Als ich jung war, hab ich verwogen
alle Zäune im Feld überflogen.
Nun ich älter bin, will ich verwegen
selber neue Felder einhegen.
Und kommen, wenn ich alt bin, die Jungen
auch auf die herübergesprungen,
beflügel euch Gott, ihr wilden Fohlen!
Aber könnt ihr nichts weiter vollbringen
als dem alten Sturmfried dummdreist nachspringen,
soll euch Kracken der Teufel holen!
Der Hahnenkampf
Parabel
Liebe Leute! ihr kennt den Baum der Erkenntnis.
Mit seiner Frucht hats ’ne eigne Bewendnis:
seit Adam hat niemand sie mehr gesehn,
also wird er wohl ewig in Blüte stehn.
Unter dieser Blüte nistet ein Geist,
in Gestalt eines Gockels, der Gigenius heißt,
ein gewaltiger Kampfhahn bei seinen Lebzeiten,
um den sich noch heut alle Federviecher streiten.
Er ist zwar tot; doch wie ihr hört,
kräht er noch immer ungestört —
ucke-ru-uh! —
Aber jetzt erscheint da ein zweiter Geist,
ein lebendiger, der Gigigenius heißt
und sich vor keinem toten grault,
der kräht: pfi, Gi, du riechst verfault —
ücke-rü-üh! —
Drob schwillt allen Geistern der Kamm mit Macht;
man merkt, es gibt eine Hahnenschlacht.
Man sieht, wie Hals und Brust sich bläht;
wohl dem, der nicht dazwischen gerät!
Sie balgen sich, daß keiner weiß,
wo ist der Kopf, wo ist der Steiß;
und über ihrer Kraftverschwendnis
hängt still die Blüte der Erkenntnis.
Zuletzt ist jeder arg verprügelt,
aber alle krähn sie siegbeflügelt:
ucke-rü-üh!
ücke-ru-uh! —
Drauf gehts mit würdigem Gestapf
an den gemeinsamen Futternapf,
aus dem auch schon Gigenius schluckte,
als Gigigenius noch nicht muckte.
Da stehn sie sämtlich ruhmbedeckt,
und jeder nimmt sich, was ihm schmeckt.
Moral: Erkenne, edler Christ,
wie unermeßlich der Futternapf ist!
Vielleicht hielt Adams Unverständnis
ihn für die Frucht vom Baum der Erkenntnis.
Die neue Würde
Parabel
Ein Künstler war deutscher Professor geworden,
mit der Aussicht auf weitere Ämter, Titel und Orden;
und weil er von Natur ein Bildhauer war,
erschien nun vor ihm die ganze Schaar
von großen, größten und allergrößten Tieren,
die er gewohnt war zu modellieren,
um ihm huldvollst zu gratulieren.
Ein Pavian schnarrte: Herr Professor,
ich hoffe, Sie meißeln nun immer bessor!
Ja, schrie ein Esel: man soll seine schweren Pflichten,
Herr Professor, immer edler verrichten.
Ein alter abgerackerter Gaul
wieherte mit verzognem Maul:
Li-ieber Herr Professor, es gilt des Daseins Leiden
immer wahrer in Holz zu schneiden.
Ein dressierter Hofhund maulte: Wau, wau —
ein Kater jaulte dazwischen: au, au —
Herr Professor, die Welt ist schon voller Grauen,
man muß sie immer schöner aushauen.
Pfui! grunzte ein Schwein: ich möchte bitten,
Herr Professor, um immer reinere Sitten.
Ein paar Kameele flehten demütigst:
Werter Herr Professor, verzeihen Sie gütigst,
wir empfehlen, des Lebens Malicen
immer klarer in Bronce zu gießen.
Ein Elefant blies in die Trompete:
Hochgeehrter Herr Professor, ich vertrete
die alte Weisheit der Brahmanen;
lassen Sie immer Tieferes ahnen!
I — quiekte eins von zwei Karnickeln:
wir wollen uns immer höher entwickeln!
Vier vergnügte Hamster aber hockten im Kreise,
die schnauften in ihrer verfutterten Weise:
Teurer Herr Professor, die Not lehrt beten,
lernen Sie immer zweckvoller kneten!
Und — mahnte ein Truthahn mit Gekoller:
natürlich immer ordnungsvoller!
Im Gegenteil! kreischte ein Lämmergeier:
selbstverständlich immer freier!
Ein Löwe brüllte: Professor, ich rate nur
immer stolzere Positur!
Ein spukhaft hopsendes Känguru
walzte vorüber und pfiff dazu:
Herr Professor, man will Sie blos vexieren,
Sie müssen die Form immer feiner komplizieren.
Ein kluger Storch hob sacht ein Bein
und klapperte mit Bedacht: Nein, nein,
bester Herr Professor, es gilt auf Erden
nur immer einfältiger zu werden.
So erteilten die Tiere, große und kleine,
wilde und zahme im Vereine,
dem Herrn Professor ihren huldvollen Rat,
als plötzlich aus dem Gratulantenstaat
eine goldschmucke Paradiesvogelhenne
aufflog und gluckste: Wie ich dich kenne,
Freund Künstler, wirst du dir nun vorspiegeln,
du sollst unsre Göttin Natur verschniegeln,
und wirst deiner neuen Würde grollen
und immer rauhbeiniger werden wollen.
Und der Herr Professor knurrte was in den Bart
und sah wahrhaftig aus wie behaart
und streckte verbiestert alle Viere.
Da erschien zuletzt in seinem Quartiere
das wildeste und zahmste der Tiere:
ein Weib. Das sprach: Lieber Mann, deine Würde
ist freilich eine künstliche Bürde.
Aber wir Menschen treiben’s eigentlich nie
so natürlich wie das übrige Vieh;
selbst die nackte Braut trägt an der Hand
ein Ringelein als züchtiges Pfand.
Sieh, mit unsern Kleidern, Zierden und Ehrenzeichen
will die alte Hexe Natur erschleichen,
daß sich ihr irdisches Maskenfest
nicht noch tierischer gehen läßt.
Drum, Künstler, laß dich ruhig verhimmeln;
und damit deine Anbeter nicht verlümmeln,
lern dich als würdiges Vorbild geberden,
denn der Mensch will — immer noch menschlicher werden.
Da hat der neue Herr Professor gelacht,
hat seiner Frau einen himmlischen Bückling gemacht
und sich sein göttliches Haupthaar geschoren.
Seit der Zeit sind die Herren Professoren
der deutschen Kunst-Akademien
nicht mehr als Trampeltiere verschrien.
Die verunglückte Göttin
Prolog zur Eröffnung der ersten Freien Volksbühne
Es war im Mai, ein Mittag wolkenschwül.
Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
der feuchten Dächer staunend, die gleich Schollen
von Silberfelsen, fern ins stille Meer
des Himmels hin, aus dumpfer Brandung schwollen:
Berlin lag brausend um mich her.
Am Horizont, im blassen Dunst, stand blendend
auf ihrem Säulenklotz, wie Gold ausspendend,
die Siegesgöttin. Um die steifen Glieder
bog seltsam bauschig das Gewand sich nieder;
zu flattern schien’s im lauen Wind.
Die Sonne blinzelte, bald grell, bald blind.
Ich wußte nicht: saß ich im Traum?
Es war, als ob der blanke Saum
am Fuß der Göttin immer mehr sich bauschte,
als ob von fern ein ehern Klirren rauschte.
Ich starrte: wahrlich, um die Spitze
der Säule klirrten goldne Blitze:
die Göttin schüttelte den Siegesspeer.
Und plötzlich schleuderte sie weg die Wehr,
zur Erde nieder schossen Strahlenstufen,
sie schritt hinab, und hohl wie Glockentöne
scholl durch die Stadt ein geisterhaftes Rufen:
„Genug des eitlen Ruhms! Kommt her, ihr Söhne,
ihr Töchter all des Volkes, kommt herbei!
Ich will euch künden einen neuen Mai.
Hin werf ich Heim und Waffen in den Kot;
genug von Kampf und Schweiß! Aus reinern Sphären,
vom Baum der Freiheit pflückt ich Himmelsbrot;
mit Ätherhauch soll’s eure Seelen nähren.
Die Frucht der Schönheit bring ich auf die Erde,
die Kunst, die Seligkeit der Ewigkeiten;
vergessen sollt ihr Mühsal und Beschwerde,
wie Geister leicht ins Reich der Wahrheit gleiten.
Ein trüber Traum nur ist des Daseins Not,
ein Wahn der Schmerz, ein Augenblick der Tod;
begeistert ob dem Dunst der Zeiten schweben,
das ist die Wahrheit, das heißt Leben!“
So stand sie preisend in der Sonne, winkte;
hoch in der Rechten, weithin gleißend, blinkte
die wundersame Frucht. Und ihr entgegen
aus allen Toren stürmten Glückverlangende,
auf allen Straßen drängten Sehnsuchtbangende,
Millionen Augen dürsteten nach Segen.
Und plötzlich keucht ich selber mit im Schwarm,
mit immer drängender gestrecktem Arm;
vorstürzend, stammelnd kniet ich in den Sand,
umklammerte des Weibes Prachtgewand:
„Gieb!“ fleht’ich ächzend — „Gieb uns, gieb uns!“ ächzten
die Abertausende, die mit mir lechzten.
Doch hohl herab in unsre Nötigungen
erscholl die Glockenstimme wie zersprungen:
„Nicht dürft ihr nahn mit irdischer Begier,
im Abglanz nur erscheint die Schönheit hier.“
Und scheu verstummten Alle; auf dem Volke
lag schwer das Wort wie Nebeldunst und Wolke.
Auf einmal aber, leise, heiser, wild,
begann ein Flüstern um das Glanzgebild:
„Sie log uns! Wir verschmachten! Fort! Sie log!“
Und, wie die Windsbraut durch den Forst, so flog
das Murren weiter, laut und lauter schwellend:
„sie log, log, log“ — toll, immer toller gellend,
wutschreiend, hohnlachend, und Flüche schallten,
und Fäuste fuhren drohend in die Falten
des blendenden Kleides, und — ein Schreck — ein Graun:
die wimmelnden Reihen starrten wie erstickt:
ein Bild des Stolzes hatte sie berückt,
da stand’s, ein Bild der Ohnmacht anzuschaun:
ein Krampf erschütterte den Riesenleib,
es war als schrumpfte Zoll um Zoll das Weib,
matt nieder knickten Hand und Arm,
die Himmelsfrucht fiel prasselnd in den Schwarm,
zu Moderqualm zerstob sie im Gedränge,
zu Flitterspreu der Schale Goldgepränge.
Und vom Gesicht wie abgeschürfte Blattern
sah ich des Weibes Götterhaut zerflattern.
Aus ihren Augen stierte trüb ein Schein
wie schaler Bodenrest aus leeren Bechern,
die Lippen knifften dürr und schief sich ein,
und aus dem Zahngelücke klang es blechern:
„Ach ja — ach je — die Kunst wird alt so sachte.
Ihr habt schon Recht — na, seid man still — ich dachte:
ihr könnt noch glauben an die ewige Jugend.
Na schön, denn nich. Seht, Kinder, ich bin ehrlich;
und ist das schwache Rückgrat auch beschwerlich,
man macht dann eben aus der Not ’ne Tugend.
Ja, alles Dasein ist ein mürber Plunder,
der Menschengeist verpufft sich selbst wie Zunder,
der Mitmensch kommt und schluckt den schlimmen Rauch
und krigt davon das Grimmen in den Bauch;
ein Kunststück ist es, sich davor zu hüten.
Drum will ich euch, als Gegengift, die Blüten
aus diesem Giftsumpf säuberlich sezieren;
ein schwaches Auge liebt das Mikroskop
und nicht das Sonnenfernglas zu regieren,
und Unkraut wächst ja massenhaft, gottlob.
Die Decke von der Fäulnis abzuheben,
das ist die Wahrheit, das heißt leben.“
Und wieder rings ein scheu beklommnes Schweigen,
ein Nicken, und verzagte Seufzer wehten,
wie Herbstlaub rieselt von gesenkten Zweigen;
dann — sah ich manchen grinsend näher treten.
Da wars, als wüchse wieder hoch die Alte,
die hohle Stimme blähte sich und hallte:
„Am Schönheitswahnsinn mögen Narren klauben,
heut braucht man blos der — Wissenschaft zu glauben!
Und da ihr reif seid, Alles zu verstehn,
sollt ihr die Kunst in ganzer Nacktheit sehn!“
Und mit den Spinnenfingern krallte
ins schlotternde Prunkgewand die Alte,
schon sah man durch des Kleides Spalten
des greisen Leibes schlaffe Falten,
da —: tausendstimmig hub ein Toben an,
ein Schrei des Ekels brach den dumpfen Bann,
und wie die Brandung von der morschen Klippe
zurück ins freie Meergewoge schäumt,
so stürmten, stießen, stürzten zorngebäumt
die Schaaren weg, weg von dem Spottgerippe
und rissen’s um und lachten, und laut lachte
ich mit, aus vollem Halse, und — erwachte.
Am offnen Fenster saß ich, ins Gewühl
der Großstadt niederstaunend. Frisch und kühl,
aus eines Hofes tristem Schattenloch,
sproß zu mir auf ins schwüle Mittagsschweigen
ein blühender Apfelbaum, als hinge noch
schimmernd das Morgenrot an seinen Zweigen.
Und wo er über die graue Mauer nickte,
hockte ein Straßenkind und gab
von seinem Brot einer Gespielin ab,
die blaß aus einem Kellerfenster blickte.
Das Brot war trocken, das Stück war klein,
die Händchen schmutzig — doch der Augen Leuchten
so klar und lachend wie der Sonnenschein,
der über ihnen rings die schwarzen feuchten
Dächer der qualmenden Stadt blitzblank polierte
und mit viel hundert Himmelsspiegeln zierte.
Am Horizont verglomm jetzt in den Dünsten,
fahl wie ein Irrlicht hinter Sumpfgespinsten,
die plumpe Göttin. Aber an der Ecke
dicht unter mir fiel hell der Frühlingsglanz
auf eine andre Säule. Bunt Geflecke,
grell, ein zerhackter Regenbogenkranz,
so klebten prangend die Plakate dran.
Und auf dem Pflaster drängte Mann an Mann;
sie lauschten; einer las, gebückt und schief,
ein rotes Blatt, das zur Versammlung rief.
Verbissener Grimm sprach aus den knochigen Mienen,
verschluckte Sorgen brüteten in ihnen;
und als der Haufe aus einander wich
und als sie sich die rußigen Hände drückten
und kargen Gruß die storren Köpfe nickten,
da, ja, da wußt ich wohl, dort schlich
manch schlechter Wunsch aus haßgepreßter Kehle,
doch aus den Blicken schimmerte echt und rein
— so sprüht der Funke aus dem harten Stein —
die Kampfbegeisterung der wilden Seele.
Und sprühte her zu mir mit jäher Wonne,
und ward Gesang in mir, Gesang zur Sonne:
Wir Alle, Sonne, sind von deinem Blut!
Uns Alle, Volk, adelt ein Geist der Glut!
Wie Er aus Licht und Dunkel Farben wirkt,
im Schooß der Nacht die Saat des Tages birgt,
wie Er vom kalten Ätherhauch umflossen
sein Flammenblut hat in die Welt vergossen,
das immer noch aus unsrer Staubgestalt
vor Sonnenheimweh heiße Worte lallt:
so kann ein Schattenspiel an leerer Wand,
vom Flämmchen unsrer Sehnsucht hingebannt,
uns samt der Zeit zur Ewigkeit erheben —
und Das ist Kunst, ist Schönheit, Wahrheit, Leben!
Der Feuergeist
Ein Jüngling, wortgewandt, und sehr fürs Volkswohl glühend,
oder galt seine Glut mehr seinem Rednerruhm?
wer weiß — denn eines Tags nach einer Wahlversammlung
sprach er zu einem Freund: welch grenzenloses Glück,
so ganz entbrannt zu sein, daß alles mitentbrennt,
so Flamme durch und durch, daß sich der Geist vesuvisch
am eignen Wort entflammt und jeden andern Geist
rings um sich her verzehrt! — der wurde selbigen Nachts
von einer Feuersbrunst jäh aus dem Schlaf geweckt.
Er sah, noch halb im Traum, durch die verkohlte Tür
den Brand nach seinem Bett mit riesiger Zunge lecken,
wollte um Hilfe schrein, sprang auf, sah rings die Wände
Rauch spein, die Dielen sprühn, schrie Gnade, stotternd Gnade,
sah nichts mehr, schrie nur, sah: alles verzehrend fraß
der glühende Atem um sich, vesuvisch. Und — o Gnade —
was war das? Luft! Er sah sich zusammenbrechen, fühlte
sich hochgerissen plötzlich, getragen, weggetragen,
durch klirrende Fenster, Wolken, Nachtwolken, Luft — o Glück —
o grenzenloses Glück — durch frische Luft getragen,
von Fäusten, Retterfäusten, hinab. So kam er zu sich,
stand unten, sah hinauf, sah rings das Volksgetümmel
vom Feuer geisterhaft beleuchtet, wollte sprechen,
Dank sagen, Dank, o Dank — und sprach, sprach nicht, schrie, schrie nur,
stotternd und lallend: Gnade! Gnade! — Die Zunge war
für immer ihm gelähmt.
Das erlösende Wort
Er weinte, schwieg. Noch hör ich ihn stammeln,
höre ihn leiden bei jedem Laut,
und höre das Lied meiner Seele dazu,
o selig Lied!
„Ich b-b-b-bebe“ — ich bebe mit,
„wie kein M-M-Mensch sonst“ — wie einst der Urmensch,
„bei j-jedem W-Wort“ — armer Sünder!
„Jedes Wort“ — einst Gestammel —
„ist m-mir haha-heilig“ —
ist Allen heiliger noch als dir;
„sie aber lalala-lachen darüber!“
sie lachen, und du leidest noch?
„Ich k-kann nie s-sagen“ — wer kann je sagen,
„was meine S-Seele will“ — Aller Seele!
„ich b-bin so verlassen“ — vom einigen Geist.
„Nur m-manchmal, w-wenn ich mein Lalala-Leiden
v-vergesse“ — o lache, befreiter Geist —
„dann glückt mir“ — o Glück — „das erlösende Wort“.
Er weinte, schwieg.