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Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Chapter 234: Götterhochzeit
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About This Book

A collected volume of lyric poems and aphoristic sayings arranged in thematic sections that shift between sensual and erotic imagery, natural and seasonal observation, intimate domestic and public addresses, and religious and mythic reflection. Short lyrics and songs coexist with reflective elegies and pointed, occasionally polemical maxims, while longer sequences trace symbolic metamorphoses of an emblematic figure. The diction moves from lush sensory description to rhetorical exhortation and concise proverb-like lines, producing a varied tonal register that links bodily desire, artistic self-examination, moral questioning, and social sentiment.

Ich lag in einem dunkeln Taxushain
und hatte Furcht.
Im Schatten vor mir saß ein Mann,
der war wie eine große
nebelvolle Höhle,
in der ein riesenhafter Dachs der Urzeit
neue Welten träumte.
Nur ab und zu
schob er seine schweren Wühlerhände
durch das Gitter,
und mit grauen,
grausam traurigen Augen
griff er sich ein Menschenhirn zum Fraß.
Und über ihn, im Hintergrund der Höhle,
mit unendlich weichem,
kleinem, stolzem Munde,
lag eine schöne geistesirre Frau gebeugt,
die weinte über den traurigen Dachs.
Da hob der Mann
die starre Gottesstirne zu mir her,
darüber ihm die Haare
seidenfein und blond
in langen wirren Wellen lagen,
als ob er eben aufgehört zu fliegen;
und seine scheuen Frauenlippen zuckten.
Ich aber sah hinauf,
wo durch den dunklen Taxuswald
der kalte blaue Himmel strahlte,
klar, weit, hoch,
und sah die Sonne um das Höhlengitter blitzen,
und eine Freude wie im Winter
zerbrannte meine Furcht zu Funken,
die sprühten einen Namen in das Dunkel,
sternhell:
Strindberg.

Loke der Lästerer

Nach Strindberg

Götter der Zeit, ich schmähte gestern,
und schmähen will ich euch auch heut,
Götter der Zeit, euch ewig lästern;
hört mein lachendes Lästergeläut!
Ihr führt die Macht, ich führe Klage,
ich führe das Wort in meiner Macht.
Dreizehn liegt ihr beim Gelage;
das bedeutet Totenwacht,
Unfall, Hinfall — singt die Sage.
Götter, nehmt euch gut in Acht:
sehr schnell eilen die lustigen Tage,
Götter, Götter, und Loke lacht!
Ja, ich saß in jüngeren Stunden
zu Gast in eurem Freudensaal:
an dem Strick, den ihr gebunden,
hingeschleift zu euerm Mahl.
Darum: eure eiternden Wunden,
Loke kennt, kennt ihre Zahl!
Ekel fühlt ich vor den vollen Gefäßen,
und euer Wein war ekler noch;
euer Singsang verdarb mir das Essen,
der fad wie dünne Brühe roch.
Und das könnt ihr Loke nicht vergessen,
daß er nicht lobkrähend vor euch kroch.
Nein, ich will kein Loblied krähen,
will nicht singen für euern Fraß;
nein, ich will euch lieber schmähen
mit meinem großen, schönen Haß!
Meine Sehnen habt ihr mir zerstochen,
mich geschmiedet auf dies Gletscherjoch,
mir die Zähne ausgebrochen,
aber meine Zunge lästert doch!
Ja, ich habe eure Schmach verraten,
Götter — das war all mein Fehl;
eure heiligen Greueltaten,
eurer festen Schlösser Sündenhehl.
Drum heißt Loke der Erste der Hasser,
der Lästerer Erster in euerm Lied;
ja, es ehrt, es ehrt ihn, daß er
Verräter verriet!
Wenn den Gewaltigen straft der Schwache,
dann heißt die Strafe Rachewut.
Sei’s! Ja, Götter: ich übte Rache,
hört es, Rache — und rächte gut!
Habe erbrochen die Bundeslade,
habe den Moder ans Licht gescharrt,
euch abgerissen die Maskerade
und eure Nacktheit offenbart.
Habe euern Götzendienst verachtet,
von euern Bildern den Flitter geklopft;
habe das goldne Kalb geschlachtet,
sah das Stroh, womit es ausgestopft.
Habe gerächt, du alte Götterhure,
gerächt all meiner Jugend Weh,
als ich knien gemußt zum eklen Schwure
und dir Weihrauch streun, du Lügenfee!
Ja: mein Wahrheitswort, das lachte
ins Gesicht dem Götterpack,
daß ihr Schloß und Tempel krachte —
hah, wie rannte das Köterpack:
die Göttervetteln, die Götterpinsel:
Der knöpfte die Hosen fest, Die nahm
die Unterröcke mit Gewinsel
vor die kranke verschrumpfte Scham.
Aber die Lüge ging zum Pfuhle
und fischte Nattern im dumpfen Hain;
die ließ die tückische Götterbuhle
Gifte in Lokes Antlitz spein.
Und dann schlugen sie Loke in Ketten,
Hundert gegen Einen war die Tat;
doch — in ihren Götterlotterbetten
schrein sie doch von Hochverrat.
Ja, in Ketten liegt er auf der Klippe,
aber seine Zunge ist noch frei,
und die alten Göttergerippe
zittern noch von seinem Geschrei.
In den langen Nächten seiner Qualen
sitzt an seinem harten Bett sein Weib,
schützt ihm liebreich mit kristallnen Schalen
vor dem Nattern-Eiter seinen Leib.
Wenn dann die tückischen Vipernrotten
beißen wollen die treue Hand,
dann hört Loke auf zu spotten:
wie der Sturm dann bricht sein Zorn ins Land.
Wenn er seine Ketten schüttelt,
dröhnen die Berge und das Feld;
in Hütten und Burgen, wachgerüttelt,
ahnt man bebend das Ende der Welt.
Da hört Loke auf zu lästern,
sondern aus den düstern Augen drohn
sengende Blitze den Götternestern,
und er ruft nach seinem Sohn.
Der Midgardsdrache, der Weltzerstörer,
dann läßt er rasseln sein Schuppenfell
und reckt den Schwanz, der Weltempörer,
hinten am wilden Wolgaquell.
Und es prasseln und knacken und splittern
die Forsten im Wolkonskywald;
und die Pyrenäen zittern,
wo sein Bauch zuckend sich ballt.
Und seine Brust zerpeitscht zu Schäumen
des Seine-Stromes heilige Flut,
dessen Ufer noch glühn und träumen
von Erlösung und von Blut.
Aber: wo der Drache das Haupt geborgen,
fragen die feigen Götter und schrein.
Ewig folgt auf heute morgen;
mein Bescheid wird euer Gestern sein!
Denn wenn Er sein Haupt erhebt zur Rache,
Götter, aus ist dann die Zeit!
Wißt ihr: wenn erst zischt der Drache,
wird euch nie mehr Unheil prophezeit!
Dann erliegt die Welt dem Brande,
der verbrennt, was brennen soll,
der das Gold befreit vom Schlackensande,
der verschont, was lebensvoll.
Und der alte dürre Norden,
dann vom Feuer reingeglüht,
fruchtbar Ascheland geworden,
saamt sich neu, gebärt und blüht.
Dann, in ewig grünen Hainen,
neu geboren, lebt ein frei Geschlecht,
nicht verkrümmt von heiligen Gängelleinen,
Keiner mehr ein Götterknecht.
Götter, wenn sich dann die Raben
um eure Gräber tummeln auf der Flur,
keine Träne wird dann Loke haben,
seine ewig junge Hoffnung nur!
Ja: sein Gelächter fiel gleich Steinen
schwer in eure Götterruh,
denn er glaubt an jenen seinen Einen,
nicht an euer Blindekuh.
Doch euren Gräbern lacht sein Geläute
wie Freundesnachruf: Götter der Zeit,
ruht in Frieden, Götter! Heute
lebt die Gottheit der Ewigkeit.

Um Ibsens Schatten

Als du, gewaltiger Schatten, noch des Körpers waltetest,
der siebzigjährig beim Geburtstagsfestbankett
uns jungen Männern unerschütterlich Bescheid tat,
warf ich auf dich vom trotzig hochgeschwungenen Becherrand
den trunknen Spruch:
Skaal, Ibsen, Skaal,
du Feind der Halbheit, Meister des Doppelsinns!
ich schleudre dir ein Wort zu, das dich ganz beleuchtet:
Skaal, du vom heiligen Geist Beschatteter! —
Nun sitzen wir beim Todesfestbankett,
trotzig auch heut, doch nicht von flüchtiger Trunkenheit,
Jeder im Rücken seinen eigenen Schatten fühlend,
ein Kranz von Schatten um den leeren Platz, Gewaltiger,
der du im Lichtkreis über unsrer Tafel geisterhaft,
noch unerschütterlicher als dein Körper einst,
lastest.
Warum entschwebst du nicht? willst du uns prüfen?
O! mit noch höher geschwungenem Becherrand
will ich dir dann Bescheid tun, schweigsamer Gast.
Sieh, wie mein Schatten auffährt! und rings um mich
an allen Wänden, allen Ecken des Saals empor
heben sich Schatten-Arme, mitschwingende, heben
Dich, Dich, du Unerschütterlicher, auch empor
durchs düstre Flackerlicht des Trauerraums,
durchs rauchgeschwärzte Schnitzwerk, Decke und Dach,
empor durchs Sternenbildergewölb der Frühlingsnacht,
bis dahin, wo kein irdisches Zwielicht mehr uns täuscht —
nun schwebst du hoch genug für unsre Andacht.
Da sehn wir dich im Strahlenschooß der Allmacht ruhn:
tiefschwarz von Lichtquell zu Lichtquell dich dehnend
schwebst du im Spiegel unsrer begeisterten Augen,
schwebst, lebst, und waltest.
Und so — mit unsern begeisterten Augen — siehst du,
wie Männer kommen: einsam, einzelne nur,
doch von Jahrhundert zu Jahrhundert kühnere,
wortkarg wie Du, sinnstark wie Du:
die kämpfen ihre Zweifel vor dir aus.
Und Frauen siehst du kommen: mehr und mehr,
und von Jahrtausend zu Jahrtausend stolzere,
wortscheu wie Du, werktreu wie Du:
die richten ihren Glauben an dir auf.
Dann wird wohl Eine — o! ich seh ihr Gesicht,
braun ist’s von Sonne, so hart wie Erz kann’s scheinen
und kann wie Honigwabenhaut so zart sein —
wird dir in einer heilig strahlenden Nacht wie heut
einst zulächeln:
Dank, Ibsen, Dank,
du Freund des Gradsinns, Seher des Widersinns!
ich bring dir einen Blick dar, der dich voll beglänzt:
Dank, du vom ewigen Licht bestärkter,
gewaltiger, unerschütterlicher Schattengeist! —

Götterhochzeit

Ein Zwiegesang

O ewig Gesuchte!
„O endlich Gefundener!“
Im Umsturz der Welten!
„Am Quell der Gestirne!“
Überm donnernden Absturz
meiner verschütteten Geister.
„Unterm sanften Aushauch
unsrer verströmten Seelen.“
Die Sphären weinen.
„Der Äther lächelt.“
Äonen waren.
„Äonen werden sein“ —
werden —
„sein! —
laß uns lachen, Geliebter!“
Lachen?
„Jubeln!“
Geliebte, wem?
„Äon dem Ungeborenen!“
Äon dem Wiedergeborenen ...

Schöpfungsfeier

Oratorium natale

Chor der Ahnen:

Welch ein Festtag! Wieder reihn sich Flammen,
wieder neigen Blumen sich zusammen,
Kind, weil Du am Leben bist.
Kind, noch immer Kind, trotz deinen Jahren,
horch, ein Vatergeist will heut erfahren,
ob dein Herz dem Leben dankbar ist.

Der Vatergeist:

Sieh, er fragt dich mit gebeugtem Rücken,
den die Schatten seiner Taten drücken,
doch mit ungebeugtem Sinn:
Denkst du noch an meine Züchtigungen,
harten Worte, strengen Forderungen?
wozu nahmst du soviel Trübes hin?
Und ich seh, du blickst auf deine Hände,
auf dein Festgewand, auf Tisch und Wände,
und du lächelst stolz und mild.
Ja, du lerntest dich zum Schaffen zwingen,
all das Wohlgefügte dir erringen,
das dich heut entzückt als helles Bild.
Aber dazu Jahre voller Plagen,
um ein Augenblickchen zu erjagen,
wo das Leben Glanz gewinnt?
Aber schon ergreift mich dein Entzücken,
dankbar hebt sich mein gebeugter Rücken:
dieser Augenblick ist göttlich, Kind!

Chor:

Dieser Augenblick ist selbst dem Bangen
einer Mutterseele Dank genug.
Heut erscheint sie dir von Glanz umfangen,
die dich einst mit dunklem Lichtverlangen
unter ihrem Herzen trug.

Die Mutterseele:

Voll Entsetzen hörte sie dich wimmern,
als man dir vom Körper wusch ihr Blut.
Zaghaft sah sie in verhängten Zimmern
dein klein Seelchen wie ein Flämmchen flimmern;
heut ist’s eine große Glut.
Saaten Lichtes treiben in dir Sprossen,
überschwänglich flammt die Himmelsflur;
Welten hält dein freier Blick umschlossen,
strahlend zeigt er Freunden und Genossen
unsers Daseins ewige Spur.
Zwar im Nebel auf den irdischen Auen
tönt bald fern bald nah des Todes Ruf.
Doch Verklärung quillt aus seinem Grauen:
unsern Kindern bleibt der Himmel blauen,
den die Mutterseele schuf.

Ein paar Kinderstimmen:

Deine Kinder sehn den Himmel gerne,
auch bei Nacht sein hohes helles Sieb;
aber mehr als Sonne, Mond und Sterne
sind uns deine Augen lieb.
Und so lieb und solche hellen Wunder
sind auch unsre Augen dir;
Sonne, Mond und Sterne sind nur Zunder
zwischen dir und uns, das fühlen wir.

Die Mutterseele:

Immer heller wird uns angezündet
rings vom Vater Geist dies Flammenspiel.
Jede Kerze flimmert ihm verbündet,
jede Blume schimmert einbegründet
in sein glanzverhülltes Ziel —

Chor:

in sein glanzverhülltes Ziel.

Der Vatergeist:

Immer wieder lockt es die Entzückten,
bis die Mutter Seele den beglückten
Schöpfungsaugenblick genießt.
Weil wir’s nie und immerfort erreichen,
tragen wir des Ringes heiliges Zeichen,
das von Hand zu Hand die Welt umschließt —

Chor:

das die weltenvolle Welt umschließt.