Vergißmeinnicht in einer Waffenschmiede —
was haben die hier zu tun?
Sollte heimlich der Friede
hinterm Hause am Bache ruhn?
Laut hallen die Hämmer in hartem Takt:
Angepackt, angepackt,
die Arbeit muß zu Ende!
Und das Eisen glüht, und das Wasser zischt;
und wenn der Schwalch die Flamme auffrischt,
glänzen die schwarzen Hände.
Die Magd
Maiblumen blühten überall;
er sah mich an so trüb und müd.
Im Faulbaum rief die Nachtigall:
die Blüte flieht! die Blüte flieht!
Von Düften war die Nacht so warm,
wie Blut so warm, wie unser Blut;
und wir so jung und freudenarm.
Und über uns im Busch das Lied,
das schluchzende Lied: die Glut verglüht!
Und er so treu und mir so gut.
In Knospen schoß der wilde Mohn,
es sog die Sonne unsern Schweiß.
Es wurden rot die Knospen schon,
da wurden meine Wangen weiß.
Ums liebe Brot, ums teure Brot
floß doppelt heiß ins Korn sein Schweiß.
Der wilde Mohn stand feuerrot;
es war wohl fressendes Gift der Schweiß,
auch seine Wangen wurden weiß,
und die Sonne stach im Korn ihn tot.
Die Astern schwankten blaß am Zaun
im feuchten Wind; die Traube schwoll.
Am Hoftor zischelten die Fraun;
der Apfelbaum hing schwer und voll.
Es war ein Tag so regensatt,
wie einst sein Blick so trüb und matt;
die Astern standen braun und naß,
naß Strauch und Kraut, der Nebel troff,
da stieß man sie voll Hohn und Haß,
die sündige Magd, hinaus vom Hof.
Nun blüht von Eis der kahle Hain,
die Träne friert im schneidenden Wind.
Aus flimmernden Scheiben glüht der Schein
des Christbaums auf mein wimmernd Kind.
Die hungernden Spatzen schrein und schrein,
von Dach zu Dach; die Krähe krächzt.
An meinen schlaffen Brüsten ächzt
mein Kind, und Keiner läßt uns ein.
Wie die Worte der Reichen so scharf und weh
knirscht unter mir der harte Schnee.
So weh, oh, bohrt es mir im Ohr:
du Kind der Schmach! du Sündenlohn!
Und dennoch beten sie empor
zum Sohn der Magd, dem Jungfraunsohn?!
Oh, brennt mein Blut. Was tat denn Ich?
wars Sünde nicht, daß sie gebar? —
Mein Kind, mein Heiland, weine nicht:
ein Bett für dich, dein Blut für mich,
vom Himmel rieselt’s silberklar.
Wie träumt es sich so süß im Schnee.
Was tat ich denn? — So süß. So weh.
Wars Liebe nicht? — Wars — Liebe — nicht —
Die Armen
Nach Verhaeren
Sie sind so, diese armen Herzen,
ganz ausgehöhlt von stummen Schmerzen,
blaß und wie Teiche voll Geweine:
rings Leichensteine.
Sie sind so, diese armen Rücken,
verkrümmt vom Tragen und vom Bücken,
krummer als auf den Dünenhütten
die Dachschütten.
Sie sind so, diese armen Hände,
zittrig wie Gräser im Gelände,
wie dürre Gräser, die zittern
vor nahen Gewittern.
Sie sind so, diese armen Augen,
die nur zu Dienst und Demut taugen,
trauervoller als die von Tieren,
wenn sie nach Freiheit stieren.
So sind sie, diese armen Leute;
dem Elend fallen sie zur Beute
mit lammgeduldiger Geberde,
rings auf der freien Flur der Erde.
Vierter Klasse
Es rollt und rüttelt und dröhnt und dampft
und klirrt und rasselt und stürmt und stampft;
an kreisenden Feldern vorüber im Flug
durch Pommerns Ebne keucht der Zug.
Ich schaue und horche und weiß es kaum;
ich träume einen stolzen Traum,
wie Form geworden der Menschengeist
donnernd um Axe und Axe kreist ...
Da schreit ein Kindchen neben mir
und übertönt das Eisentier.
Es klang so weh, mein Traum zerrinnt;
so blaß, so mager ist das Kind.
Im Wagen schwankt die Dämmerung,
und Gaslicht schwankt und Schattensprung;
aus rotgewürfeltem Bettzeug sticht
so spitz heraus das kleine Gesicht.
Von Kisten und Kasten eingezwängt,
von Säcken und Päcken überdrängt,
schaukelt die Mutter ihr Kind zur Ruh
und summt ein Wiegenlied dazu.
Und rund herum, bedrückt und schwer,
verworrene Worte, hin und her;
Gesichter, furchig, knochig, stumpf,
und Menschendünste, dick und dumpf.
Zusammengeduckt mit Hab und Gut,
mit ihrem letzten bißchen Mut,
aus Polen und Preußen sitzen sie da
und wollen nach Amerika.
Nur wenn das Wörtchen „drüben“ fällt,
grünt eine ferne Hoffnungswelt;
und Alle atmen tiefer dann,
und Alle sehn sich nickend an.
Und durch ihr Munkeln, ihr Geschwärm,
durch Rädergepolter und Eisenlärm,
wie Stimmen der Erlösung, ziehn
der Mutter leise Melodien.
O heiliger Stall von Bethlehem,
dein Wunder ist noch heut zu sehn,
wenn eine Wöchnerin beglückt
ihr Kind in Armut an sich drückt!
Nun schläft’s; nun hüllt sie’s ein recht warm
und legt’s behutsam aus dem Arm,
und lehnt sich müd an ihren Mann
und sieht ihn bang und liebreich an.
Und er versteht den Mutterblick
voll Sorge, Furcht und Mißgeschick,
und mit der breiten Schwielenhand
zeigt er hinaus ins finstre Land:
„Sei ruhig, Marie, du wirst schon sehn,
da drüben wird alles anders gehn.
Da schaff ich uns eigen Feld und Vieh,
da wirst du wieder gesund, Marie.
Du brauchst nicht leben wie ein Hund,
ihr werdet beide wieder gesund.
Und unser Kind hat, wenn es groß,
im neuen Land ein besser Los!“
Und Sorge, Furcht und Mißgeschick
vergehen in dem einen Blick,
mit dem sich diese Bauernseelen
von ihrem Kinde stumm erzählen ...
Es rollt und rüttelt und stampft und staucht
und dröhnt und rasselt und keucht und faucht;
durchs wirbelnde Dunkel in rasendem Flug
stürmt weiter und weiter der eiserne Zug.
Ich horche und horche und weiß es kaum;
ich träume einen gläubigen Traum,
wie Glück begehrend der Menschengeist
empor zu neuen Formen kreist ...
Im Wagen, schweigend, schwebt die Nacht,
der Schlaf schwingt seine Spindel sacht;
die Bäuerin ist eingenickt,
aufs Knie des Mannes hingebückt.
Der sitzt noch wach mit mir allein;
wir gucken uns sacht in die Augen hinein,
bis uns der Blick die Zunge lüpft,
bis hin und her das Flüstern schlüpft.
Und er erklärt mir, wie es kam,
daß sie verkauften ihren Kram,
und wie sie der Agent gedingt,
der in den Urwald nun sie bringt.
Es war kein neues Wort dabei;
es war die alte Litanei
von saurem Schweiß und Hungerlohn,
an der nur neu des Jammers Ton.
„Und wie dann gar noch Weib und Kind
mir schwach und krank geworden sind,
da haben wir endlich das Schwerste gewagt,
dem Dörfchen Lebewohl gesagt.
Und hat sie auch zuerst geweint,
so hat sie doch zuletzt gemeint:
fällts uns auch schwer, wenn nur das Kind
ein ander Los als wir gewinnt!“
So schwinden Stationen im Fluge vorbei
und Glockensignale und Kellnergeschrei,
und bleicher tanzen die Lichter schon:
der Morgen steigt auf seinen Thron.
Und um uns her bewegt es sich
und reckt und dehnt und regt es sich,
und langsam werden Alle wach
und blinzeln in den jungen Tag.
Ein Tag von jenen, glanzgeküßt,
an denen jeder Halm uns grüßt
und jeder Sonnenstrahl das Herz
zum Lachen zwingt trotz Not und Schmerz.
Die Fenster auf! o Luft, o Licht!
Und Alle drängen sich dicht bei dicht
und zeigen hinaus, wo stromumblinkt
mit Türmen und Masten Hamburg winkt.
Die Mutter aber, still im Schwarm,
nimmt sanft ihr Kindchen in den Arm
und nimmt das Tuch ihm vom Gesicht
und — da —: was stiert sie und küßt es nicht?
Was stiert und stiert sie, daß mir graut!
Da löst sich ein erstickter Laut,
da liegt’s im Schooß ihr starr und tot —
der Vater stammelt: barmherziger Gott!
Im Wagen, plötzlich, wird es stumm;
die Bauern blicken scheu herum.
Manch Auge zuckt. Die Mutter wimmert:
mein Kind, mein Kind! Manch Auge flimmert ...
Es kreischt die Maschine, es stockt ihr Lauf,
die Schaffner reißen die Türen auf.
Ich stehe im brausenden Bahnhofsraum;
da stürmt das Leben, es gilt kein Traum.
Es gilt, daß man sich ganz gesteh,
wie unerschüttert von Glück und Weh,
Zukunft formend der Menschengeist
um seine ewige Axe kreist ...
Auf einem Dorfweg
Auf einem Dorfweg, der mir lieb ist:
verkrüppelte Birkchen stehn beschirmt von mächtigen Linden,
im Juli glüht der ganze Ackerrand
von hohen roten wilden Nelken:
da stieß ein Junge
ein kleines Mädchen hin und schlug es sehr,
und als es weinte, lachte er.
Das sah ein Bettler, der betrunken vor mir ging.
Es war zu sehn, wie sich sein Herz empörte,
sein Rücken war verkrümmter als die Birke neben ihm;
die Kinder glühten wie die Nelken schlank,
er hob den Stock mit schwankem Schritt,
da lachte auch das Mädchen mit.
Dem Krüppel schossen Tränen in die Augen.
Er stöhnte laut: o Welt, o Welt!
und mußte sich an eine Linde lehnen
und taumelte
und fiel ins Nelkenfeld.
Der tote Hund
Nach Nizami
Der Herr Jesus, auf seiner Wanderschaft,
betrat einen Markt, wurde sehr begafft.
Nur ein toter Hund, schon halb verfault,
wurde noch mehr begafft und bemault.
Da lag er — und rings um die üble Gestalt
machten die Menschen wie Aasgeier Halt.
Puh! sprach einer: mir wird ganz krank
von dem entsetzlichen Gestank.
Ein zweiter sprach: er stinkt zwar sehr,
aber der Anblick entsetzt noch mehr.
So gaffte jeder aus anderm Grund,
doch alle schmähten den toten Hund.
Da trat Jesus unter den Schwarm;
hell hob sich über den Leichnam sein Arm.
Seht! sprach er und stand voll Sonnenschein:
seine Zähne sind wie Perlen rein!
Und lächelte — daß alle, die’s erlebten,
durchglühten Schlacken gleich erbebten.
Ein Märtyrer
Jetzt sollt ihr hören ein rauhes Lied,
von Frieden und Erbarmen leer!
Der Winternachtsturm schreit im Ried
und peitscht das Schilf wie Heu umher;
vor seinem Schnauben erstarrt das Moor,
zerknicken die Binsen, zerbricht das Rohr.
Ein Häuschen umheult er am Haiderand
und schüttelt die Pfosten der rissigen Wand
und reißt an den Haspen und Sparren,
daß sie kreischen vor Frost und knarren
und drinnen am Ofen die Kinder erschauern
und dichter zum Schooße der Mutter kauern.
Die streckt, von Ängsten dumpf gerührt,
zum Vater, der finster mit hastiger Faust
Flugschriften zu Stößen und Ballen schnürt,
die bittenden zitternden Hände:
„Ach Mann, geh nicht durchs Moor! mir graust.“
Doch Er, aus dem Ballen ein Blatt gezaust,
weist ihr die Worte am Ende:
Mensch preßte den Menschen in Schmach und Acht,
weil jeder nur immer sich selber bedacht.
So habt ihr euch selber zu Knechten gemacht.
Drum schaart euch, ihr Schwachen, zusammen!
Stützt Rücken an Rücken zum rettenden Heer,
so schwellen die Wellen zum donnernden Meer,
die Fünkchen zu sausenden Flammen!
Die Backen zucken ihm, und er spricht:
Drum bettle nicht! drum quäl mich nicht!
ich habs den Genossen geschworen.
Der Wahlruf muß heut noch hinüber ins Dorf,
sonst geht der Sieg uns verloren.
„Geh nicht, geh nicht! was schiert der Sieg
dein Weib und die jammernden Kleinen!
Geh nicht, geh nicht! Die zweite Nacht
erst steht das Eis; o Gott, es kracht,
es bricht! o sieh mich weinen!
Es schreit zum Himmel! dein Leben ist mein!“
Da braust er auf vor Zorn und Pein:
schrei lieber zu Teufel und Hölle!
und hebt mit grimmiger Wucht die Last
und fragt, schon tritt er die Schwelle:
Hat’s etwa dein Herrgott zu Dank dir gemacht,
daß ich tagtäglich in den Schacht
meine Knochen für’n Hungerlohn trage!
und sollte mein Leben nicht Eine Nacht
für Glück und Gerechtigkeit wagen?!
Leb wohl! — Ins Schloß die Klinke knallt.
Die Windsbraut stöhnt und ächzt im Schlot.
Vom fahlen Horizont her droht
des Mondes Stirne blank und kalt.
Der Bergmann glüht; er trieft von Schweiß.
Der Mond legt übers dunkle Eis
eine bleiche Straße.
Der Bergmann glüht, der Bergmann keucht.
Doch bald: dann hat er das Ufer erreicht,
schon schimmern — da knistert’s, da biegt es sich sacht.
Ein Hilfegestammel. Da knirscht es und kracht
und schollert; ein Aufschrei verbrodelt im Moor.
Schrill winselt’s im Schilf, hohl röchelt’s im Rohr.
Hui! zischt es und pfeift’s in den Binsen.
O rauher, o rauher, mein rauhes Lied!
kein Witwengewimmer! kein Waisengestöhn!
nach Opfern schreit der Sturm im Ried.
Doch bald: dann kommt der Frühlingsföhn,
dann schießt in Halme die junge Saat,
der Tag der Auferstehung naht!
Dann schmilzt im Sturm das morsche Eis,
dann wühlt er die Opfer empor vom Grund,
die Helden alle, die niemand weiß;
und jedes Toten vermoderter Mund
wird klaffend nach Rache blecken
und tausend Lebendige wecken!
Anno Domini 1812
Über Rußlands Leichenwüstenei
faltet hoch die Nacht die blassen Hände;
funkeläugig durch die weiße, weite,
kalte Stille starrt die Nacht und lauscht.
Schrill kommt ein Geläute.
Dumpf ein Stampfen von Hufen, fahl flatternder Reif;
ein Schlitten knirscht, die Kufe pflügt
stiebende Furchen, die Peitsche pfeift,
es dampfen die Pferde, Atem fliegt,
flimmernd zittern die Birken.
„Du — was hörtest du von Bonaparte“ —
Und der Bauer horcht und wills nicht glauben,
daß da hinter ihm der steinern starre
Fremdling mit den harten Lippen
Worte so voll Trauer sprach.
Antwort sucht der Alte, sucht und stockt,
stockt und staunt mit frommer Furchtgeberde:
aus dem Wolkensaum der Erde,
brandrot aus dem schwarzen Saum,
taucht das Horn des Mondes hoch.
Düster wie von Blutschnee glimmt die lange Straße,
wie von Blutfrost perlt es in den Birken,
wie von Blut umtropft sitzt Der im Schlitten.
„Mensch, was sagt man von dem großen Kaiser?“
Düster schrillt das Geläute.
Die Glocken rasseln; es klingt, es klagt;
der Bauer horcht, hohl rauscht’s im Schnee.
Und schwer nun, feiervoll und sacht,
wie uralt Lied so stark und weh
tönt sein Wort ins Öde:
„Groß am Himmel stand die schwarze Wolke,
fressen wollte sie den heiligen Mond;
doch der heilige Mond steht noch am Himmel,
und zerstoben ist die schwarze Wolke.
Volk, was weinst du?
Trieb ein stolzer kalter Sturm die Wolke,
fressen sollte sie die stillen Sterne.
Aber ewig blühn die stillen Sterne;
nur die Wolke hat der Sturm zerrissen,
und den Sturm verschlingt die Ferne.
Und es war ein großes schwarzes Heer,
und es war ein stolzer kalter Kaiser.
Aber unser Mütterchen, das heilige Rußland,
hat viel tausend tausend stille warme Herzen;
ewig, ewig blüht das Volk.“
Hohl verschluckt der Mund der Nacht die Laute,
dumpfhin rauschen die Hufe, die Glocken wimmern;
auf den kahlen Birken flimmert
rot der Reif, der mondbetaute.
Den Kaiser schauert.
Durch die leere Ebne irrt sein Blick:
über Rußlands Leichenwüstenei
faltet hoch die Nacht die blassen Hände,
glänzt der dunkelrot gekrümmte Mond,
eine blutige Sichel Gottes.
Ballade vom Volk
Bahnhofsgewühl;
am Sperrgitter staut sich’s.
Schutzleute brüllen;
und rings glotzen tausend
Tiergesichter,
Hundegesichter,
Fuchsgesichter, ein Wolfsgesicht,
Schafsgesichter, Gänsegesichter,
ein kollernder Truthahn,
grunzende Schweine —
Volk.
Drohende Aussicht
Der Himmel kreist, dir schwankt das Land,
vom Schnellzug hin und her geschüttelt
saust Ackerrand um Ackerrand,
ein Frösteln hat dich wachgerüttelt:
die Morgensonne kommt.
Mühsam entstiebt dem Nebelzelt
ein Krähnvolk, herbstlich abgemagert,
indeß sich dick aufs Düngerfeld
der Frührauch der Fabriken lagert;
die Morgensonne kommt.
Schwarz schiebt sich durch den grauen Flor
ein langer Zug von Schlackenbergen,
Schornstein an Schornstein schnellt empor,
schreckhafte Hüter neben Särgen;
die Morgensonne kommt.
Vom Horizont her nahn mit Hast
und einen sich zwei Straßendämme,
von Apfelbäumen eingefaßt,
schon blaß beglänzt die knorrigen Stämme;
die Morgensonne kommt.
Dichters Arbeitslied
Geh hin, mein Blick, über die grünen Bäume!
Da huscht ein Vogel, der nimmt dich mit,
Märchenvogel Edelschwarz.
Bleib nicht zu lange im Reich der blauen Träume!
Hier rasten Menschen am Straßenrand,
ihre Hände sind vom Alltag schwarz.
Bring ihnen her den Abglanz der freien Räume!
Sie möchten alle gern in ein Märchenland,
ihr Sonntagskleid ist edelschwarz.
Die stille Stadt
Liegt eine Stadt im Tale,
ein blasser Tag vergeht;
es wird nicht lange dauern mehr,
bis weder Mond noch Sterne,
nur Nacht am Himmel steht.
Von allen Bergen drücken
Nebel auf die Stadt;
es dringt kein Dach, nicht Hof noch Haus,
kein Laut aus ihrem Rauch heraus,
kaum Türme noch und Brücken.
Der Arbeitsmann
Wir haben ein Bett, wir haben ein Kind,
mein Weib!
Wir haben auch Arbeit, und gar zu zweit,
und haben die Sonne und Regen und Wind.
Und uns fehlt nur eine Kleinigkeit,
um so frei zu sein, wie die Vögel sind:
Nur Zeit.
Wenn wir Sonntags durch die Felder gehn,
mein Kind,
und über den Ähren weit und breit
das blaue Schwalbenvolk blitzen sehn,
oh, dann fehlt uns nicht das bißchen Kleid,
um so schön zu sein, wie die Vögel sind:
Nur Zeit.
Nur Zeit! wir wittern Gewitterwind,
wir Volk.
Nur eine kleine Ewigkeit;
uns fehlt ja nichts, mein Weib, mein Kind,
als all das, was durch uns gedeiht,
um so kühn zu sein, wie die Vögel sind.
Nur Zeit!
Predigt ans Großstadtvolk
Ja, die Großstadt macht klein.
Ich sehe mit erstickter Sehnsucht
durch tausend Menschendünste zur Sonne auf;
und selbst mein Vater, der sich zwischen den Riesen
seines Kiefern- und Eichen-Forstes
wie ein Zaubermeister ausnimmt,
ist zwischen diesen prahlenden Mauern
nur ein verbauertes altes Männchen.
O laßt euch rühren, ihr Tausende!
Einst sah ich euch in sternklarer Winternacht
zwischen den trüben Reihen der Gaslaternen
wie einen ungeheuren Heerwurm
den Ausweg aus eurer Drangsal suchen;
dann aber krocht ihr in einen bezahlten Saal
und hörtet Worte durch Rauch und Bierdunst schallen
von Freiheit, Gleichheit und dergleichen.
Geht doch hinaus und seht die Bäume wachsen:
sie wurzeln fest und lassen sich züchten,
und jeder bäumt sich anders zum Licht.
Ihr freilich, ihr habt Füße und Fäuste,
euch braucht kein Forstmann erst Raum zu schaffen,
ihr steht und schafft euch Zuchthausmauern —
so geht doch, schafft euch Land! Land! rührt euch!
vorwärts! rückt aus! —
Ein Freiheitslied
Märzlied
Im März,
da gruneln die Dornen am Zaun.
Im März,
da fängt der Fuchs an zu rauhn.
Im März,
über Deutschlands Äckern und Aun,
da fliegt durch Wolken und Licht und Sturm
eine erste Schwalbe von Turm zu Turm:
wird Frühling? —
Maifeierlied
Es war wohl einst am ersten Mai,
viel Kinder tanzten in Einer Reih,
arme mit reichen,
und hatten die gleichen
vielen Stunden zur Freude frei.
Es ist auch heute erster Mai,
viel Männer schreiten in Einer Reih,
dumpf schallt ihr Marschgestampf,
heut hat man ohne Kampf
keine Stunde zur Freude frei.
Doch kommt wohl einst ein erster Mai,
da tritt alles Volk in Eine Reih,
mit Einem Schlage
hat’s alle Tage
ein paar Stunden zur Freude frei.
Bergarbeiterlied
Wir tragen alle ein Licht durch die Nacht,
unter Tag.
Wir träumen von unerschöpflicher Pracht,
über Tag.
Wir helfen ein Werk tun, ist keins ihm gleich;
Glückauf!
Wir machen das Erdreich zum Himmelreich;
Glückauf!
Einst fiel alles Leben vom Himmel herab,
über Tag.
Wir Bergleute schürfen’s aus dem Grab,
unter Tag.
Wir fördern’s herauf, das tote Gestein;
Glückauf!
Wir machen’s wieder zu Sonnenschein;
Glückauf!
Erntelied
Es steht ein goldnes Garbenfeld,
das geht bis an den Rand der Welt.
Mahle, Mühle, mahle!
Es stockt der Wind im weiten Land,
viel Mühlen stehn am Himmelsrand.
Mahle, Mühle, mahle!
Es kommt ein dunkles Abendrot,
viel arme Leute schrein nach Brot.
Mahle, Mühle, mahle!
Es hält die Nacht den Sturm im Schooß,
und morgen geht die Arbeit los.
Mahle, Mühle, mahle!
Es fegt der Sturm die Felder rein,
es wird kein Mensch mehr Hunger schrein.
Mahle, Mühle, mahle!
Sturmbild
Ferdinand Hodler zu Ehren
Fergin im Sturm, kehr um! Weib, wie du wüst dich plackst!
Du bist kein Mann! — Sie hört nicht, sie stemmt sich langgestreckt
gegens Gebrüll der Wellen, das übern Kahnrand bleckt;
weiter und weiter stemmt sie, ruckt, rudert, ringt und rackst.
Nach dem Holzfäller blickt sie, der mit geschwungener Axt
jenseits des Stroms sich reckt, wieder und wieder reckt.
Oder sieht sie ein Ziel gar, das ihr sein Aufgriff steckt,
und fühlt nun hingerissen: Ich pack’s, da Du es packst!?
So fragen sich im stillen mit hochgezognen Brauen
in einem Ufergarten einige zarte Frauen
von edlem Wuchs und edlerer Geberde.
Sie denken an die Helden alter Zeiten
und sinnen zwischen leichten Handarbeiten,
wie das Gewaltsame — gewaltig werde.
Die Hafenfeier
I
Vom stillen Hafen singt manch kleines Lied;
Hafen der Weltstadt, bist du jemals still?
O großer Braus der Unruhe, wenn schrill
werktags die Dampfbootschwärme, Fähren, Schlepper, Jollen
Signale kreischend durchs Sprühwasser tollen,
Rauchwolken durchs Gestarr der Maste rollen,
durchs Möwengetümmel um Schlot und Spriet.
Fremder, dann stehst du zuerst wie irr,
spürst nicht das Werk, das da wachsen mag,
nicht von den Werften herüber den Takt im Hammerschlag,
nur das Gekrach und Gerassel, Geklirr, Geschwirr,
und ziellos fragt dein Blick ins Gewirr:
wird je auf Erden noch Feiertag?
II
Sieh dort: der schlichte Mann in der Barkasse,
die unscheinbar vom wimmelnden Kai abschwenkt,
der ordnet dir die lärmende Masse.
Ihm dankt im stillen jede Speichergasse;
ein Schiffsherr ists, der viele Schiffe lenkt.
Vorbei an Docks, Hellingen, Höften, Leichtern, Kranen,
deren Getriebe seinem Antrieb entsprang,
rechnet sein Kopf wohl grad an neuen Bahnen
für unsre Herrschaft auf den Ozeanen,
doch durch die Brust wogt ihm wie dir ein Ahnen,
ein Drang, ein Klang, ein Urgesang:
Unruhe braust, wo sich der Geist aufrafft,
wo flügelfrei sich Mut und Wille verschwören,
Herzen und Hirne zur Tat zu empören.
Unruhe ists, was sich Beruhigung schafft,
was Freiheit und Gewalt zur Ordnung strafft,
um immer kühneren Flugs die Ruhe zu stören.
Unruhe heißt die Schöpferkraft.
III
Jetzt hüpft der emsige Herr von Bord; gewandt
schlüpft er durch festschmuckbunte Zuschauerhaufen.
Ein Riesenschiff soll heut von Stapel laufen.
Flaggen und Wimpel flirrn; guirlandenumspannt
harren zehntausendköpfig die Tribünen.
Und über alldas ragt der Rumpf des Hünen
wie vom exotischen Blick seines Gebieters gebannt.
Der grüßt sich höflich durch, durch die Spaliere
der Würdenträger, Damen, Kavaliere,
Schutzleute, Kurtisanen p. p. — und dann:
ein Kaiser neigt sich vor dem jüdischen Mann,
der dieses Völkerfriedenswerk ersann,
es neigen sich die Herren Offiziere.
Der Fürst begibt sich an die Kanzelstufe,
besteigt sie, spricht: Ich tauf dich Imperator.
Willig rollt der Koloß von seiner Kufe,
und auf der Strombahn im Sturm der Jubelrufe
wiegt sich ein Echo: Triumphator.
IV
Was aber tönt noch immerfort wie Klagen?
Was murrt und schluchzt, wenn die Anker tauchen?
Was stöhnt, wenn die Frachtspillketten aufstauchen,
während die Dampfersirenen wie brüllende Bestien fauchen,
die Baggermaschinen ihr Hundegeheul anschlagen.
Ist es der Grundton ewiger Grausamkeit,
der qualvoll selbst aus unsern Werkzeugen ächzt?
O Menschenkind, das nach Vergöttlichung lechzt,
hör nur, wie deine Machtgier teuflisch gen Himmel krächzt,
die dich und deinesgleichen im Namen der Menschlichkeit
gesetzlich peinigt und sittlich maledeit!
Dann starren die Häuserreihen rings um die Hafenbecken
dich an wie Folterkammern, wo Angst, Wut, Jammer, Schrecken
vom Keller bis zum Dachfirst gellt,
wo jeder den andern martert, Verbrecher zugleich und Richter,
höchstens daß mittendrunter einsam ein Denker, ein Dichter
sich selbst abquält mit Allbeglückungszwecken;
so büßt der Weltgeist seine Welt.
V