WeRead Powered by ReaderPub
Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Chapter 159: Eingang
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The volume gathers lyric poems ranging from intimate love meditations and psychological monologues to mythic and religious scenes, often balancing sensual longing with ethical or spiritual reflection. Imagery of nature, celestial light, dreams, and bodily sensation recurs, and many pieces stage inner dialogues or visionary awakenings that probe desire, guilt, and consolation. Formal variety includes short lyrics, ballads, dramatic monologues, and occasional longer sequences; a distinct section presents verse for children with playful, narrative vignettes. Overall the collection maps shifting moods—erotic intensity, existential unrest, tenderness, and resignation—through dense, image-driven language and recurring motifs of ascent, fall, and renewal.

Erster Umkreis
– Die Erkenntnis –

*

Eingang

Steig auf, steig auf mit deinen Leidenschaften,
tu ab die lauliche Klagseligkeit;
lach oder weine, hab Lust, hab Leid,
und dann recke dich, bleib nicht haften!
Um den Drehpunkt des Lebens kreisen
Wonne und Schmerz mit gleichem Segen;
sieh, mit unaufhaltsamer Sehnsucht weisen
die Menschen einander Gott entgegen!
Stolpert auch Jeder über Leichen,
schaudre nicht davor zurück!
denn es gilt, o Mensch, ein Glück
ohne gleichen zu erreichen.

*

Vorgänge: I, 1–36

1.

Zwei Menschen gehn durch kahlen, kalten Hain;
der Mond lauft mit, sie schaun hinein.
Der Mond läuft über hohe Eichen;
kein Wölkchen trübt das Himmelslicht,
in das die schwarzen Zacken reichen.
Die Stimme eines Weibes spricht:
Ich trag ein Kind, und nit von Dir,
ich geh in Sünde neben dir.
Ich hab mich schwer an mir vergangen.
Ich glaubte nicht mehr an ein Glück
und hatte doch ein schwer Verlangen
nach Lebensinhalt, nach Mutterglück
und Pflicht; da hab ich mich erfrecht,
da ließ ich schaudernd mein Geschlecht
von einem fremden Mann umfangen,
und hab mich noch dafür gesegnet.
Nun hat das Leben sich gerächt:
nun bin ich Dir, o Dir, begegnet.
Sie geht mit ungelenkem Schritt.
Sie schaut empor; der Mond läuft mit.
Ihr dunkler Blick ertrinkt in Licht.
Die Stimme eines Mannes spricht:
Das Kind, das du empfangen hast,
sei deiner Seele keine Last,
o sieh, wie klar das Weltall schimmert!
Es ist ein Glanz um alles her;
du treibst mit mir auf kaltem Meer,
doch eine eigne Wärme flimmert
von dir in mich, von mir in dich.
Die wird das fremde Kind verklären,
du wirst es mir von mir gebären;
du hast den Glanz in mich gebracht,
du hast mich selbst zum Kind gemacht.
Er faßt sie um die starken Hüften.
Ihr Atem küßt sich in den Lüften.
Zwei Menschen gehn durch hohe, helle Nacht.

2.

Die Sonne strahlt auf rauhen Reif;
Baum bei Baum steht weiß, steht steif.
Aus ihren Pelzen von Kristallen
lassen die Zweige Tropfen fallen.
Schon zeigt ein Wipfel nackte Spitzen,
die feucht und scheu gen Himmel blitzen.
Der Park will weinen, die Sonne lacht;
zwei Menschen beschauen die schmelzende Pracht.
Sie stehn auf eisernem Balkone.
Ein Mann sagt innig, sagt mit Hohn:
So, Fürstin, wars im blendenden Saale.
So standest du bei deinem Gemahl
in deinem Pelz von Silberbrokat,
als ich, ein Lohnmensch, vor dich trat.
Da: fühlst du’s noch? was war da ich,
der hergeschneite Unbekannte —
und wie sich plötzlich außer sich
dein Auge doch in meines brannte
und immer nackter sich entspannte,
als ob im glitzernden Gehölze
das Schwarze aus dem Weißen schmölze.
Ja, Fürstin, da beherrscht ich mich
und küßte nicht, o Du, die Hand,
die schon zu mir herüberfand,
sonst hätt ich auch den Mund geküßt;
so klar, so starr ergriff mich dein Gelüst,
mit mir gleich zwei erschütterten Kristallen,
die mächtig warm das ewige Licht beschlich,
in Einen Tropfen zusammenzufallen.
So bist du mir; so rein, so frei! — Und ich??
Hoch steht der Park mit Eis befiedert.
Die starren Wipfel, Trieb an Trieb,
erschauern wirr. Das Weib erwidert:
Ich weiß nicht, wie du bist — du bist mir lieb —
Ein Windstoß stöbert durch den Park.
Zwei Menschen fröstelt bis ins Mark.

3.

Aus erleuchteten Fensterräumen
tönt in die Nacht Musik und Tanz;
jenseits der Straße verschwimmt der Glanz
unter dunklen Trauerbäumen.
Ein Kirchhof schweigt da, Grab an Grab.
Das Licht prallt von den Leichensteinen,
die schwarz durch weiß zu huschen scheinen;
zwei Menschen wandeln auf und ab.
Am winterlich durchnäßten Zaune
tönt eines Weibes zögerndes Geraune:
Schon Einmal wollt sich bei solchen Klängen
Einer in mein Innres drängen;
ich hatt ihn Jahr und Tag gekannt.
Wenn er in meiner Nähe stand,
ging mir das Blut in Feuerflüssen.
Als er mich endlich wagte zu küssen,
war alles in mir abgebrannt.
Ich hörte nur die Tanzmusik:
was er wie Sphärenklang empfand,
war mir Gedudel und Gequiek.
Ich konnt mir nit ein Wörtchen abringen.
Jetzt — hör ich Engelsharfen klingen.
Von den goldig glänzenden Lettern
der Gräber scheint der Glanz abzublättern,
das Licht schielt um die nassen Gitter.
Ein Mann gesteht, fast mit Gezitter:
Wir haben einander sehr ähnlich gelebt.
Unsre Liebe tanzt auf Leichen,
die keine fromme Hand begräbt.
Noch gestern sah ich ein Gesicht erbleichen:
sie will vom Leben nichts als mich,
ich konnt ihr nichts als Mitleid reichen,
in das sich noch Verachtung schlich.
Ich liebe dich.
Das Licht lacht auf den blanken Steinen.
Zwei Menschen möchten lachen und weinen.

4.

Zwischen geputzten Herren und Damen,
die durch Zufall zusammenkamen,
wiegen zwei Menschen sich im Tanz;
um sie rauscht des Saales Glanz.
Bebend legt sich im Kreis der Kerzen
sein dunkles in ihr schwarzes Haar,
legt sich über zwei bebenden Herzen
an ihr Ohr sein Lippenpaar:
Ja, du: wiege dich, laß dich führen,
und fühl’s, fühl’s: Niemand kann uns trennen!
Laß uns nichts als Uns noch spüren,
selig Seel in Seele brennen!
Zehn Jahr lang glaubt ich, daß ich liebte;
zu Hause sitzt mein Jugendglück,
sitzt und starrt auf Einst zurück,
als ich sie noch „ewig“ liebte.
Nimm mich, wiege mich! — Hingegeben
bringt sie jetzt ihr Kind zur Ruh;
ist auch mein Kind! — Nimm mich, Leben,
wiege, wiege mich, führ mich Du!
Taumelnd drängt sich im Kreis der Kerzen
sein wirres in ihr wirres Haar,
drängt sich über zwei taumelnden Herzen
an sein Ohr ihr Lippenpaar:
Ja, es wiegt uns! Nit erzählen!
Führe mich sanfter! Nit uns quälen!
du bist mir gut, ich bin dir gut.
Hab doch auch die Seel voll Schmerzen:
spür ein Kindchen unterm Herzen,
und ist nicht von Deinem Blut.
Sanfter noch — mir braust vor Hitze;
komm, sei lieb, mein wilder Tor,
hüte deine Augenblitze —
nick mal — lach mal — mir ins Ohr!
Ihr schwarzes Haar erschauert ganz.
Zwei Menschen wanken; es stockt ihr Tanz.

5.

Hitze schwingt. Ein Raum voll Schlangen
strömt durch Glas und Gitterstangen
Dunst; zwei Menschen stehn davor.
Die gesättigten Gewürme hängen
still in buntverflochtnen Strängen.
Einem Manne haucht ein Weib ins Ohr:
Du, die Schlangen muß ich lieben.
Fühlst du die verhaltne Kraft,
wenn sie langsam sich verschieben?
Eine Schlange möcht ich mir wohl zähmen;
möcht ihr nit ein Gliedche lähmen,
wenn ihr Hals vor Zorn sich strafft.
Eh sie noch vermag zu fauchen,
werden ihre Augen nächtig —
Sterne tauchen
wie aus Brunnenlöchern auf —
setz ich ein Rubinenkrönche
auf ihr Stirnche: still, mei Söhnche,
züngle, Jüngle — Ringle, lauf,
spiel mit mir! — Du, Das wär prächtig.
Hitze schwingt. In gleichen Zwischenräumen
tippt ihr Finger an die Scheibe;
ihre Augen stehn in Träumen.
Während sich zwei Vipern bäumen,
sagt ein Mann zu einem Weibe:
Du mit deinem egyptischen Blick,
bist du so wie die dadrinnen?
Noch, du, kann ich dir entrinnen!
Daraus knüpft man sein Geschick,
was und wie man haßt und liebt.
Komm: wir wollen uns besinnen,
daß es Tiere in uns giebt!
Hitze schwingt. Zwei Augen wühlen
brandbraun in zwei grauen kühlen;
doch die stählt ein blauer Bann.
Und zwei Seelen sehn sich funkelnd an.

6.

Durch stille Dämmrung strahlt ein Weihnachtsbaum.
Zwei Menschen sitzen Hand in Hand und schweigen.
Die Lichter züngeln auf den heiligen Zweigen.
Ein Mann erhebt sich, wie im Traum:
Ich kann zu keinem Gott mehr beten
als dem in dein-und-meiner Brust;
und an die Gottsucht der Propheten
denk ich mit Schrecken statt mit Lust.
Es war nicht Gott, womit sie nächtlich rangen:
es war das Tier in ihnen: qualbefangen
erlag’s dem ringenden Menschengeist.
O Weihnachtsbaum — o wie sein Schimmer,
sein paradiesisches Geflimmer
gen Himmel züngelnd voller Schlänglein gleißt!
Wer kann noch ernst zum Christkind beten
und hört nicht tiefauf den Propheten,
indeß sein Mund die Kindlein preist,
zu sich und seiner Schlange sprechen:
du wirst mir in die Ferse stechen,
ich werde dir den Kopf zertreten!
Ein Weib erhebt sich. Ihre Haut
schillert braun von Sommersprossen;
ihr Stirngeäder schwillt und blaut.
Sie spricht, von goldnem Glanz umflossen:
Ich denk nicht nach um die Legenden,
die unsern Geist vieldeutig blenden;
ich freu mich nur, wie schön sie sind.
„Uns ist geboren heut ein Kind“ —
das klingt mir so durch meine dunkelsten Gründe,
durch die zum Glück, dank einer Ahnensünde,
auch etwas Blut vom König David rinnt,
daß ich mich kaum vor Stolz und Wonne fasse
und deine Schlangenfabeln beinah hasse!
Er lächelt eigen; sie sieht es nicht.
Ein Lied erhebt sich, fern, aus dunkler Gasse.
Zwei Menschen lauschen — dem Lied, dem Licht.

7.

Kaminfeuer und blauer Tag
liebkosen ein hohes Damengemach,
die Wärme scheint schier frühlingshell;
zwei Menschen ruhn auf einem Eisbärfell.
Der Mann bestarrt die meergrün seidnen Wände.
Das Weib faßt zärtlich seine Hände:
Quälst dich schon wieder mit Alltagssachen?
Lukas! mein Traumprinz! sollst doch lachen!
Sollst uns mit Märchennamen taufen:
nit so hinterm Leben herlaufen,
nit so häßlich auf deiner Hut sein.
Weißt? wenn du lachst, Lux, muß alle Welt dir gut sein!
Er lacht und küßt die schmeichelnden Fingerspitzen,
fährt durch den dunkeln Haarbusch sich,
und seine grauen Augen blitzen:
Ja — wenn ich traurig bin, hass ich mich;
dann wird wohl auch die Welt mich hassen.
Jetzt aber will ich dich beim Worte fassen,
Lea: höchst wirklich tauf ich dich.
Es tut nicht not, daß man dem Alltag trotzt;
es gibt kein Wort, das nicht von Märchen strotzt.
Drum bleibe nur das Wunder, das du bist,
und ich bin Lukas dein Evangelist.
Du bist die Fürstin Isabella Lea,
die löwenkühne Gottbeschwörerin;
aus deiner schwarzen Mähne, mea Dea,
lauscht Mutter Isis, Mutter Gäa
zum Lichtbringer Osiris hin.
Denn hier thront Lukas Lux, dein Sekretär,
das dunkle Raubtier mit den hellen Lichtern,
der Große Geist-Luchs der Indianermär,
verhaßt wie Lucifer den Blaßgesichtern.
So tauf und krön ich dich mit neuem Sinn:
komm, meine große Geistbeschwörerin!
Er schlägt das weiße Fell um sie und sich.
Zwei Menschen freun sich königlich.

8.

Sylvesternacht. Viel Glocken läuten.
Fern graut die Großstadt her. Zwei Menschen sehn
den Dunst des Horizontes leuchten
und drüber die Millionen Sterne stehn.
Zwangvoll, um ein Weib nicht zu berühren,
lehnt ein Mann auf eisernem Balkone,
sagt mit trunknem, heiserm Ton,
während im Hause Gläser klirren:
Dort schläft im Dunst mein Eheweib,
und Du — besiehst mit mir die Sterne.
Und hinter uns trinkt Jemand Haut-Sauternes,
dem du gehörst mit deinem Leib,
mit deinem hoffnungsvollen Leib.
Himmel, Himmel, o könnt ich blind sein!
Lea! blind sein! wirklich noch Kind sein!
Nimm mir’s ab, dies eisige Grauen:
klar und kalt wie Gott durchschauen:
nur aus Leid ist Glück zu bauen.
Alles Leid ist Einsamkeit,
alles Glück Gemeinsamkeit —
Er stockt. Die Glocken rings verstummen;
es ist, als ob die Sterne summen.
Die Stirn erhebend sagt ein schwangres Weib:
Nur mir, nur Gott gehört mein Leib.
Mir steht ein andrer Himmel offen,
als ihn die Leidenden ermessen.
Hast du dein eignes Wort vergessen:
Gott ist der Mensch, auf den wir hoffen?!
Uns ging kein Paradies verloren,
es wird erst von uns selbst geboren.
Schon reift in manchem Schooß auf Erden
ein neuer Menschensohn — der sagt:
so ihr das Himmelreich nicht in euch tragt,
könnt ihr nicht wie die Kindlein werden!
Es glitzern die Millionen Sterne;
zwei Menschen schauen in die Ferne.

9.

Ein Zimmer schwimmt voll Zigarettenduft,
zwei Menschen hauchen Ringe in die Luft.
Immer wieder blickt ein Weib einen Mann
verstohlen an —
seine offne Stirn, den kurzgehaltnen Bart,
den Mund von träumerisch verschlossener Art,
Hiebnarben neben den heftigen Nüstern —
und fängt wie unwillkürlich an zu flüstern:
Diese Nacht war furchtbar. Ich konnt nit schlafen:
mich quälten die unausgesprochnen Dinge.
Es war halb Traum halb Höllenstrafe.
Wie auf der Jagd — als stäke mein Hals in Schlingen;
fern stand mein Gatte und schrie hetz-hetz!
Plötzlich ein Ruck: es war, als klinge
das Telephon am Kopfend’ meines Betts,
als wolle die Frau mich Grauenhaftes fragen,
die du — o Lux: nit wahr? ich glaub,
Dir kann ich Alles, Alles sagen;
o furchtbar, sich mit Heimlichkeiten tragen!
Nit, du? — Du! Lukas — Bist du taub?!
Schweigen. Ihre Augen schauen
nachtbraun seine morgengrauen
durch den Rauch verschleiert an.
Sacht die Lider schließend sagt ein Mann:
Früher konnt ich schwer mit Leuten reden;
jetzt sprech ich mit dem Fremdesten gern.
Es geht ein Band von dir durch mich zu Jedem,
als wenn wir Alle Engel wärn.
Und doch: wer darf uns Teufeln trauen!
Schon Eva hat zu klar erkannt:
das Unerkannte ist es, was uns bannt.
Denn eine tiefe Wollust schläft im Grauen.
Sie lächelt eigen; er sieht es nicht.
Sie hauchen wieder Ringe in die Luft.
Das Zimmer schwimmt voll Zigarettenduft.
Zwei Menschen horchen, was ihr Innres spricht.

10.

Trüber Tag und dunkle Ahnenbilder,
blinde Spiegel, rostige Wappenschilder;
und hohe Aktenwände. Und inmitten
sitzen zwei Menschen mit seltsam kalten
Anstandsmienen da und halten
Konferenz mit einem dritten.
Dieser blickt korrekt gekleidet
und gelangweilt in die Welt,
während er verbindlichst leidet,
daß ein Mann ihm folgenden Vortrag hält:
Hoheit, ich fand in den Archivpapieren,
die ich die Ehre habe zu registrieren,
gewisse halb politische Dokumente,
die mancher arg mißbrauchen könnte.
Hoheit wissen, die Welt steckt heute
voll explosibler Elemente;
und da in Fürstenhäusern manchmal Leute
antichambrieren,
die andern in die Karten schauen,
möchte ich lieber meinen Dienst quittieren,
wenn Hoheit mir nicht voll und ganz vertrauen.
Hoheit räuspert sich und blickt voll Schonung
und gelangweilt in die Welt.
Da sich hierauf alles still verhält,
sagt ein Weib mit seltsamer Betonung:
Herr Doktor, wir danken voll Verständnis.
Und, um Vertrauen mit Vertrauen zu ehren:
Hoheit mein Gatte huldigt der Erkenntnis,
dem Lauf der Welt kann niemand wehren.
Ihr rascher Abschied träfe uns empfindlich;
ein Archivar von gleichen Qualitäten
scheint mir zur Zeit ganz unauffindlich.
Sie sind, Herr Doktor, voll und ganz vonnöten.
Sie neigt das Haupt seltsam verbindlich;
Hoheit verneigt sich, wie es Brauch.
Zwei Menschen lächeln; der dritte auch.

11.

Wolken flattern groß um den Mond;
als ob in staubenden goldbraunen Lappen
eine mächtige Zauberspinne thront.
Die Schritte zweier Menschen tappen
durch eine schattenflackernde Gasse.
Ein Weib sagt mit entzücktem Hasse:
Mein Herz darf Freiheit von diesem Menschen verlangen,
der nichts als meine Mitgift hat gefreit,
und der nichts liebt als ein alt Krongeschmeid,
das Einzige, was Ich von ihm empfangen.
Es ist sehr schön — ein Nest von blinden Schlangen
mit rauchtopasenen Stirn- und Rückenflächen;
draus äugt, wie jetzt der Mond durchs Dunkel,
ein großer bläulicher Karfunkel —
den möcht ich ihm, das würde mich rächen,
über der Wiege meines Kinds zerbrechen!
Wolken wühlen schwer um den Mond;
als ob durch silbergraue Schollen
mächtige Maulwürfe dringen wollen.
Ein Mann entgegnet, sehr betonend:
Was du von ihm empfangen hast,
ist meiner Seele keine Last;
auch nicht das Kind von seinem Blut!
Aber ich hab ein unabwälzbares Grauen
vor den Gelüsten schwangrer Frauen;
die sind der Seele blindeste Brut.
Vergleich mir nicht den Reiz von toten Steinen
mit dem belebenden Licht, dem reinen;
daß du jetzt arm bist, leite dich hinauf!
Was buhlst du mit Topasen und Karfunkeln —
sei reicher —: hebe deine dunkeln
Augen mit mir zum Himmel auf!
Er staunt: sie steht jäh still im Schreiten:
in ihren Augen und Mundwinkeln streiten
Auflehnung, Pein, Verwundrung, Glück, Ermatten.
Zwei Menschen werfen Einen Schatten.

12.

Kälte glänzt auf den Feldern.
Arm in Arm, Hand in Hand
sehen zwei Menschen aus fernen Wäldern
über das starrgefrorne Land
die Sonne steigen.
Ein Mann bricht das Schweigen:
Und wärst du arm wie jetzt die nackte Natur,
und wär ich jeder andern Empfindung bar
und spürte nur
den rauhen Maiduft aus deinem Haar,
der wie das Moos- und Kienharz-Schwelicht
meiner Heimatwälder mich beseligt,
es wär mir Inhalt genug vom Leben:
du hast mir den ewigen Frühling gegeben.
Du bist mir blutlieb! — blick nicht so kalt
auf deinen Fuß, der meinem gleicht!
Was tust du stolz, wenn mit Gewalt
meine Seele sich deiner neigt?
Komm, sei mein Leichtfuß! komm dort auf den Hügel,
wo die zwei Rehe im Sonnenglanz ruhn;
ich geh in deinen, du gehst in meinen Schuhn,
und wenn wir wollen, haben wir Flügel!
Das Weib blickt nach den scheuen Tieren.
Dann weicht ein starrer Zug von ihren
Lippen, als gebe sie etwas preis:
Ja? tu ich kalt? — Ja: kalt wie Eis,
eh’s sacht zerschmilzt in warmer Menschenhand,
daß sie heiß wird wie Feuerbrand.
Ja —: Kalt oder heiß! nur nit lau!
schwarz oder weiß! nur nit grau!
das ist der Wahlspruch einer „armen“ Frau.
Sie lacht; es klingt ihm hell wie Scherz
und grell wie Schmerz im Sonnenscheine.
Sie legt die Hand, groß wie die seine,
aus seinem Arm fest auf ihr Herz.
Zwei Menschen kämen gern ins Reine.

13.

Der Tag hat aufgehört zu schnein.
Der graue Eichwald reckt sich, weiß belastet,
von einem letzten Licht betastet.
Zwei Menschen waten querforstein.
Tief Atem schöpfend sagt ein Weib und rastet:
Ich bad so gern durch frischen Schnee,
durch den noch Keiner gegangen ist.
Wenn ich die reine Spur dann seh,
die wie vom Himmel gefallen ist,
dann kommt mein Pfad mir her aus einem Garten,
wo ich als Kind in einer Schneenacht stand,
weil ich den lieben Tag nit konnt erwarten,
der mir zurückgab mein hell Heimatland,
wo Wald und Berg und Tal nach allen Seiten
in hundert lachenden Linien sich verzweigt,
wo in die leuchtenden Ewigkeiten
Rebhügel über Hügel steigt,
und all die Höhen, die blauen, verflicht in Eins
die tiefe grüne Schlucht des Rheins.
Hier aber — — Sie erschauert, schweigt,
ein Mann spricht wie voll jungen Weins:
Hier graut im Schnee mein ernstes märkisches Land,
dies Land, in dem sich Rußlands Steppen
schwer zu Deutschlands Bergen hinschleppen.
O, aber sieh’s erst im Sommergewand,
wie’s dann drin summt und hummelt und tummelt und tut,
wenn hoch im Abendsonnenbrand
der alten Kiefern verschämte Glut
sich aufreckt aus der Versunkenheit!
Dann atmen die Wiesen Unendlichkeit.
Dann blaut hinter den Bäumen her ein Duft
wie fernes Meer aus tiefer Kluft.
Dann ins Unabsehbare sieh ihn ziehn:
in hundert Windungen, himmelhell, den Rhin!
Er glüht; sie strahlt, küßt seine Hand.
Zwei Menschen danken ihrem Vaterland.

14.

Die Sonne scheint in einen Blumenladen,
durch den ein Flor von Orchideen schwillt;
ein Eishauch klärt die Stadt. Zwei Menschen baden
sich in dem Duft, der durch die Scheiben quillt.
Bunt lechzen Schooß an Schooß die fleckigen Blüten.
Ein Mann bekennt aus innerm Brüten:
Sonst graute mir vor schwangern Frauen,
als wär ich einer Verwachsnen begegnet;
Dich kann ich wie die Blumen beschauen
und fühle wirklich, du bist „gesegnet“.
Meine Vaterschaft war mir Zufallsmache,
alle Vaterliebe Gewohnheitssache —
jetzt möcht ich beten: o wäre dein Kind von Mir!
Und doch: auf diese reine Begier,
Lea, aus der ich eben erwache,
fällt mir das schamlose Blühen hier
wie eine Befleckung: ich verübe
nur Tierisches — das ist das Trübe.
Er will die Straße weiter, wie duftbeklommen;
er fühlt sich heimlich beim Arm genommen,
tief wird das Weib gegrüßt von irgendwem.
Sie nickt kalt, lächelt angenehm.
Dann folgt sie ihm, wie zu sich selbst gekommen:
Vergleich dies Glück dem tierischen nicht!
Einst meint ich zu sterben am Ekel der Begattung,
und ich begriff das Wort „Beschattung“ —
jetzt leb ich wie die Pflanze dem Licht:
mit einer Sehnsucht, Lukas, wie eine Blinde!
Ich muß dir ja dies Fleisch und Blut noch wehren;
aber würdest du’s nicht begehren,
ich würde verkümmern, glaub ich, samt meinem Kinde.
Was ist da trüb? Ich seh nicht, was.
Wir leben, wir lieben — wie klar ist das!
Sie muß von neuem grüßen: Herren zu Pferde.
Die lächeln mit galanter Geberde.
Zwei Menschen blicken auf die kalte Erde.

15.

Es wird dunkler; immer heller blitzen
durch die Asche im Kamin die Kohlen.
Am Klavier, an dem zwei Menschen sitzen,
stockt ein halbverhaltnes Atemholen.
Eine Wiegenweise bannt noch beide;
aber endlich lacht das Weib und spricht,
blau umrauscht vom Mutterhoffnungskleide:
Du machst schon wieder dein russisch Gesicht.
Was hast denn wieder Graues zu schleppen?
Kannst denn nit auch mal aufglühn wie deine Steppen,
eh der Regen vom Himmel bricht?!
Du sollst ja all mein, all mein Labsal noch schlürfen,
darfst doch schon kosten, und sollst es dürfen:
meine Kniee nehmen, die Schönheitsflecken
auf meinen braunen Brüsten entdecken,
meinem Mund, meinem Schooß deine Notdurft stammeln,
all mein Schmachten auf deine Lippen sammeln —
ja fühlst denn nit, einfältiger Mann,
wie vielfältig man küssen kann?!
Halblaut greift sie Töne; sie hüpfen wie Bälle.
Es wird dunkler; eine breite Welle
Glut erlischt in seinem Bart.
Und er sagt unsäglich zart:
Du machst schon wieder zu deinen hellen Terzen
Augen, die so verwirrend schimmern
wie Spinnwebnetze in finstern Zimmern,
wenn ein paar Streifchen Licht drauf fielen;
ich ließ dich spinnen und weben von Herzen,
nun willst du Fliege mit mir spielen.
So spiel denn! spiele, Spinnchen — und lerne fliegen:
ich nehme dich mit: komm, Herz, ich weiß ein Land,
wo wir den Blick des Kindes wiederkriegen,
der gläubig eine Kachelofenwand,
auf die der Schein des Nacht-Öllämpchens fällt,
für einen Himmel voller Sterne hält!
Und zwei Menschen vergessen die Welt.

16.

Zwischen zwei Rappen jachtert ein Schimmel,
Sonne glitzert auf Schneestaubgewimmel:
ein Schlitten stiebt mit zwei Menschen dahin.
Schwarz funkeln die Schellen der silbernen Bügel.
Ein Weib schwingt die Peitsche, der Mann führt die Zügel.
Jetzt reckt er das Kinn:
Lea! seit meinen Jugendjahren
bin ich nicht so im Fluge gefahren,
so rasend noch nie.
Aber noch rasender wars gestern Morgen,
als ich im Sturm deinen Namen schrie
und, als wäre mein Gott drin verborgen,
mit ihm rang um dich, Knie an Knie:
schleife mich, Sturmgott, um die Erde,
sei sie unrein, sei sie rein!
gönne mir nur kein Glück am Herde,
hingerissen will ich sein!
Sage mir — Du! ich frage dich: schreit
Dein Gott auch so Meinen Namen?
Peitscht dich der Schnee auch wie Frühlingssamen?
Kennst du den Wahnsinn dieser Seligkeit?!
Er reißt ihr die Peitsche weg; die Rappen schäumen schon.
Die Zügel schlackern, die Bügel bäumen schon.
Das Weib umschlingt ihn fallbereit:
Nenn’s nicht Wahnsinn! nenn’s lieber Ahnsinn!
Lukas, ich hab in manchen furchtbaren Wochen
dagelegen wie zerbrochen,
und wußte doch: ich will, muß, willmuß fliegen!
Ja, Lux: rase! laß brechen, laß biegen!
Mir wiegt ein Gefühl der Erleuchtung die Brüste,
als ob es die Sonne blindmachen müßte!
Und wenn mir der Schneestaub die Augen zerstäche,
und wenn mir dein Sturmgott den Atem bräche,
ich lasse mich wiegen, du — wiegen — wiegen —
Sie starrt verzückt in das wilde Gewimmel.
Zwei Menschen glauben sich im Himmel.

17.

Ampelschatten hüllt vier bebende Lippen.
Der Park wankt, als wühlten Geister drin;
Nachtsturm reißt an den Fensterrippen.
Die dunkeln Lebensbäume schwippen
tief zur verschneiten Erde hin.
Die bebenden Lippen atmen so schwer,
wie Menschen atmen, um nicht zu stöhnen.
Dumpf horcht der Mann nach den heulenden Tönen,
die bald aufhimmeln, bald tierisch röcheln.
Er preßt die Adern auf seinen Knöcheln;
das Weib, stumm wie er,
ist ihm zu Füßen vom Diwan gesunken,
sie ringt die Finger auf seinen Knien.
Ihre schwangern Hüften umschauern ihn.
Sie stammelt trunken:
So komm doch! nimm mich doch! trag mich weg!
ich will ja blindlings Alles dir geben!
Und wenns mich umbringt hier auf dem Fleck,
ich will ja mein eigen Blut hergeben!
Nur schau nicht so grauenhaft tot ins Leben!
Sie klammert sich hoch an seinen Armen
an seine Brust; die hämmert zum Sturmerbarmen.
Er stöhnt. Sie schüttelt ihn: komm! Sie hört
ihn betteln: ja komm! Sie liegt emporgerissen
auf seinen entbreiteten Fäusten mit schwebenden Füßen,
und —: verstört
graben zwei Augen ihr aus den Eingeweiden
eine Nacht von Entsetzen und Weh:
Geh — keucht er — geh!
Dein — sein Kind regt sich zwischen uns beiden!
Er reißt sie an sich, reißt sich los;
der Sturm heult wahre Trauer-Oden.
Komm! ringen vier Hände Schooß an Schooß.
Geh! holen zwei Arme riesengroß
aus zum Stoß.
Zwei Menschen winden sich am Boden.

18.

In das Geräusch eines Bierlokals,
in das Rauschen großstädtischen Straßenskandals
mischt sich wie Kettengerassel ein Ton.
Elektrisches Glühlicht kämpft in den Ecken
mit blassem Taglicht und Schattenflecken.
Ein Mann spricht horchend durchs Telephon:
Lea! — Hörst du? — Was ist geschehn?
Gestern Abend — hörst du? — es war eben zehn:
dein Brief aus deinen großen Schmerzen
lag mir wie Albdruck auf dem Herzen —
Auf Einmal: ich wagte kein Glied zu regen,
so hatt ich die Angst des Unterliegens —
auf einmal kann ich mich frei bewegen:
mich hebt ein Gefühl vollkommenen Fliegens
wie über ein Ufer, über ein Meer —
Sag: hat meine Seele hellgesehen?
bist du erlöst von deinen Wehen?
Sprich doch! Was atmest du so schwer?!
Er horcht. Durch das Geräusch des Lokals,
durch das Rauschen des Straßenskandals,
durch eine Stille hohlsausend und leer
kommt eines Weibes Stimme her:
Deine Seele hat hellgesehen:
ich bin erlöst von meinen Wehen:
mir lebt ein Kind.
Es liegt wie Albdruck auf meinem Herzen.
Es sieht nicht meine großen Schmerzen.
Es — ist — blind — —
In das Rauschen des Straßenskandals,
in die Geräusche des Bierlokals
mischt sich wie Kettengerassel ein Ton;
ein Mann verläßt das Telephon.
Er hört im Hintergrund einen Herrn
„Kellner, mehr Licht auf Erden!“ schrein,
und ein Gelächter hinterdrein.
Zwei Menschen sind einander fern.

19.