Erstes Hundert.
- Sag etwas, das sich von selbst versteht, zum ersten Mal, und Du bist unsterblich.
- Was uns an der sichtbaren Schönheit entzückt, ist ewig nur die unsichtbare.
- Die verstehen sehr wenig, die nur das verstehen, was sich erklären läßt.
- Ein Urtheil läßt sich widerlegen, aber niemals ein Vorurtheil.
- Vertrauen ist Muth, und Treue ist Kraft.
- Die jetzigen Menschen sind zum tadeln geboren. Vom ganzen Achilles sehen sie nur die Ferse.
- Die glücklichen Pessimisten! Welche Freude empfinden sie, so oft sie bewiesen haben, daß es keine Freude giebt.
- Es hat noch Niemand etwas Ordentliches geleistet, der nicht etwas Außerordentliches leisten wollte.
- Siege, aber triumphire nicht.
- Der Zufall ist die in Schleier gehüllte Nothwendigkeit.
- Andere neidlos Erfolge erringen sehen, nach denen man selbst strebt, ist Größe.
- Der Hochmuth ist ein plebejisches Laster.
- Geduld mit der Streitsucht der Einfältigen! Es ist nicht leicht zu begreifen, daß man nicht begreift.
- Die größte Nachsicht mit einem Menschen entspringt aus der Verzweiflung an ihm.
- Alt werden, heißt sehend werden.
- Anmuth ist ein Ausströmen der inneren Harmonie.
- Wie weise muß man sein, um immer gut zu sein!
- Die einfachste und bekannteste Wahrheit erscheint uns augenblicklich neu und wunderbar, sobald wir sie zum ersten Male an uns selbst erleben.
- Der Verstandesmensch verhöhnt nichts so bitter als den Edelmuth, dessen er sich unfähig fühlt.
- Wir verlangen sehr oft nur deshalb Tugenden von Anderen, damit unsere Fehler sich bequemer breit machen können.
- Der Gescheitere giebt nach! Ein unsterbliches Wort. Es begründet die Weltherrschaft der Dummheit.
- Künstler, was Du nicht schaffen mußt, das darfst Du nicht schaffen wollen.
- Je mehr Du Dich selbst liebst, je mehr bist Du Dein eigener Feind.
- Eiserne Ausdauer und klaglose Entsagung sind die zwei äußersten Pole der menschlichen Kraft.
- Nichts wird so oft unwiederbringlich versäumt wie eine Gelegenheit, die sich täglich bietet.
- Warten lernen wir gewöhnlich erst, wenn wir nichts mehr zu erwarten haben.
- Die Leidenschaft ist immer ein Leiden, auch die befriedigte.
- Schüchterne Dummheit und verschämte Armuth sind den Göttern heilig.
- Wenn es einen Glauben giebt, der Berge versetzen kann, so ist es der Glaube an die eigene Kraft.
- Die Consequenzen unserer guten Handlungen verfolgen uns unerbittlich und sind oft schwerer zu tragen als die der bösen.
- Die Gutmüthigkeit gemeiner Menschen gleicht dem Irrlicht. Vertraue nur seinem gleißenden Schein, es führt Dich gewiß in den Sumpf.
- Es giebt Frauen, die ihre Männer mit einer ebenso blinden, schwärmerischen und räthselhaften Liebe lieben, wie Nonnen ihr Kloster.
- Gebrannte Kinder fürchten das Feuer oder vernarren sich darein.
- Mitleid ist Liebe im Négligé.
- Ehen werden im Himmel geschlossen, aber daß sie gut gerathen, darauf wird dort nicht gesehen.
- Wer an die Freiheit des menschlichen Willens glaubt, hat nie geliebt und nie gehaßt.
- Die meisten Menschen brauchen mehr Liebe, als sie verdienen.
- Ein Dichter, der einen Menschen kennt, kann hundert schildern.
- Einer der seltensten Glücksfälle, die uns werden können, ist die Gelegenheit zu einer gut angewendeten Wohlthat.
- Die meisten Nachahmer lockt das Unnachahmliche.
- Haben und nichts geben, ist in manchen Fällen schlechter als stehlen.
- Der Arme rechnet dem Reichen die Großmuth niemals als Tugend an.
- Die Leute, denen man nie widerspricht, sind entweder die, welche man am meisten liebt, oder die, welche man am geringsten achtet.
- Die meiste Nachsicht übt der, der die wenigste braucht.
- Wenn ein Mensch uns zugleich Mitleid und Ehrfurcht einflößt, dann ist seine Macht über uns grenzenlos.
- Raison annehmen kann Niemand, der nicht schon welche hat.
- Wenn Jemand etwas kann, das gewöhnliche Menschen nicht können, so trösten sie sich damit, daß er gewiß von allem, was sie können, nichts kann.
- Hüte Dich vor der Tugend, die zu besitzen ein Mensch von sich selber rühmt.
- Wenn man nur die Alten liest, ist man sicher, immer neu zu bleiben.
- Das Mitleid des Schwächlings ist ein Licht, das nicht wärmt.
- Wer sich seiner eigenen Kindheit nicht mehr deutlich erinnert, ist ein schlechter Erzieher.
- Die eingebildeten Uebel sind die unheilbarsten.
- Selbst der bescheidenste Mensch hält mehr von sich, als sein bester Freund von ihm hält.
- Wenn der Kunst kein Tempel mehr offen steht, dann flüchtet sie in die Werkstatt.
- Man muß das Gute thun, damit es in der Welt sei.
- Der Haß ist ein fruchtbares, der Neid ein steriles Laster.
- Wir sollen immer verzeihen, dem Reuigen um seinetwillen, dem Reuelosen um unseretwillen.
- Das Motiv einer guten Handlung ist manchmal nichts anderes, als zur rechten Zeit eingetretene Reue.
- Das Vertrauen ist etwas so Schönes, daß selbst der ärgste Betrüger sich eines gewissen Respects nicht erwehren kann vor dem, der es ihm schenkt.
- Was Du zu müssen glaubst, ist das, was Du willst.
- Auch die Tugend ist eine Kunst, und auch ihre Anhänger theilen sich in Ausübende und in bloße Liebhaber.
- Das Alter verklärt oder versteinert.
- Die Güte, die nicht grenzenlos ist, verdient den Namen nicht.
- In der Jugend lernt, im Alter versteht man.
- Es ist ein Unglück, daß ein braves Talent und ein braver Mann so selten zusammen kommen!
- In einem guten Buche stehen mehr Wahrheiten, als sein Verfasser hinein zu schreiben meinte.
- Wir entschuldigen nichts so leicht als Thorheiten, die uns zuliebe begangen wurden.
- Unbegründeter Tadel ist manchmal eine feine Form der Schmeichelei.
- Sei Deines Willens Herr und Deines Gewissens Knecht.
- Natur ist Wahrheit; Kunst ist die höchste Wahrheit.
- Zu späte Erfüllung einer Sehnsucht labt nicht mehr. Die lechzende Seele zehrt sie auf wie glühendes Eisen einen Wassertropfen.
- Die Thoren wissen gewöhnlich das am besten, was jemals in Erfahrung zu bringen, der Weise verzweifelt.
- Wenn die Neugier sich auf ernsthafte Dinge richtet, dann nennt man sie Wissensdrang.
- Etwas sollen wir unseren sogenannten guten Freunden immer abzulernen suchen — ihre Scharfsichtigkeit für unsere Fehler.
- Die Liebe hat nicht nur Rechte, sie hat auch immer recht.
- Nur was für die Gegenwart zu gut ist, ist gut genug für die Zukunft.
- Nicht jene, die streiten, sind zu fürchten, sondern jene, die ausweichen.
- In jedem tüchtigen Menschen steckt ein Poet, und kommt beim Schreiben zum Vorschein, beim Lesen, beim Sprechen oder beim Zuhören.
- Unerreichbare Wünsche werden als »fromme« bezeichnet. Man scheint anzunehmen, daß nur die profanen in Erfüllung gehen.
- Der Geist ist ein intermittirender, die Güte ein permanenter Quell.
- Man kann viele Dinge kaufen, die unbezahlbar sind.
- Wenn zwei brave Menschen über Grundsätze streiten, haben immer beide recht.
- Nichts ist weniger verheißend als Frühreife; die junge Distel sieht einem zukünftigen Baume viel ähnlicher als die junge Eiche.
- Wenn die Mißgunst aufhören muß, fremdes Verdienst zu leugnen, fängt sie an, es zu ignoriren.
- Die Theilnahme der meisten Menschen besteht aus einer Mischung von Neugier und Wichtigthuerei.
- Macht ist Pflicht — Freiheit ist Verantwortlichkeit.
- Seit dem bekannten Siege der Schildkröte über den Hasen hält sie sich für eine Schnellläuferin.
- Es giebt Fälle, in denen vernünftig sein, feig sein heißt.
- Sich mit Wenigem begnügen ist schwer, sich mit Vielem begnügen noch schwerer.
- Die Bescheidenheit, die zum Bewußtsein kommt, kommt ums Leben.
- Für das Können giebt es nur einen Beweis: das Thun.
- Wenn Du einen vielbetretenen Weg lange gehst, so gehst Du ihn endlich allein.
- Es giebt Menschen mit leuchtendem und Menschen mit glänzendem Verstande. Die ersten erhellen ihre Umgebung, die zweiten verdunkeln sie.
- Man fordre nicht Wahrhaftigkeit von den Frauen, so lange man sie in dem Glauben erzieht, ihr vornehmster Lebenszweck sei — zu gefallen.
- An das Gute glauben nur die Wenigen, die es üben.
- Der am unrechten Orte vertraute, wird dafür am unrechten Orte mißtrauen.
- Es würde sehr wenig Böses auf Erden gethan werden, wenn das Böse niemals im Namen des Guten gethan werden könnte.
- Alles wird uns heimgezahlt, wenn auch nicht von Denen, welchen wir geborgt haben.
- Die Menschen, denen wir eine Stütze sind, die geben uns den Halt im Leben.
- Es giebt eine schöne Form der Verstellung: die Selbstüberwindung, — und eine schöne Form des Egoismus: die Liebe.