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Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Chapter 162: Eingang
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About This Book

The volume gathers lyric poems ranging from intimate love meditations and psychological monologues to mythic and religious scenes, often balancing sensual longing with ethical or spiritual reflection. Imagery of nature, celestial light, dreams, and bodily sensation recurs, and many pieces stage inner dialogues or visionary awakenings that probe desire, guilt, and consolation. Formal variety includes short lyrics, ballads, dramatic monologues, and occasional longer sequences; a distinct section presents verse for children with playful, narrative vignettes. Overall the collection maps shifting moods—erotic intensity, existential unrest, tenderness, and resignation—through dense, image-driven language and recurring motifs of ascent, fall, and renewal.

Zweiter Umkreis
– Die Seligkeit –

*

Eingang

Halt ein, halt ein — weit über jenen Gleisen,
wo man noch Höhen sieht und Tiefen;
nun sollst du erst das wahre Leben umkreisen
und sollst der Allmacht Deine Macht verbriefen.
Sieh: zwei Adler steuern, vom Sturm getrieben,
über allem Erdentrott!
Du aber bist noch Mensch geblieben:
du atmest und entatmest Gott.
Willst du nicht das Ewige selbst erreichen?
oh, dann laß auch Gott zurück!
denn es gilt, o Mensch, dein Glück
mit dem Weltglück zu vergleichen.

*

Vorgänge: II, 1–36

1.

Zwei Menschen reiten durch maihellen Hain,
galopp, galopp, von Schatten zu Sonnenschein;
alle Blätter sind grüne Flammen.
Wenn der Himmel erscheint, wenn die Pferde aufschnauben,
sehn sich die Beiden mit jauchzenden Augen
immer wieder beisammen
und werfen den Kopf wie die Tiere.
Immer wieder streckt durch die goldnen Strahlen
auf dem schmalen
Moosweg zwischen den hohen Stämmen
dann ein dunkler Schemen
halb Chimäre halb Drache
hopp alle Viere.
Da müssen sie lachen
und werfen dem Untier Kußhände zu.
Und das Weib kann den Jubel nicht länger dämmen,
laut scheucht ihr Ruf die Mittagsruh:
Echo! Echo! stimm ein, stimm ein —
es wollt eine Seele sich befrein,
da band das Glück ihr die Hände!
O Meiner, hilf mir die Arme breiten!
halt mich gefangen, du, ohne Ende!
ach könnt ich ewig so weiter reiten!
Und der Mann, plötzlich die Sporen gebend,
in die Brusttasche greifend, im Sattel sich hebend,
jagt vor ihr her fort:
Komm, ich nehm dich beim Wort!
Und wenn ich die Freiheit drüber verliere:
hier — es lebe die Tat — ist das nöt’ge klein Geld!
voilà, madame: Banknoten! — gelt:
die sind doch mehr wert als Archivpapiere?!
Er schwenkt die blauen Lappen in der Sonne;
er lacht, daß ein fast schreckhaft Echo gellt.
Sie hat kaum zugehört vor Frühlingswonne.
Aufbäumend gleißt ihr Rappe in der Sonne;
zwei Menschen reiten in die Welt.

2.

Und sie machen Halt und lugen aus.
Da liegt, von Epheu eingehüllt,
im Kiefernhochwald still ein kleines Haus;
die graue Lichtung ist erfüllt
vom kühlen Duft des Morgentaus.
Der Mann blickt lange auf die beiden Linden
am moosbedeckten Zaun des alten Herdes.
Dann greift er in die Mähne seines Pferdes
und nimmt ein Haar und übergibt’s den Winden:
Sieh, Meine, so werf ich hinter mich,
was uns noch scheidet durch Erinnerungen.
Dort halten Zwei in treuen Armen sich,
die träumen jetzt vielleicht von ihrem Jungen,
wie er sein Kind herzt, väterlich.
Sie haben Alles in mir großgehegt,
wodurch sich Menschenseelen glücklich schätzen;
doch wüßten sie, welch Glück mich jetzt bewegt,
und welches Leid es Andern auferlegt,
sie würden sich vor ihrem Sohn entsetzen.
Er blickt kalt weg, er lächelt befangen.
Das Weib hebt sacht vom Sattelknauf die Hand.
Sie hat das Haar im Flattern aufgefangen;
sie hält’s wie zum Zerreißen gespannt.
Nun reicht sie’s ihm zurück mit fröstelnden Wangen:
Nein, Lux: so leicht verwirft man nicht.
Was hilft dein Lächeln — ich seh dein wahres Gesicht;
uns scheidet Alles, was uns nicht gesellt.
Du willst mir helfen, mich in mein Schicksal schicken;
wohlan! so zeige mir mit immer wärmeren Blicken
versöhnt die Zwietracht dieser Welt!
Da fliegt ein Glanz rings übers Haidekraut:
die Sonne kommt durchs Holz. Ein Hund gibt Laut;
ein Ruf hallt jenseits des Geheges.
Das Haar entweht. Hell dräut das Hirschgeweih
vom grauen First der Försterei;
zwei Menschen reiten eilends ihres Weges.

3.

Und auf einer Landstraße begegnet ihnen
eine Heerde Schafe, vom Abendrot beschienen;
sie müssen durch den Staub.
Der lahme Hirt hebt besorgt seinen Stecken,
daß die Pferde wie rasend vor der Mißgestalt erschrecken,
aus den Zügeln gehn, hussa, quer durch den Haufen.
Hinter ihnen her lärmts blökend und blaffend,
eine Weile — dann stoppt der tolle Ritt;
sie zwingen die Gäule zum spanischen Schritt.
Und das Weib sagt lächelnd, die Schleppe raffend:
Als ich gestern den Brief — du weißt — abschickte,
da wurde mir auf einmal klar,
wie dienlich der goldne Käfig mir war,
in dessen Luft ich beinah erstickte.
Wie hat diese Luft mir doch erst eingegeben,
was es bedeutet, sich ganz ausleben:
ganz in ein anderes Leben hin!
Wie kann ich jetzt in jedem Baum aufgehen:
das Wachstum jeder Blüte läßt mich sehen,
was du mir bist, was ich dir bin.
Wie glänzt mir selbst der Krüppel dort im Staube:
er ist so eins mit seinen Hunden
wie Gott mit seiner Welt! — Ich glaube,
das hätt ich früher nicht empfunden.
Früher — nickt der Mann, und klemmt die Kandare herunter,
denn sein Blauschimmel halst nach ihrem Rappen,
als wollten sie wieder durch die Lappen —
Aber weißt du: steig lieber nicht weiter hinunter
in diese Welt der einfachen Seelen —
sonst möchte dir Eins an ihrem Gottglück fehlen:
sie gehn nicht auf darin, sie gehn drin unter —
unwissend! — Ja: gottlob: nicht Einen Tag
wärst du im Stande, zwischen diesen Viehern
dich auszuleben — oder sag:
möchtest du Tiere zu Erziehern?
Zwei Menschen lachen; zwei Pferde wiehern.

4.

Und es führt ein Wildsteg durch Farrenkraut bergan.
Über Moos und Felsen schlüpft hüpfend das Licht
und blitzt im Dickicht; fern ruft ein Kuckuk.
Und es sprudelt ein Wasser durch tiefen, tiefen Tann;
da sitzt ein nacktes Weib, das Kränze flicht,
Kränze um einen glitzernden Mann.
Der singsangt:
Vor der Nixe vom Rhein kniet der Kobold vom Rhin
und bringt schön bang seine Brautschätze dar:
blaue Blumen, die nur im Freien blühn,
Männertreu, Pferdefuß, Jungfer im Grün,
und zur Hochzeit ein stumm Musikantenpaar:
Unke, die munkelt nur,
Glühwurm karfunkelt nur:
Ellewelline, husch, tanze danach!
Ein Herr Eidechs hatte einmal zwei Frauen,
denen er sehr am Herzen lag:
eine, der gab er sein tiefstes Vertrauen,
darauf lief er der andern nach.
Ellewelline, tanz Serpentine:
schwarz ist die Nacht, und bunt ist der Tag!
Und der Kuckuk ruft, und der Bergquell sprudelt;
und das dunkle Weib bekränzt ihr schwarz Haar.
Und sie summt — und das Licht in der Welle strudelt
kühl und warm, wirr und klar —:
Ellewelline tanzt Serpentine,
o ja, Herr Eidechs, sonderbar!
Sie schwamm eines Nachts um den Nixenstein:
da konnt sie den ganzen Tag Kobolde frein,
jeden Tag ein paar,
macht fast tausend im Jahr.
Aber ans Ufer kam einfach ein Mann:
der hatte blaue Schuh, blaue Himmelschuh an —
Amen!
Und der Kuckuk ruft, als fänd’er kein Ende;
da falten die zwei Menschen die Hände.

5.

Und es liegt ein Strom im Tal, und Nebel steigen;
der Strom glänzt gläsern und scheint stillzustehn.
Aus grüner Dämmrung dehnen und verzweigen
die Wälder sich zu hundert blauen Höhn.
Ein dunkles Schloß wiegt zwischen seinen Giebeln
den großen goldnen Mond; zwei Fenster glühn.
Und drunter winden sich an Rebenhügeln
die Lichter kleiner Städte hin.
Dort — sagt das Weib und weist mit der Gerte
von ihrem Pferd ins Zwielicht hinab —
dort ging ich eines Nachts von Grab zu Grab
und weinte bis zur Herzenshärte.
In die Strudel im Strom, ins Gewirr der Bäume,
zu den Sternen, die über die Berge starrten,
verstieß ich meine Himmelsträume
und verließ meine Toten, verschloß meinen Garten.
Keine Seele fragte mehr nach meiner,
kein Geist der Väter trat her zu mir;
nur die reiche Erbin wollte manch einer.
So ging ich ins Leben. So kam ich zu Dir.
Lange schweigt der Mann. Die Pferde scharren.
Ein Stein rollt zu Tal, ein Echo weckend.
Und das Weib beginnt in den Mond zu starren.
Da sagt er leise, den Arm ausstreckend:
Komm — es wollt eine Seele sich befrein,
da band ihr die Sehnsucht die Hände.
Was beschwörst du Schatten am grünen Rhein!
Sieh dort in die Lichter mit mir hinein,
in die Heimat ohne Ende!
Sieh: ist nicht der Himmel herabgesunken,
dein dunkles Tal wie von innen erhellt!
Sternbildern gleich glänzt Funken neben Funken,
vom Geist der Väter alle zusammengestellt.
Und mild belebt das irdische Gräberfeld
der tote Mond, vom Licht der Sonne trunken.
Zwei Menschen atmen auf, in ihrer Welt.

6.

Und wieder dämpft ein dumpfes Wiehern und Schnauben,
das durch den Schatten stiller Büsche rauscht,
im hohen Holz das Gurren der wilden Tauben;
und das Weib lauscht.
Der schlafende Mann in ihrem Schooß
hat schwer gestöhnt; soll sie ihn rütteln?
Da öffnet er die Augen — grauengroß.
Er sieht die Blumen blühn im schwülen Moos.
Und jäh, als wollt er einen Wurm abschütteln,
macht er sich los:
Das war, weiß Gott, ein Teufelstraum!
Ich saß mit dir in einem alten Park;
zuweilen ritten Leute hin am Saum.
Und plötzlich kam ein Reiter, jung und stark;
der fing uns an im Zirkel zu umtraben,
in immer gleichem, ziellos gleichem Kreise,
und doch so eifrig wie auf einer Reise,
als möcht er Ruhe, endlich Ruhe haben.
Er schien uns beide garnicht zu beachten.
Und langsam übermannte mich ein Schauer:
er wurde immer älter, immer grauer.
Ich mußt ihn immer sinnender betrachten,
mit immer tiefer angestrengten Blicken.
Dann sah ich Roß und Reiter gräßlich nicken,
mit Augen, die mich immer irrer machten;
ich wollte schrein vor sinnloser Beschwerde.
Und als mich deine Hände zu mir brachten,
fühlt ich mit Grauen: das war der Geist der Erde.
Er küßt ihr dankbar die Rechte. Sie nickt und lauscht.
Er sieht die Blumen blühen im stillen Moos.
Er hört den Wald antworten; es gurrt und rauscht.
Er fühlt zwei Augen schweigen. Die sinnen blos:
ich weiß einen Himmel — grauenlos
und er schließt die Arme um einen Schooß.
Da rauscht es wieder: zwei Pferde stecken
die Köpfe durchs Dickicht. Zwei Menschen erschrecken.

7.

Und endlich kommt eine Hütte in Sicht.
Es regnet, daß sich an den Wegen
die Halme in den Schlamm der Berge legen;
er spritzt den Reitern ins Gesicht.
Sie müssen immer mehr die Köpfe neigen:
Kirschbaum bei Kirschbaum, immer tiefer,
spritzt Blütenfluten von den Zweigen,
sie kleben fest wie Ungeziefer.
Das Weib spricht:
Mir ist, als ritten wir zum Jüngsten Gericht;
der liebe Gott weint seine dicksten Tränen.
Ich triefe wie die Pferdemähnen,
und paradiesisch riecht mein Rappe nicht!
Sie wischt sich heftig den Brei von Hals und Hut.
Der Mann will längst ein Lächeln verbeißen.
Aber endlich zwingts ihn: er muß den Mund aufreißen
und lacht in hellem Übermut:
Ei ei, Frau Fürstin! Gott ist gut!
er merkt, Ihr wollt in den Himmel kommen;
drum kommt uns der Himmel höchstselbst entgegengeschwommen —
o Meine, sei keine Martersäule!
Allons, was starrst du! mein Schimmel hat Eile:
komm, im nächsten Pfarrdorf verkaufen wir die Gäule,
das wird unsrer Pilgerkasse frommen!
Dann rollst du zu Rade vor mir her,
wie Frau Fortuna erlaucht im Traum der Ahnen.
Kein Schmutz, kein Stallgeruch befleckt uns mehr,
kein Kohlenrauch von Eisenbahnen.
Dann reisen wir nur noch bei Sonnenschein
und lassen unsre Herzen brennen.
Und dann will ich nie mehr, ich schwör’s, dich Frau Fürstin nennen
und doch — dein ergebenster Diener sein.
Sie machen vor der Hütte Halt.
Er wischt den Schmutz von seinen und ihren
Händen; sie wehrt mit sanfter Gewalt.
Zwei Menschen steigen von den Tieren.

8.

Und im Glanz, im bebenden blauen Glast
um zwei strahlende Stahlmaschinen
wiegt der Bergwind Blumen und Bienen;
traumhaft halten zwei Menschen Rast.
Traumhaft haucht ein Birkenstrauch
Duft und Dunkel um sie her.
Im Laubwerk spielt die Luft, bald sanft, bald sehr.
Die Gräser zittern zwischen ihnen.
Ein Mann summt:
Nun laß die goldnen Schatten
durch deine Locken gleiten;
ich will dir eine Krone
aus lauter Licht bereiten.
Wiege mich, wiege mich: du sollst mir Alles sein:
wie ein klein Kindchen bedarf ich dein! —
Siehst du den freien Himmel dort
aus den Klüften steigen?
ich seh eine Freifrau thronen,
ihrem Freiherrn tief leibeigen.
Wecke mich, wecke mich! ich will dir Alles sein:
ich kann dir Gott aufwiegen, bedarfst du mein.
Traumhaft blickt das Weib den Weg zurück.
Um zwei strahlende Stahlmaschinen
wiegt der Bergwind Blumen und Bienen;
jede taumelt auf gut Glück.
Eine Stimme zittert hin zu ihnen:
Siehst du an deiner Krone auch,
Kind, die schroffen Zinken?
Ich sah den freien Himmel, Herr,
in den Klüften versinken.
Hebe mich, halte mich, ich war so tief allein;
laß uns zusammen Alles sein!
Traumhaft haucht der Birkenstrauch
taumelnde Schatten um sie her.
Im Laubwerk wogt das Licht, unendlich sehr.
Himmelluft hüllt zwei Menschen ein.

9.

Und es wird immer freier.
Von den Bergen weichen die Morgenschleier.
Noch wanken Wolken in den Spalten;
aber aus allen grauen Falten
quellen und strahlen wie Diamant
Schneeadern nieder ins grüne Land,
die sich unten in klaren Bächen
Bahn zum dunkeln Strom hin brechen,
steil von Halde zu Halde schäumend.
Das Weib steht säumend:
Wie strebt das alles weg von sich —
o Meiner, Meiner: wohin, wohin!
Jeder Sturzbach zeigt mir, wie dein ich bin;
und doch lockt jede Wolke mich.
Mir ist so federleicht, zum Fliegen —
was will dies Bangen, es ist kein Grauen:
jeden freien Abgrund möcht ich hinunterschauen,
zwischen Tod und Leben mich wiegen.
Zeig mir das Dorf, wo unsre Räder stehn:
ich kann’s ohne Wanken liegen sehn!
Sie will sich über die Tiefe neigen.
Sie steht auf einmal tief erschrocken:
hohl erdröhnt das Tal von Glocken.
Sie weicht zurück. Der Mann lächelt eigen:
Wohin — nun fühlst du’s: nicht hinab!
da droht ein Gott: die Welt ist Mein.
Und nicht hinauf: da gähnt sein Grab.
Nur hin, nur hin — dann ist sie Dein!
Dann wird sie dir das Ziel enthüllen,
zu dem der Gießbach stürzend springt:
mit Willigkeit den Willen zu erfüllen,
der alles Leben zu Todeslüsten beschwingt:
du wirst dir selbst, in weltlichen Parabeln,
der unbekannte Gott der alten Fabeln.
Er winkt ihr, hält sie, läßt sie schweben;
zwei Menschen sehn ins ewige Leben.

10.

Und sie steigen den bleichen Firnen zu,
von dem fernen stummen Blitzdunst umhaucht,
der die schwülen Almen, die Pfade, die dunkle Fluh,
die Hütten, die Heerden in Geisterlicht taucht —
wie verzaubert staunt der Blick einer Kuh.
Groß voll Ruhe, weitauf trunken,
schlürft das Auge die Himmelsfunken,
reglos ragt das Hörnerpaar —
Wie die Götterfürstin starrte,
wenn sie auf den Gatten harrte,
dessen Gruß der Blitzschlag war —
raunt der Mann dem schauenden Weibe
seltsam zu und macht sich frei.
Ein erstickter Schrei —
sausend zuckt sein Bergstock an ihr vorbei —
und ein Schritt, und funkelnd mit peitschendem Leibe
speit unter seinem knirschenden Schuh
eine Viper den letzten Blick ihr zu,
noch tötlich lauernd.
Schützend, schauernd
naht ihr seine Stimme: Du —
innig bis ins bangste Mark:
Lea! meine Löwin! sei stark!
Sie hat die großen Augen geschlossen;
wie ein klein Mädchen steht sie da
mit ihrer Haut voll Sommersprossen,
bleich vom Glanz der Blitze umflossen.
Wie verzaubert nickt sie: Ja —
ich weiß nit, wie mir eben geschah —
halt mich noch ein Weilchen umfangen,
du warst so ruhig, bleib mir nah —
ich wußt ja nicht: mir graut vor Schlangen —
bis unters Herz ist mirs gegangen —
o geh mit deiner Löwin, du:
ich glaub, ich bin — lach nit — dei’ Kuh —
Und zwei Menschen segnen ihr Todesbangen.

11.

Und sie seufzen auf aus Sturm und Nacht;
ohne Grenzen fühlt sich Arm in Arm.
Durch die rauschende Hütte, unendlich warm,
wogt und weht das Dunkel hin. Und der Schacht
des Rauchfangs funkelt so sternenweiß
wie auf den Bergen das schmelzende Eis.
Das Weib flüstert heiß:
Und brächen da jetzt Lawinen herein,
ich würd aufjubeln: wir leben, leben!
Nicht Leib, nicht Seel mehr fühl ich Mein,
wenn ich mich dir entgegenhebe
und du dringst immer tiefer in mich ein.
Noch rauscht dein Blut mir, dein Herzschlag, durch alle Poren!
o sag mir, sag mir: solche Sekunden
hast doch auch Du nie früher empfunden?!
Ach, hätt ich dich doch selber geboren!!
Sie breitet die Hände zum Firmament.
Pulsend wogt das Dunkel, unendlich warm.
Mit suchenden Fingern umglüht sie ein Arm,
ein Mann bekennt:
Ja, greif nach den Sternen, als ob sie wüßten,
was Menschenherzen Reinstes verlangen!
Du hast mich geheilt von allen Lüsten,
die nicht der Einen Lust entsprangen,
die ganze Welt im Weib zu umfangen;
du bist es, bist mir, was mich gebar.
Du tauchst mich wieder in die Erde,
als sie noch Eins mit dem Himmel war;
in Dir fühl ich ihr feuerflüssig Werde
dem kreisenden Weltraum noch immer sich entwühlen,
und hingenommen von den Urgefühlen
bringt ihre Glut uns der ewigen Inbrunst dar.
Er nimmt sie an sich wie ein Riese.
Durchs Dach der Hütte funkelt die Nacht
des Sturms mit überirdischer Pracht.
Zwei Menschen nahn dem Paradiese.

12.

Und sie schweben in steiler Gletscherspalte;
die Seile knirschen, der Atem raucht.
Aus dämmernden Grabesgründen taucht
die blaue Klarheit, die schneidend kalte.
Und sie finden Halt. Der Mann horcht und haucht:
Da kommen die großen Ströme her,
wo die Tiefen weinen vor eisigem Grausen.
Hörst du die tausend Tropfen brausen?
die fernen Wasserstürze? das Meer?
Hörst du im Brausen das Todesschweigen
aus den leuchtenden Grüften steigen?
sieh: es scheint, ein Wanken weitet Allvaters Hallen!
Lea — wenn jetzt die Wand zerrisse
und wir würden einsam ins ungewisse
Reich des ewigen Daseins fallen:
wärst du im Sturz noch meine Göttin der Freude?
oder wieder die Fürstin Herzeleide?
Er sucht ihren Blick; er sieht blaue Kreise,
er faßt fester Fuß — der Gletscher schreit.
Dumpf dröhnt’s im fern zerreißenden Eise;
meergrün furcht sich die Dunkelheit,
die starre Wand bebt. Das Weib fragt leise:
Bist du des Todes so kalt gewahr?
Allmutter sieht in Allvaters Hallen
einen heimlichen Brunnen überwallen,
drin dämmert’s warm und wunderbar.
Es scheint, Opale schmelzen auf seinem Grunde.
Da entsprießt dem märchenfarbenen Schlunde
eine rosige Knospe, morgenklar.
O, die möchte Allmutter Herzeleide
blühn sehn voll göttlicher Augenweide;
und ihr Schooß erbebt, des Lebens gewahr.
Sie starrt beklommen. Es starrt der Mann,
als ob er selbst Tod und Leben erschuf.
Da schallt von oben der Führerruf;
zwei Menschen schweben himmelan.

13.

Und es ist keine Erde mehr zu sehn.
Über Meeren von Dampf, Schatten, Wolkenschaum
dehnt und wölbt sich der reine Raum.
Höher als die Sonne stehn
zwei Menschen in gärendem Wetterbrodem,
führerlos vom Glanz umbrandet,
der von Berghaupt wild zu Berghaupt strandet;
alle Gipfel wogen. Das Weib zürnt zu Boden:
Lukas, wir haben uns verstiegen.
Lächle nicht! War Das dein Ziel?
mich in stolze Mutterhoffnung zu wiegen,
um dem irren Zufall zu erliegen?
Du bist zu ernst für solch ein Spiel! —
Du kannst in deinem Schwerpunkt ruhn,
du brauchst nicht bodenlos zu gären;
es ist nicht Flugkraft, wenn Opale tun,
als ob sie Seifenblasen wären.
Sie sucht seinen Blick. Der folgt dem Dampfe.
Zuckend glühn die Narben in seinem Bart;
seine Nüstern spannen sich wie zum Kampfe.
Er fragt sehr zart:
Sprach das die Frau, die einst fliegen wollte?
Nun, der Morgennebel wird bald zergehn;
dann wirst du die Straßen wiedersehn,
auf denen gestern da unten dein Glücksrad rollte.
Auch die Felswände stehn noch unverrückt,
die meine freie Ebne vermauern —
Lea! Lea! soll ich bedauern,
daß ich Seelen verließ, die Mein Glück beglückte?!
Steht der Himmel dir nur im Gleichnis offen?
Mutter Isis! — Ah: nun lächelst auch Du!
Ja, dann juble, Seele: im Himmel herrscht keine Ruh —
und du wirst noch viel stolzer, viel göttlicher hoffen!
O sieh die Adler dort, die beiden,
wie sie strahlend den Dunst zerschneiden —
Strahlend blicken zwei Menschen der Sonne zu.

14.

Und es blaut eine Nacht, rings von Monden hell:
der Gießbach braust in elektrischer Glorie vom Berg.
Der Mond des Himmels krönt das Menschenwerk;
einem Zauberschloß gleicht das stille Hotel.
Fern schwebt silbern die eisige Gipfelkette,
gleißt in jedes Fenster herein,
beglänzt ein seidnes Himmelbette.
Wirr entsinnt sich der Mann: er träumte ein Schreien.
Auf der schimmernden Lagerstätte
liegt das Weib, ein Bild starrer Pein.
Lea! — er reißt sie aus dem Schlaf —
Du! wach auf! komm! was hat dich bedroht?
Du machst ja Lippen, blaß wie zum Tod.
Küsse mich! lebe! sei Meine! sei brav!
sei wieder braun! sei ringe-range-rot!
Er richtet sie hoch mit schmeichelndem Zwange.
Sie versucht ein Lächeln zum Erbarmen.
Sie horcht in das Brausen hinaus, lange, bange.
Klagend greift sie nach seinen Armen:
Es wollt eine Seele sich befrein,
da band ihre Tat ihr die Hände!
Ich sah in zwei blinde Augen hinein;
die starrten mich an ohne Ende.
Sie starrten weiß, wie dort das Eis.
Eine Kälte wehte; es kam eine Mauer von Särgen.
O Lux, führ mich weg von diesen Bergen!
hilf mir dies tote Leben versenken!
Lux, du darfst nicht mehr an dein Töchterchen denken!
o wär’s doch Mein! o wär’s! — Nein! nein:
ich will mich wehren, wehren mit allen Gelenken!
schüttle mich! bis mirs vom Herzen schmilzt!
Ich will dir ein viel schöner Kind schenken!
Ich will mich in Dein, ganz in Dein Herz versenken!
Nimm mich! führ mich, wohin du willst!
Sie umschlingt ihn, schlotternd, vor Wonne schluchzend, vor Grausen;
zwei Menschen hören die Mondnacht brausen.

15.

Und sie kehren zurück auf bestaubte Bahnen,
Rad an Rad im Fluge durch graue Schlüfte,
durch Blütenmatten ohne Düfte.
Immer dunkler blaut das Moos von Enzianen;
als wolle der glühende Tag die Lüfte
tief an himmlische Nächte mahnen.
Immer finstrer schaut das Weib in die Klüfte:
Lukas, mich peinigt schon seit Stunden ein Ahnen,
als habest du versucht dort oben,
meine Weibesohnmacht zu erproben;
tu das nie wieder, ich bitte dich!
Wie du heut dich über den Abhang bücktest
und mir das einsame Edelweiß pflücktest,
kam eine Empörung über mich:
ich hätt dich hinunterstoßen können,
blos um dich keiner Andern zu gönnen.
Sie wirft die Blume wild hinter sich.
Ein Ruck: sein Rad bäumt. Sie wankt, schreit auf:
er scheint zu stürzen im Rückwärtslauf.
Nein: er greift zu Boden in blitzendem Schwunge,
ist wieder bei ihr mit lachendem Sprunge,
in der Hand die Blume, und steht, fängt sie auf:
Ja! Ja, du: das hab ich versucht dort oben!
und wills immer wieder, immer wieder erproben,
weil du Mein bleiben sollst, weil du stark sein kannst!
Du sollst nicht an deine alten Sünden denken,
wenn du mit mir durchs heilige Leben rollst,
dem du ein Kind von mir geben sollst!
Nein, die göttliche Unschuld wolln wir ihm schenken;
und das Edelweiß hier wird zum Andenken
in deine schwarze Seele gepflanzt,
bis der Heiland mit den Engeln drum Ringelreih tanzt!
Sieh, mein ganzes Herz lacht: du Weib, ich Mann,
o selig, wer dein Gott sein kann!
Er steckt ihr den blühenden Stern ins Haar;
bräutlich glüht der Tag um ein Menschenpaar.

16.

Und der Himmel eilt über Täler und Tau.
Und im Haar einen Kranz von Windenranken,
rollt durch den Glanz voll Wundergedanken
eine irdische Frau.
Wie die weißen Blüten ins Herz ihr schwanken!
wie die Straße mitfliegt mit den schlanken
stählernen Rädern, den sonneblanken!
Und der Mann jauchzt ins helle Morgenblau:
Heia! All Heil, Welt! jetzt gehts bergab!
Achtung! gleich wird dein Herz was erleben.
Flügel, Frau Göttin! Füße heben,
Augen schließen! hei, ich schwebe,
alle Sterne sprühn in mein Dunkel herab.
Das lenkbare Luftschloß ist erfunden,
Wolken fallen mir in den Schooß;
und an keine Erdaxe mehr gebunden,
läßt dein Herrgott auch noch die Lenkstange los.
Los! frei weg! gradaus ins Blaue,
wie Herr Andree der Nordpolfahrer!
Sieh, wie saust die Welt gleich klarer!
Aufgepaßt: da kommt ein wahrer
Eisbär! huh, ein griesegrauer!
Er schwingt beide Hände, ein Hökerweib grüßend,
das brummend durch den Straßenstaub zieht,
wütend die lachende Dame besieht.
Die ruft blütenumflattert vorüberschießend:
Aber Lux! Mann! Mensch! die stirbt ja vor Schreck!
Halt! mein Kranz! na wart du: ich hol dich schon ein,
du Unmensch! dann renne Ich dir weg —
Und —: ein Stoß, als stürze das Weltall ein:
Sterne sprühn: nachtwolkenbedeckt
kommt sie zu sich aus Stahl, Staub, Stein:
da liegt er blutend hingestreckt.
Und oben steht das Hökerweib
und lacht und schlägt sich vor den Leib.
Zwei Menschen stimmen stöhnend ein.

17.

Und ein Regen perlt an zitternde Scheiben;
ein Bahnzug stampft durch sanfte Gelände.
Ins Polster gedrückt, verbunden Arme und Hände,
sieht der Mann die Tropfen rinnen und treiben.
Seine Augen werden immer grauer;
er scheint die Frau, die neben ihm lehnt,
nicht zu fühlen. Sie sagt voll Trauer:
Du hast dich in die Ebne gesehnt,
nun kommt sie, und — du sprichst kein Wort;
als wär dir die ganze Seele verbunden.
Und ich — ja, ich weiß, ich stieß dir die Wunden;
aber sie werden wieder gesunden;
soll ich denn mitleiden fort und fort? —
Fühl’s doch endlich, wie Ort bei Ort
und Tal an Tal sich zur Ernte kränzt!
das feuchte Korn, wie’s brotgelb glänzt!
die Obstalleeen, die weidenden Pferde —
sieh: tausend Freuden wachsen aus der Erde!
Und immer sanfter rinnt das Gelände;
wilder stampft der Zug und schüttelt die Frau.
Unwillkürlich hebt der Mann die Hände.
Sein grauer Blick wird dunkelblau:
Ja, ich fühls, ich sehs! sehr, sehr genau!
seh schon die Arme der Schnitter sich regen,
und muß die meinen erbärmlich zur Ruhe legen,
weil ich mich gehen ließ — ich! — ja: Ich —
meine ganze Seele beschuldigt mich.
Zu jeder Handlung braucht sie die Hand,
für unser Wort selbst als Unterpfand;
wehe dem Menschen, der das vergißt!
Wie dies Stampfen mich höhnt! Das Gangwerk der Maschine,
das unsrer Glieder lenksames Nachbild ist,
mir kann es jetzt als Vorbild dienen!
Er verstummt mit selbstbeherrschter Miene.
Der Regen rinnt von den zitternden Scheiben.
Zwei Menschen bedenken ihr Tun und Treiben.

18.

Und ein Lichtstreif schielt von getünchten Wänden
nach blitzenden Messern zwischen Verbänden;
dunkle Rosen glühn über frischem Blut.
Ohnmächtig ringt der Duft des Straußes
mit der Luft des Krankenhauses;
und lähmend sticht die Mittagsglut
durch die verhängte Fensterscheibe.
Ein Mann eröffnet einem Weibe:
Also — die Ärzte haben befunden,
meine rechte Hand wird nicht wieder gesunden.
Ich werde sie wahrscheinlich verlieren,
oder man wird sie mir lahm kurieren,
was ungefähr dasselbe sagt;
kurz, ich hab mich für immer zur Schandgestalt gemacht.
Nach unserm Gottrausch lieg ich da,
hilfloser als der Urmensch. Ja:
stelle dich nur recht aufrecht hin!
Bei jeder Umarmung wirst du’s erkennen,
daß ich meiner, deiner nicht mehr mächtig bin.
Das ist kein Mann mehr nach deinem Sinn —
auch nicht nach meinem —: wir müssen uns trennen.
Geh! machs kurz! sei Du! schon seit gestern
mahnt mich dein Wesen an eine Andre;
sie würde für mich durch jedes Fegfeuer wandern;
uns aber schaudert vor barmherzigen Schwestern.
Geh! Noch kannst du zurück in dein Leben.
Du sollst einst nicht davor erröten,
dein Kind einem Krüppel ans Herz zu heben.
Auch nach Klarheit brauchst du nun nicht mehr zu streben;
die wird das Kind dir auf jeden Fall geben,
auch falls du wieder geruhst, es zu — töten.
Er lächelt eisig; er glüht. Sie schweigt.
Sie steht wie über ihr Innres geneigt;
ohnmächtig duftet ihr Rosenstrauß.
Sie hebt die Stirn, sie schreitet hinaus,
ohne Gruß, ohne Blick. Zwei Menschen erbeben.

19.