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Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Chapter 206: Trübes Lied
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About This Book

A collected volume of lyric poems and aphoristic sayings arranged in thematic sections that shift between sensual and erotic imagery, natural and seasonal observation, intimate domestic and public addresses, and religious and mythic reflection. Short lyrics and songs coexist with reflective elegies and pointed, occasionally polemical maxims, while longer sequences trace symbolic metamorphoses of an emblematic figure. The diction moves from lush sensory description to rhetorical exhortation and concise proverb-like lines, producing a varied tonal register that links bodily desire, artistic self-examination, moral questioning, and social sentiment.

Zweite Folge

*

Jesus und Psyche

Phantasie bei Klinger

Der Raum ist groß wie ein Bankettsaal,
ist ganz voll Licht.
Da zeichnet er, da meißelt er, da malt er.
Du fühlst, er braucht so großen Raum:
Klinger.
Und wenn das Glück dich wie ein Schreck befällt,
daß du kein Wort weißt, das von Herzen kommt,
so stand ich.
Allein. Doch neben mir saß Zeus,
ein neuer Zeus, von Antlitz und Gestalt
Beethoven gleich; und in den Abgrund
der Welt und Menschheit starrt sein Schöpferblick
herab vom Thron der Sünde und Erlösung,
daß sich der Adler ihm zu Füßen sträubt,
erwartungsvoll.
Still! atme kaum! Dort drüben schimmert noch
im Abendschein der alte Göttergarten.
Der Gipfel des Olympos flammt von Farben;
buntsäulig ruht im Glanz der fernen Luft
ein Tempelhaus. Es ruht zerfallen; aber
die Pinien und die Lorbeern und die Palmen
drängen sich immergrün wie einst zu Tal,
am Strand des blauen Meeres glühn und duften
des Südens große wilde Blumenbüsche,
die Götter alle sind versammelt, und —
unter sie tritt Jesus.
Sie sahn ihn kommen; immer größer kam er,
der hagre Mann, den Blick zu Boden, langsam,
als ob sein Fuß den Wiesenrasen schonte,
im gelben Seidenkleid, das goldgestickt
wie eines priesterlichen Königs Kleid schien
und Spuren wie von Blut zeigt — warum kommt er
nicht nackt zu ihnen, wie sie selber sind?!
Und streng verhüllt gleich ihm, tragen drei Frauen
ein schweres schwarzes Kreuz ihm nach.
Jetzt senken sie’s, ihr schwesterlicher Schritt
stockt: Jesus sieht die Götter an.
Weh uns! Der wilde Amor weicht empört,
entsetzt zurück vor diesen Augen: Psyche,
weh, Psyche, flieh! Doch seine Psyche fällt
mit seligem Schrei dem Eindringling entgegen,
weh, kniet vor ihm — Psyche, der Götterliebling,
vor Ihm! — umklammert ihm die Rechte, küßt sie,
küßt diese grauenhaft blutstriemige Narbe
der magern Hand, stammelnd und schluchzend: Mein,
mein Herr und Heiland!
Verwundert lauscht mit zuckenden Flügelchen
der aufgescheuchte Schwarm der Amoretten
aus einer Uferpalme. Hermes hat
sich abgewandt und neigt den weißen Stab.
Nymphen und Satyrn wälzen sich im Gras,
daß jene Frauen fraulich-tief erröten,
indessen abseits die Olympierinnen
kaum wissen, was geschieht, so stehn sie da:
Juno in hoher Selbstzufriedenheit,
Athene, selbstbewußt in sich versunken,
und Venus, in sich selbst verliebt,
Jede im Wohlgefühle ihrer Nacktheit,
schamlos und lieblos, herrlich.
Die Sonne taucht ins Meer, die Götter schweigen.
Und Jesus, Psyche überschattend, heftet
den Blick auf Zeus. Der sitzt, zu Tode stumm,
auf seiner Marmorbank. Die greisen Glieder
versagen ihm den Zorn. Die alten Augen
erstarren vor der Nacht im Auge Jenes.
Er hört nicht, wie der Knabe Ganymed
sich an ihn schmiegt und ängstlich flüstert: Vater,
was will der fremde Zaubrer hier? — Zeus stirbt.
Und hinter ihm, indeß er umsinkt, schleppt
Elemosyne, die mitleidige
Verachtetste der Göttinnen, mühselig
den kranken Mars her und will auch zu Jesus,
so sehr der Kriegsgott sich im Fieber wehrt.
Und wieder hör ich Psyches Inbrunst stammeln:
mein Herr und Heiland!
und fühle ihren keuschen Schmerz, und fühle
ihr nacktes Warten, wie sie kniet und weint
und aufstehn möchte; und es wundert mich,
daß man das Gras nicht sieht durch ihren Körper,
so fast verzehrt von langer Sehnsucht ist er,
so abgehärmt die blassen jungen Brüste —
sah das der tote Göttervater nicht?!
Sie zittert. Psyche! Weib, wer bist du? Sprich!
Ich horche auf: aus einer Rosenhecke
antwortet mir Gelächter, übermütig
tritt auf den Plan Bakchos-Dionysos,
Blüten im Haar, sein Pantherfell in Fetzen,
hoch in der Hand den hellen Tafelkelch
voll dunklen Weines, drin der Widerschein
des letzten Sonnenfunkens blutrot schwankt,
und nickt mir zu und hält ihn mir entgegen:
trink, Jesus, trink!
Und langsam streckt sich meine Linke vor
und will ihm wehren. Aber Psyche küßt
noch brennender die Narbe meiner Rechten.
Und langsam muß sich meine Linke wenden,
und nickend nehm ich meinem Bruder Bachus
nun ab den Kelch und setz ihn an die Lippen,
und ziehe meine Psyche an mir hoch,
und setze nun den Kelch an ihre Lippen:
trinke, das ist mein Blut! — Und Psyche trinkt.
O! wie sich ihre bleiche Stirne rötet,
sich ihre Brüste mir entgegenheben!
doch weinend reicht sie mir zurück den Kelch.
Da pack ich ihre Hand und schüttle sie:
hoch fliegt das leere Glas: in blitzendem Bogen
zerklirrt’s zu Scherben an der Marmorbank
des toten Zeus.
Ich aber ziehe meine Psyche an mich
und schlage meinen Königsmantel um sie
und spreche: weine nicht, mein Liebling, komm!
So steig’ich mit ihr auf den Sitz des Zeus
und lege meine Dornenkrone ab:
heut feiert Jesus seine Hochzeitsnacht!
Auf, Bruder Bachus, schwinge deinen Thyrsos!
Ihr Fraun, legt hin das Kreuz! Olympierinnen,
nehmt eure blassen Schwestern bei der Hand:
du, Juno, die im blau verblichnen Kleid,
die mit dem Glaubensblick! Athene, du
verbindest dich der Grünverschleierten,
die so voll Hoffnung blickt! und du, Frau Venus,
fasse den Purpur jener Blassesten,
jungfräulich Blickenden, sie heißt „Die Liebe“ —
dann jauchzt: der Bräutigam ist da!
Auf, ihr Unsterblichen, zum Hochzeitsreigen!
Elemosyne soll mit Amor tanzen!
seht, wie das dunkle Meer von Sternen hüpft!
Mars, stehe auf und wandle, und sei mein! —
Und lasset auch die Kindlein zu mir kommen:
geh, Ganymed! heißa! die Amoretten
warten auf dich! tanzt euern Ringelreihn!
Du aber, Hermes, nimm den toten Zeus
und trag ihn sanft hinüber vor den Thron
des neuen Zeus, der hier errichtet steht,
und neige deinen weißen Stab vor Diesem
und bitte ihn:
Spiel uns, du Göttlicher, dein Hohes Lied,
das hohe Lied der Sünde und Erlösung,
das hohe Freudenlied der Welt und Menschheit,
das hohe Lied der Neunten Symphonie!
Dann wird sein Adler rauschend sich erheben,
still spannt er über uns die Fittiche
und lauscht herab auf uns, wie wir erschauern,
Du, meine Psyche, und dein Jesus, Ich,
in unsrer hellgestirnten Hochzeitsnacht.
Auf, ihr Unsterblichen, auf, tanzt und singt!
singt mir das Lied vom Tode und vom Leben!
morgen ist wieder Tag, die Sonne lebt noch!
komm, Psyche, komm! —
Doch schaudernd lehnt sich Psyche von mir weg
und starrt mich an mit Augen, daß mich friert,
so rätselhaft voll Furcht, voll Sehnsucht — Psyche!
Geliebte! Psyche! Du, wer bist du?! — „Du
sprach laut mein Mund die Antwort meines Herzens,
ein Echo huschte durch den großen Raum;
so stand ich.
Allein. Mit meiner Seele in dem Meister,
der solches in mir schuf.
Endlich ermannt ich mich von seinem Werk
und suchte wegzusehn; da fiel mein Blick
auf einen großen, graugetrockneten
Stranddistelstrauß, um den sich ein vergilbtes,
einst brennend rotes Seidenband herabschlang,
das einzige Stück Erinnrung in dem Raum,
wo alles Übrige von Zukunft zeugte.
Die Sonne schien darauf und ließ noch Spuren
des zart blaugrünen Purpurschmelzes ahnen,
der einst die frischen Stacheln schmückte: fast
als hab ihn einst verfärbt zu schwacher Glaube,
als hab ihn einst berührt zu scheue Hoffnung,
als hüte blaß ihn noch die Liebe ... Still:
die Tür ging: Er trat ein: der Maler, Zeichner
und Bildner Unsrer Psyche — Klinger — und
da mußt ich denken: Welche Frau ihm wohl
einst diesen Strauß geschenkt hat? Denn es giebt
Frauen, die solche Sträuße schenken ...

Bann

Wie aus dem Schilf die Wasserfee
tauchtest du zaudernd aus der Schaar
der Andern um uns zu mir her
mit deinem langen schwarzen Haar
und deinem grauen Augenpaar.
Und standest nun und sahst mich an
mit deinem blassen Übermut;
und deiner Fragen perlende Flut
und deiner Lippen springjunges Blut
lachte mich an, lachte mich an.
Nur in deinen Augen blieb so fern,
so fern wie auf des Weihers Grund
in schwimmender Nacht der schwanke Stern,
ein Zittern und Leuchten stehen; und
mir log dein Mund, dein kühler Mund.
Denn in unsern Träumen — o, ich weiß:
auch Du, auch Du — dann tauchen wir
Hand in Hand hinunter: stumm und heiß
sucht Mund den Mund: holen wir leis,
vom grauen Grund, den Stern vom Grund.

Unsre Stunde

Es dunkelt schon. Komm, geh nach Haus.
Komm! das Kastanien-Blattgewühl
streckt sich wie Krallen nach uns aus.
Es ist zu einsam hier, zu schwül
für uns.
Denn sieh: die Linien deiner Hand
laufen den meinen viel zu gleich.
Du schienst mir plötzlich so verwandt,
so vorbekannt;
vielleicht aus einem andern Reich.
Ich hatt ’ne Schwester, die ist tot.
Sei nicht so stumm, als wärst du taub!
Die Abendwolke dampft so rot
durchs junge Laub,
als ob sie uns Blutschande droht.
Horch! Ja, so wild und unverwandt,
wie jetzt die Nachtigall da schlug,
zittert dein Herz in meiner Hand.
Wir wissen es; das ist genug
für uns.

Ohnmacht

Doch als du dann gegangen,
da hat sich mein Verlangen
ganz aufgetan nach dir.
Als sollt ich dich verlieren,
schüttelte ich mit irren
Fingern deine verschlossene Tür.
Und durch die Nacht der Scheiben,
ob du nicht würdest bleiben,
bettelten meine Augen; und
du gingst hinauf die Stufen
und hast mich nicht gerufen,
mich nicht zurück an deinen Mund.
Vernahm nur noch mit stieren
Sinnen dein Schlüsselklirren
im schwarzen Flur, und dann
stürzten auf mich die Schatten,
die mir im Park schon nahten,
als wir den Mond versinken sahn.

Büßende Liebe

Aus deinen grauen Augen droht,
mir so vertraut
wie ein verhaltner Klagelaut,
mit bleicher Flamme ein Verbot;
ich weiß, ich fühls — du warst einst Braut.
Das hat in deinen Blick gebracht
dies fahle Licht,
das durch die schwarzen Wimpern bricht;
vor Zeiten, Seele, eh die Nacht
dich neu gebar ans Tageslicht.
O komm und gieb mir deine Hand;
in dein schwarz Haar
nimm diese rote Lilie dar,
und um dein dunkelblau Gewand
dies goldne Gürtelschlangenpaar.
So führe mich, indeß du weinst,
den langen Pfad.
So kommen wir der Nacht genaht
und beichten Beide: Mutter! einst,
du weißt, wir übten einst Verrat.
Dann legt, indeß wir niederknien,
dann legt die Nacht
auf deines Haares schwere Pracht
die Hand und flüstert: liebe ihn,
der sich und Andre friedlos macht!
Dann hören deine Tränen auf,
dann kommt ein Stern.
Der tagt wie künftiger Frieden fern;
dein graues Auge schaut hinauf,
dein Auge, Seele — hilf uns, Stern!

Stromüber

Der Abend war so dunkelschwer,
und schwer durchs Dunkel schnitt der Kahn;
die Andern lachten um uns her,
als fühlten sie den Frühling nahn.
Der weite Strom lag stumm und fahl,
am Ufer floß ein schwankend Licht,
die Weiden standen starr und kahl.
Ich aber sah dir ins Gesicht
und fühlte deinen Atem flehn
und deine Augen nach mir schrein
und — eine Andre vor mir stehn
und heiß aufschluchzen: Ich bin dein!
Das Licht erglänzte nah und mild;
im grauen Wasser, schwarz, verschwand
der starren Weiden zitternd Bild.
Und knirschend stieß der Kahn ans Land.

Bitte

Nur sage „Du“ ... ich will ja nie,
nie wieder deine Lippen küssen,
nun wirs gefühlt, so Knie an Knie
gefühlt, daß wir uns lieben müssen.
Das Abendrot umarmte brennend
der Eichen hohe Knospenkette;
wir aber sahen nur, uns trennend,
die schwarz aufragenden Skelette.
Und nickten doch von vielen Bäumen
schon Blüten unsrer Liebe zu,
im keusch verträumten Grün; so träumen,
so nicken Kinder ... sage „Du“.

Gastgeschenk

Dies blaß in Flammen gelb-und-grüne Mannskraut,
knabenüppig, und dies zarte
Schneeglöckchen, eben aufgeblüht,
ganz furchtsam weiß, im irdnen Topf:
die beiden Kinder wuchsen so allein
und hatten niemals einen Kuß genossen,
da pflanzt’ich sie zusammen
und brachte sie zu Dir.

Gottes Wille

Du hungerst nach Glück, Eva,
und fürchtest dich den Apfel zu pflücken,
den dein Gott dir verboten hat
vor dreitausend Jahren,
du junges Geschöpf!
Jeden Abend ahn’ich dich,
wie du die magern Händchen
in deinem einsamen Bette
emporringst zu dem Gott der alten Leute:
Gieb ihn, gieb ihn mir!
Du arme Geduld!
Er hat noch nie die Furchtsamen beglückt,
der alte Gott.
Er gab dir deinen Hunger, deine Hände:
greif zu und iß — dann dulde!

Übermacht

Wenn du fliehn willst, flieh! du kannst es noch;
bald ist es auch für dich zu spät.
Denn siehst du: Ich, ich brenne nach dir
mit einer Kraft, die mich schwach macht,
ich zittre nach dir.
Wie du nach mir! ja, Du! o Du:
du bist noch schwächer,
wehre dich nicht!
Über die grüne Wiese wolln wir rennen,
in den Wald,
Hand in Hand,
nackt,
unsre brennenden Stirnen bekränzt
mit den flatternden Blüten des wilden Mohns,
der glühenden Blume des Leichtsinns!

Bestürmung

Was will in deinen Augen mir
dies dunkelvolle, fremde Weh,
so tief und sehr?
so still und schwer
wie Stürme, die Ruhe suchten
im Schooß der grauen See.
Versinken will, versinken mir
in dieser Augen grauen Schooß
mein Herz — und will
wie Du so still
und schwer an Dein Herz schlagen,
dann brechen die Stürme los!
Und will dich wiegen so mit mir
in rasender lachender Seligkeit
auf freiem Meer!
bis tief und sehr
die Herzen wieder ruhen,
ruhen von Sturm und Leid.

Antwort

„Lieber kein Glück, nur lauter sein.
Nur keinen Schritt abseits vom Recht.
Nur keine Schuld, lieber kein Glück!
O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht!“
Hedwig Lachmann.
Ich will ein Glück! Kennst du den Funken,
der seine hellsten Gluten wagt?
Er glüht. Und ob er feuertrunken
verglüht zu Asche über Nacht:
er glüht! sein Wesen ist sein Schein —
„Lieber kein Glück, nur lauter sein“ —
nur lauter!
Ich hab ein Recht! Kennst du die volle
Woge, die zur Brandung schäumt?
Kennst du den Sturmgeist, der die tolle
springende Woge noch toller bäumt?
Steil starrt die Klippe: brecht, Wogen, brecht —
„Nur keinen Schritt abseits vom Recht“ —
keinen Schritt!
In meine tiefste Seelenstille
horcht mein erstauntes Ohr hinab;
da ringt ein Trieb, da wächst ein Wille,
den eine heilige Macht mir gab!
Ich bin kein Frevler am Geschick —
„Nur keine Schuld, lieber kein Glück“ —
nein: keine Schuld.
Von Jugend auf droht uns im Rücken
die flach erhobne Heuchlerhand;
ich muß mich mit mir selbst beglücken,
seit ich die Welt so feige fand!
Du meine Inbrunst, du mein Recht —
„O Gott, ich stürbe, würd’ich schlecht“ —
auch schlecht.

Und dennoch

Und du vom auserwählten Stamm,
du liebst dein Volk und uralt Blut,
und fast wie Haß ist deine Glut
für deinen schwer gequälten Stamm;
und träumst von euerm Sinai
und der nur Euren Himmelsnäh,
und stehst wie Mose vor Jahwäh
und stehst und schwörst: ich wanke nie.
Und dennoch kam in deinen Mund
das Wort, das einst am Jordan klang;
da rang ein Mensch mit sich — und rang
sich weinend los vom alten Bund
und sprach, indeß sein liebreich Herz
von Pein gehetzt gen Himmel stieg:
Nur Selbstbewältigung ist Sieg,
Sieg über allen Erdenschmerz.
Wie kam es doch, dies Wort der Qual,
erpreßt von heißer Opfernot,
auf Deine Zunge als Gebot:
„bezwinge deines Herzens Wahl!“
und liebst ein auserwähltes Volk
und fast wie Haß ist deine Glut?!
Und um uns, Weib, rauscht laut Ein Blut:
der Menschheit schwer gequältes Volk.

Nur

Und der Abschied war kein Ende,
und mein Blick bewegte dich;
und es war, als legte sich
still dein Herz in meine Hände.
Aber wenn du wiederkehrst,
will ich deine Hand nicht küssen;
will es nur empfinden müssen,
wie du deinem Herzen wehrst.

Nächtliche Scheu

Zaghaft vom Gewölk ins Land
fließt des Lichtes Flut
aus des Mondes bleicher Hand,
dämpft mir alle Glut.
Ein verirrter Schimmer schwebt
durch den Wald zum Fluß,
und das dunkle Wasser bebt
unter seinem Kuß.
Hörst du, Herz? die Welle lallt:
küsse, küsse mich!
Und mit zaghafter Gewalt,
Mädchen, küss ich dich.

Menschliche Botschaft

Und doch, und doch, du stolzes Kind:
viel stolzer fühlt mein kleines Lied,
das kindlich vor dir niederkniet
und fromm beginnt:
Wärst du im Ehrenkleide
der Hohen höchste Zier,
ich fühlte doch trotz Seide
und Hoheit und Geschmeide
als deiner Ehren erste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch: noch stolzer schwebt,
du stolzes Kind, mein kleines Lied,
das nun auf dich herniedersieht
und scheu erbebt:
Wärst du in Schmach gefallen,
du die Gemeinste hier,
und Mein Herz rein vor Allen,
ich dächte Dein vor Allen,
weil meiner Reinheit reinste Zier
die Gleichheit zwischen dir und mir.
Und doch, und doch, du stolzes Kind:
viel stolzer fühlte wohl mein Lied,
das stolz vor Deinem Stolze flieht,
wenn stumm und blind
nun ein Erbangen käme,
stumm zwischen dir und mir
nun ein Verlangen käme,
dich blind gefangen nähme,
daß wir vergäßen — fühlst du? wir
die Gleichheit zwischen dir und mir.

Entführung

Ach! aus Träumen fahr ich.
In die graue Luft,
in die kalte starr’ich.
Ach, dein Samum war ich,
du mein Ambraduft!
Durch die helle Wüste
glühtest du dahin,
und dein Atem küßte
und dein Kuß versüßte
Seele mir und Sinn.
Einsamkeiten hingen
tief ins fliehende Land;
sonnestill ein Ringen,
und mit Allah-Schwingen
hielt ich dich umspannt,
riß ich dich nach oben,
du mein Ambraduft,
Glut in Glut verwoben,
bist du mir zerstoben
in die graue Luft.

Der Brand

Nur Zufall? — Bleiern lag Berlin
im Abendzwielicht Dach an Dach;
trüb sah sie in das Feuer,
das drüben aus dem Giebel brach.
Die Flammen zuckten.
Im Rahmen meines Fensters,
so stand sie schwarz und stumm vor mir;
und im Nebenzimmer spielte
eine blasse Frau Klavier.
Drüben wühlte die Glut.
Die blasse Frau war meine;
und Jene stand so nah und hold.
Flimmernd säumte der rote Schein
die lieben Locken mit dunklem Gold
und Funkengestiebe.
Es zog mich hoch: ich mußte,
ich wollte sie an mich ziehn.
Eine große trübe Wolke Rauch
kroch über ganz Berlin;
die Flammen erstickten.
Ich stand mit scheuen Händen,
das Spiel dort klang so seelenklar;
und oben über der Wolke glomm
und zitterte wie in Gefahr
ein blasser Stern.

Abschied ohn End

Und so muß ich dich nun doch beschwören:
flieh, o flieh mich — mich!
Ich — o sieh mich: ich
weiß, ich will und würde dich betören,
und du darfst, du darfst mir nicht gehören.
Flieh auch Dich!
Kind mit deinen jetzt schon grauen Haaren,
sehr lieb klingt es: „wir“ —
sehr trüb klingt es mir.
Deine Sehnsucht zählt noch nicht nach Jahren,
aber Ich bin längst in mir erfahren
und in dir.
Alles will sich dir zu mir empören,
dir! Du freilich, sieh,
du glaubst heilig: nie!
Und ich weiß, es würde dich zerstören,
wenn wir diese Sehnsucht dann verlören.
Flieh mich! Flieh!

Dann

Wenn der Regen durch die Gosse tropft,
bei Nacht, du liegst und horchst hinaus,
kein Mensch kann ins Haus,
du liegst allein,
allein: o käm er doch! Da klopft
es, klopft, laut — hörst du? — leise, schwach
tönt’s im Uhrgehäuse nach;
dann tritt Totenstille ein.

Bleiche Nacht

Der Nebel staut sich,
Hütten dunkeln,
Dorfgiebel huschen über Lichtern hin,
noch bleicher scheint die Nacht;
die jagende Wagenkette,
schwenkend, strafft sich,
die Maschine heult Warnung,
und vorbei.
Ein entlaubter Kirchhof,
und wieder kreisen
um mein klirrendes Fenster
die öden Wiesen,
huschen Büsche,
eilt der fahle Streifen Horizont
auf den kriechenden Wäldern hin;
mich fröstelt.
Drei Monate:
da war die Mondnacht anders hier.
Wie auf Wolken
trug der kleine Kahn des stummen Fischers
uns den Fluß hinab;
selbst die Schatten gaben Licht.
An meiner Seite saß ein Freund,
und ich sagte ihm
all mein Herzensbangen für ihr Glück.
Und über ihrem Giebel,
unterm Baldachin der Königspappel,
als wir durch die Brücke bogen,
stand groß und strahlend
wie in einem Tabernakel
der goldne Mond
und senkte flimmernd auf das Moos des Daches
sein grünes Haar.
Heute aber, als ich Abschied nahm,
achselzuckt’ ich: mein Fräulein, Glück —??
Und jener Freund
dachte wohl schon damals:
du Tropf und Schuft! —
Mein Fenster schwitzt;
das kühlt die Stirne;
gleich und gleich gesellt sich gern.
Wirbelnd rollt ein funkendurchwirkter Dampfknäul
bleich ins bleiche Feld;
ein Dornbusch zerreißt ihn.
Jetzt: dort starrt,
wie durch ein Gitter ein Wahnsinnskopf,
der grelle Vollmond durch die kahlen Birken.
Er springt durchs Astwerk;
mit seinen langen blassen Füßen
läuft er auf den blanken Schienen
meinen rasenden Gedanken nach.

Trübes Lied

„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich will einen schwarzen Schleier tragen.
„Ach! du! wozu denn schwarz?“
Ich hab zu klagen. Hab zu klagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich breche Blumen zu Trauerkränzen.
„Ach! du! warum denn trauern?“
Ich kanns nicht sagen. Kanns nicht sagen.
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ich richte Kerzen zur Totenfeier.
„Ach! du! wer ist denn tot?“
Wie kannst du fragen? Kannst du fragen?
„Schnuck-Schnecke, was machst du da?“
Ja — er ist ins Meer gefallen —
„Ach! du! ins Meer gefallen?“
Von seinen weißen Wolken oben!
Von seinen weißen Wolken.

Dahin

Mit gesenkten Blicken
durch die Menge hin,
durch die fremde dunkle Menge,
eine traumentstiegene Palme,
kam die junge Priesterin.
Mit geschlossenen Wimpern
an den Altar hin,
ruhig an den flammenden Altar,
eine nachtgewiegte Zypresse,
trat die junge Priesterin.
Mit aufstrahlenden Augen
in zwei andre Augen hin,
Augen aus der Fremde,
niegesehene Heimatsaugen,
eine starre Mimose,
stand die junge Priesterin.
Mit hochzuckenden Händen
vor die Flamme hin,
vor die heilige Opferflamme,
eine blitzgetroffene Zeder,
sank die junge Priesterin.
Mit weit offenen Armen
in die Nacht dahin,
wild hin in die fremde Nacht,
eine sturmergriffne Liane,
schwand die junge Priesterin.

Lebewohl

Eine dicke Tigerschlange liegt
müde um mein Herz geringelt,
ihre satten Augen tun sich zu.
Einmal züngelt
ihre dünne Zunge noch im Schlaf —
lebe wohl, mein blutend Täubchen du ...

Ein Stelldichein

So wars auch damals schon. So lautlos
verhing die dumpfe Luft das Land,
und unterm Dach der Trauerbuche
verfingen sich am Gartenrand
die Blütendünste des Hollunders;
stumm nahm sie meine schwüle Hand,
stumm vor Glück.
Es war wie Grabgeruch ... Ich bin nicht schuld!
Du blasses Licht da drüben im Geschwele,
was stehst du wie ein Geist im Leichentuch —
lisch aus, du Mahnbild der gebrochnen Seele!
Was starrst du mich so gottesäugig an?
Ich brach sie nicht: sie tat es selbst! Was quäle
ich mich mit fremdem Unglück ab ...
Das Land wird grau; die Nacht bringt keinen Funken,
die Weiden sehn im Nebel aus wie Rauch,
der schwere Himmel scheint ins Korn gesunken.
Still hängt das Laub am feuchten Strauch,
als hätten alle Blätter Gift getrunken;
so still liegt sie nun auch.
Ich wünsche mir den Tod.

Chinesisches Trinklied

Nach Li-Tai-Pe

Der Herr Wirt hier — Kinder, der Wirt hat Wein!
Aber laßt noch, stille noch, schenkt nicht ein:
ich muß euch mein Lied vom Kummer erst singen!
Wenn der Kummer kommt, wenn die Saiten klagen,
wenn die graue Stunde beginnt zu schlagen,
wo mein Mund sein Lied und sein Lachen vergißt,
dann weiß Keiner, wie mir ums Herz dann ist,
dann wolln wir die Kannen schwingen —
die Stunde der Verzweiflung naht.
Herr Wirt, dein Keller voll Wein ist dein,
meine lange Laute, die ist mein,
ich weiß zwei lustige Dinge:
zwei Dinge, die sich gut vertragen:
Wein trinken und die Laute schlagen!
Eine Kanne Wein zu ihrer Zeit
ist mehr wert als die Ewigkeit
und tausend Silberlinge! —
Die Stunde der Verzweiflung naht.
Und wenn der Himmel auch ewig steht
und die Erde noch lange nicht untergeht:
wie lange, du, wirst Du’s machen?
du mitsamt deinem Silber-und-Goldklingklange?
kaum hundert Jahre! das ist schon lange!
Ja, leben und dann mal sterben, wißt,
ist Alles, was uns sicher ist;
Mensch, ist es nicht zum Lachen?! —
Die Stunde der Verzweiflung naht.
Seht ihr ihn? seht doch, da sitzt er und weint!
Seht ihr den Affen? da hockt er und greint
im Tamarindenhain — hört ihr ihn plärren?
über den Gräbern, ganz alleine,
den armen Affen im Mondenscheine? —
Und jetzt, Herr Wirt, die Kanne zum Spund!
jetzt ist es Zeit, sie bis zum Grund
auf Einen Zug zu leeren —
die Stunde der Verzweiflung naht.

Der Dritte im Bunde

Nach Li-Tai-Pe