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Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Chapter 148: Einsamkeiten
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About This Book

A collected volume of lyric poems and aphoristic sayings arranged in thematic sections that shift between sensual and erotic imagery, natural and seasonal observation, intimate domestic and public addresses, and religious and mythic reflection. Short lyrics and songs coexist with reflective elegies and pointed, occasionally polemical maxims, while longer sequences trace symbolic metamorphoses of an emblematic figure. The diction moves from lush sensory description to rhetorical exhortation and concise proverb-like lines, producing a varied tonal register that links bodily desire, artistic self-examination, moral questioning, and social sentiment.

Erste Folge

*

Der befreite Prometheus

Vom Kaukasus hernieder schritt Prometheus;
er war erlöst, Zeus gab ihn frei.
Der Riese durfte endlich von dem Gletscher
herunter, drauf er büßend lag;
er durfte nun hinab auf seine Erde,
hin zu den Menschen, die er so geliebt,
daß er, der eignen Seligkeit zum Trotz,
das Feuer des Olympos für sie stahl.
Nicht dauerte den Götterkönig
der Himmelsgünstling, der abtrünnige.
Warum auch lockte die Versuchung ihn,
den Menschen Göttergut hinabzutragen;
er hatte seinen Lohn dahin,
den Heilandslohn,
nach der Olympier unerbittlichem Gesetz.
Verraucht nur endlich war der Zorn des Zeus,
und Laune wars und Gnade, daß sein Blitz
vom Leib des Märtyrers die Fesseln sprengte,
die lavastarr gehärteten.
O lange Qual! o Leib, zerfleischt, entstellt!
Noch deckten Schwären die zerschundenen Knöchel;
kaum konnten die verkrümmten knorrigen Finger
das große Wundmal unterm Herzen schützen,
das frisch noch glänzte von den Schnabelschlägen
des Tag für Tag drin wühlenden Geierpaars.
O Tage voller Wut und Ohnmacht!
o Tag der Bitternis, da ihm die Hand,
die einst mit Bergen wie mit Würfeln spielte,
zum ersten Male
erlahmte vor der Übermacht des Neides,
des weltbeschattenden, der Götter all!
o Tag, als in Verzweiflung starb sein Trotz!
Doch nun war Alles überwunden.
Erstickt die Kampfglut in den tiefen Augen.
Erloschner Gram, verlohte Leidenschaft
der einzige Ausdruck der zerfurchten Züge,
als trüg’er in sich, wie ein Fremder kalt,
nur die verbrannten Wurzeln seiner Kraft.
Um seine schmerzgeübte Stirne zauste
der eisige Wind des Haars ergraute Büschel.
So schritt er abwärts, der gebeugte Riese.
Nur ruhen wollt er, ausruhn bei den Menschen.
Sie um sich sammeln, wie ein alter Vater seine Kinder.
Ihr Glück genießen, das sie ihm ja dankten.
Den Frieden sehn, der lichtfroh aufgegangen,
seit er den Himmelsfunken ihnen schenkte,
seit er den unstät Irrenden
den ersten warmen festen Herd gebaut.
Sich jetzt erfreun an den Geschöpfen,
die tierisch wild in Hader, Haß und Habgier
einst um das nackte Leben markteten,
die seine Tat ja erst zu Menschen schuf.
Und nieder kam er in die mildern Lüfte,
ins ebne Land; da sah er blühende Triften,
bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da lachte seine Seele: Sieh doch, Zeus,
war Das nicht wert der tausendjährigen Pein?
Ja, meine Menschen will ich wiedersehn!
Und in die Dörfer ging er, in die Städte,
und sah die Menschen, sah sie leben, streben,
und ging und ging, und suchte hin und her,
und fand:
weh, weh des Anblicks: alles wie zuvor!
Haß, Hader, Habgier! Nichts war aufgegangen
als andre Habgier, andrer Hader, andrer Haß.
Nur Eines fand er auf der Erde neu: den Neid —
den knechtischen, lichtscheuen Neid, o Ekel,
den Neid der Menschen um Besitz —
und war genug doch da, genug für Alle.
In Hütten sah er, in die Burgen sah er;
doch es war Alles Eines,
war alles wie zuvor — und schlimmer noch.
Zuletzt und matt betrat er eines Priesters
entlegnen Hof. Da wohnte ja der Friede,
den er vergebens bei den Andern suchte;
dort am geweihten Herd, wo hell des Dankes
heiliges Sinnbild glomm, die ewige Lampe,
wollt er noch Einmal unter Menschen rasten
und dann auf immer in die Einsamkeit.
Zum Hausherrn, der die Flamme schütte, sprach er:
„Ich bin Prometheus, laß mich ein bei dir!“
Der wandte sich erschrocken, blickte scheu
dem großen Mann ins seltsame Gesicht,
und schlich geduckt davon, und schloß sich ein,
und durch die Tür quoll eine fette Stimme:
„Ich brauch mein Bißchen selbst, verrückter Graubart!
Prometheus, der ist tot — und kommt nicht wieder.
Ja, damals waren bessre Zeiten noch
als heute!“
Dann schlurften Schritte tiefer ins Gemach.
Noch stand der Wandrer. Da: ein Wanken, und
der Qualgewohnte, auf die heilige Schwelle
schlug er lang hin, zum ersten Mal laut schluchzend,
und wehklagte: „O Zeus! sehr furchtbar strafst du!
so nicht, so brauchtest du dich nicht zu rächen!
das war das Letzte! ich will sterben gehn!“
Und jäh und gellend riß sich
ein Lachen los aus der vernarbten Brust,
und brüllend, rasend rannt er weg, der Riese:
„Weg von den Menschen! weg! zum Meer! ins Meer!
im Meer, da find’ich Ruhe! endlich Ruhe!“
Nun stand er oben, starr, auf steiler Klippe.
Und wieder sah er im Gelände unten
die blühenden Fluren, die beglänzten Triften,
bebaute Äcker, wohlgehegte Gärten,
und ringsum lugten Dörfer aus dem Grün,
und weither prangten Zinnen sichrer Städte.
Da überfiel ihn totgeglaubter Gram,
da überfuhr ihn nie erlebter Grimm,
brüllend vom Felsgrat brach er Stück auf Stück, und
in rasender Blindheit Stück auf Stück anspeiend
schmiß er’s hinab, spie, schmiß, und tobend
flog übers Meer sein weinendes Gelächter:
„O könnt ich so die ganze Brut zerschmeißen,
die mir mein Gut, mein göttliches, veraast!
Hha, meine Menschen, hahahah“ —
Da horch, was scholl da? drang da nicht ein Schrei,
ein Menschenschrei, ein Hilfeschrei herauf?
Er stierte; dunkel rollend ging die See,
von seinen Würfen sturmgleich aufgerührt,
und aus dem Gischt trieb halbzerschellt ein Kahn,
und in den Strudeln rang ein Mensch ums Leben.
Doch jetzt: schon schäumte von der stillern Flut
ein andres Boot heran, draus warf sich
ein zweiter Fischer in die Brandung.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus
und stierte, stierte, und erkannte sie:
aus seiner Wandrung hatt’er sie gesehen,
die ersten Menschen warens, die er traf:
Todfeinde warens — und jetzt kämpfte dort
der Feind, dem Feind vereint, um Feindes Leben!
Und endlich siegten sie den schweren Sieg,
und schleppten sich zum Strand, und fielen keuchend,
sprachlos vor Glück, Geretteter und Retter,
einander in die Arme.
Und oben auf der Klippe stand Prometheus,
und sah ihr Hab und Gut im Meer versinken,
und sah sie lachen — und nun jauchzten sie.
Da überfuhr ihn totgeglaubter Mut,
da überfiel ihn nie erlebte Demut,
und in die Kniee taumelte Prometheus
und auf zum Himmel stammelte Prometheus:
„O Zeus! ich danke dir! du armer Gott!
Ich bin so reich, ich fühle wieder Liebe!
O laß mich leben, laß mich leiden!
Ich will noch einmal zu den Menschen hin!“

Gethsemane

Lautlos steht der starre Hain der Palmen,
tiefe Schatten schaun aus Busch und Halmen,
ihre blauen Tränen weint die Nacht.
Nur von Menschenlauten tief durchtrauert,
steht der stumme Hain und bebt und schauert;
einsam seinen Gott anrufend kauert
auf den Knien ein Mann in Bettlertracht.
„Höre, höre, Geist der Wahrheit,
meinen Zwiespalt, meine dunkle Schuld:
der ich wandelte in Kampf und Starrheit,
Liebe lehrt ich und Geduld.
Ach! ein Baum, der Licht gab, wollt ich leben,
übermächtig der Natur;
nur mein Glaube war mir Leben.
Ach, sie sahn nicht auf mein Streben,
sahn die Tat, des Baumes Schatten nur.
Übermenschlich hab ich mich vermessen,
und sie haben fromm gemeint:
Ich, ich lebte selbstvergessen.
Einer, Er nur — Judas! Freund!
warum willst du mich verraten?!
O, zertrennte mich doch mein Gebet,
daß ich zwiefach lebte Wort und Taten,
Menschen menschlich irrend zu beraten,
auch dem Zweifel ein Prophet!“
Und zum Mond die Arme wild gebreitet,
und die Augen in die Nacht geweitet,
läßt er seine dunkeln Blicke irrn.
Und er sieht die Schaaren seiner Qualen,
durch das Dickicht brechen bleiche Strahlen
und berühren wie mit fahlen
Dolchen marternd seine glühende Stirn.
„Wehe, wehe, Geist der Liebe,
voller Reinheit schwebst du, klar und hoch;
doch dein Pfad ist Nacht und kalt und trübe,
und mich kettete die Erde doch!
Schwerter stieß ich in die weichsten Herzen:
Allen wollt ich liebend glühn,
aber meiner Mutter mach ich Schmerzen
und mit sehnsuchtwundem Herzen
weint um mich die Magdalenerin.
Nackt und bloß, und nur ein Menschensohn,
wollt ich trösten all mein arm Geschlecht,
doch im Mitleid glimmt die Rache schon;
auch der Reichste hat auf Liebe Recht!
Judas, Judas, kommst du mich zu richten?
ist Entsagung, ist Gewalt mein Los?
Muß denn diese Welt sich erst vernichten,
um das Reich des Friedens aufzurichten?
Freiheit, lebst du im Gewissen blos?“
Und verzagt aufs Antlitz hingezwungen
spürt er heftiger die Anfechtungen,
seine zarte Stirne trieft von Schweiß.
Und er fühlt sein Blut in großen Tropfen
von den Schläfen in die Gräser tropfen;
seine zuckenden Pulse klopfen
an die Erde hart und laut und heiß.
„Geist des Lebens: Klarheit, Klarheit!
wird denn nur für Opfer Sieg gewährt?
Sieh, es kommt der Jünger Meiner Wahrheit:
wähle, Freund! hier Todeskelch, hier Schwert!
Selig, meiner Inbrunst mich zu töten,
eine Lebensleuchte wollt ich stehn,
aber jetzt in Sterbensnöten
sieh mich zittern, sieh mich beten:
laß den Kelch an mir vorübergehn!
Allzu willig war mein Fleisch dem Geist!
weh: entbrächen meines Glaubens Gluten.
Sollen Tausend um mich Einen bluten?
Wer nach Meinem Wandel lebt, verwaist.
Nein, ich fühl es: nicht wie Ich will, Vater,
Geist der Welt, der alle Seelen speist,
allen Fleisches Schöpfer und Berater,
Du des Lebens, Du des Todes Vater,
Deiner Hand befehl ich meinen Geist!“
Und er horcht, er sieht die Nacht erglühen:
starrer stehn die Bäume, Fackeln sprühen,
wildverworrene Menschenlaute nahn.
Und verzückt den Seherblick gehoben,
steht und hört er seine Häscher toben,
und ein Siegeslächeln schluchzt nach oben:
„Judas, komm! ich schreite gern voran.“

Tragische Erscheinung

In einer Wüste lagen viele Menschen,
die fast verschmachteten; sie wimmerten.
Ein schönes Mädchen nur,
mit hilflos braunen Augen,
litt stumm den Durst; denn gieriger als der Durst
brannte ihr seliges Mitleid.
Da trat, vom glühenden Horizont herwachsend,
ein fremder Mann vor dieses Volk;
der hob den Zeigefinger ihnen dar.
Aus der gereckten zitternden Spitze quoll
ein großer Tropfen Blut, quoll, hing, und fiel,
fiel in den Sand;
verwundert sah das Volk den fremden Mann.
Der stand und stand, Tropfen auf Tropfen fiel
aus seinem Finger in den Sand;
und immer, wenn die rote Quelle troff,
erbleichte schauernd Er, sie aber staunten,
und einige ächzten: er verhöhnt uns.
Da schrie er laut mit seiner letzten Glut:
so kommt doch, trinkt! für Euch verblut ich mich!
Doch jenes Mädchen sprach, indeß er hinlosch:
sie brauchen Wasser ...

Einsamkeiten

Nun still, mein Schritt, im stillen Nebelfeld;
hier rührt kein Leben mehr an meine Ruhe,
hier darf ich fühlen, daß ich einsam bin.
Kein Laut, kein Hauch; der bleiche Abend hält
im dichten Mantel schwer die Luft gefangen.
So tut es wohl dem unbewegten Sinn.
Mein Herz nur hör ich noch; doch kein Verlangen
nach Leben ist dies Klopfen. Lust und Schmerz
ruhn hinter mir versunken, gleich zwei Stürmen,
die sich umarmen und im Wirbel sterben.
Was störst du mich, mein allzu lautes Herz!
Sie haben alle nie wie du gefühlt,
wie du allein; nicht Freund, nicht Weib noch Kind;
sie sind auch einsam. Sieh: dort drüben
müht sich ein grüner Schein im Nebelmeer,
ein Bahnlicht — sieh: so glimmst auch du im Trüben.
Hinaus, hinaus, wo keine Menschen sind!
Was wollt ihr noch? Weiter! auf jenen Hügel,
der grau ins Dunkel schwillt. Gesichter, weicht!
Sie folgen mir; o hätt ich Flügel! —
Und aus dem bleichen Feld tauchen die Sträucher,
koboldig, und der Hügel raucht,
bis feucht von Schweiß sich dick und breit
der Dunstalb an die Brust der Erde saugt.
Gesichter, weicht! weicht! Wie sie keuchen!
Sie folgen mir. O Qual der Einsamkeit!
Am Bahndamm nieder wank’ich in den Sand,
die glühende Stirne auf die nasse Schiene:
o käme jetzt das Eisenrad gerannt!
Kalt frißt sich mir das Stahlgefühl ins Mark,
die Hände pressen wild den starren Reifen;
ich kann nicht mehr. Da: horch: sei stark:
heulend am Horizont ein hohles Pfeifen,
zwei Augen quellen blendend aus dem matten
Dunstdunkel, und — was will der Schatten,
was regt sich da der Erlenbusch?
Er löst sich, kommt; es reißt mich hoch,
der Schatten naht, ich wills begreifen,
er nimmt Gestalt an — Wahnsinn? — Und
den Nebel teilt ein schwarzer Streifen,
mein wühlender Blick wird still und weit:
ein Gruß — stumm stockt in mir ein Schrei:
Jubel, ein Mensch! — O Herz — o Einsamkeit —
und knatternd stampft der Dampfzug mir vorbei.

Bergpsalm

Der Sturm hat seine Schlangen losgelassen.
In langen Windungen zischt Gras und Rohr
und keucht der See ans Land; die silberblassen
zerwühlten Weiden seufzen laut empor.
Empor, empor! Dort, wo die Kiefern sausen,
auf kahler Höhe will ich einsam stehn
und meine ferne Heimat dämmern sehn
und hören, was die dunkeln Wolken brausen.
Ihr grauen Pilger über mir: wohin?!
O könnt ich mit euch, ziellos, ohne Stocken,
dies dumpfe Sehnen ohne Maß und Sinn
ausschütten in den Sturm wie Nebelflocken!
O meine Heimat! Silbern grüßt der Fluß
und glänzt zum Himmel aus dem Blau der Bäume,
und aus dem Zauberwald der Kinderträume
winkt klar der Mutter Blick und Kuß.
Was weinst du, Sturm? — Hinab, Erinnerungen!
dort pulst im Dunst der Weltstadt zitternd Herz!
Es grollt ein Aufschrei von Millionen Zungen
nach Glück und Frieden: Wurm, was will dein Schmerz!
Nicht sickert einsam mehr von Brust zu Brüsten
wie einst die Sehnsucht, nur als stiller Quell;
heut stöhnt ein Volk nach Klarheit, wild und gell,
und Du schwelgst noch in Wehmutslüsten?
Siehst du den Qualm mit dicken Fäusten drohn
dort überm Wald der Schlote und der Essen?
Auf deine Reinheitsträume fällt der Hohn
der Arbeit! fühl’s: sie ringt, von Schmutz zerfressen!
Du hast mit deiner Sehnsucht blos gebuhlt,
in trüber Glut dich selber nur genossen;
schütte die Kraft aus, die dir zugeflossen,
und du wirst frei vom Druck der Schuld!
Und blutig glüht es um die zackigen Türme,
ein Dornenkranz umflammt die Stirn der Stadt,
ein goldner Fächer scheucht die Wolkenstürme,
hernieder strahlt ein Sonnenpalmenblatt.
O Herz der Weltstadt, du Millionenstimme,
die gell nach Brot vor Seelenhunger schreit:
still quillts wie Heilandsblut durch diese Zeit,
die Liebe quillt aus deinem Grimme!
Den Kelch des Schweißes seh ich geistverklärt,
das Kreuz der Mühsal blütenlaubumflattert!
Was lachst du, Sturm?! — Im Rohr der Nebel gährt,
die Kiefer knarrt und ächzt, mein Mantel knattert:
Empor aus deinem Rausch! Mitleid, glüh ab!
Laß dir die Kraft nicht von Gefühlen beugen!
Hinab! laß deine Sehnsucht Taten zeugen!
Empor, Gehirn! Hinab, Herz! Auf! hinab!

Lied an meinen Sohn

Der Sturm behorcht mein Vaterhaus,
mein Herz klopft in die Nacht hinaus,
laut; so erwacht ich vom Gebraus
des Forstes schon als Kind.
Mein junger Sohn, hör zu, hör zu:
in deine ferne Wiegenruh
stöhnt meine Worte dir im Traum der Wind.
Einst hab ich auch im Schlaf gelacht,
mein Sohn, und bin nicht aufgewacht
vom Sturm; bis eine graue Nacht
wie heute kam.
Dumpf brandet heut im Forst der Föhn,
wie damals, als ich sein Getön
vor Furcht wie meines Vaters Wort vernahm.
Horch, wie der knospige Wipfelsaum
sich sträubt, sich beugt, von Baum zu Baum;
mein Sohn, in deinen Wiegentraum
zornlacht der Sturm — hör zu, hör zu!
Er hat sich nie vor Furcht gebeugt!
horch, wie er durch die Kronen keucht:
sei Du! sei Du! —
Und wenn dir einst von Sohnespflicht,
mein Sohn, dein alter Vater spricht,
gehorch ihm nicht, gehorch ihm nicht:
horch, wie der Föhn im Forst den Frühling braut!
Horch, er bestürmt mein Vaterhaus,
mein Herz tönt in die Nacht hinaus,
laut — —

Ausschau bei Nacht

Damals, Seele, ja: ich war ein Kind
und das alte Forsthaus dumpf und eng.
Und in hellen und in dunkeln Nächten,
wenn ich bang am Kammerfenster stand
und die düstern Eichen hoch erschauern hörte,
wurde mir das Dach noch dumpfer.
Denn immer sah ich,
drüben, drüben fern,
wo aus der Waldnacht um die Felder
die eine hohe Kiefer in den Himmel horchte,
immer ruhte dann darüber
in den Wolken
jener weitgewölbte Schimmerkreis.
Und in bleichen Nächten
war er blaß und flehend
wie ein Heiligenschein,
aber in den grauen
tröstlich blau und schirmend
wie der Glanz von einem klaren Stahlschild,
oder mild und gelb wie Kronengold;
und ich wollte König werden.
Meine Mutter aber sagte mir’s:
dort lag Berlin.
Damals wußt ich nicht, warum mir bangte,
als sie mir die Stirne küßte.
Dort lag die Lichtstadt
und strahlte! —
Heute ist auch Nacht;
der Mond stiert in mein Fenster,
und ich sehe über tausend Dächer.
Im schweren weichen Schnee
ruhn und horchen mit verhaltnem Atem
die Schatten der Stadt.
Bis in den blauen Silberschein der Ferne
schwillt in langen Falten
weiß und zart die dichte Decke hin,
wie über die Kissen
eines Täuflings.
Die aber, die darunter schlafen?
und wachen?! —
Schwarz und scharf
stechen die Türme,
Kirche neben Kirche,
in den kühlen Himmel;
stahlspitz flittert ein Glanz
um die finsterhohe Kuppelkrone
jenes Palastes,
und über einem dicken Schlot
stockt ein Schild von Qualm.
Plötzlich:
unten an der Ecke drüben,
wo eine Gaslaterne
trübgelb mit dem Mondlicht kämpft,
schimpft ein frierender Schutzmann
ein betrunknes Straßenmädchen aus.
Seele, ja:
da liegt Berlin.

Weihnachtsglocken

Weihnachtsglocken. Wieder, wieder
sänftigt und bestürmt ihr mich.
Kommt, o kommt, ihr hohen Lieder,
nehmt mich, überwältigt mich!
Daß ich in die Kniee fallen,
daß ich wieder Kind sein kann,
wie als Kind Herr-Jesus lallen
und die Hände falten kann.
Denn ich fühl’s, die Liebe lebt, lebt,
die mit Ihm geboren worden,
ob sie gleich von Tod zu Tod schwebt,
ob gleich Er gekreuzigt worden.
Fühl’s, wie Alle Brüder werden,
wenn wir hilflos, Mensch zu Menschen,
stammeln: Friede sei auf Erden
und ein Wohlgefalln am Menschen!

Jesus der Künstler

Traum eines Armen

So wars, so stand ich: dumpf, doch fühlend: stumm:
im roten Saal, im Traum, in dunkler Ecke:
stumm, starr und fühlend: schwer: Stein unter Steinen:
bang: starr es fühlend ...
Die schlanken Alabastersäulen leuchten.
Vom Saum der hohen Purpurkuppel hängen
und breiten weit ihr silbern Licht herab
im Doppelkreis die großen weißen Ampeln.
Die roten Nischen bergen zarte Schatten
und spiegeln sich im blanken Pfeilerwerk.
Es ist ganz still ...
Und stumm gleich mir und unbewegt, von Nische
zu Nische, stehn Gestalten: Mann und Weib.
In weißer Nacktheit stehn sie schimmernd da.
Die glatten Sockelblenden werfen Strahlen.
Die roten Wände legen lebensweiche
geheime Schmelze um den Rand der Glieder.
Von Kraft und Ruhe träumt der reine Stein.
So sind sie schön ...
Ich aber hocke in der dunklen Ecke
und fühle meines Leibes Magerkeit
und meiner Stirne graue Sorgenfurchen
und meiner Hände rauhe Häßlichkeit.
In meinem Staub, in meinen Arbeitslumpen,
mißfarben angetüncht, so hocke ich
auf kahlem Postamente, dumpf und bang,
vor ihrer Nacktheit mich der Kleider schämend,
Stein unter Steinen ...
Nur Einer atmet in der stillen Halle.
Dort in der Mitte, auf dem mattgestreiften
eisblassen Marmor, liegt im Dornenkranz,
blutstropfenübersät die bleiche Stirn,
ein Mensch und schläft. Sein weißer Mantel regt sich
in langen Falten leise auf und nieder.
Im Silberlicht der Ampeln glänzen rötlich
der schmale Bart, das schwere weiche Haar.
Hinauf zur Kuppel bebt der milde Mund,
lautlos und schön ...
Nun kommt ein Seufzen durch den stummen Glanz.
Die stillen Lippen haben sich geöffnet.
Im blanken Alabaster spiegelt sich
des blutbesprengten Hauptes leise Regung.
Klar, langsam tun zwei große blaue Augen
empor zur Purpurwölbung weit sich auf,
sanft auf; und alles Rot und Weiß des großen
Gemaches überleuchten diese großen
verklärten Augensterne durch ihr tiefes,
unsäglich tiefes, dunkles, sanftes Blau.
So steht er auf ...
Da scheinen sich die Steine rings zu rühren,
die weißen Glieder eigner sich zu röten,
und nur von Sehnsucht starr; Er aber wandelt.
Die Dornenkrone bebt; und wie er sacht
von Postament zu Postamente schreitet,
und wen er ansieht mit den blauen Augen,
der lebt und steigt in Schönheit zu ihm nieder,
der lebt! der lebt! —
Und steigend, wandelnd, aus den Purpurzellen,
in warmer Nacktheit leuchtend Leib an Leib,
folgt Paar auf Paar ihm von den Marmorschwellen,
stolz, selig stolz, umschlungen Mann und Weib.
Von ihren Stirnen, von den lichtbetauten
sorglosen Lippen weicht ein Bann und flieht,
der weite Saal erklingt von Menschenlauten,
es schwebt ein Lied.
Es schwebt und klingt: „So wandeln wir in Klarheit
und wissen aller Sehnsucht Sinn und Ziel;
in Unsrer Schönheit haben wir die Wahrheit,
zur Freude reif, und frei zum kühnen Spiel!“
So schwebt das Lied ...
Ich aber hocke in der dunklen Ecke,
und fühle meiner Glieder Häßlichkeit
und meiner Stirne graue Sorgenfurchen,
und fühle neidisch ihre warme Nacktheit
und frierend ihren Jubel — ich ein Stein.
Von Pfeiler hell zu Pfeiler tönt der Zug,
des stillen Wandlers Dornenkrone bebt,
ich aber bebe mit in meinen Lumpen
und warte, warte auf die blauen Augen
und will auch leben, auch ein Freier wandeln,
nicht Stein, nicht Stein! —
Und näher glänzt und klingt es um die Säulen;
vom letzten Sockel folgt ein Mädchen ihm;
er kommt! er kommt! —
Und vor mir steht er. Da verstummt der Zug;
ich fühle ihre stolzen Augen staunen,
und fühle seine, seine Augen ruhn
in meinen — ruhn — und will mich an ihn werfen
und will vergessen meinen frierenden Neid
und will ihm küssen seinen rührenden Mund,
da brechen perlend seine Wunden auf,
die bleiche Stirn, die Lippe zuckt, er spricht
— ihm schießen Tränen durch den blutigen Bart —
spricht: „Deine Stunde ist noch nicht gekommen!“
Und ich erwachte. Weinend lag ich nackt;
nackt wie die Armut.

Zu eng

Aus den Papieren eines Arztes

Vier Treppen hoch, nach hinten hinaus;
ein hundertfenstriges Vorstadthaus.
Die Kammer schmal
und niedrig und kahl;
ein rissiger Spiegel, zerschlissen das Bette,
ein Wassernapf, kein Stuhl, kein Tisch,
und an den Wänden glänzte frisch
der Armut schimmlige Tapete.
Kaum konnt ich durch die Tür und kaum
mich drinnen bewegen, so füllte den Raum
ein plumper Sarg, schmucklos und roh,
ein Armensarg. Und auf dem Stroh
des Bettes saß ein magrer Mann,
noch jung, aber mit jenen alten Zügen,
mit denen Gram und Not die Zeit betrügen.
Ich grüßte halb. Er sah mich an
und nickte stumpf
und seufzte dumpf,
und stierte wieder vor sich hin,
hohläugig, in den offnen Sarg.
Noch kaum verändert lag sie drin,
wie ich sie gestern mit ihm barg,
die tote Kurbelstepperin:
ins steife dürftige Leichenhemd
einen Strauß Vergißmeinnicht geklemmt,
ihr totes Kind im welken Arm.
Mich peinigte sein starrer Harm;
drum nahm ich ihn fast grob am Kragen
und sprach ihm zu mit derber Geduld,
er solle erzählen, mir alles sagen,
nicht sitzen, als sei er selbst dran schuld.
Bis er sich endlich zusammenrückte
und langsam klagte, was ihn drückte.
„Herr Doktor, da ist nicht viel zu erzählen;
es war ein einziges langes Quälen.
Es mag wohl bald zwei Jahr her sein,
da zogen wir hier beide ein,
das heißt, noch eh wir Bekanntschaft gemacht;
Schlafstelle blos, in Aftermiete,
ich für den Tag, sie für die Nacht.
Sie steppte damals Trauerhüte
in der Fabrik bis abends acht
und kam erst gegen neun nach Haus;
ich mußte auf den Droschkenbock
für meinen Fuhrherrn nachts hinaus.
So ging es wohl zwei Monat lang;
wir sahn uns kaum. Da wurde sie krank.
Herbst wars; in ihrem dünnen Rock
und bei dem weiten nassen Gang
— sie war schon immer zart gewesen —
da hat sie wohl was weggekrigt.
Ja, Herr, da gabs kein Federlesen:
Geld hatten wir alle beide nicht,
ihr bißchen blos im Kassenbuch,
fürs Krankenhaus war sie nicht krank genug,
wir konnten kein ander Gelaß uns nehmen,
wir mußten uns hier zusammen bequemen,
bis sie wieder konnte auf Arbeit gehn.
Ja, Herr, und da — da ist es geschehn!
Wir hieltens nicht aus so auf die Länge,
so ledig; man ist ein Mensch doch blos,
und unsre Sehnsucht war so groß.
Wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!
Seitdem ist sie mit mir gegangen;
hats auch zur Heirat nicht gelangt,
wir haben unserm Schöpfer gedankt,
daß wir uns so durchs Gröbste zwangen.
Wir halfen einander mit unserm Lohn
und legten noch zurück davon.
So haben wir unsern Weg genommen,
ganz gut — bis ihre Zeit gekommen.
Da kam auch die Not. Da half uns kein Beten.
Sie konnte nicht mehr die Maschine treten;
was andres hatte sie nicht gelernt,
die Eltern hatten sie früh entfernt.
Ich gab ihr, soviel ich konnte, ab;
es war fast schon für mich zu knapp.
Was half uns da nun unser Plagen,
was half uns da nun unser Sparen:
wir mußten die Sachen zum Juden tragen.
Ich habe bei Tag und bei Nacht gefahren,
ich hab mich vor keiner Mühe geschämt,
ich habe mir keinen Schluck mehr bezähmt:
sie wurde doch schwächer und schwächer im Nu,
sie hat sich zuschanden gedarbt und gegrämt.
Und dann, dann kam das Kind dazu:
ich sah sie weinen, ich hörte es wimmern,
ich sah sie Beide verschmachten, verkümmern:
Herr, da wars aus mit meiner Ruh,
da hab ich zum ersten Mal betrogen,
den ersten Fahrgast beim Fahrgeld belogen,
und noch einmal, und noch einmal,
mir schnitt zu sehr ins Herz die Qual,
und mancher tut’s jahrein jahraus,
um’s beim Budiker zu versaufen,
und ich, ich wollte Essen kaufen,
und, Herr, bei mir — bei mir kam’s raus!
Mir wurde noch von Glück gesagt,
daß mich mein Herr blos weggejagt.
Ihr und dem Wurm da gab’s den Rest;
nach Arbeit bin ich in Ost und West
seit vierzehn Tagen herumgelungert,
und dabei, scheint’s, sind sie verhungert.“
Er nickte stumpf
und seufzte dumpf
und glotzte mich hohläugig an,
mit einem Blick so müdgehetzt,
so jeder andern Regung bar,
daß mirs den Rücken niederrann.
Ich hatte zum Trösten mich hingesetzt
und sah, daß Trösten Hohn hier war,
wo so das stumme Elend schrie.
Ich drückt ihm blos das spitze Knie,
den dünnen Arm, und nahm den Hut
und sagte: Kommen Sie zu mir morgen,
ich werde Arbeit für Sie besorgen.
Er dankte. „Herr Doktor, Sie meinen’s gut.
Ich will auch kommen und ehrlich mich schinden,
und werde auch wohl weiterfinden;
blos sie, sie wird davon nicht wach!
Ja, Herr: blos einen kleinen Verschlag,
blos noch so nebenan ein Loch,
daß wir nicht immer uns mußten sehen:
dann wäre alldas nicht geschehen,
sie lebten alle Beide noch.
Wir hätten gewartet, wir hätten gespart;
wir waren, weiß Gott, geduldiger Art.
Wir hätten uns selber ’ne Droschke geschafft,
dann hatt ich ja Verdienst die Menge.
So aber gings uns über die Kraft;
wir wohnten zu eng zusammen, zu enge!“
Und auf den Sarg hin stierte er wieder,
da fuhr ein Zucken ihm durch die Lider:
„O wenn ich doch wenigstens bei ihr wär,
dadrin da in dem engen Kasten!
Jetzt braucht sie ja nicht mehr zu fasten,
und auch zu eng ists ihr nicht mehr!“
Er stieß ihn heiser heraus, den Witz,
er wollte lachen vor wühlendem Weh;
da riß es ihn um, so stieg’s in die Höh,
und niedertaumelnd von seinem Sitz
schmiß er den kleinen Vergißmeinnichtstrauß
mit wildem Fluch aus dem Sarg hinaus
und warf sich weinend über die Leichen
und küßte die Hälse, die magern, bleichen.
Da bin ich stille weggegangen,
mir graute vor der schmalen Kammer;
und durch die Brust schlich mir ein Bangen,
als sei ich auch schuld an all dem Jammer.

Vergißmeinnicht