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Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3) cover

Gesammelte Werke in drei Bänden (2/3)

Chapter 170: Muttersprache
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About This Book

The volume gathers lyric poems ranging from intimate love meditations and psychological monologues to mythic and religious scenes, often balancing sensual longing with ethical or spiritual reflection. Imagery of nature, celestial light, dreams, and bodily sensation recurs, and many pieces stage inner dialogues or visionary awakenings that probe desire, guilt, and consolation. Formal variety includes short lyrics, ballads, dramatic monologues, and occasional longer sequences; a distinct section presents verse for children with playful, narrative vignettes. Overall the collection maps shifting moods—erotic intensity, existential unrest, tenderness, and resignation—through dense, image-driven language and recurring motifs of ascent, fall, and renewal.

Der Kindergarten
Gedichte, Spiele und Geschichten
Auswahl

Gärtnerspruch

Alle Frucht der Welt
ist nur des Keims Gewand.
Pflege das Land,
auf das dein Same fällt!
Mag Gott es hüten
vor tauben Blüten.

Muttersprache

Kindersinn und Vätergeist:
Muttersprache ist ihr Band.
Wirket, daß es nicht zerreißt,
all ihr Geister, Hand in Hand!

Vatergruß

Wandre, wandre, Seelenklang:
Berge werden Hügel.
Wird die Wandrung dir zu lang,
gibt mein Herz dir Flügel.
Gibt dir Flügel wundergut,
die kann niemand hindern:
meinen ganzen Lebensmut!
bring ihn meinen Kindern!

Der Vogel Wandelbar

Ein Märchen

War einst ein Vöglein Wandelbar,
an dem fast alles seltsam war.
Ein rechter Wildfang wollt es sein
und hatte doch ein Humpelbein
und viel zu krumme Flügel.
Allein die Flügel sah man kaum,
so schön war sein Gefieder;
das schimmerte wie Purpurschaum,
und auf der Brust der weiche Flaum
wie ein Perlmuttermieder.
Vom vielen Zwitschern eigner Art
bekam’s ein Schnäblein silberzart;
und Augen trug’s im Köpfchen
so lieblich-launisch-glitzerblau
wie morgens die Tautröpfchen.
Das gab dem Vöglein Wandelbar
ein Aussehn, sonderlich fürwahr.
Doch was das Sonderlichste war:
tief innen trug’s unwandelbar
ein Herz von lautrem Golde.
Und Alles war dem Vöglein gut,
wie’s humpelte und glänzte;
und Jeder nahm’s in seine Hut,
solang es brav im Hofe saß,
der hoch sein Nest umgrenzte.
Bis unser Vöglein endlich
ein Vogel wurde; ei der Daus,
da lief es aus dem sichern Haus
allein ins weite Land hinaus,
und da ergings ihm schändlich.
Die Andern liefen gar so schnell,
das Ihre zu erjagen;
da kommt mit seinem Wackelschritt
solch armes Entlein nicht gut mit,
und muß den Spott noch tragen.
Sie stießen es und traten es
und rupften es gescheit;
und in dem wilden Drängen
blieb bald sein schönes Schimmerkleid
an Busch und Dornen hängen.
Zwar mancher blieb auch stehen;
vermahnten dann und schalten
den ungeschickten Wandelbar,
und wußten doch, wie lahm er war,
und — blieben selbst die alten.
Doch schließlich war es ihm geglückt,
mit letzten Kräften, arg zerpflückt,
ein Bäumlein zu erschwingen;
da dacht er heimlich auszuruhn
und sich in Schutz zu bringen.
Verwandelt war nun ganz und gar
der arme Vogel Wandelbar;
nur hier und da noch glänzte ein
zerschlissnes Purpurfederlein
in seinem grauen Kittel.
Und auch der Augen helles Licht
war blaß, wie welk Vergißmeinnicht
nur noch das Silberschnäbelein
war ihm geblieben, blank und rein,
wenn’s auch recht kläglich zirpte.
So saß er weitab vom Gewühl
und fragte sich voll Wehgefühl,
warum er so verlassen;
und wußte doch, daß Lahme nicht
zu soviel Schnellen passen.
Ein Rabe aber kam vorbei;
den ärgerte die Melodei
und auch das Silberschnäbelein.
Er schrie: „Ich mag nicht solch Geschrei!
marsch, lamentier wo anders!
Ich will mir hier mein Nest her baun,
und für uns Beide ist kein Raum!“
und stieß das Vögelchen vom Baum
und riß ihm aus dem Kleide
auch noch sein letzt Geschmeide.
Da war ihm aller Mut dahin,
der Mut sogar zum Klagen.
Mit seinem müden Humpelbein
lief’s weinend in die Nacht hinein
und dachte voll Verzagen:
Jetzt ist rein garnichts mehr an mir,
jetzt kann ich nur gleich sterben;
jetzt will ich in die Wüstenei,
wo Keinen ärgert mein Geschrei,
und still für mich verderben.
Ja, garnichts, garnichts mehr war sein
von all dem schönen bunten Schein;
sogar das Schnäblein hatte ganz
verloren seinen Silberglanz
von all den vielen Tränchen.
Und als das Vöglein Das gesehn,
ist fast sein Herz gebrochen.
Zum Sterben hat sich’s hingesetzt.
Da kam der goldne Mond zuletzt
und hat zu ihm gesprochen:
„Du armes Vöglein Wandelbar,
was grämst du dich denn immerdar
um deine paar Juwelen?
Du dummes Vöglein Wandelbar,
vergaßest du denn ganz und gar,
was Keiner dir kann stehlen!
Hast du denn nicht viel mehr in dir
als diese ganze Lust und Zier,
worauf die Andern sinnen?
Was weinst du denn und machst dir Schmerz?
denkst du denn garnicht an dein Herz
von lautrem Gold tief innen!“
Da ward dem Vogel Wandelbar
auf einmal alles licht und klar,
und lebte gerne weiter;
da pfiff er bis an seinen Tod
auf allen Spott, auf alle Not,
unwandelbarlich heiter.

Kutscher Tod

In einem Wagen, einem schönen Wagen,
fahren zwei Menschen seit vielen schönen Tagen.
Sie fahren bei Regen wie bei Sonnenschein
immer gradaus ins Blaue hinein.
Auch das schlechteste Wetter ist ihnen nicht grau;
hell lacht der Mann, warm lächelt die Frau.
Sie schaukeln das Glück auf ihren Knien,
und an einem Sommertag fragt sie ihn:
Wenn wir so immer weiter reisen
und lassen den Weg uns einzig vom Himmel weisen,
kümmern uns um kein irdisch Ziel,
treiben nur mit dem Glück unser Spiel,
aber endlich wird’s uns vom Kutscher Tod weggenommen —
was meinst du wohl, wohin wir kommen?
Der Mann blickt nach den milchweißen Kühen,
die den bunten Wagen ruhig ziehen,
er blickt nach dem Kutscher, der Augen macht
so unergründlich schwarz wie die Nacht —
dann sagt er heiter:
Ich meine, wir kommen immer weiter!
Der Kutscher nickt. Der Himmel ist blau;
warm lächelt der Mann, hell lacht die Frau.
Und die weißen Kühe sagen sich beide:
zwei Menschen fahren auf lebensgrüner Weide.

Triumphgeschrei

Alle kleinen Kinder
schrein Hurrah, Hurrah.
Mutterchen liegt still zu Bett,
Kindchen schreit Hurrah.
Vater steht daneben,
steht und brummt: ja ja,
ist ein schweres Leben.
Kindchen schreit Hurrah.
Mutterchen brummt garnicht,
selig liegt sie da.
Denn das kleine Menschenkind
schreit Hurrah, Hurrah.

Schnurrige Predigt

Na lach doch, Kind! Dein Zuckerschneckchen,
schwarz Sammetjäckchen, rote Bäckchen,
dein ausgestopftes Häschen,
dein Mäulchen, Händchen, Näschen
hat all der liebe Gott gemacht.
Ei, Herzekindchen, rasch: zerbeiß,
zerreiß, zerschmeiß —
hei, wie der liebe Gott nun lacht! —

Käuzchenspiel

Kinder, kommt, verzählt euch nicht,
Jeder hat zehn Zehen;
wer die letzte Silbe krigt,
der muß suchen gehen.
Suche, suche, warte noch,
Käuzchen schreit im Turmloch,
macht zwei Augen wie Feuerschein,
die leuchten in die Nacht hinein,
fliegt aus seinem Häuschen,
sucht im Feld nach Mäuschen,
husch, husch, huh,
das Käuzchen, das — bist — du! —

Fliegerschule

Kommt, wir lernen fliegen!
Woher denn Flügel kriegen?
Von den achtzig Winden.
Wo sind die zu finden?
Überm ewigen Eise.
Wer bezahlt die Reise?
Da oben steht ein goldner Stern,
der belohnt die Sieger gern;
holt euch nur die Preise!

Der Reitersmann

Von Paula und Richard Dehmel

Schimmel, willst du laufen,
will ich dir was kaufen!
Heißa, lauf nach Mexiko,
da kaufe ich dir Bohnenstroh;
laufe nach der Mongolei
da kauf ich mir ein Oster-Ei.
Eile, Schimmel, eile,
oder du krigst Keile!
Hopßa, lauf nach Hindostan,
da kaufe ich mir Marzipan;
laufe nach Kap Morgenrot,
da kauf ich dir ein Dreierbrot.

Geschäftsleutchen

Lottchen will Jahrmarkt spielen,
Musik ist schon bestellt.
Nur ach, es fehlt die Warenbude;
der Peter hat kein Geld.
Ach, hab dich nicht! sagt Lottchen;
als ob das nötig wäre.
Wir nehmen Vaters Sorgenstuhl,
jetzt sind wir Millionäre.

Geburtstagsgeschenke

I

Lieber Vater! ich kann dir garnichts schenken,
blos mein kleines Herz und alle meine Küsse,
und — eins, zwei, drei, vier, fünf Haselnüsse,
dabei kannst du dir
was Wunderschönes denken.
Du kannst dir denken, jede Nuß
hat ein kleines Herz, noch kleiner als das meine;
und hätte sie auch zwei kleine Beine,
liefe sie auf dich zu und gäb dir einen Kuß,
einen wundervollen, herzhaften Geburtstagskuß!

II

Liebe Mutter! Du zählst sie gerne,
alle deine vielen Geburtstagssterne.
Hier stehn sie strahlend; und daneben
siehst du zwei silberne Halbmonde schweben.
Das sind zwei Lampen fürs Klavier,
eine von Vater, die andre von mir.
Kommt nun der Abend mit müden Beinen,
dann läßt du deine Monde scheinen
und spielst; und wir, wir hören und träumen
von den hohen himmlischen Räumen,
von deinem Sternenringelreihn —
Vater wacht noch, ich schlafe ein.

Abendgebet

Müde bin ich, geh zur Ruh;
lieber Himmel, deck mich zu!
Laß die Sterne alle dein
meines Schlafes Hüter sein!
Schick im Traum ihr Licht mir zu,
daß mein Herz in Reinheit ruh!
Flecken, die der Tag gemacht,
lösch sie gnädig aus, o Nacht!
Amen.

Freund Husch

Von Paula und Richard Dehmel

Husch, husch, husch,
ich putze meinen Busch.
Der Mond ist da, der Mond ist hell;
der Mond, der ist mein Spielgesell,
husch.
Husch, husch, husch,
ich schlüpfe aus dem Busch.
Ich stecke mein Laternchen an,
ich zünde uns die Sternchen an,
husch.
Husch, husch, husch,
ich schüttel meinen Busch.
Die Kinderchen sind all zur Ruh,
ich schüttel ihnen Träume zu;
die haben wir vergangne Nacht,
der Mond und ich, uns ausgedacht,
husch.
Husch, husch, husch,
ich schlüpfe in den Busch.
Ich puhste mein Laternchen aus,
ich suche mir ein Sternchen aus,
das lass ich droben Wache stehn,
nun kann ich ruhig schlafen gehn,
husch, husch, husch,
im Busch.

Das Maiwunder

Von Paula und Richard Dehmel

Maikönig kommt gefahren,
in seinem grüngoldnen Wagen,
mit Saus und Gesinge.
Seine Zügel sind Sonnenstrahlen;
große blaue Schmetterlinge
ziehn ihn über Busch und Bach,
daß die weißen Blütenglocken
in seinen Locken
schwingen und springen.
Und Hans kuckt ihm nach
und hört sein Lied:
wer zieht mit? zieht mit?
Kommt das Maienweibchen,
trägt ein weißes Kleidchen,
trägt ein grünes Kränzchen,
sagt zu unserm Hänschen:
Eia, Hans,
komm zum Tanz!
Einen Schritt Frau Nixe,
einen Schritt Herr Nix,
Ringeldireih, Ringeldireih,
Dienerchen,
Knix!

Puhstemuhme

Krause, krause Muhme,
alte Butterblume,
Puhsterchen, nanu?
Wo hast du denn dein Hütchen,
dein gelbes Federschütchen?
worauf wartest du?
„Warte aufs Kindchen,
auf ein lieb Mündchen,
ich alte griese
Trauerliese,
puh, puh, puh.
Ach bitte, puhst mich doch
rasch in den Himmel hoch:
tausend kleine Nackedeys
spielen da im Gras,
tausend kleine Nackedeys
lachen sich da was.“

Das große Karussell

Im Himmel ist ein Karussell,
das dreht sich Tag und Nacht.
Es dreht sich wie im Traum so schnell,
wir sehn es nicht, es ist zu hell
aus lauter Licht gemacht;
still, mein Wildfang, gib Acht!
Gib Acht, es dreht die Sterne, du,
im ganzen Himmelsraum.
Es dreht die Sterne ohne Ruh
und macht Musik, Musik dazu,
so fein, wir hören’s kaum;
wir hören’s nur im Traum.
Im Traum, da hören wirs von fern,
von fern im Himmel hell.
Drum träumt mein Wildfang gar so gern,
wir drehn uns mit auf einem Stern;
es geht uns nicht zu schnell,
das große Karussell.

Aurikelchen

Aurikelchen, Aurikelchen
stehn auf meinem Beet,
und sehn den blauen Himmel an,
wo schon den ganzen Morgen
die goldne Sonne sieht.
Aurikelchen, Aurikelchen,
was guckt ihr denn so sehr?
Ihr seid ja selbst so gelb wie Gold,
und habt ein hellrot Herzchen,
was braucht ihr denn noch mehr!

Der Schatten

Nach R. L. Stevenson

Ich hab einen kleinen Schatten;
der geht, wohin ich geh.
Aber wozu ich ihn habe,
ist mehr, als ich versteh.
Er ist ganz ebenso wie ich,
blos nicht ganz so schwer;
und wenn ich in mein Bettchen hüpfe,
dann hüpft er hinterher.
Das Sonderbarste an ihm ist,
wie er sich anders macht;
garnicht wie artige Kinder tun,
hübsch alles mit Bedacht.
Nein, manchmal springt er schneller hoch
als mein Gummimann;
und manchmal macht er sich so klein,
daß Keiner ihn finden kann.
Neulich ganz früh, da stand ich auf,
noch eh die Sonne schien,
und ging spazieren durch den Tau,
im Gras, und suchte ihn.
Aber mein kleiner fauler Schatten,
als wenn er Schnupfen hätt,
lag wie ein altes Murmeltier
noch fest im Bett.

Morgenlied

Tapp tapp, wer kommt da querfeldein?
Nur rasch, nur rasch, Herr Morgenschein,
trab trab!
Die Jungfer Tauduft putzt sich hier;
sie schlägt den Schleier auf vor dir,
klapp klapp!
Klapp klapp, sie lädt dich ein zum Tanz;
nur hol erst deinen goldnen Kranz,
trab trab!
Wer zu ihr will, muß früh aufstehn;
wers tut, dem patscht sie auf die Zehn,
schwapp!

Der kleine Sünder

Von Paula und Richard Dehmel

Gestern lief der Peter weg,
spinnefix verstohlen;
setzt sich Mutter den Bänderhut auf:
wart, ich will dich holen!
Sausepeter,
Flausepeter,
kleiner Sünder, wo bist du?
Hahnematz steht auf der Wiese,
„kiek ins Grüne!“ kräht er;
sag mir, bunter Kickeriki,
wo ist unser Peter?
Bummelpeter,
Schummelpeter,
kleiner Sünder, wo bist du?
Wie sie sich im Garten umkuckt,
ist er nicht zu sehen;
bleibt sie neben dem Spargelbeet
unterm Pflaumbaum stehen.
Aber Peter,
nirgends steht er;
kleiner Sünder, wo bist du?
Hört sie etwas lachen, horch,
oben aus dem Baume;
sitzt der Peter seelenvergnügt,
pflückt sich eine Pflaume.
Wirft ein Steinchen,
schwenkt die Beinchen,
wupptich —: Mutter, da bin ich!

Fragefritz und Plappertasche

Von Paula und Richard Dehmel

Fritz, ich möcht den Spaten haben.
„Mutterchen, warum?“
Möchte eine Grube graben.
„Mutterchen, warum?“
Möchte drin ein Bäumchen pflanzen.
„Mutterchen, warum?“
Wird mein Fritze drunter tanzen.
„Mutterchen, warum?“
Wird das Bäumchen Kirschen tragen.
„Mutterchen, warum?“
Ei, du mußt die Spatzen fragen,
die sind nicht so dumm! —
Kommt die kleine Plappertasche:
„Mutterchen, nicht wahr,
ich bin klüger als der Fritze,
bin schon bald sechs Jahr!
Mutterchen, nicht wahr, der Fritze
ist ein Schaf, o jee!
Ich kann schon bis zwanzig zählen
und das A-B-C!“
I, du kleine Plappertasche,
laß den Fritz in Ruh!
Plappertasche, wische wasche,
halt das Mäulchen zu!
Übermorgen in acht Wochen
kommt der Weihnachtsmann;
wenn du dann noch immer plapperst,
was bekommst du dann?
Einen großen Maulkorb! —

Furchtbar schlimm

Vater, Vater, der Weihnachtsmann!
Eben hat er ganz laut geblasen,
viel lauter als der Postwagenmann.
Er ist gleich wieder weitergegangen,
und hat zwei furchtbar lange Nasen,
die waren ganz mit Eis behangen.
Und die eine war wie ein Schornstein,
die andre ganz klein wie’n Fliegenbein,
darauf ritten lauter, lauter Engelein,
die hielten eine großmächtige Leine;
und seine Stiefel waren wie Deine.
Und an der Leine, da ging ein Herr,
ja wirklich, Vater, wie’n alter Bär,
und die Engelein machten hottehott;
ich glaube, das war der liebe Gott.
Denn er brummte furchtbar mit dem Mund,
ganz furchtbar schlimm! ja wirklich! und —
„Aber Detta, du schwindelst ja;
das sind ja wieder lauter Lügen!“
Na, was schad’t denn das, Papa?
Das macht mir doch soviel Vergnügen!
„So? — Na ja.“

Fitzebutze

Lieber ßöner Hampelmann,
deine Detta sieht dich an!
Ich bin dhoß, und Du bist tlein;
willst du Fitzebutze sein?
Tomm!
Tomm auf Haterns dhoßen Tuhl,
Vitzlibutzki, Blitzepul!
Hater sagt, man weiß es nicht,
wie man deinen Namen sp’icht.
Pst!
Pst, sagt Hater, Fitzebott
war eimal ein lieber Dott,
der auf einem Tuhle saß
und sebratne Menßen aß.
Huh!
Huh, sei dut, ich bin so tlein
und will immer a’tig sein.
Fitzebutze, du bist dhoß;
kleine Detta spaßt ja blos.
Ja?
Ja, ich bin dir wirktlich dut!
Willst du einen neuen Hut?
Tlinglingling: wer b’ingt das Band?
Königin aus Mohrenland!
Tnicks!
Tnix, ich bin F’au Tönidin,
hab zvei Lippen von Zutterrosin;
Fitzebutze, sieh mal an,
ei, wie Detta tanzen kann!
Hoppß!
Hopßa, hopßa, hopßassa:
Tönigin von Af’ika!
Flitzeputzig, Butzebein,
wann soll unse Hochzeit sein?
Du!
Du! Mein tleiner lieber Dott!
Du?! sonst geh ich von dir fo’t! —
Ach, du dummer Hampelmann,
siehst ja Detta garnicht an!
Marsch! —

Käferlied

Maiker, Maiker, surr,
bleib schön sitzen, burr!
Breite deine Fühler aus,
mach zwei kleine Fächer draus,
schwing sie kreuz und quer,
zähle mir was her!
Zähle, ich will mit dir zählen,
wieviel noch Minuten fehlen,
bis Herr Heuschreck wuppt
und mir auf die Nase huppt.
Maikäber, Maiker,
sonst holt dich der Deiker.

Die Reise

Tipp, tapp, Stuhlbein,
hüh, du sollst mein Pferdchen sein!
Klipp, klapp, Hutsche,
du bist meine Kutsche,
wutsch!
Wipp, wapp, zu langsam;
hott, wir fahren Eisenbahn!
Alle meine Pferde,
um die ganze Erde,
rrrutsch!
Tipp, tapp; zipp, zapp;
halt, wann geht das Luftschiff ab?
Fertig, Kinder, eingestiegen!
wollen in den Himmel fliegen!
futsch!

Die Schaukel

Auf meiner Schaukel in die Höh,
was kann es Schöneres geben!
So hoch, so weit: die ganze Chaussee
und alle Häuser schweben.
Weit über die Gärten hoch, juchhee,
ich lasse mich fliegen, fliegen;
und alles sieht man, Wald und See,
ganz anders stehn und liegen.
Hoch in die Höh! Wo ist mein Zeh?
Im Himmel! ich glaube, ich falle!
Das tut so tief, so süß dann weh,
und die Bäume verbeugen sich alle.
Und immer wieder in die Höh,
und der Himmel kommt immer näher;
und immer süßer tut es weh —
der Himmel wird immer höher.

Das richtige Pferd

Von Paula und Richard Dehmel

Wer schenkt mir ein lebendiges Pferd,
mein Schaukelpferd ist garnichts wert,
es hat so steife Beine.
Es stampft nicht, frißt nicht, wiehert nicht,
und macht solch ledernes Gesicht;
es weiß nicht, was ich meine.
Wenn mir der Weihnachtsmann ein Pferd,
ein wirklich richtiges Pferd beschert,
dann reit ich über die Brücke,
und reite durch den Kiefernforst
nach Vehlefanz und Haselhorst,
und noch fünf große Stücke.
Dann bin ich mitten in der Welt;
da such ich mir ein Haberfeld
und lasse meine Pferdchen grasen.
Und dann, dann reit ich ans Ende der Welt,
wo der Riese den Regenbogen hält,
und — schick euch ’ne Ansichtspostkarte.

Die ganze Welt

Wo hängt der größte Bilderbogen?
Beim Kaufmann, Kinder! ungelogen!
Man braucht blos draußen stehn zu bleiben,
kuckt einfach durch die Ladenscheiben,
da sieht man ohne alles Geld
die ganze Welt.
Man sieht die braunen Kaffeebohnen;
die wachsen, wo die Affen wohnen.
Man sieht auf Waschblau, Reis und Mandeln
Kameele unter Palmen wandeln,
und einen Ochsen ganz bepackt
mit Fleischextrakt.
Man sieht auch Zimmt und Apfelsinen,
und Zuckerhüte zwischen ihnen.
Man sieht auf rot lackierten Blechen
Matrosen mit Chinesen sprechen;
und manchmal steht ein bunter Mohr,
der lacht, davor.
Am Eingang aber lehnt ’ne Leiter
mit Hasen, Hühnern und so weiter.
Und manchmal hängt an ihren Sprossen
ein großer Hirsch, ganz totgeschossen;
dann kommt so’n kleiner Hundemann
und schnuppert dran.

Lazarus

Nach R. L. Stevenson

Ich bin der kleine Lazarus,
der still zu Bette liegen muß;
die Nacht ist immer schrecklich lang,
ich bin schon sieben Tage krank.
Ich weiß, im ganzen Hause gehn
die großen Leute auf den Zehn;
ich mach mir aber garnichts draus,
ich packe sacht mein Spielzeug aus.
Ich schicke mein Soldatenheer
durch meine Kissen kreuz und quer,
von Tal zu Tal, bergauf bergab,
und manchmal kommt ein tiefes Grab.
Und auf dem Laken weiß wie Schnee
ziehn meine Schiffe über See;
und um die Wellen geht ein Wall,
da bau ich Burgen überall.
Ich bin der Riese groß und still,
der Alles tun kann, was er will,
vom Bettberg bis zum Lakenstrand
im Reich der weißen Leinewand.