Wir Schelmbe sind ein feinen hauff,
da kann kein HErrgott wider auf;
die Welt ist voll von Unsern Preiß,
seit Adam stahl im Paradeys.
Hosianna!
Uns bleibt kein geldt in vnsern sack,
Wir synd ein fürnemb Lumpenpack,
Wir han das Allergrößt gefolg,
kein fuerst vnd Hertzog hat ein solch.
Hurrra!
Zu nie keyn diensten taugen Wir
als für dem Edlen Malwesier.
Dem tun wir fröhnden, nimmer faul:
ein jede Flaschen findt jr maul.
Hoppla!
Wir han nit weib, wir han nit kindt,
Wir sind die rechten Sausewind.
Vnd läßt uns Eine Dirn nit ein,
die ander wird so süsser seyn!
Eia!
Wir schieren umb kein pfaff uns nit,
Wir han unß Eignen segen mit.
Vnd pfeiffen wir am letzten loch:
der TEuffel nimbt in Gnad vns doch!
Sela!
Novemberfahrt
Ja lacht nur, lacht, am Straßenrand
ihr pelzvermummten Gaffer!
Uns hat aus härterm Lehm gebrannt
der Wein- und Weiber-Schaffer.
Und wenn wir etwas zittrig sind
und etwas rot die Nase,
so meint nur nicht, das sei vom Wind:
das Wetter steckt im Glase!
Wir fahren in die Welt hinein,
wenns Uns gefällt und gut scheint;
wir fahren in dem Sonnenschein,
der unter unserm Hut scheint.
Und wenn die olle Sonne sieht
so junge Dreistewichte,
dann wird sie gleich vor Angst verliebt
und macht ihr schönst Gesichte.
Hurrah, Novembersonnentag,
du Wunderwanderwetter,
derweil am Herd das Zimperpack
sich wärmt den Katterletter.
Hurrah, so herb dein Reiz und Duft,
so würzig und voll Schwere!
Hurrah, ich schlürfe deine Luft,
als ob es Rheinwein wäre!
Der brave Strubel
Unser Hofhund, Strubel heißt er,
ist gar lobesam;
nur die Ruhestörer beißt er,
denen ist er gram.
Ach, er liefe gern den Katzen
durch den Garten nach;
bellt auch gerne nach den Spatzen
auf dem Scheunendach.
Doch er muß darauf verzichten,
folgsam seinem Herrn;
denn er ist ein Hund mit Pflichten
und gehorcht wohl gern.
Wenn dann Väterchen ihm schmeichelt
„hast es brav gemacht“
und das Kinn ihm gnädig streichelt,
ists als ob er lacht.
Und wie schön kann Strubel springen
und kann aufrecht gehn,
kann Verlornes wiederbringen
und kann Schildwach stehn!
Demut, Biedersinn und Treue
sind in ihm vereint,
und wir preisen stets aufs neue
Strubel, unsern Freund.
Frecher Bengel
Fräulein Leichtfuß
Klein Fräulein Leichtfuß läßt sich gehn —
Nur zu! Laß nur die Leute stehn,
die fremd und finster dich besehn,
und lach sie aus, die Lastkameele!
Nur zu! Es kommt ein Tag, da blickst
du fremd dich selbst an und erschrickst
vor der Beladenheit der Menschenseele —
Magst du den Anblick leicht bestehn!
Zuspruch
Du rennst nach eignem Ziel und Sinn,
da kommt das Leben angefahren
und nimmt dich mit an Hirn und Haaren;
o nimm es hin.
Noch stürmt dein Herz: ich will, ich will!
und wilder blutet deine Wunde.
O laß. Vielleicht noch eine Stunde,
dann steht es still.
Epitaph
Eignes Leid und fremde Klage,
einst ist alles schöne Sage.
Ermutigung
Nimm dein Schicksal ganz als deines!
Hinter Sorge, Gram und Grauen
wirst du dann ein ungemeines
Glück entdecken: Selbstvertrauen.
Nächtliche Frage
Was bebt und bangt so wehe
mein Herz empor,
wenn ich dort oben sehe
der Sterne Chor?
Wie freie Seelen winken,
so bannt den Blick
ihr wandelbares Blinken:
steig an zum Glück!
Wie reine Geister glänzen,
so mahnt ihr Licht:
steig auf aus deinen Grenzen,
sie wehren’s nicht!
Und immer dann dies Beben,
und immer mehr.
O Stäubchen, Menschenleben,
und doch zu schwer?
Vorgefühl
Mädchenfrühling
Aprilwind.
Alle Knospen sind
schon aufgesprossen;
rings sprießt der Grund.
Und sein Mund
bleibt verschlossen? —
Maisonnenregen.
Alle Blumen langen,
heimlich aufgegangen,
dem Licht entgegen,
dem lieben Licht.
Fühlt ers nicht? —
Leises Lied
In einem stillen Garten,
an eines Brunnens Schacht,
wie wollt ich gerne warten
die lange graue Nacht.
Viel helle Lilien blühen
um des Brunnens Schlund;
drin schwimmen golden die Sterne,
drin badet sich der Mond.
Und wie in den Brunnen schimmern
die lieben Sterne hinein,
glänzt mir im Herzen immer
deiner lieben Augen Schein.
Die Sterne doch am Himmel,
die stehn uns all so fern;
in deinem stillen Garten
stünd ich jetzt so gern.
Ständchen
Das Rosenstöcklein sieht in Flor;
o Gärtnerin, wie blüht’s empor!
Sie hat ihr Pförtlein zugemacht.
Tiefe Nacht.
Die schönste Rose in der Hand;
ein Knösplein saß am Blütenrand.
Es lugt sie an im Traum und lacht:
Süße Nacht.
Es lugt nach ihren Lippen hin;
wie’s schwillt, wie’s schwillt, o Gärtnerin!
Genieße doch die Blütenpracht!
Gute Nacht!
Überraschung
Über die grauen Dächer weg,
hoch hier oben,
durch die langen roten Nelken,
die vor meinem offnen Fenster
leise zwischen mir
und dem blauen Abendhimmel schwanken,
will mein Herzschlag
mit meiner Seele
hinaus, hinauf.
Um die höchste goldene Kirchturmkugel,
im letzten fernen Lichte,
mit hellen Flügeln,
zieht ein Taubenschwarm
eilende Kreise
über dem Hause
meiner Geliebten.
Aus dem blassen Westen
dringt der erste Stern und überflimmert
scheu den lauten Dunst und trüben Lärm
der großen Stadt hier unten,
wie der erste blinkernde Traumgedanke
aus dem grauen Schwarm der Lebensfragen
in der Seele des Müden taucht —
da klopft es.
Klopft und ist auch schon im Stübchen,
sitzt mir auf dem Diwan gegenüber,
sagt kein Wort, es zittert nur ihr Atem,
nur das lose Ringelhaar,
nur die Lippen und die rote Bluse
auf dem jungen, warmen, raschen Busen;
und ich sage auch nichts.
Ihre bangen Augensterne wagen
in der stummen Dämmerung des Stübchens
hoch hier oben
einen süß beredten Evablick
nach den langen roten Nelken hin:
o, ihr Augen — —
Und ich angle nach ihr mit den Beinen,
diesen Perpendikeln meines Herzens:
Kleine, merkst du,
was die Uhr geschlagen hat? —
Herrliches Pärchen
Nein, wie sind wir herrlich beide!
ich mit meinem Räubersinn,
du in deinem Jägerkleide!
Sonntag gehn wir auf die Haide,
süße Lüneburgerin!
Zwanzigtausend Schafe schauen
immer wieder nach dir hin.
Huch! sie ließen gern sich krauen,
und die Lerche juchzt im Blauen:
süße Lüneburgerin!
Bis sich Nacht und Nebel ballen;
ach, dann senken wir das Kinn.
Kaum ein Mäuschen rührt die Krallen;
huh, dann wirst du überfallen,
weil ich doch dein Räuber bin!
Empfang
Aber komm mir nicht im langen Kleid!
komm gelaufen, daß die Funken stieben,
beide Arme offen und bereit!
Auf mein Schloß führt keine Galatreppe;
über Berge gehts, reiß ab die Schleppe,
nur mit kurzen Röcken kann man lieben!
Stell dich nicht erst vor den Spiegel groß!
Einsam ist die Nacht in meinem Walde,
und am schönsten bist du blaß und bloß,
nur beglänzt vom schwachen Licht der Sterne;
trotzig bellt ein Rehbock in der Ferne,
und ein Kuckuck lacht in meinem Walde.
Wie dein Ohr brennt! wie dein Mieder drückt!
rasch, reiß auf, du atmest mit Beschwerde;
o, wie hüpft dein Herzchen nun beglückt!
Komm, ich trage dich, du wildes Wunder:
wie dich Gott gemacht hat! weg den Plunder!
und dein Brautbett ist die ganze Erde.
Nicht doch
Mädel, laß das Stricken, geh,
tu den Strumpf bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
für die jungen blüht der Klee!
Laß, mein Kind,
komm, mein Schätzchen;
siehst du nicht, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen! —
Mädel liebes, sieh doch nicht
immer so bei Seite heute;
das ist was für alte Leute,
junge sehn sich ins Gesicht!
Komm, mein Kind,
sieh doch, Schätzchen:
über uns der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen! —
Siehst du, Mädel, wars nicht nett
so an meiner Seite heute?
Das ist was für junge Leute,
alte gehn allein zu Bett.
Was denn, Kind?
weinen, Schätzchen?
Nicht doch! sieh, der Abendwind
schäkert mit den Weidenkätzchen! —
Das alte Lied
Die Rosenknospe gab sie mir,
ein weh Lebwohl klang nach;
ich wollte lächeln, als ich ihr
dafür ein Lied versprach.
Ihr stand ein Tränchen im Gesicht,
und lächeln wollte sie auch;
doch lächelten wir beide nicht,
das ist so Abschiedsbrauch.
Jetzt lächel ich in einem fort,
und ihr ist nicht mehr weh;
die Rosenknospe ist verdorrt,
das Lied ist aus — juchhee!
Die Heimkehr
Nach einem französischen Volkslied
Der Seemann kommt vom Krieg zurück,
so sacht;
verbrannt so sehr, verstaubt so sehr —
„Wo kommst du, armer Seemann, her?
so sacht, so sacht?“
Frau Wirtin, ich komme vom Krieg zurück,
so sacht.
Bringt Wein! vom weißen! Was bleibt Ihr stehn?
Der Seemann muß bald weitergehn!
so sacht, so sacht.
Der wackre Seemann sitzt und trinkt,
so sacht.
Er sitzt und trinkt und schaut ins Glas;
der Wirtin werden die Augen naß,
so sacht, so sacht.
Was habt Ihr, schöne Frau Wirtin, sagt!
so sacht?
Tut Euer weißer Wein Euch leid?
Der Seemann ist zum Gehn bereit!
so sacht, so sacht.
„Mein weißer Wein tut mir nicht leid,
so sacht;
mein toter Mann kam mir in Sinn,
Ihr ähnelt ihm an Mund und Kinn,
so sacht, so sacht.“
O sagt mir, schöne Frau Wirtin, sagt,
so sacht:
zwei Kinder, hört ich, hattet Ihr
von Euerm Mann — nun seh ich vier?!
so sacht, so sacht?
„Man hat mir manchen Brief geschickt,
so sacht,
und zeigte seinen Tod mir an,
da nahm ich einen andern Mann,
so sacht, so sacht.“
Der wackre Seemann leert sein Glas,
so sacht.
Und ohne Dank, mit schwerem Blick,
ging er zu seinem Schiff zurück,
so sacht, so sacht.
Zuflucht
Hinterm Elternhaus am kleinen Weiher,
dicht umdunkelt rings von Weidenruten,
breitet eine Pappel ihre schwanken
Zweige nickend über Schilf und Fluten.
Seltsam heimlich ists an diesem Orte;
schon als Knabe hab ich hier gesessen
und mich ausgeweint im Schutz der hohen
Binsen und mein junges Leid vergessen.
Wieder starr’ich in das schwarze Wasser,
aber keine Träne will mir kommen;
nur die schwanken Pappelzweige seh ich
dort sich spiegeln, winkend, bleich, verschwommen.
Sommerabend
Klar ruhn die Lüfte auf der weiten Flur;
fern dampft der See, das hohe Röhricht flimmert,
im Schilf verglüht die letzte Sonnenspur,
ein blasses Wölkchen rötet sich und schimmert.
Vom Wiesengrunde kommt ein Glockenton,
der Hirte sammelt seine satte Herde;
im stillen Walde steht die Dämmrung schon,
ein Duft von Tau entweicht der warmen Erde.
Im jungen Roggen rührt sich nicht ein Halm,
die Glocke schweigt wie aus der Welt geschieden;
nur noch die Grillen geigen ihren Psalm.
So sei doch froh, mein Herz, in all dem Frieden!
Morgenandacht
Sehnsucht hat mich früh geweckt;
wo die alten Eichen rauschen,
hier am Waldrand hingestreckt,
will ich Dich, Natur, belauschen.
Jeder Halm steht wie erwacht;
grüner scheint das Feld zu leben,
wenn im kühlen Tau der Nacht
warm die ersten Strahlen beben.
Wie die Fülle mich beengt!
so viel Großes! so viel Kleines!
wie es sich zusammendrängt
in ein übermächtig Eines!
Wie der Wind im Hafer surrt,
tief im Gras die Grillen klingen,
hoch im Holz die Taube gurrt,
wie die Blätter schauernd schwingen,
wie die Bienen taumelnd sammeln
und die Käfer lautlos schlüpfen —
O Natur! was soll mein Stammeln,
seh ich alldas Dich verknüpfen:
wie es mir ins Innre dringt,
all das Große, all das Kleine,
wie’s mit mir zusammenklingt
in das übermächtig Eine!
Im Regen
Es stimmt zu mir, es ist ein sinnreich Wetter;
mein Nacken trieft, denn Baum und Borke triefen.
Die Tropfen klatschen durch die schlaffen Blätter;
die nassen Vögel tun, als ob sie schliefen.
Der Himmel brütet im verwaschnen Laube,
als würde nie mehr Licht nach diesem Regen;
nun kann er endlich, ungestört vom Staube,
das Los der Erde gründlich überlegen.
Einkehr
Nach Verlaine
Das Glöckchen überm Dache da
tönt heut so weise.
Das Bäumchen überm Dache da
bewegt sich leise.
Der Himmel überm Dache da
steht klar und stille.
Die Lerche überm Dache da
singt: es gescheh dein Wille.
Mein Gott, wie liegt das Dasein da:
wie Ruhebetten.
Und da, die ferne Unruh da
kommt aus Werkstätten.
O Du, o Mensch — Du da, Du da
mit deinen Klagen!
was hast du angefangen, Mensch,
mit deinen Jugendtagen?!
Lied Kaspar Hausers
Nach Verlaine
Ich kam so fromm, ein Waisenkind,
das nichts als seine stillen Augen hat,
zu den Leuten der großen Stadt;
sie fanden mich zu blöd gesinnt.
Mit zwanzig Jahren ward ich klug
und fand die Frauen schön und gut;
sie nennen das die Liebesglut.
Ich war den Fraun nicht schön genug.
Ohne Vaterland und Königshaus,
und wohl auch kein sehr tapfrer Held,
wollt ich den Tod im Ehrenfeld;
der Hauptmann schickte mich nach Haus.
Kam ich zu früh, kam ich zu spät
in diese Welt? was soll ich hier!
Ach Gott, ihr lieben Leute ihr,
sprecht für den Kasper ein Gebet!
Heimat
Und auch im alten Elternhause
und noch am Abend keine Ruh?
Sehnsüchtig hör ich dem Gebrause
der hohen Pappeln draußen zu.
Und höre sacht die Türe klinken,
Mutter tritt mit der Lampe ein;
und alle Sehnsüchte versinken,
o Mutter, in dein Licht hinein.