, und doch ist es gelogen,
Ich halte mich treu und bin schon schlecht.
Mit falschen Gewichten wird alles gewogen –
Und halb mich wissend und halb im Taumel
Betrüg ich ihn endlich und lieb ihn noch recht!
Ja, halb mich wissend und halb im Taumel
Betrüge ich endlich und liebe noch recht!
So war es mit Pagliazzo
Und mit Mezzetin!
Dann war es Cavicchio,
Dann Buratin,
Dann Pasquariello!
Ach, und zuweilen,
Will es mir scheinen,
Waren es zwei!
Doch niemals Launen,
Immer ein Müssen!
Immer ein neues
Beklommenes Staunen.
Daß ein Herz so gar sich selber,
Gar sich selber nicht versteht!
Als ein Gott kam jeder gegangen,
Und sein Schritt schon machte mich stumm,
Küßte er mir Stirn und Wangen,
War ich von dem Gott gefangen
Und gewandelt um und um!
Siehe, es schwindet schon,
Mutter, das Ängstliche,
Das dich beirrte!
Wäre denn je ein Fest,
Wären nicht insgeheim
Wir die Geladenen,
Wir auch die Wirte?
Schmück mich, wenn es nächtet, schmück mich, wenn es tagt,
Flicht mir mein Haar, spiel mir um den Schuh,
Ich bin die Frau, die Magd bist du.
Heia!
Doch einmal trittst du zornig herein,
Die Sterne schießen schiefen Schein,
Der Wind durchfährt den hohen Saal,
Die Sonn geht aus, das Licht wird fahl,
Der Boden gibt einen toten Schein,
Da wirst du meine Herrin sein!
O weh!
Und ich deine Magd, schwach und verzagt,
Gott sei's geklagt!
Flieg hin, Zeit! Die Zeit ist noch weit!
Heia!
I
Er war zu sehr aus einer Welt mit ihnen;
Der Duft der Hyazinthen war ihm nichts
Und nichts das Spiegelbild der eigenen Mienen.
Geöffnet wie ein leierförmig Tal,
Darin er Herr zugleich und Knecht zugleich
Des weißen Lebens war und ohne Wahl.
Doch nicht für lange, ging er auf den Wegen:
Der Heimkehr und unendlichem Gespräch
Hob seine Seele ruhig sich entgegen.
II
Trank er viel Flut, die bitter war und schwer.
Dann richtete er sonderbar sich auf
Und stand am Ufer seltsam leicht und leer.
Und Hyazinthen hatte er im Haar,
Und ihre Schönheit wußte er, und auch,
Daß dies der Trost des schönen Lebens war.
Bald wieder fallen, denn ein großer Blick
Auf diese schönen Kerker zeigte ihm
Das eigne unbegreifliche Geschick.
Und viele Bettler waren überall
Mit schwarzverbundnen Augen und mit Krücken –
Doch auch mit Harfen und den neuen Blumen,
Dem starken Duft der schwachen Frühlingsblumen.
Man sah den Fluß hinab und sah den Markt,
Und viele Kinder spielten längs den Teichen.
Durch diese Landschaft ging er langsam hin
Und fühlte ihre Macht und wußte – daß
Auf ihn die Weltgeschicke sich bezogen.
Und war bereit, an unbekannter Schwelle
Ein neues Leben dienend hinzubringen.
Ihm fiel nicht ein, den Reichtum seiner Seele,
Die frühern Wege und Erinnerung
Verschlungner Finger und getauschter Seelen
Für mehr als nichtigen Besitz zu achten.
Von fremder Schönheit – und die neue Luft
Nahm er stillatmend ein, doch ohne Sehnsucht:
Nur daß er dienen durfte, freute ihn.
Lieg ich hier seit vielen Wochen;
Ach und denen, die mich peinigen,
Muß ich Mahl- um Mahlzeit kochen.
Die sie mir lebendig brachten,
Schauen aus gebrochenen Augen,
Sanfte Tiere muß ich schlachten.
Schöne Früchte muß ich schälen
Und für sie, die mich verachten,
Feurige Gewürze wählen.
Süß- und scharfen Düften wühle,
Steigen auf ins Herz der Freiheit
Ungeheuere Gefühle!
Lieg ich hier seit wieviel Wochen!
Ach und denen, die mich peinigen,
Muß ich Mahl- um Mahlzeit kochen!
Zu Pferd, zu Wagen oder mit der Bahn
Käm ich hinaus ins schöne Hügelland.
Platanen, Rüster, Ahorn oder Eiche:
Wie lang ists, daß ich keine solchen sah!
Dem Kutscher: Halt! und ginge ohne Ziel
Nach vorwärts in des Sommerlandes Tiefe.
In deren Wipfel wäre Tag und Nacht
Zugleich, und nicht so wie in diesem Haus,
Und Nächte fahl und lauernd wie der Tag.
Dort wäre Alles Leben, Glanz und Pracht.
Beglückung tret ich, und ein Hauch weht hin,
Doch nirgend flüsterts: ›Alles dies ist nichts.‹
Sind Lichter, und das Dunkel weht mich an,
Doch nicht vom Sterben spricht der nächtige Wind.
Nur Blumen sich im letzten Scheine wiegen,
Von gar nichts anderm fühl ich eine Nähe.
Fließt Wasser hin, und wie ein Kind, so lausch ich
Und höre kein ›Dies ist vergeblich‹ flüstern!
Hinein, und wie ich dann den Kopf erhebe,
Ist Mond, indes ich mit dem Bächlein ringe.
Und einen glatten Kieselstein ins Land
Weit schleudernd steh ich in der Mondeshelle.
Fällt weit ein Schatten: dieser, der so traurig
Hier nickt, hier hinterm Kissen an der Wand?
Vor Tag und böse in das Frühlicht starrt
Und weiß, daß auf uns beide etwas lauert?
So quält, daß er die Nächte nie sich legt,
Gekrampft die schwarzen Hände auf sein Herz?
Die Sonnenländer zu suchen:
Die Sonnenländer sind offen!
An schweigenden Wipfeln blieb dort
Die Luft der Jahrtausende hangen,
Die unerschöpflichen Meere
Sind immer noch, immer noch da.
Am Rande des ewigen Waldes
Willst du aus der hölzernen Schale
Die Milch mit der Unke dann teilen?
Das wird eine fröhliche Mahlzeit,
Fast fallen die Sterne hinein!
Am Rande des ewigen Meeres
Schnell findest du einen Gespielen:
Den freundlichen guten Delphin.
Er springt dir ans Trockne entgegen,
Und bleibt er auch manchmal aus,
So stillen die ewigen Winde
Dir bald die aufquellenden Tränen.
Es sind in den Sonnenländern
Die alten, erhabenen Zeiten
Für immer noch, immer noch da!
Die Sonne mit heimlicher Kraft,
Sie formt dir die rosigen Füße,
Ihr ewiges Land zu betreten.