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Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Chapter 231: Ein Ewiger
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About This Book

A collected volume of lyric poems and aphoristic sayings arranged in thematic sections that shift between sensual and erotic imagery, natural and seasonal observation, intimate domestic and public addresses, and religious and mythic reflection. Short lyrics and songs coexist with reflective elegies and pointed, occasionally polemical maxims, while longer sequences trace symbolic metamorphoses of an emblematic figure. The diction moves from lush sensory description to rhetorical exhortation and concise proverb-like lines, producing a varied tonal register that links bodily desire, artistic self-examination, moral questioning, and social sentiment.

In der Blütenlaube sitz ich beim Wein,
säße gern in guter Gesellen Mitte.
Kommt der Mond, lädt sich leise ein,
nimmt mein Gläschen in Augenschein,
und mein Schatten tut, als wär er der Dritte;
ist eine herrliche Tafelrunde!
Bruder Mond kann nicht mit trinken;
Schatten macht nur nach, was ich tu.
Sei’s! Solange noch Tropfen blinken,
will ich euch doch Willkommen winken,
zechen, bis wir zu Boden sinken!
Glas hoch, Freunde, auf Du und Du,
noch schmeckts dem Munde, es lebe die Stunde!
Noch! Wie lacht der Mond in mein Glas,
wie tut mein Schatten tanzen und springen!
Solang ich noch stehn kann, Freunde, was?
so lange dauert der Freundschaftsspaß,
Freut euch, Brüder, bald fall ich ins Gras!
Dann ists aus! kein Lebwohl wird klingen,
nur der Dritte im Bunde lacht im Grunde:
wann feiern wir Wiedersehensrunde?!

Frühlingsrausch

Nach Li-Tai-Pe

Wenn das Leben Traum ist, wie sie meinen,
wozu dann ihre nüchterne Plage!
Ich, ich berausche mich alle Tage;
und wenn ich Nachts nichts mehr vertrage,
leg ich mich schlafen auf den Pflastersteinen.
Morgens erwach ich sehr bewußt;
ein Vogel zwitschert zwischen blühenden Reben.
Ich frage ihn, in welcher Zeit wir leben.
Er sagt mir: in der Zeit der blühenden Reben!
das ist die Zeit, in der die Frühlingslust
die Vögel zwitschern lehrt und leben, leben!
Ich bin erschüttert. Ich raff mich auf wie toll;
wütende Seufzer pressen mir die Kehle.
Und wieder gieß ich mir den Becher voll,
bis in die Nacht, und pfeiff auf meine Fehle.
Wenn dann mein Mund ausruht, ruht auch mein Groll,
ruht Alles, was ich will und kann und soll,
ruht rings die Welt — o ruhte auch die Seele!
Wer aber kann mit Wein den Gram verjagen?
wer kann das Meer mit einem Schluck verschlingen?
Der Mensch, in diesen Lebensrausch verschlagen,
in dem sich Sehnsucht und Erfüllung jagen,
kann nichts tun als in einen Nachen springen,
mit flatterndem Haar im Wind die Mütze schwingen
und, während ihn die Elemente tragen,
sich ihrer Willkür stolz zum Opfer bringen!

Mein Trinklied

Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
trinkt, bis die Seele überläuft,
Wein her, trinkt!
Seht doch, wie rot die Sonne lacht,
die dort in ihrem Blut ersäuft;
Glas hoch, singt!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni gleia glühlala!
Klingklang, seht: schon welken die Reben.
Aber sie haben uns Trauben gegeben!
Hei! —
Noch eine Stunde, dann ist Nacht.
Im blassen Stromfall ruckt und blinzt
ein Geglüh:
der rote Mond ist aufgewacht,
da kuckt er übern Berg und grinst:
Sonne, hüh!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben:
Mund auf, lacht! Das klingt zwar sündlich,
klingklang, sündlich! Aber eben:
trinken und lachen kann man blos mündlich!
Hüh! —
Noch eine Stunde, dann ist Nacht;
wächst übern Strom ein Brückenjoch,
hoch, o hoch.
Ein Reiter kommt, die Brücke kracht;
saht ihr den schwarzen Reiter noch?
Dreimal hoch!!!
Singt mir das Lied vom Tode und vom Leben,
djagloni, Scherben, klirrlala!
Klingklang: neues Glas! Trinkt, wir schweben
über dem Leben, an dem wir kleben!
Hoch!

Erklärung

Ein Freund von mir, ein junger deutscher Dichter,
keiner von dem schön lügenden Gelichter,
bei seinem Wort sieht man in glühenden Schleiern
die Wahrheit ihren nackten Liebreiz feiern —
der schrieb einmal ein Trinklied, keins von Wasser:
„vom Tode und vom Leben“ sagt der Herr Verfasser —
drin jubiliert, um allen Sinn zu sammeln,
ein halb berauschtes, halb bewußtes Stammeln —
mir deucht, er meinte: über Tod und Leben
bleibt alles Reden ein Gestammel eben.

Äonische Stunde

Alfred Mombert zu Ehren

Du himmlischer Zecher!
Noch einen Tropfen Schwermut in meinem Glase,
noch eine Träne wild in meinem Herzen,
glühte, glänzte,
doch du sangst, du sangest —
es rauschte ein Meer durch uferlose Weiten,
in unsrer Nähe wogten gespiegelte Sterne,
Geister tanzten über dem Erdball,
hoch auf quoll der Tropfen in meinem Glase,
eine Lichtflut —
und hell in deine
fiel die Träne aus meinem Herzen.

Zechers Nachtfeier

Auch das Weinblumenlied genannt

Freunde, mein Glas ist leer.
Nur noch ein goldner Tropfen am Grunde
spiegelt schwank eure Tafelrunde,
blank vom Glanz unsrer Feierstunde
und vom Duft der Jahrhunderte schwer.
Freunde, trinkt alle aus!
Durch die Blume, o Wundernamen,
schlagen die weißen Geisterflammen
der edlen Züchter in uns zusammen;
trinkt! ich habe noch rote im Haus!
Freunde, schenkt ein, schenkt ein!
Seelen von Huldinnen schlummern versunken
in diesem Pfühl von rubinigen Funken;
weckt sie, Lippen! und küßt euch trunken!
trunken sein heißt seelenvoll sein!
Freunde, stoßt mit mir an!
Bald wird auch uns der Schlummer bezwingen,
aber auch ihn soll ein Geist uns bringen:
Freunde, ein Traumgeist, der knallen und springen
und aus Eis Feuer speien kann!
Ah, wie sein Hals sich bäumt!
Schleppt ihn herbei, den gefesselten Wilden!
Löst ihn, er sehnt sich nach Göttergefilden!
Seht, wie er steigt und von Luftgebilden
überschäumt! —

Fromme Wünsche

Nach Cecco Angiolieri

Wär ich der Wind, ich risse die Welt in Fetzen.
Wär ich das Feuer, zerfräß ich sie zu Funken.
Wär ich das Meer, sie läge längst versunken.
Wäre ich Gott: Spaß, gäb das ein Entsetzen!
Wär ich der Papst, wie würd’es mich ergetzen,
zu ärgern meine Christen, die Halunken!
Wäre ich König, ließ ich wonnetrunken
mein Volk mit Hunden an den Galgen hetzen!
Wär ich der Tod, besucht ich auf der Stelle
die lieben Eltern wieder mal; im Leben
betret ich nun und nimmer ihre Schwelle!
Wär ich der Cecco — hm, der bin ich eben;
drum wünsch ich Mir die schönsten Jungfernfelle
und will die häßlichen gern Andern geben!

Lied des vogelfreien Dichters

Nach François Villon

Ich sterbe dürstend an der vollen Quelle;
ich, heiß wie Glut, mir zittert Zahn an Zahn.
Frostklappernd sitz ich an der Feuerstelle,
in meinem Vaterland ein fremder Mann.
Nackt wie ein Wurm, geschmückt wie Tamerlan,
lach ich in Tränen, hoffe voller Leid
und schöpfe Trost aus meiner Traurigkeit,
ein Mann voll Macht, ein Mann in Acht und Bann,
und meine Not ist meine Seligkeit —
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts ist mir sicher als das nie Gewisse,
und dunkel nur, was allen Andern klar;
und fraglich nichts als das für sie Gewisse,
denn nur der Zufall meint es mit mir wahr.
Gewinner stets, verspiel ich immerdar.
Mein Frühgebet: Gott, mach den Abend gut!
Im Liegen vor dem Fallen auf der Hut,
bin reich ich, der ich nichts verlieren kann,
und hoff auf Erbschaft, ich, ein rechtlos Blut —
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.
Nichts macht mir Sorge als mein bös Begehren
nach Glück und Gut, doch pfeif ich drauf zumeist.
Wer auf mich schimpft, tut mir die größten Ehren;
der Wahrste ist, wer mich mit Lügen speist.
Mein Freund ist, wer mir klipp und klar beweist:
ein grauer Kater ist ein bunter Pfau.
Und wer mir schadet, lehrt mich: Du, Dem trau!
Wahrheit, Lug, Trug, mir Alles Eins fortan;
begreif ich’s nicht, behalt ich’s doch genau —
ich, höchst beliebt, verschrien bei Jedermann.

Lied der Gehenkten

Villons Epitaph
als er nebst Etlichen zum Galgen verurteilt war

O Mensch, o Bruder, machst du hier einst Rast,
verhärte nicht dein Herz vor unsrer Pein;
denn wenn du Mitleid mit uns Armen hast,
wird Gott der Herr dir einst gewogen sein.
Hier hängen wir, so Stücker acht bis neun;
ach, unser Fleisch, einst unser liebst Ergetzen,
jetzt ist es längst verfault und hängt in Fetzen,
samt unsern Knochen fast zu Staub zerfallen.
Doch wolle Keiner seinen Witz dran wetzen —
nein: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Mißachte, Bruder, nicht dies unser Flehn;
du weißt ja, der du unser Bruder bist,
obgleich uns nach Gesetz und Recht geschehn,
daß nicht ein jeder Mensch vernünftig ist.
Verwende dich von Herzen als ein Christ
beim Sohn der Jungfrau, daß er seine Gnade,
da wir nun tot sind, auch auf uns entlade
und uns behüte vor des Satans Krallen.
Die Seele, Bruder, stirbt nicht mit am Rade —
ja: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!
Sturzregen haben unsern Leib zerspült,
die Sonne uns geschwärzt und ausgedörrt,
Krähn, Raben uns die Augen ausgewühlt,
uns Bart und Brauen aus der Haut gezerrt.
Niemals, kein Stündchen Ruh am warmen Herd;
nur wipp und wapp, und immer wippwapp wieder,
umschwärmt von Krähn, die Winde um die Glieder,
zerhackt, zerlöcherter als Hosenschnallen!
Ja: vor Uns Brüdern seid ihr sicher, Brüder —
doch: bittet Gott, daß er verzeih uns Allen!

Rettung zu Gott

Nach Verlaine

I

Mein Gott hat mir gesagt:
„Sohn, man muß Mein sein! Mein!
Sieh meine durchbohrte Brust,
mein strahlend, blutend Herz,
und meine wunden Füße,
die Magdalenens Schmerz
mit Tränen wusch; und siehst,
siehst die große Pein
meiner Arm-und-Hände
durch deine Sündenschuld,
siehst das Kreuz, die Nägel,
und spürst und fühlst und glühst,
daß diese bittre Welt
des Fleisches nichts versüßt
als Mein Fleisch und mein Blut,
mein Wort und meine Huld.
War ich nicht Dein, mein Sohn,
dein bis in den Tod?
mein Bruder du im Vater,
mein Kind, mein Sohn im Geist!
Und hab ich nicht geduldet,
wie die Schrift verheißt?
Hab ich nicht geschluchzt
für deine Angst und Not?
Und war mein blutiger Schweiß nicht
der Schweiß deiner Nächte,
mein Freund, mein armer Freund du,
der gern zu mir möchte!“

II

Und ich —: Herr! du sagtest
meine ganze Seele.
Ja, ich will zu dir, Herr,
suche und finde nicht.
Du, dessen Liebe lodert
wie aller Sonnen Licht:
ich Dein sein, Dein? ich Wurm
im Staub und voller Fehle!
Du Friedensborn, den alle
Kreatur erlechzet,
ach, Einen Blick nur träufle
in meinen Gram und Wahn!
Darf ich denn wagen, Herr,
nur deinem Hauch zu nahn,
ich, der auf eklen Knieen
hier vor dir kriecht und ächzet!
Und dennoch such ich dich,
taste, tappe nach dir,
daß auf mein Elend falle
nur deines Schattens Zier.
Doch Du bist ohne Schatten,
Du, dessen Liebe lodert,
du süßer Springquell, bitter
nur dem, deß Herz noch modert
im Rausch der Sündenlust;
du Licht, ganz Licht, deß Glut
und jäher Kuß den blöden
Menschenaugen wehe tut!

III

„Man muß, muß Mein sein! Ja:
ich bin, bin der Kuß
der Allbrunst, bin der Odem,
bin dieser Mund, du lieber
Kranker, von dem du stammelst,
der glühende; und dies Fieber,
das deine Nächte schüttelt,
bin Alles Ich! man muß
nur wagen, mein zu sein!
Ja: meine Liebe, die
zu Höhen lodert, wo
dein armes Ziegenseelchen
nicht hinklimmt, wird dich, wie
der Adler ein Rotkehlchen,
empor zu Himmeln tragen,
o Himmeln, die — o sieh:
sieh meine helle Nacht,
du weinend Auge du
im Schimmer Meines Mondes!
sieh dieses Bett von Reinheit,
all diese Unschuld sieh,
all diese Ruh! —
Sei Mein! die zwei Worte
sind meine höchste Einheit,
denn dein allmächtiger Gott
vermag zu wollen — nein:
nur erst vermögen will ich dich:
sei, sei mein!“

IV

— Herr, Herr, zuviel! ich wag’s nicht.
Ich Dein? Wer? ich, und Dein?
Nein, nein, nur zagen darf ich;
doch wagen — nein! ich bebe!
ich will nicht, ich bin unwert!
Ich Dein? Du Kelch und Rebe,
du aller Heiligen Herz,
du liebreich Brot und Wein,
du aller Gnadenwinde
ungeheure Rose,
du Eifrer Israels,
du lichter Falter, dem
nur die junge Blume
der Unschuld angenehm:
und ich soll Dein zu sein
vermögen? ich lichtlose
Schlacke, ich Frevler, Dein?
Herr, bist du rasend?! Ich
Befleckter, dem die Sünde
Beruf ist, der — o Fluch —
in allen seinen Sinnen,
Gefühl, Geschmack, Geruch,
Gehör, Gesicht, ja im
Gewissen selbst nicht Dich,
in seiner Buße selbst
nur, ach, die Wollust fühlt,
womit der alte Adam
nach neuen Lüsten in ihm wühlt!

V

„Drum muß man Mein sein! Ich
bins, der in dir rast,
bin der neue Adam,
der den alten frißt,
dein Hunger und dein Mannah;
und meine Liebe ist
so strömender, je näher
du der Quelle nahst.
Ein strömend Feuer ist sie,
drin all dein lüstern Blut
auf immer sich verzehrt
und wie ein Duft verdampft;
und ist die Sintflut, deren
schwangere Wut zerstampft
jedweden schlimmen Keim
und all die trübe Brut,
die Ich gesät, daß einst
mein Kreuz so reiner strahle,
und daß auch Du dereinst
durch ein furchtbar Mirakel
der Gnade Mein sein müßtest,
entsühnt all deiner Makel.
Sei mein! empor! sei Mein!
Empor mit Einem Male
aus deiner Nacht zu Mir,
Mir, du verlassner armer
Schelm, dem nichts blieb als Ich,
dein ewiger Erbarmer!“

VI

— Herr! Herr! ich fürchte mich.
Mein Herz zittert und zagt.
Ich seh, ich fühls: man muß,
muß Dein sein. Aber wie,
wie, Gott mein Gott, dein werden?
du Richter, dessen Knie
selbst der Gerechte kaum
anzurühren wagt.
Ja, wie? Denn sieh, es wankt
der Grund, darinnen hier
mein Herz sein Grab sich grub,
und rings auf meiner Flucht
fühl ich herniederstürzen
des Firmamentes Wucht
und rufe: Herr, wo führt
ein Weg von Dir zu mir?!
Reich mir die Hand, mein Leben,
daß dieses Fleisches Weh
und dieser kranke Geist
nur fühle deine Spur!
Denn jemals zu empfangen
und zu genießen je
die himmlische Umarmung:
Herr, ist das möglich nur?
dein zu sein dereinst?
selig in deinem Schooß
wie Sankt Johannes, Herr, zu ruhn?
selig, sündelos?!

VII

„So möglich wie gewiß.
O komm, o siehe, welch
Entzücken deiner harrt!
Laß ab von deinem Harme
und deinem Trotz! komm, sinke
in meine offnen Arme,
gleichwie der Glühwurm in den
erblühten Lilienkelch.
Komm und verdien es dir!
Komm an mein Ohr, schütt aus
all deine Niedrigkeit
mit deinem höchsten Mute!
sag Alles, Sohn: frei, schlicht
und ohne Stolz im Blute!
reich mir der Reue blassen,
schmachtenden Blumenstrauß!
Dann tritt an meinen Tisch,
einfältiglich! da soll
ein köstlich Mahl, dem selbst
die Engel andachtvoll
nur zusehn dürfen, dich
erquicken und entsühnen;
da sollst den Wein du trinken,
den Wein des immergrünen
Weinstocks, dessen Güte
und Kraft und Süßigkeit
dein Blut befeuern werden
für die Unsterblichkeit.

*

„Dann geh und glaube fein
demütig an das Urwort
der Liebe, allwodurch ich
dein Leib-und-Seel ich bin!
Und kehre ja, mein Sohn,
sehr oft von neuem in
mein Haus ein, meinen Wein dort
zu kosten und den Schwur dort
zu leisten auf mein Brot,
ohn welches all dein Streben
nur ein Verrat vor mir!
Und bitte mich, wie Brauch,
mich, Vater, Sohn und Geist,
und meine Mutter auch,
daß du das Lämmlein werdest,
das stumm versprützt sein Leben,
daß du das Kindlein werdest,
bekleidet mit dem Linnen
der Unschuld, und dein eigen
armselig Sein und Sinnen
vergessest, um einst Mir
ein wenig gleich zu werden,
Mir, der zu Zeiten des
Pilatus und Herodes,
des Petrus und des Judas
auch dir gleich ward auf Erden,
für dich am Kreuz zu sterben
eines verruchten Todes.

*

„Und um zu lohnen deinen
Eifer in diesen Pflichten,
die also süß, daß ihre
Wonnen unsäglich sind,
will ich dich schmecken lassen
schon auf Erden, Kind,
den Vorschmack Meines Friedens:
meine dunkellichten
geheimen Nächte, wo
der Geist sich meinen Söhnen
auftut und vom vollen
Kelch der Verklärung trinkt,
wo hoch am heiligen Himmel
der Mond verheißend blinkt
und aus der rosigen Finsternis
die Engelchöre tönen,
verkündend die Entrückung
empor zu Meinem Lichte,
die ewigen Küsse meiner
Langmut und Erbarmung,
die Psalmen meines Ruhms
und ewigen Traumgesichte,
die ewige Weisheit und
die ewige Umarmung
im Schauder deiner seligen
Schmerzen, die auch mein:
den Aufrausch der Verzückung,
Mein zu sein!“

VIII

— Ach! Herr! wie wird mir! Sieh mich:
weinend vor Deine Füße
stürz ich, schluchzend und jauchzend!
deine Stimme macht
mir wohl und weh! mein Auge
weint, meine Seele lacht!
und all das Weh, das Wohl
hat all die selbe Süße.
Aus Tränen jubl’ich, Herr!
Aus meiner Inbrunst wecken
mich Hörnerrufe; Waffen
winken auf klirrender Au,
funkelnde Schilde, und drüber
Engel in Weiß und Blau,
und dieser Hörnerruf
füllt mich mit Wut und Schrecken.
Den Taumel fühl ich, fühle
das Graun der Auserwählten.
Ja, ich bin unwert, aber:
Herr, Deine Gnad ist groß.
Sieh: voller Dank, voll Demut:
hier, sieh mich Schweißgequälten,
o sieh mich Glutbeglückten —
obgleich ein namenlos
Erschauern, Herr, den Trost mir
deines Mundes schwächt,
und zitternd geht mein Atem — —

IX

„So, altes Herz, so recht!“

Mirakel

Nach Verlaine

Da kam ein stiller Reiter
mit Namen Unglück her;
der stieß in mein alt Herz mir
seinen dunkeln Speer.
Mein alt Herz gab gar einen
trüben Auswurf Blut;
der ist auf der Haide vertrocknet
in der Sonnenglut.
Mein Auge losch in Schatten,
ein Schrei ging aus mir aus,
und mein alt Herz erstarb mir
in einem wilden Graus.
Drauf hat der Reiter Unglück
seltsamlich gerastet,
stieg vom Pferd hernieder sacht
und hat mich angetastet.
Seine Handschuhhand von Eisen
fuhr in meine Wunde,
indeß er einen Bannspruch sprach
mit seinem harten Munde.
Und als mich also eisig
durchfuhr die Hand von Eisen,
ward mir ein neues Herz geboren,
da will ich Gott für preisen.
Ein Herz, gar jung, gar rein und gut,
das schlug wohl sonder Fehle,
denn heller Gluten trunken
genas mein Blut und Seele.
Aber schier geblendet
lag ich und glaubt es kaum;
wie Einer, dem die Herrlichkeit
des Herrn erscheint im Traum
Da stieg der stille Reiter
wieder auf sein Tier,
und gab den Sporn, und jählings
hob er sein schwarz Visier
und schrie, und jetzt noch fährt mirs
durch mein Ohr wie Stahl:
Hüt dich! so gnädig komm ich
nur Ein Mal! —

Stimme von oben

Willst du von Gott neue Wunderzeichen,
arbeite!
Willst du alten Göttern wunderlos gleichen,
genieße!
Willst du nichts Göttliches erreichen,
verzweifle!

Bach’sche Fuge

Es steigt ein Geist vom Gnadenstuhl,
tief unten raucht der Sündenpfuhl,
und brodelts noch so lavaheiß,
von oben nahts wie klares Eis,
taucht strahlend in den Höllenschlund,
bis der erstarrt zum Himmelsgrund,
nun steigt auf Stufen von Kristall
der Geist zurück ins blaue All,
nun spiegelt sich im Sündenpfuhl
wie lauter Licht sein Gnadenstuhl.

Rembrandts Gebet

Seele des Lebens,
Licht hüllt dich ein.
Kommt, Schatten, helft! schlagt drein! schlagt drein!
reißt mir aus Schein und Widerschein
das Geheimnis!
Was starrst du stahlblank,
männlicher Panzerhut,
Augäpfel an
voll weiblicher Dämmerglut?
Was späht im Blitzstrahl hinter der Wolkenwand
über dem Volksaufstand
jenes Geisterantlitz?
Schrei nicht nach Klarheit, Mensch:
Verklärung soll sein!
Komm, Lichtschein, hilf! schlag in die Schatten drein!
Geheimnis, pack ich dich?
O heiliger Mummenschanz:
nicht hell, nicht dunkel: ganz
in Offenbarungsglanz
hüllst du auch mich,
Seele des Lebens.

Die Schöpferhand

August Rodin zu Ehren

Chaos bedrängte dich, du Geist: Sturzwelt:
roh Erz, plumpes Gestein, wüst stiebender Sand:
empörte dich in alle Fibern zum Widerstand,
und durch die störrische Masse
ordnungsbrünstig
drang deine Schöpferhand.
Da ward der Denker, der mit brütender Wut
das Kinn auf die geballte Rechte preßt,
da ward die Schöne, deren nackte Glut
sich von der stürmischen Woge tragen läßt,
da ward der Dichter, dem die Weltschrecken
das Haupt recken,
und wird ein Turm, wo Menschenarbeit kündet,
welch Himmelreich der Erdgeist gründet.

Der letzte Traum

Zum Gedenken an Detlev v. Liliencron

Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
Alles ist gut geworden. Alles. Nur
der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
Er möchte ewig leben, ewig träumen.
Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! —
Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
traumvolle Welt — er stammelte:
Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
Alles war gut. Nur Ich — was ist mit mir?
Ich seh da immer Menschenschaaren ziehn —
da an der Wand — Heerschaaren — Kriegerschaaren —
von Land zu Land mit mir — Erobrerschaaren —
von Stern zu Stern — zur Schlacht — Schlachtopferschaaren —
im Traum — sie opfern sich für Gott hin — hörst du?
die ganze Welt hin — sich hin — mich hin — Gott! —
Wenn ich nur endlich schlafen könnte — schlafen — —

Ruhe

Nach Verlaine
Auf die Nachricht vom Tode des Dichters

Ein großer schwarzer Traum
legt sich auf mein Leben;
Alles wird zu Raum,
Alles will entschweben.
Ich kann nichts mehr sehn,
all das Gute, Schlimme;
kann dich nicht verstehn,
o du trübe Stimme.
Eine dunkle Hand
schaukelt meinen Willen,
glättet mein Gewand,
still im Stillen.

Ecce Poeta

Doch hör ich noch der Tausende Entzücken
und Ihn von seinen goldnen Sternen sprechen,
und sehe noch ihn seine Rosen brechen
und noch den Kranz das Haupt ihm blutig drücken.
Sie lagen jubelnd an den Silberbächen
und ließen sich mit seinen Blumen schmücken,
und sahn ihn Blüte nur um Blüte pflücken
und nicht die Dornen ihm die Stirn zerstechen.
Sie waren alle jammernd hergekrochen,
und Jeder sprach von Plagen ohne Zahl.
Er hatte Allen alle weggesprochen;
verschmachtet sank er hin am Bachesrande.
Da starrten sie, da sahn sie seine Qual.
So träumte mir in unserm Vaterlande.

Die ferne Laute

Eines Abends hört ich im dunkeln Wind
eine ferne Laute ins Herz mir singen.
Und ich nahm die meine im dunkeln Wind,
die sollte der andern Antwort bringen.
Seitdem hören Nachts die Vögel im Wind
manch Gespräch in ihrer Sprache erklingen.
Ich bat auch die Menschen, sie möchten lauschen,
aber die Menschen verstanden mich nicht.
Da ließ ich mein Lied vom Himmel belauschen,
und da saßen Nachts um mein Herzenslicht
die Unsterblichen mit hellem Gesicht.
Seitdem verstehn auch die Menschen zu lauschen
und schweigen, wenn meine Laute spricht.

Notturno

So müd hin schwand es in die Nacht,
sein flehendes Lied, sein Bogenstrich,
und seufzend bin ich aufgewacht.
Wie hat er mich so klar gemacht,
so sanft und klar,
der Traum — und war
doch bis ins Trübste feierlich.
Hoch hing der Mond, das Schneegefild
lag bleich und öde um uns her,
wie meine Seele grauenschwer.
Denn neben mir, so starr und wild,
so starr und kalt wie meine Not,
von mir gerufen voll Begehr,
saß stumm und wartete der Tod.
Da kam es her: wie einst so mild,
so müd und sacht,
aus ferner Nacht,
so kummerschwer
kam einer Geige Hauch daher,
kam dämmernd her des Freundes Bild.
Der mich umflochten wie ein Band,
daß meine Jugend nicht zerfiel,
und daß mein Herz die Sehnsucht fand,
die große Sehnsucht ohne Ziel:
da stand er nun im öden Land,
ein Schatten trüb und feierlich,
und sah nicht auf noch grüßte mich.
Nur seine Töne ließ er irrn
und weinen durch die kalte Flur;
und mir entgegen starrte nur
aus seiner Stirn,
als wärs ein Auge hohl und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und trüber quoll das trübe Lied,
und quoll so heiß, und wuchs, und schwoll,
so heiß und voll
wie Leben, das nach Liebe glüht,
wie Liebe, die nach Leben schreit,
nach ungenossener Seligkeit,
so wehevoll,
so wühlend quoll
das strömende Lied und flutete;
und leise, leise blutete
und strömte mit
ins öde Schneefeld, rot und fahl,
der tiefen Wunde dunkles Mal.
Und müder glitt die müde Hand,
und vor mir stand
ein bleicher Tag,
ein ferner bleicher Jugendtag,
da starr im Sand
er selber ein Zerfallner lag,
da seine Sehnsucht sich vergaß
in ihrer Schwermut Übermaß
und ihrer Traurigkeiten müd
zum Ziele schritt;
und laut auf schrie das weinende Lied,
wie Todesschrei, und flutete,
und seiner Saiten Klage schnitt
und seine Stirne blutete
und weinte mit
in meine starre Seelennot,
als sollt ich hören ein Gebot,
als müßt ich jubeln, daß ich litt,
als möcht er fühlen, was ich litt,
mitfühlen alles Leidens Schuld
und alles Lebens warme Huld —
und weinend, blutend wandt er sich
ins bleiche Dunkel, und verblich.
Und bebend hört ich mir entgehn,
entfliehn sein Lied. Und wie es zart
und zarter ward,
der langen Töne fernes Flehn,
da fühlt ich kalt ein Rauschen wehn
und grauenschwer
die Luft sich rühren um mich her,
und wollte bebend nun ihn sehn,
ihn lauschen sehn,
der wartend saß bei meiner Not,
und wandte mich —: da lag es kahl,
das bleiche Feld, und fern und fahl
entwich ins Dunkel auch der Tod.
Hoch hing der Mond, und mild und müd
hin schwand es in die leere Nacht,
das flehende Lied,
und schwand und schied,
des toten Freundes flehendes Lied;
und dankbar bin ich aufgewacht.

Ein Ewiger