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Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (1/3)

Chapter 255: Venus Perversa
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About This Book

A collected volume of lyric poems and aphoristic sayings arranged in thematic sections that shift between sensual and erotic imagery, natural and seasonal observation, intimate domestic and public addresses, and religious and mythic reflection. Short lyrics and songs coexist with reflective elegies and pointed, occasionally polemical maxims, while longer sequences trace symbolic metamorphoses of an emblematic figure. The diction moves from lush sensory description to rhetorical exhortation and concise proverb-like lines, producing a varied tonal register that links bodily desire, artistic self-examination, moral questioning, and social sentiment.

Ja — so wird aus Sehnsucht Sünde;
Hölle, die den Himmel stürmt.
Seele öffnet alle Schlünde,
die der Geist rings mühsam übertürmte.
Und Natur schürt wieder alle Gluten,
die der Mensch beherrschte in Gedanken;
lüstern lecken ihre Lavafluten
an dem Erzgerüst der heiligen Schranken.
Wie es hinschmilzt! Wer kanns kalt beschauen?
Nur der Mond in seiner Leichenpracht.
Und die Seele badet sich im Grauen,
und der Geist buhlt mit der Nacht.
Bis er Frevel heckt wie Don Juan,
der nur lüstern war aus Qualengier,
ein vom Teufelswahn verlockter Gottesmann,
freudeloser als ein Tier.
Nein, nicht Lust wars, du Jungfräuliche,
als ich deine Opferfreude schmeckte;
ich genoß nur das Abscheuliche,
zu entweihn dich Unbefleckte,

Venus Maculata.

Drum komm, o komm, noch einmal schweigt
so voll ins Feld, so glanzbereit
der Mond ins Feld; noch einmal zeigt
die weite Nacht,
die zweite Nacht,
mir deine nackte Seligkeit.
O komm, o komm, ich will dich sehn!
rings rauscht der alte Eichenhain;
die langen Wiesenhalme stehn
so still, so weich
am kleinen Teich,
und schimmernd tauchen wir hinein.
Und schimmernd, schimmernd heb’ich dich
heraus ins dunkelgrüne Kraut;
dein schwarzes Haar umrieselt mich,
der Tau wird warm,
und Arm um Arm
erkennt den Bräutigam die Braut.
Und dann — o dann — o flieh! — denn dann:
wir hatten Schooß in Schooß geruht:
von einer weißen Blüte rann,
du sahst es nicht,
im bleichen Licht
ein Tropfen Blut — Dein Tropfen Blut ...

*

Eitle Rührung, frech Bedauern,
Räubermitleid nach dem Raube.
Oder wars ein echt Erschauern?
Narr, was fragst du — glaube! glaube!
Selbst der Reinste muß erleben,
von Verführungen umtobt,
daß der Geist sein wahres Streben
an Verirrungen erprobt.
Und da lass ich mich von schalen
Skrupeln bis aufs Blut zerquälen?
hier, wo hochher Sterne strahlen,
die zu frischem Mut mich stählen!
Nein, ich will mirs kühn bekennen:
auch die Lüste, die wir schuldbewußt
Unnatur und Unzucht nennen,
sind Natur und neue Züchtungslust —
ich, der selber einst tiefinnen
nur empor nach freierer Menschheit ächzte,
während meine tierischen Sinne
doch nach Dir tyrannisch lechzten,

Venus Perversa.

Dort sitz nieder! sieben Kreuze
zwischen uns! und gönn mirs: sei nicht Tier!
Sondern ich suche andere Reize:
Dich: komm, liebe dich vor mir!
Dich nur, Dich! nur deine verschmachtenden Blicke
und deine zuckende Scham und deine scheuen
Seufzer gönn mir — ja, entzücke
mich mit Deinen Rasereien!
Oh du, wenn die Knospen deiner welken
Brüste unter deinen tastenden Fingern
wieder schwellen wie in jüngern
Nächten — oh, dies Schwelgen —
gönn mir’s, gönn mir’s! Meine eigenen Freuden
sind mir Schaum, der bitter ist —
aber Du, wenn Du so stöhnst und glühst,
will ich mich an Deiner Wildheit weiden:
wie du gleich enttäuschten Bräuten
deine einsame Sehnsucht stilltest,
deine heimlichen Seligkeiten
mit berauschten Händen fühltest —
fühlst — stillst — — Seele, bricht dein Blick?
Oh du, laß mich diesen Blick genießen!
dies Verröcheln von Lippen bis zu Füßen!
recke dich nicht so starr zurück —
Ekelt dich? — Ah —: witterst du nun den reifen
Menschen? bist du satt der Kuhnatur?! —
Und wir schaudern: wir begreifen
den Triumph der Unnatur.

*

Wohin fliehn nach solchen Wonnen?
Damals lernt ich die Ekstasen
der entbehrungssüchtigen Nonnen
würdigen, und das geistige Rasen
derer, die vor lauter Brünsten
nach der reinen Inbrunst schreien,
während sie mit Marterkünsten
bis zum Rausch ihr Fleisch kasteien.
Wahrlich, wenn der Heiligen einer
jetzt vor meinem Bett erschiene,
brünstiger als ich rang keiner!
Und mit eingeweihter Miene
dürft ich ihm die Hände reichen:
Komm, hier kannst du ruhig beten.
Mußte doch selbst sie mir weichen,
die Versucherin der Asketen,

Venus Mystica.

„Ich möchte die Flamme umarmen!“
Aus schwerem Schlaf
in stiller Nacht
weckte mich dies Wort;
ich weiß nicht, wer es sprach;
Stimme, wer bist du?
Nackt, mit bettelnden Fingern,
weiten Armen,
mit Weibesbrüsten,
ein irrer Mund,
flehst du aus der Nacht
die große strahlende Flamme an?
Weg! sie brennt!
Trunken naht ein grauer Blick,
schwelt:
um die klare Glut
mit beiden Knieen
schlingt sich heiß ein hitziger Schooß.
Weib: so nicht!
Kalt, aufrecht seh ich
in dein rauchschwarz flackerndes Haar
die lichte Lohe fassen,
dich verzehrend.
Rein und ruhig
steigt die feurige Säule
aus der kurzen Beschattung
mit dir auf.
Stimme, so, nun darfst du
— jauchze! — die Flamme umarmen.

*

Wohl, so hat mein Herz in Züchten
mein unzüchtig Blut bekämpft,
hat in Angst vor seinen Süchten
seine Sehnsuchtsglut gedämpft,
hat mir Sieg auf Sieg errungen,
aber Frieden, Frieden — nein!
In gespenstischen Peinigungen
lebt ich schreckhaft, bis selbst Dein
reines Lichtgelüst mich reute,
tief in einer trüben Nacht,
die ich schlaflos so wie heute
unter Geistern zugebracht,

Venus Idealis.

Ich lag in Zweifeln schon die halbe Nacht:
Mich treibt ein Geist, und folgen muß ich ihm,
doch darf ich folgen? ists ein Geist der Wahrheit?
ists Eitelkeit? so rang ich mit der Nacht.
Und furchtsam dacht ich an das unverstandne
Gebet der Kindheit: nicht wie Ich will, Vater,
in Deine Hand befehl ich meinen Geist!
Und heftiger rang ich, wie einst Jesus rang.
Da bannte mich der Geist in Traum. Ich stand
an eines Weltmeers aufgewühlter Fläche.
Sehr finster war’s. Doch finstrer ragte noch,
zackig ins Himmelsdunkel hochgetürmt,
ein starr Gebilde wie ein Felseneiland.
Dumpf um es schnob und brodelte die Flut;
und ich erkannte, eine Sintflut wars,
die ein verwittertes Stück Welt zerfraß.
Auf einmal wurde Licht; grell quoll der Mond
durchs wechselnde Gewölk, die Brandung glänzte,
und hoch im Gischt in grauenhafter Ohnmacht
rangen zwei letzte Menschen, Mann und Weib.
Ich sah sie sinken. Doch noch einmal tauchte
das Weib krampfhaft aus Sturz und Strudel auf:
der nackte Körper bäumte sich im Schaum,
und schimmernd, während ihn der Schwall verschlang,
entwand sich ihrem zuckenden Schooß ein Kind.
Da wars, als käm ein Staunen in den Aufruhr;
der Mond besänftigte die wüste Flut,
die Wellen hüpften um das kleine Leben
und wuschen es und wiegten es und trugen
es langsam durch die Klippen an das Eiland.
Und nun gewahrt ich auf dem schroffen Gipfel
ein andres Weib. Schwarz, ganz und gar verhüllt,
in riesenhafter Starrheit saß sie da;
es war, als ob ihr Haupt die Wolken streifte,
einäugig starrte sie aufs Meer hinab,
und bis ins Mark verwirrte mich der Blick.
Doch furchtlos langte nach ihr auf das Kind.
Und nieder zu ihm neigte sich die Hohe,
und nahm es mit gelassner Hand ans Herz,
und öffnete die Tücher ihrer Brust,
und tränkte es, und küßte es, und schaute
ihm traumhaft in die Augen; liebreich glomm
ihr Blick hinüber in des Kindes Blick,
als zündete sie drin das Seelchen an.
Und in dem Arm der Riesin wuchs das Kind,
und wuchs, und sprach das erste Wort, und wuchs.
Da nahm es von der Brust die Rätselhafte
und setzte mit gelassner Hand es wieder
hinab ans Ufer, wo ein neues Land
sich aus den Fluten hob, und hieß es gehen;
ihr stummer Blick wies in die blasse Ferne,
dann saß sie starr und dunkel wieder da.
Auf stand der Knabe, Furcht befiel auch ihn,
der erste Schmerz verstörte seine Stirne;
und scheu gehorchte er, und ging, und wuchs,
und immer wachsend ging er immer weiter,
bis ich im Morgendunst des Horizonts
ihn einem Schatten gleich verschwinden sah.
Nicht achtete das Weib des Wandrers mehr;
weitäugig starrte sie hinaus aufs Wasser,
als müßten immer neue Menschlein kommen,
sich Leben holen hoch an ihrer Brust.
Da konnt ich ihren Blick nicht länger dulden:
nur Einmal wollt ich in dies Auge sehn,
dies Geisterauge, das dort oben über
der grauen Flut aus seiner schroffen Höhe
so groß und bleich im Mondlicht flimmerte.
Und bittend, bettelnd hob ich meine Hände:
O komm! komm her zu mir und sieh mich an,
wie du den Säugling ansahst! Einmal nur
tu mir das Wunder deines Wesens auf!
Gib mir Erkenntnis! gib mir Ruhe, Ruhe! —
Da stieg sie dröhnend von dem Felsgrat nieder.
Vor ihren Schritten teilte sich die See.
Und näher, immer näher kam sie dröhnend.
Vor Schreck und Jubel sank ich in die Kniee.
Selige Tränen übermannten mich.
In strudelnden Farben floß ein Lichtmeer um mich.
Da stand sie vor mir, beugte sich herab.
Mit bleierner Faust umspannte sie mein Kinn
und bog es hoch. Aus meinen Tränen mußt ich
sie ansehn: Aug in Auge — oh Erkenntnis:
Stein war es! Stein! ein glotzender Opal! —
Laut schrie ich in die Nacht, und wachte auf;
da sah ich weinend in den grellen Mond.

*

Ohnmacht, Scham, Verzweiflung, Selbstgefühl
schrien mir zu: Spei deiner Qual ins Antlitz!
Lachhaft, lachhaft ist dein Kampfgewühl,
Gottnatur ist Menschenwahnwitz!
Menschheit ist ein sehnsuchtstrübes Rühricht,
überspannt von einem Regenbogen.
Darauf steht die schillernde Inschrift:
hier wird grenzenlos gelogen!
Brauchst du Rausch, den hat dir echt und klar
Noah nach der Sündflut schon erschlossen!
Und ich brauchte ihn fürwahr.
Wißt ihrs noch, ihr alten Zechgenossen?
Strindberg, herrlichster der Hasser,
Scheerbart, heiliges Riesenkänguru,
und vor Allen Du, mein blasser,
vampyrblasser Stachu du,
der mit mir durch manche Hölle
bis vor manchen Himmel kroch,
Cancan tanzend auf der schwindelnden Schwelle —
Przybyszewski, weißt du noch:
wie wir, spielend mit der blöden
Sucht nach unserm Seelenheile,
aufgestachelt von der öden
Wüstenluft der Langenweile
und der Glut der Toddydünste,
unser Meisterstück begingen
in der schwierigsten der Künste:
über unsern Schatten zu springen?!
Wie wir jedes Weib verpönten,
das nicht männlich mit uns tollte;
wie wir selbst auf Nietzsche höhnten,
der noch „Werte“ predigen wollte!
Denn auch wir, wir waren jeder
mehr als weiland Faust verschrien.
Darum schrieb ich auf mein Dichterkatheder:
Doctor sämtlicher Philosophieen!
Und da sah ich endlich sie erscheinen,
die noch niemals jemand sah,
sie, die Schöpferin des All-Einen,
sie, des Satans Großmama:

Venus Metaphysica.

Plötzlich sah ich draußen das Feld
ganz von magischem Licht erhellt.
Durch die äußersten Straßen von Berlin
schien dies Licht mich ins Freie zu ziehn,
ich mußte nur immer gehn und gehn,
schließlich blieb ich im Sande stehn;
halbhoch in der Unendlichkeit
stand der Vollmond, meilenweit.
Ich wischte mir den Schweiß von der Stirne,
mir war so anders im Gehirne;
ich fühlte, mir wollte was passieren,
mir war so weltweit. Die Gaslaternen
schienen sich förmlich zu entfernen.
Hinter den schwarzen Vorstadtquartieren
drüben am dunkleren Himmelsrand
wurde ein Feuerwerk abgebrannt;
der letzte Böller war kaum verkracht,
da schlugs vom Rathaus Mitternacht.
Mir lief schon wieder der Schweiß vom Hute,
der Juli lag mir wohl im Blute;
ich sah mich um. Kein Laut von Leben;
bis hoch ins höchste Äthermeer
kein Bein! Die Landschaft dito leer,
ganz leer — Berliner Landschaft eben,
wo nur symbolisch hin und wieder
ein borstiger Büschel Gras aufsprießt,
als hätte der Sand ihn ausgeniest.
Seltsam: was hat der Mensch für Glieder!
Mich zwang ein geisterhaftes Regen,
in diesen Sand mich hinzulegen,
platt auf den Rücken. Der Mond stand grade
senkrecht über dem Schornsteinschlund
einer düstergrauen Fabrikfassade;
da stand er blank und kugelrund
wie aus der Kanone hochgeschossen.
Ich wünschte, er möchte runterfallen
und diesen unheimlichen Schornstein zerknallen,
und machte noch sonstige mystische Glossen,
zum Beispiel über die Jakobsleiter,
mir wurde immer weltenweiter.
Auf einmal — ich rieb mir die Augenlider,
aber wahrhaftig: jetzt schon wieder:
der Mond, kein Zweifel, er rührte sich.
Die Kugel verschob ihre Flecken und Falten,
sie schien mir beinah zwiegespalten;
und was ich bisher für den Mond gehalten,
die Geister überführten mich,
das war ein bloßer Gewohnheitsgedanke.
Denn frei der blöden Sinnenschranke
erkannt ich: es war die hintre blanke
Lendenpartie und noch was Schlimmers
eines überirdischen Frauenzimmers.
Ihr Kopf war völlig unsichtbar,
auch Arme und Beine und Zehenspitzen;
sie mußte stark in Kniebeuge sitzen.
Doch aus allem Übrigen sah ich klar:
so’was, das gibts blos in höheren Zonen,
sie hat, weiß Gott, vier Dimensionen.
So lag ich und entzückte mich
an ihrer wunderbar schwierigen Stellung,
mein Blut kam immer mehr in Schwellung,
und nur das Eine bedrückte mich:
ob die Geister wohl Unheil sinnten
mit dieser Offenbarung von hinten.
Und kaum geahnt, da seh ich schon,
daß diese maßlose Weibsperson
nicht still sitzt. Himmel! sie kommt, mir graust,
unaufhaltsam auf mich losgesaust,
kommt immer näher, wird immer blanker,
hinten ihr Bannkreis wird immer schwanker,
mir schwindelt, mir vergeht das Licht,
mir will das Herz durch Haut und Hemd,
zitternd erwart ich das Donnergewicht,
und die Hände unter den Kopf geklemmt
— jetzt: ich oder sie: jetzt kommt der Stoß,
bumms! Schon will ich mich tot erklären
aber da sitzt sie mir, wupp, im Schooß,
wupp: wie etwa die Hemisphären
eines Tragischen Heroinen-Popos.
Also Mut! und als Kenner der weiblichen Form
seh ich ihn mir nun näher an:
hm, ganz entwickelt, doch nicht abnorm —
wie einen das Jenseits doch täuschen kann!
Sonst sah ich nichts als um den Kopf
einen dicken, grauen, gepuderten Zopf,
und da sie keine Anstalt machte
sich umzudrehn, so schwieg ich und dachte:
sie wird als Dame wohl Gründe haben,
dich nicht mit ihrem Anblick zu laben.
Die Beine hielt sie steif in der Mitte
zwischen den meinen in den Sand;
sie war wohl von dem luftigen Ritte
noch echauffiert. So lag ich galant
stille und fühlte durch die Hosen
ihre unsterblichen Pulse tosen.
Wupp! machte sie plötzlich wieder — und
ich muß gestehn, mir tat das wohl,
ich schloß die Augen — und wuppwup, hohl
erscholl jetzt durch die Nacht ihr Mund:
„Mein Name ist Meta“, wupp — „genauer
Frau Meta Physika“ wupp. „Ich bin
Astralweib“ wupp — „und von ewiger Dauer.“
Mir wurde immer wohler zu Sinn,
wie sie so jedes Komma und Zeichen
nachdrücklich angab in meinen Weichen.
Wupp: „Wem nämlich die krause Welt
nicht mehr genug von Vorne gefällt,
dem enthüll ich sie, wupp, von Hinten,
in den unaussprechlichsten Tönen und Tinten.
Und so hab ich mich, wupp, in Gnaden
auch bei Dir zu Gaste geladen,
wupp!“ Das war mir nun sehr erbaulich,
aber sie wuppte mir fast zu gut;
mir wurde immer dunkler zu Mut,
immer beklommner, mir wurde graulig.
Ich wollte die Augen öffnen — vergebens:
ich lag im Starrkrampf rein geistigen Lebens.
Wupp, gings unten in meinem Schooß
mit Himmelskräften von frischem los,
während sie oben grollte: „Du kleines
Menschlein willst dich gegen mich steifen?
Was, ich bin dir zu dunkel gewesen?
Ich? Na warte du: wupp! Ich, eines
der allgemeinsten weiblichen Wesen,
wupp, die nächtlich im Freien schweifen:
warte, du sollst es schon begreifen,
wupp, mein Ding-an-sich! wupp! zwar
es ist haarsträubend, aber wahr!“
Und wupp — ich hörte noch was wie „schleifen“,
mir rauchte der Kopf, mir schwand der Wille,
alle Gefühle standen mir stille;
denn immer eifriger wurde, oh,
dieser fürchterliche Astralpopo.
Endlich konnt ich mich wieder ermannen
und wage zu blinzeln: herrgott, da schwellen
ihre unbewußten Körperstellen
mir entgegen wie zwei Riesenpfannen.
Der Rücken ist — in beiden Axen —
um mindestens drei Systeme gewachsen,
ich kann ihn garnicht zu Ende sehn;
von Kopf nicht mehr die geringste Spur,
ein dürftiger Zipfel vom Zopfe nur,
und nicht ein Wort mehr zu verstehn.
Doch gottseidank pausierte sie leise
mit ihrer sitzenden Arbeitsweise.
Ich überlege schon, ob ich sie bitte
sich zu entfernen; da — wupp, wup wupp —
stampft’s wieder los in meiner Mitte,
jetzt fast schon wie’ne Kanone von Krupp.
Von oben hör ich wie Unkenstimmen
dunkle Offenbarungen stöhnen,
die immer übersinnlicher tönen
und schon ins Transscendentale verschwimmen.
Ich stöhne selber: wie komm ich los!
Denn wupp, entsetzlich: mit jedem Stoß
wächst ihre physische Proportion
zurück in die vierte Dimension,
und immer fetter schwoll und fetter
ihr unermüdlicher Katterletter.[*]
Zwar ihr Vergnügen, das gönnt ich ihr herzlich;
aber mir wurde die Sitzung schmerzlich.
Mein spiritistisches Fluidum
spritzte schon literweise herum;
ich hörte kaum noch ihr Gebrummsel,
ich armes menschliches Medibumsel.
Sie wuppte, wupp, immer wuppiger,
mir wurde immer matter und matter,
sozusagen immer schaluppiger.
Ich merkte mit Schrecken, daß ich platter
und platter wurde, und mit den letzten
Kräften schrie ich ins Äthermeer:
„Madam! Sie werden mir zu schwer!“
Aber ihre Bewegungen setzten
sich mit unveränderter Miene
nur noch kategorischer fort.
Sie trieb mirs gradezu wie zum Tort,
diese grenzenlose Buttermaschine;
sie wollte mich vollends, schien’s, vergeistigen.
Jetzt wurde ich wild. Ich schrie: „Madam!
Heda! Wie können Sie sich erdreistigen,
mich so zu quetschen! ich bin kein Schwamm!
So hören Sie doch! Sie altes Kalb,
Sie Mondkalb Sie!“ Da: hui, ein Kneifen,
ich höre die Engel im Himmel pfeifen —
„Herr, mit Verlaub, ich bin ein Alb“,
brüllt sie, daß mir der Schädel gellt,
„und bleibe auf eurer unglaublichen Welt
gefälligst so lange, wie Mir’s gefällt,
verstanden?!“ Und hui, wupp, seh ich — o Grausen,
Erbarmen, Rettung — ihren Zopf
sich blähen und auf mich niedersausen:
der ganze Himmel erscheint Ein Schopf,
eine Wolke von dunstig wirbelnden Haaren,
die immer spiraliger niederfahren:
sie wickeln sich mir um alle Gelenke,
um Hals und Arme und Brust und Weichen —
Gnade! ich kann kein Glied mehr rühren,
vor meinen Augen tanzen verrenke
riesige Paragraphenzeichen,
die mir alle Sinne zuschnüren —
Gnade, ich sticke! Luft! Vergebens:
sie umwickelt mich immer wilder,
vor meinem Geiste erscheinen die Bilder
meines aprioristischen Lebens,
während sie meinen sterblichen Rest
immer platter a posteriori preßt —
und wupp, ein Wühlen, und hui, ein Stieben:
ich fühle, wie sich die Seelenspitzen
ihrer Behaarung in alle Ritzen
und Poren meines Leibes schieben —
ich möchte ächzen, ich kann nicht: ach,
es kriecht mir kribbelnd in Ohren und Mund,
in Gaumen, Kehle, Nase, und
hapschih, pschih! nies’ich — und bin wach.
Und liege im Sande mit der Nase,
dicht bei einem borstigen Büschel Grase.
Halbhoch in der Unendlichkeit
stand der Vollmond, meilenweit.

[*] Anm. d. Setzers:

Quatre lettres = Vier Buchstaben scheint der Herr Doktor gemeint zu haben.

*

Und so hab ich mit Gelächter
manchen Geisterrausch bestanden,
trank als Raum- und Zeit-Verächter
meinen Gottgeist fast zuschanden,
trank mich frei von Menschheit, Welt und Weib,
aber war das, war das Freiheit? Nein!
Mitten in den knechtischen Zeitvertreib
herzerkältender Spöttereien
tratest Du, Du, die gleich mir gelitten
unter Irrtum, Schuld und Sehnsuchtsleid
und sich dennoch Lebenslust erstritten,
herrlich in Liebseligkeit —
Und ich sah die Wärme deiner Wangen,
deiner Augen strahlende Hoffnungsmacht:
eines Sommerglückes Prangen
mitten in der Winternacht!
Und ich zeigte dir mein scheues Wehe;
und du nahmst es schmeichelnd in den Schooß.
Aber wild erschrak’s vor neuer Ehe.
Und ich rang mit dir — und rang mich los —
los — und ließ mich vollends von der Schwere
meiner Einsamkeit, ich Narr, bezwingen;
über Länder, über Meere
trug ich ihre Last mit lahmen Schwingen.
Auf den blumigsten Inseln Griechenlands,
an Italiens blauesten Uferborden
saß ich echter deutscher Duselhans
voller Heimweh nach dem Norden.
Und jetzt lieg ich hier auf meinem harten
Pfühl in dieser fremden kalten Kammer
und verwühl mich mit erstarrten
Gliedern wieder in den alten Jammer.
Wie auch Du wohl. Und ich seh und höre
mich als Geist in brütenden Nebeln schwimmen
und dein ruhlos Herz beschwören,
prüfend, mit gedämpfter Stimme,

Venus Occulta.

Ist das noch die große Stadt,
dies Geraune rings im Grauen?
diese Männer, diese Frauen,
kaum erschienen, schon verschwunden;
und die Sonne steht so matt
wie ein kleiner, rotgewordner Mond da.
Drück dich dichter an mich an,
wie der Nebel an die Mauern!
Keiner stört den stillen Bann,
wenn wir Blick in Blick erschauern.
Sieh, wir schreiten wie vermummt in Weihrauch;
jeder wilde Laut wird stumm.
Hebe deinen dunkeln Schleier,
daß dein Atem mich erquickt!
Keiner stört die stille Feier,
wenn sich uns in diesem Dunste
fester Hand in Hand verstrickt.
Diese Straße mündet in den Himmel.
Oder weißt du, wo wir sind?
Küsse mir die Augenbrauen!
küsse mir die Seele blind!
Diese tote Stadt ist Babel,
und ihr blasser Dampf umspinnt
eine tausendjährig trübe Fabel.
Alle Farben sind ertrunken.
Nur auf deinem schwarzen Haare
flimmern noch die Purpurfunken
deines Hutes aus Paris,
rot wie unsre Lippenpaare;
und mein blauer Wettermantel raschelt.
Du, was träumst du? Deine Augen
waren eben wie zwei Kohlen,
die sich von der Glut erholen;
ja, du bist Semiramis!
Und in seinem dunkelblauen Mantel
führt dein Odhin dich ins Paradies.
Zwar, wir mußten durch viel dumpfe Gassen,
bis der Gott zu seiner Göttin kam;
und du hast manch braven Mann,
ich manch gutes Weib verlassen.
Aber dies ist unsre letzte Irrfahrt;
drück dich dichter an mich an!
Sag mir — Nein: horch! was für Töne?
warum stehn wir so erschrocken?
Dies verhaltene Gestöhne
aus den Wolken, dies Gedröhne,
kannst du diesen Lärm begreifen? —
Komm nach Hause, Fürstin! das sind Glocken.
Vor verschiednen hundert Jahren
herrschte hier ein Gott der Leiden
über traurige Barbaren.
Komm, wir wolln die Götter trösten,
daß sie sich in Dunst auflösten,
wir zwei seligen verirrten Heiden.

*

Aber sind wir denn noch Heiden heut?
will ich denn ins alte Paradies?
Hat nicht Er so Mann wie Weib erneut,
der die Kindlein zu sich kommen ließ?
Helft mir, Sterne! Hoch ob meiner Pein,
hoch ob jener Häuser finsterm Graus,
wie auf Bethlehem so mild und rein
strahlt ihr fernhin auf mein Vaterhaus.
Sprach er wahr, der klagende Lebenstraum,
den mein Wille gestern Nacht durchschritt?
Lautlos hing der dunkle Weltenraum;
und im stillen schrittest du wohl mit,

Venus Vita.

Ein Feldweg, Herbstnacht, und um Morgengrauen;
die kahlen Bäume stehen da wie tot,
ich aber wandre, ohne aufzuschauen.
Ich fühle eine Furcht; und Regen droht.
Ich höre den gedüngten Acker schweigen;
und heute wird kein Morgenrot.
Die Straße teilt sich. In den schwarzen Zweigen
sagt keine Tafel mir die rechte Spur:
soll ich hinunter, soll ich steigen?
Da deucht mir, in der tiefen Flur
rief mich mein Name, aus ersticktem Munde.
Ich horche; Nichts. Im Osten nur
enttaucht ein Licht dem fernen blassen Grunde.
Es ist kein Stern, es schimmert warm und traut,
mir dämmert eine längst vergangne Stunde,
und wieder hör ich fern und laut
die bange Stimme meinen Namen rufen;
und mir graut.
Mir scheinen plötzlich diese Ackerhufen
bekannt; ich bin so wandermatt.
Und dieser Pfad, und diese Wurzelstufen?
Hinab! — Schon wird der Abhang glatt;
auf einmal, wie von einem Kinderwagen,
springt mir ein Rad
unter den Füßen auf. Ich seh es jagen,
es springt und rollt den Kiesweg vor mir her,
seh’s Funken schlagen;
mein Schreck, mein Zittern wird Begehr,
ich muß ihm nach, es haben! Bis zur Kehle
hämmert mein Herz, das Rad rennt immer mehr,
und immer ruft mich klagend jene Seele
und winkt das Licht,
das Rad — halt! — Jetzt —: ich greife — fehle —:
es ist ein Lichtrad! halt! nach, eh’s zerbricht!
Ich fass es, stürze — wach’ ich? — meine matten
Finger umklammern es — — Nein — nicht:
in meiner Hand zerrann es wie ein Schatten.

*

Werd ich also stets ins Leere fassen?
lebt nichts ewig vor mir her?
Nein! ich will mir nicht vom Leben mehr
meinen Blick verblenden lassen.
Ihr selbst, ihr verführerischen Sterne,
wozu schürt ihr meine Seelennot?
Eisig haucht die gleißnerische Ferne:
ewig lebt allein der Tod.
Sei’s denn! Umso unfaßbarer, freier,
umso weiter, unbegrenzter
strahlt des Daseins Auferstehungsfeier —
niemals sah ich die Nacht beglänzter!
Stirb, du Sehnsucht meiner Jünglingsnächte:
eine reifere Inbrunst lebt mir nun:
Einst wird all dies tiefe Trachten ruhn,
aber ihm entsteigt in höhere Prächte

Venus Mors.

Eine rote Feuerlilie schreitet
riesig durch die Weltennacht.
Von der Sonne bis zum Sirius breitet
sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht
des gezähnten Schlundes kocht von Gluten,
düster flammt des Randes Zackenfirne;
um die wirbelnden Gestirne
schlingt sie hungrig ihre Samenruten.
Grell aufzüngelnd schlürft sie die getrennten
Welten gierig in den brünstigen Schooß;
aus den schwarzen Firmamenten
ringen Sonne, Sirius sich los.
Lodernd sehn sie die Unendlichkeiten
ihrer alten Sehnsucht überbrückt;
aus den Angeln wanken sie verzückt,
zu einander stürzen die befreiten.
Taumelnd folgen, brodeln, glühen
ringsum die Trabantenlüfte;
aus der brennenden Lilie sprühen
Lavastürme durch die Himmelsgrüfte.
Auf der Erde rast ihr Licht als Mord;
sengend frißt es Wälder, Ströme, Quellen,
Asche trieft aus blendenden Wolkenhöllen,
alle Kreatur verdorrt.
Nur ein Brautpaar will noch fühlend enden,
keuchend, schon erblindet beide;
mit den heißen Liebeshänden
tastet er an ihrem Kleide.
Aber in der Nacht der Seele
wird der wilde Durst zur Wut:
tastend wittert er ihr Blut,
beißt er, schlürft er sich in ihre Kehle.
Alles saugt der große Flammenschlund.
Kreisend will er überschäumen.
Rissig klafft der zuckende Muttermund,
Dämpfe bersten, Feuerpollen säumen
den zerfetzten Riesenblütenrand:
eine neue Welt entrollt der toten —
Strahlend quillt sie aus dem morgenroten
furchtbarn Siriusliebestodesbrand.

*